Library Life. Ein Interview zu einem interdisziplinären Forschungsprojekt.
von Lars Müller
In der Bibliotheks- und Informationswissenschaft spricht man häufig und gerne über die Erforschung vom Leben in und um Bibliotheken . Bibliotheks- und informationswissenschaftliche Studien dazu sind aber erstaunlicherweise im deutschsprachigen Raum Raritäten. Ebenso überraschend greifen in wachsender Zahl andere Disziplinen dieses Themenfeld auf. Eines dieser Projekte ist die Research Area 8, Cultures of Knowledge, Research, and Education im International Graduate Centre for the Study of Culture an der Universität Giessen. Dort ist Friedolin Krentel einer der Ansprechpartner für das Forschungsprojekt „Library Life“. Ich war daher neugierig auf das Giessener Projekt und habe für das LIBREAS-Blog per E-Mail nachgefragt.
Lars Müller (LM): Aus welchen Disziplinen stammen die beteiligten Forscher/innen Eurer Arbeitsgruppe, sind Bibliotheks- und Informationswissenschaftler/innen beteiligt?
Friedolin Krentel (FK): Unsere Arbeitsgruppe zu „Library Life“ ist aus disziplinärer Hinsicht sicherlich ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Sie setzt sich heute aus etwa 8 bis 10 Wissenschaftler*innen zusammen, die aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen wie Ethnologie, Germanistik, Geschichte, Informatik, Literaturwissenschaften, Medienwissenschaften und den Sozialwissenschaften kommen. Ausgewiesene Bibliotheks- und/oder Informationswissenschaftler*innen sind leider nicht dabei. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass sich die Vielfalt unserer disziplinären Hintergründe zusammengenommen im Zusammenspiel mit unserem Forschungsinteresse sicherlich in mancherlei Hinsicht mit informationswissenschaftlichen Ansätzen und Perspektiven assoziieren lässt.
LM: Worauf richtet sich Euer Erkenntnisinteresse: Alltag der Forscher/innen, Entstehung von Wissen oder Information, Bibliothek als Raum…?
FK: Unser Projekt entwickelte sich innerhalb der Research Area 8 über einen Zeitraum von beinahe zwei Jahren aus einer intensiven Beschäftigung mit Texten der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) um Bruno Latour und Michel Callon. Das kann man zum Beispiel auch am Titel „Library Life“ sehen, der bewusst auf die von Bruno Latours und Steven Woolgars 1979 publizierte Untersuchung namens „Laboratory Life“ (Bruno Latour, Steve Woolgar (1986): Laboratory life. The construction of scientific facts. Beverly Hills : Sage Publ, 1979. Wikipedia-Seite zur Publikation) anspielt. Die Studie beschäftigt sich mit Praktiken der Wissensproduktion in naturwissenschaftlichen Laboren und liefert wichtige Impulse für die fortlaufende Entwicklung der ANT.
In „Library Life“ wollen wir nun in gewisser Weise mit der ANT experimentieren, um zu überprüfen, inwiefern deren analytisches Instrumentarium sich auch für sozial- und geisteswissenschaftliche Wege der Wissensproduktion nutzen lässt bzw. welche neuen Erkenntnisse und Beschreibungen sich aus dieser Perspektive ergeben. Unser Fokus liegt auf der Rekonstruktion der individuellen Praktiken der Wissensorganisation und Textproduktion von Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen. Dabei wollen wir sowohl ideelle, praktische als auch materielle Einflussfaktoren des wissenschaftlichen Arbeitsalltags aufzeigen, um damit den Prozess der Wissensgenerierung “sichtbarer” und „(be-)greifbarer“ beschreiben zu können.
Gerade angesichts einer immens fortschreitenden Umstellung der Arbeitsumgebungen im Zuge von „Computerisierung“ und Vernetzung der verwendeten Werkzeuge und Hilfsmittel sowie der möglicherweise parallelen Verwendung von „analogen“ (Zettelkasten, Karteikarten, handschriftliches Exzerpieren) und „digitalen“ (Literaturverwaltungsprogramme, vernetzte Suchalgorithmen, relationale Datenbanken, kollaborativ-vernetztes Arbeiten) Methoden, kann hier von einer Vielfalt unterschiedlichster Vorgehensweisen und Strategien zur Erzeugung wissenschaftlicher Erkenntnisse ausgegangen werden.
LM: Wie lautet Eure forschungsleitende These?
FK: Analog zu den laboratory studies nehmen wir als heuristische Arbeitshypothese an, dass die Arbeitszimmer, Bibliotheken und Büros die Labore, respektive Werkstätten sozial- und geisteswissenschaftlicher Wissensproduktion sind. Als Arbeitsorte oder Arbeitsumwelten mit einer spezifisch gestalteten Logik, materiellen Ausstattung sowie bestimmten Eigenschaften und Eigenarten sind sie unmittelbar in die Praktiken des wissenschaftlichen Erkenntnisprozess involviert und werden zugleich durch diese Praktiken als (sozial- und/oder geistes-)wissenschaftliche Handlungsorte hervorgebracht. Der wissenschaftliche Erkenntnisprozess findet damit nicht „nur“ auf einer rein geistigen Ebene statt, sondern beinhaltet immer auch einen praktischen (und zumeist wenig reflektierten) Umgang mit in gewisser Weise auch widerspenstigen Elementen der Arbeitsumwelt. Dabei kann es sich auf der einen Seite um ganz offensichtliche Dinge wie Computer, spezielle Programme, Bücher, Notizen usw. handeln. Aber ebenso könnten auch Dinge wie Lieblingsstifte, Bilder, Skulpturen, der Blick aus dem Fenster, die Kaffeemaschine im Büro, Pflanzen usw. eine Rolle spielen. Die Liste ließe sich sicherlich nahezu unendlich fortsetzen, man muss sich nur mal überlegen was am eigenen Schreibtisch so alles herumsteht oder liegt.
