LIBREAS.Library Ideas

Am Impuls der Zeit? Hans-Ulrich Gumbrecht ringt in der FAZ um ein Verständnis der digitalisierten Gegenwart.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 12. März 2014

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

zu: Hans-Ulrich Gumbrecht: Das Denken muss nun auch den Daten folgen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 11.03.2014, S. 14
(ebenfalls zitiert: Brita Sachs: Was der Computer aus den Bildern macht, die wir ihm geben. In: ebd.)

Gestern eröffnete Hans-Ulrich Gumbrecht eine Feuilleton-Serie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Zukunft des Geistes und der Geisteswissenschaften unter dem Einfluss der Digitalisierung mit einem Beitrag, der sich immerhin spart in die Kulturverfallskerbe zu schlagen, die auf derselben Seite des Feuilletons Brita Sachs in der Besprechung der derzeit im Kunstverein München gezeigten Ausstellung „La voix humaine“ ein bisschen über Gebühr bearbeitet wird.

Brita Sachs analysiert mehr de ressentiment als en passant das Phänomen des Selfies mit einer trübseligen Abqualifizierung, die man noch jedem neuen Schwung nutzergenerierter und daher fast zwangsläufig auch selbstzentrierter Inhalte entgegen geschleudert sah:

„Die mit dem Smartphone geschossenen, ins Netz gestellten Selbstporträts dienen im narzisstischen Dauerakt digitaler Selbstdarstellung dem Ziel maximaler Verbreitung: Ich zeige euch, wo ich gerade bin, was ich esse, anziehe, seht euch an, wie ich Party mache, wie süß ich meinen Partner gerade finde. Wen interessiert das alles wirklich?“

Natürlich niemanden. Nur sind diese Selbstinszenierungsmechanismen allenfalls sympathischer als der Personenkult des Celebrity-Wesens, der in der FAZ naturgemäß auf Minimalniveau, in boulevareskeren Medien jedoch immer titelseitentauglich ist. Wo man ausgiebig vorgeführt bekommt, in welchem Lokal ein George Clooney während seiner Berlin-Aufenthalte seine Rinderfilets verputzt (Grill Royal), ist es doch eigentlich beruhigend, wenn auch noch durchschnittlichere Menschen der Gegenwartskultur die Chuzpe besitzen, ihre Mahlzeiten gleich in der Nähe beim Syrer in der Torstraße zu twittern. Egozentrismus ist unserer Zeit nun mal deutlich positiv besetzt und wird oft geradezu eingefordert. Das kann und sollte man auch mal kritisieren. Aber auf den in dieser Hinsicht vermutlich nicht in Dauermetareflexion gefangenen Alltags-Facebook-Nutzer einer Eimer Verachtung auszuschütten, wie es die Kunstjournalistin Brita Sachs im Verhältnis zur Gesamtlänge ihrer Ausstellungsbesprechung vollzieht, ist fast noch niedriger. Wen interessiert das alles wirklich?

„Egal, seinen mit einer Menge sogenannter Freude vernetzten Produzenten gibt er [der Selfie-Fotograf] das Gefühl, ständig mitzumischen, und munter plätschert die Egozentrismusschwemme so über die Beschädigung analoger Kommunikation hinweg.“

Und führt, so Brita Sachs, die nach zwei von vier Spalten endlich für wenige Sätze zur Ausstellung findet, zur Isolation durch / trotz mediale/r Allround-Konnektivität. Was auch nicht unbedingt die neueste aller Erkenntnisse ist. Offen bleibt freilich, ob sich die digital vermittelte Einsamkeit wirklich qualitativ von der unterscheidet, der erkennende, suchende und fühlende Menschen seit Jahrhunderten begegnen.

Insofern scheint der direkt darüber gedruckte Text Hans-Ulrich Gumbrechts nicht besser platzierbar, ruft er doch zu einer anderen, klareren, die Digitalität in ihren Eigenheiten erfassenden Auseinandersetzung auf: (more…)

Niemand braucht die Bibliothek als Raum, meint Alexander Grossmann.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 19. Februar 2014

Am Sonntag veröffentlichte der Tagesspiegel einen Leserbrief seines Lesers Alexander Grossmanns (online seit 18.02.2014), der sich gegen einen Neubau für die Berliner Zentral- und Landesbibliothek ausspricht und dies mit der These begründet, dass heute niemand mehr die Bibliothek in gebauter Form benötigt. Eine Tiefenlektüre des Leserbriefes zeigt, dass die Argumentation erhebliche Defizite besitzt.

von Ben Kaden (@bkaden)

Während die Leserkommentare im Webangebot des Tagesspiegels – wie übrigens bei den meisten Presse-Online-Auftritten allgemein – im Normalfall vor allem einen ernüchternden bis Entsetzen hervorrufenden Einblick in die Niederungen menschlicher Kommunikationen bieten, enthalten die redaktionell vorgefilterten Lesebriefspalten in den Druckausgaben ab und an doch einen Stichpunkt, der eine Debatte inhaltlich weiterzubringen verspricht.

Wenn sich nun, wie am Sonntag (16.02.2014, S. 16) im Tagesspiegel, auch noch ein Leserbrief zum geplanten Neubau der Zentral- und Landesbibliothek in Berlin mit der Überschrift „Virtuelle Bücherei Berlin“ (online unter dem zugespitzterem „Kein Mensch braucht die Landesbibliothek“)  findet, der zudem von einem Professor Doktor aus dem bildungsbürgerlich weitgehend als gehobenen zu bezeichnenden Berlin-Frohnau geschrieben wurde, wobei sich dieser Professor auch noch als Professor für Verlagswirtschaft nach kurzer Websuche mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als Professor an einer Fakultät Medien entpuppt, dann sind die Erwartungen an eine substantielle Erweiterung der Debatte nicht unerheblich.

Nach der Lektüre des Briefes zeigt sich, dass Alexander Grossmann argumentativ ein bisschen auf den Spuren von Kathrin Passig wandelt und wieder einmal alle Klischees auf den Tisch legt, die sich gemeinhin einstellen, wenn man aus einer bestimmten Warte heraus den eigenen Lebensstil extrapoliert und Einsichten aus der praktischen Bibliotheksnutzung (sogar ein Blick auf die Bibliothekswissenschaft sollte für einen Professor im Medienbereich nicht unbedingt als unzumutbar gelten) ausblendet.

Was den Artikel allerdings heraushebt, ist, dass ihn eigentlich nichts heraushebt, sondern dass er vielmehr in seiner argumentativen Durchschnittlich- und Oberflächlichkeit alles bündelt, was die Misere des Diskurses um Aktualität und Zukunft des Bibliothekswesens kennzeichnet, die einem regelmäßig auch auf Podien begegnet. Die vier Reiter dieses Corsos sind: Digital ist die Gegenwart, Digital ist mein Leben, Digital ist die Zukunft, Digital ist innovativ. Dagegen wäre nichts einzuwenden, außer dass so eine Position 2014 ein bisschen altbacken wirkt. Es stört nur, wenn diese Sichtweise als alternativlose Zustandsbeschreibung der wirklichen Welt aufgeboten wird. Nebenher trotten außerdem die Grundannahmen, dass alle Bibliotheken im Prinzip gleich sind und ihre Hauptaufgabe in der Zugänglichmachung von Information bestehen. Was selbstverständlich zu simpel ist. Aber weiß das jeder, der den Tagesspiegel (oder ZEITonline) liest?

Möglicherweise ist es daher sinnvoll, den Leserbrief nicht einfach in die Altpapierentsorgung zu geben, sondern etwas zu sezieren, um an diesem Beispiel zu verstehen, wie solche Argumentationsführungen gestrickt sind und welches Argument mit welchem Gehalt eingesetzt wird.

1. Die Gegenwart ist digital, die Bibliothek als Ort ist es nicht.

Es gibt sicherlich eine Reihe von Gründen, die man gegen den geplanten Neubau der ZLB anführen könnte. (Es gibt auch einige dafür.) Alexander Grossmann hat leider nur zwei schlechte Gründe parat:

a) ist der Neubau ein sündteures Prestigeprojekt der SPD und vor allem von Klaus Wowereit.
b) braucht heute niemand mehr ein Bibliotheksgebäude.

Den ersten Aspekt müssen wir nicht weiter reflektieren. Es ist klar: Prestigeprojekten haftet ja immer etwas Negatives, auch wenn am Ende mitunter ikonische bis mittelmäßige Architektur (Fernsehturm, Stadtschloß) dabei entsteht. Wer Prestigeprojekt in den Raum wirft, diskreditiert das Projekt, zumal sich der Nachweis, es handele sich um keines, bei Großprojekten kaum führen lässt. Und vielleicht hat er ja auch Recht. Immerhin galten Bibliotheken lange Zeit als prestigeträchtig.

Das ist nun aber überholt, meint Alexander Grossmann wenigstens implizit. Und darüber müssen wir aus Sicht der Bibliothekswissenschaft reflektieren. Denn gerade für uns wäre relevant, warum man heute keinen Bibliotheksneubau mehr braucht.

Der erste Grund Alexander Grossmanns ist: die Gegenwart. Wir leben im 21. Jahrhundert und daher „in Zeiten von Facebook, Cloud oder „Big Data“. Jeder Diskursbeobachter weiß natürlich, dass die Formulierung „in Zeiten von“ mit großer Vorsicht zu behandeln ist, denn in der Regel leitet sie einen sinnarmen Allgemeinplatz ein, (man denke nur an das berühmte „in Zeiten leerer Kassen“) dessen einziger Zweck ist, mit gebremster intellektueller Anstrengung die eigene Position zu rechtfertigen. Dass die kategorial querschießende Aufzählung von vermeintlichen Kernkennzeichen der informationellen Gegenwart kein wirkliches Gewicht trägt, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Die Funktion ist hier schlicht, dass der durchschnittliche Zeitungsleser, den es zu überzeugen gilt, etwas serviert bekommt, das hochaktuell klingt, dass er schon aus der Tagesschau kennt und in dem er also ankern kann.

Dass Facebook wenig mit Bibliotheken zu tun hat, die Cloud möglicherweise doch und schließlich Big Data etwas für Marktforschung, Überwachung und bestimmte Zweige der Wissenschaft ist, braucht hier nicht ausgeführt werden. Die Botschaft ist nämlich allein: Wir sind in der Gegenwart. Die nächste, man ahnt es, wird lauten: Bibliotheken sind in der Vergangenheit. Jedenfalls, wenn sie nicht digital daherkommen. Denn die Bibliothek ist, so Alexander Grossemann:

„Eine Räumlichkeit, die ihren Anspruch überwiegend aus überkommenden Notwendigkeiten ableitet […]“

Der Autor weiß, dass er die Überkommenheit begründen muss und definiert die Rolle der Bibliothek. Und zwar als eine „[…] primär der Sammlung und Aufbewahrung von Büchern oder Zeitschriften sowie der Verfügbarmachung von Literatur – zentral – an einer Stelle.“

Der Einschub „primär“ zeigt, dass er sich eine kleine Pforte offen lassen möchte, falls doch jemand meint: Moment! Das ist doch aber nicht alles. „Primär“ impliziert jedoch zugleich, dass es der Kern ist und wenn der modert, ist auch der Rest eigentlich unrettbar. Das muss so sein, denn sonst ginge das Argument ja nicht auf. Dass unterschiedliche Bibliothekstypen mit unterschiedlichen Aufgaben und Funktionszuschnitten existieren, wird nicht berücksichtigt. Vor diesem Netz sind alle Bibliotheken gleich.

So wie in der wissenschaftlichen Informationsversorgung werden aus der Perspektive von Alexander Grossmann auch öffentliche Bibliotheken durch das – Schlagwort – Internet obsolet. Denn die Literaturversorgung erfolgt heute über dieses Medium:

„Literatur und Inhalte sind heute fast überwiegend elektronisch verfügbar, können und sollten damit auch – dezentral – den Lesern und Nutzern bereitgestellt werden.“

Was noch nicht digitalisiert ist, darf noch irgendwo rumliegen, bis es an der Reihe ist:

„Für die Fälle älterer Werke, wo das trotz großangelegter Digitalisierungsmaßnahmen bisher noch nicht möglich ist gibt es ausreichend Lagerplatz in den vorhandenen Bauwerken.“

Pingelige Zeitgenossen könnten hier mit der Aussage dazwischen harken, dass man für diese Werke nicht nur einen Lagerplatz, sondern auch einen Zugangsraum benötigte. Das ließe sich aber leicht entkräften (Archvilesessäälchen, Digitalisierung-on-Demand).

Die Kostenstrukturen der „großangelegten Digitalisierungsmaßnahmen“ und mehr noch deren Folgekosten von Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit braucht man an dieser Stelle noch nicht bedenken. Denn auch ein Bibliotheksbau wirft ja Folgekosten auf und rein analog zu sein, geht tatsächlich nicht mehr. Dass die Zentral- und Landesbibliothek Berlin bereits jetzt digitale Dienste anbietet, dürfte beim Blick auf die Webseite erkennbar sein. Dass der Bereich nahezu beliebig erweitert werden könnte, ist auch mit geringer Fantasie vorstellbar.

Es gibt unbestreitbar einen Wandel von Datenträgern und Distributionskanälen von analogen zu digitalen Strukturen – jedoch in unterschiedlich radikaler Ausführung. Große Teile der Wissenschaftskommunikation sind mittlerweile allround-digitalisiert. Der Absatz im Buchhandel zeigt zugleich, dass analoge Medien (Print) bisher nicht im vergleichbaren Umfang verschwunden sind. Möglicherweise existiert ein Unterschied zwischen dem Rezipieren-Müssen (Wissenschaft) und dem Rezipieren-Wollen.

2. Mein Verhalten ist mein Maßstab.

Aus der diskursanalytischen Sicht ist der nächste Argumentationsschritt aber interessanter. Alexander Grossmann grundiert seine Einschätzung der omnidigitalen Welt und der Obsoleszenz von Bibliotheken in seiner eigenen Expertise:

„Anders kann man es leider kaum empfinden, gerade als jemand, der selbst früher regelmäßig Bibliotheken besucht und genutzt hat, als Wissenschaftler, Verlagsfachmann und Privatperson.“

Der Subtext: Es ist gar kein Urteil mehr notwendig, die Empfindung allein ist schon stark genug um diese Doppelthese zu belegen. Freilich ist es nicht die Empfindung eines Außenstehenden. Die dreifache Rollenbenennung verleiht der Expertise Plastizität: Als Wissenschaftler verfügt Alexander Grossmann, wenn er will, über die analytische Draufsicht und könnte vermutlich systematisch herleiten, warum es so und nicht anders ist. Als Verlagsfachmann verfügt er über eine realweltliche professionelle Erfahrung und weiß, wie der Markt sich entwickelt. Als Privatperson ist er schließlich auch Kunde, Nutzer, Leser und er weiß daher wie Kunden, Nutzer, Leser ticken. Er ist also zugleich einer von uns, von diesen und von jenen und in dieser Dreierkombination gehört er zu einer Gruppe von Wenigen, was seiner Stimme ein besonderes Gewicht verleiht.

In der Schlussfolgerung – und vielleicht auch im Blick auf die Leserschaft des Tagesspiegels – betritt dann nur der empfindende Privatmann die argumentative Bühne:

„Seit mehr als zehn Jahren suche ich selbst keine Bibliothek mehr auf, sondern beschaffe mir sämtliche Literatur über das Internet. Wie denn sonst?“

Ich mach es (nicht) und ich bin das beste Beispiel – das ist nun wirklich der gewöhnlichste Hebel in jeder Debatte und eine oft ziemlich tölpelhafte Übernahme aus der amerikanischen Diskurspraxis, die das Anekdotische als perfekten Türöffner kultivierte. Auch dort generalisieren die B-Klassigen und den Akteuren gern mal auf dieser Basis. Die A-Klassigen wissen freilich eine gewisse selbstironische Distanz einzustreuen, die bei der Übersetzung des Stilmittels in deutsche Anwendungszusammenhänge bisweilen auf der Strecke bleibt. So auch hier. Alexander Grossmann zeigt an keiner Stelle, dass man auch aus einem anderen Kreis als seinem auf die Angelegenheit schauen könnte.

Die Erfahrung der Bibliotheken sagt dagegen, dass berufstätige Männer mit Mitte vierzig ohnehin Bibliotheken vergleichsweise selten besuchen. Über die Gründe kann man mutmaßen, aber dass man in diesem Alter im Normalfall einen ausfüllenden Arbeitstag und drum herum eine Familie hat und der Bibliotheksbesuch darüber in der Priorisierung des Alltags deutlich zurückrutscht, ist wenigstens denkbar. (Wobei laut der Nichtnutzungsstudie des dbv die Anwesenheit von Kindern die Bibliotheksnutzung eher begünstigt, Berufstätigkeit, Männlichkeit und „bezieht seine Bücher vergleichsweise häufig über das Internet“ dagegen oft mit Nichtnutzung einhergehen.)

