En Vague? Ein Beitrag zur Methodendiskussion in der Bibliothekswissenschaft.
Ein Kommentar von Ben Kaden
Die Frage nach der wissenschaftlichen Methode in der Bibliothekswissenschaft ist in gewisser Weise die Urdebatte des Fachs und wer sich dafür interessiert, findet in der morgigen Ausgabe des Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquiums am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität möglicherweise die Gelegenheit, an der Fortsetzung selbiger teilzuhaben. Vier etablierte Protagonisten des Fachs – Simone Fühles-Ubach, Petra Hauke, Michael Seadle, Konrad Umlauf – präsentieren das Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Berlin: DeGruyter, Mai 2013, Verlagsseite zum Titel, Inhaltsverzeichnis als PDF). LIBREAS wird sich sicher dem Titel nach Möglichkeit ausführlicher widmen und widmen müssen. Allerdings liegt er uns noch nicht vor.
Verfügbar ist jedoch ein Blogbeitrag des Mitherausgebers Michael Seadle, den dieser zu Beginn des Monats in seinem Weblog Digital+Research=Blog publizierte. Vermutlich nicht ohne Schnittmenge zu seinem Beitrag im erwähnten Handbuch (Entwicklung eines Forschungsdesigns) formuliert er dort eine kleine Handreichung Finding a research question.
Wer seine Veranstaltungen am Institut kennt, weiß, dass für ihn als Bibliothekswissenschaftler völlig zu Recht die Methode und die Forschungsfrage im Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit stehen. Besonders gilt dies für Abschlussarbeiten und Promotionen. Leider tut er dies offensichtlich nicht nur völlig zu Recht, sondern erachtet es auch als völlig zureichend für die wissenschaftliche Arbeit. Er unterscheidet sich damit jedoch in einem zentralen Aspekt wesentlich von dem, was ich für die Wissenschaft Bibliothekswissenschaft als entscheidend erachte.
Zu Beginn seines Blogpostings schreibt Michael Seadle:
“Many students start with a topic that they would like to research. This is natural, but in some ways secondary to the process of scholarly writing.”
Am Ende betont er:
“The topic matters only in so far as data are available and the research method can reasonably apply. Topics are temporary and can change with the seasons. Good research questions grow ultimately out of the intersection of scholarly methods and quality data. “
Beides verweist auf eine erhebliche Reduktion der Rolle von Wissenschaft, die sich einzig nach einer schematischen Durchführbarkeit richtet. Das Thema ist – bestenfalls – nachgeordnet, weitgehend austauschbar und ergibt sich in jedem Fall von selbst.
Steht einmal eine Methode (“In graduate school I settled on a set of ethnographic tools, which I have used and reused over the decades.”), dann kann man jeden verfügbaren Datensatz damit durchpflügen. Die Forschungsfrage ergibt sich von selbst und sollte möglichst geradlinig beantwortbar sein:
“The best research questions for a thesis are ones with a straightforward answer. I generally recommend a yes/no question, or one that has a quantitative answer, or one that is a choice among reasonable alternatives. These are not the only possible research questions, but questions involving complex issues about “why” or even “how” tend to be beyond the scope and experience of even the cleverest doctoral students. The virtue of a yes/no type question is that the student can make a clear choice. A thesis with a vague answer is not a contribution to knowledge, while even a very narrowly stated and highly qualified yes/no answer can be a reasonable step forward.”
Man kann dies durchaus als praktikable Lebenshilfe für den herausgeforderten Promovenden verstehen. Es führt aber gerade in einen Zustand, der für mich exakt nicht der Sinn einer wissenschaftlichen Tätigkeit im 21. Jahrhundert sein kann. Nämlich in ein Funktionshandeln, in einen angepassten und schematischen Wissenschaftsvollzug, in dem ein selbstkritisches Hinterfragen genauso wenig verankert ist, wie eine auf übergeordnete Kontexte der gesellschaftlichen Wirkung von Wissenschaft gerichtete Reflexion.
Michael Seadle schreibt selbst und zutreffend:
“Having a method means absorbing a way of thinking.”
und scheint kein Problem darin zu sehen, dass die absorbierende Anpassung an bestimmte Denkstile (also gerade nicht kritische Elaboration und Anerkennung) die Handlungsweise ist, die zu Ideologisierungen führt. Damit ist – siehe die Frage des “Topics” oben – nicht einmal an inhaltlichen oder wertspezifischen Aspekten orientierte, sondern eine reine Formalideologie gemeint. Nach meinem Verständnis ist die Aufgabe der Wissenschaft aber gerade der Versuch, jede Form von Ideologisierung, auch die der Funktionalisierung, und den daraus entstehenden Folgen, zu unterlaufen.
Wissenschaftshandeln ist für mich entsprechend politisches und wertorientiertes Handelns in dem Sinne, dass es nicht nur auf die eigene interne Stimmigkeit und das Funktionieren in diesen geschlossenen der Institute und Fachcommunities begrenzt ist, sondern mit jeder Forschungsfrage auch die Richtungsfrage stellt: Wie wirkt das, was ich erarbeite, auf die Gesellschaft, als deren Teil ich handele und – auch das und nicht nur ökonomisch gesehen – in deren Dienst ich stehe und für die ich, in dem ich die von mir übernommene Rolle des wissenschaftlichen Tätigseins auch Verantwortung trage?
Während Bibliotheken als Institutionen ganz offensichtlich ihre gesellschaftliche Aufgabe ohne Berührungsängste thematisieren, liegt nach meiner Beobachtung die große Schwäche der Bibliotheks- und auch der Informationswissenschaft in Deutschland darin, dass sie zu weit von der sie umgebenden gesellschaftlichen Umwelt entkoppelt, agieren.
Dass man den Studierenden des Faches ihr wissenschaftliches Handeln auf die Ideallinie der Binärmuster verengt (yes/no) und zudem die epistemologisch unhaltbare These präsentiert, dass Vagheit, nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit und eher synonym mit Offenheit, sowie dem Eingeständnis, dass Unschärfe zu komplexen Systemen und ihrer Betrachtung unvermeidlich gehört, keinerlei Belang für die Wissenskultur haben kann, erscheint mir jedenfalls nicht angemessen für eine zeitgemäße Bibliothekswissenschaft. Offen gesagt sogar eher als schädlich.
Allerdings vertraue ich auf die Weltgewandtheit und Intellektualität der Studierenden dieses Faches und darauf, dass sie der wissenschaftlich nicht untypischen Tendenz einer kritischen Opposition zu ihren Lehrern folgen. Das Entscheidende ist dabei sicherlich, wie der Ausbildungsapparat mit seiner systemgemäßen Asymmetrie der Machtverteilung bereit ist, von den Leitlinien – zum Beispiel den Michael Seadle’schen – abweichendes Denken anzuerkennen. Einer dynamischen und lebendigen Disziplin wäre jedenfalls anzuraten, die Außenposten ihres Denkens mindestens genauso zu fördern, wie den linientreuen Forschungsmainstream.
Mir teilte Michael Seadle übrigens einmal für eine Arbeit bei ihm mit, dass es für ihn auch die Derrida’sche Dekonstruktion als Methode akzeptabel wäre. So ganz habe ich mich dereinst trotz des Reizes (glücklicherweise) noch nicht darauf einlassen wollen. Auf eine bestimmte Art scheint mir aber die Dekonstruktion von Selbstverständlichkeiten genau das zu sein, was die Bibliothekswissenschaft als Methode vor dem Hintergrund der Verwandlung ihres Gegenstandes benötigt. Auch wenn am Ende erfahrungsgemäß kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch und ein Nicht-Fisch-nicht-Fleisch und in jedem Fall keine einfache, klar unterscheidbare, in Methodenzwänge formalisierbare Wahrheit stehen wird.
