LIBREAS.Library Ideas

In weiter Ferne und nah. Über Dekonstruktion, Digitalkultur und Digital Humanities

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 27. Juni 2013

Ein Blick in aktuelle Diskurse.

von Ben Kaden / @bkaden

„So einen wie ihn wird es im digitalen Zeitalter nicht mehr geben.“

beendet der Verleger Michael Krüger seinen Nachruf auf Henning Ritter in der Mittwochsausgabe der NZZ (Michael Krüger: Leser, Sammler und Privatgelehrter. Henning Ritter – eine Erinnerung. In: nzz.ch, 25.06.2013) und lässt damit den Leser anders berührt zurück, als es ein Nachruf gemeinhin zur Wirkung hat. Denn in gewisser Weise spricht er damit der Gegenwart, die wenig definiert als von Digitalem dominiert gekennzeichnet wird, die Möglichkeit ab, eine intellektuelle Kultur hervorzubringen, für die Henning Ritter stand. Das klingt nahezu resignativ und ist aus dem tiefem Empfinden des Verlusts auch erklärbar. Die traurige Einsicht ist zudem Lichtjahre von dem Furor entfernt, der der Debatte um eine Lücke zwischen Netz und Denkkultur noch vor wenigen Jahren mit Aufsätzen wie dem über den Hass (!) auf Intellektuelle im Internet von Adam Soboczynski kurzzeitig beigegeben wurde. (Adam Soboczynski: Das Netz als Feind. In: Die ZEIT, 20.05.2009) Ich weiß nicht, ob das Netz mittlerweile als Freund verstanden wird. In jedem Fall haben sich drei Auslegungen durchgesetzt: das Netz als Medium (nüchtern-funktional), das Netz als Marktplatz und das Netz als sozialer Wirkungsraum.

Dass das Netz auch als Austragungsort intellektueller Diskurse geeignet ist, merkt man dagegen in Deutschland weniger, einfach weil die spärlichen Gegenstücke zu dem nahezu Überfluss der entsprechenden Magazinkultur im englischsprachigen Weltenkreis, die längst medial eine e- und p-Hybridkultur ist und vom New Yorker über The Point bis zur White Review reicht, kaum im Netz präsent sind. Vielleicht gibt es auch tatsächlich zu wenige (junge) Intellektuelle dieses Kalibers in Deutschland. (Einige reiben sich auf irights.info am denkbar undankbaren Themenfeld des Urheberrechts auf und manchmal rutscht bei perlentaucher.de  etwas ins Blog, was in diese Richtung weist.) Und sicher hat dieses Defizit eine Reihe von Gründen. Das wir mittlerweile digitale Medienformen in unseren Alltag eingebettet haben, dürfte jedoch kaum die Ursache sein.

Dass sich die intellektuelle Kultur einer jeweiligen Gegenwart von der der Gegenwarten davor und danach unterscheidet, liegt darüber hinaus bereits offensichtlich in der Verfasstheit von Kultur begründet. Das digitale Zeitalter wird auch keinen Giordano Bruno hervorbringen (höchstens eine Giordano-Bruno-Stiftung) und keinen Walter Benjamin (höchstens einen Walter-Benjamin-Platz) und keinen Pjotr Kropotkin (höchstens noch ein unpassend eingeworfenes Zitat eines Oberschlaumeiers im politikwissenschaftlichen Proseminar). Aber „Postkarten mit aufgeklebten Zeichnungen oder vermischten Nachrichten, Briefe, die aus nichts als Zitaten bestanden“ zu versenden – das geschieht noch. Und zwar tatsächlich im Postkarten- und Briefformat und auch beispielsweise bei Tumblr, das diese Kulturpraxis des Collagierens, die an anderer Stelle selbst als Niedergang der abendländischen Kultur gesehen wurde, nahezu entfesselt erlebbar macht.

Auch intellektuelle Bohemiens gibt es erfahrungsgemäß und jedenfalls in Berlin nicht zu knapp. Nur sitzen sie – einige Jungfeuilletonisten ausgeklammert – nicht mehr bei «Lutter & Wegner», wohl aber manchmal im Verlagsprogramm bei der edition unseld und ansonsten, wenn sie noch etwas progressiver sind, doppelt exkludiert (freiwillig und weil die Verkaufskalkulatoren diesem Denken neben der Spur keinen Markt zusprechen) vom herkömmlichen Verlagsestablishment in ihren eigenen Diskursräumen (oft mehr Kammern). Und sogar den „unabhängigen Privatgelehrten, der mit einer gewissen boshaften Verachtung auf die akademischen Koryphäen herabblickt[...]“, findet man auf beliebigen Parties der Digital Boheme fast im Rudel. Die Zeiten, dass man Avantgarde war, wenn man sich von biederen Funktionswissenschaftlerei in den Hochschulen abgrenzte, waren schon vorbei, bevor man E-Mails schrieb. Der Hipsterismus hat aus dieser Einstellung sogar fast ein Freizeitutensil gemacht. Dass progressives Denken und Hochschulkarriere keine kausale Verknüpfung eingehen, sondern eher zufällig zusammenfinden, weiß mittlerweile auch jeder, sind das Universitäts- wie auch Wissenschaftssystem als rationaler Funktionskorpus doch geradezu naturgemäß darauf zugeschnitten, Denken zu normieren und in recht schmalen Kanälen zu führen.

Die Melancholie des Hanser-Verlagschefs Michael Krüger ist zweifellos nachvollziehbar. Neutral gesprochen wäre der Ausstiegssatz völlig zutreffend und selbstevident. Die Versuchung der Verklärung der persönlich verlebten Zeit als der besten aller möglichen Daseinsvarianten bedrängt sicher irgendwann fast jeden. Und einmal wird sicher eine Koryphäe der digitalen Geisteskultur einen ähnlichen Satz voller Trauer über einen Netzintellektuellen schreiben. Man darf ihm allerdings wünschen, dass er den Satz ohne Benennung der Nachfolgezeitrechnung (also ohne das dann aktuelle „digitale Zeitalter”) verfasst. Denn wie wahrer wäre die Aussage, wenn sie schlicht: “So einen wie ihn wird es nicht mehr geben.” Oder besser noch: “Es gibt ihn nicht mehr.” hieße. Große Persönlichkeiten, zu denen Henning Ritter, Homme de Lettres und Mensch als Mensch, zweifellos zählte, brauchen keine vergleichende Wie-Verortung im Zeitlauf.

II

Womöglich wird der „Methodenfreak“ (Süddeutsche Zeitung) Franco Moretti in diesem „einmal“ der Rückschau als eine Leitfigur der Geisteswissenschaften im Zeitalter ihrer digitalen Re-Evozierbarkeit gelten. Lothar Müller widmet dem Vorzeige-Digital-Humanist aus Stanford bereits heute im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom Mittwoch einen satten Sechsspalter (Lothar Müller: Ein Methodenfreak. In: Süddeutsche Zeitung, 26.06.2013, S. 14) mit einer eindrucksvollen Porträtaufnahme aus der Kamera der mit ihren Aufnahmen der deutschen Fußballnationalmannschaft ziemlich bekannt gewordenen Regina Schmeken. In der Bildrepräsentation spielt der Literaturwissenschaftler also bereits in einer oberen Liga. Isolde Ohlbaum dagegen, von der das zentrale Nachruffoto von Henning Ritter stammt (u. a. Dienstag im FAZ-Feuilleton), kennt man eher von ihren Aufnahmen von Alberto Moravia, Susan Sontag und Elias Canetti. Der Kulturbruch scheint sich bis ins Lichtbild einzuschreiben.