Wenn man dann etwas lesen will, ist es selbstverständlich praktisch, sich das dorthin zu holen, wo man gerade steckt. Das liegt aber nicht an der prinzipiellen oder gar normativen Superiorität des Digitalen. Sondern daran, dass es sich in einem bestimmten Zusammenhang als handlich erweist. Die Digitalkultur zeigt zudem, wie einfach es ist, all das schön verpackt als Zukunftsversprechen zu verkaufen, aber eigentlich nur als Produkt, aus dem sich Abhängigkeiten ergeben, die selbstverständlich nicht mitkommuniziert werden. Das nun ein wenig abgehangene Medium des E-Books zeigt besonders deutlich: Wir lesen damit nicht unbedingt besser. Wir lesen nur anders. Und haben weniger Probleme, wenn wir umziehen. Innovationsdiskurse sind dann, wenn sie mit sozialen Diskursen verkoppelt werden, bekanntlich dahingehend problematisch, dass die vermeintliche Überlegenheit einer Innovation nicht zuletzt eine vermeintliche soziale Überlegenheit derer signalisiert, die diese Innovation einsetzen (oder zu dieser Zugang haben). Der dahinterstehende Profilierungs- und Durchsetzungswillen ist ohne Zweifel ein exzellentes Triebmittel für kulturelle Dynamiken. Aber selten das beste Instrument für eine Balance der Interessen.

3. Die kommenden Generationen wollen es nicht anders.

Was Alexander Grossmann eigentlich, abseits eines Neins zum ZLB-Neubau vermitteln möchte, lässt sich aus seinem Leserbrief schwer ableiten. In jedem Fall dürfte er kaum Sympathien für den derzeit regierenden Berliner Bürgermeister hegen. Wie überflüssig ihm die Bibliothek als Ort allgemein und die ZLB speziell wirklich sind, verwischt dahinter.

Deutlich wird in jedem Fall, dass er die nicht über den realen Bibliotheksraum, sondern über das Internet (welche Quellen er wie benutzt, lässt er offen) stattfindende Informationsnutzung als Standard empfindet. („Wie denn sonst?“)

Nebenbei soll die Bibliotheksnichtmehrnutzung „seit zehn Jahren“, die durchaus auch biografisch begründet sein könnte, in der Argumentationskette unterstreichen, wie die Bibliothek in ihrer Funktion als Informationszugangsvermittler an Bedeutung verlor. Nur: Auch 2004 war das nicht unbedingt die größte Neuigkeit, jedenfalls im wissenschaftlichen Bibliothekswesen. Und heute ist der eigentliche Diskurs schon längst über die eindimensionale e-Only-Fixierung hinaus. Affirmative Zukunftsverkündungen, wie man sie noch von der so genannten Bibliothek 2.0 erinnert, wurden durch weitaus nüchternere und pragmatischere Detailüberlegungen und -lösungen abgelöst und spätestens seit dem irrsinnigen Bibliothekshype um Second Life, weiß die Branche, dass so mancher Zug, der schwerelose Virtualität und Zukunft verspricht, geradewegs auf ein Abstellgleis rangiert. Können wir jemandem Expertise zu sprechen, der diese Effekte völlig ausblendet?

Nichts gegen „Facebook, Cloud und Big Data“. Aber man diskutiert längst darüber, wie man Blasenbildung und Monopolisierung (bzw. neue Zentralisierung) unterlaufen kann. Ein Bezug beispielsweise zu Open Access hätte Alexander Grossmanns Argumentation deutlich mehr Kraft verliehen.

Ein Urteil über den Stand des Bibliothekswesens und der tatsächlichen Bibliotheksnutzung auf der Grundlage einer Erfahrungslücke von zehn Jahren fällen zu wollen, nimmt ihm dagegen erheblich Wind aus den Segeln. Nun schreibt Alexander Grossmann zugegeben einen Leserbrief und keinen Fachartikel. Er muss nicht sachlich argumentieren, sondern kann seine Abneigung gegen die Lokalpolitik anhand des Symbols der Bibliothek ungebremst ausleben. Doch stände ihm hier, wenigstens aus seiner Beiposition als Wissenschaftler, wenn er sich schon darauf beruft, gut an, dass er die Bruchstellen für seinen Argumentationsverlauf erkennt. Schließlich muss man ihm doch unterstellen dürfen, dass er sein Publikum überzeugen will.

Der vermeintliche Beleg, dass „die jüngere Generation es noch drastischer sehen und urteilen“ wird, ist ein weiteres Beispiel, warum das nicht unbedingt funktionieren wird. „Es“ meint die reine digitale Informationsversorgung. Drastischer als Alexander Grossmanns apodiktisches „Wie denn sonst?“ geht es eigentlich nicht. Andererseits ist die obskure Kohorte „nachfolgende Generation“ im Diskurs immer dann zur Stelle, wenn man auf die Zukunft verweist. Der Trick des Einsatzes dieser abstrakter Figur erkennt man sofort: Man kommt nicht daran vorbei, dass die vermeintliche Rückständigkeit zwar faktisch (noch) da (Bibliotheken als Ort werden heute benutzt) ist. Man kann aber trotzdem – für die Zukunft braucht es keine Belege – behaupten, dass sich das demographisch erledigen wird. Und falls nicht, wird sich niemand an den Leserbrief erinnern. Es sei denn, das Internet vergisst nichts.

Dass die ungeschickterweise so genannten Digital Natives und ihre Nachfolgegenerationen geschlossen einen Bogen um (gebaute) Bibliotheken machen, lässt sich freilich weder statistisch noch beim Blick in eine beliebige öffentliche Bibliothek belegen und scheint auch für die kommenden Jahre kaum wahrscheinlich. Die Aussage, bestimmte Geburtsjahrgänge seien automatisch auf den Touchscreen fixiert, ist nachweislich eine unsinnige Schematisierung, auch wenn ein paar Minuten in der Straßenbahn kurz nach Schulschluss einen anderen Eindruck vermitteln. Die angesagten jungen Menschen, bzw. im Mittelschulalter, profilieren sich natürlich über ihre Smartphones wie es diejenigen ein halbes Jahrhundert vor ihnen über Kofferradios versuchten. Nur treiben sie damit, so tägliche Feldbeobachtung, eher nichts, was in Konkurrenz zur Bibliothek steht.

4. Wir müssen in Innovation investieren und sparen dabei.

Die Nutzungspraxis der Bibliotheken ist auch ein bisschen vielschichtiger, als es Alexander Grossmanns Zugänglichmachungsszenario impliziert. Die Gleichsetzung Bibliothek=Informationszugang war ja auch schon bei Kathrin Passig der zentrale Trugschluss und man staunt, wie vehement er wiederholt wird.

Im Brief Alexander Grossmanns wird eine solche Position in einer Nebenbemerkung besonders deutlich:

„Warum wird nicht nur ein Bruchteil der Gelder, die jetzt für die Wowereit-Bibliothek geopfert werden sollen und an anderen Stellen, zum Beispiel für soziale Projekte, Schulen oder Kultur jetzt schon fehlen, für ein innovativeres Konzept eingesetzt?“

Er unterschlägt oder übersieht völlig, dass eine öffentliche Bibliothek naturgemäß ein sozialer Ort, ein Ort der Bildung und ein kulturelles Phänomen ist und in der Praxis sehr viele Bibliotheksangebote genau in dieser Richtung wirken.

Würde er in der ZLB-Debatte argumentieren, dass man, statt auf teure Vorzeigearchitektur zu setzen, lieber Mittel in Stadtteilbibliotheken und -dienste investieren sollte, wäre sein Beitrag zur Debatte unbedingt berücksichtigenswert.

Das Soziale, die Bildung und die Kulturarbeit taugen bei ihm allerdings nur für eine Unterstreichung der vermeintlichen Unverschämtheit der „Wowereit-Bibliothek“, der er zudem von vornherein jeglichen funktionalen Nutzen, den selbst ein Prunkbau besäße, abspricht.

Das „innovativere Konzept“ wäre bei Alexander Grossmann also eine digitale Bibliothek („virtuelle Landesbibliothek“), die zweckgemäß den Funktionsrahmen einer öffentlichen Bibliothek voll abbilden müsste. Wer nun allein schon um die Rechteproblematik bei der elektronischen Informationsversorgung weiß – und Alexander Grossmann müsste dies als Verlagsexperte auch vor Augen haben – erkennt leicht, wie unrealistisch es ist, dass sich ein virtuelles Äquivalent zu einem öffentlichen Bibliothekssystem leicht und kostengünstig („für einen Bruchteil der Gelder“) umsetzen lässt. Die Deutsche Digitale Bibliothek arbeitet mit so einem Bruchtteil-Budget und niemand, der sie kennt, würde behaupten, dass sie  derzeit mehr als ein nettes Add-on zum Stöbern und Entdecken von Digitalisaten sein kann. Jetzt muss man auch die Kostenstrukturen der „großangelegten Digitalisierungsmaßnahmen“ und mehr noch deren Folgekosten von Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit und zudem die der Lizenzierung berücksichtigen. Eine derartige Forderung nach Umschichtung der Mittel müsste also wenigstens etwas mehr Tiefenschärfe erhalten, bevor sie in die Debatte geworfen wird. Es sei denn, sie gilt einzig als grobklotziges Argument gegen einen ZLB-Neubau bzw. Klaus Wowereit.

Alexander Grossmann argumentiert nicht nur gegen die Neubaupläne, sondern generell gegen nicht-digitale Bibliotheken und muss sich auch daran messen lassen. Entsprechend kann man ihm angesichts der harten These, die er vertritt, durchaus vorwerfen, dass er zu seinem „innovativeren“ Vorschlag nicht zugleich mögliche Probleme der Umsetzung thematisiert. Ohnedies wird er kaum jemand anderen überzeugen, als die Teile der Zeitungsleserschaft, die sich von der unbelegten und so unbelegbaren Behauptung „der Leser sitzt ohnehin woanders: zu Hause, im Café, in der Schule, unterwegs…“ ansprechen lässt. Für das Zeitungslesen mag das sogar stimmen. (Manch einer liest sie sogar in der Bibliothek.) Das „ohnehin“ unterstellt gleichwohl eine Selbstverständlichkeit, die vernachlässigt, dass Lesekulturen sehr vielschichtig sind. Auch hier bedient er ein nicht sonderlich originelles Abziehbild aus Leitmediennarrativen um eine Digitale Bohème und mobile Gesellschaft.

Wer zehn Jahre nicht in einer Bibliothek war, weiß wahrscheinlich nicht, dass es nicht wenige Leser gibt, die nach wie vor in dieser sitzen. Und von Frohnau aus gesehen ist es vielleicht auch nicht ganz einfach, zu erkennen, dass es auch Zielgruppen, die zu Hause nicht optimale Lese- und Lernumgebungen vorfinden, für die die Berliner W-LAN-Kaffeehaus-Kultur keine Alternative ist (der Lärmpegel im Sankt Oberholz ist zur Latte-Rush-Hour schon mächtig laut, im Reinhard’s im Kempinski sieht man es auch nicht allzu gern, wenn man den Laptop und einen Stapel Notizen auf den Tisch räumt, um es über fünf Stunden bei einer Tasse Milchkaffee zu belassen). Die Schule schließlich ist auch heute trotz aller digitaler Offensiven (glücklicherweise) kein Ort, an dem man permanent auf den Bildschirm starrt. Die Handydisplays unter der Bank werden erfahrungsgemäß höchst selten dazu genutzt, digitale Bibliotheksinhalte abzurufen und ob die Virtuelle ZLB Jappy-tauglich wäre, müsste auch noch ermittelt werden.

Dass man in der S- und U-Bahn, also „unterwegs“, wenn man Glück hat, halbwegs konzentriert lesen kann (man bekommt sogar häufig Lektüre am Platz angeboten und 70 Cent gehen an den Verkäufer) ist nicht widerlegbar. Aber auch hier ist noch zu ermitteln, ob sich die Investition „in Konzepte, Software, Datenbanken und Nutzerinterfaces“ wirksam zeigt. Dass der Datentarif für eine brauchbare mobile Nutzung pro Anschluss schnell dreißig Euro beträgt und für einen nicht geringen Teil der Berliner Bevölkerung eine Zugangshürde darstellt sieht Alexander Grossmann, wie auch viele andere, die in seiner Linie argumentieren, nicht.

Der Bezugsrahmen, den der Diskurs Alexander Grossmanns absteckt, ist bei wohlwollendem Lesen sicher eher an die mehr oder weniger virtuelle Idealkultur der Netzwirtschaft und einiger Digitaleliten anschließbar als an die soziale Realität Berlins. Es ist der Diskurs einer hochgebildeten, global orientierten Mittelschicht, die irgendetwas zwischen materieller oder ideeller Entfaltung sucht und gewohnt ist, just-in-time ihre Bedürfnisse befriedigen zu können. Da diese entsprechende Zugangs- und Kommunikationskompetenzen besitzt, erzeugt sie eine vergleichsweise hohe Sichtbarkeit, tappt zugleich aber auch gern in die Falle, ihre Wahrnehmung der Welt zu extrapolieren und zum Maßstab zu erheben. Sehr viel Leben und Lesen spielen sich nach wie vor offline ab und es ist weder absehbar noch machbar noch wünschenswert, dass sich das ändert.

Die Idee der öffentlichen Bibliotheken ist, allgemeine, vielfältige und niedrigschwellige Zugangsmöglichkeiten zu schaffen. Die Idee einer „virtuellen Landesbibliothek“ zieht dagegen unsichtbare Mauern in die Stadt Berlin. Ob der ZLB-Neubau in der geplanten Form die beste Lösung ist, kann sicher diskutiert werden. Dass öffentliche Bibliotheken aber mehr sein sollten, als Webportale für die Smartphone-Kultur, sollte außer Frage stehen.

(Berlin, 17.02.2014)

Die Bibliothek als Sackgasse. Zum Berufsbild, wie es Yahoo!-Education sieht.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 9. Dezember 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden / @bkaden

Die Sterne für den Bibliotheksberuf stehen schlecht. Jedenfalls wenn man der Arbeitsmarktastrologie des Education-Portals von Yahoo! glaubt. Dort wurde in einem – undatierten, offenbar wohl neueren – Artikel der Beruf des Bibliothekars / der Bibliothekarin zu einem von fünf Sackgassen-Jobs erklärt. Das mag für eine neuere Arbeitswelt ganz zutreffend sein, in der es pragmatisch mehr um persönlichen Aufstieg und weniger um Identifikation mit dem jeweiligen Tätigkeitsfeld geht und in der man passend von Jobs und nicht Professions schreibt. Wie jeder weiß, ist der Unterschied zwischen beiden Konzepten erheblich. Die Profession bezieht sich auf die Ausbildung, die Qualifikation und eigentlich auch die Identifikation mit einem bestimmten Zuschnitt von Arbeit. Also:

Profession [...] a vocation requiring knowledge of some department of learning or science. (dictionary.com)

Ein Job bezieht sich wahlweise auf die konkrete Anstellung oder die konkrete Tätigkeit und lässt den Qualifikationsaspekt irgendwo im Dunklen:

Job [...] a piece of work, especially a specific task done as part of the routine of one’s occupation or for an agreed price (dictionary.com)

Geht es bei der Profession um eine individuelle Einstellung zur Sache, spielen beim Job die konkreten Arbeitsabläufe, die individuelle Einstellung als Sache und offensichtlich auch der Preis dafür eine Rolle.

"Profession" vs. "Job" - im Google-NGram-Viewer

“Profession” vs. “Job” – im Google-NGram-Viewer

Die NGram-Analyse im Google-Books-Korpus offenbart eine steile Karriere des Wortes “job” und ein Feststecken bzw. leichtes Absinken der Verwendung des Wortes “profession”. Besonders aussagekräftig ist der Kurvenvergleich jedoch nur dahingehend, dass er zeigt, wie seit dem frühen 20. Jahrhundert sehr gern und oft der Ausdruck Job verwendet wird. In welchem Kontext müsste man jetzt inhaltlich durchdringen.

Die Yahoo!-Autorin Andrea Duchon bewegt sich in ihrer Wortwahl vermutlich auch nicht allzu tief in der semantischen Differenzierung der Konzepte sondern mehr im Zeitgeist des einfachen und klaren Schlagworts bzw. noch wahrscheinlicher in der Bedeutung: Anstellungsverhältnisse. Ein Indikator dafür ist, dass sich die kleine Passage exakt so liest, wie Welterklärungstexte für Dummies gemeinhin verfasst sind:

“Librarians probably play a huge part in your childhood memories, but with a U.S. Department of Labor-projected job growth rate of only 7 percent from 2010 to 2020, it’s likely that “memory” could be the only role left for librarians to play.”

Andrea Duchon eröffnet mit einer Nostalgisierung und bestimmt damit bereits die Rolle, die ihrer Meinung nach für die Bibliothekare bleibt. Denn die Wachstumsrate bei den Stellen beträgt nur sieben Prozent, wobei unklar bleibt, wie rasant eigentlich ein Stellenangebot wachsen muss, um zur Skyway-Job zu werden.

Sie beruft sich nachfolgend auf die Prognosekompetenz der Karriereberaterin Wendy Nolin, die eine aufbruchsfreudige Firma namens Change Agent Careers betreibt. In aller Offenheit beschreibt diese auf ihrer Webseite ihren eigenen Ausbruch aus einem “Career Spin Cycle” und das sollte man schon einmal lesen, um einschätzen zu können, vor welchem Hintergrund die Aussagen zum an die Wand laufenden Bibliothekarsberuf getroffen werden.

Why Avoid It: Nolin says that this is a dying occupation simply because information now is so readily devoured using technology.

