It’s the frei<tag> 2013 Countdown (7): Ex Libris
(Anmerkung: Aufgrund widriger digitaltechnischer Probleme kann der Beitrag, der eigentlich für Freitag gedacht war, erst am heutigen Samstag erscheinen.)
zu: Emily Jacir (2012) ex libris, 2010-2012. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König.
von Ben Kaden
Am Anfang eine Schachtel:
In einer dieser frischen Buchhandlungen mit Drang zur Nische, die man in Zentral-Berlin erstaunlicherweise bei abendlichen Wandelgängen plötzlich gern dort entdeckt, wo man gestern noch nicht einmal eine leeres Lokal wahrgenommen hatte (war es ein Schuster? Ein asiatisches Restaurant?), wobei diese rapide Vermehrung nicht nur darin ihre Ursache haben dürfte, dass, wie mir vor kurzem in der lauten Salontangotanzwelt des Clärchens Ballhaus der Vertreter eines mittelgroßen deutschen Literaturverlages eher bestätigte als mitteilte, nahezu alle aufstrebenden SchriftstellerInnen jedenfalls seines Hauses innerhalb des Berliner S-Bahnrings mindestens Zweitwohnung nehmen, was ganz eigene Probleme nach sich zieht, die Reisekosten aber kalkulierbar hält, entdeckte ich halb unter anderen Bänden versteckt nah der Kante eines Präsentationstischchens für Neuerscheinungen ein Buch von der Art, auf die man eher selten stößt, weil man von ihnen nichts weiß, sie Buchhändler eher selten von sich aus ins Sortiment nehmen, die aber dem bibliobibliothekarischen (im Gegensatz zum technobibliothekarischen) Blick ohne Umschweife ihre Relevanz offenbaren und daher auch alsbald in irgendeiner Verkaufsstatistik erscheinen.
Viele Exemplare der Dokumentation zu Emily Jacirs Ex Libris-Projekt dürften sich in dieser freilich nicht aufeinander addieren (der Amazon Verkaufsrang liegt derzeit in der Höhe „Viertelmillion“, also in einem Bereich, wo eine einzelne Bestellung gleich einen Satz um tausend Positionen nach vorn zur Folge hat) und aus bibliophiler Sicht macht das eher schlichte Büchlein wirklich nicht allzu viel her. Aber die Geschichte dahinter ist für uns unvermeidlich bemerkenswert.
Der Band spiegelt den Beitrag der Künstlerin für die dOCUMENTA (13). Dieser besteht aus Nahaufnahmen von bzw. aus Büchern, die im Palästinakrieg Ende der 1940er Jahre aus verlassenen öffentlichen Bibliotheken und vor allem aus Privathäusern in Palästina gezielt übernommen und nun zum Teil mit dem Vermerk „Abandoned Property“ (AP) in der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem aufbewahrt werden. Die Bände waren, wie Gish Amit in seinem Aufsatz Ownerless Objects? (In: Jerusalem Quartely, 33 / Winter 2008) ausführt, aufgegeben. Und zwar, weil ihre Besitzer vor dem Krieg flohen. Kurt Warman, damaliger Direktor der Nationalbibliothek in Israel, reagierte schnell und forderte von seiner Regierung, was er umgehend erteilt bekam: Die Zuständigkeit für diese zurück- und verlassenen Bestände.
Daraufhin sammelten Bibliothekare – teilweise auch als in die israelische Armee embedded librarians – geschätzt 30.000 Bände ein. Der offizielle Zweck war, wie ein Memo Kurt Warmans zeigt, die Rettung der Bücher an sich mit der Horizontlinie einer eventuellen Rückgabe an die ehemaligen Eigentümer. Daher kennzeichnete man die Exemplare in den 1950er wenn möglich mit entsprechenden Herkunftsnachweisen. In den 1960ern wurden diese Namen durch das AP-Kürzel ersetzt. Dieser Schritt überführte diesen Sonderbestand, so Gish Amit, in eine Art besitzrechtliche Zwischenlage: Er gehörte nicht zum Bibliotheksbestand und er war doch nicht mehr auf die ursprünglichen Besitzer rückführbar. Und auch sonst bleibt unklar, jedenfalls aus der Position Gish Amits, welche Motivation wo und wie und vom wem hinter den Sammelaktionen parallel zum Militäreinsatz stand. Gish Amit zitiert aus einem Memo eines Dr. Strauss, Leiter des Eastern Science Department der Nationalbibliothek, der ein ganz anderes Opportunitätsfenster aufgehen sah:
„If a substantial number of these books is given to the National Library, we would be able to dramatically expand our research opportunities. Doubtless, we have first to bring into the National Library those books that are not current lyin our possession. As for the other books, we are mainly interested in classical literature publications… examining the books that have come into our hands therefore requires library processing with exact awareness of our needs, and it should be noted that in this aspect, the Eastern Department at the National Library far surpasses similar institutions in the rest of the Near East countries that, although they are wealthy in books, are not adequately organized and do not allow the reader and the researcher the kind of work that can be done here.”