Franco Moretti, der ursprünglich (und „am liebsten“) theoretischer Physiker werden wollte, bricht nun tatsächlich und vielleicht noch stärker als jede These vom Tod der Autorenschaft in die stabile Kultur der Literaturanalyse ein, in dem er das Close Reading mit seiner quantitative Lektürepraxis, vorsichtig formuliert, in Frage stellt.

Lange Zeit war die Nahlektüre bereits aus praktischen Gründen die einzig gangbare wirkliche gründliche Auseinandersetzung mit Text. Denn angesichts der seit je immensen Mengen an Publiziertem, führte ein intellektuelles Mitteldistanzlesen meist nur zu – oft sehr eindrucksvollem – Querschnittswissen, was für das Kamingespräch hervorragend, für die harte wissenschaftliche Diskursführung aber zu oberflächlich ist. Die minutiöse Kenntnis weniger Texte und dazugehöriger Kontexte galt lange als edles Ziel der deutenden Textdisziplinen – wenngleich die minutiöse Kenntnis vieler Texte besser gewesen wäre, in einem normalen Wissenschaftsberufsleben aber einfach nicht realisierbar. Daher Kanonisierung, daher Beschränkung auf die Schlüsseltexte und Leitfiguren. Daher gern auch noch das dritte Buch über Achim (z.B. von Arnim).

III

Digitale Literaturwissenschaft bedeutet nun, sich der Stärken der Rechentechnik (= der automatischen Prozessierung großer Datenmengen) zu bedienen, um auf dieser Grundlage – sie nennen es „Distant Reading“ – das Phänomen Literatur strukturell, idealerweise als Gesamtgeschehen, zu erfassen, zu erschließen und (zunächst) interpretierbar zu machen. Die Manipulierbarkeit – vielleicht als „distant writing“ – wäre als Zugabe im Digitalen problemlos denkbar. Moretti trägt damit die naturwissenschaftliche Idee des verlässlichen Modells in die Beschäftigung mit Literatur:

„Ich bin auf Modelle aus […] auf die Analyse von Strukturen. Was ich am ‚close reading‘ nicht mag, ist das in den meisten Varianten anzutreffende Wohlbehagen an der unendlichen Multiplikation von Interpretationen, zum Beispiel der ‚deconstruction‘, wo die Leute umso glücklicher sind, je mehr Widersprüche sie in einem Text entdecken. Diese Beschränkung auf die immer reichere Interpretation einzelner Werke hat mich noch nie gereizt.“

So Moretti, der damit selbstredend auch eine völlige Ausblendung des Zwecks der Dekonstruktion vornimmt, die sich ausdrücklich und aus gutem Grund gegen die Reduktion der Welt auf allgemeine Regeln und hin zur Anerkennung bzw. der Untersuchung des Spezifischen wendet. Diesen Ansatz auf Wohlbehagen und Glücklichsein zu reduzieren, zeigt vor allem, wie tief die Gräben zwischen den Schulen in den USA sein müssen. Wer sich nämlich an einem dekonstruktiven Lesen versucht hat, weiß, wie unbehaglich und zwangsläufig unbefriedigend diese unendliche Kärrnerarbeit in der stetigen Verschiebung des Sinns sein muss. Mit einer modellorientierten Wissenschaftsauffassung, vermutlich sogar mit einer auf Erkenntnis (statt Verständnis) und Kontrolle (statt Anerkennung) gerichteten Wissenschaft lässt sich die Dekonstruktion kaum in Einklang bringen. Diese Art von Auseinandersetzung mit Text produziert kein sicheres Wissen, sondern im Gegenteil, wenn man so will, bewusst verunsicherndes. Das mag sie so unbequem und auch kaum leicht verwertbar machen.

IV

Was Moretti macht, wenn er Textmassen quantitativ und statistisch auswertet, entspricht prinzipiell den digitalökonomischen Datenanalysen, die man, wie wir mittlerweile wissen, auch zur geheimdienstlichen Terrorabwehr verwenden kann. Sein Konzept – er nennt es Quantitativen Formalismus – dient gleichfalls zur Strukturerschließung des Dokumentierten, also des Empirischen, wobei sich systematisch Abweichungen isolieren lassen, die man dann bei Bedarf qualitativ durchleuchten kann. Damit gewinnt man fraglos eine solidere Basis für die Auseinandersetzung mit Texten in ihrer Gesamtheit (so sie in ihrer Gesamtheit digitalisiert und Teil des Korpus sind). Man erfährt bei der richtigen Analyse viel über die syntaktischen, mitunter auch konzeptionellen Relationen zwischen Textprodukten bzw. Äußerungen. Man kann Querverbindungen und Referenzen isolieren und nachverfolgen. Bisweilen deckt man auch Plagiarismus auf und Doppelschöpfungen. Es lassen sich Aussagen über die Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Texten treffen (zum Beispiel über das Mapping mit Ausleihstatistiken öffentlicher Bibliotheken). Aus vielen Perspektiven können wir zu den Gegenständen der Literaturwissenschaft so exakt wie noch nie in der Wissenschaftsgeschichte Aussagen treffen, Schlüsse und Querverbindungen ziehen und Einsichten vorbereiten. Wir sind in der Lage, aus einer Art Vogelperspektive ein riesiges Feld der Literatur zu betrachten und zugleich zu übersehen.

Allerdings, und das ist der Unterschied zwischen einem guten Close Reading und dem besten vorstellbaren Distanzlesen, bleibt die Literatur aus dem Korb dieses Heißluftballons unvermeidlich unbegreiflich. Wir können nicht gut mit unserer Wahrnehmung zugleich über den Dingen und in den Dingen sein. Im besten Fall können wir also in einer Kombination von close und distant Morettis Draufsichtverfahren als Drohne benutzen, um – je nach Erkenntnis- und Handlungsinteresse – den Zugriff zu präzisieren. In dieser Hinsicht sind statistische Zugänge eine grandiose Erweiterung des wissenschaftlichen Möglichen. Die Dekonstruktion könnte sich des Quantitativen Formalismus sogar ganz gut bedienen, wenn es darum geht, etablierte Perspektiven der Dekonstruktion zu verschieben. Als Alternative wäre das Verfahren der statistisch erschlossenen Vollempirie dagegen offensichtlich untauglich, da es schlicht etwas ganz anderes in den Blick nimmt, als die Praxis der Nähe.

V

„ ‚Persönlichkeit‘ auf wissenschaftlichem Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient“, schreibt Max Weber, Morettis Idol, und dies reproduziert kaum verschleiert eine religiöse Bindung in die Wissenschaft, die hiermit die Sache zum Gottesersatz erhebt. Die Identität der Wissenschaftlerpersönlichkeit ergibt sich allein aus dem Dienst am Objekt. Mit Aufklärung hat die sich daraus leider bis heute oft ableitende Empiriefrömmelei jedoch wenig zu tun. Ein Dogma kämpft hier nur gegen das andere und für wirklich Intellektuelle war dieses Preisboxen um die Wahrheit noch nie ein besonders attraktives Spektakel, zumal sie meist nur von den billigen Plätzen zusehen durften. Nun wäre eine post-sachliche, also konsequent entdogmatisierte Wissenschaft nicht mehr Wissenschaft wie wir sie kennen, schätzen und als sinnvoll erachten. Sondern vielleicht systematisierte Intellektualität. Oder eben das, was man im besten Sinne meinte, als man Humanities eben nicht als Sciences konzipierte.