Hier findet sich fast erwartbar das reduktionistische Verständnis der Rolle von Bibliotheken, wie es unlängst ähnlich von Kathrin Passig in die Debatte katapultiert wurde. Bibliothek und Bibliotheksarbeit wird dabei mit Informationsversorgung gleichgesetzt. Allerdings war bereits das Aufkommen des Dokumentationswesens ein Schritt, der die Bibliotheken hinsichtlich dieser Rolle methodisch und technologisch ziemlich altbacken aussehen lies. Interessanterweise, aber eigentlich folgerichtig, ist dieses Praxis weitgehend in anderen Praxen aufgegangen oder – wie klanglos wie ihr Weltverband, die International Federation for Information and Documentation (FID) - verschwunden, während die Bibliotheken nach wie vor trotz allem auf recht hohem Niveau existieren.

Alarmierender ist dagegen die zweite Aussage Wendy Nolins:

“Plus, she says that federal funding for new libraries is basically non-existent, and job growth is expected to follow suit.”

Verfolgt man die Diskurse zur Zukunft des Bibliothekswesens in den USA, dann bekommt man wirklich den Eindruck, das Public-Library-System befände sich in der Krise. Noch vor 15 Jahren schien es undenkbar, dass im Mutterland des öffentlichen Bibliothekswesens Einrichtungen gekürzt oder geschlossen werden. (Man beachte das zur Schau gestellte Selbstbewusstsein der ALA auf diesen Postern.) Zu diesem Zeitpunkt galt das Bibliothekswesen der USA als Vorbild, Vorreiter und Garten Eden. Jedenfalls im deutschen Bibliothekswesen, dem man Ende der 1990er Jahre dann auch noch seinen zentralen Think-Tank, das DBI, geschlossen hat. Ein Schließungsgrund, den die Gutachter des Wissenschaftsrates peinlicherweise ins Spiel brachten, war die “zu intensive Betreuung der Öffentlichen Bibliotheken” (vgl. hier). Dieses Beispiel bringt noch einmal in Erinnerung, dass Finanzierungsentscheidungen nicht immer aus überzeugenden oder sogar objektiv tragbaren Einschätzungen heraus gefällt werden. Sondern häufig schwer durchschaubar einmal so oder so ausfallen und nicht selten abhängig davon sind, wer gerade für solche Entscheidungen zeichnungsberechtigt ist.

Erfahrungsgemäß sind ein bereitwilliges Aufspringen auf “Trending Topics” und das eifrige Klammern an das jeweilige Vokabular der Zeit bestenfalls kurzfristig hilfreich, um die eigene Position bündig zu vermitteln und die entscheidungsbefugten Kürzer oder Förderer zu beeindrucken. Oft zeigt sich dagegen darin nur, dass man mit Mühe den Trends der Anderen hinterhastet, wo an eigentlich eigene setzen sollte. Die interessante Entwicklungskurve des Konzeptes der so genannten Bibliothek 2.0 enthält dafür eine ganze Reihe von Beispielen. Mit der aktuellen Argumentation von Wendy Nolin, Kathrin Passig und anderen, die die Bibliothek als Papierverleihhaus für obsolet und die Arbeit in der Bibliothek zwangsläufig als berufliche Sackgasse deklarieren, irrlichtert man sogar in die Zeit vor 2003 zurück. Dabei liegt aber eigentlich das Kerngeschäft der Bibliotheken just in der Interaktivität, in der grundsätzlichen Remix-Praxis, die sich sowohl durch das Kuratieren wie auch das Rezipieren von Inhalten in der Bibliothek vollzieht und schließlich in dem Aspekt der Kommunikation und Wissensbildung, was weit über das Abrufen von Fakten und Information hinausgeht. Wäre man nicht unbedingt so radikal den Verheißungskünstlern des Library-2.0-Marktes hinterhergeeilt, sondern hätte in Rekurs auf diesen schon vor dem Medium Weblog existierenden Anspruch, dass eine Bibliothek mehr als ein Datenbank-Analogon sein muss, ernst genommen, stände die Bibliothek heute vielleicht noch ganz anders da. Und auch der Diskurs nach innen, der häufig an Mentalitätsklippen brach, die den Eindruck vermittelten, manche Bibliothekare sehnten sich in die klösterliche Übersichtlichkeit der Kettenbuchbänke zurück, wäre womöglich ein Stück weit produktiver verlaufen.

Wenn Förderer, Karriereberater, Netzaktivisten und Publizisten dieses prinzipielle Mehr-als-Information nicht sehen, liegt das Versäumnis indes nicht unbedingt nur bei ihnen (den Vorwurf des Kurzschlussfolgerung müssen sie dennoch aushalten). Sondern auch beim Bibliothekswesen selbst, das sich viel zu oft anstandslos in Buzzwordfeuerwerken, durchsichtigem Techno-Mimikry und öffentlich präsentierten Selbstzweifeln wälzt. Vielleicht zeigt sich darin zugleich auch ein anderes Problem, das uns wieder zur Yahoo!-Berufsanalyse zurückführt: Die Menschen, die in das Bibliothekswesen streben, sind seit je eher nicht die strahlkräftigen, kampfeslustigen und ehrgeizigen Karrieristen. Sondern häufig sympathische, idealistische und bescheidene Personen, die unerschütterlich daran glauben, dass schon gut ist, was sie machen und entsprechend wertgeschätzt wird. (Ein paar karrierebesessene Quertreiber und Egozentriker entdeckt man freilich auch. Die wechseln allerdings meist so schnell sie können auf die Seite des Geschäfts, auf der man deutlich mehr verdienen kann. Und dann gibt es selbstverständlich noch die Verbitterten, die eigentlich etwas Anderes in ihrem Leben machen wollten, aber vom Schicksal im Restraum Bibliothek geparkt und niemals wieder abgeholt wurden. Dies sind gemeinhin die schwierigsten Fälle.) Entsprechend sind die Bibliotheken natürlich ein vergleichsweise leichtes Ziel nicht zuletzt dann, wenn es um Ressourcenverteilungen bzw. -kürzungen geht. Was dem Bibliothekswesen aus meiner Sicht tatsächlich und mehr als technisches Know-How fehlt, ist eine Kultur des sowohl soliden als auch souveränen Widerspruchs. Eben weil die Akteure dieses Berufsfelds in der Regel gar nicht so viel Wert auf rasante Karrierekurven legen, für die gefälliges Verhalten erforderlich ist, könnten sie doch eigentlich weitaus risikofreudiger nach außen gehen, wagen und am Ende vielleicht sogar etwas gewinnen.

(Berlin, 09.12.2013)

Über Kathrin Passigs Bibliotheksbild und was wir daraus lernen können.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. November 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden / @bkaden

Kathrin Passig wird offensichtlich gern und regelmäßig als Impulsgeberin zur Diskussionen über die Zukunft der Bibliotheken eingeladen, vielleicht gerade, weil sie von sich zu berichten weiß: “Ich bin nicht so vertraut mit den internen Diskussionen der Bibliotheksbranche.”
Aktuell berichtet sie in ihrer Kolumne für die ZEIT von einer offenbar für sie wenig erfreulichen Konversation mit Frank Simon-Ritz, Bibliotheksdirektor und Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbands. Die Veranstaltung lief unter der wohl alliterarisierend gemeinten Überschrift Apps und Auratisierung: Ein Gespräch zur Zukunft der Bibliothek und anscheinend, wie häufig bei solchen Sitzungen auf Messepodien, ziemlich ins Leere.

Allerdings wurde ich leider nicht Zeuge dieser Dreiviertelstunde, da ich meinen Wochenbedarf an Prognosediskussion bereits weitgehend in meiner eigenen Diskussionsrunde zum Social Reading gestillt hatte, die ebenfalls, vorsichtig formuliert, eher ergebnisoffen endete.

Lieber überzeugte ich mich etwa zeitgleich in den Hallen davon, dass Print wenigstens als Printmarkt so agil wie selten zuvor ist. Es erstaunt im Herbst 2013 tatsächlich, in welcher materialen und handwerklichen Güte auch Parallelausgaben zu den E-Books, deren Absatz mittlerweile sogar im Mutterland des elektronischen Lesens seine Sättigung erreicht zu haben scheint, in Deutschland produziert ver- und gekauft werden. Belege dafür, dass Kathrin Passigs bereits an anderer Stelle gezeigte Papierfeindlichkeit ansteckend ist, fanden sich keine. Auch die Hysterie der Verlagswelt angesichts des Über-Mediums E-Book scheint nicht mehr akut, seit sie gemerkt haben, dass Hardcover trotz allem ganz gut geht, besonders, wenn man sich beim Einband und Satzbild mal etwas einfallen lässt.

Aber vielleicht ist es ja auch eine Ausnahmeort und man trifft dort ohnehin nur Leute, die besonders druckaffin sind, so wie man in einer Bibliothek meist eben nur Bibliotheksnutzer trifft. Das sind in öffentlichen Bibliotheken in Deutschland wahrscheinlich irgendetwas um die 30 Prozent der Gesamtbevölkerung, was aus meiner Sicht kein allzu niedriger Wert ist. Aber wahrscheinlich keiner, der in Kathrin Passigs digitalen Paralleluniversium allzu bedeutsam wäre:

“Es ist schön, dass es öffentliche Orte gibt, die so vielfältige Nutzungsmöglichkeiten eröffnen wie Bibliotheken, ohne dass man im Gegenzug auch nur einen Kaffee bestellen müsste. Aber in einem Paralleluniversum, in dem öffentliche Bibliotheken nie eingeführt worden sind, dürfte es heute schwerfallen, plausible Gründe für die Einführung solcher Einrichtungen zu benennen. Dass gerade allenthalben prestigeträchtige Megabibliotheken neu gebaut werden, ist kein Gegenargument, denn dahinter stehen etablierte Argumentations- und Finanzierungsstrukturen. Die Steuerzahler des Paralleluniversums würden fragen, ob man nicht stattdessen direkt Coworkingspaces, Veranstaltungsorte, Digitalisierungsprojekte oder eine private Internet-Grundversorgung für Bedürftige fördern und die großen Gebäude mit dem Papier weglassen könnte.”

Nun ist es sehr schwer, mit der abstrakten Pflaume “die Steuerzahler des Paralleluniversums … würden fragen” argumentativ zu spekulieren. Denn die Steuerzahler sind schon in unserem Universum ein ziemlich heterogener Haufen. Obendrein dürfte die Größe “Steuerzahler” anders als beim Großflughafen BER, beim Thema Bibliotheken vom eingefleischten Bibliothekshasser bis zum spendablen Bibliotheksliebhaber alle Schattierungen dessen aufweisen, wie man zu solchen Themen stehen kann. In einem Paralleluniversum mag das anders sein. Aber möglicherweise käme man in diesem auf die kuriose Idee, die Co-Workingspaces und öffentlichen Veranstaltungsorte mit Räumen zu flankieren, in denen ein Zugang zu Medien möglich ist.

II

Ernster als die aus irgendeinem persönlichen Anstoß resultierende Abneigung gegen Papier ist in Kathrin Passigs Kolumne die Kritik an der häufig tatsächlich zu beobachtenden Hilflosigkeit bibliothekarischer Selbstlegitimationsversuche zu bewerten. Es ist natürlich grotesk, dass  sich eine Institution mit ziemlich guten Durchsatz (etwa 470 Millionen verliehene Medien / Jahr) überhaupt permanent als bedeutsam präsentieren und rechtfertigen muss. Es ist sicher fürchterlich erschöpfend, wenn man dies ständig zudem gegenüber Kleinkämmerer, Papierfeinde und Digitalideologen zu tun verpflichtet ist Aber dies ist wohl die Realität. Vielleicht würde der kritische Steuerzahler eines Paralleluniversums aber fragen, wie teuer die Volkswirtschaft eigentlich die in permanente Evaluation und stetiges Reporting eingebundenen Ressourcen zu stehen kommt.

Kathrin Passig geht es jedoch, so glaube ich, gar nicht so sehr um die Kostenrechnung. Möglicherweise hat sie einfach Freude daran, die Bibliotheken zu necken, in dem sie in den renommiertesten Medien des Landes verkündet, dass die Bibliotheken “kaum noch eine Existenzberechtigung” haben, wenn sie sich nicht bald wandeln. Das wenig spezifizierte “Wohin” ist in diesem bekannten Schwarzmalbild vermutlich irgendeine digitale Form. Interessanter ist allerdings das “Warum” und zwar das Warum in der Frage, warum sich Kathrin Passig so eifrig auf das Thema stürzt. Offen gesagt erscheint mir die Vehemenz, mit der sie stabil und seit Jahren für eine Welt in E-Only missioniert, schwer nachvollziehbar. Von mir aus mag sie sogar Recht haben. Aber warum muss man 2013 noch so kämpfen, als stände man noch immer den bornierten Fortschrittsverweigerern des Jahres 1997 gegenüber, denen die Virtualität digitaler Kommunikation in keiner Form greifbar wird und die deshalb alles ablehnen, was binär anmutet. (So etwas gab es auch in Bibliotheken in dieser Zeit und die wahren Helden sind die Enthusiasten, die in zermürbenden Diskussionen abseits der Öffentlichkeit für ein freies W-Lan im Lesesaal und ähnliche Innovationen stritten.) Auf mich jedenfalls, der ich Vielfalt, Offenheit und die gleichzeitige Existenz von mehr als einer Wahrheit gerade durch Aufenthalte in Bibliotheken, die wunderschön all die Irrtümer und Glaubenskämpfe der Menschheitsgeschichte nachvollziehbar vorhalten, kennen lernen durfte, wirkt diese Selbstüberhöhung mit heftig artikulierten Anspruch auf Deutungshoheit irgendeiner Zukunft nicht wenig unzeitgemäß. Aber vielleicht bin ich es ja auch selbst.

III

Wenn es um die Alltagslegitimation der Bibliotheken geht, die eigentlich ein wenig mehr umfasst, als die Frage, wie digital die Bibliothek der Gegenwart mit ihren Diensten sein will, stehen die handelnden Akteure natürlich unter dem Zwang der Machtstrukturen. Es erklärt aber dennoch nicht, warum man sich auf dem enthobenen Parkett der Buchmesse wieder auf die völlig zu Recht kritisierte und objektiv hanebüchene Argumentationslinie, die (physische) Bibliothek sei doch irgendwie besser als das Internet, einlässt. Sie ist es nicht und wo sie es behauptet, hat sie bereits verloren. Jedenfalls wenn es um Information und Informationsversorgung geht. (Das Bildungsargument greift dagegen nur bei denjenigen, die auch denken, dass MOOCs die Universität als Begegnungsort ersetzen können – ich bin gespannt wann, immer unter dem Argument des Sparenmüssens, die Debatte um die Notwendigkeit der Universität als Ort ausbricht…)

Digitaltechnologie eignet sich fraglos hervorragend für eine bestimmte Art der Informationsnutzung, auch für eine bestimmte Art der Serendipity sowie für eine bestimmte Art der Kommunikation. Mutmaßlich niemand in der Wissenschaft möchte heute bei der Recherche auf die Volltextsuche oder multidimensionales Browsing verzichten. Ich kann  ohne Probleme in einer Stunde eine Anzahl von Publikationen einem Screening unterziehen und meist als irrelevant aussortieren, für die ich in vordigitaler Zeit wahrscheinlich zwei Wochen allein zur Beschaffung gebraucht hätte. Das Internet bietet uns die die beste und umfänglichste Informationsinfrastruktur, die die Menschheit für explizite Informationsprozesse jemals hatte. Die digitalen Sozialen Netzwerke schaffen es sogar, unser Sozialleben in maschinenlesbare Information zu verwandeln, in Graphen zu visualisieren und uns in einen permanenten Prozess der Selbstoptimierung zu führen – jedenfalls wenn wir wollen. Die Frage ist nun, ob wir es wollen.

Meine Erfahrungswerte mit Menschen verschiedenster Couleur ist, dass den meisten diese Debatten auch um das E-Book oder das Printbook herzlich egal sind. Viele verstehen die Debatte überhaupt nicht. Die Trägheit der Käufer ist sicher genauso ein Hemmschuh auf der Rutschbahn von Kathrin Passigs These eines “Untergang alles Papierenen” wie die Hipster-Entscheidung, E-Reader, Smartphone und Buch gleichberechtigt neben dem Bett liegen zu haben.

Mir wird nicht klar, was Kathrin Passig als Argument gegen Bibliotheken vorschwebt, wenn sie schreibt:

“Bibliotheken sind dann niedrigschwellig, wenn man in ihrer Nähe wohnt, nicht in seiner Mobilität eingeschränkt ist, lesen kann, generell damit vertraut gemacht worden ist, dass eine Bibliothek nicht beißt und sich in einem Umfeld bewegt, in dem das Aufsuchen solcher Orte nicht als albern gilt.”