(27.05.2013, @bkaden)
Anmerkung: Namentlich gekennzeichnete Beiträge in diesem Weblog geben ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autoren wieder.
It’s the frei<tag> 2013 Countdown (20): Steile Thesen, mehr Diskussionen
von Karsten Schuldt
Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen. (Friedrich Dürrenmatt)
Mit der frei<tag> 2013 wollen wir unter anderem die Zukunft der Bibliotheks- und Informationswissenschaft ausloten. Die Zukunft, das wissen wir alle, ist ein Konglomerat aus dem, was man entwirft, dem, was von anderen entworfen wird, den pfadabhängigen Entwicklungen und Machtkämpfen in Institutionen und Gesellschaft sowie unerwarteten Ereignissen. Oder anders: Sie ist nur zum Teil verständlich, nicht einfach planbar, aber auch nicht zufällig. Was auf jede Zukunft vorbereitet, ist ein Verständnis des Gegebenen und eine Ahnung davon, was man haben will. Ansonsten wird die Zukunft keine Zukunft sein, sondern etwas, dass über einen hereinbricht. Die Zukunft wird anders sein als das Heute, aber auch nicht unabhängig sein davon. Was wir heute entscheiden wird Einfluss haben; was wir heute verwerfen wollen kann in Zukunft verworfen sein.
In der Managementsprache kommt oft der Begriff der strategischen Planung vor. Das ist selbstverständlich verwirrend: Strategische Planung klingt danach, als würde alles so kommen, wie man es plant, wenn man nur den Überblick behält, einen klaren Plan macht und proaktiv an seiner Umsetzung arbeitet. Aber: Dabei kann man sich immer verrechnen, wichtige Einflüsse übersehen, über- oder unterschätzen, sich zu sehr auf den Zufall verlassen, den Einfluss des strategischen oder nicht-strategischen Handelns anderer falsch einschätzen. Napoleon zum Beispiel hatte falsch geplant, als er davon ausging, bei Waterloo die englischen Truppen geschlagen zu haben, wenn die preußischen eintreffen würden. Wir wissen: Das stimmte nicht. Aber: Dank seiner Planungen ist Napoleon überhaupt mit Truppen bis nach Waterloo gekommen. (Und immer noch ist das Rätsel offen, ob ein vereintes Europa unter Frankreichs Aufklärung wirklich ein schlechte Option gewesen wäre. Das ist bei anderen Europaeroberungsplänen anders.) Die strategische Planung ist auch nicht vollständig falsch kann uns das lehren.

Oder es könnte auch sein, dass die Welt wirklich untergeht, der Sommer zum Winter wird, die Tage zu Nächten, die Nächte zu Zeiten des allgemeinen Chaos. Sich in den Alpen zu verkriechen könnte da eine Strategie sein, aber wer den gesamten Dürrenmatt gelesen hat, weiss, dass auch das keine wirklich gute Strategie ist. Wenn die Welt untergeht und selbst auf die Schweiz Atombomben fallen, werden Bücher zu Feuermaterial. Dennoch: Für einige Tage oder Wochen mag der Weg in die Berge, hinauf mit den letzten fahrenden Bahnen, hindurch den Schnee und Niederschlag von dem man nicht weiss: Ist er gut oder schlecht? Was verbirgt sich darunter? eine Hoffnung bieten. Eine trügerische. Aber, wieder Weltliteratur, das Decamerone zeigt ja auch, dass diese kurze Hoffnung genossen werden kann. If you have to go, why not with a Boom?
Andererseits wird man es vielleicht verdammen, dass man damals lieber Bücher las und über die Anwendbarkeit der Foucaultschen Diskursanalyse auf reine Datenmengen stritt, wenn man hätte das Skifahren erlernen können.
Hier nun ein Aufruf: Wir, als Wissenschaftscommunity aber auch als Bibliothekswesen, sollten die Zukunft nicht über uns hereinbrechen lassen; auch wenn wir wissen, dass eine Planung immer etwas schief geht. Das Planen anstossen tun sehr oft intensive und heftige Diskussionen. Heftige Diskussionen werden sehr oft von steilen Thesen und grossen Behauptungen angeregt, gegen die man sich offen zu verwehren oder denen man heftig zuzustimmen müssen glaubt. Deshalb: Steile Thesen für die Massen! Offen zur Diskussion gestellt.
- Auch in zwanzig Jahren werden die Bibliotheken sich gegenseitig erzählen, dass sie sich der Zukunft stellen müssen und dabei immer noch die ähnlichen Angebote machen, wie heute. Die Entwicklung wird nur langsam vorangehen, durch das mangelnde historische Bewusstsein des Bibliothekswesens wird es aber so aussehen, aber sei man „gerade jetzt erst“ dabei, sich zu verändern.
- In der Bibliothekswissenschaft wird sich in den nächsten zehn Jahren eine starke sozialwissenschaftliche Strömung etablieren, während die Informationswissenschaft sich weiter in Richtung Informatik orientieren wird. Das wird beklagt, aber nicht verändert werden.
- Die Ethnologie wird zu einer Leitwissenschaft der Bibliothekswissenschaft werden.
- Das Forschungsdatenmanagement und das, was heute als „Big Data“ diskutiert wird, wird nicht von den Bibliotheken, sondern von neuen Einrichtungen betrieben werden.
- Es wird insbesondere im Bezug auf Open Government Data ein gesellschaftliches Interesse daran geben, dass eine Einrichtung mit der gesamten Gesellschaft zusammen beginnt, darüber zu diskutieren, was man mit all den Daten eigentlich anfangen kann. Bibliotheken werden diese Chance, die behauptete Informationskompetenz zu beweisen, vorüberziehen lassen.
- In zehn Jahren wird dem Bibliothekswesen klar geworden sein, dass die Behauptungen (a) Informationskompetenz wäre gesellschaftlich wichtig, (b) Informationskompetenz wäre vor allem Recherchefähigkeit und (c) Bibliotheken würden Informationskompetenz fördern, ausserhalb der Bibliotheken kaum ernstgenommen wird. Das Bibliothekswesen wird sich dann zu fragen beginnen, ob These (a) und (b) überhaupt stimmen und sich in diesen Diskussionen verfangen, während die Gesellschaft diese Diskussion weiter ignoriert.
- Schulbibliotheken werden sich in den nächsten zehn Jahren in den deutschsprachigen Staaten endgültig als eigenständige Bibliotheksformen etablieren und eine Professionalisierung beginnen. Es wird eigenständige Schulbibliotheksverbände geben, die sich dagegen verwahren werden, das Schulbibliotheken als Sonderformen Öffentlicher Bibliotheken verstanden werden.
- Ein tief differenziertes System von Bibliotheksfilialen, die zentrale Dienste zentral organisieren, gleichzeitig den lokalen Anforderungen angepasst sind, wird in zehn Jahren als zukunftsträchtig gelten. Eingliedrige Bibliothekssysteme und grosse Zentralbibliotheken werden als hauptsächlich negativ beschrieben werden. Es wird der Vorwurf erhoben werden, dass die grosse Konzentration von Bibliotheken seit den 1990er Jahren dem Niedergang des Bibliothekswesens Vorschub geleistet hätte.