Mit dem von der ANT postulierten „symmetrischen Blick“ auf Wissen schaffende Praxen, gehen wir also davon aus, dass diese materiellen Ensemble im Zusammenspiel der im Umgang mit ihnen durchgeführten Praktiken direkt in die inhaltliche und formale Gestalt wissenschaftlicher Texte einfließen. Entsprechend sieht unsere empirische Datenerhebung ausdrücklich vor, das jeweilige Arbeitsumfeld und dessen Ausstattung und Dinge einzubeziehen.
LM: Welche Methoden benutzt ihr?
FK: Die Auswahl geeigneter Methoden für unser Unterfangen war innerhalb der interdisziplinären Forschungsgruppe ein längerer Prozess. Im Kern ging es darum, die methodologischen Anforderungen des Forschungsinteresses mit dem dazu notwendigen individuellen Aufwand für die parallel an ihren jeweiligen Dissertationen arbeitenden Doktorand*innen der Arbeitsgruppe abzuwägen.
Da es uns unmöglich erschien neben der Dissertation eine ethnografische Beobachtung der häufig mehrere Monate oder gar Jahre andauernden Arbeit an wissenschaftlichen Texten in Aktion im Sinne der ANT durchzuführen, versuchen wir mittels narrativer Interviews einen Reflexionsprozess bei den Interviewpartner*innen über ihr eigenes Tun anzustoßen. Sie sollen damit sozusagen zu Ethnograf*innen ihrer Selbst werden und uns – orientiert an einem von ihnen publizierten Artikel – dessen Entstehungsgeschichte rekonstruierend erzählen. Um die dinglichen, körperlichen und praxeologischen Dimensionen der Wissenserzeugung nicht aus dem Blick zu verlieren, entschieden wir uns dazu, die Interviews an dem von den Interviewpartner*innen als ihrem textspezifisch-persönlichen Hauptarbeitsort – sei es nun in der Bibliothek, dem Büro oder auch ein privates Zimmer – benannten Ort durchzuführen. Die Interviews werden jeweils zu zweit durchgeführt, so dass immer eine Person sich auf die Beobachtung des räumlich-materiellen Ensembles sowie dessen gestische Einbeziehung in die Erläuterung konzentrieren kann. Die Beobachtungen sowie unser im Vorfeld für die materiell-praxeologischen Dimensionen sensibilisierte Blick dienen dann im späteren Verlauf des Interviews dazu, möglichst offene Fragen zu konkreten Umgangsweisen und Bedeutungen einzelner erwähnter, gezeigter oder auch unerwähnter Elemente zu stellen.
Als Vorbereitung für die Interviews identifizierten wir aus unseren eigenen Arbeitsweisen potentiell relevante Aspekte und entwickelten daraus eine Art Leitfaden, der aber bestenfalls erst dann zum Einsatz kommen soll, wenn sich aus dem Interview selbst oder den Beobachtungen keine weiteren Fragen mehr ergeben. Die freie Erzählung unserer Interviewpartner*innen soll im Vordergrund stehen! Da es innerhalb unserer Forschungsgruppe unterschiedlich ausgeprägte Erfahrungen mit Interviews (und speziell narrativen Interviews) gibt, soll der Leitfaden auch als eine Hilfestellung für die unerfahreneren Kolleg*innen dienen.
Mit Einverständnis der Interviewpartner*innen würden wir im Anschluss an das Interview auch noch versuchen einzelne wichtige Elemente und/oder den gesamten Arbeitsraum mittels Videokamera und Fotoapparat zu dokumentieren, um diese dann für die Analyse in der Gruppe nutzen zu können und den individuellen Erinnerungsprozess beim Schreiben und Auswerten der Beobachtungsprotokolle zu unterstützen.
LM: Wie ist die Gruppe der Untersuchten zusammengesetzt?
FK: Als Sample für unsere Interviewanfragen haben wir in erster Linie persönlich bekannte Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen und in verschiedenen Karrierestadien – von Doktorand*in bis Professor*in – ins Auge gefasst. Aufgrund der teilweise in privaten Bereichen stattfindenden Interviews, erscheint uns ein gewisses bereits im Vorfeld bestehendes Vertrauensverhältnis wichtig für den Zugang und die individuelle Bereitschaft für ein Interview. Insgesamt werden wir – zumeist zu zweit und in unterschiedlichen Konstellationen – jeweils zwei Interviews führen, wodurch sich unsere Untersuchungsgruppe auf insgesamt etwa 10 Personen begrenzen lässt. Zusätzlich überlege ich derzeit, ob es nicht auch interessant wäre, unsere eigenen wissenschaftlichen Arbeitsweisen innerhalb von „Library Life“ zu beobachten. Als Ausgangspunkt könnte beispielsweise unsere Klausurtagung zur gemeinsamen Sichtung und Analyse des Datenmaterials dokumentiert werden und für eine Art Metaanalyse dienen.