Im Umkehrschluß bedeutet dies nämlich, dass die Bibliothek für den überwiegenden Teil der Menschen in Deutschland mehr oder weniger niedrigschwellig ist. Für alle anderen gab es einmal so etwas wie Soziale Bibliotheksarbeit. Warum also ausgerechnet die Digitaltechnologie für die Masse niedrigschwelliger sein soll, erklärt sie eigentlich auch nicht, wo sie meint:

“Das Internet ist dann niedrigschwellig, wenn man Zugang zu einem internetfähigen Gerät hat und nicht glaubt, dass das Internet seine Nutzer ausraubt und verdirbt. “

Jedoch ist der Zugang genau genommen nicht zum “symbolischen Preis”, wie es in Kathrin Passigs Welt der Fall ist, zu haben, sondern kostet schnell dreißig bis fünfzig Euro im Monat (+ Hardware), was für viele Menschen schwerer zu stemmen ist, als die Busfahrkarte zur Stadt- oder Universitätsbibliothek, in der man bei guter Führung auch ohne Gebühr den Freihandbereich benutzen darf. Allerdings hat die Digitalwirtschaft seit je diese Zielgruppen nicht im Blick. Insgesamt blendet Kathrin Passig in ihrer Frankfurter Kolumne aus, dass das Internet wie wir es heute kennen, vor allem ein Wirtschaftsraum ist, in dem vielleicht noch ein paar Nischen des offenen Webs der 1990er übrig sind, dass generell aber keine Schnittmenge mit dem im Kern nach wie vor am Gemeinwohl orientierten Grundversorgungsauftrag öffentlicher Bibliotheken besitzt. Das letztere diese besondere Rolle für die Gesellschaft häufig selbst kaum mehr reflektieren und das Thema auch nirgends auf der Agenda der Fachkommunikation auftaucht, macht die Sache natürlich nicht besser. “Apps und Aura” haben naturgemäß mehr Sexappeal und sind auf dem Jahrmarkt Buchmesse zwischen Wolfgang Joop und Boris Becker bestimmt am richtigen Ort. Der Bibliotheksalltag sollte aber vielschichtiger sein. Und er ist es auch.

IV

Für die saturierte Mittelschicht, aus der sich die bundesrepublikanische Bevölkerung nach wie vor weithin zusammenfügt, dürften fünfzig Euro Zugangskosten im Monat vielleicht kein symbolischer aber doch ein überschaubarer Preis sein. Entsprechend ist es mittlerweile für weite Teile der Gesellschaft so normal, ein Touchscreen-Telefon zu haben, wie man im Bad einen Wasserhahn erwartet. Und natürlich liest man permanent auf den Displays, nämlich die Social-Media-Streams und ab und an eine Kolumne auf ZEIT online. Der einstige Statusgewinn, denn man mit solcher Technologie erzielen konnte, ist dagegen mittlerweile weitgehend verloren. Sie sind inzwischen Werkzeuge und darin für die meisten so faszinierend wie eine Elektrolokomotive. Alle anderen lesen, je nach Präferenz, das LOK Magazin oder Macworld.

Überraschend ist, dass das Vorhandensein heimischer Breitbandzugänge ebenso wenig wie frühere Medienkonkurrenten so viele Menschen nicht davon abhält, doch ab und an in die Bibliothek zu gehen. (Oder eine Computerzeitschrift in der Papierausgabe zu kaufen.) In Universitätsbibliotheken sind es häufig sogar ein bisschen zu viele. Will man also die Bibliothek und ihre Attraktivität beleuchten, braucht man eigentlich nur fragen, warum sie in die “Papiermuseen” (Kathrin Passig) streben. Dann weiß man auch, was man an Eigenschaften erhalten muss, damit sie wieder kommen.

Man muss sich, so denke ich, aus Sicht der Bibliotheken gar nicht so sehr in dieses Binärschema der Diskursmühle einspannen lassen, das eine kleine Gruppe von Menschen, die bestimmte Technologien lieb(t)en und durchsetzen woll(t)en, in ihrem digitalen Revolutionskampf bis zur Mainstreamifizierung der re:publica entwickelten und heute auch bereits aus Tradition weiterpflegen und dessen Kern lautet: Entweder wir oder ihr. Aber besser wir.

Es geht hier nicht darum, wer Recht hat oder sich durchsetzt. So laut und wichtig die Stimme von Kathrin Passig ist – sie wird nicht maßgeblich darüber entscheiden, wie die Menschen lesen. Denn die meisten Menschen lesen nicht einmal sie. Wir tun es und zwar gern und hoffen auf Anregung. Es ist richtig, solch radikale und wie die meisten radikalen Positionen, anscheinend nur bedingt auf Eigenaktualisierung und Dauerreflexion gerichteten Ansätze, zur Kenntnis zu nehmen. Man sollte sich nur nicht von ihren Prognosen verrückt machen lassen. Zumal Kathrin Passig selbst einmal sagte:

“Ich glaube nicht, dass es das Qualitätskriterium für einen Gedanken ist, dass er auch in 300 Jahren noch richtig sein muss. Ich glaube, man kann sehr gute Ideen haben, die genau von jetzt bis nächsten Sommer richtig sind und danach nicht mehr. “

Derzeit jedenfalls blühen wenigstens im Publikationsbereich beide Kulturen, die des Materials und die des Digitalen, ganz gedeihlich miteinander.

V

Ein Hauptdefizit der Diskussion ist schließlich, wie sich die Vertreter des Bibliothekswesens auf den Aspekt, etwas besser oder billiger vermitteln zu können (oder müssen), festnageln lassen. Denn darum geht es in Bibliotheken idealerweise nur sehr am Rand. Bibliotheken sind, wie das Internet auch, Räume der Möglichkeit, jedoch im besten Fall nicht von Markt- und Renditeerwartungen getrieben. Sie stehen daher auch außer Konkurrenz. Die Einführung betriebswirtschaftlicher Radikalkuren in das Bibliothekswesen brachte zwar einigen Beratern und einer Handvoll Akteuren aus der Bibliotheksbranche ein bisschen was, gab dem Bibliothekswesen selbst jedoch weniger Impulse, die es wirklich verwerten konnte. Wer hart kalkulieren und jede Ausgabe begründen muss, wird eben nicht flexibler und kann auch nicht gut experimentieren – also genau die Fertigkeiten entwickeln, die der Digitalkultur (und der Digitalwirtschaft) einst die entscheidenden Schübe gaben. Was das Bibliothekswesen wahrscheinlich viel stärker als eine vermeintliche Liebe zum Papier hemmt, ist die Kombination von umfassender Abrechnungsbürokratie und absoluter Zeitgeistigkeitserwartung.

Das Bibliotheken sich gerade nicht rechnen müssen, ist (war?) übrigens ein zentrales Argument für diese Einrichtungen und ihre Rolle in einer auf Inklusion gerichteten Gesellschaft, was unbedingt einschließt, dass sie einen solchen freien und offenen Raum auch so weit wie möglich in das Internet ausdehnen. Wer kann wirklich abschätzen, welche Effekte konkrete Erfahrungen mit öffentlichen (digitalen) Bibliotheken auf welchen ihrer Nutzer und mit welcher Langzeitwirkung haben? Es gibt zwar immer ein paar gesellschaftliche Leuchtturmfiguren, die als Kinder gern in Bibliotheken herumstöberten und darin die Grundlage ihres kulturellen Aufstiegs sehen. Es gibt zugleich genügend Erfolgsgeschichten in jungen Jahren sozial marginalisierter Outsider, die aus der Garage jeweils eine Technologie in die Welt brachten, der sich auf einmal ein Großteil der informationell engagierten Welt unterwerfen wollten. Beides ist nicht sehr repräsentativ.

Es existieren nämlich Millionen von ehemaligen Bibliotheksnutzern, die irgendwann ein ganz überschaubares Leben als Berufskraftfahrer oder Sachbearbeiter führten. Und zehntausende Nerds, die nicht zu Milliardären wurden, sondern als Brotprogrammierer Verkaufsplattformen am Laufen halten. Wahrscheinlich wollen die wenigstens Menschen Teil einer Wissenschaftsgesellschaft sein, in der sie ständig gehalten sind, informationelle Höchstleistungen zu erbringen. Sondern einen handhabbaren Lebensalltag. Ihnen gefällt vielleicht gerade das begrenzte Maß an Serendipity, das eine Freihandaufstellung oder sogar ihr Regal zuhause bereithält. Vielleicht mögen sie also Bibliotheken vor allem dann, wenn sie sich dort irgendwie ihren Bedürfnissen gemäß mit Medien oder auch nur der Kontemplation auseinander setzen können und nicht, wenn ihnen permanent Bildungs- und Aufstiegs- und Aktivitätsnotwendigkeiten aufgedrängt werden. Bibliotheken sollten wahrscheinlich beide Dimensionen, die Streuung und die Konzentration anbieten. Nicht selten tun sie es de facto auch. Dass man zur Konzentration im Internet schwer ein Gegenstück im WWW findet, wäre mir allerdings als Argument in der Auseinandersetzung, wer was besser kann, der Apfel Internet oder die Birne Bibliothek, ein bisschen zu preiswert.

Interessanter sind für mich nämlich zwei damit zusammenhängende Grundfehler, die ich in der Debatte erkenne. Einerseits modelliert man in der Regel einen auf ein sehr aktives und bewusstes Informations- und Rezeptionsverhalten ausgerichteten Menschen als Ideal. Man geht davon aus, dass der Mensche immer mehr Wissen will, quantifiziert also seine Bedürfnisse in einer vergleichsweise schlichten Form. In Bezug auf Kinderbibliotheken und Informationskompetenz strebt man bisweilen danach, genau solche Informations-Poweruser heranzuziehen. Andererseits stellt man immer den Anspruch einer Optimierung, nach technischer Höchstleistung und maximalem Durchsatz. Man reproduziert demnach Muster der Leistungsgesellschaft in eine Sphäre, in der diese gar nicht notwendig wären, eventuell sogar schädlich sind.

Obendrein betreffen beide Aspekte nur ganz bestimmte Milieus und angesichts der kognitiven Investitionen und den erstaunlicherweise nicht weniger sondern meist nur komplexer werdenden Entscheidungen, die ein Mensch in solchen Kontexten zu treffen hat, sind diese als Zielpunkte des Lebens nur noch mäßig attraktiv. Dadurch, dass fast jeder jederzeit Zugriff zu Unmassen von Daten, Informationen und Inhalten hat, wird dieser Zugang banal und die Verpflichtung zur Teilhabe an der informationellen Entfaltung fast zur Last geworden. Die großen Luxushotels dieser Tage integrieren fast alle einen Bibliotheksraum. Keines jedoch einen Computerpool. Es ist heute ein Kennzeichen der Elite, nicht permanent netzvermittelte Informationen verarbeiten zu müssen. Und ein wenig scheint mir, als sickere dieser Abstinenzgedanke schon wieder in andere soziale Schichten durch.

VI

Ich bin mir nicht sicher, ob wir bereits den Einstieg in ein postdigitale Kultur erleben, in der die digitale Vernetzung so nebenher läuft, wie es vor fünfundzwanzig Jahren das Radio und das Telefon taten. Digitale Informationsräume sind Teil der Infrastruktur, auf die wir permanent zurückgreifen, wenn wir einen Bedarf haben. Ansonsten, so vermute ich, sind die Menschen in Zukunft gar nicht unglücklich, wenn sie sie nicht mehr wahrnehmen. Die Google-Brille ist übrigens ein konkreter Schritt in dieser Richtung. Digitale Kommunikationsmedien sind damit aber völlig normal und damit auch grundsätzlich in die Bibliotheken integriert, denn die Nutzer tragen sie ja bereits am Körper.

Die Bibliotheken haben aber damit selbst wenig zu tun. Menschen, wenigstens die aus den Schichten vom Mittelstand aufwärts, gehen nicht in die Bibliothek, weil es keine Alternativen gäbe, mit denen sie ihr Informations- oder Unterhaltungsbedürfnis ansprechen und bedienen können. Sie gehen in die Bibliothek, weil bzw. wenn diese ihnen die für ihren Geschmack und ihre Stimmung passende Form anbieten. Es ist kurioserweise eine Konsumentscheidung – wie der Kauf von Zahnpaste, bei dem der konsumhedonistische Großstädter mal Dentagard, mal Aronal, mal Marvis ins Bad stellt, mal einen Film im Online-Streaming und ein anderes Mal im Kino ansieht oder heute zu Curry 36 und morgen ins Grill Royal maschiert. Dank Internetzugang und e-Commerce sind wir für alles, was digital oder im Postpaket transportabel ist, überall in Deutschland potentiell konsumhedonistische Großstädter. In jedem Fall haben wir eine Vielzahl von Optionen.

Das gilt genauso für das gedruckte Buch. Wir leben in der luxuriösen Situation, dass wir oft wählen können, in welcher Form wir einen Text lesen wollen. Wenn man sich heute die gebundene Ausgabe entscheidet, dann einfach, weil man es möchte. Solange sich diese Entscheidungen zu einem Volumen addieren, das einen Absatzmarkt mit nur minimaler Marge ergibt, wird es höchstwahrscheinlich jemanden geben, der diesen Markt auch bedient. Wer beobacht hat, was Menschen auf sich nahmen, um das furchtbar unbequeme und anachronistische Medium des Polaroid-Films nach der Einstellung der Produktion am Leben zu halten (und zwar mit Erfolg), den wird nicht überraschen, dass es außerhalb unserer kleinen fachbibliothekarischen und feuilletonistischen Diskurszirkel Millionen von Menschen gibt, die nicht aus Nutzenrationalität handeln und deshalb danach fragen, was die Bibliothek oder das Internet besser können. Sondern einfach tun, worauf sie gerade Lust haben. Daher lohnt es sich mittlerweile offenbar auch wieder, Hörbücher auf Schallplatten zu veröffentlichen.

Bei aller Liebe zum haptischen Appeal des Apple-versums. Wenn es um die Lust und also um ein erotisches Moment (in der Bedeutung von Sinnlichkeit) geht, dann haben die Bibliotheken einige Dimensionen mehr zur Verfügung als die Displays, die für die Digitalkultur wahrscheinlich auch nur eine Zwischenlösung darstellen. Da die Nutzer ohnehin ihre Tablets oder Smartphones mitbringen, reicht es fast, die Versorgung mit W-Lan und Lade-Docks sicherzustellen. Und vielleicht eine Handvoll Tablets in Reserve zu halten, falls jemand keines mitbringt. Und eine App als Marketinginstrument. So etwas mag nicht die edelste Strategie sein, an der man Bibliotheksentwicklungen ausrichten kann. Aber sie als über-funktionale, sinnliche Erlebnisräume für alle zu denken, kann sie womöglich derzeit viel zeitgemäßer und, auch das, auratischer wirken lassen, als es die ein- und abgeschliffenen Argumente aus dem Strahlenkreis der Informationsversorgung vermögen. Nebenbei könnte man dann in aller Ruhe beginnen, die eigentliche gesellschaftliche Rolle einer Bibliothek neu zu bestimmen.

04.11.2013

Zur möglichen Rolle der Bibliothek in einer nach-utopischen Netzgesellschaft.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 8. Juli 2013

Überlegungen von Ben Kaden  / @bkaden

I

Dass das Internet als vernetzter, überräumlicher und echtzeitlicher Kommunikationsraum von Beginn an dazu verführte, Projektionsfläche vielfältiger Gesellschaftsutopien zu werden, ist weithin bekannt. Man versprach sich, angefangen bei einer durch und durch umstrukturierten Weltgesellschaft und hin bis zu einer simplen aufklärerisch-emanzipatorischen Wirkung vieles von einer digitaltechnisch geprägten Reorganisation unseres Zusammenlebens, organisiert über ein „basisdemokratisches, hierarchiefreies und unkontrolliertes Medium“ (Tilman Baumgärtel: Das Ende der Utopien. In: Neue Zürcher Zeitung, 04.07. 2013, S. 19).

Ähnliche Versprechen galten mit Abstrichen auch für das Bibliothekswesen und die Bibliothekswissenschaft, stand doch der Leitstern der Digitalen Bibliothek über dem Firmament dessen, was sie sich als zukünftige Gestade und Ankerplätze vorstellten. Dass das zwanzigste Jahrhundert in eine Art Wissensgesellschaft auslief und die Bibliotheken lange Zeit die zentralen Verfügungsinstanzen für systematisch erfasstes und abrufbares Wissen darstellten, hätte sie eigentlich zu den Leitakteuren dieser neuen Welt werden lassen können. Diese Erwartung löste sich bekanntlich nur bedingt ein, was eventuell wenigstens teilweise auch daran gelegen haben mag, dass sie im Selbstverständnis der Branche lange Zeit nicht übermäßig verankert war. Bibliothek und Internet blieben viele Jahre trotz aller Vorzeichen getrennte Welten mit überschaubaren Schnittmengen, allen voran der Schnittmenge des Web-OPAC. Damit blieb die Institution freilich in der Nische und vor allem auf ihre in diesem Nachweismedium erfassbaren Bestände fixiert. In digitalen Kommunikationswelten ist Bestand jedoch ein Anachronismus, zumal wenn nur der Nachweis und nicht der Inhalt direkt vermittelt wird. Das aber prägte bald das Erwartungsbild der Menschen im Netz.

Der Schritt zur umfassenden Überformung der Gesellschaft mit digitalen Mitteln war selbstverständlich unvermeidlich, denn natürlich poppte das Internet nicht als plötzliche Überraschung in die Lebenswelten, sondern fasste nur eine ganze Reihe von vorlaufenden Technologietrends (Datenbanken, BTX, Desktop-Publishing, Telefonie, Digitalisierung, Personalcomputer, etc.) zu einer Struktur zusammen. Die Richtung der Entwicklung war mehr oder weniger längst vorbestimmt. Der wirkliche Durchbruch zum Omnimedium gelang durch ein paar vergleichsweise kleine Lückenschlüsse und die Durchsetzung von Benutzungsoberflächen, die das Technische hinter das Inhaltliche zurückdrängten und es so für die riesige Masse derer attraktiv machte, die keinerlei größeren technischen Interessen hatten, sich wohl aber für die (vermeintliche) Leichtigkeit des digital vermittelten Kommunizierens (und später auch Einkaufens) anfällig zeigten.