- In zehn Jahren werden wir wieder mehr französischsprachige Fachliteratur lesen und mit den Kolleginnen und Kollegen in Frankreich, der Romandie, Quebec und zahlreichen französischsprachigen Staaten in intensiven Austausch treten. Das wird das deutschsprachige Bibliothekswesen offener und interessanter machen. In zwanzig Jahren wird ähnliches mit dem Spanischen passieren.
Zürich, März 2013
Einen Schritt weiter. Jan Hodel zur “Groebner-Kontroverse” und was die Bibliothekswissenschaft daraus ableiten sollte.
von Ben Kaden
Im Weblog histnet erschien heute ein Text von Jan Hodel (Die Groebner-Kontroverse. Oder: Zu Sinn und Unsinn von Wissenschaftsblogs. In: histnet. 11.02.2013) zur mittlerweile offenbar so genannten Groebner-Kontroverse. Muss man ihn lesen? Ich denke, man sollte. Denn Jan Hodel nimmt im Bemühen um eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Aussagen Valentin Groebners eben auch die Möglichkeiten zum Umgang mit dem Problem “Muss ich das alles lesen?” in den Blick. Er verweist dabei unter anderem auf die Funktion sortierender und filternder Akteure in der wissenschaftlichen Kommunikation:
“Intermediäre Instanzen, wie sie etwa Redaktionen darstellen, dienen auch der Entlastung der beteiligten Individuen durch Arbeitsteilung. Damit wir nicht alles selber verifizieren und überprüfen, oder auch nur zusammensuchen und im Hinblick auf seine Bedeutsamkeit im wissenschaftlichen Diskurs beurteilen müssen, nutzen wir intermediäre Instanzen, die diese Aufgaben für uns übernehmen. Dies hilft uns, das rare Gut der Aufmerksamkeit gezielter einzusetzen. Ob solche intermediären Instanzen in Zukunft im Stile fachredaktioneller Expertise, dank schwarmintelligenten Zusammenwirkens von adhoc-Kollektiven oder computergestützt mithilfe elaborierter Algorithmen agieren werden [...] scheint mir völlig offen.”
Das ist sowohl für die newlis-Überlegungen wie auch natürlich für uns bei LIBREAS bedeutsam. Die bei ihm skizzierte Typologie der Intermediären verweist auf drei Konzepte:
- ein traditionell redaktionelles der intellektuellen Vorauswahl durch Experten (wie wir es bei Fachzeitschriften, in Editorial- und Peer Review-Verfahren, Herausgeberschaften u.ä. finden),
- ein auf Netzwerk- und Hinweiseffekte und Post-Peer-Review-Prinzipien setzendes, dass auch auf Multiplikationseffekte über Social Media setzt,
- automatische Filterverfahren, die von Algorithmen basierten SDI- und Monitoring-Diensten bis hin zu (z.B. webometrischen) Impact-Kalkulationen reichen.
Der Bezug auf die grundsätzliche Unabsehbarkeit der zukünftigen Etablierung eines dieser Ansätze wäre für die Bibliothekswissenschaft allerdings ein zu einfacher und daher inakzeptabler Ausstieg. Denn das Potential für eine bibliothekswissenschaftlich elaborierte Unterstützung von Wissenschaftskommunikation über die Spekulation hinaus wird in diesem Kontext sofort deutlich.
Besonders, wenn man davon ausgeht, dass die Informationsfilterung und -vermittlung in der Wechselwirkung von Mensch und Maschine differenziert entwickelt werden muss, zeigt sich hinsichtlich der Punkte zwei und drei die Notwendigkeit einer Kombination dreier Methodologien als nahliegend, die in diesem Fach eine Rolle spielen (bzw. spielen sollten): Die Soziale Netzwerkanalyse, die Diskursanalyse und die Bibliometrie. In der Kombination lassen sich auf eine solchen Basis Analysestrukturen mit nahezu unbegrenzter Komplexität entwickeln. Wo schließlich die Grenzen zu ziehen und der Komplexität zu setzen sind, ist Sache der Konkretisierung, Ausentwicklung und Implementierung. An diesem Punkt sind wir in unserem Fach leider noch nicht, denn soweit ich sehe, verhandelt man derzeit überhaupt erst eine in diese Richtung weisende Forschungsagenda.
Wenn also Jan Hodel aus der Perspektive des Historikers schreibt:
“Doch wie genau sich dies vollziehen wird und welche konkrete Bedeutung für unseren jeweiligen Wissenschaftsalltag dies haben wird, darüber kann im Moment nur spekuliert werden.”
dann sehe ich den Ball (nicht nur) in die Dorotheenstraße rollen und die Verpflichtung, für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft diesen aufzunehmen und vielleicht nicht unbedingt die Lösung aber in jedem Fall den Nachweis einer wissenschaftlichen, d.h. systematischen Auseinandersetzung mit diesem Problem zu präsentieren. Es handelt sich hier nicht um ein Naturgeschehen sondern um eine – zugegeben nicht wenig komplexe – Ausdifferenzierung der Verfahren, Möglichkeiten und Praxen wissenschaftlicher Kommunikation. Dies ist ein Gestaltungsprozess, in dem diverse Akteure vom Wissenschaftler über die Bibliotheken bis zu Verlagen, Social Media-Unternehmen, Hardware- und Suchmaschinenanbietern mit teilweise auseinanderdriftenden Interessen interagieren. Auf die Gestaltung können wir durchaus Einfluss nehmen und sei es nur, indem wir sie strukturiert ent- und aufschlüsseln und abbilden. Für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die zweifelsohne eine große Expertise genau in diesen Fragen besitzt, ist die aktive Teilhabe an diesem Prozess über ein Mitspekulieren hinaus keine Option, sondern eine Verpflichtung. Das Forschungsprofil des Faches ist hier nämlich (wenigstens aus meiner Sicht) exakt die kritische Begleitung und Analyse des: “wie genau sich dies vollziehen wird und welche konkrete Bedeutung für [den] Wissenschaftsalltag dies haben wird.”
(Berlin, 11.02.2013)
Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Technik in Wissenschaftsinfrastrukturprojekten.
zu:
Sonja Palfner, Ulla Tschida: Grid: Technologie und soziale Praxis. In: Technikfolgenabschätzung. Theorie und Praxis. 21 / Heft 2. November 2012. S. 50-53
Unter den Projekten zur Digitalisierung der Wissenschaftspraxis in der Bundesrepublik der 2000er Jahre ragt die D-GRID-Initiative markant hervor. Das begründet sich einerseits aus ihrem Anspruch heraus, Grid-Computing in enger Kooperation mit den Fachcommunities in der Fläche zu etablieren. Und andererseits aufgrund des erheblichen Fördervolumens, das sich freilich nach dem Anspruch richtete. Die enge Verzahnung zwischen informatischer Innovation und fachwissenschaftlichen Ansprüchen prädestinierte die Initiative für eine wissenschaftssoziologische Begleitforschung. Technologie ist unzweifelhaft grundsätzlich vor allem soziales Geschehen. Auch die Entscheidung des BMBF zur massiven Förderung genau dieses Ansatzes ist Ergebnis sozialer Interaktionen. Aktuell bewegen sich diese um die Frage, wie, wo und in welcher Form die entwickelten Infrastrukturelemente und forschungsbegleitenden Werkzeuge mitsamt der für sie notwendigen Weiterentwicklung verstetigt werden können? Die technischen Möglichkeiten selbst wirken gewiss dispositiv auf das Machbare. Was aber tatsächlich umgesetzt wird, resultiert aus einer komplexen Wechselwirkung diverser Faktoren – von Budgets über die Motivation, Interessen, Konkurrenzkonstellationen und Kompetenzen von Einzelakteuren bis hin zu rechtlichen Gesichtspunkten.