LM: In welcher Phase befindet sich das Projekt „Library Life“ zur Zeit?
FK: Die Phase der Datenerhebung per Interviews läuft. Sie wird sich noch bis Ende Mai hinziehen. Soweit ich weiß, wurden bereits erste Interviews geführt und einige Zusagen sind ebenfalls eingegangen, die dann im April/Mai in Angriff genommen werden. Für Anfang Juni haben wir uns mit der bereits erwähnter Klausurtagung eine klare Deadline gesetzt, zu der die Interviews definitiv abgeschlossen sein sollten. In dieser Klausurtagung wollen wir uns dann gemeinsam über mehrere Tage den Daten und ihrer Analyse widmen, um wichtige Aspekte herauszuarbeiten, die anschließend in kleineren Gruppen vertiefend behandelt werden können. Außerdem steht auf der Klausurtagung noch an, dass wir uns angesichts der vorläufigen Ergebnisse über mögliche Publikationsformate einigen, womit wir dann ja auch gleich bei der nächsten Frage angekommen sind.
LM: Ich bin gespannt auf Eure Ergebnisse. Wann und wo werdet ihr sie publizieren?
FK: Wie gesagt, steht das wo und wie noch nicht fest. Wir haben in diversen Arbeitstreffen zwar bereits mehrere Male das Thema Publikationsformen angesprochen, konnten und wollten uns da aber noch nicht endgültig festlegen. Die Tendenz geht aber – aus meiner Sicht – dahin, dass wir uns den November diesen Jahres als Deadline setzen, zu der wir uns gegenseitig und daran anschließend sicherlich auch noch auf unterschiedlichen Tagungen die Teilergebnisse der einzelnen Arbeitsgruppen vorstellen werden. Wie diese dann abschließend fixiert werden, sei es nun als gemeinsamer Sammelband, einzelne Artikel oder auch in Form einer Ausstellung oder online-Präsenz (oder auch mehrere Formate parallel) kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich denke aber, dass wir dann im Juni weiter sind. Wer sich also dafür interessiert, kann sich bereits jetzt oder dann im Juni hoffentlich ausführlicher auf der Homepage der Research Area 8 informieren.
Zum Abschluss möchte ich mich für die spannenden Fragen bedanken, die mir einerseits die Möglichkeit eingeräumt haben, „Library Life“ vorzustellen, die mich aber darüber hinaus auch dazu angeregt haben, unser Projekt nochmal neu zu reflektieren und zu formulieren. Vielen Dank!
LM: Ich danke Dir!
(April 2013)
History Repeating. Die Geschichtswissenschaft debattiert auch 2013 über die Legitimität des Bloggens.
Anmerkungen zu:
- Valentin Groebner: Muss ich das lesen? Ja, das hier schon. In: FAZ, 06.02.2013, S.N5
- Klaus Graf : Vermitteln Blogs das Gefühl rastloser Masturbation? Eine Antwort auf Valentin Groebner In: redaktionsblog.hypotheses.org, 07.02.2013
- Adrian Anton Tantner: Werdet BloggerInnen! Eine Replik auf Valentin Groebner. In: merkur-blog. 07.02.2013
von Ben Kaden
Es gibt offensichtlich (erneut) eine erneute kleine Zuspitzung des Konfliktes um die Frage, inwieweit wissenschaftliche Kommunikation im Digitalen möglich sein darf oder soll. Anlass ist ein Vortrag des Historikers Valentin Groebner, der als Zeitungsfassung am Mittwoch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter der Überschrift Muss ich das lesen? Ja, das hier schon – schön historisierend mit dem Gemälde eines lesenden Bauerjungen des russischen Malers Iwan Iwanowitsch Tworoschnikow aus der Zeit des zaristischen Russlands illustriert – abgedruckt wurde.
Erstaunlich an der Debatte, auf die umgehend sowohl Klaus Graf im Redaktionsblog von Hypotheses.org wie Anton Tantner im Weblog der Zeitschrift Merkur und noch einige andere blogaffine Wissenschaftler antworteten, ist besonders, dass sie überhaupt noch bzw. wiederholt so stattfindet. Während Klaus Graf zum Ausstieg noch einmal einen Pinselstrich auf den üblichen, aber halt furchtbar überzogenen und daher eher wenig souverän wirkenden Kampf- und Fronttafelbildern (aber insgesamt vergleichsweise äußerst brav) setzt:
“Die Rückzugsgefechte der Buch-Fetischisten sollten uns nicht vom Bloggen abhalten.”
(Warum auch sollten sie?) findet sich bei Anton Tantner bereits die treffende Antwort:
“Dabei sind Verifizierung und Stabilisierung von Informationen – die Groebner als Aufgabe gedruckter Medien betrachtet – selbstverständlich auch digital möglich und kein Privileg des Papierbuchs; es braucht allerdings geeignete Institutionen dafür, wie zum Beispiel die Online-Repositorien der Universitäten, die die Langzeitarchivierung der von ihnen gespeicherten Dateien – nicht zuletzt wissenschaftliche Texte – zu garantieren versprechen.”