Eine Nationalbibliothek im Aufbau in einem jungen, seine Kultur erst definierenden Land bekam nun die Gelegenheit, auf einen Schlag seinen Bestand erheblich zu erweitern. In diesem Fall mit Beständen, deren Schicksal sonst weithin in den dunklen Zügen dieses Krieges gelegen hätte und daher vermutlich Zerstörung und Verlust heißen müsste. Bibliotheksethisch stellt die Situation durchaus eine Herausforderung dar und die beiden Positionen – Bewahren für spätere Rückgabe oder Übernehmen zum Zwecke der Forschung – markieren zwei Seiten derselben Plakette. Die dritte Option, Belassen, schien nachvollziehbar unannehmbar.

“Tomorrow never comes until its too late” – Wir popkulturellen Kinder der 1990er+ kennen die beatmusikalische Aufarbeitung des Sechstagekriegs zumeist nur dank der außerordentlich eingängigen Wiederverwertung des Stücks durch DJ Shadow (Six Days. (Single-CD) MCA Records, 2002). Entsprechend läuft die zitierte und von Shadow dramaturgisch perfekt reinszenierte Zeile des Kehrreims unwillkürlich los und in Schleife, wenn nur irgendwo der Bezug zum Berg Skopus auftaucht. Denn der Sechstagekrieg führte zur Wiedereröffnung des Universitätscampus auf eben dieser Jerusalemer Höhe, dessen Fünfzigjähriges Bestehen durch die gezeigte Sonderbriefmarke, die am 14. Januar 1975 an die israelischen Postschalter gelangte, Würdigung erfuhr. Die National- und Universitätsbibliothek befindet sich jedoch auf einem anderen Campus in Jerusalem. Sie stand zwar auch einmal im Zentrum einer Briefmarkenemission (am 17.09.1992 und damit pünktlich zum ראש השנה), jedoch liegt mir ausgerechnet dieser Satz mit drei Werten genauso wenig vor, wie das biblionumismatische Glanzstück der zum gleichen Anlass ausgegebenen Münze. Daher bleibt für heute nur diese bibliophilatelistische Halbgarheit als Notlösung.
Die 1970 in Bethlehem geborene Künstlerin Emily Jacir, die generell die Geschichte der Palästinenser in die Mitte ihrer Arbeiten rückt, interessierte sich in der Arbeit Ex Libris für die Spuren, die von den ursprünglichen Besitzern in den Exemplaren blieben. Bemerkenswert ist die Annäherung auch aus medial-transformativer Sicht: Bei Besuchen der Nationalbibliothek in Jerusalem fotografierte sie die Markierungen, Einschreibungen und auch Verletzungen des Materials mit der Kamera ihres Mobiltelefons, um diese Aufnahmen später für die Präsentation und den Begleitband drucken zu lassen. Für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema griff Emily Jacir zudem die library-processing-Perspektive des Dr. Strauss als Ausgangspunkt wieder auf: Sie sichtete den Freihandbestand nach AP-Titeln, um anhand der vorgefunden Exemplare die Fragen:
„Which books were deemed unimportant and insignificant and not worth collecting or preserving? Which ones were discarded? … Which books bypassed the “AP” designation and became part of the library’s general collections?” (S. 6)
zu reflektieren. Angesichts des Status der Arbeit als Teil der dOCUMENTA (13) schlug sie schließlich den Bogen zu den im September 1941 im Kasseler Fridericianum im britischen Bombardement verbrannten Bestände der Hessischen Landesbibliothek – übrigens auch Referenzpunkt der Documenta-Arbeit What Dust Will Rise des Künstlers Michael Rakowitz, der aus Steinen aus Bamiyan Bücher nachmeißeln ließ, die während der Bombenflüge im II. Weltkrieg in Kassel verloren gingen.