Diese Leichtigkeit drückte denn auch den utopischen Kern aus. Jeder kann an etwas aktiv teilhaben, was vormals nur passiv zur Verfügung stand. Lange wurde (und an manchen Stellen wird es noch immer) das Internet immer als Kontrast- oder Gegenmedium zu bis dato vorherrschenden Kommunikationsformen verstanden. Der Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel erinnert in seiner jüngst im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung abgedruckten Rückschau auf die Utopien der frühen und mittleren Netzgesellschaft sehr anschaulich daran, dass das WWW anfangs zunächst von, nun ja, Randfiguren geprägt war, also Akteuren, denen Zugang zu und aktive Nutzung von etablierten Medienstrukturen nur begrenzt möglich waren. Oder die, mit welcher Motivation auch immer, kein Interesse an der mühsamen Einpassung in diese hatten. Sie erkämpften eine eigene Form der Medienmacht und Diskurshoheit dadurch, dass sie nicht – wie sonst bei Revolutionen üblich – bestehende Räume und Kanäle eroberten – sondern die Entwicklung eigener (Alternativ-)Strukturen forcierten, die schließlich so erfolgreich wurden, dass sie diejenigen, von denen sie sich bisher ausgeschlossen fühlten, schlicht für obsolet erklären konnten. Die, deren Herz chronisch für die Underdogs schlägt, hegten dafür heftige Sympathien. Genutzt hat es wenig. Denn heute sehen wir, dass diese anarchistischen morgenluftigen Vorstellungen tatsächlich utopisch, bestenfalls ein Interregnum blieben. Was Aspekte wie Mitmenschlichkeit, Chancengleichheit und Autonomie angeht, sind wir, wie wir heute erkennen, eher nicht vorangekommen.

II

Die Technologie, so schien es, gab es her: Mit vergleichsweise geringem realweltlichem Aufwand konnte man einen nahezu unbegrenzten Kommunikationsraum ausgestalten. Die Zäune für das Handeln zog der Code und auch der war durchaus flexibel. Solange das Web eine Nische blieb und in der herkömmlichen Lebenswelt nur dadurch spürbar wurde, dass man die Memos in der Firma durch E-Mails ersetzte, war die ganze Angelegenheit so entspannt, von solcher Leichtigkeit geprägt, wie man es von kalifornischen Träumereien erwartet. Das große Säbelrasseln ergab sich auch nicht so sehr im Traum der Autonomie und einem offeneren Miteinander, wie ihn beispielsweise der im Artikel zitierte Howard Rheingold hegte, wenn er schrieb:

„Da wir einander nicht sehen können, können wir auch keine Vorurteile über andere bilden, bevor wir gelesen haben, was sie mitteilen wollen, Rassenzugehörigkeit, Geschlecht, Alter, nationale Abstammung und die äussere Erscheinung werden nur bekannt, wenn jemand diese Merkmale angeben will.“ (zitiert nach Baumgärtel, 2013)

Selbst wenn solche Aussagen bereits damals von einer kaum fassbaren Reflexionsarmut geprägt zu sein schienen, so waren sie doch wenigstens freundlich und welcher sich an den Rand gedrängt fühlende Intellektuelle träumt nicht davon, Teil einer anderen „Community of Minds“ zu sein. Idealerweise in leitender Position.

Die Probleme traten auf, als das WWW wirklich ein mächtiges und andere Kommunikations- und Medienformen unkontrolliert verdrängendes Phänomen wurde. Das erste für viele sehr deutliche Signal war mutmaßlich die Napsterisisierung des Musikkonsums. So schwenkte die Debatte spätestens in den 2000-Jahren mehr und mehr in selbstgerechte Urteile zum Überholtsein alter Medien um, die gegen Kulturverfallsthesen, Verteufelungen und Bedrohungsszenarien jeder Färbung gefeuert wurden (bzw. umgekehrt) und auf den entsprechenden Podien nicht selten in für Außenstehende eher peinlich wirkende Deutungskämpfe und kleinkarierte Rechthabereien mündeten.

Richtig heiß und paradox liefen die Debatten, als die Schlacht auf der herunter bipolarisierten Grundebene (Digital=Zukunft+erstrebenswert vs. Analog=Geschichte+zu überwinden) absehbar gewonnen war und Google und Apple und andere erfolgreich die Monopolisierungen, der die frühe Netzgemeinde gerade durch digitale Alternativen entgehen oder auch etwas entgegensetzen wollte, reproduziert hatten. Netzgesellschaftliche Topoi waren vergleichsweise weiche Ziele für Polemiken, wo im harten Kern schlicht die kommende Verteilung der Tortenstücke der Digitalökonomie zwischen alten, absteigenden und neuen, aufstrebenden Akteuren ausgefochten aber selten an sich hinterfragt wurde. Letztlich führt sogar die Frage nach Closed oder Open Access vor allem zu einer volkswirtschaftlichem Abwägung, die mögliche informationsethische Argumente deutlich überlagert.

III

Parallel und vielleicht auch müde vom jahrelangen Ringen bzw. Selbstdefinieren und/oder verführt durch – wie auch Tilman Baumgärtel erwähnt – klassische Etablierungsmöglichkeiten „als populäre und gutbezahlte Konferenzredner und Unternehmensberater“ versanken viele der einstigen Digitalrevolutionäre schließlich mehr oder weniger vollständig in einer Apple-ästhetisierten Welt der Nabelschau, in der Utopien, so scheint es heute, einzig technisch-funktional als „The Next Big Thing“ überlebten. Die übergeordnete Provokation blieb nicht selten als Grundgeste erhalten – aber immer auch irgendwie als Produkt und ein bisschen austauschbar.

Das Bibliothekswesen schloss weitgehend erst zu diesem Zeitpunkt auf, übernahm teilweise schnell die Phraseologik der 2.0-Sprache, in der es von Anfang an nur um Geschäftsmodelle, also Marktstrukturierung ging, die aber die Emanzipationsmetapher als voran geschobene Brechstange dazu benötigte, sich so zu immunisieren, dass sie jede Kritik sofort als reaktionär abwehren konnte.

Auf der anderen Seite kämpften ein paar Protagonisten mit noch stumpferen Waffen um die Beibehaltung eines vordigitalen Stands. Die Berliner Bibliothekswissenschaft war in dieser Zeit, auch das gehört zur jüngeren deutschen Bibliotheksgeschichte, derart in Selbsterhaltungs- und Neuausrichtungsbemühungen derangiert, dass sie selbst den bibliothekarischen Fachdebatten zum Thema kaum Impulse geben konnte. Es blieb am Abend eines Tages zumeist nur Affirmation, nicht selten mit einer Prise Servilität.

Mit der Durchsetzung des WWW als Konsumraum reduzierte sich der utopische Gehalt auf den Zentralwert des immer guten „Neuen“ und eine Rhetorik der vorreitenden Andersheit, die auch dann noch werbewirksames Verführungsmittel war, als die große Masse längst mitstrudelte. Der Schlüssel des Erfolges liegt möglicherweise in der permanenten technischen und gestalterischen Optimierung und/oder Variation der Endgeräte, was durch neue Produktzyklen immer zugleich Fortschritt signalisierte, wo man eigentlich nur das Display etwas breiter zog. Auch mit rein konsumistischer Hingabe konnte man sich lange Zeit als Teil einer aufbrechenden Zukunftsgesellschaft fühlen.

Fast unvermeidlich wurden in die Diskurse zur Aufgabe der Bibliotheken darauf nachjustiert. Konsum (bzw. Erlebnis) und die Herstellung der Anschlussfähigkeit an den Arbeitsmarkt (hier als Bildung verstanden) wurden die windschnittigen Pole, zwischen denen sich Bibliotheksarbeit im frühen 21. Jahrhundert zu entfalten hatte. Das Mittel wurde das, was alle(s) bewegte: Technologie. Die Freude am Aufbau neuer Infrastrukturen war unzerbrechlich und wo es Risse gab, wurden diese mit der Annahme, dass Bibliotheken garantiert aussterben, wenn sie nicht sofort aktiv werden, grob gekittet, wo man vielleicht ein bisschen mehr hätte kittlern sollen.

IV

Die Legitimationspflicht liegt bekanntlich selten auf Seiten der Revolutionäre und eventuelle Grundsatzfragen kann man immer zunächst hinter der Dringlichkeit des Augenblicks und später dann hinter den Erfolg vermeldenden Tatsachen vergraben. Wenn es nur neu ist und die Scheinobjektivität der Nutzungsstatistik eine Art Erfolg vermeldet, dann erübrigt sich meist jede weitere Analyse. Nicht nur, aber vor allem die Geschichte zeigt freilich, wie nachteilig sich eine Verlagerung von Richtungsentscheidungen auf das Maß der Masse (gern instrumentalisiert für die Interessen einer Elite) auswirken kann.

Das Problem auch der bibliothekswissenschaftlichen Diskurse war lange, dass es zwischen unwissender Ablehnung und nicht viel mehr wissender Affirmation so gut wie keine theoretisch grundierte Reflexionsarbeit geschweige eine aufklärte Kritik der Entwicklungen gab, die eine andere Annäherung und eine möglicherweise stärkere an übergeordneten Werten fundierte Innovationslenkung nach sich hätte ziehen können.

Nach wie vor werden vorwiegend externe Trends (oft ein bisschen unsystematisch) aufgegriffen, die, sofern möglich, die Grundlage einer bibliothekarischen Selbstoptimierung bieten. Eine gestaltende Rückbindung an die Gesellschaft findet dagegen nur äußerst eingeschränkt statt, wobei man sich gern auf eine mittelbare Wirkung beruft.

Dabei enthalten das Konzept der Bibliothek wie auch seine realweltliche Ausprägung ziemlich viel von dem, was es braucht, um unter Nutzung digitaler Technologien, tatsächlich ein Stück weit utopischer, d.h. gezielt an, wenn man so will, humanistischen Werten orientiert, gesellschaftsprägend zu wirken. Die Utopie für die Bibliotheken wäre etwas kleiner, weniger disruptiv gerichtet, als die Vorstellungen beispielsweise von Timothy Leary oder Howard Rheingold. In ihr ginge es eigentlich nur um das die forcierte Schaffung eines Bewusstseins, das zu einer kritischen und hinterfragenden Auseinandersetzung mit den scheinbar selbstverständlichen wirtschaftlichen und politischen Rahmungen der Lebenswelt befähigt. Die Bibliothek wäre in gewisser Weise in der permanenten Opposition, ein Raum, um ein „Es könnte und kann auch anders sein“ zu denken. Man könnte es eigentlich Aufklärung nennen.

V

Der Zeitpunkt könnte für eine entsprechend aktivere Positionierung richtiger nicht sein. Nach Edward Snowden gibt es offensichtlich ein interessantes Erwachen, das möglicherweise im Rückblick mehr von einer Zäsur haben wird, als wir heute ahnen. Dass die Reaktionskette auch in der Politik eher emotional (erst Überraschung, dann Empörung) ausfällt, zeigt, wie notwendig ein differenzierendes und abgeklärtes Bewusstsein in dieser Richtung wäre.

Was die aktuelle Debatte eigentlich nur offenbart, ist, dass die klassischen, vordigitalen Machtverhältnisse wieder- bzw. im Web ebenfalls hergestellt sind. Der scheinbare Alternativraum wurde ganz klassisch erobert. Das WWW ist heute ein Marktplatz und zugleich eine ausgezeichnete Kontrollbasis, wobei die dahinterliegenden Prozesse der Marktakteure und der staatlichen Kontrolle fast auf identische Weise funktionieren, wie Tilman Baumgärtel unterstreicht:

„Das Geschäftsmodell von Google basiert im Grunde auf einem Data-Mining, das demjenigen, das die NSA betreibt, vergleichbar ist. Der Unterschied ist lediglich, dass die NSA Terrorverdächtige identifizieren will, während Google sein gesammeltes Wissen über seine Nutzer analysiert, um ihnen auf sie geschnittene Werbebotschaften zu präsentieren.“

Das ist kein Ende der Utopie, sondern eine wenig überraschende, aber geschickt vollzogene Gegenrevolution. Das erhoffte Shangri-La wurde ganz traditionell kolonialisiert. Die harmlose politischen Spätrudimente der digitalen Aufbruchseuphorien (mustergültig: die Piratenpartei) zeigen, wie wenig es braucht, um solche Bewegungen zu marginalisieren.

Letztlich, so eine Erkenntnis mutmaßlich bereits der Steinzeitpsychologie, wollen die Menschen vor allem etwas, was bequem ist und sie ansonsten nicht weiter fordert. So haben sich alte Macht- und Kontrollprinzipien nach wenigen Jahren der Überforderung und Verwirrung nicht nur mit den neuen Strukturen arrangiert, sondern sie nahezu kampflos übernommen. Die meisten neuen Milliardäre dieser Wirtschaft – und das unterscheidet sie erstaunlicherweise kaum von den Oligarchen des Russlands der 1990er Jahre – sind die, die sich besonders opportun verhielten und reibungslos dem sie umgebenden Normensystem (in diesem Fall des Spätkapitalismus) fügten. Ihr revolutionäres Anderssein reduziert sich auf popkulturelle Effekte, eine an Don’t be evil-Nullsätzen ausgerichteten Geschäftsethik und dass sie frech in Billiglohnländern gefertigte Sneaker dort tragen, wo man früher schon in braunen Oxfords schief angeschaut wurde. Man kann ihnen das gar nicht vorwerfen: Keiner dieser Akteure hatte jemals etwas anderes im Sinn, als eine in der Regel genial einfache Idee zur Optimierung einer sozialen Praxis (Informationssuche, Gespräch, Selbstinszenierung) zu entfalten. Weltverbesserung fängt hier im ganz Kleinen und Praktischen an. Und endet auch dort. Allerdings sind die Konsequenzen gewaltig.

VI

Was wir nun sehen – obwohl man es sich, wie Tilman Baumgärtel anmerkt, „eigentlich schon in den Tagen der Morgenröte des Netzes denken“ konnte – ist eine Art Daten-Totalitarismus. Die NSA benutzt zur Krönung, wie wir erfahren, Open-Source-Programme, lange das Königsbeispiel des freien, altruistisch gerichteten und kollaborativen Geistes der neuen Netzkultur. Die türkische Polizei vervollständigt derweil ihre Festnahmelisten anhand von Web 2.0-Profilen.

Dass wohlmeinende Vorkämpfer den Boden für äußerst unsympathische und am Ende menschenfeindliche Regime bereitet haben (bzw. dass die in der Regel einen Hauch weniger idealistischen unter den Vorkämpfern in dieser schließlich auch mitwirkend aufgingen), ist freilich für die Menschheitsgeschichte sehr gewöhnlich. Neu ist die offensichtliche Totalisierbarkeit einer Daten-Macht, die uns in Hinblick auf unsere Kommunikationen, also auf unsere Sozialität und damit unsere Einbettung in der Welt, regulierbarer macht als jemals zuvor. Es besteht eine ziemlich direkte technologische Linie von der Volltextsuche über die semantische Analyse zum Geospacing zur Exekution per Drohne. Dafür, dass wir, d.h. also auch die Bibliotheken und die Bibliothekswissenschaft, das wissen, kämpfen wir mit ziemlich soften Bandagen. Nicht einmal zu einer Diskussion über die datenpolitische Rolle, die das Bibliothekswesen und die Bibliothekswissenschaft übernehmen könnte, kam es bisher.

Es ist verständlich, dass man sich nicht unnötig außerhalb des Kerngeschäfts exponieren möchte (man wird angreifbar) und dass man genauso wenig das Bedürfnis verspürt, außerhalb des Funktionsrahmens, dem die Gesellschaft einem zugesteht, Verantwortung zu übernehmen (man ist ohnehin schon voll ausgelastet). Eigensicherung, so der Eindruck, geht vor Gestaltungswillen. Daher bleibt es oft bei unverfänglichen, ein bisschen  selbstbeweihräuchernden Wahlsprüchen wie „Wir öffnen Welten“ (Bibliothekartag 2014), in denen man alles Mögliche verpacken kann und mit denen man niemandem weh tut. Eine tatsächliche gesellschaftliche Bedeutung ergibt sich daraus freilich noch nicht automatisch. Und  durchgängig überzeugend ist diese Art von Anspruchsdenken, gegossen in nicht in jedem Fall ganz zündendes Bibliotheksmarketing, in Rückbindung an die Realität derzeitiger Wissenskulturen nur mit Einschränkung. Die benötigen die Bibliothek als Weltöffner nämlich nicht zwingend. Die Geschichte winkt dagegen derzeit mit mehr als einem Zaunpfahl dahin, wo sich Bibliotheken ihrer/unserer Zeit gemäß und wirksam nicht nur in sondern auch für eine Öffentlichkeit positionieren könnten.