Sonja Palfner und Ulla Tschida, die die D-Grid-Initiative aus einer techniksoziologischen Perspektive beforschen, rücken in ihrem kurzen Beitrag für die Zeitschrift Technikfolgenabschätzung die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Fachgemeinschaften und den Entwicklern ins Zentrum, eine Frage also, die sich zwangsläufig auch der Bibliothekswissenschaft stellt. Denn einerseits sind wissenschaftliche Bibliotheken grundsätzlich ebenfalls Dienstleister für die Wissenschaftspraxis. Und andererseits sind Digitale Bibliotheken durch und durch informatische Ensemble. Die Entwicklung Digitaler Bibliotheksdienstleistungen, die sinnvollerweise konsequent mit dem Ziel der tatsächlichen Inanspruchnahme durch die Bibliotheksnutzer erfolgen muss, bewegt sich folglich in einem Spannungsverhältnis ähnlich dem, das die Autorinnen anhand von drei Konstellationstypen aufschlüsseln.
Beim ersten Typ dominiert die Fachwissenschaft die Informatik. Die Entwickler sollen passgenaue Dienste nach den Bedürfnissen und Ansprüchen der Wissenschaftler entwickeln. Das Problem dabei liegt jedoch in der Dynamik exakt dieser Ansprüche. Die Autorinnen betonen, dass „ein etablierter Service […] durch die Forschung selbst quasi ständig aus der bekannten Routine gerissen werden [kann].“ (S. 53)
Geht man von einer idealtypischen Wissenschaft, also einem permanenten Erkenntnisfortschritt mit sich verschiebenden Forschungshorizonten aus, dann ist das nicht einmal ein Kann-Zustand, sondern elementar: Es gibt in der Wissenschaft bestenfalls zeitweilige Stabilisierungen und Konsolidierungen in Routinen, die aber naturgemäß je nach Überarbeitung der Thesen, Forschungsfragen und Erkenntniszielen eher früher als später selbst infrage gestellt werden. Dauerhafte Routinedienste für die Wissenschaft sind hierbei bestenfalls im Sinne von Basiskonzepten und vor allem von Standards für Begleit- und Nachweisdienste (Forschungsdokumentation, Datenarchivierung), also metawissenschaftlich, denkbar. Je konkreter die Forschungspraxis und das dazu entwickelte Werkzeug (bzw. je näher an der so genannten Forschungsfront), desto zwingender wird auch eine Weiter- oder gar Neuentwicklung dazugehörender Anwendungen werden.
Was bleibt, sind Lessons-Learned- und Best-Practice-Erkenntnisse, die den jeweiligen Anpassungen zugrunde liegen. Bei einer engen Verzahnung von Bibliothek bzw. Dokumentation mit Forschungsprojekten wäre es beispielsweise ein Embedded Librarian, der mit einem diesbezüglichen Erfahrungswissen hinzugezogen wird und eine Grundsolidität der für ein Projekt notwendigen technischen Begleitdienste garantiert. Und der vielleicht entscheidet, ob auf etablierte Anwendungen zurückgegriffen werden kann/sollte oder Neu- bzw. Weiterentwicklungen unumgänglich sind. Denn ohne Zweifel gibt es trotz des oben Gesagten weite Bereiche der Wissenschaftspraxis, die methodische Nachnutzungen auch aus (wissenschafts-)ökonomischer Sicht als pragmatische Lösung zweckmäßig erscheinen lassen. Wer mit Projektwissenschaft vertraut ist, weiß, dass ein kompromissloses Streben nach neuer Erkenntnis in der Praxis eher die Ausnahme als die Wissenschaftsregel darstellt. Offen bleibt dennoch auch dann, ob bzw. wann man die Forschungsfrage den zur Verfügung stehenden Werkzeuge anpasst oder Werkzeuge zur Forschungsfrage entwickelt. Pauschal ist sie in einer hochdifferenzierten Wissenschaftswelt nicht zu beantworten.
Die zweite Konstellation bezeichnen die Autorinnen als „Service in the making“ und meinen vermutlich einen Ansatz im Einklang mit der beschriebenen Entwicklung: Eine Softwarelösung wird konkret für ein Problem oder einen Forschungsansatz entwickelt. Entwicklerkapazitäten wären unmittelbar und auf Augenhöhe mit den fachwissenschaftlichen Kapazitäten in ein Projekt einzubinden.
Für Bibliotheken könnte man analog eine permanente Interaktion mit den Bibliotheksnutzern parallel stellen. Hier wäre also direkt eine Bibliothekswissenschaft angesprochen, die die Praxen und Entwicklungen in der Wissenschaftskommunikation systematisch analysiert und zu Hinweisen und Leitlinien für die Praxen und Entwicklungen im Bibliothekswesen weiterverarbeitet. Wenn der Bibliothekswissenschaft in diesem Zusammenhang eine Aufgabe zufällt, dann die, den Akteuren der wissenschaftlichen Literatur- bzw. Informationsversorgung – vorrangig aber eben nicht nur Bibliotheken – Orientierungswissen zur Verfügung zu stellen.
Der dritte Konstellationstyp invertiert schließlich das Verhältnis des ersten. Die fachwissenschaftliche Herausforderung dient hier nur als Aufhänger für die Produkt- oder Serviceentwicklung. Die Autorinnen sprechen von der „Materialisierung des informatischen Erkenntnisgewinns.“ (S. 53) Löst man dies von der Wissenschaftspraxis ab, findet man sich schnell im Bereich kommerzieller Software-Entwicklung, zum Beispiel bei Social-Media-Anbietern, die Erkenntnisse der Sozialen Netzwerk-Analyse benutzen, um die Algorithmen hinter ihren Plattformen zu optimieren.
In der Realität finden sich die Konstellationen selten trennscharf ausgeprägt. Vielmehr dürften sie sich selbst dynamisch entwickeln. Persönliche Motivationen dürften ebenso wie Ressourcenlagen und bestimmt auch Opportunitätsüberlegungen eine wichtige Rolle bei der Ausprägung der Schwerpunkte in diesem Wechselspiel zwischen Fachwissenschaftlern und Entwicklern einnehmen. Zumal auf einer Individualebene in der Praxis häufig Doppelrollen übernommen werden. Nicht selten dominieren Akteure, die sowohl einen fachwissenschaftlichen wie auch einen informatischen Hintergrund besitzen. Kombinationsstudiengänge fördern korrespondierend solch interdisziplinäre Grundausrichtungen, wobei sich die wissenschaftssoziologische Überlegung anschließt, inwieweit sich hierdurch bestimmt wissenschaftliche Eliten gezielt etablieren (können). Angesichts der wahrscheinlichen Intensivierung von Verfahren aus den so genannten Digitalen Geisteswissenschaften (bzw. Digital Humanities) ist so beispielsweise die Kombination einer geisteswissenschaftlichen Abschlusses mit einem computerwissenschaftlichen berufsstrategisch sicher eine bessere Wahl, als sich allein beispielsweise auf die Literaturwissenschaft zu konzentrieren. Interdisziplinarität meint in der heutigen Wissenschaftslandschaft möglicherweise weniger den Spagat zwischen zwei Disziplinen und mehr den zwischen einer fachwissenschaftlichen (theoretischen) und einer wissenschaftspraktischen Qualifikation.
