LIBREAS.Library Ideas

Ein Handbuch und sein Fach. Zu einer aktuellen Besprechung in der Zeitschrift BuB.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Referate by libreas on 19. Juni 2014

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden).

Das im vergangenen Herbst erschienene „Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ (herausgegeben von Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach und Michael Seadle) bereitet uns in der LIBREAS-Redaktion einen kleinen Kummer. Denn seitdem suchen wir jemanden, der den satten Band in Orange und Grün für LIBREAS bespricht. Warum es so schwierig ist, jemanden für diese Aufgabe zu gewinnen, ist ziemlich offensichtlich: Die größte Zahl derer, die es angemessen könnten, ist befangen oder beteiligt. So ist ein herausragender Nebeneffekt der Publikation, dass sie aufzeigt, wie klein die Community eigentlich ist. Und zugleich stehen natürlich auch Abhängigkeiten im Raum, denn in so einem übersichtlichen Gefüge von Akteuren möchte sich auch kein Nachwuchswissenschaftler mit einer eventuell sehr kritischen Besprechung ins Abseits schreiben.

Jan-Pieter Barbian, Kulturhistoriker und Direktor der Stadtbibliothek Duisburg, hat dieses Problem nicht. Weder im Fach der Bibliotheks- und Informationswissenschaft verankert noch mit der Notwendigkeit, eine Anschlussbeschäftigung zu finden, kann er den Band in der aktuellen Ausgabe der BuB (06/2014) ganz frei und offen rezensieren. Und wenigstens am Berliner Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft sorgt diese Rezension für das eine oder andere Flurgespräch, so dass es auch deshalb durchaus sinnvoll scheint, einen genaueren Blick darauf zu werden.

Seine Einschätzung nach einer, wie er betont, vollständigen Lektüre („was bei diesem Medium eigentlich weder intendiert noch zwingend erforderlich ist“) lautet in etwa: Wer darin sucht, findet schon etwas. Aber: „Wer viel Zeit für die Lektüre dieser seitenstarken Einführung in die große Welt der akademischen Theorien und Methodologien investiert hat, muss am Ende nach deren Wert für die wesentlich bescheidenere Praxis fragen.“ (S.488)

Die Einschätzung überrascht dahingehend ein wenig, steht doch im Handbuch gleich zum Beginn der Einleitung:

„Beim Stichwort Methoden denken Praktiker und Fachvertreter überwiegend an Methoden, die in der Praxis Probleme lösen oder bei der Aufgabenwahrnehmung zur Anwendung kommen […] Um solche Methoden geht es in diesem Handbuch nicht.“

Die Herausgeber betonen, im Gegensatz zur Lesart des Rezensenten in der BuB, gerade nicht die Anwendbarkeit der geschilderten Methoden in der Praxis. Dafür eine gesonderte Aufarbeitung anzubieten und den Wissenstransfer aus der Bibliothekswissenschaft in die Bibliothekspraxis zu fördern, wäre zweifellos eine noble Arbeit. Aber es ist keinesfalls die Aufgabe des Handbuchs, in dem die Herausgeber viel mehr herausstellen, dass die „Forschungsergebnisse mindestens teilweise letztlich auch wieder im Anwendungsfeld des Faches […] ausgewertet werden können.“ Hier wünschte man sich selbstverständlich eine klarere Formulierung wie: „Forschungsergebnisse des Faches wirken idealerweise auf die Ausgestaltung der Bibliotheks- und Informationspraxis zurück“ o.ä. Aber der Wunsch bleibt Wunsch und die Herausgeber werden schon wissen, warum sie drei an sich überflüssige Adverbien aneinanderreihen. Dennoch bleibt das Anliegen leicht fassbar.

Dagegen muss man vermuten, dass Jan-Pieter Barbian den besprochenen Titel aus irgendeinem Grund schlicht von der falschen Seite las. Denn das Handbuch ist erklärtermaßen der Versuch, einen Überblick über die Verfahren und Methodologiediskussionen zu geben, die für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Betonung auf „Wissenschaft“) relevant sind. Hier wie Barbian die Despektierlichkeit beizulegen: „[…] letztlich bleibt dies alles [die Methoden] etwas für akademische Fetischisten“, zeugt zunächst von einer völlig verkehrten Erwartung. Das ist ein wenig, als würde ein Bergsteiger sich beklagen, dass ihm ein glaziologisches Standardwerke am Steilhang so wenig hilft.

Darüber hinaus eröffnet die in der Formulierung „akademische Fetischisten“ eingeschnürte Herablassung zusätzlich die Interpretationsoption, dass dem Rezensenten daran liegt, der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Wissenschaftsdisziplin eins mitzugeben, was sich dadurch verstärkt, dass er direkt im Anschluss lobend auf die in diesem Zusammenhang eher mit nachgeordneter Relevanz auftretende Buchwissenschaft verweist.

Man mag bedauern, dass buchwissenschaftliche Aspekte aus der Forschungsagenda der gegenwärtigen Bibliothekswissenschaft, jedenfalls hier in Berlin, fast völlig verschwunden sind. Aber dann kann man es auch so formulieren. Oder eben anerkennen, dass im 21. Jahrhundert Buch- und Bibliothekswissenschaft oft getrennte Wege gehen, wie auch in vielen Bereichen Buch und Bibliothek. Man mag auch diese Entwicklung als Verlust empfinden. Außerdem bleibt es eine Debatte, die zu weit über den besprochenen Band hinausführt, als dass sie nebensätzlich auftauchen muss.

Dass Barbian den leider weitgehend deskriptiven und nicht wirklich methodologisch ausgeführten Beitrag von Elmar Mittler zur Historischen Buchforschung (darin als Tiefpunkt eine Abarbeitung der Gender Studies in ihrem Bezug zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft in vier Zeilen, drei Wörtern, vgl. S. 498) als besonders aufschlussreich heraushebt, ist tatsächlich besonders aufschlussreich – und zwar hinsichtlich des Blickwinkels, aus dem hier bewertet wird.

Die eigentlichen Probleme des Handbuchs blendet Barbian dagegen aus. Denn man darf durchaus sogar unabhängig vom eigentlichen Inhalt fragen, ob ein Handbuch, dem zudem zugeben wirklich etwas mehr innere Ordnung und Kontur nicht schlecht stehen würde, in dieser Form und zu diesem Preis für die Hauptzielgruppe, nämlich Studierende und Doktoranden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, überhaupt noch zeitgemäß ist. E-Book und Druckausgabe kosten jeweils 99,95 Euro und im Paket 149,95 Euro. Welcher Dozent möchte seinen Studierenden ernsthaft zuraten, sich dieses Buch für den Schreibtisch zu kaufen, zumal zu den meisten der beschriebenen Methoden recht gute Einführungen zu weitaus günstigeren Preisen oder sogar frei im Web verfügbar sind?

Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft

Die Wikipedia informiert: “A reference work is a book or serial to which one can refer for confirmed facts.” Damit hätte man bereits einen Ansatzhebel für die Einschätzung a) ob deGruyter den Titel in die richtige Reihe geschoben hat und b) ob das Handbuch bei dieser Zuordnung hält, was die Gattung verspricht.  Weitere Aspekte  dafür wären: “The information is intended to be found quickly when needed.”, “Reference works are usually referred to for particular pieces, rather than read from beginning to the end.” und “The writing style used in these works is informative; the authors avoid use of the first person and emphasize facts.” Wäre die Welt wikipedianisch, wäre eine Kritik auch anders und vielleicht einfacher möglich gewesen – dies sogar aus der bibliothekspraktischen Sicht, nämlich in Beantwortung der Frage ob sich die Anschaffung des Titels aus dieser Hinsicht lohnt. Die Nachfrage, auch das zählt ja, ist übrigens offenbar gegeben. Von den 10 Exemplaren im Berliner Grimm-Zentrum sind derzeit 8 entliehen und ein neuntes ist Teil des Präsenzbestandes.

Wer ein konkretes wissenschaftliches Projekt durchführen möchte, findet in der überwiegenden Zahl der Beiträge naturgemäß mehr einen Impuls als eine erschöpfende Abhandlung, wird also ohnehin nach weiterführenden Darstellungen suchen. Das eigentliche Desiderat, eine integrative und auch kritische Auseinandersetzung mit der Grundfrage, was eine typische bibliotheks- und informationswissenschaftliche Methodologie kennzeichnet, wird von dem vorliegenden Band dagegen nicht adressiert.

Man kann also Oliver Schoenbeck nicht wirklich widersprechen, wenn er in seiner Besprechung des Bandes für die Informationsmittel (IFB) notiert:

„Gerade angesichts der inhaltlich so verschiedenen Methoden hätte dem Band wohl auch eine stärkere Strukturierung gut getan.“

Aber auch bei ihm klingt ein Anspruch an, dass der Band unbedingt auch für die konkrete Praxis genutzt werden sollte:

„Hier hätte man sich ein weniger akademisches Methodenverständnis gewünscht.“

Dahinter steht möglicherweise in beiden Fällen das klassische Problem, dass die Bibliotheks- und Informationswissenschaft nach wie vor in der Bibliothekspraxis nicht als freie und unabhängige Wissenschaftsdisziplin anerkannt wird, sondern nur als eine Art Zulieferinstanz oder „Formen des Luxus“ (Barbian) Akzeptanz findet. Das darf die Praxis natürlich. Aber aus wissenschaftstheoretischer Sicht ist diese immer wieder aufglimmende Legitimationsforderung nicht haltbar. Eine Wissenschaftsgemeinschaft muss sich schon nach Art. 5 Abs. 3 GG nicht vor dem von ihr betrachteten Praxisfeld rechtfertigen. Kein Schriftsteller würde von der Literaturwissenschaft verlangen, dass ihre Erkenntnisse für seine Arbeit nützlich sind.

Zweifellos ist die ideale Welt eine, in der sich Bibliothekspraxis und Bibliothekswissenschaft permanent gegenseitig befruchten, denn die besondere Konstellation von Gegenstand und wissenschaftlichem Analyseapparat ermöglicht dies im Fall von Bibliothek und Bibliothekswissenschaft in spezifischer Weise. Genauso aber ist es der (universitären) Bibliothekswissenschaft als Wissenschaftsdisziplin gestattet, sich auch völlig unabhängig von den Mühen der Ebenen der Bibliothekspraxis bewegen. Sie ist kein Dienstleister für ein Bündel von Institutionen und eigentlich auch keine Ausbildungseinrichtung für Bibliothekare.

Die besondere Situation in Deutschland, in der auch das Berliner Institut seit langer Zeit feststeckt, macht dies in der Praxis weniger trennbar. De facto finden viele der Absolventen den Weg in die Bibliothekspraxis, was erfahrungsgemäß für alle Beteiligten nur gut ist. Es wäre gerade deshalb wünschenswert, wenn die Diskussion auf gegenseitigem Respekt und der Anerkennung der Eigenständigkeit der akademischen Disziplin Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die sich Binnendiskurse zu ihrer Methodologie genauso leisten darf wie suboptimale Methodenhandbücher, beruhte und nicht auf dem Anlegen falscher Maßstäbe.