Das Faszinierende an dieser und an Emily Jacirs Arbeit ist, welche Aura das gegenständliche Medium Buch, das sich derzeit erklärtermaßen durch die digitale Verwandlung in Dateien dematerialisiert, gerade auch in seinem Verloren-Gehen und Versetzt-Werden auffaltet. Das Bändchen Ex Libris selbst trägt, wie erwähnt, zugegeben nicht viel dazu bei und bietet auch keine direkten Antworten. Aber die kleine Sammlung von Fotografien der Namenszüge, Papiereinrisse, handschriftlichen Zueignungen, Stempelspuren und auch Fotografien weckt eine andere Assoziation: die einer erratischen Spurensicherung. Wir können nicht nur in den Büchern, wie können auch die Bücher selbst als Manifestationen von (vergangener) Existenz und Geschichte lesen. Jedes Exlibris verweist darauf, dass ein konkreter Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt dieses Buch in den Händen hielt, aufschlug und vielleicht nicht ganz selten in dieser Handlung ein kleines Stück in seiner individuellen Biografie verändert wurde.
Uns bleibt als Überlegung – gesetzt den Fall das Buch als Medium verschwindet auf breiter Front, was angesichts der sprießenden Buchhandlungskultur wenigstens in Berlin vollends absurd erscheint, aber sicher weiß man es ja nie – ob es für den kostbaren Eigensinn der Materialisierung von Leben, Wissen und Wissenwollen im realweltlichen Medium Buch irgendein Gegenstück in digitalen Medienräumen geben kann (oder ob wir eines programmieren müssen). Und im Anschluss, was dies für die Erinnerungskulturen und die Bibliotheken als gern selbsterklärtes Gedächtnis der Menschheit bedeutet? Zwei nur scheinbar unscheinbare Fragen surren also dazu als Nachhut auch des Lebens, das wir gelebt haben werden, durch den Raum: Wie werden wir uns erinnern? Und: Wie wollen wir uns erinnern? Letztlich müssen wir zudem aus professioneller Verpflichtung ergänzend mit uns abklären, welche Rolle die Institution Bibliothek auch aus, wenn man so will, erinnerungsethischer Sicht, dabei spielen kann?
Am Ende eine Biegung:

Die Katze Erinnerung: Angeblich gibt es Parallelen zwischen dem liebsten Begleittier der Johnsonianer und dem der Bibliothekare. Die gezeigte Aufnahme soll genau darauf hinweisen und außerdem fügt sie auch sonst allerlei allegorisches Potential (das zerkratzte Parkett, die Höhlengleichnis-artige Ausplustern des Schattenschwanzes, die geometrisch exakte Rahmung und die beide Bezugspunkte dieses Textes) nicht ungeschickt zueinander.
(15.03.2013)
It’s the frei<tag> 2012-Countdown (22): Kurt Drawert und der entrissene Text
Ben Kaden
zu Kurt Drawert: Der entrissene Text. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 168, 21.07.2012, S.21 (bislang nicht online)
„Das bleibt nun so: ein Leben
mit hübschen Maschinen,
fortschrittlich, ohne Geheimnis
am Grunde der Tasse
und nur mit Zeit zu bezahlen. […]“
Kurt Drawert: Das bleibt nun so. (1993)
(in: Kurt Drawert (1994): Fraktur. Lyrik Prosa Essay.
Leipzig: Reclam, S. 65)
Diese Tage zeigen, dass Berlin noch so etwas wie Sommer in seinem stadtmeteorologischen Repertoire hat und schon wird es eng auf den Straßen. Am Sonntagabend erwies es sich beispielsweise als unmöglich, die Monbijou-Brücke zu queren. Den Anlass des mit Menschen (und zwei, drei Hunden) verkorkten Übergangs bildete ein ganz klassisches Quartett (Violine, Viola, Violoncello, Klavier), welches Joaquin Turinas Klavierquartett in a-moll (op. 67) aus der musikalischen Kammer auf das offene Trottoir holte. Die Menge badete sichtlich in fast andalusisch romantischer Stimmung durch dieses milde Serenadenmeer und als die Milde schließlich in Kühle umschlug, schlurfte man halt weiter, um sich bei den 12 Aposteln eine der mindestens so überbewerten wie überteuerten Pizzen servieren zulassen. Und dem Hund einen Napf frisches Leitungswasser.