Die Digital Humanities und die quantitative Literaturwissenschaft sind nicht, wie man häufig vermutet, eine Weiterentwicklung der geisteswissenschaftlicher Praxen, sondern eine neuartige Annäherung an deren Bezugspunkte. Was dann durchaus sympathisch ist, wenn nicht Max-Weber-Adepten im gleichen Zug, diese weicheren Ansätze als inferior herausstellen, weil sie davon ausgehen, dass auch Literatur vor allem empirisch ist und damit in die Irre wandern. Spätestens seit dem 20. Jahrhundert sind der Literatur und der Kunst die Ansprüche der Empirie nämlich vor allem eins: gründlich suspekt. Literatur geht es – wie übrigens auch der Dekonstruktion – nicht mehr um die Spiegelung der Welt, sondern darum, sich den Spiegeln so gut es geht zu entziehen, das Bild zu biegen, um das sichtbar zu machen, was dahinter liegen könnte. Diese Art von Literatur zielt nicht auf Wahrheit und vermutlich macht sie diese für viele unheimlich und für ein paar Freunde des Close-Readings eben doch reizvoll. Wenn diese kreativ genug sind, nicht auf Wahrheitsanspruch zu lesen, gelingt es sogar, etwas Fruchtbares und Anschlussfähiges daraus abzuleiten, das keine Statistik jemals hergibt.

VI

Nun ist zu beantworten, worin dieses Fruchtbare bestehen könnte. Hinweise liefert vor allem der Blick in die Gegenwart bzw. in die etwas jüngere Vergangenheit, also in die Entfaltungszeit des Michael Krüger’schen „Digitalen Zeitalters“ (als besäße der Äonen-Bezug noch irgendeinen diskursiven Wert). Wer sich die Entfaltung der digitalen Kultur der vergangenen zwei Jahrzehnte ansieht, erkennt unschwer, dass ihr Erfolg durch die Kombination zweier Grundprinzipien begründet ist: das des Narrativen und das der Statistik. Plattformen wie Facebook sind biografischer Abbildungsraum und Sozialkartei herunteradressiert auf die kleinste kulturelle Einheit: Das Individuum. Während uns die Zahlen (Freunde, Likes, Shares, etc.) – Übernahme aus der Ökonomie – unseren Erfolg bei der sozialen Einbindung (Netzwerk) unseres Lebens präzise nachweisen, benutzen wir die Narration unserer Selbste dazu, diese Zahlen (unsere soziale Akzeptanz) zu beeinflussen. Selbstverständlich zählt im nächsten Schritt nicht nur die Quantität, sondern auch – FOAF – die Qualität unserer Kontakte.

Etwa in der Mitte dieser zwei Jahrzehnte öffentliche Netzkultur liegt eine Zäsur. Die ersten zehn Jahre etablierten den digitalen Kommunikationsraum noch weitgehend nach dem Muster der analogen Welt (massenmediale Kommunikation hier, private Kommunikation per E-Mail, Chat, P2P-Filesharing da und obendrauf noch ein paar Versandhäuser mit Online-Katalogen) wogegen mit dem sogenannten Web 2.0 die Trennwände nach und nach durchlässig wurden, so dass mittlerweile auf unseren Privatprofilen sichtbar wird, welche Zeitungsartikel wir abgerufen und welche Musiktitel wir abgespielt haben. Das Besondere als Basis der Handlungsstrukturen rückt in den Vordergrund. Wir schwanken zwischen Me-too und Me-first, letzteres mit der Chance, ganz früh im Trend zu sein und damit zu punkten (das Pyramidenspiel des Sozialprestiges) und zugleich mit dem Risiko, fehl zu gehen.

Diese relativ leicht erfass- und visualisierbare Statistik unseres Kulturverhaltens hilft uns einerseits, einen statistisch stabilisierten Überblick über unsere Nutzungsaktivitäten in äußerst komplexen Medien zu gewinnen und andererseits, dies in die Autofiktion unserer Identität einzubinden. Was wir von Max Weber also übernehmen können, ist der subjektive Sinn und das darin Eingebettete, das irreduzibel ist auch vor der Summe des einzeln Geteilten. Dieser subjektive Sinn geht, so eine Ergänzungsthese, nämlich nicht vollständig darin auf, was wir denken, was andere in unser Handeln hineinlesen sollen, sondern er wird auch permanent eigeninterpretiert und zwar vor dem Horizont unserer Selbstwahrnehmung und in Hinblick auf die Stimmigkeit unseres Eigennarrativs.

Die Explizierungsmedien für unser soziales Handeln helfen uns nun, die permanente Fortschreibung dieser Identitätserzählung so systematisch zu pflegen, wie es sonst bestenfalls mit einem penibel geführten Tagebuch möglich gewesen wäre. Das Reizvolle für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist in diesem Zusammenhang die zu beobachtende Ausweitung dokumentarischer Praxen in die Selbstverwaltung der Identität. Wo wir unser Leben, die Spuren, aus denen wir Erinnerung generieren können, expliziert aufzeichnen und damit, teilweise öffentlich sichtbar, nachprüfbar machen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass wir unsere Lebensgestaltung im Sinne eine dokumentierten Kontinuität und Stimmigkeit dieser Gesamtverläufe ausrichten. Dass der Sozialdruck, entstehend aus den geteilten Reise-, Konsum- und Aktivitätsbilanzen der Anderen, eine erhebliche Rolle spielt, ist unübersehbar.

Unser Web-Selbst wird so auf bestimmte Effekte hin manipuliert bzw. manipulierbar und unser, nennen wir es mal so, Offline-Selbst daran angepasst. Gerade bei Phänomenen wie dem Online-Dating entstehen erfahrungsgemäß häufig Differenzen aus dem geweckten Erwartungsbild (oder dem angenommen geweckten Erwartungsbild) und dem tatsächlich einlösbaren Offline-Original. Rein strukturell unterstützen die Plattformen die Verwandlung unserer sozialen Repräsentation in eine vermeintlich objektiv (Statistik) bewertbare Warenförmigkeit. Dies gilt also nicht nur in Hinblick auf unsere Adressierbarkeit für Werbung, sondern auch hinsichtlich des Repräsentationsdrucks auf unsere sozialen Kontakte, die uns jederzeit aus ihrem expliziten Netzwerk entfernen können, wenn wir ihnen als unpassend oder irrelevant erscheinen.

An der Schnittstelle zum professionellen Umfeld sind entsprechende Effekte noch deutlicher. Wo potentielle Arbeitgeber in den Besitz von Partyfotos und auf dieser Grundlage zu für uns realweltlich negativen Entscheidungen kommen können (eine große Debatte vor einigen Jahren), wirken diese Strukturen automatisch auf unser Verhalten zurück. Jedes aktuelle Mobiltelefon hat eine Kamera – wir können also überall fotografiert werden und müssen entsprechend überall adäquat wirken. Fast freut man sich, dass diese Spitze der Verhaltenslenkung noch nicht in Umsetzung ist und sich die Partytouristen in Berlin-Mitte nach wie vor benehmen als gäbe es weder Instagram noch ein Morgen. Und schließlich gibt es noch diejenigen, die keine Lust (mehr) auf die Nutzung dieser Verwaltungsmedien haben, denen die Gefahr der Fremdbeobachtung und / oder der Aufwand solcher Selbst(bild)kontrolle zu hoch ist. Offen ist allerdings, was wird, wenn eine virtuelle Repräsentation normativ wird, vielleicht sogar staatlich gesteuert. Wer das für absurd hält, der sollte sich einmal mit der Geschichte des Personalausweises befassen. Dann erscheint fast folgerichtig, dass früher oder später eindeutige digitale ID-Marker für unsere virtuellen Repräsentationen als notwendig eingeführt werden.