Für die Notwendigkeit von Druckmedien wiederholt man, seit man überhaupt den Gedanken der Abbildung geisteswissenschaftlicher Inhalte in digitale Kommunikationsräume andenkt, die Argumente der Langzeiterhaltung und des Qualitätsfilters – einem Wunschwerkzeug ersehnt schon lange vor dem WWW, um die so genannte Informationsflut (oder Publikationsflut) in den Griff zu bekommen. Valentin Groebners Artikel, der dies mit dem seltsamen Wort “Überproduktionskrise” variierend anteasert, definiert denn auch: “Denn Wissenschaft kann gar nichts anderes sein, als Verdichtung von Information. [...] Man ist als Wissenschaftler selbst ein Filter, ganz persönlich.”
Die Argumente dafür präsentieren sich im Verlauf der Debatte dabei jedoch von nahezu allen Seiten nicht sonderlich verdichtet, sondern vor allem redundant. Wir erinnern uns:
“So verteidigte Uwe Jochum (Konstanz) in seinem polemischen Einführungsreferat die Bibliothek als kulturellen Gedächtnisort, als konkret sicht- und begehbares Gebäude gegen ein orientierungsloses Surfen auf weltweit rauschenden Datenströmen. Aus der antiken Mnemotechnik leitete er die Notwendigkeit einer Lokalisierung der Erinnerung ab: Bei der Lektüre eines Buches im Netz hingegen sei kein Rückschluß auf den Standort des Computers oder gar des Originals möglich. Die Anpassung der Bibliotheken an die Informationsgesellschaft sei schon deshalb problematisch, weil der Informationsbegriff völlig unklar sei. Während in einer herkömmlichen Bibliothek die einzige “Information” der Standort eines Buches sei, gehe in der simultanen Verschaltung von Sender und Empfänger jeder Inhalt verloren – kurz: Sammlung sei gegen Zerstreuung zu verteidigen.”
So las man es ebenfalls in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und zwar am 09.10.1998. (Richard Kämmerlings: Lesesaal, Gedächtnisort, Datenraum Der Standort der Bücher: Auf dem Weg zur hybriden Bibliothek., S.46) Und auch das Thema der Langzeitarchivierung solcher Bestände stand damals mitten in der Auseinandersetzung.
Der Hauptunterschied zu dieser Zeit liegt vor allem darin, dass man 1998 noch nicht diskutierte, inwieweit es für Historiker zulässig ist, solche Debatten sowie andere Wissenschaftskommunikationen in Blogs und damit direkt und ohne redaktionelle Kontrolle abzubilden. Weil man Blogs und das Web als kommunikativen Partizipationsraum noch gar nicht wirklich kannte.
Ein Irrtum Valentin Groebners scheint dagegen darin zu liegen, dass er die “unerfreulichen Seiten der Gelehrtenrepublik [...] nämlich [...] den Kult der narzissistischen Differenz und [...] Debatten, die ins endlose verlängerte werden” grundsätzlich prinzipiell mit digitaler Kommunikation verknüpft. Genauso gut kann man sie nämlich, wenigstens in diesem Fall, beispielsweise gleichfalls mit der FAZ verbinden. Auffällig an diesem Diskurs ist zudem, dass ein paar etablierte Akteure gibt, die seit den frühen Tagen stabil dabei sind und parallel wechselnde neue Akteure, die offensichtlich jedes Argument für sich jeweils neu entdecken und ausführen. (Ich möchte übrigens nicht sagen, dass meine Texte durchgängig außerhalb dieses Prozesses stehen.) Zu vermuten ist jedoch ebenso, dass die Akteure, die tatsächlich intensiv Schlüsse ziehen, mit der Umsetzung ihrer Folgerungen so beschäftigt sind, dass sie gar keine Zeit und Lust mehr finden, sich in (De-)Legitimierungsscharmützeln aufzureiben.
Das Internet wirkt für Kommunikationen naturgemäß vor allem als Proliferationsimpuls: Es entfaltet all das, was ohnehin bereits angelegt ist. Die oft scheußlich selbstgerechten Lesekommentarhagel auf den Zeitungsportalen machen nur sichtbar, wie eben auch gedacht wird. Aus soziologischer Sicht ist das ungemein spannend. Dass das “Unfertige”, aus dem Wissenschaft per se besteht, nun direkt wahrnehmbar, referenzierbar und direkt nachnutzbar wird, verändert zwangsläufig die Wissenschaftspraxis. Das behagt vor allem denen, die dadurch etwas zu gewinnen haben (z.B. Diskurshoheit) und missfällt all denen, die sich darin überfordert bis bedroht sehen (z.B. nicht zuletzt einfach, weil ihnen in ihrer Lebensorganisation die Zeit zur Auseinandersetzung mit den Weblogdiskursen fehlt und sie nicht verstehen, warum sie nun zwangsläufig darauf einsteigen müssen. Auch das ist nachvollziehbar.)
Dass ein nach festen Bezügen strebendes Wissenschaftsbild hier seine Stabilität gefährdet sieht, ist nachvollziehbar. Aber der Zusammenbruch aller überlieferten Wissenschaftswerte ist kein unvermeidliches Szenario, sondern ein vermutlich im Ergebnis eher harmloses Schreckensbild. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass Digitalität prinzipiell diskursive Verfestigung und Absicherung verhindert. Der oben zitierten Stelle aus der Replik Anton Tantners ist fast nichts hinzuzufügen. Digitale Kommunikationsräume sind Räume, die wir programmieren und gestalten. Wenn wir bestimmte Qualitätskriterien für die Wissenschaftskommunikation erhalten wollen, dann sollte sich das durchaus unter intelligenten, rationalen Akteuren, wie man sie in der Wissenschaft zu vermuten angehalten sein sollte, aushandeln und perspektivisch etablieren lassen. Nicht jeder Geisteswissenschaftler muss dafür Quellcode schreiben lernen. Auch die einfach Verständlichkeit der Schnittstellen zwischen Mensch und Technik ist Teil der Entwicklungsagenda.