Dort hätte man dann die Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom Samstag bis zur Seite 21 (Literatur und Kunst) aufblättern können, den dortigen Ganzseiter überfliegen und sich den Rest der Nacht mit der Frage beschäftigen können, ob diese Kombination von Piano, Piazza und Pizza für Kurt Drawert noch zulässig gewesen wäre. Denn in gewisser Weise scheint sich der Schriftsteller wenig behaglich zu fühlen, wenn es um die Rekontextualisierung von Werken geht:
„Es ist, wie einen Pianisten der Philarmonie auf den Markplatz zu zerren: Was er immer er spielt, es klingt nach Bockwurst und Bier.“
Was es ist, hat in diesem Fall wenig mit Liebe oder Musik oder gar der Liebe zur Musik zu tun. Sondern es ist die Abbildung literarischer Texte im Internet, die von Kurt Drawert in einem grotesk unangemessenen (dem Thema, der Entwicklung, der Zeitung und vermutlich sich selbst) Artikel in einer Weise attackiert, dass einem Uwe Jochum im Vergleich beinahe als Digital Native erscheint:
„Dieser Einbruch der site in unsere Seite verschiebt alle Systeme und Referenzen der Texte ganz unabänderlich. Gerade einmal ein paar Jahrhunderte hatten wir Zeit, uns an den Buchdruck zu gewöhnen, als eine Setzung, die ja auch so etwas wie teleologische Geborgenheit liefert, metaphysische Verbindlichkeit im Status ihrer stillen, dauernden Präsenz, schon flimmert das alles vor unseren Augen wieder weg und schickt uns ins All.“
Abgesehen von dem etwas unglücklich überdeterminierten Pleonasmus „ganz unabänderlich“ und dem dezenten Gast aus Calembour (site und Seite. Aber warum nicht Pagina und page?) wirkt die Klage etwas ungewöhnlich in ihrer Bewertung der historische Zeitläufte. „Gerade mal ein paar Jahrhunderte“ geht vielleicht Geologen leicht über die Lippen. (Die sich dann vielleicht auch für den von Kurt Drawert zum E-Book-Pendant degradierten Kieselstein - der ja ebenfalls “klein ist und in die Handtasche passt” - erwärmen würden). Für eine Medienform ist so ein Mehrgenerationenzeitraum dagegen durchaus erheblich und natürlich erlebte auch die Seite als Träger und ihre Beschreibung zwischenzeitlich zahllose Umbrüche.
Ohne Zweifel stehen Bildschirm- und Hypertext für etwas anderes als der gedruckte Text auf dem Papier. Und selbstredend gilt das auch und womöglich vorrangig in rezeptionsästhetischer Hinsicht. Und in jedem Fall sollten wir darüber kritisch diskutieren. Aber bitte mit Argumenten und nicht mit der Sahne einer „permanente[n] Okkupation aller Sinne durch das Internet“. Die hat nicht einmal mehr Schlag und nur geschmacklich Stich.
Nun humpelt der gesamte, nicht sonderlich überlegene Aufsatz, der sich um die Behauptung aufplustert, die Literatur stürbe (ziemlich sicher) weg, weil im Web „alle Instanzen, die zur Schrift überhaupt noch berufen sein könnten“ abgeschafft würden und die „virtuelle Maschine“ geradewegs alles, was sie zu greifen bekommt, aufsaugt, um es in den Orkus zu schleudern, schon deswegen selbst am Rande der Haltlosigkeit, weil er auf diese stumpfsinnige Prämisse einer unvermeidlich eindimensionalen (nämlich Bildschirm gefassten) Lebenswirklichkeit setzt. Derartiges steht uns erwartungsgemäß nicht ins Haus. Das Web ist nachweislich kein Über-All. Und teleologische Geborgenheit ist nach 1945 und den diversen Runden auf der Schlittschuhbahn der Postmoderne in Literatur und Lebenspraxis, die jeder Intellektuelle heute hinter sich hat, ohnehin eher ein naives Genrebild. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte. Aber es bleibt notwendig ohne tieferen Bezug und in den Grenzen seines Rahmens.