(Berlin, 05. Juli 2013)

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (3): Von Innovation und Neuheit

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 19. März 2013

Karsten Schuldt

I

Desletztens schlug ich einigen Organisatorinnen und Organisatoren der InetBib-Tagung vor, die nächste dieser Veranstaltungen im Vatikan stattfinden zu lassen (der ja auch eine sehr schöne Bibliothek haben soll), inklusive Social Event auf dem Petersplatz und unter dem Motto Veränderung ist nicht immer gut.

Das Motto, erdacht vor der Wahl des neuen Papstes, aber hier gerne wiederholt, kann gerne als Meinungsäusserung dazu gedeutet werden, wie niedrig von mir die Veränderungsfähigkeit der katholischen Kirche (die mir allerdings, zugegeben, persönlich einigermassen egal ist) unter einem vielleicht locker auftretenden neuen Oberhaupt, welches aber dennoch erklärter Gegner sozialer Bewegungen und der Befreiungstheologie ist, eingeschätzt wird. Aber darum ging es mir bei diesem Vorschlag gar nicht. (Auch nicht um den persönlichen Wunsch, einmal endlich Rom zu sehen.) Es ging mir darum, einen Stoppschild zu errichten. Keine Barriere, über die nicht geschritten werden darf, aber ein Stopp, dass beachtet werden sollte, bevor die Fahrt weitergeht.

Gerade auf bibliothekarischen Konferenzen und in bibliothekarischen Publikationen ist es Usus geworden, „innovativ“, „neu“, „zum ersten Mal“ und ähnliche Bewertungen als Qualitätsmerkmal zu verstehen. Der Bibliothekskongress in der letzten Woche war, noch mehr als InetBib-Tagung, geprägt von Vorträgen und Postern, die genau so agierten: „Neue Angebote für ABC“, „Innovative Dienstleistungen für XYZ“. In Hamburg wird im April zum Beispiel eine „Veranstaltung Innovationsmanagement für Bibliotheken“ (vgl. http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg50045.html) stattfinden, welche wie folgt angekündigt wird:

Durch Innovationen entstehen neue Service für unsere Kundschaft. Wie man zu innovativen Ideen kommt, wie man das Ganze steuert und wie man dabei die Kundschaft selbst in die Ideenfindung mit einbezieht und was wir von Unternehmen dabei lernen können – das erfahren Sie am 22. und 23.04.2013 in Hamburg. (http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg50045.html)

Unter anderem wird bei dieser Veranstaltung ein Kreativitätsworkshop (wohlgemerkt für bibliothekarisches Personal, nicht für Künstlerinnen und Künstler) angeboten, dessen Abstract wie folgt lautet:

Lernen Sie in dem Workshop verschiedene Kreativitätstechniken kennen und wenden Sie diese in praktischen Übungen an. Damit sind Sie für Ihre eigenen innovativen Ideen bestens gerüstet. (http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg50045.html)

II

Ohne Frage: Die ganzen Vorträge und Poster, die Veranstaltung in Hamburg und so weiter sind im besten Wissen und Gewissen erstellt, gehalten, geplant. Vielleicht drängt sich manchmal der Eindruck auf, dass einige Kolleginnen und Kollegen einfach Altbekanntes mit ein paar hippen Schlagworten aufbrezeln würden; ich denke (und hoffe) aber, dies ist nur ein Eindruck. Vielmehr bin ich der Überzeugung, dass die Häufung solcher Begrifflichkeiten wie „innovativ“ und „neu“ Ergebniss eines bestimmten Denkens ist.

In diesem Denken erscheint es sinnvoll, dass Bibliotheken sich ständig neu erfinden, ständig irgendetwas ausprobieren müssten und so weiter. Nur: Mir scheint, dass die Rationalität hinter dieser Vorstellung immer weniger hinterfragt wird. Gleichzeitig scheint mir, dass das Drängen auf Innovation zu oft zwei andere Punkte unterschlägt: Nämlich die Geschichte bibliothekarischer Angebote, so dass immer wieder Angebote, die schon mehrfach erprobt wurden und zu denen Erfahrungen vorliegen, neu erfunden werden (Was nicht so schlimm ist, wie es vielleicht klingt. Das ist zwar am Ende Doppelarbeit, aber es gibt wirklich Schlimmeres, die GEZ zum Beispiel.) sowie die Frage, ob die Nutzerinnen und Nutzer (oder halt die ganzen Stakeholder, wie auch immer die definiert werden) überhaupt nach „Innvoation“ und „Neu“ verlangen und nicht viel eher nach sinnvoll, einfach und funktionierend.

Modern wäre, so beschloss vor einigen Jahren die Pestalozzi-Bibliothek in Zürich, sei ein Gebäude mit viel sichtbarem Beton, grossen Fenstern, klaren und klar abgetrennten Flächen aus einfachen Materialien. Zudem hätte es hell zu sein: Hellergrauer Stein, helles Holz, viel Weiss, knallige Farben. Ist das modern? Vielleicht. Sehr viele Neubauten und Umbauten von Bibliotheken, von Schulen und Hochschulen sehen in den letzten Jahren so aus; auch Bahnhöfe und öffentliche Gebäude folgen diesen Vorgaben. Deswegen, so ein Problem, sehen sie sich immer mehr immer ähnlicher. Steht man im Treppenhaus des Grimmzentrums der Humboldt-Universität sieht es dort genauso aus wie im Treppenhaus der Hauptgebäudes der HTW Chur und wie in den Gebäuden des neuen Campus der FH Potsdam. Auch dieses Bild der Pestalozzi-Bibliothek lässt höchstens durch die Verwendung des Begriffs Velo aufhorchen. In Berlin nutzt man dieses Wort nicht. Aber ist das ein Gebäude in Zürich, ist es eines in Freiburg? Sichtbar ist das nicht. Zudem stellt sich die interessante Frage: Ist das eigentlich sinnvoll? Wollen die Menschen das? Lässt sich Bibliothek besser Bibliothek sein in solchen Gebäuden? Nutzt das moderne? Wenn ja, dann wäre die Langeweile vielleicht (vielleicht!) zu rechtfertigen.

Modern wäre, so beschloss vor einigen Jahren die Pestalozzi-Bibliothek in Zürich, ein Gebäude mit viel sichtbarem Beton, grossen Fenstern, klaren und klar abgetrennten Flächen aus einfachen Materialien. Zudem hätte es hell zu sein: Hellergrauer Stein, helles Holz, viel Weiss, knallige Farben. Ist das modern? Vielleicht. Sehr viele Neubauten und Umbauten von Bibliotheken, von Schulen und Hochschulen sehen in den letzten Jahren so aus; auch Bahnhöfe und öffentliche Gebäude folgen diesen Vorgaben. Deswegen, so ein Problem, sehen sie sich immer mehr immer ähnlicher. Steht man im Treppenhaus des Grimmzentrums der Humboldt-Universität sieht es dort genauso aus wie im Treppenhaus der Hauptgebäudes der HTW Chur und wie in den Gebäuden des neuen Campus der FH Potsdam. Auch dieses Bild der Pestalozzi-Bibliothek lässt höchstens durch die Verwendung des Begriffs Velo aufhorchen. In Berlin nutzt man dieses Wort nicht. Aber ist das ein Gebäude in Zürich, ist es eines in Freiburg? Sichtbar ist das nicht. Zudem stellt sich die interessante Frage: Ist das eigentlich sinnvoll? Wollen die Menschen das? Lässt sich Bibliothek besser Bibliothek sein in solchen Gebäuden? Nutzt das moderne? Wenn ja, dann wäre die Langeweile vielleicht (vielleicht!) zu rechtfertigen. Ansonsten sollte die Architektur endlich wieder einmal anders werden.

III

Eine der unausgesprochenen Grundannahmen des „Innovation“-Denkens ist, dass es bislang in den Bibliotheken nicht innovativ genug zugegangen wäre. Das ist so nicht richtig. Auch in den Jahrzehnten zuvor gab es selbstverständlich immer wieder Versuche, Bibliotheken modern und zeitgemäss zu gestalten, sich an den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer, der Gesellschaft, der Wissenschaft und so weiter zu orientieren. Gerne wird bei Vorträgen zu „Innovationsthemen“ der Eindruck erweckt, dass die Bibliotheken bis dato recht unbeweglich gewesen seien und „erst jetzt“, „gerade erst“, „erst in den letzten Jahren“ angefangen hätten, sich zu verändern.

Dem ist nicht so. Beziehungsweise: Das gleiche Bild findet sich schon seit Jahrzehnten. Innovation beginnt offenbar immer in den gerade vergangenen fünf Jahren und nicht schon zuvor. Ärgerlich dabei ist nicht einmal so sehr, dass das dargestellte Bild historisch falsch ist. Das ist vor allem unhöflich vorhergehenden Generationen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren gegenüber. Schlimmer finde ich, dass wir hier Lernmöglichkeiten für Bibliotheken vorübergehen lassen: Vieles wurde schon ausprobierte, funktionierte mehr oder weniger (denn Innovationen funktionieren nie so wie gedacht, sondern immer mehr oder weniger), einiges transformierte sich in gängige bibliothekarische Praxis, vieles verschwand wieder. Aber: Fast immer klang es am Anfang ganz vielversprechend.

Würden wir das wahrnehmen, könnten wir zum Beispiel mehr darüber wissen:

  • Wie die Integration neuer Praxen in den bibliothekarische Praxis funktioniert oder nicht funktioniert.
  • Welche Versprechen offenbar zu gross sind, um in Bibliotheken angenommen zu werden.
  • Was Nutzerinnen und Nutzer sich immer wünschen, egal was man ihnen „gibt“. Was die Gesellschaft immer will. Oder auch: Ob und wie sich die Wünsche der Stakeholder und der Nutzerinnen und Nutzer überhaupt verändern. (Ein Beispiel: In fast allen Umfragen unter Nutzerinnen und Nutzern, egal welcher Methodik, werden heute als Ergebniss längere Öffnungszeiten gewünscht. War das schon immer so? Ist das ein neuer Wunsch? Wird das zurückgehen? Haben die tatsächlichen Öffnungszeiten von Bibliotheken überhaupt einen Einfluss auf diesen Wunsch?)
  • Wie die Veränderungen und Innovationen in Bibliotheken mit den Veränderungen der Gesellschaft zusammenhängen. Es gibt ja in bibliothekarischen Kreisen die Vorstellung, die Bibliothek würde von aussen als verstaubt und als etwas hinter der Zeit herhinkend angesehen und genau jetzt (wobei das jetzt immer neu das gerade seiende Jetzt ist) wäre die Zeit und die Möglichkeit, dies zu ändern. War auch das schon immer so? Haben Bibliotheken nicht auch in den 1960er Jahren und in den 1880er Jahren versucht, dagegen vorzugehen? Ist das überhaupt machbar und sinnvoll? Hat vor allem die Veränderung der Bibliotheken oder die Veränderungen der Gesellschaft Anteil an dieser Vorstellung?
  • Wir könnten schauen, was wirklich neu und anders ist und was sich nur so nennt.

Die ständige Rede von Innovation und Neuheit überdeckt diese historische Realität. Sicherlich hat das Gründe: Es wird – wohl nicht ganz zu Unrecht – angenommen, dass Vorträge, Texte und Poster mit diesem Gestus mehr Aufmekrsamkeit erregen und mit höherer Wahrscheinlichkeit irgendwo angenommen werden; ausserdem ist die Projektförderung heute darauf angelegt, nur Neues zu fördern (was nicht neu sein muss, die Mittelgebenden müssen nur glauben, es sei neu). Eine Frage allerdings ist, ob wir als Bibliothekswesen nicht auch Lern- und Entwicklungschancen vergeben, wenn wir diese Diskursfiguren nutzen.

IV

Ein Grund, warum die Diskursfigur Neu und Innovativ im zeitgenössischen Bibliothekswesen so gut funktioniert, ist auch die damit verbundene Behauptung, die Nutzerinnen und Nutzer würden es verlangen und, falls sie es nicht bekämen, nicht mehr in die Bibliothek kommen. Mehr noch: Immer wieder wird behauptet, mehr Nutzerinnen und Nutzer gewinnen zu können.

Wir sollten uns fragen, ob das wirklich stimmt.

Erstens: Nehmen unsere Nutzerinnen und Nutzer überhaupt wahr, was wir uns gegenseitig als innovativ beschreiben? Und wenn ja: Reagieren sie darauf positiv? Ich möchte das bezweifeln. Innovativ sind Bibliotheken ja immer wieder im Bezug auf sich und andere Bibliotheken, nicht im Bezug auf die Gesellschaft und die technischen etc. Möglichkeiten. Oder anders: Sie hängen am Ende doch oft hinterher. Neue Technologien sind oft schon durchgesetzt, bevor Bibliotheken sie nutzen; Bildungskonzepte sind in Schulen und Museen oft schon Alltag, bevor sie in Bibliotheken ankommen; Marketing- und Entscheidungshilfekonzepte sind oft schon ein alter Hut in der Werbe- und Beratungsbranche, wenn sie in Bibliotheken auftauchen. (Stichwort: SWOT-Analysen) Da sollten wir uns nicht gegenseitig irgendetwas vormachen.

Nur: Auch das ist so schlimm wieder nicht. Was sollte denn der Grund sein, dass Bibliotheken immer die innovativsten Einrichtungen sein sollten? Sicherlich: Wenn Öffentliche Bibliotheken wirklich sozial Schwache erreichten, dann wäre das vielleicht – wenn Innovation wirklich immer auch am Sinnvollsten wäre – ein Beitrag zur Sozialen Gerechtigkeit, weil dann Sozial Schwache früher von Innovationen profitieren könnten als, zum Beispiel, der Hipster in Neukölln. Real aber kennt der Hipster in Neukölln schon alles, bevor es im bibliothekarischen Diskurs überhaupt ankommt. Zumal: Wie soll eigentlich der Nutzer und die Nutzerin entscheiden, ob etwas in der Bibliothek innovativ ist? Die Lesen ja weder BuB noch Arbido noch Büchereiperspektiven.

Zweitens: Ist Innovation eigentlich für die Nutzerinnen und Nutzer eine sinnvolle Kategorie? Ich würde argumentieren, dass die Nutzerinnen und Nutzer von Bibliotheken gar nicht das Neueste wollen, sie wollen vielmehr etwas, was in ihren aktuellen Arbeits-, Lern- und Freizeitgestaltungen Sinn macht. Dazu gehören auch mal neue Dinge, aber halt nicht nur. Das WLAN in Bibliotheken hat sich nicht durchgesetzt, weil es innovativ war (war es ja auch nicht, weil es zumeist weit vorher Cafés mit WLAN gab, bevor Bibliotheken ihres einrichteten), sondern weil es sinnvoll war. Die Fernleihe für Artikel mag im Hintergrund immer wieder neu organisiert werden, die Nutzerinnen und Nutzer wollen aber nur schnellst möglich an die Artikel, die sie benötigen. Bibliothekscafés sind nicht der Renner, weil sie neu wären (auch hier sind sie es gar nicht so sehr, wie es vielleicht erscheint), sondern weil sie im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung immer mehr Sinn machen und für viele Aktivitäten netter sind als „einfache“ Bibliotheken. Und so weiter. Wenn wir wirklich, wie das auch behauptet wird, die Nutzerinnen und Nutzer oder auch die Stakeholder von Bibliotheken, in den Fokus nehmen wollen (übrigens auch etwas, was nicht so neu ist, wie es scheint), dann sollten wir auch mehr genau das in den Blick nehmen: Sinn, nicht Hippness.

Sicherlich gibt es Menschen, die durch Neues und Hippes ein-, zweimal interessiert werden. Aber das sind einige Menschen mit einem bestimmten Mindset. Wichtiger ist es, für möglichst viele Menschen etwas zu schaffen oder einzurichten, dass für sie im Alltag sinnvoll ist. Das ist eine andere Bewertungskategorie.

V

Weiterhin: Als ich das Motto „Veränderung ist nicht immer gut“ vorschlug, war dies selbstverständlich ein wenig Provokation. Aber auch Spiegelung des Denkens eines Teil des bibliothekarischen Personals.

Je länger je mehr Innovationen, Neuerungen etc. hat man gesehen, wenn man Jahre, gar Jahrzehnte in Bibliotheken arbeitet. Und immer wieder werden Neuerungen als etwas Besseres, Sinnvolleres gepriesen. Es baut sich aber, so hört man, beim Personal aber irgendwann einmal die Vermutung auf, dass die Innovationen nur noch der Innovation halber betrieben würden, nicht weil das, was davor war, wirklich nicht funktionierte oder weil das, was neu kommt, wirklich besser wäre. Oder anders: Wenn es falsch gemacht wird, wenn die Enttäuschungen über fehlgeschlagene Innovationen wachsen und wenn das Gefühl entsteht, dass mit Innovationen Dinge verändert werden, die einer Veränderung gar nicht bedürften, besteht jedesmal um so mehr die Gefahr, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare „abstumpfen“. Auch das ist nicht überraschend. In Schulen ist das zum Beispiel nicht anders. Nicht alle Menschen wollen ständig etwas verändern.