Dass das Handbuch ein schwieriger Fall ist, dass es mittlerweile gegenwärtige Formen gäbe, zum Beispiel eine dynamische Variante, in der man stillschweigend den Ratschlag aus dem Kapitel zur Usability-Forschung „Beschriften der Videokassette, ggf. neue einlegen“ (S.255) in „Eindeutige Benennung der Datei und Speicher-Backup“ verändern könnte, wissen Herausgeber und Autoren vermutlich selbst sehr gut.

Der Hauptkritikpunkt, neben dem Publikationsmodell an sich, bleibt sicher der, den Oliver Schoenbeck herausstellt:

„[…] Eine deutlichere Herleitung der einzelnen Beiträge aus dem inhaltlichen Anspruch und den Fragestellungen der Disziplin ist nicht immer gegeben. Man scheint den einzelnen Autoren überlassen zu haben, diese Herleitung – eine Chance, die mal wahrgenommen und mal vertan wurde.“

also der fehlende Überbau, der die Methodenbeschreibungen überhaupt zu einer Methodologie systematisiert. Um das Beste aus der Sache zu machen, wäre denkbar, dass die Herausgeber und die Autoren die Beiträge vielleicht realisiert in einem Projektseminar am IBI in ein Wiki einpflegen und so als aktualisierbare, dialogisch gerichtete und dynamische Basis für jede Methodenfrage einer aktiven und reifen Bibliotheks- und Informationswissenschaftscommunity etablieren. Als 100-Euro-Handbuch ganz alter Schule scheint die Arbeit bei aller Mühe tatsächlich vor allem aus der Zeit gefallen.

(Berlin, 19.06.2014)

 

. Jan-Pieter Barbian (2014) Begrenzter Mehrwert. Ein Handbuch für Theoretiker, die Erkenntnisse über die Praxis gewinnen wollen. In: BuB, 66 (2014), 06, S. 487f.

. Oliver Schoenbeck (2014) Schoenbeck, Oliver Rezension zu: Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Bibliotheks-, Benutzerforschung, Informationsanalyse / hrsg. von Konrad Umlauf … Red.: Petra Hauke. – Berlin [u.a.] : De Gruyter Saur, 2013. – 560 S. : graph. Darst. ; 25 cm. – (Reference). – ISBN 978-3-11-025553-9. Informationsmittel IFB. ISSN 1619-3954. Verfügbar über: http://oops.uni-oldenburg.de/1755/

. Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach, Michael Seadle (Hrsg.) (2014) : Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Bibliotheks-, Benutzerforschung, Informationsanalyse. Berlin [u.a.] : De Gruyter Saur. Informationsseite zum Titel beim Verlag

Konzepte des Gegenwartsdiskurses. Heute: Digital Managerialism.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by libreas on 18. April 2014

von Ben Kaden / @bkaden

In seiner Besprechung von Simon Heads Buch Mindless: Why Smarter Machines Are Makung Dumber Humans. (New York: Basic Books, 2014) in der vorletzten Ausgabe der New York Review of Books referiert Robert Skidelsky, emeritierter Professor für Politische Ökonomie in Warwick, das Grundkonzept des “Digital Managerialism”, wie es Simon Head ausführt. (Robert Skidelsky: The Programmed Prospect Before Us. In: New York Review of Books.Vol. LXI, No. 6, S. 35-37)

Für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist dies insofern ein Ansatz, den man die Reflexion einbinden sollte, als dass die Digitalisierung von Bibliotheken und bibliothekarischen Prozessen genau in dieser Gemengelage operiert. Geht es zudem in komplexen digitalen Forschungsinfrastrukturen darum, der Komplexität entsprechende Strukturen eines Monitorings umzusetzen, wie ich es gerade in einer Arbeitspaket des TextGrid-Projektes tue, dann findet man sich erstaunlich schnell in der Nähe des „digitalen Managerialismus“, also einer Art Organisationsideologie mit dem Leitgedanken einer reibungsfreien Prozessorganisation auf der Basis digitaler Technologien. Spätestens dann sind Obacht geboten und die kritische Dekonstruktion auch der eigenen Handlungsprämissen angesagt.

Simon Head, der sich in seinem Buch insgesamt leider wenig mit der Ökonomisierung der Wissenschaft befasst, schreibt:

„When describing their day-to-day scholarly lives, my academic contacts used a stange and, in academic context, unfamiliar language. They spoke of “departmental line managers” who monitored their work. They speculated whether an academic conference they were going to attend would count as an “indicator of esteem”.“ (S. 73)

Jeder im akademischen Betrieb Tätige dürfte Beispiele von oft sehr hochbegabten Menschen kennen, deren Motivation, Wissenschaft besonders im Universitären zu betreiben, in dem Umfang abnimmt, in dem sie erkennen, dass das Hineindringen vermeintlich professioneller Management- und Messverfahren in die Wissenschaft die Möglichkeit inhaltlich freier wissenschaftlicher Arbeit außerordentlich einhegt und den Großteil der Aktivität von der Sache auf den Effekt umlenkt. Eine alternative Karriere, möglicherweise sogar bei einem dieser garstigen Wissenschaftsverlage, ändert zwar wenig am Leistungsdruck, verdreifacht aber schnell mal das Gehalt. Damit kann sich das Herz gelassener anderen Dingen zuwenden und den Zwang, sich als Wissenschaftler zugleich in Form einer intellektuellen Ich-AG permanent selbst vermarkten zu müssen, wäre man dann auch los. Die Zahl derer, die Wissenschaft als Beruf angehen liegt gefühlt mittlerweile deutlich unter der derjenigen, die Wissenschaft als Job ausüben. (zum Unterschied Beruf-Job siehe u.a. auch hier) Was auch daran liegt, dass es Menschen mit einem Hang zur Wissenschaft als Beruf meist nur eine der für den Job des Wissenschaftlers erforderlichen Kompetenzen besonders herausstechend mitbringen und daher in Einstellungs- und Berufungsverhandlungen nicht nur hervorragend abschneiden.

Robert Skidelsky nähert sich dem Thema und der Arbeit Simon Heads etwas allgemeiner. Er stellt unter anderem den Gedanken heraus, dass die Basis der Verwaltungs- und Kontrolltheorie des “Digital Manageralism” die Verwandlung des realen, menschlichen Individuums (hier: der Arbeiter) über seine digitaltechnologisch adressierbare und analysierbare elektronische Repräsentation ist.

Man muss gar nicht zu den digitalen Fließbändern von Amazon und Walmart und der Leistungsmessung in der Wissenschaft gehen. Es ist vielmehr offensichtlich, wie sehr alle digitalen sozialen Netzwerke, die dominanten Interaktionsmedien unserer gesellschaftlichen Gegenwart, diesem Ansatz wenigstens sehr ähnlich arbeiten (können), dass also prinzipiell die gesamte Abbildung von Kultur im Digitalen, wie wir sie derzeit kennen, strukturell mit ihren Verknüpfungs-, Interaktions- und Popularisierungsszenarien diese Form der externen Steuerbarkeit vorbereiten. Wir verlagern unsere Kommunikationen, wenn wir sie ins Digitale verlagern, fast unvermeidlich in Strukturen, die im Sinne von so genannten Computer Business Systemen (CBS) geschrieben (gescripted, gecodet) wurden. Wir ordnen folglich unser Leben auch außerhalb jeder Arbeit Elementen des Digitalen Manageralismus unter und in der Tat sind die gamifizierend anmutenden Erinnerungen und Leistungsschauen von Klout-Indices und Tumblr-Aktivitätsbotschaften deutliche Symptome, wie wir den Leistungs- und Profilierungsgedanken der Digitalökonomie zum festen Bestandteil unseres kommunikativen Privatlebens machen. Wir kommunizieren und konsumieren und kreieren genauso wie wir arbeiten. Ein Vorteil ist, dass wir damit den Aufwand des kognitiven Wechsels zwischen den jeweiligen Bezugssphären einsparen. Ein Nachteil ist, dass wir kaum Distanz zu diesen Prozessen finden können, weil alles was wir tun, bereits in diesen Strukturen stattfindet.

Die Folgen werden bekanntlich aus diversen Blickwinkeln, bisweilen sehr öffentlichkeitswirksam, diskutiert.

Skidelsky schreibt:

„The tendency of CBS, Head argues, is to discourage intuition and judgement in a large population, except for a tiny class of highly paid engineers and managers, who are needed to activate and control the automated systems.“ (Skidelsky, S. 35)

Und was in ihnen möglich ist und geschieht, möchte man ergänzen und staunt wie Dequalifizierungsargumente (#DigitaleDemenz) mit Überwachungsansprüchen (#NSA, #GCHG, #SnowdenFiles) und Tendenzen zur Monopolisierung der Informationsmärkte (#MathiasDöpfnerGoogle) auch an dieser Stelle wie von selbst ein verbindendes Schleifchen finden.

Betrachtet man die drei interdependenten Basisbausteine des CBS:

  1. Computer-Netzwerke (Verknüpfung aller Arbeitsplätze / workstations, Adressierbarkeit der Ziele des Monitorings=Arbeits- bzw. Kommunikationsprozesse, ausführende und zu lenkende Individuen)
  2. Data-Warehouses (Aufzeichnung der Arbeits- und Kommunikationsprozesse mit Ergebnissen, möglichen und tatsächlichen Relationen, etc.)
  3. Expertensysteme (die für das Monitoring und die Steuerung notwendige kognitive Ausgaben übernehmen, also das Geflecht des Geschehens gezielt zu analysieren helfen)

so erweisen sich jede Digitale Bibliothek, jede Big-Data-orientierte Wissenschaft und jede virtuelle Forschungsumgebung und damit auch ein Großteil der Gegenstände der gegenwärtigen Bibliotheks- und Informationswissenschaft als in dieses Raster einpassbar.

Andererseits ist der übergeordnete Kontrollanspruch auch nicht ganz so neu:

„The aim of all control systems is to control human behavior including the way we think. Priests and political leaders have long used religion and ideology for this purpose, since it economizes on the use of force and terror.” (ebd.)

So weit so schlecht. Erstaunlich ist allein, dass Robert Skidelsky die Vergangenheitsform wählt. Denn wie grundlegend dieses Muster in der menschlichen Kultur nahezu jeder Färbung verankert ist, offenbart auch eine nur oberflächliche Auseinandersetzung mit medialen Repräsentationen bzw. einfach die bewusste Anschauung der Abendnachrichten. Und bei der Gelegenheit erkennt man in der Regel auch als- und allensbacher-bald:

„[…] it is only in the last hundred years or so that the attempt to control behavior by controlling the mind has achieved scientific status, largely through the explosion of calculating power that computers have made possible.” (ebd.)

Die Gegenwart kombiniert, so Head, zwei Kernanliegen menschlichen Machtstrebens: die totale Überwachung (Benthams Panoptikum) und eine Arbeitsorganisation nach Taylor. Beides nimmt den betroffenen Individuen Einfluss: Sie haben keine Möglichkeit zum Verbergen und sind zugleich nicht in der Lage zum einem Handeln über ihren winzigen Aufgabenbereich hinaus.

Skidelsky erkennt durchaus den dystopischen Gehalt dieser Entwicklung und versucht sich am üblichen Trost:

„human beings are notoriously recalcitrant to attempts to hammer them into the required shape.“ (ebd.)