Auch die fantasielose Reduktion der Auseinandersetzung mit dem Text auf ein stilles Lesekammerideal verfehlt all diejenigen, die ohne Probleme ihren David Foster Wallace oder Stefan Zweig (oder Kurt Drawert) im distraktionsreichen Umfeld der Linie 1 auf dem Weg zur Arbeit und zurück genießen. Dabei ließe sich bereits die moderne Arbeitswelt mit den ewigen Pendlerrouten selbst als Akt einer„technizitären Entleerung“ kritisieren.
Man kann die Kritik an Kurt Drawerts Essay abkürzen: Jemand, der mit Pennäler-Stolz verkündet, er hätte noch nie ein „todschickes E-Book“ in den Händen gehabt um nachzuschieben: „Es nimmt dem Lesen jede Erotik und ist so kalt wie ein Schlachthof im Winter“, muss sich bedauerlicherweise und bei allem Respekt den Vorwurf gefallen lassen, dass er einfach über etwas poltert, wovon er keine Ahnung hat. Dass das mehr Getippte als Geschriebene auf einer Seite fest und Kaffeehaus konsumierbar gedruckt vorliegt, verleiht ihm dabei keine besondere Autorität. Aber es lässt ihn ebenso wenig gleich nach Käsekuchen und Caffè americano klingen. Sondern einfach nur nach verzweifeltem Rudern im falschen Kanal.

Der entrissene Text: Er hielt diesen Schatten für einen anderen und schimpfte einen, na ja, deutschen Monolog. Und überhaupt das nicht mehr, diesen Luftsprung von gestern und sein lautloses Ende. Das keines war. Denn für einen sensiblen Menschen bleibt das Display nur die Rückseite der Herrlichkeit, die allerdings einen Durchgang zu einem Spiegelland nicht unähnlich einen neuen Blick auf das Himmlische wie auf das Abyssale der Kulturexistenz des Menschen eröffnet. Wie erweitern wir uns? sollte die Frage sein. Und nicht die ängstliche Überlegung, inwiefern ein Nutzer/User einem dressierten Nager entspricht.
Aus der semiotischen Perspektive – und Kurt Drawert spielt ja, wenn auch nicht sehr belangvoll, auf Roland Barthes an – ist die kulturelle Lebensumwelt des Menschen seit je ein hypertextuelles Ereignis. Wenn er nur Teile seiner Kommunikations- und Informationswelt in Touchscreens reduziert, dann ändert sich sicher einiges. Aber er hat es buchstäblich selbst in der Hand, ob er daraus – wie Kurt Drawert und ein paar findige Web-Celebs – den Sieg eines Radikalpositivismus ableitet. Oder anerkennt, dass mit dieser Erweiterung der symbolischen Handlungswelt die echtweltliche Dimension des Daseins ganz und gar nicht verloren gehen muss. Der Zwang zum iPad, diesem ubiquitären Holzapfel der Erkenntnis, ist bestenfalls einer der Peer Group. Für souveräne Leser und Schriftsteller jedoch kein Problem.
Das Entsetzliche an Kurt Drawerts Fest des Fatalismus‘ angesichts einer vermeintlichen Selbstdeformation durch Digitaltechnik („Denn es ist absehbar, dass die Techniker ihre Produkte durchsetzen, durch die wir andere werden […]“) ist jedoch, dass er seine Rolle als Schriftsteller aus den Augen verliert: Das Dagegenhalten, das Wachhalten der Wahrheit, dass eine andere, nicht-digital vermittelte Welt nicht nur möglich ist, sondern auch existiert.
Es ist keine Schande, sich von dem digitalen Rauschen mit wenigen Relevanzinseln dazwischen (deren Existenz Kurt Drawert leider ausblendet) über- und herausgefordert zu sehen. Aber der trübsinnigen Versuchung zu verfallen – die übrigens in gleicher Weise zum idealtypischen Charakter der Internetapostel zählt – und seine eigene Wahrnehmung zur Standard-Conditio des Menschen im Jahr 2012 hoch zu rechnen, ist auch keine Lösung.