Es gibt sogar eine eigene wissenschaftliche Disziplin, die sich mit Fragen auseinandersetzt (bzw. auseinandersetzen sollte), wie diese Ansprüche der Wissenschaft (Verifizierbarkeit, Nachprüfbarkeit, Verdichtung) im Digitalen umgesetzt werden können: die Bibliothekswissenschaft (bzw. Bibliotheks- und Informationswissenschaft). Wenn man Karsten Schuldts Annahme zustimmt, es gäbe jeweils ”ein Rezeptionsverhalten, dass zu bestimmten Situationen und Lesehaltungen passt”, und es gibt keinen Grund die Zustimmung zu verweigern, dann erscheint überhaupt die Idee, selbst- und fremderklärten “Buchfetischisten” und “Masturbationsbloggern” ihre gegenseitige Legitimation absprechen wollen, als völlig unsinniger Hemmschuh, wenn es tatsächlich um die Frage geht, wie ein zeitgemäße Wissenschaftskommunikation aussehen kann – die übrigens genauso nach wie vor Printprodukte und andere netzunabhängige Medien zulässt, wenn diese zu Situation, Lesehaltung und dem Bedürfnis nach Langzeitsicherung passen.
Einspruch Eurer Zeiten. Arlette Farges archivarische Reverie gibt es endlich auch in deutscher Übersetzung.
Während in der LIBREAS-Redaktion die Vorbereitungen für die Ausgabe 20 laufen, gibt es vorab zur Überbrückung der Wartezeit schon einmal eine Rezension.
Rezension zu: Arlette Farge: Der Geschmack des Archivs. Göttingen: Wallstein, 2011. ISBN: 978-3-8353-0598-4, € 14,90 – Informationen zum Titel beim Verlag
von Ben Kaden
„Wie soll man also eine Sprache erfinden, die sich an jene Bewegung des Suchens annähert, die sich im Archiv anhand unendlich vieler Spuren von Herausforderungen, Rückschlägen und Erfolgen vollzieht?“ (S. 94)
Zweifellos: Das Archiv ist ein Bremsklotz im Fortstürmen und Drängen der Kultur durch die Zeit. Und auch des eigenen. Mehr noch als der Lesesaal einer Bibliothek ist die Vergessenheit des Archivs buchstäblich eine Zeitkapsel und wer selbst einmal Stunden in dieser verbrachte, weiß sicher um den seltsamen Zustand, wenn man nach einem intensiven Quellenstudientag mit der frisch in vielfältigen Vergangenheiten verschobenen Selbstwahrnehmung zurück in den Hauptstrom des Gegenwartsgeschehen tritt.
Das Archiv schnappt etwas aus dem Geschehen der jeweiligen vergangenen Gegenwarten auf und entführt zugleich den, der sich mit diesen Gegenwarten befasst. Das Archiv sichert das Geschehen dieser Zeiten nicht selbst. Aber es legt einen Hinweis auf das, was geschah, an und konserviert ihn, so gut es kann. Es erzeugt Spuren.
Über die Spuren (oder auch Zeugnisse) kann der, der sucht dem Geschehenen (bzw. dem Bezeugten) nachspüren. Möglicherweise stimuliert das Archiv eine unbewusst angelegte sehr ursprüngliche (archaische?) Begabung des Fährtenlesens, die uns ständig auf der Suche nach einem Sinn in eine mehr oder weniger strukturierte semiotische Aufzeichnungsumwelt treibt. Die Archive repräsentieren eine solche Umwelt. In ihnen hoffen wir, über die Repräsentanten vergangener Gegenwarten Erkenntnisse für unsere gegenwärtigen Gegenwarten aufzufinden. (Museen erfüllen als in die Öffentlichkeit gestülpte Archive eine ähnliche Funktion.)
Die Nutzung eines Archivs ist also nicht zuletzt eine Distanzierungserfahrung und zwar nicht nur intellektuell, sondern spürbar gesamtsinnlich. Möglicherweise schwächt sich diese Sensation mit der Zeit ab. Bei Arlette Farge ist dies aber mutmaßlich nicht der Fall, denn ansonsten wäre das archivphilosophische Kleinod Le goût de l’archive (Paris: Le Seuil, 1989) sicher nicht entstanden. (weiterlesen…)
Abnahmefreie Industrieforschung. Jürgen Kaube über Mark Bauerleins Geisteswissenschaftsberechnung.