Die digitale Zähmung des Widerspenstigen wird schon nicht gelingen, so seine Hoffnung. Die Weltgeschichte mag ihm in der Langzeitbetrachtung Recht geben. Auf der kurzfristigen Ebene, und auf der tut es gemeinhin tatsächlich weh und dort sind auch die Reibungsverluste am spürbarsten, hat selbige aber auch genug Gegenbeispiele im Arsenal. Der Hammer heißt dann Ideologie und ist meist als solcher im ersten Moment gar nicht spürbar. Verführbarkeit ist, wer mag da widersprechen?, eine anthropologische Grundeigenschaft.

Im Arbeitsalltag der betrachteten Beispielen (Walmart, Amazon, Foxconn), die erstaunlicherweise allesamt Leitsterne einer westlichen Konsumkultur sind, werden die Arbeiter, wie man hört, nur bedingt verführt, denn zumeist haben sie kaum Alternativen. Oder andersherum betrachtet: der Schmerzpunkt der Zumutung wird von einem professionellen Management natürlich genauso fein austariert, wie das Plansoll:

„if workers can finish their quota the target will be increased day by day until the capacity of the workers is maximised.“ (ebd.)

Gäbe es in diesem Zweig der Ökonomie so etwas wie ein historisches Bewusstsein, läge eine Auseinandersetzung mit den durchaus reichlich vorliegenden Erfahrungen mit anderen Ausführungen der Planwirtschaft nah. Die konsequente Optimierung ist dabei ein stabiler Topos, der mit den Reizwörtern schneller, besser, bequemer in beinah allen Zusammenhang verfängt. Und besonders offenbar in Entscheidungszusammenhängen. Der Artikel Skidelskys zeigt selbst da, wo er relativieren will, wie hilflos wir eigentlich sind. Der Ökonom erwähnt das Beispiel der Lächeloptimierung bei Cathay Pacific:

„For example, it can be calculated how much smiling flight attendants need to do to make passengers feel they are being sufficiently pampered.“ (ebd.)

Vermutlich kam Entfremdung durch Lohnarbeit nie herziger daher, wobei die „customer relations“-Industrie interessanterweise dafür zuständig ist, auf der Seite des Dienstnehmers (also Konsumenten) das menschliche Element in gleichem Maße heraus zu optimieren.

Diese Ökonomie braucht eine Symmetrie der Massen und wie oben bereits angedeutet, sind die Unterschied zwischen Konsum und Produktion – übrigens auch dank der geschickten Web-2.0-Ökonomie – kaum mehr erkennbar. Wo Flickr-Nutzer begeistert ihre Arbeiten kostenfrei Stockfotobörsen zur Verfügung stellen und damit entlohnt werden, dass sie als gut genug erscheinen, um von diesen verwertet zu werden, sind Berufszweige wie der des Fotografen natürlich nicht mehr notwendig. Das Hauptproblem bei so genannten nutzergenerierten Inhalten liegt auf der Ebene der Qualität. Erschwingliche digitale Spiegelreflexausrüstungen einerseits und die Anpassung ästhetischer Normen andererseits haben dies im Bereich des Fotografierens weitgehend kompensiert. Beim Schreiben / Bloggen hängt man noch ein wenig hinterher, wobei Angebote wie die Huffington Post intensiv daran arbeiten, mehr und mehr Laienjournalismus auf ein verkaufbares Niveau zu heben. Dass die ehemaligen qualitätsjournalistischen Bastionen dem durch redaktionelle Kürzungen und Kosteneinsparungen entgegenkommen kann man ebenfalls (noch) problemlos am Kiosk nachprüfen. Und wer nun so gar nichts zu schöpfen vermag, das wissen wir mittlerweile auch, zahlt eben mit seinen Konsum- und Netzwerkdaten.

Skidelsky bringt als Beleg für die Widerstandsfähigkeit des Menschen gegen eine digitalökonomische Vereinnahmung ein fasziniert schlichtes Beispiel. Er berichtet, dass die Flugbegleiterinnen bei Cathay Pacific auf steigenden Leistungsdruck mit einem angedrohten Lächelstreik reagierten und ergänzt als weiteren Lichtblick:

„Attempts to create a happy demeanor by encouraging workers to think of pleasant past experiences led to daydreaming that hindered efficiency.“ (ebd.)

Es gibt also „Incentives“ die versagen und ein Klassenkampf mit Lippenstift passt auch in eine Gegenwart, in der eine politische Botschaft, die in barbusiger Form und vor allem für YouTube vorgetragen wird, größere Chancen hat, Aufmerksamkeit zu finden, als eine systematische, ausdauernde und nicht minder risikoreiche Arbeit im Hintergrund.

Am Ende fertigt Skidelsky Simon Head relativ barsch ab, allerdings nicht ohne seiner Kritik zuvor in dem Feld, dass ihn selbst betrifft, zuzustimmen: dem der Anwendung von Computerized Business Systemen (CBS) auf die akademischen Strukturen. Das wird völlig zurecht kritisiert.

Insgesamt bleibt wenig Helles für die Zukunft der Arbeitswelt, denn

„Algorithmic programming is bound to be much less successful in situations involving person-to-person transactions, but the number of these required for the efficient conduct of contemporary business – the production and consumption of goods and services by and for the masses that constitute the modern economy – may be shrinking.” (ebd.)

Die alten Ängste wiederholen sich: Was automatisiert werden kann, wird automatisiert und der Mensch wird überflüssig bzw. freigesetzt. Durch die digitaltechnischen Optionen sind davon nun auch alle intellektuellen Brotarbeiten inklusive des Bibliothekswesens betroffen. Es bleiben einzig ein paar Schlüsselpositionen zu besetzen, die, auf welcher Basis auch immer, Entscheidungen fällen, Impulse setzen und irgendetwas Kreatives in das System hineinwürfeln, wobei letzteres gemeinhin weitgehend von hingebungsvollen Nutzern übernommen werden kann, die sich eine Entlohnung in sozialem Kapital erhoffen und damit dann auch zufrieden sind. Wie allerdings in diesem Kontext das bisher nur am äußersten Rand des Diskurses grundsätzlich hinterfragte Lohnarbeitssystem aufrechterhalten werden kann, auf dem letztlich die Konsumökonomie auch im Tauschsystem Geld gegen Zugang (und vielleicht auch Zuwendung / Dienstleistung) aufsetzt, erklärt der Ökonom Skidelsky nicht einmal im Ansatz, wenn er für die kommenden Zeiten, sich an John Maynard Keynes erinnernd, folgende Formel vorhersagt:

„Less (human) work, less consumption, more leisure […]“ (ebd.)

Das werden spannende Zeiten für die Politik und die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens könnte sehr bald weit weniger spinnert wirken als es derzeit noch im Mainstreamdiskurs vermittelt wird.

Da die Menschheit Ähnliches in der Vergangenheit, vielleicht nicht ganz so durchdringend, bei jedem Automatisierungsschritt er- und zu großen Teilen auch überlebt hat, ist die Situation weder ganz neu noch ganz hoffnungslos. Für Bibliotheken, immerhin so etwas wie Zentralen kreativen und intellektuellen Handelns, sind zusätzliche und zu füllende Entfaltungsfreiräume für einen Großteil der Menschen keine schlechte Nachricht, sofern sie sich an dieser Stelle offensiv einbringen können. Das Aufkommen der Idee von Makerspaces, also dezidierten Aktivräumen in Bibliotheken, schließt genau an dieser Stelle an.

Als übergeordnete Lösungsidee für das Dilemma, dass uns ausgerechnet die Technologien, die uns ganz vielfältige neue Handlungsräume besonders kommunikativer ermöglichen, gleichzeitig vor eine viel elementare Sinnfrage stellen und zugleich in doch neuartiger Weise überwach- und steuerbar machen, bisweilen sogar schlichtweg überflüssig, taugt das freilich noch nicht. Eine überzeugende Lösung dafür, was eine Gesellschaft bzw. Volkswirtschaft mit der freiwerdenden, überqualifizierten und nicht gegenfinanzierbaren Arbeitskraft anfängt, scheint generell nirgends erkennbar. Die Stromlinienformgebung letztlich auch des Konsums auf, wenn man so will, Symbolverbrauch, also gestreamte Unterhaltung und digitalvermittelte Zwischenmenschlichkeit hat sicher noch das Potential, die derzeitigen ökonomischen Leitmuster noch ein paar Dekaden irgendwie zu tragen.

Aber bereits jetzt wirkt für viele Vertreter beispielsweise meiner Berufsgruppe (=akademische Projektbeschäftigte) der jährliche Rentenbescheid mit der stabilen Ankündigung desolater Lebensbedingungen irgendwann ab Mitte der 2040er Jahen als anachronistischer Gruß aus einer anderen Zeit und man mag sich gar nicht vorstellen, wie freie Journalisten und all diejenigen aus der de facto einkommenslosen Digital Bohème, die immer noch ganz gut und komplizenhaft in den Kreativhubs dieser Welt ersparnislos durch ihre Träume und Lebensjahre hasten, diese Jahrzehnte erleben werden.

Ein fantastischer Effekt der digitaltechnologisierten Lebenswelt ist freilich, wie sich die absehbare ökonomische Dysfunktionalität dieses Ansatzes für eine Vielzahl von Menschen im Augenblick so gut anfühlt, dass so gut wie jeder bereitwillig mitspielt. Wobei es auch kaum Alternativen gibt. Die ironisierte, Ich- und radikal gegenwartsbezogene Variante ist oft die einzige Option, sich unter dem allumfassenden Primat des Digitalen Managerialismus so einzurichten, dass es so wirkt, als spielte man nicht ganz bereitwillig mit.

„It can be hard to find young people willing to work more than three days a week. And yet it can also be hard for someone who is working three days a week, and who is earning the low wages that are typical of Berlin, to salt away enough money to leave—to afford, say, the first month’s rent in London or New York. So it favors those who have some money to spare or who don’t care.“

beschrieb Nick Paumgarten im März in der Style-Issue des New Yorker in einer aus Berliner Sicht fast knuffigen Reportage die Einkommensgegenwart der (vermeintlichen) Lebensstilavantgarde in der deutschen Hauptstadt. (Nick Paumgarten: Berlin Nights. The thrall of techno. In: New Yorker, Mr. 24, 2014, S. 64-73)

Man lebt in seinem Selbstverwirklichungskäfig vom Ersparten einer anderen Zeit oder eben vom Zufälligen und hofft, dass sich eines Tages alles richtig fügt. Man muss nur Geduld haben und ein paar Mal zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort den richtigen Kontakt herstellen. (Attraktive Stellen im Bibliothekswesen rotieren, wie jeder weiß, auch ganz gern genau nach diesem Muster.)