Das fanden wir heute jedenfalls alle in der Schlange am Postschalter, zu der wir wie jeden Tag unsere Ersatzformen der E-Mail trugen, um sie auch wirklich fein gestempelt auf den Weg zu bringen. Danach ging es dann ins Büro, wo es sich gut vernetzt als Drawert’sche „Ratte, die unter Reizstrom steht“ kleine Lektürekritiken wie diese schreiben lässt. Wie ist die Welt doch wunderbar vielgestaltig in ihren Schreib- und Textmöglichkeiten!
(Berlin, 23.07.2012)
Die Zukunft elektronischer Datennetze aus dem Blickwinkel des Jahres 1980. Eine Abendlektüre.
zu:
Anthony E. Cawkell (1980): Electronic information processing and publishing – problems and opportunities. In: Journal of Information Science Vol. 2. Iss. 3-4. 189-192 DOI: 10.1177/016555158000200309
von Ben Kaden
„[…] during the next five yeards it is hard to visualise any major shift from print-on-paper
to all-electronic systems on a global scale.“ – A.E. Cawkell, 1980
I
Gerade fiel mir ein kleiner Beitrag des heute nicht mehr unbedingt ständig präsenten, seinerseits aber durchaus bekannten Informationswissenschaftlers Anthony E. Cawkell (1920-2003) in die Hände bzw. auf den Desktop. Der kurze Text, ursprünglich als Informationspapier für die Europäische Kommission verfertigt, brachte es nach der Publikation im von A. E. Cawkell redaktionell mitbetreuten Journal of Information Science bis heute auf immerhin zwei Web-of-Knowlegde-registrierte Zitierungen. Welchen Stellenwert er im ca. 150 Artikel starken informationswissenschaftlichen Werk A. E. Cawkells besitzt, bleibt mir dennoch im Dunklen, ist aber eigentlich auch nicht so wichtig.
Vor der Horizontlinie einer Auseinandersetzung mit Diskursen aus der Geschichte der Informationsgesellschaft ist der prognostisch hochangereicherte Artikel nämlich unabhängig vom konkreten Autor interessant. Denn er spiegelt exzellent, wie man vor reichlich 30 Jahren über den elektronischen Datenaustausch sowie das elektronische Publizieren und seine Zukunft dachte bzw. denken konnte. Dazu zählt beispielsweise die Idee, dass dank EDV die Menge an Verbrauchspapier reduziert wird – einer der zwischenzeitlich vielleicht am drastischsten widerlegten Mythen der Technikgeschichte.
A. E. Cawkell hätte es prinzipiell ahnen können, denn er selbst merkt ja an: (weiterlesen…)
Per Ubicomp zum Rubikon? Dietmar Daths schießpulverne Zukunft des Internet aus dem Jahr 2002.
Ein Kommentar von Ben Kaden
Eines der drängenden Probleme unserer digitalen Tage ist die Abschätzung von Zeitlichkeit. Eine Rückschau in Publikationszeitschriften, die auf den Beginn dieses Jahrtausends datieren und in denen sich Werbung für Mobilfunkgeräte findet, die aus heutiger Sicht ungeschlachten Kommunikationsriegeln mit wuchtigen Tasten unübertreffliche Eleganz zusprechen, zeigt, wie weit die Sprünge der designtechnologischen Evolution eigentlich reichen. Die urförmigen Koffertelefone der 1990er liegen da bereits jenseits jeglichen Horizonts.
Technik altert, das ist ihre Natur, schnell und je technischer wir uns unsere Lebenswelt gestalten, desto mehr sind wir gezwungen, uns mit einem Bein in der Gegenwärtigkeit und mit einem halben in der gegenwärtigen Zukunft aufzuhalten. Das andere halbe Bein lässt sich dann vielleicht noch für den biografischen Gang in die Identitätsentwicklung sowohl individuell wie auch gesellschaftlich irgendwo ins Vergangene stellen. Es fragt sich allerdings, ob wir uns dafür überhaupt noch begeistern, wenn die Archive einmal alle durchdigitalisiert sind. Die Auseinandersetzung mit Vergangenheit findet derzeit vielleicht nicht immer, aber doch in den Kontexten die uns hier berühren weitgehend, in Form der technischen Integration in die gegenwärtigen Möglichkeiten der Dematerialisierung statt.