Ein Kommentar von Ben Kaden
Wenn man schon einmal offen für ein Thema ist, dann holt es einen auch beständig ein. Diese Grundeinsicht des Alltags bewahrheitet sich derzeit im Anschluss an eine etwas nebenbei dahingeschriebene Kennzahl zu Lese- und Publikationsaktivität von Wissenschaftlern, die Walther Umstätter freundlicherweise gestern in einem Kommentar korrigierte:
„B. Kaden hat gut daran getan, die „klassische Kennzahl“ mit dem Einschub „hoffentlich richtig“ zu versehen, denn worauf er sich bezieht ist: „Wissenschaftler überfliegen jährlich größenordnungsmäßig Zehntausend Publikationen, sie lesen davon etwa hundert, und falsifizieren beziehungsweise verbessern eine, über die sie selbst veröffentlichen.“ (Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum, S. 286).“
Nun liegt die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Mittwoch auf dem Schreibtisch und in dieser findet sich im Wissenschaftsteil eine Zusammenstellung Jürgen Kaubes zu Mark Bauerleins Erhebung (bzw. ausführlicher als PDF) zum Rezeptions- und Publikationsverhalten in der Literaturwissenschaft. (Kaube 2012) Die Grunderkenntnis: In der Literaturwissenschaft wird viel zu viel geschrieben und viel zu wenig gelesen. Was auch volkswirtschaftlich zum Problem wird. Denn Mark Bauerlein ermittelte: (weiterlesen…)
Nützlichkeit kennt klare Grenzen. Eine Position zu Dissens, Kritik und Wissenschaftsfreiheit (nach Judith Butler)
von Ben Kaden
Abstract:
Der Aufsatz untersucht ausgehend von der Argumentation Judith Butlers zur Wissenschaftsautonomie (Butler, 2011) das Konzept der Kritik als möglichen meta-analytischen und meta-methodologischen Grundbaustein von Wissenschaft. Diese Kritik zweiter Ordnung wird dabei nicht nur, Judith Butler folgend, als Option für die Selbstlegitimation von Wissenschaft vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Ansprüche an eine Nutzbar- und Verwertbarkeit wissenschaftlicher Arbeit angesehen, sondern darüber hinausgehend verstanden als erforderliches Verfahren, aus dem heraus sich Aktualisierungs- und Übersetzungsprozesse inner- und interdisziplinär organisieren lassen.
Freiheit der Wissenschaft wird dabei als Verpflichtung zum Entscheiden verstanden, der nur mit einer elaborierten kritischen Kompetenz entsprochen werden kann. Die Integration dieser Kompetenz erfordert gleichermaßen das Anerkennen der sozialen Dimension von Wissenschaft, das produktive Zulassen von Dissenz und ein Verständnis der Rolle von Kontingenz im Prozess der Erkenntnisproduktion. Der Forderung nach Nützlichkeit wird einerseits die Notwendigkeit der Kontextualisierung (=nützlich für wen in welcher Hinsicht?) und andererseits das Konzept der Möglichkeit als Zweck der Wissenschaft entgegen gestellt.
(Der hier wiedergegebene Text ist die Vorversion eines Beitrags für die kommende Ausgabe (No. 19) der Zeitschrift LIBREAS. Library Ideas. ) (weiterlesen…)
Notizen zur Bibliothekswissenschaft 3: Carte Blanche für die Humanatees?
” So bedauerlich jede Schließung ist, drängt sich jedoch die leidige Frage auf, ob die herkömmliche Bücherei in der Ära des E-Books zu einem Auslaufmodell wird.”
Es ist ein gutes Zeichen für eine lebendige Presse, wenn man innerhalb einer Feuilletonredaktion abweichender Meinung ist. Denn wo Felicitas von Lovenberg in der Mittwochsausgabe der FAZ unter der Überschrift “Mister Einprozent. Ergänzung statt Bedrohung” wenigstens für den deutschen Buchmarkt eher eine nüchterne Perspektive für das Medium E-Book aufzeichnet, indem sie es analog zum Hörbuch sieht (S. 27), schreibt in der Freitagsausgabe G.T. [Gina Thomas] in ihrer Kolumne den eingangs zitierten Satz. Die Autorin rapportiert in knapper Form, was Alan Bennett und Philip Pullmann jüngst über den Niedergang des britischen Bibliothekswesens äußerten. (Ab in die Buchhölle. FAZ-Ausgabe vom 27.05.2011, S. 33) Wer die Neue Zürcher Zeitung vom 12.05.2011 gelesen hat, weiß, dass dies – berechtigt – nichts Gutes ist. Gerade weil Kommunen etwas tun, nämlich Bibliotheken schließen. (vgl. zum Thema auch den Kommentar Britpopliteratur mit Misston im IBI-Weblog) Die NZZ weiß übrigens auch, dass es der Literatur insgesamt auf der Insel gar nicht so schlecht geht und berichtet von dort immerhin noch 463 Millionen verkauften gedruckten Büchern im Jahr 2009. Das ist zwar weniger als 2007 aber nach wie vor nicht unbedingt ein Pappenstiel.
Da in dem Beitrag Gina Thomas’ das schöne Wort Marktfundamentalismus aufscheint, nutze ich die Steilvorlage, um den dritten Teil meiner Notizen zur Bibliothekswissenschaft nachzulegen. (Teil 1, Teil 2) In diesem ziehe ich einige Schleifen um das Schleifen der Geisteswissenschaften, dass ja gerade in Großbritannien eine seltsame Parallelentwicklung zum öffentlichen Bibliothekswesen nimmt. Davon ausgehend argumentiere ich, dass die häufig diesem Fächerspektrum im Diskurs zugeordnete Irrelevanz in markt- und innovationslastigen Ökonomien – also dem aktuellen Spätkapitalismus – beiden Seiten schadet. Denn, so der trendforsche Leitgedanke meiner Skizze, gerade die sich andeutende Umgestaltung der grundlegender Geschäftsmodelle von Produktbasierung zu Ereignisbasierung und von Eigentum zu Zugang (Semiokapitalismus) erfordert starke bedeutungsgenerierende gesellschaftliche Instanzen mit viel Raum für Auslauf im Denken. Also wenn man so will in der Tat Auslaufmodelle. Zu diesen zählen zweifelsohne Geisteswissenschaften genauso wie Bibliotheken. Daher erscheint mir auch eine stärkere Fokussierung geisteswissenschaftlicher Aspekte in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft sehr angebracht. Alles Übrige im Essay – Text als PDF-Download: Carte Blanche für die Humanatees? Gedanken zu einer geisteswissenschaftlich gewendeten Bibliothekswissenschaft
It’s the frei<tag> Countdown. Noch 18 Tage.