Der Reiz der Neuigkeit, beispielsweise gegenwärtig auch in den so genannten Digital Humanities spürbar, liegt also möglicherweise vor allem in einem Versprechen auf eine Zukunft, die sich so fantastisch entwickelt, dass die Probleme, die aus der Gegenwart als unlösbar in ihre zu stehen scheinen, einfach verschwinden werden. Die Versprechen der Digitaltechnologie und einer digitalen Gesellschaft sind noch immer weitgehend utopisch grundiert. Auf der ideologischen Ebene erinnert es an vieles, was man aus dem Sozialismus als Wegbereiter zum Kommunismus kannte. Dass das gesellschaftliche Gegenmodell, die von einer kapitalistischen Marktwirtschaft grundierte Demokratie sich nun aus dieser Richtung dekonstruiert, ist weltgeschichtlich natürlich äußerst spannend zu beobachten. Wie zaghaft man allerdings darangeht, dem Optimierungsmonitoring harmonischere Ergänzungsmodelle entgegen zu entwickeln, lässt sich vielleicht auch als Symptom werten, dass der Mensch sich mit der Proliferation seiner Handlungsmöglichkeiten und damit verbundenen neuen Deutungsverpflichtungen, die es mit nicht gerade ähnlich exponentiell wachsenden intellektuellen Kompetenzen zu verarbeiten gilt, gerade selbst sehr überfordert.

Dass an dieser Stelle eine progressive Bibliotheks- und Informationswissenschaft, traditionell gewohnt auf heterogene Deutungsmuster eine neutrale und die Komplexität absenkende Zugangsschablone aufzusetzen, ein wenig mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen könnte (bzw: sollte, müsste), ist so offensichtlich, dass man es eigentlich gar nicht mehr hinschreiben mag. Dafür, dass sich entsprechende Ausprägungen in der Disziplin leider nur ausnahmsweise feststellen lassen, gilt bedauerlicherweise das Gleiche.

(Berlin, 17.04.2014)

Nach Feyerabend. Wieder ein Methodenzwang? Eine Skizze zum Diskurs um Digitale Bibliothek, Digitalkultur und Digital Humanities.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 8. April 2014

von Ben Kaden (@bkaden)

I. Digital Humanities als Begleitforschung zur Gegenwart

Noch relativ neu, aber bereits alt genug, um im gutsortierten Berliner Remittentenfachhandel zum halben Preis angeboten zu werden, ist der Sammelband Digital Humanities aus der Reihe Nach Feierabend, also dem Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte. Die Halbwertzeit derartiger Printpublikationen nähert sich offenbar der von Publikationen im Web. Bei der DNB ist der Titel dagegen offenbar noch nicht einmal im Haus (Stand: 07.04.2014). So schnell also rotiert die Buchhandels- und Diskursmaschinerie. Aber vielleicht ist doch alles anders und es handelt sich nur um Messeexemplare.

Es ist ein faszinierendes Symptom der digitalen Gegenwart, dass sich Wissensgeschichtsschreibung nicht zuletzt anhand der sozialen Begleitmedien für alle Ereignisse und Phänomene, die sich in der Reichweite entsprechend aktiver Akteure (beispielsweise einer vitalen Twitter-Community) befinden, in Echtzeit und teilweise sogar bewusst mit dieser Rolle vollzieht.

Das Buch zur Debatte ist dann eigentlich vor allem ein fixierter Zwischenmarker, der nach herkömmlichen Mustern die Dynamik eines ununterbrochenen Gesprächs bündelt und greifbar macht. So ein Sammelband hascht in gewisser Weise nach all den Diskursfäden und -topoi, die im Sozialen Netz der Tagungen und Symposien und im Social Web des digitalen Austauschs herumschwirren, fängt einige davon ein und setzt sie fest. Er schlägt damit die Brücke zwischen einer unsteten, weitgehend informellen Diskurssphäre und der Wissenschaftskultur, die eine klare Referenz zu einem in einer Bibliothek dokumentierten Text nach „externer Begutachtung, gründlicher Überarbeitung, redaktioneller Bearbeitung und nochmaliger Überarbeitung“ (Hagner, Hirschi, 2013, S. 10) als Beweis dafür braucht, dass es sich um legitim adressierbare Positionen handelt.

Daran zeigt sich eine ganz besondere Kluft in der Wissenschaftskultur der Gegenwart. Denn die beiden Sphären der Kommunikation über geisteswissenschaftliche Themen und Gegenstände – informell und digital, formalisiert und als ISSN- oder ISBNisierte Publikation – verwässern die Stabilität der möglichen Forschungsmaterialien. Die disziplinären Gemeinschaften müssen eigentlich genauso neu aushandeln, was für sie eine legitime Material- und Referenzbasis darstellt, wie die Bibliotheken entscheiden müssen, welches digitale Objekt eine Publikation darstellt, die in ihr Sammelraster passt.

Wenn man wollte, könnte man Digital Humanities auch als geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung mit rein digitalen Forschungsgegenständen betrachten. Das wäre eine ganz einfache Abgrenzung. Wahrscheinlich zugleich aber eine viel zu enge. Dennoch müssen sich die Geisteswissenschaften, die ihre Gegenstände auf der Höhe der Zeit suchen, überlegen, wie sie die digitalen Kulturspuren greifbar bekommen, die sich von denen, mit denen sich Geisteswissenschaften traditionell beschäftigen, erheblich unterscheiden und zwar nicht nur hinsichtlich ihrer Intention und Vergänglichkeit. Sondern auch in ihrer Kodifizierung, die andere, automatische Verarbeitungsmethoden ermöglicht. Und auch eine andere Geschwindigkeit.

Digital Humanities, so kann man in diesem Schema argumentieren, wären eine geisteswissenschaftliche Begleitforschung zum kulturellen Geschehen. Ob sich perspektivisch in der Zeitdimension zwei Linien, idealerweise komplementärer Natur, herausarbeiten, nämlich eine zeitlich sehr ereignisnahe (Mikro-)Geisteswissenschaft und eine in längeren Zeitrahmen betrachtetende, verortende und reflektierende (Makro-)Geisteswissenschaft, ist schwer abzusehen, wäre aber wünschenswert. Eine auf den Aspekt der Temporalität gerichtete Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Digital Humanities scheint jedoch generell noch nicht allzu intensiv geführt zu werden.

II. Amateure und Professionals

Ein wenig deutet der Beitrag von Philipp Wampfler (»online first«. Geisteswissenschaften als Social Media, S. 79-102) in diese Richtung, der anhand der Transformation des Journalismus durch Social Media mutmaßt:

„Können Geisteswissenschaften nicht wie der Printjournalismus einen von außen vorgegebenen Wandel durchleben, dann sind sie vielleicht nicht als Social Media denkbar, sondern werden als diskursives System durch Social Media abgelöst.“  (S. 99)

Es ist nicht nur ein Wandel bei den für den Diskurs zur Verfügung stehenden Kommunikationsmitteln zu beobachten, sondern auch ein Aufbrechen des Zugangs zum Diskurs, was es für etablierte Akteure durchaus schwieriger werden lässt, ihre Position zu festigen. Denn die Aufmerksamkeitsökonomie des WWWs läuft ja auch kurzschleifiger und setzt mehr auf Popularität (altmetrisch erfassbar) und weniger auf Prestige und Renommee.

Inwieweit dies mit den „Egalitätsidealen“ vereinbar ist, von denen Michael Hagner und Caspar Hirschi schreiben und die neben Effizienzüberlegungen und den unvermeidbaren Anpassungsdruck an die digitale Gegenwart (und Zukunft) zu den drei Säulen des Transformationsdiskurses gehören, ist eine ungelöste Frage in den Netzdebatten. Immerhin bekommt man den Eindruck, als würden die Karten (öfter) neu gemischt, was dazu führt, dass die Positionen bisweilen weiter ins Extreme und in einer Kampf- und Untergangsrethorik abdriften, als der Sache gut tut.

Wo die einen endlich die Möglichkeit auf Teilhabe sehen, fürchten die anderen um ihre Legitimation. Dieser Prozess dürfte überall zu beobachten sein, wo sich die klaren Abgrenzungen zwischen Dilettant und Meister, zwischen Amateur und Profi auflösen, beispielsweise weil es eine bestimmte vorher notwendige Fertigkeiten tatsächlich egalisierende Technologie gibt.

Am vergangenen Sonntag gab es auf einer Veranstaltung  der Berliner Gazette mit dem Titel Komplizen. Woran wollen wir zusammen arbeiten? In dieser Post-Snowden-Welt… die Gelegenheit, im Rahmen der Diskussion um die Bibliothek der Zukunft, das Verhältnis von professionellen und nicht-professionellen “Bibliothekaren” zu erörtern.

Die Frage war dort, welche Rolle in digitalen Informationswirklichkeiten eigentlich Bibliothekare spielen können bzw. ob man sie überhaupt noch braucht? Jeder, so eine Position, kann Bibliothekar sein, wenn man ihm nur ein wenig Technologie und Grundwissen zur Verfügung stellt. Tatsächlich rekurriert auch jeder, der seine Literaturverwaltungssoftware, mehr oder weniger bewusst, auf die alte bibliothekarische Tätigkeit der Titelaufnahme.

In der Spezifizierung der Debatte ging es darum, herauszuarbeiten, was die Profession des Bibliothekars herausstellt. Wenig verblüffend sind es bestimmte Kompetenzen, die es ihm ermöglichen, nicht etwa etwas zu tun, was nicht auch ein engagierter Laie tun könnte, dies aber am Ende im Idealfall doch schneller, präziser und gründlicher. Man wird nicht Bibliothekar, weil man etwas tun möchte, was sonst niemand kann. Sondern, weil man es aufgrund eines gewissen Trainings besser kann. Spezialisierung hat den Vorteil, dass man eine komplexe Lebenswirklichkeit bewältigen kann, ohne alle in dieser auftretenden Aufgaben selbst lösen (können) zu müssen. Es überrascht schon ein wenig , warum ausgerechnet vom Bibliothekar derart vehement eine Legitimation eingefordert wird, während nie jemand die Rolle beispielsweise des professionellen Klempners oder Dachdeckers hinterfragt. Es zeigt aber auch, dass die Kernkompetenzen des Berufs entweder nicht deutlich genug in die breite Öffentlichkeit (und in die der Netzaktivisten) vermittelt werden oder tatsächlich als obsolet angesehen werden.

Komplizen Berlin / Workshop Bibliothek der Zukunft

Die Arbeit an der Bibliothek der / mit Zukunft. Auf dem Workshop KOMPLIZEN am 06.04.2014 im SUPERMARKT in der Berliner Brunnenstraße.

III. Was jeder kann und keiner braucht.

Ähnliches lässt sich vermutlich für den Geisteswissenschaftler festhalten. Michael Hagner und Caspar Hirschi fragen konkret nach dem Sinn der Behauptung, „dass die Geisteswissenschaften ihre angeblich verlorene gesellschaftliche Relevanz im Netz wiederfinden können“ und knüpfen damit an den schon etwas älteren Diskurs zur vermeintlich Obsoleszenz bzw. wenigstens Unterlegenheit der dieser interpretierenden und verstehensgerichteten Disziplinen gegenüber dem produktiven und normierten Potential der STEM-Fächer.

Es ist auch beim Geisteswissenschaftler nicht so, dass er über exklusive Kenntnisse und einzigartige Ideen verfügt, die nur von einem vergleichsweise kleinen Club von Eingeweihten (also der Fachcommunity) wertgeschätzt und erörtert werden können. Wenn man aber eine „angeblich verlorene gesellschaftliche Relevanz“ beklagt, dann heißt dies auch, dass eine allgemeine Einschätzung dessen, was diese Fächer forschen, zwischen „kann ja jeder“ und „braucht kein Mensch“ pendelt, meist mit Ausschlag zum zweiten, was gerade bei Nischenthemen schwerer zu entkräften ist, sofern das Gegenüber die Prämisse nicht akzeptiert, dass sofort offensichtliche Nützlichkeit keinesfalls die einzige Leitgröße menschlichen Handelns sein sollte. (Eine nützliche Gegenwartsanthropologie könnte vermutlich nachweisen, weshalb dieser Anspruch derzeit so populär und durchsetzungsstark ist.)