Gestern eröffnete nun Constanze Kurz ihre Kolumne Aus dem Maschinenraum zum „Rubikon der Sprachgewalt“ bzw. Worterkennungsalgorithmen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (S. 34) mit der flockenden Formulierung: „Vor einer kleinen digitalen Ewigkeit, Ende 2002, …“ Wir feiern also heuer 10 Jahre T9 (Text on 9 Keys), ein Verfahren, welches so selbstverständlich ist, dass nicht nur die aktuellen Erstsemesterstudierenden damit permanent vorlesungsbegleitend operieren, ohne zumeist überhaupt die Bezeichnung zu kennen.
Vor fast genau 10 Jahren, in der ersten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung des Jahres 2002 eröffnete das Feuilleton des Blattes, in dem man an den kuriosen Preisangaben zu den besprochenen Büchern die Währungsumstellung ablesen kann, mit einem Zweispalter unter der Überschrift: „Nach dem Internet“. Geschrieben wurde er mutmaßlich noch im letzten D-Mark-Jahr vom Kulturvisionär Dietmar Dath. Ausgabe vom 02.01.2002, S. 39) (weiterlesen…)
Franzens Bad in der Informationsmenge. Und: Der n+1-Diskurs zum Thema gerät in der Frühlingsausgabe zum digital-bohemischen Dorf.
von Ben Kaden
Es ist durchaus ein berechenbarer Blick mit einem klar fokussierbaren theoretischen Hintergrund, den die Autoren der Zeitschrift n+1 auf all diejenigen Phänomene werfen, die auch uns tagtäglich beschäftigen: Foucault, Bourdieu, Adorno, mitunter ein paar weitere Franzosen treiben die Leser regelmäßig durch das obligatorische „Information Essay“, das zudem durchweg wie von einer Dachterrasse in Brooklyn aus geschrieben wirkt. Und dabei gelingt es dem Redaktionsteam zumeist, in diesem Editorial zur „Intellectual Situation“ ihrer Zeit aus ihrem sozial-, kultur- und literaturwissenschaftlichen (im weitesten Sinne) Winkel mühelos die präzisesten und überzeugendsten Einschätzungen zur kulturell munter vor sich hin evolutionierenden Informationsgesellschaft aufs Papier zu bringen, die aktuell im Pressevertrieb zu haben sind. (weiterlesen…)
Gut gegen Nerdwind? Eine Milieustudie zum Hipster-Medium Buch, erläutert an den Traffic News To-Go.
Ein Lektüre-Essay.
Von Ben Kaden
Jüngst hatte ich das kleine Vergnügen, einen herausgehoben stilbewussten Redaktionskollegen an einem Samstagvormittag in der fröhlichen Frühlingssonne des Dreiecks der jungen Berliner Mode an der Rosenthaler Straße zu begleiten. Während er sich in einem Flagship-Store verlor, bot sich mir die Gelegenheit, drei handvoll Minuten im Licht des angehenden Nachmittags, der hier samstags als entspannter Morgen durchgeht und nur langsam im Iced Caramel des benachbarten Coffee Häuschens verrührt wird, vor dem Laden zu stehen und zu beobachten, wie sich der Berliner Mythos an seinen Major Labels vorbeischiebt. Die Hosen sind wieder eng in dieser Saison, die Hemden so farbenfroh kariert wie die Socken und die Haare im Schnitt gedrittelt die 1930er, die 1950er und die 1980er zitierend. Eventuell mag man von einer postmodernen Auflage der Mod-Kultur in Neon sprechen, die Purple Hearts wie Purple Hills und Acid House wie Acid Jazz zulässt. Und wahrscheinlich sogar Purple Schulz.
Während ich also am warmen Stein zwischen Pfisterei und Ben Sherman-Schaufenster lehnte und das bunte Potpourri erster Frühlingsahnung an mir vorbei promenieren ließ, kam mir ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 2008 in den Sinn, den man Motto gebend quer über die das Viertelstück spannen könnte: „Meet the global scenester: He’s hip. He’s cool. He’s everywhere.” Überall und vor allem auch hier.