Welche der drei Konstellationen sich tatsächlich wie entfaltet, lässt sich naturgemäß durch die Begleitforschung erst im Nachgang eines Projektes abschließend ermitteln. Sie kann aber fraglos, analog u. a. zur Diskursanalyse, die bestimmte Trends in sich konkret vollziehenden Diskursen zu erkennen und zu konstatieren und so auf den Diskurs Einfluss zu nehmen vermag, schon während der Durchführung eines Projektes, feststellen, wie sich Verteilungen entwickeln (Dominanz der Fachwissenschaft oder Dominanz der Informatik) und auf Abweichungen von einer angestrebten Ideallinie in diesem Verhältnis mit dem Ziel einer Korrektur hinweisen. Dies setzt selbstverständlich voraus, dass entsprechende Schwerpunkte und auch Parameter zwischen den Beteiligten ausgehandelt wurden. Beziehungsweise mitunter sogar, dass zunächst einmal ein Verständnis für die soziologische Grundierung dieses Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Service für die Wissenschaft besteht. Also eine Sensibilität für die soziale Bedingtheit der Beziehung zwischen dem forschenden Menschen und den technischen / technologischen Dispositiven (Infrastrukturen, Bibliotheksdienste, Software) seiner Forschung sowie denen, die für die Bereitstellung und Entwicklung dieser Dispositive zuständig sind (Rechenzentren, Bibliotheken, Entwickler).
( Ben Kaden / Berlin / 07.01.2013 )
(Anmerkung: Ben Kaden ist aktuell wissenschaftlicher Mitarbeiter im TextGrid-Projekt.)
Das Dokument in Bitstromlinienform. Sarah Dudeks Thesen zur Zukunft des Dokuments.
zu Sarah Dudek (2012): Die Zukunft der Buchstaben in der alphanumerischen Gesellschaft. Text und Dokument unter digitalen Bedingungen. In: Bibliothek Forschung und Praxis 36 (2), S. 189–199.
Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1515/bfp-2012-0023.
Preprint: http://www.b2i.de/fileadmin/dokumente/BFP_Preprints_2012/Preprint-Artikel-2012-AR-2799-Dudek.pdf )
von Ben Kaden
Ein Fach wie die Bibliotheks- und Informationswissenschaft, von dem Bibliotheks- und Informationspraxis und wenn es gut läuft auch noch andere Teile der Gesellschaft neben der Ausdeutung von Vergangenheit und Gegenwart auch Handlungsanweisungen für ihre Zukunftsplanung erwarten können, muss sich zwangsläufig mit Prognostik auseinandersetzen.
Entsprechend zahlreich findet sich das Wort „Zukunft“ in den aus dem Fach hervorgehenden Publikationen. Allein das Korpus des LIBREAS-Weblogs enthält grob gezählt 550 Erwähnungen. Unter anderem auch deshalb, weil wir uns mit der Zukunft von gestern befassen. (Die Zukunft von gestern. Ein Beitrag zur Open-Access-Debatte aus dem Jahr 1996. / Die Zukunft elektronischer Datennetze aus dem Blickwinkel des Jahres 1980. / Dietmar Daths schießpulverne Zukunft des Internet aus dem Jahr 2002. / Bibliographie als Utopie. Zu einer Position aus dem Jahr 1896. ) Das Feld ist dankbar und ergiebig, vermag doch die Beurteilung im Blick zurück mit einem nachsichtigen Lächeln leicht all das aufdecken, was stimmte und noch leichter das, wo man sich einst irrte.
Schwieriger verhält es sich mit gegenwärtigen Blicken in die Zukunft. Denn weder der, der die Zukunftsentwürfe aufzeichnet, weiß, was tatsächlich geschehen wird, noch der, der an diese Thesen glauben oder eben nicht glauben möchte. Andererseits bleiben uns doch zwei Aspekte, die eine Einschätzung der Plausibilität von Zukunftsskizzen stützen: Einerseits die zugeschriebene Wahrscheinlichkeit, die man in gewissem Umfang aus der Gegenwart und vergangenen Entwicklungslinien abschätzen kann. Und natürlich die Tatsache, dass bestimmte Richtungsentscheidungen für die Zukunft, die im Heute fallen, erst durch den Diskurs um die Zukunft ihre Orientierung erhalten. Spielen die richtigen Parameter mit den richtigen Argumenten gut zusammen, gibt es wirklich so etwas, wie selbsterfüllende Prophezeiungen. (weiterlesen…)
Bibliographie als Utopie. Zu einer Position aus dem Jahr 1896.
Zu:
Frank Campbell: The Bibliography of the Future. (In: Peter R. Frank (1978): Von der systematischen Bibliographie zur Dokumentation. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. (Wege der Forschung; Bd. 144), S.124-142 / Original: Frank Campbell: The Theory of National and International Bibliography. London, Library bureau, 1896. Sec. II. No. 3, S. 243-259
Ben Kaden
I
Sowohl die Unkonferenz frei<tag> 2012 wie auch die LIBREAS Summer School in diesem Jahr ließen für uns in guter wissenschaftlicher Sitte mehr offene Fragen als schlüssige Antworten zurück. Das ist nur zu begrüßen, sind doch Fragen seit den Urzeiten exzellente Sensibilisierungselemente der systematischen Erkenntnisfindung.
Dass Fragen neu auftreten bedeutet jedoch nicht zugleich, dass sie auch wirklich neu sind. Meist reicht ein kurzer Blick in die Geschichte des Faches, um sich dessen zu vergewissern. Als Beispiel mögen heute Frank Campbells 1896er Überlegungen zur Bibliografie der Zukunft (wohlgemerkt: der Zukunft des Jahres 1896) dienen. (weiterlesen…)
It’s the frei<tag> 2012 Countdown (16): Kurt Drawert (2), Digitale Geisteswissenschaft und Bibliotheken
Ben Kaden
Man erinnerte mich unlängst und nicht unbegründet daran, dass der LIBREAS-frei<tag>-Countdown mit Texten versehen werden sollte, die auch etwas wahlweise mit der Unkonferenz zum Stand der Bibliotheks- und Informationswissenschaft oder derr Summer School des LIBREAS Vereins zu tun haben sollte.
Immerhin meine kleine Glosse zu Kurt Drawert verfehlte diesen Anspruch recht deutlich. Er bereichert aber mein Leben wiederum um die Erfahrung, wie es ist, gelesen und nicht ganz so verstanden zu werden, wie ich es meine. So schreibt Armin Steigenberger auf lyrikzeitung.com:
„Es scheint, dass derjenige, der auch nur irgendwas gegen das Internet vorbringt, heute sofort unter Generalverdacht steht, was ich eigentlich genauso eindimensional finde. Insofern ist Ben Kadens Replik in summa eine ziemlich vorhersehbare Reaktion und an neuen Argumenten, die mich wirklich überrascht hätten, kommt gar nichts.“
Hier kollidieren natürlich Erwartungshaltungen und fast naturgemäß driften Meinen und Verstehen zielstrebig auseinander. In welcher Hinsicht ich generell verdächtige, erschließt sich mir auch nach dem Wiederlesen meines Textes nicht. Gleiches gilt für den Zweck der Pauschalisierung „das Internet“, gegen das zu opponieren freilich genauso sinnvoll wäre, wie der Kampf gegen Bahnschienen, Webstühle, Windmühlen und Schnellstraßen.