Für das „kann ja jeder“ bleibt der offensichtliche Unterschied zwischen demjenigen, der sich lange Zeit sehr intensiv und systematisch mit einem Gegenstandsbereich befasst hat und dem, der sich flugs ein paar Quellen durchsieht, um sich ein Urteil bilden zu können. Es heißt allerdings nicht, dass nicht auch das Tiefenwissen zuweilen in die Irre leitet. Es bedeutet zudem oft, dass Tiefenwissen zu einer Vorsicht gegenüber allzu schnellen Deutungen und Festlegungen führt. Diskussionen mit Aktivisten enden dann häufig in einem apodiktischen Lob der Tat und einem Vorwurf des feigen Zauderns und Zagens. Was manchmal zutrifft. Was öfters auch daneben schlägt.

Gleiches gilt, sehr bekanntermaßen, auch für die bibliothekarische Praxis, bei der eine allzu grundierte Position eventuell tatsächlich sinnvolle Anpassungen häufig ausbremst. (Dass im Bereich der öffentlichen Bibliotheken von den drei Säulen  –   Egalität, Anpassungsdruck, Effizienz  –  der Effizienzgedanke das eigentliche Triebmittel ist, wegen des G’schmäckles, aber gern hinter den anderen beiden Säulen versteckt wird, ist mittlerweile wahrscheinlich auch jedem bekannt.

Trotzdem ist die gestern geäußerte These des Aktivisten Marcell Mars (der sein sehr ehrenwertes Projekt Memory of the World explizit mit der Idee der Public Libraries grundiert), jeder könne heute in 15 Minuten Bibliothekar werden, aus professioneller Sicht auch bei großer Sympathie nicht konsensfähig. Aus der pragmatischen Sicht eines auf die subversive Tat fixierten Aktivisten wäre sie es vielleicht schon:

„It’s hard to get the “real” libraries/librarians loud and active. Part of the establishment of that dream, of public library, is that people working in the public libraries are public sector workers. They are not known to be particularly brave kind of people. In the time of crisis.“ (Garcia, Mars, 2014)

Der Aktivist blendet jedoch aus, wie er vor allem einfordert, dass die BibliothekarInnen laut und aktiv in einem Sinne sein sollten, den er der Public Library zuschreibt. Genaugenommen handelt es sich aber um diverse Konzepte von Public Library und während Marcell Mars ein digitales globales und offenes Wissensnetz imaginiert, das so beschrieben wird:

„The vision of the Memory of the World is that the world’s documentary heritage belongs to all, should be fully preserved and protected for all and, with due recognition of cultural mores and practicalities, should be permanently accessible to all without hindrance.“ (ebd,)

und dabei erstaunlich zugangsfixiert, also hinter den Ideen beispielsweise der Berlin Declaration on Open Access, bleibt, sehen sich die professionellen Bibliothekare häufiger im Auftrag einer konkreten Gemeinschaft oder Nutzergruppe und unter dem Druck, ihre Angebote entsprechend gestalten zu wollen und zwar im Rahmen dessen, was ihnen die Ressourcenlage zulässt.

Memory of the World ist fraglos ein hoch interessantes Konzept, eine Art anarchisches Publikations(nachweis)system, eine Graswurzel-Europeana und das aus ebenfalls im Interview erwähnte Monoskop wirkt teilweise wie eine zeitgemäßere Fortsetzung von Beats Biblionetz.

Das Betrübliche an der Diskussion mit vielen Aktivisten ist selten das Ziel, sondern die Vehemenz mit der sie für ihre Ideen streiten und zwar bisweilen dort, wo man sie nur auf die Unterschiede, die man zwischen der Public Library als Metapher im Web und der öffentlichen Bibliothek im Stadtraum Berlins hinweist. Über allem schwingt dann eben immer dieser Säbel der Ideologisierung.

Ähnliches lässt sich hin und wieder auch für den Diskurs der / über die Digital Humanities festhalten, die als Idee noch einen Tick weniger spezifiziert erscheinen, als die immerhin auf den Dreischritt Sammlung, Erschließung und Verfügbarmachung (Vermittlung) von Publikationen reduzierbare Rolle der Bibliothek.

Fragt man freilich weiter, was denn eigentlich eine Publikation im Netz sei und wo die Grenzen eines digitalen Dokuments  und die der Autorschaft liegen (Roger T. Pédauque kann von beidem berichten, Pédauque, 2003), dann sieht man auch hier vor allem Unschärfen in Relation. (Im erwähnten Sammelband befasst sich übrigens Niels-Oliver Walkowski in seinem Beitrag  “Text, Denken und E-Science. Eine intermediale Annäherung an eine Konstellation” (S. 37-54) mit dem Phänomen von Enhanced Publications und der Frage der Textualität.)

IV. Berührungspunkte

Im Editorial des Nach-Feierabend-Bandes, gegen den ich mich in der Buchhandlung, dies als spätes Geständnis, zugunsten einer schönen Ausgabe mit Architekturskizzen von Leonid Lavrov entschied, wird das Diskursfeld “Digital Humanities” von den Herausgebern dankenswerterweise etwas aufgefächert.

So benennen sie drei, wenn man so will, Digitalisierungsdimensionen der Geisteswissenschaften:

1. digitale Recherche (Digitalisierung der Inhaltsbeschaffung)

2. Digitalisierung von Papierbeständen (Digitalisierung der Inhalte)

3. Neue Forschungs- und Publikationsformen (Digitalisierung der Inhaltserzeugung und -verbreitung)

Aus der bibliothekswissenschaftlichen Warte fällt unvermeidlich auf, dass es sich bei den Schritten eins und zwei um Aktivitäten handelt, in die Bibliotheken spätestens seit den 1970er Jahren aktiv sind. Hier kommen digitale Basisprozesse der Fachinformation im geisteswissenschaftlichen Bereich an, was sich erwartbar aber eigentlich erstaunlich spät vollzieht.

Parallel ist die Rolle der Computerlinguistik zu berücksichtigen, die ebenfalls sehr viel von dem, was heute in den Digital-Humanities-Bereich dringt, schon sehr lange benutzt.

So liegen die digitalen Geisteswissenschaften tatsächlich ein bisschen in der Zange der Erfahrungshorizonte des Bibliothekswesens (Infrastruktur und Technologie zur digitalen Verarbeitung von Inhalten) und der Linguistik (Methodologie und Technologie zur digitalen Verarbeitung von Inhalten).

Ergänzt man beim dritten Aspekt eine eingeklammerte Silbe, so wird deutlich dass „Neue Forschungs- und Publikations(platt)formen“  gleichfalls etwas sind, bei denen Bibliotheken, und sei es nur mit ihrer Expertise auf dem Gebiet der Publikationsformenlehre, eine Rolle spielen können und nicht selten tun sie es in Projektrahmen auch. In einem höflichen Gutachten zu meinem Abstract für die DHd-Konferenz 2014 fand sich übrigens der Kritikpunkt benannt:

„Warum z. B. in der editionsphilologischen Forschung die Bibliothekswissenschaft eine wichtige Rolle spielt, ist für mich nicht nachvollziehbar.“ (unveröffentlichtes Gutachten zur DHd-2014)

Da die Nachfrage leider nicht im Auditorium wiederholt wurde, muss ich die Antwort hier andeuten: zum Beispiel im Wissen über die Entwicklung von Medialität und zwar sowohl im historischen Verlauf wie auch in der Breite. Selbstverständlich kann ein Editionswissenschaftler auch eine diesbezüglich tiefe Kenntnis besitzen, die in seinem Feld auch tiefer reicht, als die des Bibliothekswissenschaftlers. Der jedoch weiß im Idealfall zusätzlich, wie man in anderen Kontexten publiziert und wie man diese Publikationen auch langfristig verfügbar hält und was, wenn man etwas wie eine digitale Edition erfinden muss, in diesem Bereich technisch alles möglich und sinnvoll ist. Man kann auch anders antworten, aber das muss auch an anderer Stelle geschehen.

Die Schnittstelle zur Welt der digitalen Hacktivisten findet sich dort, wo Digital Humanities mit dem Impetus auftreten, ein “Werkzeug zur Neuorganisation des gesellschaftlichen Wissens und damit letztlich zur Reform des menschlichen Zusammenlebens” zu sein (Hagner, Hirschi, S. 7). Hier weisen sie in Richtung Sozialutopie, wobei aus der präziseren Beobachtung offen bleibt, wie sehr hinter derartigen Aussagen auch wirkliche Überzeugungen stecken oder einfaches Taktieren, wenn es darum geht, den Anspruch auf Förderung entsprechender Projekte zu legitimieren.

Der Topos von der Verbesserung der Welt durch Zugang und Technologie begleitete ähnlich lange Zeit die Open-Access-Bewegung und ist als Motivationselement sicher häufig wichtig. Auf der anderen Seite steht der Druck, diese Verbesserung auch nachweisen zu müssen, was dann sehr schwer fällt, wenn Heilsversprechen besonders euphorisch ausfallen. In der Open-Access-Bewegung scheint man derweil auf pragmatischere bzw. niedriger zielende Argumentationen zu bauen, wobei nicht selten an das Argument der Erhöhung der Zugangsgerechtigkeit das Argument des volkswirtschaftlichen Nutzens tritt. In den Digital Humanities spielt dieses meist nur dann eine Rolle, wenn auf die Bedeutung verteilter und nachnutzbarer Ressourcen verwiesen wird.