Hat man das Glück, diese Nachbarschaft seit nun mehr vielleicht zehn Jahren fast jeden Abend zu durchwandern, um den vom Bildschirm geschachtelten Blick mit der mehr oder weniger glaubwürden Berliner Metropoliteness zu konfrontieren, die die lokale Schnauze in Mitte längst abgelöst hat, aber nicht zwingend durch Herzlichkeit zu ersetzen verstand, dann weiß man schon um die Bedeutung des Kommens und Gehens. Bestand die Frühjahrsuniform im letzten Jahr aus Segelschuhen, Darkdenim-Jeans und weißem Hanes-Shirt, schlägt dieses Jahr das aus, was im Zuge eines diversifizierten Librarian Chic als Nerd-Style bezeichnet werden darf. (weiterlesen…)
Abkunft, Auskunft, Zukunft. Perspektiven auf Buch und Literatur.
Ein Besprechungs-Essay zu
Jeff Martin, C. Max Magee (eds.) (2011) The Late American Novel. Writers on the Future of Books. Berkeley: Soft Skull Press. (Facebook-Seite zum Buch)
Umberto Eco, Jean-Claude Carrière (2010) Die große Zukunft des Buches. München: Hanser. (Seite zum Buch beim Verlag)
von Ben Kaden
„Angeblich soll es ja noch heute Leute geben, die Bücher lesen. /
Es gibt ja immerhin auch Leute,
die Faldbakken für einen talentierten Autor halten.“
Audio88 / Guter Vorsatz (mit K-T-I???)[1]
I
Die Zukunft des Buches bestimmt sich nicht über die Medienform, sondern um den Umgang mit der Medienform. Also: Unserem Verhältnis zu den Kulturtechniken Lesen und Schreiben. Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom 05.04.2011 entdeckt man eine Spiegelung des Feldes, das als Substrat dieser beiden Facetten kommunikativen Handelns zu begreifen ist: die Literatur. Florian Kessler zeigt sich ob der mangelnden Ausschöpfung der digitale Potentiale durch die deutsche Literatur schlicht enttäuscht.[2] Das Web ist wenig mehr als eine Art dynamische Litfasssäule, über die man seine Produkte – deren Palette das Außenimage des Autors unweigerlich einschließt – zum Markte bzw. Endverbraucher trägt. Die Wechselwirkung mit dem Publikum findet jedoch nur über die Facebook-Dependancen der Verlage statt:
„Die karge Landschaft deutscher Autorenhomepages bietet so ein geradezu spektakulär trostloses Panorama unversuchter Möglichkeiten.“
Wenn dieser virtuelle Landstrich also die webgewordene Land Art der Schriftstellerdomänen fasst, dann, so möchte man meinen, zelebriert man eine besondere Form von Minimalismus. Das wäre gar nicht schlecht, wenn dahinter ein Unterlaufen einer allzu Brave und New gedachten WWWorld läge. Aber es geht hier nicht um ein drastisches Double Negative, sondern um die Beine der Susanne Heinrich im Sunset Strip über den Dächern der Hauptstadt. Volle Pulle Leben im Negligé. Das deutsche Literaturweb kennt keinen Michael Heizer. Aber womöglich den einen oder anderen Walter De Maria, dessen vertikale Durchdringung der Digitalosphäre auch Florian Kessler entgeht, weil für sie nicht einmal litblogs.net den Marker setzt.
Denn natürlich ist Florian Kesslers Forderung an die Autoren nach stärkerer Nutzung der digitalen Werkzeuge ziemlich unverschämt, forciert sie doch fast normativ eine bestimmte Form von Autorenpräsenz im Web, die im Kern das Öffentlich- und Rückkopplungsbereitsein überbetont. Also eine Extroversion 2.0 des Literaturbetriebs. Es genügt ein flüchtiger Blick in die Literaturgeschichte, um zu erkennen, dass man damit nur eine Ecke der Blätter, die die Welt erzählen, zu greifen bekommt. Und über die Langstrecke sind das nicht immer die wirklich wertvollen. Die anderen entdeckt man vielleicht erst, wenn das Marbacher Literaturarchiv E-Mails an eine Ottla zu erschließen beginnt. (weiterlesen…)

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