VII

Eine schöne Herleitung der generellen digitalkulturellen Entwicklung bis heute bietet in einer nahezu enzyklopädischen Form (immerhin nach dem Untergang der Enzyklopädien und damit der Vorstellung, man könne einen allgemeinen Kanon des Faktenwissens in einer geschlossenen Form abbilden) eine im Mai erschienene und noch erhältliche Sonderausgabe des zentralen Begleitmediums der Netzkultur – der Zeitschrift Wired: Wired. The first 20 years. (Interessanterweise wurde das mittlerweile zum popkulturellen Parallelmedium etablierte und weitaus anarchischere Vice Magazine fast zeitgleich gegründet. Wer die Jahrgänge dieser Publikationen bewahrt hat, dürfte für eine Genealogie der populärkulturellen Gegenwart mitsamt der dazugehörigen Kulturindustrie eine solide Forschungsgrundlage besitzen.)

Wired - das weiße Heft

Wired. Das weiße Heft, hier platziert auf einem Retro-Liegekissen. Auf der soeben erfundenen Moretti-Skala Close-Distant-Reading lautet die Leseempfehlung für diese Ausgabe: Mittel. Wer leichtgängigen kalifornischen Selbstbespiegelungsjournalismus mag, findet exakt was er erwartet, muss es also eigentlich nur überfliegen. Wer sich gern erinnern möchte, wie alles begann mit der Netzkultur, entdeckt die richtigen Schlüsselwörter (bzw. seine Madeleines wie Proustianer sagen würden). Wer sanftmütige Insiderscherze zur Ted-Talk-Präsentationspraxis sucht, bekommt Unterhaltung für die Länge von etwa 10 Tweets. Insgesamt ist die Ausgabe ein schmuckes Sammlerstück und wir werden in zehn Jahren sicherlich mit einigem Erstaunen und nicht wenig Freude an der Nostalgie wieder hineinblättern.

Diejenigen, die in den 1990ern mit der Netzkultur anbandelten, finden zudem im Jubiläumsheft eine Dokumentation einschlägiger Leitphänomene der eigenen Vergangenheit. Die Anknüpfungspunkte von A wie Angry Birds, Apps und Arab Spring über Friendster, Microsoft (sehr ausführlich), Napster (anderthalb Spalten), Trolling („But when skillful trolls do choose to converse with their critics, they poison the discussion with more over-the-top provocations masquerading as sincere statements.”, S. 160) und Wikileaks bis Z wie ZeuS sind jedenfalls vielfältig.

Ein schöner Trigger ist natürlich das Stichwort Blogs: 1998, als die meisten nutzergenerierten Inhalte noch bei Freespace-Anbietern wie Geocities oder tripod.com lagen, existierten, so erfährt man auf Seite 34, 23 Weblogs. Webweit. Ein Jahr später waren es ein paar zehntausend und der Schlüssel war eine vergleichsweise simple Webanwendung namens Blogger eines Zwei-Personen-Unternehmens namens Pyra Labs.

Diese Geschichte, genauso wie Google, das 2003 Blogger übernahm, zeigt den faszinierenden Kern der Digitalkultur. Die entscheidenden Entwicklungen waren immer durch das Engagement weniger Akteure (eine Porträtgalerie vom Präsidenten-Fotografen Platon präsentiert von Marissa Mayer bis Tim Cook all diese Lichtgestalten in Schwarz-Weiß), sehr simple Ideen, wenig langfristiger Planung und glücklicher Fügung geprägt. All diese Spuren sind so umfassend wie bei keiner anderen mächtigen Kulturentwicklung in der Menschheitsgeschichte dokumentiert. Die heutigen Big Player der Netzkultur begannen alle mit wenig mehr als vergleichsweise minimalem Budget und einer Idee. Wo man planvoll vorging und viel Geld investierte (kottke.com), ging es meist schief.

In die vom Ende der Geschichte erschöpften 1990er Jahre drang mit dem Internet eine frische Woge Zukunft und das Versprechen lautete, dass jeder, wenn er nur einen Computer und ein Modem und etwas Fantasie hatte, eine neue Welt nicht nur betreten, sondern sogar gestalten kann. (Und außerdem mit nur einer Idee sehr reich werden.) Für die Kulturindustrie wurden zu diesem Zeitpunkt die Karten neu gemischt, was viele Vertreter der etablierten Zweige weder verstanden noch überhaupt wahrnahmen. (sh. auch Sony, S. 136)

Das konnte natürlich auch scheitern, wie beispielsweise die Idee dank Hypertext nicht-lineare Narrationsformen durchzusetzen. „You can see this as a classic failure of futurism“, schreibt Steven Johnson zum entsprechenden Stichwort (S. 92), „Even those of us who actually have a grasp of longterm trends can’t predict the real consequences of those trends.” Wirkliche Webliteratur hat sich nirgends ein Publikum erobert und selbst wer nicht-lineare Texte liebt, liest seinen Danielewski (jedenfalls nach meiner Erfahrung) doch lieber als Blattwerk.

Die Übertragung des Vernetzungsprinzips auf die Reproduktion einer Verwaltungskartei für persönliche Kontakte wurde jedoch zum derzeitigen Zentralhabitat der Webpopulation. (sh. Facebook) Das man das Hauptgewicht tatsächlich auf Identität (das Gesicht) und nicht nur auf den Kontakt (ein Rolodex 2.0 hätte gewiss allein klanglich versagt) legte, ist Teil der Rezeptur.

Das weiße Wired-Heft selbst entspricht dem flockigen, anekdotengeschwängerten und niemals langweiligen Stil, der dem Web eigen ist, ist also auch ein gutes Zeitdokument journalistischer Standards der Netzkultur und lässt sich obendrein prima am Strand lesen. Idealerweise an einem mit Netzabdeckung, denn der Artikel zum Thema QR Code ist konsequent als QR Code-Verknüpfung eingedruckt. Mindestens so erstaunlich erscheint, dass die Firma 1&1 aus Montabaur auf Seite 193 eine Anzeige schaltet, deren Anmutung schon im Jahr 1993 in Wired altbacken gewirkt hätte. Aber vielleicht gerade deshalb.

VIII

Weiß man nach der Lektüre der Ausgabe präziser, wo wir nach 20 Jahren Wired (bzw. 20 Jahren Netzpopulärkultur) stehen? Vielleicht so viel, wie man über die Literatur einer Literaturgattung weiß, wenn man den Brockhaus-Artikel oder einen Moretti-Aufsatz zum Thema gelesen hat. Man hat einen Überblick und ein paar separate Fakten. Aber ohne unmittelbare Erfahrung bleibt es blanke Oberfläche. Die unmittelbare Gegenwartserfahrung zeigt eine gewisse Konsolidierung der Nutzungspraxen, die dafür mit dem Alltag verschmelzen. Die Wired-Ausgabe zeigt auf, was die vergangenen 20 Jahre eigentlich verschoben haben und nun sitzen wir hier vor den Macbook-Air und finden es eigentlich ganz okay, wenn es einen kleinen Sprung im Display gibt, also eine Brechung der Fassade. Im Hypertext-Eintrag heißt es: „and in the long run the web needed the poets and philosophers almost as much as it needed the coders.“ (S. 92)

Das Verhältnis scheint mir längst gekippt zu sein. Digitale Frühaufklärer wie Jewgeni Morosow und Gegenrevolutionäre wie Jaron Lanier sind längst im Metadiskurs auf Augenhöhe und in gleicher Dauerpräsenz wie die lange dominanten Futuristen und Heilsverkünder anzutreffen. Diese Vielstimmigkeit ist keine schlechte Entwicklung. Auch dahingehend geschah in den vergangenen Jahren sehr viel auch an Reifung. Alle, die über zwanzig sind, wissen, dass zwanzig Jahre überhaupt kein langer Zeitraum sind. Hält man sich vor Augen, wie grundlegend und disruptiv die Kulturverschiebung eigentlich wirkt (das Wired-Heft deutet es nur an), dann lief es – auch vor dem Horizont des geschichtlichen Wissens um kulturelle Verwerfungen) – geradezu friedlich und naiv ab, was sicher auch das Resultat einer schnellen und ziemlich umfassenden Bemächtigung, Steuerung, Moderation und Gestaltung dieser Prozesse durch einen nun digitalen Kapitalismus ist.