Leicht ist es, ein solches Denken und Verhalten als altmodisch und rückständig zu diskreditieren. Manchmal ist es das auch. Nur nicht immer. Gerade dann, wenn nicht mehr viel darüber nachgedacht wird, warum etwas erneuert werden muss, entstehen auch Gefahren. Sehr sichtbar ist das bei Studierenden im Bibliotheksbereich. Diese haben oft den verständlichen Wunsch, Neues zu entwerfen, Innovatives auszuprobieren. Und viele Hochschulen erfüllen Ihnen den Wunsch, preisen in den Selbstdarstellungen dies sogar als Besonderheit Ihrer Ausbildung an. (Wobei man sich immer fragen kann, was daran noch besonders ist, wenn es in Leipzig und Köln nicht anders getan wird, als in Stuttgart und Hamburg, in Berlin und Potsdam und Köln und Sondershausen und München und Darmstadt und Chur und Hannover.) Nur, was bei solchen Praxisprojekten schnell auf der Strecke bleibt, ist die sinnvolle Analyse des Bestehenden im Sinn von „was funktioniert wieso?“. Es wird – eine Grundvoraussetzung des Diskurses Innovation – vorausgesetzt, dass das, was ist, unvollständig und zumindest in Teilen unmodern wäre und erneuert, teilweise neu erfunden werden muss. Und so kommt es, dass zuerst Dinge mehrfach neu erfunden werden (Wie oft, zum Beispiel, wurde jetzt schon vorgeschlagen, kleine Bibliotheken in den Öffentlichen Personennahverkehr zu integrieren? Wie oft wurde es in unterschiedlichen Ländern und Städten umgesetzt und dann beim nächsten Mal ignoriert?) und zudem das, was vorgeschlagen wird, nicht angenommen wird. Das muss nicht daran liegen, dass die Projekte der Studierenden schlecht wären. Es heisst nur oft, dass das, was vorgeschlagen wird, für die Bibliotheken nicht als sinnvoll erscheint. (Gleichwohl muss man fragen, ob es wirklich sinnvoll ist, für Innovatives Projekten in der Länge von ein bis zwei Semestern anzulegen. Ist das wirklich eine passende Zeitspanne?)

Und man muss auch das Verstehen: Ist man als Bibliothekarin zum Beispiel seit Jahrzehnten damit beschäftigt, Schulklassen in die Nutzung der Bibliothek einzuführen und hört dann zum dritten Mal in fünf Jahren von „neuen, innovativen Konzepten nur Schulung von Schülerinnen und Schülern“ – was soll man dann davon halten? Insbesondere, wenn diese Konzepte oft nicht mal so recht wissen scheinen, wie diese Schulungen bislang abgehalten werden, sondern einfach davon ausgehen, dass sie unmodern wären.

Erstaunlich ist, dass man von solchen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren wenig hört in der bibliothekarischen Presse, auf den Bibliothekstagungen. Beziehungsweise: Selbstverständlich ist es nicht erstaunlich. Wir, als Bibliothekswesen, haben unsere Presse, unsere Konferenzen so entwickelt, dass dort angenommen, gedruckt und präsentiert fast nur noch das wird, was neu erscheint. Nicht das Kritik unwillkommen wäre, aber sie sollte schon etwas ganz Neues versprechen. Wo nun sollte das Personal, dass von den Podien herunter mehr oder mindern als veraltet dargestellt wird, überhaupt die Stimme erheben und fragen, was eigentlich so sinnvoll sein soll an bestimmten innovativen Projekten, was so falsch sein soll an bestimmten bisherigen bibliothekarischen Praktiken?

VI

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Dies ist kein Plädoyer für die Vergangenheit oder das Aufhalten von Fortschritt. Es ist ein Plädoyer für das Überdenken unserer Entwicklungsdiskurse und unserer in den Diskursfiguren situierten Denkweisen. Ganz klar ist:

  • Das die Zukunft viel spannender und besser sein wird und sein soll, als das Jetzige und dass wir – als Bibliothekswesen und als Menschheit – dies auch anstreben sollten.
  • Dass das Ausprobieren von neuen Dingen, neuen Technologien, neuen Konzepten gut ist, Spass macht und unbedingt getan werden muss. Aber: Nicht als reiner Selbstzweck, sondern vor dem Hintergrund der Sinnhaftigkeit für Bibliotheken, für Nutzerinnen und Nutzer, für die Gesellschaft.
  • Das man weder zu kleinen noch zu grossen Respekt vor der Geschichte der Institution Bibliothek und dem in Bibliotheken vorhandenem Wissen über die Möglichkeiten bibliothekarischer Praktiken haben darf. Weder darf man Dinge aufrechterhalten, weil sie Tradition haben (Traditionen sind kein sinnhafter Grund für irgendetwas) noch darf man sie, schon gar nicht mit einem groben und ungenauen Pinselstrich, einfach als veraltet und falsch abqualifizieren. Wir müssen genauer schauen, was wie und wieso funktioniert oder nicht. Es mag Dinge geben, die sind erstmal „fertig“ und müssen nicht erneuert werden.
  • Innovation ist kein Wert per se, sondern nur dann sinnvoll, wenn etwas in einer Organisation nicht (mehr) funktioniert oder aber neu tatsächlich besser geht. Die Diskursfigur „innovativ und neu“ verdeckt dies zu oft.

VII

Wer über die Zukunft nachdenken will, muss die tatsächlichen Entwicklungen und Entwicklungsverläufe beachten. So ist ein Blick in die Vergangenheit auch immer nur sinnvoll, wenn nicht nur wahrgenommen wird, was geworden ist, sondern auch, was hätte werden können. Jede Entscheidung, jede Innovation oder Nicht-Innovation ist immer auch ein Verwerfen von Möglichkeiten, die auch hätten gewählt werden können. Die Geschichte der Bibliothek ist unter anderem eine Geschichte von vergangenen Zukünften der Bibliothek. Sich dies zu verdeutlichen macht die Verantwortung, die man hat, wenn man Zukunft entwirft, wenn man innovative Dienstleistungen vorschlägt oder eine spezifische Interpretation einer bestimmten Umfragen favorisiert, klarer. Wir spielen nicht nur mit der Zukunft und dem Bibliothekswesen, wenn wir Entwicklungen vorhersagen; wir treffen vielmehr Aussagen, die Relevanz entwickeln können und andere mögliche Zukünfte verhindern.

Gleichwohl ist die Zukunft immer geiler als die Gegenwart oder gar die Vergangenheit. Veränderung ist nicht immer gut, was ich als Motto-Vorschlag für die nächste Inetbib-Tagung aufrecht erhalten möchte, ist dann vor allem eine Aufforderung Innezuhalten und zu Fragen: Was machen wir hier eigentlich immer wieder, wenn wir ständig von Neuem reden? Reden wir dann vielleicht gerade nicht von Dingen, die wichtiger sein könnten, als ob etwas neu oder nicht neu ist? Deckt der Diskurs zu Innovation und Neuheit nicht andere Fragen zu? (Hat man eigentlich noch Zeit, über die Frage der gesellschaftlichen Rolle von Bibliotheken nachzudenken, wenn man ständig Innovatives schaffen muss?)

Berlin, März 2013

History Repeating. Die Geschichtswissenschaft debattiert auch 2013 über die Legitimität des Bloggens.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 8. Februar 2013

Anmerkungen zu:

- Valentin Groebner: Muss ich das lesen? Ja, das hier schon. In: FAZ, 06.02.2013, S.N5
- Klaus Graf : Vermitteln Blogs das Gefühl rastloser Masturbation? Eine Antwort auf Valentin Groebner In: redaktionsblog.hypotheses.org, 07.02.2013
- Adrian Anton Tantner: Werdet BloggerInnen! Eine Replik auf Valentin Groebner. In: merkur-blog. 07.02.2013

von Ben Kaden

Es gibt offensichtlich (erneut) eine erneute kleine Zuspitzung des Konfliktes um die Frage, inwieweit wissenschaftliche Kommunikation im Digitalen möglich sein darf oder soll. Anlass ist ein Vortrag des Historikers Valentin Groebner, der als Zeitungsfassung am Mittwoch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter der Überschrift Muss ich das lesen? Ja, das hier schon – schön historisierend mit dem Gemälde eines lesenden Bauerjungen des russischen Malers Iwan Iwanowitsch Tworoschnikow aus der Zeit des zaristischen Russlands illustriert – abgedruckt wurde.

Erstaunlich an der Debatte, auf die umgehend sowohl Klaus Graf im Redaktionsblog von Hypotheses.org wie Anton Tantner im Weblog der Zeitschrift Merkur und noch einige andere blogaffine Wissenschaftler antworteten, ist besonders, dass sie überhaupt noch bzw. wiederholt so stattfindet. Während Klaus Graf zum Ausstieg noch einmal einen Pinselstrich auf den üblichen, aber halt furchtbar überzogenen und daher eher wenig souverän wirkenden Kampf- und Fronttafelbildern (aber insgesamt vergleichsweise äußerst brav) setzt:

“Die Rückzugsgefechte der Buch-Fetischisten sollten uns nicht vom Bloggen abhalten.”

(Warum auch sollten sie?) findet sich bei Anton Tantner bereits die treffende Antwort:

“Dabei sind Verifizierung und Stabilisierung von Informationen – die Groebner als Aufgabe gedruckter Medien betrachtet – selbstverständlich auch digital möglich und kein Privileg des Papierbuchs; es braucht allerdings geeignete Institutionen dafür, wie zum Beispiel die Online-Repositorien der Universitäten, die die Langzeitarchivierung der von ihnen gespeicherten Dateien – nicht zuletzt wissenschaftliche Texte – zu garantieren versprechen.”

Für die Notwendigkeit von Druckmedien wiederholt man, seit man überhaupt den Gedanken der Abbildung geisteswissenschaftlicher Inhalte in digitale Kommunikationsräume andenkt, die Argumente der Langzeiterhaltung und des Qualitätsfilters – einem Wunschwerkzeug ersehnt schon lange vor dem WWW, um die so genannte Informationsflut (oder Publikationsflut) in den Griff zu bekommen. Valentin Groebners Artikel, der dies mit dem seltsamen Wort “Überproduktionskrise” variierend anteasert, definiert denn auch: “Denn Wissenschaft kann gar nichts anderes sein, als Verdichtung von Information. [...] Man ist als Wissenschaftler selbst ein Filter, ganz persönlich.”

Die Argumente dafür präsentieren sich im Verlauf der Debatte dabei jedoch von nahezu allen Seiten nicht sonderlich verdichtet, sondern vor allem redundant. Wir erinnern uns:

“So verteidigte Uwe Jochum (Konstanz) in seinem polemischen Einführungsreferat die Bibliothek als kulturellen Gedächtnisort, als konkret sicht- und begehbares Gebäude gegen ein orientierungsloses Surfen auf weltweit rauschenden Datenströmen. Aus der antiken Mnemotechnik leitete er die Notwendigkeit einer Lokalisierung der Erinnerung ab: Bei der Lektüre eines Buches im Netz hingegen sei kein Rückschluß auf den Standort des Computers oder gar des Originals möglich. Die Anpassung der Bibliotheken an die Informationsgesellschaft sei schon deshalb problematisch, weil der Informationsbegriff völlig unklar sei. Während in einer herkömmlichen Bibliothek die einzige “Information” der Standort eines Buches sei, gehe in der simultanen Verschaltung von Sender und Empfänger jeder Inhalt verloren – kurz: Sammlung sei gegen Zerstreuung zu verteidigen.”

So las man es ebenfalls in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und zwar am 09.10.1998. (Richard Kämmerlings: Lesesaal, Gedächtnisort, Datenraum Der Standort der Bücher: Auf dem Weg zur hybriden Bibliothek., S.46) Und auch das Thema der Langzeitarchivierung solcher Bestände stand damals mitten in der Auseinandersetzung.

Der Hauptunterschied zu dieser Zeit liegt vor allem darin, dass man 1998 noch nicht diskutierte, inwieweit es für Historiker zulässig ist, solche Debatten sowie andere Wissenschaftskommunikationen in Blogs und damit direkt und ohne redaktionelle Kontrolle abzubilden. Weil man Blogs und das Web als kommunikativen Partizipationsraum noch gar nicht wirklich kannte.

Ein Irrtum Valentin Groebners scheint dagegen darin zu liegen, dass er die “unerfreulichen Seiten der Gelehrtenrepublik [...] nämlich [...] den Kult der narzissistischen Differenz und [...] Debatten, die ins endlose verlängerte werden” grundsätzlich prinzipiell mit digitaler Kommunikation verknüpft. Genauso gut kann man sie nämlich, wenigstens in diesem Fall, beispielsweise gleichfalls mit der FAZ verbinden. Auffällig an diesem Diskurs ist zudem, dass ein paar etablierte Akteure gibt, die seit den frühen Tagen stabil dabei sind und parallel wechselnde neue Akteure, die offensichtlich jedes Argument für sich jeweils neu entdecken und ausführen. (Ich möchte übrigens nicht sagen, dass meine Texte durchgängig außerhalb dieses Prozesses stehen.) Zu vermuten ist jedoch ebenso, dass die Akteure, die tatsächlich intensiv Schlüsse ziehen, mit der Umsetzung ihrer Folgerungen so beschäftigt sind, dass sie gar keine Zeit und Lust mehr finden, sich in (De-)Legitimierungsscharmützeln aufzureiben.

Das Internet wirkt für Kommunikationen naturgemäß vor allem als Proliferationsimpuls: Es entfaltet all das, was ohnehin bereits angelegt ist. Die oft scheußlich selbstgerechten Lesekommentarhagel auf den Zeitungsportalen machen nur sichtbar, wie eben auch gedacht wird. Aus soziologischer Sicht ist das ungemein spannend. Dass das “Unfertige”, aus dem Wissenschaft per se besteht, nun direkt wahrnehmbar, referenzierbar und direkt nachnutzbar wird, verändert zwangsläufig die Wissenschaftspraxis. Das behagt vor allem denen, die dadurch etwas zu gewinnen haben (z.B. Diskurshoheit) und missfällt all denen, die sich darin überfordert bis bedroht sehen (z.B. nicht zuletzt einfach, weil ihnen in ihrer Lebensorganisation die Zeit zur Auseinandersetzung mit den Weblogdiskursen fehlt und sie nicht verstehen, warum sie nun zwangsläufig darauf einsteigen müssen. Auch das ist nachvollziehbar.)

Dass ein nach festen Bezügen strebendes Wissenschaftsbild hier seine Stabilität gefährdet sieht, ist nachvollziehbar. Aber der Zusammenbruch aller überlieferten Wissenschaftswerte ist kein unvermeidliches Szenario, sondern ein vermutlich im Ergebnis eher harmloses Schreckensbild. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass Digitalität prinzipiell diskursive Verfestigung und Absicherung verhindert. Der oben zitierten Stelle aus der Replik Anton Tantners ist fast nichts hinzuzufügen. Digitale Kommunikationsräume sind Räume, die wir programmieren und gestalten. Wenn wir bestimmte Qualitätskriterien für die Wissenschaftskommunikation erhalten wollen, dann sollte sich das durchaus unter intelligenten, rationalen Akteuren, wie man sie in der Wissenschaft zu vermuten angehalten sein sollte, aushandeln und perspektivisch etablieren lassen. Nicht jeder Geisteswissenschaftler muss dafür Quellcode schreiben lernen. Auch die einfach Verständlichkeit der Schnittstellen zwischen Mensch und Technik ist Teil der Entwicklungsagenda.

Es gibt sogar eine eigene wissenschaftliche Disziplin, die sich mit Fragen auseinandersetzt (bzw. auseinandersetzen sollte), wie diese Ansprüche der Wissenschaft (Verifizierbarkeit, Nachprüfbarkeit, Verdichtung)  im Digitalen umgesetzt werden können: die Bibliothekswissenschaft (bzw. Bibliotheks- und Informationswissenschaft). Wenn man Karsten Schuldts Annahme zustimmt, es gäbe jeweils “ein Rezeptionsverhalten, dass zu bestimmten Situationen und Lesehaltungen passt”, und es gibt keinen Grund die Zustimmung zu verweigern, dann erscheint überhaupt die Idee, selbst- und fremderklärten “Buchfetischisten” und “Masturbationsbloggern” ihre gegenseitige Legitimation absprechen wollen, als völlig unsinniger Hemmschuh, wenn es tatsächlich um die Frage geht, wie ein zeitgemäße Wissenschaftskommunikation aussehen kann – die übrigens genauso nach wie vor Printprodukte und andere netzunabhängige Medien zulässt, wenn diese zu Situation, Lesehaltung und dem Bedürfnis nach Langzeitsicherung passen.

Guten Morgen 2013, komm doch (auch) nach Potsdam altes Haus

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 2. Januar 2013

Für den ersten Post des Jahres 2013 – das hoffentlich besser und erfolgreichen und interessanter und aufregender wird als 2012, wie man das sich ja immer wünscht – ein Hinweis auf das, was im laufenden Jahr mit der LIBREAS und dem LIBREAS. Verein passieren wird.