Michael Hagner und Caspar Hirschi stellen vier andere Aspekte als zentral für die Diskussion heraus und eine diskursanalytische Annäherung an den sehr spannenden Ablauf der Debatte darüber, was Digitale Geisteswissenschaften sein können, findet darin wenigstens auf den ersten Blick ganz passende Basiskategorien:

  1. Autorschaft (Gegensatzpaar: adressierbarer [Einzel]Autor < > soziale Netzgemeinschaft)
  2. Forschungspraktiken (qualitativ, wenige Quellen < > quanitativ, Big Data)
  3. epistemische Tugenden (Argumentation, Narration < > Bereitstellung, Verlinkung, [eventuall auch Visualisierung])
  4. Publikationsformen (abgeschlossene Monografie / Artikel < > “liquide Netzpublikation”)

Die interessante Frage, die die Autoren, die sich als Nicht-Utopisten erklären, daraus ableiten ist, „ob [bei einer Durchsetzung der „neuen Ideale“] der Begriff Wissenschaft dann überhaupt noch tauglich und die Universität noch der richtige Ort wären, solche Kulturtechniken zu vermitteln“?  (ebd., S. 8) Was auch wieder eine Zuspitzung ist. Ganz ohne Polemisieren geht es wohl nirgends und so rutscht ihnen eine weitere Frage in den Text, nämlich, „wie viel Distant Reading die Geisteswissenschaften vertragen, ohne am Ende in digitaler Adipositas zu erstarren“? (S. 9) So bekommt Franco Moretti doch noch sein Fett weg. Somit implizieren sie weiterhin gleich selbst eine erste Antwort auf ihre Frage:

„Was bedeuten digital gesteuerte Erkenntnisverfahren wie etwa das Distant Reading - das eigentlich kein Lesen mehr ist, weil zahlreiche Texte nur noch mit einem bestimmten Algorithmus gescannt werden – für die traditionellen geisteswissenschaftlichen Herangehensweisen?“ (S. 9)

Wobei Franco Moretti mit der Benennung des Distant Reading gar nichts Wortwörtliches, sondern eine sprachspielerische Stichelei gegen die Kultur des Close Reading im Sinn hatte und in seinem zentralen Artikel (Moretti, 2000) verdeutlicht, dass es ihm um morphologische Analysen geht, die als Gegenkonzept zu der Tatsache dienen sollen, dass die literaturwissenschaftliche Tradition der Tiefenlektüre notwendig nur einen bestimmten Kanon berücksichtigt, die Welt der Literatur (bzw.: die Weltliteratur) aber weitaus reichhaltiger ist. Das auf Algorithmen setzende Distant Reading ist derzeit wahrscheinlich die beste Option, um dieses Korpus überhaupt in die Literaturwissenschaft hereinzuholen. Es besteht auch kein Anlass, hier eine Konkurrenz oder gar einen Nachfolger zum Close Reading zu sehen. Sinnvoller wäre, das Distant Reading als Erweiterung zu sehen. Denn wo sich das Close Reading konzeptionell auf die Lektüre des Einzigartigen, des Besonderen und Ungewöhnlichen ausrichtet, kann das Distant Reading mit seiner Musteranalyse durchaus helfen, exakt die Werke zu identifizieren, die es wirklich verdienen, sehr nah und gründlich studiert zu werden.

Insofern könnte man die Frage

„Inwiefern basieren die Digital Humanities auf neuen Forschungsfragen und inwiefern können sie solche generieren?“

möglicherweise besser so stellen:

„Inwiefern basieren Digital Humanities auf etablierten geisteswissenschaftlichen Forschungsfragen und wie können sie deren Bearbeitung unterstützen?“  (ebd.)

Man kann sich die Entwicklung der Digital Humanities nämlich auch problemlos als Erweiterung des Bestehenden vorstellen. So wie die Digitale Bibliothek erstaunlicherweise und trotz aller entsprechenden Beschwörungen nicht dazu geführt hat, dass die Bibliothek als Ort an Bedeutung verlor. Eher im Gegenteil.

Berlin, 07.04.2014

Literatur

Garcia, David; Mars, Marcell (2014) Book Sharing as a “gateway drug”: Public Library. In: new tactical research. Feb. 14, 2014 http://new-tactical-research.co.uk/blog/1012/

Hagner, Michael; Hirschi, Casper (2013) Editorial. In: Gugerli, David [Hrsg.] ; Hagner, Michael [Hrsg.] ; Hirschi, Caspar [Hrsg.] ; Kilcher, Andreas B. [Hrsg.] ; Purtschert, Patricia [Hrsg.] ; Sarasin, Philipp [Hrsg.] ; Tanner, Jakob [Hrsg.]: Nach Feierabend 2013. Zürich: diaphanes. S. 7-11 (PDF-Download des Editorials)

Moretti, Franco (2000) Conjectures on World Literature. In: New Left Review. 1 (Jan/Feb 2000) http://newleftreview.org/II/1/franco-moretti-conjectures-on-world-literature

Pédauque, Roger T. (2003): Document : forme, signe et médium, les re-formulations du numérique. In: Archive Ouverte en Sciences de l’Information et de la Communication. http://archivesic.ccsd.cnrs.fr/sic_00000511

Walkowski, Niels-Oliver (2013) Text, Denken und E-Science. Eine intermediale Annäherung an eine Konstellation. In: Gugerli, David [Hrsg.] ; Hagner, Michael [Hrsg.] ; Hirschi, Caspar [Hrsg.] ; Kilcher, Andreas B. [Hrsg.] ; Purtschert, Patricia [Hrsg.] ; Sarasin, Philipp [Hrsg.] ; Tanner, Jakob [Hrsg.]: Nach Feierabend 2013. Zürich: diaphanes.  S. 37-54

Wampfler, Philippe (2013) »online first«. Geisteswissenschaften als Social Media. In: Gugerli, David [Hrsg.] ; Hagner, Michael [Hrsg.] ; Hirschi, Caspar [Hrsg.] ; Kilcher, Andreas B. [Hrsg.] ; Purtschert, Patricia [Hrsg.] ; Sarasin, Philipp [Hrsg.] ; Tanner, Jakob [Hrsg.]: Nach Feierabend 2013. Zürich: diaphanes.  S. 79-102

Wer übernimmt was? Zum Verhältnis von Digital Humanities und Geisteswissenschaften.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 12. September 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden (@bkaden)

Der Beitrag ist zwar nach den Zeitrechnungsstandards des WWW schon uralt, da er aber offensichtlich in der deutschen Digital-Humanities-Community für einigen Wirbel sorgt und mir, nachdem er sich scheu unter meinem ansonsten schon zuverlässig zugreifenden Radar hindurch geduckt hatte, nun noch einmal mit Nachdruck (bzw. als Ausdruck) auf den Schreibtisch gelegt wurde, will ich doch wenigstens meine Kenntnisnahme dokumentieren.

Am 19.07.2013 druckte die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf der Themenseite Bildungswelten (S. 9) einen Beitrag des Literatur-Juniorprofessors Jan Röhnert (TU Braunschweig, Wikipedia-Seite) mit dem Titel Feindliche Übernahme? Die Geisteswissenschaften wehren sich gegen falsche Ansprüche der Informatik, aber setzen auf die “Digital Humanities”. Er berichtet vom „Gespenst einer feindlichen Übernahme [der geisteswissenschaftlichen] Fächerkultur durch die Dogmen der Informatik.“ , was offensichtlich derzeit das heißeste Eisen im Metadiskurs der Geisteswissenschaften zu sein scheint. Jedenfalls auf dem Sommerplenum 2013 des Philosophischen Fakultätentages in Chemnitz im späten Juni.

Eigentlich handelt es sich um einen Methodenstreit, denn die Geisteswissenschaften fürchten ihre Mathematisierung und damit einhergehend die Verdrängung von Interpretation bzw. Hermeneutik. Erstaunlicherweise ist die Bibliothekswissenschaft hier einen Schritt voraus, denn ähnliche Debatten wurden am Berliner Institut bereits Ende der 1990er Jahre rege ausgefochten, wobei die zweite Seele (meist die biblio- bzw. szientometrische) lange Zeit parallel irgendwo unter der Bezeichnung „wissenschaftliche Informationsversorgung“ oder auch „Dokumentation(swissenschaft)“ parallel an ihrer Entfaltung arbeitete, um schließlich mit der nahezu Volldigitalisierung bibliothekarischer Datenverarbeitungsprozesse und endlich auch mehr und mehr der Bibliotheksbestände zur bestimmenden wurde. Dass die Gegenstände der Bibliothek digitalisiert wurden ist insofern von Bedeutung, als dass diese Digitalisierungen zugleich häufig die Gegenstände der Geisteswissenschaften (nämlich Texte) digitalisierten und so erst die Digital Humanities möglich machten.

Der Paradigmenwechsel, den laut Jan Röhnert der Bremer eScience-Fachmann Manfred Wischnewsky einfordert, vollzog sich dort schon weitaus früher und mittlerweile sind alle Facetten metamedialer Auseinandersetzung mit analogen Bibliotheksbeständen (Einbandkunde, Buchgeschichte, u. ä.) längst aus den Lehrplänen des Berliner Instituts verschwunden. Das Medium Buch ist für die Bibliothekswissenschaft in Berlin weitgehend irrelevant geworden. Betrachtet man die Debatten der Digitalen Geisteswissenschaften aus einer medialen Warte, geht es dort um einen ganz ähnlichen Schritt: Die Auflösung des Einzelobjekts, also in der Regel eines Werkes, das in der Literaturwissenschaft oft klassischerweise in direkter Beziehung zum Medium Buch oder etwas ähnlich Berührbarem steht.

Es sind verschiedene Stränge, die im Diskurs zusammen- und auch aneinander vorbei laufen. Jan Röhnert berichtet von Positivismus-Vorwürfen und dem bekannten und aus irgendeinem Grund gepflegten Irrtum, bei dem man „quantitativ erzeugte technische Simulationen bereits als qualitativen Wissenszuwachs ausgibt.“

Zumal der Wissensbegriff selbst, wie heute jedem bewusst sein dürfte, mit oft myopischem Blick auf ein Simulacrum verweist. Abstrakt ist das Wort „Wissen“ auch durch seine Übernutzung in den vergangenen Jahrzehnten derart zu einem substanzarmen Textbaustein eingeschrumpft, dass eigentlich jeder mit etwas Sprachbewusstsein ausgestattete Diskursteilnehmer auf dieses Hohlwort zu verzichten bemüht sein sollte.  Dann würden vielleicht auch die aus dem mit dem Ausdruck „Wissen“ fast  verbundenen Anspruchsdenken nicht ganz unzusammenhängenden Missverständnisse reduziert.

Aus einer distanzierten Warte ist die Aufregung ohnehin unverständlich, handelt es sich bei den Digital Humanities doch ganz offensichtlich nicht um die Fortsetzung der Geisteswissenschaften mit digitalen Methoden, sondern um die Auseinandersetzung mit traditionell geisteswissenschaftlichen Gegenständen mittels digitaler Aufbereitungs- und Analysewerkzeuge. Es ist eher eine neue Form von Wissenschaft, die hier entsteht. Dass man sich einer geistigen Schöpfung nach wie vor auch hermeneutisch nähern kann (und zum Wohle der Menschheit auch zukünftig muss), sollte außer Frage stehen. Bedenklich wird es erst, wenn Förderinstitutionen Durch- und Weitblick verlieren und aus Zeitgeist-, Marketing- oder anderen Gründen denken, dass man die Unterstützung für die Geisteswissenschaften auf die Digital Humanities umschichten sollte. Diese Angst ist, wie man oft von Betroffenen hört, nicht ganz unbegründet und wahrscheinlich die eigentliche Essenz der Behauptungskämpfe.

Inhaltlich verwundert dagegen (nicht nur) aus einer semiotischen Warte, warum die traditionellen Geisteswissenschaften (eine behelfsmäßige Formulierung in Abgrenzung zum Ausdruck der „digitalen Geisteswissenschaften“) ihre hermeneutische Kompetenz nicht noch stärker auf natur- und sozialwissenschaftliche Gegenstandsbereiche ausweiten. Wer beispielsweise Franz Hessels Stadtraumlektüren kennt, weiß sofort, dass sich jedes beobachtbare soziale Gefüge genauso wie auch die Geometrie als Narrativ lesen und verstehen lässt.