Die Entfaltung der Schattenseiten der Technologie, ihre Intrusivität hat sich bisher mit dem Emanzipationspotential die Waage gehalten. Ihres dystopischen Gehalt sind wir uns bewusst (und wer Nachholbedarf hat, sollte Gary Shteyngarts Super Sad True Love Story lesen).

Die Einblicke in Tempora und Prism durch Edward Snowden sind sicherlich eine nächste Zäsur und ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Risiken eine Omnikodifizierung und Vernetzung unserer Lebenswelten. In jedem Fall zeigen sie die Notwendigkeit einer übergeordneten Gegenkontrolle zum angeordneten Monitoring unserer digitalen Handlungen. Entsprechend wichtig ist auch die Rolle der Intellektuellen und eines dekonstruierenden intellektuellen Diskurses dazu. Der muss nicht zwingend in der Wissenschaft geführt werden. Aber es würde natürlich der Wissenschaft nicht schaden, wenn sie ihn führte.

Das Fruchtbare dieses Bremsdiskurses wäre übrigens, dass die Gesellschaft beständig die gesamte Bandbreite ihrer Wertvorstellungen, Wünsche und Ängste gegenüber dem digitaltechnisch Machbaren und der Digitalkultur reflektiert, um früh und deutlich genug Einspruch erheben zu können, wenn etwas aus dem Ruder läuft und wenn neue Totalisierungstendenzen gleich welcher Art entstehen. Die Literatur schafft es, uns dafür sensibel zu halten, gerade in dem sie in der Nahlektüre berührt. Ich bin mir nicht sicher, wie die Stilanalytik des Distant Readings aus dem Stanford Literary Lab dafür einsetzbar wäre.

26.06.2013

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (19): Wird Tumblr das Facebook der Generation Z?

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 3. März 2013

von Ben Kaden

„Dein Tumblr-Blog ist offline: Ein schöner Tag zum Sterben.“ – Audio88 und Yassin: Die Quadratur des Dreiecks. (Vinyl 7″. Erschienen bei: Spoken View, 25.01.2013)

„Ich zähl die Millen, chill in Villen, du bist still, Digger / Keine Zeit für Facebook und Unsinn zu twittern“ – Haftbefehl: Welcome to Alemania (Auf: Blockplatin. Doppel-CD. Erschienen bei: Azzlackz, 25.01.2013)

Was die Häufigkeit der Erwähnung im Korpus der Raplyrics (nach rapgenius.com) angeht, so liegt das Verhältnis von Facebook zu Tumblr derzeit (noch) bei etwa 10:1. Dass die auf dieser Plattform hinterlegte und annotierbare Textkultur einen exzellenten Seismographen für die (jugend)kulturellen Trends der westlichen Hemisphäre bildet, ist in Deutschland spätestens seit dem Artikel Schallmauer des Internets Andrian Kreyes in der Süddeutschen Zeitung (sueddeutsche.de, 24.01.2013) weithin bekannt. Rapgenius könnte gerade durch seine popkulturelle Tiefengrundierung die Digital Hermeneutics zu einem hippen crowdgesourcten Alltagsvergnügen machen und nebenbei zeigen, dass die Digitalen Geisteswissenschaften momentan in der Freizeitvariante ein fruchtbareres Echo als in ihrer professionellen Ausprägung  finden. In jedem Fall könnten sich die Entwickler entsprechender Werkzeuge hier ein paar Hinweise abholen.

Auch wenn wissenschaftliche Kriterien die dort Annotierenden und Auslegenden höchstens implizit bewegen: Die Wissenschaft hat mit rapgenius.com einen Radar für das, was derzeit entweder aufstrebenden KünstlerInnen – die selbst den Trends folgen – oder eben den etablierten TrendsetzerInnen als markant genug erscheint, um ein Publikum zu erreichen. Wobei erreichen voraussetzt, dass die Zuhörerschaft mit den Referenzen in den Texten auch etwas anfangen kann. Die sehr aktuelle, äußerst textlastige und weithin jugendkulturell etablierte Rapkultur erfasst, so eine These aus dem Ärmel, für bestimmte Statusgruppen relativ großflächig semiotische (und semionische) Bewegungen (Zeichenprägung, Zeicheninterpretation, Zeichenverwendung). Trend- bzw. Konsumtrendscouts haben hier also ihr Trüffelterrain. Und Kultursoziologen sowieso. Denn wenn beispielsweise der Friedrichshainer Rapper Mc Fitti (auch bekannt dank seiner Single Whatsapper) einen Text YOLO (Video online seit 22.01.2013) nennt, dann ist es nicht nur eine etwas typisch überironisiert-bemühte Post-Hipster-Pose. Sondern eben auch eine Aufzeichnung aktueller Kulturmerkmale aus der Hauptstadt.

II

„Hashtags auf Blogs und auf Facebook“ – ob diese Zeile aus dem Titel demnächst noch auf dem Kamm der Social Media-Welle Platz hat ist ein wenig fraglich. (Die digitalhermeneutische Auslegung lautet übrigens: „Hashtags wurden etabliert auf Twitter und neuerdings auch Instagram, aber auf Blogs und Facebooks funktionieren sie nicht. Fitti benutzt sie dort trotzdem. #yolo“)

Denn im Zuge einer derzeit halbwegs populären (nach den Metriken des Streuens in Social Media) Nachricht, die da lautet, dass der bisherige Facebook Director of Product, Blake Ross, sich neuen Aufgaben zu wendet, lieferte Ross eine nicht ohne Ironie aber eben auch nicht ohne Wahrheit formulierte und nun viel zitierte Anekdote mit:

„I’m leaving because a Forbes writer asked his son’s best friend Todd if Facebook was still cool and the friend said no, and plus none of HIS friends think so either, even Leila who used to love it, and this journalism made me reconsider the long-term viability of the company.”

Das ist weniger albern und aus der Luft geschossen, als es zunächst klingt. Die Diskurslinie der schwindenden Popularität von Facebook bei den Teenagern gibt es in den spezialisierten Webmedien bereits länger (=einige Wochen). Vor einer Woche jedoch begegnete sie mir leibhaftig  am Puls der Trendkultur der Bundesrepublik, nämlich in Berlin-Kreuzkölln. In einem kleinen Kreis junger kreativer Mittzwanziger wurde die Frage nach der möglichen Facebook-Freundschaft abschlägig beurteilt und zwar nicht aus persönlicher Antipathie sondern schlicht, weil man damit „durch sei“. Zu fordernd, zu bedrängend und zu süchtig machend sei die dort quasi eingeforderte Dauerinteraktion und da man Freunde lieber „in echt“ trifft, wurde der Tipping Point spätestens dann erreicht, wenn genau diese Kontakte unbefriedigend ausfallen mussten, weil auch im Lokal jeder permanent – übrigens nicht mehr per iPhone, auch das ist erledigt – sein Profil prüfte und optimierte Man könne jetzt aber gern dem Tumblr-Blog folgen.