Heute erhielt ich den ernstzunehmenden Hinweis, meinen Anteil an den Texten für den frei-täglichen Countdown doch etwas kürzer zu fassen, da sonst die Titel-, Thesen-, Themen- und Temperamentelatte für die eigentliche Konferenz etwas zu hoch hinge und sich zugleich in der Mitte überladen böge.
Angesichts des präparierten Materials bin ich nun, kurz vor dem Posten, etwas in der Zwickmühle, fühle mich irgendetwas zwischen beschnitten und kastriert und aus einer vergessenen Kammer meiner Teenager-Erinnerungen sehe ich die damals als sehr sexy empfundene (Sandra) Gillette über die damals als sehr prägend geltende MTV-Rotation tanzen und höre genau ihre zwanzigfingrige Stimme: “Iny weeny teeny weeny shriveled little short short text”.
Erstaunlicherweise war der Musikgeschmack auch der mittleren 1990er Jahre trotz allem in globalem Maßstab gehoben genug, um eine Nummer 1-Platzierung in den damals noch maßgeblichen Hitparaden – abgesehen von Frankreich – zu verhindern. Als schreckliche Spur, penetranter nur noch vom technotronischen “Pump up the Jam” übertroffen, bleibt dieses männerfeindliche Stück Popgeschichte Begleittonage wenigstens meiner Generation. Natürlich ging es nicht um Text, sondern um Anatomie. Aber da sich solche Schwerpunkte mit dem Alter und Altern verschieben und man irgendwann unweigerlich erkennt, dass eine einzige gelungene Formulierung weitaus länger überdauert, als ein straff trainierter Muskel, bin ich so frei, den weißen Neger Wumbaba zur aktiven Wahrnehmungsmethode zu erheben.
Um die Bestie aus beiden Welten zu entfesseln, beende ich den Vorspiel-Text zur Unkonferenz an dieser Stelle. Wer mehr möchte, findet nach der Sprungmarke einen dieser schwer verwertbaren Essays aus notiertem Sinnieren. Und wer noch mehr möchte, darf mit mir am 10. Juni 2011 darüber diskutieren.

"We'll build a new world off on a high mountain / We'll live on our fountain of love" - Alle Kids der 1950er wissen, worum es geht. Und alle anderen interpretieren den Konnex zu unserem Thema: Utopie und Brunnenkresse. Stadträumlich, jedenfalls in Berlin, bietet sich für die Suche nach dem neuen Menschen von Gestern wenig besser an, als die nach den 16 Grundsätzen des sozialistischen Städtebaus als Prototyp ans Zentrum der Hauptstadt angeschlossene einstige Stalinallee. Deren zentraler Kreisel wiederum rotiert am Strausberger Platz, in dessen Nähe sich einmal Berlins Richtstatt befand. Während der Brunnen vor dem verschwundenen Georgentore, zeigt sich an den Fassaden deutlich, dass die Häuser der Kinder des Sozialismus durchaus von Schinkel inspirierte Kinderzimmerfenster haben durften. Das Hochplateau des Fortschritts der Nachkriegszeit zeigte sich durchaus fast bieder vergangenheitsverbunden. Man kommt halt nicht so leicht aus seinen Pantoffeln und in die Puschen. Nur beim Wasserspiel, so könnte man jetzt kalaueren, wurde der neue Fritz kühn. (Insider für Architekturstudenten)
(bk, 23.05.2011)
It’s the frei<tag> Countdown. Noch 23 Tage.
Irgendjemand verbreitet gern und wiederholt, dass die Menschen immer weniger Briefe schreiben. Ich glaube, mich zu erinnern, dass es vor allem die Deutsche Post ist, wenn sie über Spielräume beim Briefbeförderungsentgelt nachdenkt. Das Briefmonopol bekäme demnach demnächst einen besonderen Falz, da alles darauf hinausläuft, dass es nur noch vielleicht einen Brief am Tag gibt. Der Anbieter, der den befördert, hat dann auch das Monopol.
Ich kann diese Einschätzung weder teilen noch bestätigen, denn die Menschen in meinem Umfeld schreiben ohnehin selten Briefe. Ich bin ja auch kein guter Briefbeantworter, denn ich liebe das Medium zu sehr, um eine solche Korrespondenz in nachhaltig unbefangenen Bahnen zu absolvieren. Briefe, so ihre Funktion, verbinden. Daher, so meine Deutung, sind sie auch verbindlich.