Darum geht es aber Kurt Drawert auch nicht. Sondern ihn treibt die Überlegung (oder Angst), wie (dass) sich die Rezeption verändert, wenn sich das Träger- und Abbildungsmedium ändert. Dahingehend geschieht ohne Zweifel viel und die Rezeptionsforschung stürzt sich hoffentlich begeistert auf diese Veränderungen. Und hoffentlich weniger voreingenommen als Kurt Drawert in seinem tristen Text.
Dass dieser den konkret Handelnden und die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungs- und Rezeptionswelten hartnäckig ausklammert, ist für mich der trübste, fast blinde Fleck seines Essays. Dass er zudem den Untergang der Literatur durch Digitaltechnologie prophezeit, ist eine so traurige wie grundlose Schlussfolgerung. Und der bebende Brustton, mit dem diese Einschätzung in den Diskurs eingeworfen wird, liegt so fernab jedenfalls meiner Lebenswirklichkeit, in der man Werkzeuge als Möglichkeiten betrachtet und nicht als auf des Herzens liebste Dinge gerichtete Dolche, dass ich mehr mit Erstaunen als mit Gegenrede reagieren kann. Neue Argumente sind zudem in dieser Urdebatte der digitalen Gesellschaft schon deshalb schwer zu finden, weil ich gar keinen Antagonismus à la „Freiheit des Netzes vs. Freiheit der Buchrezeption“ sehe.
Selbst wenn ich Technologiekritik gemeinhin hoch schätze, vermag ich weder das Problem noch den Pessimismus Kurt Drawerts nachzuvollziehen. Jedenfalls, solange unsere Kultur noch so etwas wie die Lyrikreihe des Hochroth-Verlags hervorbringt und ich die Option habe, meine Abendlyrik in einem stillen Zimmer vom Papier abzulesen. Ich wüsste nicht, welcher Techniker mir das nehmen wollte. Und daher bleibt mir die ganze Aufregung fremd – in einer unangenehmen Weise.
Nun bin ich fast schon wieder dabei, das Thema zu verfehlen. Aber man kann nicht zuletzt in Anschluss an Kurt Drawert (unter Hilfestellung von Armin Steigenberger) immerhin eine Einstiegsthese für die Unkonferenz daraus formulieren:
Digitale Medien verändern die Rezeptionspraxis, „weil das Internet als ‘Resonanzraum’ kein störungsfreier Raum ist, sondern nebenher allerhand ‘Interferenzen’ passieren, wo man auch permanent zusätzliche Infos bekommt, die man nicht bestellt hat, die aber die Rezeption, das „sich-Einlassen“ stören […]“ (vgl. http://lyrikzeitung.com/2012/07/29/119-gezwitschert-gegeigt-und-gesungen-2/)
(Die Tatsache, dass es on- und offline individuell große Unterschiede bei der Ausübung der bislang zentralen Kulturtechnik unserer Gesellschaft gibt, mag man vielleicht zunächst ausklammern.) Für die Texthermeneutik und das Close Reading ist diese Frage mindestens genauso relevant, wie für die Bibliotheken, die sich fragen, ob sie in einem Neubau lieber einen klassischen Lesesaal oder eine Kommunikationszone mit Café und Indoor-Spielplatz unterbringen sollen.
Und es wirkt auf die Frage zurück, wie wir schreiben sollen, wenn wir für das Netz schreiben. Armin Steigenberger betont beispielsweise in seiner Replik zu meiner Drawert-Lektüre, dass sich die Besprechung des Aufsatzes Kurt Drawerts in einem Weblog womöglich verbietet:
„Hinzu kommt die Tatsache, dass Drawerts NZZ-Artikel nicht im Netz verfügbar ist, was gewissermaßen gewollt ist – alles andere wäre ja wieder eine Einladung zum Entreißen, würde seine These nur belegen, dass eben alle Texte verlieren, sobald sie online sind und somit zu Verkürzung und Überlassung einladen. Denn diesen Text im Blog zu besprechen wäre vergleichbar damit, eine Blogdiskussion über die These abzuhalten, ob Blogdiskussionen nicht per se haltlos sind: eine contradictio in adiecto. Insofern wird Drawerts Artikel nun selbst „entrissener“ Text, in Ausschnitte zerbröckelt und unterlegt mit Bockwurst und Bier.“
Diese Argumentation überzeugt mich leider kaum. Denn (a) ist die Rekontextualisierung nach Gusto weder ans Web noch an Weblogs gebunden, sondern ein Leitelement schriftsprachlicher Debatten und vermutlich die Basis aller Kultur. Und (b) wäre die Verweigerung sich dem Diskurs zu stellen, indem man einen Beitrag zum Diskurs zwar trotzig präsentiert aber eben nur offline und daher um Diskursferne bemüht, diskursethisch untragbar. Und (c) ist ein Weblog einfach nur eine neutrale Publikationsfläche, die, wie ein Blatt Papier, vom Gossip bis zur Weltformel alles in Schrift fassen kann, was in Schrift zu fassen ist.
Gern gestehe ich dagegen ein, dass man meinen Text leicht als Bestätigung der These Kurt Drawerts lesen kann. Ich würde mir allerdings wünschen, dass man etwas anderes daraus mitnimmt. Nämlich den Aufruf zu mehr Gelassenheit in diesem Diskurs.

Manfred auch? Die Grenzen automatischer Verfahren Digitaler Geisteswissenschaften lassen sich in fast jeder Buch anschaulich bereits durch Oberflächenlektüre abschätzen. Denn welche automatische Textanalyse würde hier korrekt schlussfolgern, dass der russische Komponist Wladimir Martynow nicht etwa einen – obendrein recht lebendigen – Ferienhausvermieter aus dem Oberallgäu zu einer zentralen Autorität seiner geistesgeschichtlichen Sozialisation zählt, sondern jemanden von der Schwäbischen Alb, der wusste, wie uns die Technik ins Gestell zwingt. Man mag das Problem als spitzfindig empfinden, aber wir benutzen die digitalen Verfahren ja gerade zum Zwecke der Spitzfindigkeit, d.h. um auch das zu entdecken, was unserem Auge sonst entginge. Hier hat das händische Blättern noch gereicht. Dem Lektorat Der Anderen Bibliothek ist der kleine Fehler auf Seite 189 vermutlich ziemlich peinlich. Abgesehen davon ist die Ausgabe von Kerstin Holms “Moskaus Macht und Musen” (Berlin: AB – Die Andere Bibliothek, 2012) jedoch ein gelungenes Beispiel dafür, warum wir von Buchkultur sprechen.
Auf einer solchen Basis könnte man sich dann nämlich den Fragestellungen wie der widmen, wie viel Verflüssigung, Bricolage und Versetzung von Textinhalten wir eigentlich für welchen Zweck zulassen wollen? Die wird nämlich nicht zuletzt akut im Umfeld dessen, was man Digital Humanities nennen.
Die Hamburger Tagung, die vermutlich als ein Schlüsselereignis der Digitalen Geisteswissenschaften in Deutschland gelten kann, brachte es immerhin zu zwei Artikeln in derselben Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und beide Texte versuchen etwas, was die Protagonisten dieses neuen methodologischen Spektrums bisweilen etwas vernachlässigen: die Metasicht auf Sinn und Unsinn, auf die Wechselbeziehung von Machbarem und Wünschbarem.