III

Dieser Bewertung aus der Erfahrungswelt stellt CNET noch einen weiteren Aspekt zur Seite, der für Teenager hochrelevant ist: Facebook wird unpopulär, da mittlerweile auch die Eltern dort unterwegs sind:

„Facebook has become a social network that’s often too complicated, too risky, and, above all, too overrun by parents to give teens the type of digital freedom or release they crave.”

Facebook wird aus diesen Perspektiven folglich weniger als Ort der kommunikativen Entfaltung und mehr als einer der sozialen Kontrolle empfunden. Was sich weitgehend mit allgemeinen Nutzungserfahrungen decken dürfte. Generell bewahrheitet sich, dass Mainstreamfizierung folgerichtig zur Bildung neuer Abgrenzungsbewegungen führt. Anders als die übrigen digitalen Platzhirsche Google und Amazon, die weniger wegen ihrer Coolness und mehr wegen ihrer aus Kundensicht optimalen Dienstleistungen populär sind, leidet zum Beispiel Apple ein wenig darunter, dass der vermeintliche Avantgarde-Bonus mittlerweile nicht mehr gegeben ist. Ein iPad hat auch der fünfjährige Sohn des Nachbarn und Hausmeister Krause verfolgt nach dem Vertragswechsel bei der Telekom nun neben der Gartenarbeit auf dem iPhone 5 den Bundesliga-Ticker.

Das Unternehmen kann dies jedoch ebenfalls dank seiner nach wie vor stabil hohen Produktqualität ausgleichen und dürfte sich, wenn nichts schiefgeht, ein bisschen als Mercedes-Benz der Digitaltechnologie festsetzen: als Anbieter hochentwickelter und  hochpreisiger Produkte, die genau den Geschmack der Etablierten treffen. Für eine Existenz des Unternehmens auf höchstem Niveau reicht das sicher noch. Für einen Überhype zukünftig aber vielleicht nicht mehr. Wer in am Spreewald-Platz unterwegs ist, sieht jedenfalls auch, dass das Smartphone als Smartphone eigentlich niemand braucht und wenn WhatsApp nicht die SMS ersetzt hätte, sähe man vermutlich noch mehr dieser robusten Dumbphones, bei denen es auch nicht dramatisch ist, wenn sie morgens um halb fünf in irgendeinem Taxi nachhause verloren gehen.

IV

Im Gegensatz dazu steht Facebook vor der Herausforderung, vor allem die soziale Vernetzung (bzw. ihre Abbildung) als Produktkern zu besitzen. Der Fall StudiVZ zeigte, dass dies nur relevant ist, wenn sich das Netzwerk bzw. die Kontakte, die man sucht, auch dort finden lassen. Ein Ausstieg ist bei solchen Plattformen – im Gegensatz zu den nichtvirtuellen Netzwerken – vergleichsweise schmerzfrei und aufwandsarm möglich (das Entzugsdelirium möglicherweise Abhängiger einmal ausgeklammert). Daher verzeichnen nicht wenige Nutzer auf Facebook in letzter Zeit eher schrumpfende Kontaktzahlen (so jedenfalls die positive Erklärung). Sind also die Leute, die man persönlich für wichtig erachtet und die man nicht zuletzt auch als Publikum für sein Livecasting erreichen möchte, nicht auf der Plattform zu finden, verliert das Angebot an Reiz, Bedeutung und Aufmerksamkeit. Und mit dem letzten Aspekt auch die Grundlage seines Betriebsmodells.

Obschon derzeit nicht zu befürchten ist, dass Facebook ein Schicksal analog dem der trüben Holtzbrinck-Netzwerke droht, scheint es offensichtlich, dass dem Unternehmen seine Dominanz eben nicht so grundstabil wie bei Google gegeben ist. Sondern, dass es – vielleicht in Konkurrenz zu Google – unbedingt das derzeit vorhandene Vermögen (vor allem im Bereich der Social Data) in die Entwicklung neuer Produkte einbringen muss. Maßgeschneiderte Werbung allein dürfte kaum als Anker reichen. Der gangbare Weg ist vermutlich, die Transformation vom Trendprodukt zur Alltagsbasis weiterzugehen. Facebooks Zukunft könnte die eines Netzwerkgeneralisten werden, eine Mischung aus interaktiven Gelben Seiten, Telefon- und privatem Adressbuch (mit eingelegten Urlaubsfotos und ein paar Tagebuchnotizen). Entsprechend betont Adam Rifkin in einem Beitrag für TechCrunch die Rolle der Plattform als Medium des sozialen Zusammenhalts:

„It’s important to note that Tumblr is not replacing Facebook; it’s merely siphoning off some authentic liking and sharing, especially among young Americans. Facebook needs to exist because it’s holding down the Mom, siblings, and lame friends part of a person’s social life — the “public-private” life, if you will. As long as Mom sees you on Facebook occasionally, she isn’t going to think to look for you on another site… which paradoxically frees young users to act out on a stage that seems more private to them despite being on the open web.”

V

Warum also jetzt Tumblr? In gewisser Weise erscheint Tumblr als ein stark verbessertes MySpace. Die Plattform fokussiert, was MySpace in seinen frühen Jahren so erfolgreich machte: Content. Geht es in den Facebook-Strukturen fast karteihaft um mehr oder weniger nüchterne Möglichkeiten der Selbstdarstellung über die Visualisierung (bzw. Auszählung) sozialer Beziehungen, betont Tumblr den Austausch von Inhalten.Deren Popularität wird, halbwegs dezent als Notes, abgebildet. Ein Artikel zum Thema auf The Verge zitiert einen 15-jährigen mit den Worten:

„It just seems more intimate and its not really a place of bragging, but more of a place of sharing.”

Wer bei Tumblr einen Inhalt einspeist, freut sich, wenn ihn 50 weitere NutzerInnen verbreitet haben. Wenn 30 von diesen dann auch noch den eigenen Stream abonnieren, ist das schön. Aber nicht Kern der Aktivität.

Das Teilen von Inhalten ist denkbar einfach: one-click. Tumblr vereint so die Funktionalität des Weblogs mit der des sichtbaren Bookmarkens und Weiterleitens. Das man nicht direkt kommentieren kann, reduziert die Kommunikationskomplexität auf ein handliches Minimum.

Wie bei Facebook gibt es neben der Share- auch eine Like-Funktion. Per Tumblr-metrie wären entsprechend zweidimensionale Popularitätsanalysen zu konkreten Inhalten möglich. Ungleich zu Facebook gibt es die Möglichkeit, direkt Tags zuzuordnen und somit eine inhaltsfilternde Ebene. Die Tumblr-Suche funktioniert derzeit nur in diesen Tags – für die Volltextsuche benötigt man Google.

Die Vernetzung bei Tumblr bezieht sich nicht auf direkte Personen (wenngleich man sich auch als Person inszenieren kann) sondern auf Einzelinhalte Tumblr-Streams. Das Ego des Autors wird demnach hauptsächlich durch Inhalte vermittelt, nicht durch seine Präsenz an sich. Es ist zwar möglich, ein Template für den eigenen Präsentationsstream zu gestalten, aber so richtig wichtig erscheint dies nicht und die visuellen Exzesse, für die MySpace in seiner späten Phase berüchtigt war, muss man aktuell noch sehr suchen.