Sollte Marbach jemals die Bündel meiner Briefwechsel (oft eher –sendungen) mit den Milenas und Felicen meiner Biografie ersteigern, so möchte ich selbstverständlich, dass es sich für das Archiv auch lohnt. Und wenn es wegen der Ersttagsstempel ist… Das Spiel, das sich mir Briefschach von Wuthenow aus solcher Einstellung eröffnet, bringt freilich erfahrungsgemäß weder Bauer noch Dame noch Dora auf die eigene Seite des Brettes. Sondern heißt schlicht Solitär.

Posta Cordalis? Nun ja, nicht jeder Brief geht zu Herzen. Das Briefing auf Seite N5 der heutigen FAZ über die Situation der Geisteswissenschaften in Großbritannien jedoch lässt es einem tatsächlich eng in der Brust werden. (siehe unten) Da zieht man diesen Fächern gern mal einen Strich durch die Forschungsrichtung. Im philatelistischen Deutschland hält man dagegen die Fahnen der systematischen Sinnsuche noch hoch. Allerdings sind Kulturkürzungen auch nichts, dessen Annahme man sich in hiesigen Breiten verweigern kann. Wieviele Museen brauchen wir morgen? Einem, welches wie das Wallraf-Richartz-Museum (Motto: "Ein Museum für alle, die neugierig sind.") per Briefmarke geehrt wurde, sollte jedenfalls nicht bange sein. Ungers Bau, martialisch am Marsplatz gelegen, ist ein wahre Trutzburg der Kunstgeschichte. Die Alten Meister halten daher selbst eine twombly-hafte Nachentwertung durch den Postboten locker aus.
Call for Papers LIBREAS Ausgabe No 14
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Call for Papers – Open Access und Geisteswissenschaften
In den Geisteswissenschaften stellen Monographien und Sammelbände die zentralen Publikationsformen und damit Medien für die Wissenschaftskommunikation dar. Als problematisch erweist sich dabei der lange Weg von der textlichen Fixierung der Erkenntnis bis zur Publikation. Dadurch wird die Kommunikation verzögert. Die Erkenntnis befindet sich in einer Zwischenphase, in der sie nicht zitierbar und daher kaum im Rahmen wissenschaftlicher Standards weiter verarbeitet werden kann.
Elektronische Publikationsumgebungen können diesen zeitlichen Abstand zwischen dem Verfassen des Manuskriptes und der Publikation deutlich verkürzen. Erprobt ist das Verfahren u.a. mit den Preprint-Servern in STM-Disziplinen. Jedoch sind diese Formen des elektronischen Publizierens weitgehend auf die Praxen der Wissenschaftskommunikation in diesen Wissenschaftsfeldern ausgerichtet. Die im Argument und der textlichen Ausführung davon völlig verschiedene Diskurspraxis der Geisteswissenschaften lässt sich in diesen Strukturen bisher nur mangelhaft abbilden.
Dies betrifft in gewisser Weise auch den Open Access-Gedanken an sich. Die Publikationsform der Monographie stellt andere Anforderungen als der elektronische Aufsatz. Inwieweit sich das Medium e-Book an dieser Stelle als Lösung erweist, ist bislang völlig offen.
Eine Grundfrage ist, inwieweit sich die Wissenschaftspraxis der Geisteswissenschaften in elektronische Publikationsmodelle, die aus einem anderen disziplinären Umfeld stammen, anpassbar sind und angepasst werden sollten.
Eine zweite Grundsatzfrage weist in die andere Richtung: Wie müssen elektronische Publikationsumgebungen beschaffen sein, damit sie die entsprechenden Formen der Wissenschaftskommunikation adäquat abbildbar machen?
Es lässt sich schließlich fragen, inwieweit die Entwicklung zur „E-Science“ für die Geisteswissenschaften überhaupt notwendig oder erstrebenswert ist.
LIBREAS sucht wie üblich gern kontroverse Beiträge, die sich mit diesen und auch gern verwandten Fragen hinsichtlich der Conditio geisteswissenschaftlicher Wissenschaftskommunikation im Zeitalter elektronischer Publikationen befassen.
Der Redaktionsschluss ist Anfang Januar 2009.
Kontakt zur Redaktion
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Call for Papers – Open Access and Humanities
Within humanities, much academic work is published in printed monographies and anthologies. But this kind of scholarly communication has proved to be particularly problematic: the publishing process seems to be too time-consuming and prevents several work to be discussed until it is printed.
Electronic publication environments may reduce time between writing a manuscript and the final publication. For instance, many academic publications in science, technology, and medicine are found on pre-print servers which are considered to be the new primary source. In the view of scholars from humanities, this praxis lacks correspondence with their needs. Epistemic access to the phenomena differ between the disciplines and so does the way of thinking and arguing that has, in turn, consequences for academic publications.
There are at least two ways how to understand the differences. One is that electronic publishing is per se not suitable to the humanities. Reading an article on the screen or an ebook on a reader may cause a loss of tactility and aesthetics which is required for the discourse in humanities. Others are more cautious about the benefits and limits and discuss the consequences in terms of access, quality, integrity and storage.
In our next issue, we are inviting to discuss whether humanities shall follow the new academic publication process in science, technology and medicine and how it shall be done.
How shall an electronic publication platform be designed in order to meet the key requirements of humanities scholars? What will be the role of publishers and Peer-Reviewing?
At last, to what extent may “E-Science” be a promising option for humanities at all?
LIBREAS is looking forward to your fresh and controversial contributions on “Electronic Publishing and Humanities”. Indeed, we welcome new perspectives on that issue not outlined above, too. If you have any questions, please do not hesitate contacting us .
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