  1. Am 22. März 2013 wird, als Satellit des ISI, die nächste frei<tag>, also eine Unkonferenz des LIBREAS. Vereins, stattfinden. Das Motto lautet vorwärtsdrängend raum:shift [information science], es soll um nichts geringeres als eine Richtungsbestimmung des gesamten Wissenschaftsgebiets gehen. Die gesamte Einladung findet sich auf der Homepage des LIBREAS. Vereins. Mehr Informationen finden sich unter www.libreas-verein.eu/freitag. Das Social Event wird auf dem Theaterschiff Potsdam stattfinden (was alleine den Besuch schon lohnt). Wir würden uns über einen großen Zuspruch freuen.
  2. Wie auf der Mitgliederversammlung im letzten Jahr beschlossen – auf der übrigens alle Mitglieder des LIBREAS. Vereins stimmberechtigt sind – wird die LIBREAS im Jahr 2013 mit mindestens drei Ausgaben erscheinen. Die Call for Papers für die ersten zwei Ausgaben wurden schon veröffentlicht. Noch bis 31.01.2013 können Beiträge für die Ausgabe #22 Recht und Gesetz eingereicht werden. Bis zum 31.05.2013 ist der Call for Papers für die Ausgabe #23 Forschungsdaten, Metadaten, noch mehr Daten. Forschungsdatenmanagement geöffnet. Die Themen der folgenden Ausgaben werden sich in Zukunft zeigen. Wir hoffen aber wie immer auf zahlreiche, interessante, vorwärtszeigende und zum Denken anregende Einreichungen (auch außerhalb der Schwerpunktthemen).
  3. Am Ende des Jahres 2013 wird die LIBREAS ein anderes Aussehen haben als am Ende des Jahres 2012.
  4. Wir sind im letzten Jahr gewachsen. Wir hoffen, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Die Redaktion umfasst seit Kurzem neun Personen – und damit erstmals nicht nur Personen, die an der Humboldt Universität studiert haben, was sich bestimmt auch auf die Ausrichtung des Zeitschrift auswirken wird -, der Verein hat einen steigenden Stamm an Mitgliedern. Wir deuten das unter anderem als ein steigendes Interesse an einer Kommunikation im Feld der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, hoffen aber auch, mit der Zeit wirklich eine Infrastruktur anbieten zu können, die solche Diskussionsprozesse unterstützt. Neben der Zeitschrift selber veranstalten wir 2013, wie schon gesagt, die dritte Unkonferenz. Wir haben noch nicht entschieden, ob das eine regelmäßige Veranstaltung wird; aber egal wie diese Entscheidung ausgeht, wir haben ein Interesse an mehr Veranstaltungen. (Deshalb auch ein Verein, bei dem Personen sich anders engagieren können, als “nur” mit Redaktionsarbeit.)
  5. Ein persönlicher Wunsch: Möge im Jahr 2013 die Selbstverständlichkeit (und der Mut) wachsen, mit der an Debatten der Bibliotheks- und Informationswissenschaft teilgenommen wird, mit der auch Personen aus “den praktischen Felder” (also den Bibliotheken, Informations- und Dokumentationseinrichtungen, dem Information Brokering und so weiter) an ihnen teilhaben. Jedes Jahr schaue ich nach Silvester auf den philosophischen Teil meiner privaten Bibliothek und denke, wenn ich Kant sehe: “Sollten wir nicht längst im aufgeklärten Zeitalter leben? Gehört da nicht ein aufgeklärter Diskurs dazu?” (Daneben steht dann die Dialektik der Aufklärung und der gesammelte Foucault. So naiv bin ich dann auch nicht, den Kant alleine zu nehmen. Und es geht selbstverständlich immer um das große Ganze, nicht nur die Bibliotheks- und Informationswissenschaft. But…) Einen solchen Diskurs, bei dem wir alle danach streben aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit uns zu befreien – einen solchen muss man üben. Ich hoffe, dass wir 2013 viel üben werden.
  6. 2012 gab es einige Debatten darüber, ob wir neue Pubikationsorgane im Bibliothekswesen und der Bibliotheks- und Informationswissenschaft benötigen. Und ja: Wir brauchen sie. Jetzt, Anfang 2013, sind diese Publikationsorgane nicht aufgetaucht (stattdessen vollkommen unerwartet eines aus München). Mögen diese Debatten nicht einfach einschlafen.

So denn auf ein Neues: Mehr Texte lesen, mehr Theoriearbeit machen, weniger Marketing, mehr Mut haben, Dinge zu sagen die wahr sind und Dinge, die falsch sind, falsch zu nennen. Mehr Unterschiedlichkeit in den Texten zulassen. Mehr Menschen in die Vereinsarbeit einbinden. Mehr Spass haben weniger Stress. Täglich ein gutes Gedicht lesen. Daran arbeiten dass es besser wird (alles). Die LIBREAS nicht nur in Berlin lassen. Auf ein neues. Auf 2013.

Karsten Schuldt, Berlin 02.01.2013

Welcher Art Wissenschaft soll die (Bibliotheks- und) Informationswissenschaft sein? Ein Workshop-Bericht

Posted in LIBREAS.Debatte by libreas on 7. Juli 2012

Welcher Art Wissenschaft soll die (Bibliotheks- und) Informationswissenschaft(1) sein?
Ein Workshop-Bericht

von Ben Kaden und Karsten Schuldt

„Es gibt keine höhere Instanz als die innerhalb des Diskurses herbeigeführte und insofern rational motivierte Zustimmung der Anderen.“ – Jürgen Habermas: Charles S. Peirce über Kommunikation. In: ders. (1991) Texte und Kontexte. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S.24.

„Eine nüchterne, reservierte, leidenschaftslose Wissenschaft wäre kaum zu ertragen. Eine trunkene, aufdringliche, erregte Wissenschaft noch weniger. Mindestens in einem Punkt ist die Wissenschaft jedoch leidenschaftlich [...]: Sie erinnert sich fortgesetzt an das Erfordernis der Nüchternheit.“ – Maren Lehmann: Wissenschaft im Rausch. In: dies. (2011) Theorie in Skizzen. Berlin: Merve Verlag. S. 160.

I.


Im März 2012 brandete im LIBREAS-Weblog eine kurze und leidenschaftliche (im Sinne Maren Lehmanns) Debatte zwischen den beiden Autoren dieses Berichtes auf. (2)(3), (4)(5)(6)

Grundsätzlich ging (und geht es weiterhin) um folgende Fragen:

Wie viel oder wie wenig Diskurs findet sich in Metadaten beziehungsweise Netzwerken von Metadaten?
Und was davon kann wie informationswissenschaftlich ausgewertet werden?

Obgleich wir nicht in allen Aspekten dieser Diskussion zu einer Übereinkunft kamen, stellten wir doch zugleich fest, dass wir (a) auf einige ungeklärte Fragen zu Bedeutung, Inhalt und Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft gestoßen waren, die wir (b) als höchst diskussionswürdig ansehen. Zudem fiel auf, dass wir (c) bei allen Differenzen durchaus einige Überzeugungen teilen.

(1)  Für uns steht fest, dass die Bibliotheks- und Informationswissenschaft eine soziale Wissenschaft darstellt. Es ist also eine Disziplin, die sich mit den sprach- und symbolbasierten Beziehungen, Verhältnissen und Kommunikationen zwischen menschlichen Akteuren befasst. Ob das Fach auch eine Sozialwissenschaft im engeren Sinne sein kann, sollte durchaus Gegenstand einer fortlaufenden Diskussion sein.

(2)  Alle Information ist für uns in letzter Konsequenz kontextuell. Information ohne Kontext ist keine solche. Spätestens seit Claude Shannons Informationstheorie ist bekannt, dass eine Information wenigstens einen Sender, einen Kanal und einen Empfänger benötigt – was in gewisser Weise einen abstrakten Mindestkontext definiert. Wir sind uns allerdings uneinig, wie und wann diese Kontextualität in die wissenschaftliche Auseinandersetzung einbezogen werden kann beziehungsweise sollte.

(3)  Metadaten, die zu Informationsobjekten gehören beziehungsweise zur Beschreibung von Zusammenhängen von Informationsobjekten dienen (insbesondere wenn diese Teil von Debatten darstellen) sind mit dem gleichen Recht Untersuchungsobjekt der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, wie die Wissensobjekte selbst.

(4)  Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist als ein Wissenschaftsfeld zu betrachten, welches eine spezifische eigene Geschichte, inklusive gescheiterter Forschungsparadigmata, teils in Schnittmenge zu anderen Disziplinen, aufweist. Die wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung der Disziplin kann beziehungsweise sollte selbst Teil der Forschungsagenda werden.

(5)  Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist vorrangig eine befragende und beschreibende Wissenschaft. Das Paradigma der Praxisforschung scheint uns, zumindest als einseitig in den Mittelpunkt gerückter Zweck, gefährlich (und zugleich als langweilig). Werden die Bedingungen der eigenen Forschung nicht reflektiert, droht die Gefahr der Entwicklung restringierender und also sehr beschränkter Erkenntnisstrukturen, die den Herausforderungen an die Disziplin nicht gerecht werden können. Zudem ist eine primär auf konkrete Produkte und Dienstleistungen gerichtete Forschung als akademische Disziplin nicht haltbar. (more…)

Ordnung ist das halbe Lesen. Zu Mikko Kuorinkis Variation über Foucault.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 19. April 2012

Rezension zu: Mikko Kuorinki (2012): The Order of Things: An Archaeology of the Human Sciences. Karlsruhe: Mark Pezinger Verlag.

von Ben Kaden

Bis auf das Buch „Das Totenschiff“ segelte B. Traven an meiner Lektürebiografie fast spurlos vorbei. Aber irgendwie auch nicht. Denn eine meiner angenehmsten Tätigkeiten zur Entspannung des manchmal etwas von alltäglicher Betriebsblindheit geprägten Blicks während meiner Tätigkeit als studentischer Mitarbeiter in der Saur-Bibliothek des Berliner Instituts – damals noch nur – für Bibliothekswissenschaft, war das Herumstöbern in der teils doch sehr wunderlichen Zusammenstellung des dort vorgehaltenen Programms des Saur-Verlags. Einer meiner Lieblingstitel wurde Joachim Dietzes B. Travens Wortschatz [1]. Auch wenn ich also B. Travens Worten weitgehend fremd gegenüber stehe, so sind mir doch seine Wörter vertraut. Joachim Dietzes Arbeit ist nämlich ein so genanntes Frequenzwörterbuch, welches sämtliche von B. Traven verwendete Wörter nach Schaffensperioden auf etwas mehr als 700 Seiten listet. Das liest sich nicht mitreißender als ein Telefonbuch, aber dank Rückbezug zu einem konkreten Autor und seinem Werk doch aufregender als der Duden. Von den jeweiligen Handlungsverläufen erfährt man natürlich nichts, aber erstaunlicherweise ergibt sich aus dem aufmerksamen Durchblättern des tabellarisch nach Häufigkeit aufgeschlüsselten Wortschatzes durchaus ein grober Eindruck, worüber der Schriftsteller wie schrieb.

Sich mit Sinn und Zweck derartiger Erschließungen auseinanderzusetzen ist Gegenstand einer literaturwissenschaftlich orientierten Linguistik. Hilfreich sind Frequenzanalysen vor allem für Fragestellungen einer quantitativen Literaturwissenschaft, die sich auch mit Wortschatzauffälligkeiten und Verschiebungen im Vokabular befasst.

Einem Betrachter ohne Bezug zu solchen Erkenntnisverfahren erscheint die Vorstellung, ein Textwerk derart aufzulösen und zu -listen dagegen verständlicherweise wahlweise als spleenig, absurd oder frevelhaft.

Bibliotheks- und Informationswissenschaftler sehen schließlich darin möglicherweise wichtige Vorarbeiten einer literaturwissenschaftlichen Semiometrik, die für semantische Netze und Ontologieentwicklung nützliche Grundlagen legen kann.

Wie Joachim Dietze methodisch vorging, ist mir nicht bekannt und das Buch liegt mir auch nicht mehr vor, um in einer eventuellen Vorbemerkung entsprechend nachzulesen. Auch inwieweit Volltextkorpora wie Google-Books semiometrische Verfahren elaborieren vermag ich nicht genauer abzuschätzen und für entsprechende Hinweise bin ich immer dankbar. Der N-gram-Viewer[2] lässt jedoch vermuten, dass dort Ansätze dieser Art keine geringe Rolle spielen. Eher  darüber hinaus, wie sich derartige Verfahren als Werkzeuge auf Digitale Geisteswissenschaften appliziert denken lassen.

Eine Schwierigkeit bleibt freilich bestehen. Denn man besitzt zwar im Idealfall Korpus, Methode und Analysetechnik. Der Zweck, also das Erkenntnisziel, dieses „how (not) to read a million books“[3] bleibt aber unbestimmt.

In der Informationswissenschaft kenn man das schon länger. Denn die Formulierung relevanter Forschungsfragen und in gewisser Weise die Re-Qualifizierung quantitativer Möglichkeiten ist eine Herausforderung, die Sziento- und Bibliometrie grundlegend umtreibt. Wir können alles Mögliche messen, relationieren und visualisieren. Die Möglichkeit eines Übergangs zwischen einer Leistungsschau der Rechentechnik, dem ästhetischen Vergnügen an sauberen Kurvenverläufen und sinnvollen Aussagen mit konkreten Handlungsimplikationen wird dabei jedoch nicht immer greifbar.

Mikko Kuorinki - The Order of Things (Cover)

"Snobs who go to Bonn for bonbons know how to shop for good food." - Christian Böks nach-oulipotisches Eunonia (Edinburgh: Cannonball Books, 2001) stellt in gewisser Weise das Gegenmodell zu Mikko Kuorinkis' Ansatz dar. In fünf Kapiteln wird eine Literatur erzeugt, die der strengen Regel erfolgt, in jedem Kapitel jeweils nur einen Vokal zuzulassen, dafür aber möglichst das gesamte Repertoire an integrierbarem Vokabular zu verarbeiten. Laut Nachwort gelang dies zu 98 %. Das Vergnügen - man kann es am zitierten Satz leicht erproben - entsteht beim lauten Vortrag. Damit unterscheidet es sich übrigens grundlegend von Mikko Kuorinkis Ordnungswerk. Vor allem, weil man dort angesichts gebündelter Redundanz beim Lesen viel zu leicht in der Zeile verrutscht.

Wenn nun der finnischen Künstler Mikko Kuorinki die Methode des Frequenzwörterbuchs auf Michel Foucaults Les mots et les choses (allerdings englische Übersetzung, also: The Order of Things) anwendet, darf man sicher keinen übermäßig wissenschaftlichen Hintergrund erwarten. Zudem ist anzunehmen, dass die Übersetzung ohnehin einige Verwischungen im Sprachgebrauch enthält, was auch die Aussagekraft über den Sprachgebrauch Foucaults begrenzt. Dennoch eröffnet sich ein erfrischender Zugang.

Das Werk zur Umordnung des Textes ist selbstverständlich bewusst gewählt. Es in der Form aufzubrechen und nach Worthäufigkeiten neu aufzustellen, es also von formulierten Aussagen zu in der Wortverwendung an sich aufschimmernden impliziten Aussagen eines Subtextes zu öffnen, lässt sich unschwer als Referenz auf die Grund(in)fragestellung von Wissen durch die Idee des Diskurses lesen. Mikko Kuorinki treibt die Vorstellung, wie wir über die Dinge sprechen und wie sie Foucault gerade auch in diesem Werk unter dem Begriff der Archäologie untersuchte auf eine interessante und dekonstruktive Spitze. Und zwar, indem er sich ausschließlich des in der Vorlage benutzten Vokabulars bedient und es nach dem schlichtmöglichsten Ordnungsverfahren (=alphabetisch) arrangiert. „Discourse“ besetzt nun mehr als eine ganze der leider nicht nummerierten Seiten und geht direkt in eine halbe weitere mit „discover“ über. Inwiefern auf Schöpferseite (also bei Mikko Kuorinki) die Freude am Nonsens bei der Arbeit eine Rolle spielte, wird vom Buch her nicht deutlich. Die Werkgeschichte des Künstlers ist aber durchaus von der Auseinandersetzung mit der Verbindung zwischen Mensch und Welt via Sprache geprägt. Damit kann man ihn sicher vom L’art pour l’art-Verdacht freisprechen. Im Buch selbst findet sich keine Erklärung. Die etwas zu gequälten Blurbs auf der Buchbanderole wirken fast ein wenig den Spaß verderbend.

Der Inhalt ist wahrscheinlich tatsächlich wortidentisch mit der Vorlage, semantisch aber maximal aufgespreizt. Denn jedes Wort steht nun für sich und alle abgebildeten Kontexte sind syntaktisch motiviert. Was mitunter tatsächlich in eine eigenartig konkretisierte Poesie des Eigensinns der Sprache führt. Abgesehen davon überrascht die linguistische Visualisierung der Wortverwendungen („information“ kommt nur dreimal vor, „belief“ bzw. „believe“ in verschiedenen Beugungen 49 Mal) mit einiger Aufschlusskraft über den Foucault‘schen Diskurs, also die spezifische Rede- bzw. Schreibweise über seinen Gegenstand.

Möglicherweise ist diese rücksichtslose Form der Diskursbrechung dank eines simplen Ordnungssystems der uns verbliebene Weg einer erkennenden Distanzierung zu den unvermeidlich gebundenen Aussagesystemen der Wissenschaften. Ich glaube nicht, dass Mikko Kuorinkis Arbeit als Plädoyer für die Elaboration entsprechender semiografischer und semiometrischer Methoden angedacht ist. Aber sie lässt sich – wenn man hier von lesen sprechen möchte – vor allem so lesen. Und enthält dabei, die richtige Fragestellung vorausgesetzt, durchaus Erkenntnis stiftendes Potential.


[1] Joachim Dietze: B. Travens Wortschatz : ein Frequenzwörterbuch zu seinen drei Schaffensperioden. München : Saur, 1998

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