Aus urheberrechtlicher Sicht ist Tumblr allerdings zweifellos ein mittelprächtiger Albtraum. Urheberrechtsverstöße können derzeit nur über ein Copyright-Infringement-Formular gemeldet werden. Und danach folgt vermutlich ein eher intransparentes und aufwendiges Löschverfahren. Aus dieser Warte dürfte Tumblr also bei wachsender Popularität noch für einiges Aufsehen sorgen. Definitionsbedarf besteht hier ohnehin an der Stelle, ob jedes Teilen eine separate Verbreitungs- bzw. Vervielfältigungshandlung darstellt oder einzig derjenige, der die Ersteinspeisung eines Inhalts in das Tumblr-Netzwerk vornahm, für einen eventuellen Verstoß verantwortlich ist. Und wie man diesen überhaupt identifiziert. Zur Anmeldung bei Tumblr braucht man bisher nur eine valide E-Mail-Adresse.

Andere Räume

Die Eroberung anderer Räume. Das Motto raum:shift ist durchaus mit Bedacht gewählt. Denn es war so zu erwarten wie es mehr und mehr zu beobachten ist, dass digitale Kommunikationswelten eben nicht nur binär codiert werden. Sondern alle möglichen Mischnutzungen erfahren. Eine Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die gesellschaftliche Relevanz beansprucht, muss vielleicht nicht jeder dieser Verästelungen folgen. Aber sie muss  schon die relevanten Zweige der Entwicklung registrieren, verstehen und entsprechende Schlüsse kommunizieren. Was nicht immer einfach ist. Aber gerade deshalb reizvoll.

VI

Solange wir auf die Musterprozesse (und den großen Abmahntsunami) noch warten, scheint die Verschiebung im Webnutzungsverhalte interessanter. Im Beitrag von Ellis Hamburger für The Verge findet sich folgende Einschätzung:

„Ultimately, the day of the overshare may have passed, and bragging online isn’t as fun as it used to be. “I think that kids just don’t care anymore, […] They have gotten over the idea of knowing everybody’s life and everybody knowing their lives!””

Das ist auch aus Sicht einer Digital Literacy bedeutsam. Sollte dies wirklich das Bewusstsein der Generation Z (oder auch Post-90s) prägen, dann zeigte sich hier eine ziemlich abgeklärte Sensibilität im Umgang mit diesen Medienformen. Während die Kulturkohorten vor ihnen Social Media als Innovation erlebten haben und – wie bei Innovationen üblich – die gesamte Bandbreite von extremer Skepsis bis hin zur Übernutzung ausprobierten, findet diese Generation einen eher natürlichen Modus vivendi mit der allgegenwärtigen digital vermittelten Sozialität (und Soziabilität), der nichts vom Staunen über die Möglichkeiten und viel von einer Redefinition bzw. Anpassung der Verwendungspraxis getreu eigenen Vorstellungen enthält. Man sticht mittlerweile mit dem Facebook-Profil auch bei sorgfältigster Pflege nicht mehr heraus und folgerichtig erscheint es unsinnig, darauf überhaupt Wert zu legen. Wenn an dieser Stelle die mittelbare und auf Tausch orientierte Selbstentfaltung die auf Status orientierte direkte Selbstdarstellung, die Facebook strukturell betont, ablöste, wäre das eine auch für Bibliotheken interessante Entwicklung.

VII

Denn einerseits müssen sie in jedem Fall wissen, was ihre (zukünftigen) Zielgruppen an kulturellen Werten, Zielen und Wünschen verfolgen. Und andererseits sind Inhalte und deren Vermittlung ihre genuine Stärke. LIBREAS probiert  – ergebnisoffen und mit nicht wenig Freude –seit Januar, ob sich die Idee einer digitalen Referatezeitschrift und damit auch so etwas wie Wissenschaftskommunikation über Tumblr abbilden lässt. Als Haupthürde zeigt sich dabei die simple Tatsache, dass die entsprechende Zielgruppe bisher (noch) nicht in diesem Medium aktiv ist. Auch was das generelle Verständnis für das Medium angeht, hat Tumblr im Jahr 2013 vielleicht den Stand von Twitter anno 2008.

Wie sich das für Bibliotheken darstellt, ist nicht ganz klar. Man findet aber zum Beispiel eine Reihe von Inhalten, die – an anderer Stelle – von der Library of Congress ins Netz gestellt wurden.

Der Bedarf scheint also – wenn auch nicht ad hoc quantifizierbar – gegeben. Problematisch für das Trendmedium Tumblr dürfte aber sein, dass spätestens dann, wenn die Bibliotheken Tumblr-Seiten betreiben, der Mainstream da ist. Dass diese Medium einen grundsätzliche Bedeutung wie Facebook erlangt, ist derzeit jedenfalls nicht zu erwarten. Aber vielleicht läuft es eine Weile neben Twitter mit, dem es am Ende angesichts der Beschränkung auf ein sehr einfaches Grundprinzip wahrscheinlich doch näher steht. Aus meiner Sicht kann man Tumblr, wie ich schon einmal schrieb, irgendwo zwischen diesem für ausführliche Inhalte gedachten Weblog und dem Verbreitungskanal Twitter verorten. Dass nun eine kleine Konkurrenz zu Facebook entstehen soll, kommt auch für mich einigermaßen überraschend und begründet sich vor allem darin, dass dies die derzeit eher zufällig nahe liegende Alternative ist. In Bezug auf digitale Soziale Netzwerke ist sie vermutlich nicht die Zukunft. Vielleicht aber ein Türöffner, der die Hegemonie von Facebook ein Stück weit durchbricht und die den Weg für andere Varianten der sozialen Interaktion im Web bereitet.

In den Raptexten werden übrigens beide Varianten gleichermaßen ganz gern, wie die Eingangszitate zeigen, als überflüssige Medienformen abgekanzelt. Die spannende mediensoziologische Frage wäre nun, inwieweit dies irgendeinen Einfluss auf die Hörerschaft hat. Die Deutung von Social Media als Zeitverschwendung weist jedenfalls nicht wenig in die Richtung, dass (nicht nur) die Generation Z ausgerechnet das Erleben nicht-digitaler Räume als äußerst attraktiv empfindet. Ohne Digitaltechnologie wird dies sicher nicht ablaufen. Allerdings wird sie, so (nicht nur) meine Vermutung, nicht vordergründig darübergestülpt, sondern dezent in diese eingebettet sein.

Nebenbei bemerkt: Dem Facebook aus Zeitgründen abgeneigten Haftbefehl folgen auf Facebook aktuell mehr als eine halbe Million Nutzer. Audio88 und Yassin haben bislang keinen Tumblr-Blog.

(03.03.2013)

Das Jahr 2011 in der internationalen Bibliotheks- und Informationswissenschaft.

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 31. Dezember 2011

Eine Rundschau von Ben Kaden

Zum Jahresende blickt man nicht selten auf Stapel von Publikationen, die durchzusehen man sich anschickte, es aber aus dem einen anderen Grund nicht mit dem gewünschten Erfolg umzusetzen verstand. Schichtarbeiter, zu denen ich zähle, neigen vielmehr sogar dazu, die Stapel mit den Jahren wachsen zu lassen. Dass man sie bei digitalen Publikationen nicht direkt materiell als Bürde des Unterlassens vor sich sieht, ist nur ein schwacher Trost.

Bevor ich nun mit der Aufschichtungstradition zu breche und 2012 mit einem leeren Tisch in einem frisch gelüfteten Raum beginne, möchte ich wenigstens stichprobenartig ein bisschen durch den virtuellen Haufen des bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Outputs tauchen und ein paar Nadeln herausheben, um sie als Pins in meine persönliche kognitive Karte des Fachs einzustecken. Die Auswahl ist notwendig voreingenommen und hoch selektiv.