Übrigens auch die Debatte um die „Feindliche Übernahme“, wobei Jan Röhnert unnötig in die – etwas wohlfeile –  Parallele zu geheimdienstlicher Datenanalyse stolpert:

„Solche Software, die  – nicht unähnlich den kürzlich aufgedeckten Spionageprogrammen „Prism“ und „Tempora“ –  unvorstellbar große Informationsmengen analysiert […]“

So naheliegend die Ähnlichkeit ist, so unglücklich ist der Vergleich. Denn dass natürlich geheimdienstliche Aufklärung seit je massiv auch auf interpretatorische, teilweise sicher auch hermeneutisch inspirierte Verfahren setzte, steht genauso außer Frage. Die Parallele ist keinesfalls neu und als kritisches Argument nur tauglich, wenn man sie auch entsprechend erläutert. In der Länge dieses Artikels ist das freilich nicht möglich. Dabei liegen mit den zitierten Positionen von Gerhard Lauer und Malte Rehbein eigentlich schon sehr konsensfähige Positionen auf dem Tisch und im Text und auch Jan Röhnert beendet seine Schilderung derart versöhnlich, dass man als außenstehender Beobachter die Aufregung gar nicht versteht. Übrigens auch nicht die, der Digital-Humanities-Community, von der mir heute berichtet wurde.

 (Berlin, 12.09.2013)

Mondfahrer von heute. Über den Sputnikschock und Diversität.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 10. Juli 2013

von Ben Kaden / @bkaden

I

Eine bestimmte (=meine) Generation von Studierenden des Instituts für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin erlebte jeweils meist im ersten Semester ihren Sputnik-Schock. Und zwar in einer Vorlesung bei Professor Umstätter, der dieses Ereignis berechtigt aber soweit erinnerlich auch als einziger der Dozierenden in Beziehung zu dem setzte, was man damals unter Bibliothekswissenschaft verstand, also einer Annäherung an die Informationsversorgung vor allem als Fachinformation mit dokumentationswissenschaftlichem Schwerpunkt.

Aus diesem Zeithorizont begleitet uns das Echo der Dokumentation noch bis heute im Titel des informationswissenschaftlichen Standardhandbuchs Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation und der Leitzeitschrift Journal of Documentation. Ansonsten scheint sich das Phänomen der Dokumentation wenigstens in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft weitgehend in anderen Themen und Schlagwörtern zwischen Informations- und Wissensphänomenen, der Digital Library und dem WWW aufgelöst zu haben. Wo Vladimir Nabokov einmal die schöne Metapher für eine Organisation wählte, die „nur noch ein Sonnenuntergang hinter einem Friedhof sei“, steht über dem Konzept einer Dokumentationswissenschaft schon lang der Abendstern.

Das ist insofern etwas bedauerlich, als dass mit dem bereits vor der Jahrhundertwende zwar etwas abgetragenen aber dafür auch sympathisch unpathetischen Begriff der Dokumentation ein anschauliches Bindeglied für die Gegenstandswelt zwischen Bibliotheks- und Informationswissenschaft existierte:

Bibliotheken befassten sich mit publizierter Information und verwalteten recht grobrasternd Bestände, die Dokumentation interessierte sich für alle greifbare Information, wenn sie nur relevant genug wahr, und verwaltete diese thematisch mittels Deskriptoren (der Datenträger als Objekt war zweitrangig) und die Informationswissenschaft blickte aus einer Metaebene darauf, was Menschen mit Information machen, also auf die Prozesse die den Gegenständen von Bibliotheks- und Dokumentationswissenschaft vorausgehen.

Damit gab es eine klar aufgefädelte Kette und Studierende des Faches wussten, wenn sie wollten, ziemlich genau, womit sich welche Facette beschäftigt. Heute scheint es, als würde die Informationswissenschaft mehr noch als die Bibliothekswissenschaft an dieser Hürde etwas straucheln, was nicht zuletzt daran liegt, dass die digitale vernetzte Gegenwartskultur uns permanent in Mischräumen allgegenwärtiger und diverser Formen von Information, Redundanz, Rauschen und also mehr oder weniger erfolgreicher Kommunikation hält. Soziale Netzwerke wie Facebook sind dabei eigentlich nichts weiter als Radikalisierungen der Dokumentation, wobei die Größe Thema durch die Größe persönliche soziale Identität ersetzt wurde. Selbstverständlich existieren die Erschließungssysteme auf der Zugangsebene höchstens simplifiziert (dafür aber für jeden sofort erschließbar). Auf der Verwaltungsebene der Anbieter sind sie dagegen kaum für Außenstehende einsichtig aber angenommen ziemlich elaboriert.

Eine solche Vermutung scheint jedenfalls insofern naheliegend, da die eigendokumentierten und von den Betreibern zielgerichtet nacherschlossenen Datenmengen dieser Kommunikationsnetzwerke, wir wie lange ahnten und heute sogar wissen, nicht nur Basis von Geschäftsmodellen sind, sondern auch zahlreichen Geheim- und Nachrichtendiensten ein Anwendungs- und Entwicklungsfeld für gesellschaftliches Steuerungswissen bieten. Darüber, wohin wir steuern bzw. gesteuert werden, besteht derweil bei weitem nicht gleichermaßen intensiv elaboriertes Wissen. Und wenn man hört, dass die Europäische Union die Forschungsförderung im geisteswissenschaftlichen Bereich rein auf Projekte aus dem Bereich der Digital Humanities konzentrieren möchte, dann scheint das übergeordnete Interesse an solchen metafunktionalen Fragestellungen auch nicht sonderlich ausgeprägt zu sein.

II

Im Jahre 1957 und lange vor der Polyexzentrik der Postmoderne hatte man es dahingehend noch gut. Denn man besaß den Kalten Krieg mit seiner bipolaren Ordnung als Orientierungsmuster. Sein Pendant ist heute vielleicht der Krieg gegen den Terror, der allerdings, so wie die Kommunikationsstrukturen, weitaus weniger schematisch aufgegliedert wirkt und auch nicht vergleichsweise mittels (Geheim)Diplomatie verhandelt werden kann. Glaubt man der Zeitung, haben wir es eher mit neoarchaischen Lösungen (und Denkmustern) zu tun, die sich dankbar auf Hochleistungstechnologie stützen. Wir streiten derweil aber auch nicht mehr um die Entwicklung eines besseren Gesellschaftssystems, sondern für die Konsolidierung des erreichten.

Die aktuellen Überwachungspraxen spiegeln das ausgezeichnet wieder und wo früher die Auslöschung der ganzen Erde im Raum steht, bleibt heute nur die Drohung, dass jeder gerade das ein Zufallsopfer sein kann. Über diesen Umweg gelingen eine Konkretisierung der gefühlten Gefährdung und eine weitaus überzeugendere Legitimation von kontrollierenden Eingriffen in das, was man sich einmal als Privatheit erkämpft hat.

Nicht die großen Entwürfe kollidierender Gesellschaftssysteme sondern individuelle Verstrickmuster, wie man sie aus der griechischen Tragödie erinnert und die sich in bester Passung vor einem ständig raunenden Chor aus sozialen und Massenmedien entfalten, dominieren die Stories unserer Gegenwart, wobei wir uns die damit verbundenen klassischen Fragestellungen schenken und rein auf die Fakten konzentrieren. Insofern ist die Umstrukturierung der Geisteswissenschaften von der Deutung hin zur Empirie vollauf konsequent.

Nun gibt es in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Library Quarterly einen kleinen (offensichtlichen Rede-)Text, der auf den ersten Blick fast ein Stück aus der Zeit gefallen zu sein scheint. (Totten, 2013) Denn er schlägt den Bogen in eine Zeit zurück, in der Individualität an sich noch kein allzu großer gesellschaftlicher Wert war, zugleich aber sogar Naturwissenschaftler vereinzelt noch, in den Spätausläufern der Little Science, als Persönlichkeiten (bzw. Eminenzen) galten (und diese Rolle auch Anstrebten), bevor die Big Science sie in Laborteams zum Dienste der Gesellschaft zusammendampfte. Die Invertierung der erfolgten Wertzuschreibung ist soziologisch sehr interessant: Während auf der Ebene des Privaten die persönliche Entfaltung zum Maßstab erwuchs (mit allen bekannten Folgen und Neu-Vermassungen) und die Menschen reihenweise die Fließbänder verließen, entwickelte sich im 20. Jahrhundert für die Wissenschaftler der Anspruch, sich möglichst jeder Idiosynkrasie entkleidet quasi wesensnackt an die Assembly-Line zu stellen und planmäßig Innovation oder wenigstens neues Wissen Projekt für Projekt (erfolgreich) zusammenzuschrauben. Dieser Prozess entfaltet sich bis heute, wobei José Ortega Y Gasset schon wieder recht frisch wirkt, während die Forschungs- und Wissenschaftspolitik noch beschäftigt ist, ihre Moderne zu Ende zu führen.

III

Dass Herman L. Totten, u. a. Dean des College of Information der University of North Texas, Chair der iConference 2013 und Träger des Melvil Dewey Award, nun abstrakt Diversität als Vorteil herausarbeitet, hat leider rein gar nichts mit einem humanistisch geprägten Konzept der Andersheit zu tun. (siehe Totten, 2013)  Sondern schlicht mit der Totalverwertung aller Verschiedenheiten zum Wohle eines übergeordneten Ganzen. Sein Einstieg ist eine Erinnerung an den Sputnik-Schock, dem er einst über das Twitter seiner Studienzeit – dem aufgeregten gemeinsamen Zeitungslesen im Wildcat Inn auf dem College-Campus – erfuhr: „Russia Launches the First Satellite!“ Die Scham über den Sieg der Sowjetunion (kurz: Russia) im Space Race der sich dereinst für die fortschrittlichere Hälfte der Welt haltenden Amerikanern, ging tief und sorgte für einige Verstörung. Wie aus – je nach Wetterlage auch buchstäblich – heiteren Himmel wurde das Selbstbild der technologisch führenden Nation erschüttert und, so fürchtete man, das Fremdbild ebenso:

„The United States was humilated. No longer would the world deem America as the superior nation in science and technology.“

Dass es dabei gar nicht mal so sehr darum ging, dass irgendwo am Himmel ein Satellit piepst und blinkt, sondern darum, dass dieselbe Raketentechnologie mutmaßlich aufwandsarm Nuklearsprengköpfe zum Zwecke der Detonation um die halbe Welt schicken konnte, erwähnt der Autor leider nicht. Vielleicht war der Atomkern des Technologiewettstreits im Kalten Krieg den Freshmen dieser Jahre aber auch nicht so bekannt.

Mit der Demütigung entfaltete sich jedenfalls eine große Verwunderung, etwa vergleichbar mit dem inneren Aufruhr des feschen Abschlussballkönigs, der zusehen muss, wie der farblose introvertierte Trottel aus der letzten Bank auf einmal Arm in Arm mit der Prom Queen aus der Ballsaal scharwenzelt – ebenfalls ein uramerikanisches Kulturnarrativ, das sich in zahllosen Generationen prägenden Teenagerfilmen findet, das jedoch heute, da diese einst gehänselten Nerds mit Mitte Zwanzig zu den reichsten Menschen des Landes gehören, weitgehend überlebt erscheint.