Wolfgang Krischke (Wege und Abwege digitaler Forschung. In: FAZ, 25.07.2012, S.N3, nicht frei online) betrachtet die Entwicklung relativ nüchtern:
„Von einem neuen Paradigma kann […] kaum die Rede sein, in manchen Bereichen der Linguistik bedient man sich der elektronischen Datenverarbeitung schon seit der Lochkarten-Ära.“
Allerdings räumt er selbst ein, dass die Möglichkeiten einer statistischen Analyse von Sprache heute doch – vor allem quantitativ – ein wenig mehr zulassen, als die Lochkartenpioniere vermutlich überhaupt ahnen konnten. Und er betont an der schlichten und interessanten, rein quantitativ aber kaum greifbaren Forschungsfrage:
„Wie verändert sich beispielsweise die Bedeutung von „Freund“ durch den Gebrauch, der von diesem Wort in den sozialen Netzwerken gemacht wird?“,
dass eine Horizontlinie der Erforschung der Websprache und ihrer Folgen bereits durch urheber- und datenschutzrechtliche Regeln eingezogen wird. Immerhin: Die Notwendigkeit einer informations- und wissenschaftsethischen Diskussion der Digital Humanities lässt sich in diesem Zusammenhang – also nicht zuletzt für die Unkonferenz – exzellent veranschaulichen.
Dazu zählt zudem eine weitere Frage, nämlich die, ob es nicht geradezu geboten ist, aussterbende Sprachen als generelles Kulturgut so gut und lückenlos wie nur möglich mit den vorhandenen Technologien zu dokumentieren, selbst wenn das am Ende vielleicht mit dem konkreten „Überleben der bedrohten Idiome“ nicht mehr zu tun hat, als eine Nachzucht einer in freier Wildbahn verschwundenen Tierart im Zoo. (Oder gar nur einem taxidermischen Präparat im Naturkundemuseum.)
Und ebenfalls wissenschaftsethisch interessant ist die Rolle von Google, das Korpus und N-Gram-Viewer als Zentralbausteine gewisser Facetten digitaler geisteswissenschaftlicher Forschung bereitstellt. Hier wirkt ein Unternehmen, wenn auch sicher ein sehr besonderes, massiv gestaltend auf eine Wissenschaftslinie ein, von der gern nicht selten betont wird, sie sei – möglicherweise analog zur Google-Suche – perspektivisch die einzige und alternativlose Option.
Thomas Thiel (Eine Wende für die Geisteswissenschaften? In: FAZ, 25.07.2012, S. N5) nimmt sich der Entwicklung aus einer wissenschaftsadministrativen bzw. -infrastrukturellen Position an und zeigt, dass Digital Humanities mehr meinen muss, als Google bietet. Er betont die für die Bibliothekswissenschaft zentrale Dreiheit von Digitalisierung, Standardisierung und Langzeitarchivierung (inklusive Qualitätssicherung). Wenn man das Fach sowie die wissenschaftlichen Bibliotheken also naheliegend auf die Rolle einer Zentralinstanz der digitalen Geisteswissenschaften orientiert, dann rutscht es automatisch in die Aufgabe, nicht nur Publikationen, sondern Korpora bzw. geisteswissenschaftliche Primärdaten zu sammeln, zu erschließen, vorzuhalten und nach Bedarf verfügbar zu machen. Die Digital Humanities (DH) könnten demzufolge der Bibliothekswissenschaft endlich eine fixe Forschungsrichtung vorgeben. Und dem wissenschaftlichen Bibliothekswesen eine Perspektive für die Zeit nach der Hegemonie der Printkultur.
Dazu muss sich das „Methodenfeld“ aus dem „Quellgebiet von Computerlinguistik, Computerphilologie und Fachinformatiken“ (Thomas Thiel) jedoch erst einmal als solches etablieren. Wobei nicht nur nicht notwendig, sondern überhaupt nicht zweckmäßig scheint, womit Jan Christoph Meister zitiert wird, nämlich der „empirische[n] Wende für die Geisteswissenschaften“ und dem Abschied vom „Paradigma der hermeneutischen Einzelforschung“. Hier wird erneut ein Ausschlussszenario ins Spiel gebracht, wo es völlig unnötig, in jedem Fall verfrüht ist. Thomas Thiel ordnet den bisherigen Stand der DHs zutreffend eher als „anwendungsorientierte Hilfswissenschaft“ als als „Speerspitze einer umfassenden Transformation der gesamten Geisteswissenschaften“ ein:
„Dass sie große Erkenntniszusammenhänge erschließen können, zeichnete sich nicht einmal schemenhaft ab.“
Ich sehe vielmehr auf lange Sicht als Ideal eine mehrschichtige Durchdringung quantitativer und metrischer Verfahren mit interpretativen, wie ich es jüngst in einem Kommentarthread, skizzierte:
„In einem zugespitzten Szenario könnte die Entwicklung vielleicht dahin gehen, dass wir auf der einen Seite große, tiefenerschlossene Datenbestände haben, aus denen auf der anderen Seite zahllose kleine und in verschiedene Richtungen zielende temporäre Interpretationen erfolgen und permanent diskutiert werden. Publikationen fassen diese Deutungen und Argumentationen eventuell sogar in festen Zeitabständen als gesichertere Referenzpunkte zusammen, zielen aber selbst nicht mehr Innovation, sondern nur auf Kumulation und Dokumentation. (Beispielsweise in eine aktualisierten Form von Referatemedien, die nicht mehr Publikationen, sondern Argumente, Schlüsse und Diskussionen sammeln, ordnen und in dieser Ordnung verfügbar machen.)
So wie es in bestimmten Geisteswissenschaften kanonisierte Texte gab und gibt, die über zeitstabil neu gelesen werden, so könnte ich mir vorstellen, dass es auch einen Kanon von Open Data-Datensätzen gibt, mit denen alle Disziplinen ähnlich verfahren. Messende und interpretative Disziplinen verschmelzen demnach. Und zwar nicht nur in der Form, dass sich Geisteswissenschaften zunehmend quantitativer Verfahren bedienen. Sondern auch, dass eine Form von Daten-Hermeneutik (möglicherweise mehr in Anschluss an die so genannte Objektive Hermeneutik) in die anderen Disziplinen dringt. (Implizit spielt nach meiner Erfahrung Interpretation seit je fast überall die entscheidende, nämlich Schlüsse grundierende Rolle. Nur erfolgt dieser methodische Schritt oft nicht zureichend reflektiert, d.h. im Bewusstsein, dass eine Schlussfolgerung immer ein interpretatives Moment enthält, das man auch methodologisch elaborieren kann.)“
Inwieweit in diesem Szenario langfristig die rein interpretativen geisteswissenschaftlichen Publikationen es noch leicht hätten, sich zu behaupten, oder ob sie sich nicht nach und nach in Richtung einer eher literarischen Abbildungs- und Erkenntnisdisziplin emanzipierten, die selbst mehr Wert auf Originalität in Form und Darstellung als an formalwissenschaftlichen Anspruch und Strenge legt, bleibt selbstverständlich einer von zahlreichen weiteren offenen Aspekten. In jedem Fall berechtigt uns nichts, ihnen jetzt (schon) die Tür zu weisen.