Mir steht dabei die klassische Kennzahl – hoffentlich richtig – vor Augen, dass ein Wissenschaftler im Jahr ca. 1000 Aufsätze sichtet und etwa 100 liest. Und einen schreibt. An anderer Stelle wurde mir einmal vorgerechnet, dass man etwa 70.000 Seiten im Jahr lesen muss, um halbwegs auf dem aktuellen Stand der Wissenschaftsentwicklung zu bleiben. Im Terror dieser Werte gefangen arbeite ich mich wie die meisten meiner Peers durch einen nicht zu bewältigenden Berg an Publikationen und lege ab und an selbst noch ein drauf. Für die nachfolgende Rundschau habe ich in etwa das Jahrespensum eines Wissenschaftlers zusammengedampft. Mehr geht derzeit nicht. Für eine vollständige Durchsicht des Publikationsgeschehens eines Jahres müssten die Zeit zwischen den Jahren bzw. vielleicht sogar die Jahre bedeutend länger sein. Immerhin lässt sich für das nächste Jahr vornehmen, die Materialstapel gleich zeitnah vielleicht einmal im Monat zu bearbeiten und auf diesem Weg einen systematischeren Blick auf die bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Entwicklungen zu entwickeln. Dies würde auch dazu beiträgen, dem Referateansatz dieses Weblogs eine verlässlichere Form zu geben.

Selbstverständlich wäre es etwas unsinnig, den Zeitraum eines einzigen Jahres als repräsentative Eingrenzung für das Geschehen in einer Wissenschaft heranzuziehen. Zumal auf der Basis von Zeitschriftenpublikationen. Denn solche Beiträge stecken schon mal gern länger im Review- und Drucklegungsverfahren und stammen genau genommen oft bereits aus dem Vorjahr.

Wenn wir versuchen anhand der Zeitschriftenpublikationen des Jahres 2011 Trends für Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu ermitteln, ermitteln wir eigentlich, womit sich die Forschung 2010 beschäftigte. Andererseits sind die meisten der Beiträge tatsächlich erst irgendwann im Laufe des Jahres 2011 in unserer Aufmerksamkeit gelangt und haben unsere Forschungsperspektive daher in diesem Zeitpunkt auch erst beeinflussen können.

Die Wissenschaftskommunikation ist demzufolge ein stabil zeitversetzter Prozess, der, wenn man sich zum Beispiel die Entwicklung der Sozialen Netzwerke und ihrer gesellschaftlichen Rolle ansieht, immer einen Tick hinter einem allgemeinen Zeitgeist zu verorten scheint. Dafür ist die Perspektive weiter, denn der Leser sieht, wohin sein Tablet ihn tatsächlich trägt und liest drauf, was man im Sommer zuvor über eine mögliche Tragweite dachte. Wenn man Glück hat, gelingt aus dieser Lücke auf Seiten des Beobachters eine stimmige Extrapolation in die Zukunft.

Nachfolgend werden nun bar jedes Anspruchs auf Vollständigkeit stichpunktartig Kernaussagen, Trends, Erkenntnisse und Fakten zusammengestellt, die einige der Leitthemen und Haupttrends der internationalen Bibliotheks- und Informationswissenschaft des Jahres 2011 umreißen.

Lässt man die Lektüren des Jahres 2011 nun binnen einiger Nachmittagsstunden an Jahresendfeiertagen ihre Revue passieren, dann fällt für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft im Rückblick auf, dass es nicht unbedingt eine Disziplin der großen Durchbrüche, Erkenntnisexplosionen und Quantensätze handelt, sondern um ein Fach mit einerseits sehr heterogenen Themenstellungen und andererseits mit eher behäbigen Verschiebungen im Diskurs. Für die Wissenschaft dürfte das einem Normalzustand entsprechen: Die Paradigmenwechsel – sofern man an Kuhn glaubt – vollziehen sich natürlich dennoch und einige Tendenzen werden ich nachfolgend herausstellen. Aber wenigstens im Zeitschriftenbereich finden sich im gesichteten Korpus (besonders Journal of Documentation, Journal of Information Science, Journal of the American Society for Information Science and Technology, Knowledge Organization, Scientometrics) keine Leuchtturmpublikationen deren Strahlkraft geeignet ist, völlig neue Sichtweisen zu eröffnen oder wenigstens in eine deftige Wissenschaftskontroverse zu führen. Die Diskussionen zwischen Birger Hjørland (2011b, http://dx.doi.org/10.1177/0165551511423169) und Marcia Bates (http://dx.doi.org/10.1002/asi.21594) deuten immerhin an, dass etwas in dieser Art denkbar ist und wie es aussehen könnte. Und auch der Text von John Palfrey und Johnathan Zittrain (http://dx.doi.org/10.1126/science.1210737) als einer von wenigen interdisziplinären Ausreißern der Rundschau zu Science und Nature bestätigt eigentlich nur, dass unsere Disziplin notgedrungen ein Fach des Digitalen ist.

Um diese Aussage gleich wieder einzuschränken muss nochmals unbedingt auf die Subjektivität von Auswahl, Deutung und Schwerpunktsetzung verwiesen werden. Die Zusammenfassung schließt vorwiegend solche Quellen ein, die ich persönlich benutze, um mich ein wenig auf dem Stand des Forschungs- und Erkenntnisverlaufs in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu halten. Eigene Lektüreinteressen spielen bei der konkreten Titel- und Artikelauswahl keine geringe Rolle. Es kann also durchaus sein, dass ich den das Paradigma umstoßenden Beitrag schlicht nicht gesehen und/oder nicht als solchen erkannt habe. Berücksichtigt wurde zudem in diesem Fall ausschließlich Zeitschriftenliteratur (mit einer persönlichen Ausnahme, die eigentlich in der LIBREAS-Ausgabe 19 als Aufsatz erscheinen sollte…). Nach einen kurzen Zusammenfassung der Haupttrends werden einzelne, in meinen Augen notierenswerte Erkenntnisse, Einsichten, Positionen und Fakten in Form von Stichpunkten zwar grob geclustert, im Übrigen jedoch soweit als möglich neutral und unkommentiert abgebildet. (more…)

Autorität und Schreibmaschine: Überlegungen zur Digitalkultur.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 1. April 2011

“I love the tactile feedback, the sound, the feel of the keys underneath your fingers”

In der Ausgabe des Times Literary Supplement vom 25. März 2011 bespricht der Medienwissenschaftler David Finkelstein unter der Überschrift „Textual liberation“ zwei aktuelle Bücher zur Veränderung des Schreibens unter digitalen Bedingungen. Das Thema ist nicht nur medientheoretisch, sondern auch bibliothekswissenschaftlich bedeutsam, betrifft doch der Übergang zum so genannten Read/Write-Web und die damit verbundene Wandlung der dominierenden Lese- und Schreibtechnologien und -praxen alles, was für Bibliotheken die Zeitstrahlsegmente Gegenwart und Zukunft markiert.

Nachfolgend spanne ich von diesem Rezensionstext ausgehend auf sanften 3000+ Wörtern einen regen Bogen ausgehend vom Zusammenhang zwischen dem digitalen Handeln und den dieses Handeln prägenden Institutionen hin zur Parallele von Schreibmaschine und digitalem Textwerk vor dem Hintergrund einer Studie aus dem Jahr 1932. An den Bibliotheken geht dieser Bogen ausnahmsweise etwas vorbei. (more…)

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