29.07.2012
It’s the frei<tag> 2012 Countdown (21): Unkonferenz und Summer School
Manuela Schulz
Ben Kaden
Es bleiben noch 21 Tage bis zum großen Event. So manche/r ist bereits im Urlaub, einige werden es bald sein, eigentlich möchte man doch bei diesem Wetter nur noch wahlweise in der Sonne baden oder im Schatten dösen oder sich im kühlen Nass erfrischen. Oder durch ferne Länder reisen, andere Kulturen kennen lernen und endlich den lang vorbereiteten Aktivurlaub angehen. Warum sollte man sich also nach Potsdam und Berlin zu einem fachlichen Austausch begeben?
Nun, nirgendwo gibt es soviel geballte Kultur auf einmal wie in diesem nordöstlichen Ballungsraum und auch wenn bei uns keine badewannenwasserwarmen Wellen schäumen, keine steife Brise weht und es keine Berge zu erklimmen gibt, bieten die Berliner und Brandenburger Landschaftsräume wunderbare Erholungsmöglichkeiten. Unser erster Countdown hat es bereits deutlich gemacht.

Ein ziemlich verwegener Assoziationssprung verbindet die Brombeere bei chemisch Interessierten regelmäßig und völlig unsinnig mit einem Halogen, das sich gemeinhin in einer Kategorie mit Fluor, Chlor und Jod tummelt. Dabei ist der Wortursprung von Brom ein ganz anderer und bereits im frühen Fachdiskurs der Chemiker wurde die Anwendung des griechischen Ausdrucks für Bocksgeruch als unpassend kritisiert (vgl. Sigismund Friedrich Hermbstädt (1828) Über das Brom, seine Vorkommen in verschiedenen Substanzen und die Darstellung desselben. In: Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Berlin: 1831; S.85-95) Der Wortursprung der Brombeere (irgendetwas mit brâma, daher mitunter auch Brambeere, Bramelte oder Briem), stellt dagegen das Dornige in den Mittelpunkt. Für uns geht es freilich kein bisschen darum und ehrlich gesagt, verzichteten wir gern auf die garstigen Haken, die sich wie Tanlines a la Twombly nach dem Tauchen im Gesträuch über die Arme ziehen. Was wir wollen, ist die Frucht und zwar möglichst in der tiefschwarzen Fassung. Welche für das LIBREAS-Team eine der vorzüglichen Errungenschaften eines gelingenden Sommers darstellt, gleich hinter frei-tag;, Summer School und dem Bad in der Brandung.
Da man aber bei bestem Wetter ohnehin nur in den Morgen- und Abendstunden einen ruhigen Fleck am Waldsee findet, gibt es für die Zwischenzeit eine Überbrückung fachlicher Art. Auf der Unkonferenz frei<tag> 2012 in Potsdam wollen wir mit euch in ungezwungener Atmosphäre über Themen diskutieren, die für die eigene Profession schon immer unter den Nägeln brannten und uns gemäß des diesjährigen Mottos Stand der Bibliotheks- und Informationswissenschaft mit Forschungsfragen auseinandersetzen. Die Unkonferenz bietet insbesondere jungen Forschenden und Studierenden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft eine Plattform zum Vorstellen und Abgleichen ihrer Ideen, Thesen und Wahrnehmungen sowie die Option zum Austausch mit der Bibliothekspraxis.
Interessierte können sich gerne vorab im frei<tag>-Wiki anmelden und vor allem Themenvorschläge machen. [Update: Nachdem dort mit dem eisernen Besen der Anti-Spam-Maßnahmen ausgekehrt wurde, vermutlich wieder ab heute Abend.]
Der Veranstaltungsort ist das bewährte Schaufenster der Fachhochschule Potsdam (Friedrich-Ebert-Straße 4, Google Maps). Man erreicht es gut zu Fuß vom Hauptbahnhof Potsdam in sehr wenigen Minuten und kann sich auf dem Weg sogar den Bauplatz eines Schlossneubaus anschauen. Das bieten derzeit nicht viele Städte.
Berlin zum Beispiel wartet noch auf den Spatenstich. Die Summer School steht dagegen bereits. Sie dient in den Räumen des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin der gemeinsamen Weiterbildung und zwar in einer Weise, die bitte nicht so trocken ist, wie das Wort Weiterbildung leider klingt. Worum es geht, ist Methodenwissen zur wissenschaftlichen Arbeit in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, das bekanntlich erst die Grundlage für ein leidenschaftliches und gelingendes Arbeiten in diesem Fach bietet. Da sich die Wissenschaftslandschaft insgesamt sehr wandelt (Stichworte: Digitalisierung, Digital Humanities, Grids, Science 2.0), stellt sich unvermeidlich die Frage, mit welchen Methoden ein Fach wie das unsere im fortschreitenden 21. Jahrhundert operieren sollte. Wer darauf eine Antwort weiß, muss kommen. Wer dazu weitere Fragen hat, ebenso. Gewünscht ist eine aktive Beteiligung, auch wenn oder gerade weil die Workshops im Vorhinein vorbereitet sind. Vier Cluster prägen das Programm:
- I Schreiben und Publizieren in der LIS,
- II Forschungsfragen und Trends in der LIS,
- III Verteilt Arbeiten, Zusammen Publizieren,
- IV Zeit- und Projektmanagement im Forschungsprozess.
Interessierte können sich anmelden bei: mail (at) libreas-verein dot eu
Und natürlich weisen wir niemandem mit fachlichem Interesse, der uns ohne Vorankündigung überrascht, die Tür.
Veranstaltungsort: Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin (Dorotheenstraße 26, Berlin). Das Institut (Google-Maps) ist von den Bahnhöfen Friedrichstrasse und Hackescher Markt zu Fuss und vom Bahnhof Alexanderplatz per Bus gut zu erreichen.
LIBREAS als Schweigbügelhalter? Eine Position zur newLIS-Debatte.
von Ben Kaden
Wenn es um Open Access und Fachzeitschriften geht herrscht derzeit ein bisschen Spannung in der Branche. Die Diskussion um newLIS, also einer neuen Open-Access-Zeitschrift der Bibliothekswissenschaft bzw. des Bibliothekswesens bildet dafür den Bogen, der sich auch Richtung LIBREAS spannt, LIBREAS selbst aber, so mutmaßt mancher, nicht berührt. Allerdings bezieht man uns auch selten von Seiten der um newLIS Aktiven direkt ein und obschon im Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquium vom 03.07. die Gelegenheit sehr günstig war, blieb es dabei, dass wir mehr aus der Ferne beobachtet wurden. Warum dem so ist, sollte sicher auch einmal diskutiert werden, denn eigentlich verstehen wir uns schon dergestalt als inklusiv, dass wir auch für diese Debatten offen sind.
Nun findet sich heute hier im Weblog eine Aussage Walther Umstätters, die ein wenig das Problem anspricht:
Die Frage ist ja nicht, welchen Stellenwert Libreas momentan hat, sondern welche Ausbaufaehigkeit sie mitbringt. Dazu gibt es gerade eine Diskussion, die man substantiell anreicher koennte, anstatt sie nur unbegruendet abzubuegeln.
Darauf gehe ich selbstverständlich sehr gern ein und auch wenn die Meinungen innerhalb der Redaktion in dieser Sache ausnahmsweise nicht weit auseinander gehen, möchte ich betonen, dass ich die nachstehende Erörterung des Vorwurfs eine persönliche ist. (weiterlesen…)
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