Im Jahr 1957 blieb die Frage im Raum:

„How could a country where the majority of the population had only learned to read and write in the last fifty years outdo the United States, the most innovative country in the world?“

Wie haben die Sowjets das gemacht? Herman L. Totten verspricht im Sommer 2013 eine Antwort zu geben und das Originelle an seiner Antwort ist, dass er die Lösung ausgerechnet in der Diversität sieht. Wobei Diversität in seiner Welt folgendermaßen beschrieben wird:

„Diversity includes gender, ethnicity, religion, cultural background, sexual orientation, age, and disabilities.“

Eine Aussage, die, da weitgehend unerläutert, dem Leser mehr als drei Fragezeichen auf den Weg gibt. Zumal die Sowjetunion der 1950er Jahre, wie sogar jeder Readers-Digest-Leser wissen konnte, schon ein paar Jahrzehnte Kulturentwicklung hinter sich hatte, die nicht unbedingt als  diversitätsfördernd bekannt waren. Im Gegenteil: Zur Blütezeit Stalins vermochte man nicht selten sogar mit hochkonformen Verhalten als Diversant durchgehen und musste sich in diesem Fall glücklich schätzen, wenn man sich weiterhin in hochdruckhomogenisierten Straflagerkolonnen am Sieg des Sozialismus beteiligen durfte. Für Wissenschaftler gab es zu diesem Zweck der fortgesetzten Teilhabe, wie wir von Solschenizyn wissen, einen eigenen Höllenkreis namens Scharaschka.

Dass Russland gerade für Großprojekte vom Fern- und U-Bahn-Bau über Stahlwerke und Stauseen im Niemandsland bis zum Weltraumprogramm unbegrenzt Menschenmaterial zur Verfügung stand, das man vergleichsweise flexibel nutzen konnte, bemerkt Herman L. Totten genauso wenig, wie, dass die sowjetische Wissenschaft aus naheliegenden Gründen weitaus zentralisierter und also frühzeitig an der Kandare politisch vorgeschriebener Zielstellungen arbeitete. Das erleichterte nicht nur die Abstimmung der Forschungspläne, sondern verkürzte auch Entscheidungsketten.

IV

Für Herman L. Totten ergibt sich der sowjetische Erfolg beim Wettlauf zu den Sternen vorwiegend daraus, dass die Rote Armee (kurz: Russia) 1945 tausende deutsche Wissenschaftler und versprengte jüdische Intellektuelle („the brightest and best minds in Europe“) nach Russland brachte. „Behind the Iron Curtain, Russia abducted and exploited the brilliant minds of these people.“ Das Quantum Wettbewerbsvorteil lag also im rücksichtlosen Import vielfältiger Expertise und so verkehrt ist das gar nicht. Denn Sergei Koroljow, DER (Scharaschka erfahrene) ingenieurtechnische Weltraumpionier der Sowjetunion dieser Zeit, brachte sich tatsächlich aus Deutschland ein paar kluge Assistenten aus dem Umfeld Wernher von Brauns auf sein abgeschiedenes Forschungseiland. Von Braun dagegen fand als einer von „some [abducted] German scientists“, die aber offenbar eine vergleichsweise überschaubare Rolle spielten in Fort Bliss, Texas dank zweier Integrationsprojekte namens Overcast und Paperclip sein Aus- und Einkommen. Die deutschen Denker im sowjetischen Raumfahrt-Think-Tank durften in den 1950er wieder zurück zu ihrer Heimaterde, nachdem sie ihren Anteil zum Wettbewerbsvorteil („The advantage of harnessed diversity! This advantage always leads to success.“) beigesteuert hatten.

In der Folge des Textes erwähnt Herman L. Totten dann doch noch das Vermixen von Diversität in der sowjetischen Kultur zu etwas, was er „Soviet puree“ nennt, dem er den „tossed salad“ (offensichtlich und hoffentlich in Unkenntnis der Slang-Bedeutung dieser Wendung) der USA entgegensetzt. Spätestens hier verliert die Brücke zwischen Sputnik-Schock und Diversität vollends ihr Geländer. Was erwiesenermaßen stimmt, ist, dass die USA als Schlussfolgerung aus dem ersten menschengemachten Erdtrabanten massiv in ihr Bildungs- und natürlich Fachinformationswesen investierten. Ein Effekt war offensichtlich auch die forcierte Entwicklung des Online Retrieval (Umstätter, 2000, S. 191), was aus heutiger Sicht erstaunlich geradlinig zum Googleversum führte.

Hermann L. Totten erwähnt die enorme Steigerung der Ressourcen, die der National Science Foundation (NSF) vom Kongress zugewiesen wurden,

„to promote the progress of science; to advance the national health, prosperity, and welfare; to secure the national defense“.

Es überrascht einerseits, dass an dieser Stelle das Schlagwort “Big Science” nicht fällt und dass andererseits der Dean einer informationswissenschaftlichen Einrichtung die Folgen für die Fachinformation – unter anderem den Ausbau von Metadokumentationen wie Referatediensten – nicht erwähnt. Beispielsweise wurde die Indexierung der Chemical Abstracts in den frühen 1960er computerisiert, was im Anschluss an den von Herman L. Totten ebenfalls unerwähnten Weinberg-Report nur folgerichtig war. Denn der Bericht stellte dezidiert die potentielle Bedeutung von (standardisierten) Referate- und Nachweisdiensten heraus. (Weinberg et al., 1963, S.4) Wobei diese Erkenntnis zugegeben weniger exklusiv von Alvin M. Weinberg und seinem Team hervorgebracht wurde, sondern als generelle Notwendigkeit schlicht in der Luft lag.

Aber immerhin hatte es so die Regierung der USA auch noch einmal expliziert auf dem Tisch, genauso wie die formulierte Notwendigkeit, die Fachinformationsflüsse an zentraler Regierungsstelle um Blick zu haben – also eine Art „Planning Tool for Resource Integration, Synchronization, and Management” – von Informationsflüssen. Es liegt eine gewisse schicksalshafte Ironie in der Tatsache, dass Alvin Weinberg gut zehn Jahre später von Präsident Nixon aus seiner Wissenschaftskarriere als Kernforschungsinstitutsdirektor geworfen wurde, weil er sich zu fortschrittsbremsend-technologiefolgenabschätzend (so die Einschätzung der Regierung) bei der Entwicklung Nuklearreaktoren zeigte. Am Ende eines Tages läuft es ja trotz aller Diversitätsversprechend des „tossed salads“ auf die Frage nach der Verteilung von Entscheidungsmacht heraus.

Briefmarken USA

Der Juli 1960 führte in den USA zu einigen Neuerungen. Unter anderem wurde das Prä-Touchpad Etch-a-Sketch auf den Markt gebracht. Zuvor jedoch, am 04. Juli, wurde die offizielle Flagge  mit den 50 Sternen (nach dem Entwurf des 17-jährigen Robert G. Heft ), die es auch auf den Mond schaffte, erstmalig aufgezogen. Am selben Tag erschien die berühmte 4 Cent-Briefmarke  (Scott-Katalog-Nummer 1153, gestaltet vom neusachlich geprägten Künstler Stevan Dehanos), produziert nach dem Monsignore des Wertzeichendrucks des 20. Jahrhunderts, Gualtiero Giori, benannten Druckverfahren (zweifarbiger Stichtiefdruck). Zwei Tage zuvor war die American Woman Issue (Scott-Nr. 1152) an den Postschaltern gelangt, die Mutter und Tochter hinter einem aufgeschlagenen Buch zeigt und  als “a tribute to American women and their accomplishments in civic affairs, education, arts and industry” dienen sollte.  Die Briefmarkengeschichte ließe, wie sich zeigt, auch in diesem Fall eine wunderbare sozialgeschichtliche Zeitanalyse zu. Der gezeigte Beleg markiert nur eine Perspektive, die aber fast wie geplant die Verknüpfung von Nationalstolz, Wert der Diversität und optimierter Verwaltung kombiniert. Auf welcher Grundlage der Sender des Briefes aus Minneapolis ausgerechnet diese drei Marken wählte, ist leider nicht mehr ermittelbar. In jedem Fall griff er zu der im Juni 1981 ausgegebenen Sondermarke zum “International Year of the Disabled” (Scott Nr. 1312) der UNO, die von der Zeichnerin und Streiterin für die Rechte Behinderter streitenden Martha Perske entworfen wurde.  Interessant ist an der Marke  die Betonung die Verknüpfung mit dem Erkenntnisinteresse unter dem Slogan der trotz der körperlichen Einschränkung gegebenen Befähigung. Wirklich aussagekräftig wird jedoch erst der Vergleich mit einer  am 19.07.1960 ausgegebenen Briefmarke. Die vom eher für seiner Cover-Gestaltung für Groschenromane bekannten Carl Bobertz entworfene Ausgabe (Scott Nr. 1155) zeigt ebenfalls einen Mann im Rollstuhl, der jedoch nicht ein Mikroskop sondern eine Bohrmaschine bedient. Die damit verbundene Aufforderung las sich: “Employ the Handicapped”. Zur Motivation der Marke ist mir nichts bekannt. Da der gezeigte Industriearbeiter jedoch beinamputiert zu sein scheint, könnte ein Bezug zur Sorge um Kriegsveteranen vorliegen. Für unsere kleine Nebenanalyse zeigt sich in den 20 Jahren Differenz zwischen Briefmarkenausgaben aber vor allem der Schritt von der Beschäftigung in der Industrie zur Teilhabe an einer Wissenschaftsgesellschaft. Die dritte Briefmarke auf dem Beleg zeigt schließlich die von Rudolph de Harak ziemlich lieblos gestaltete Figur des Metallmagnaten Joseph Wharton, der hier als Stifter der Wharton School an der University of UPenn geehrt wurde. (Scott Nr. 1920)  An die Schalter kam die Ausgabe ebenfalls im Juni 1981. Die Wharton School zählt bis heute zu den Topadressen, die man für einen MBA in Betracht ziehen kann.  Die derzeit dort lehrende Professorin für Informationsmanagement, Shawndra Hill, wurde zudem in diesem Jahr dadurch international bekannt, dass sie den Beruf das “Data Scientist”  zum mutmaßlich “sexiest job of the 21st century” erklärte. (Allerdings zitierten sie nicht alle Quellen, die über diese Aussicht berichteten, als Quelle.) So schließt sich einstweilen der Kreis vom Nationalgefühl über die Integration in Wissensgenerierungsprozesse hin zu Ökonomisierung und Big Science, die eigentlich schon immer notwendig auch Big Data war. Dass die US-Post allerdings noch eine Briefmarke zu Ehren der Big Data Scientists herausbringen wird, ist angesichts ihrer wirtschaftlich prekären Lage nicht sicher. Wenn sie es jedoch tut, wird sie deren Verwendung wahrscheinlich minutiös dokumentieren. So ist sie also selbst bereits längst im Big-Data-Business aktiv.

V

Herman L. Tottens Volte pariert diese Aspekte durch die bekannte Praxis des Ausblendens. Sein Diversitätsbegriff ist, vorsichtig formuliert, unterreflektiert. Seine Schlüsse wirken teilweise fast rührend. Die zentrale Folge des Sputnik-Schocks ist für ihn eine Öffnung des Bildungssystems „to include all races and cultures living in the United States“, was ebenfalls eine gewisse Verkürzung der Geschichte des Bildungswesens der USA darstellt. Und vielleicht dann einen Hauch schönrednerisch wirkt, wenn man sich beispielsweise an die Kämpfe um die Desegregation des Schulbesuchs erinnert, die sich etwa zeitgleich mit dem Space Race entfalteten. Die Rassentrennung an US High Schools wurde nicht aus der Erkenntnis, dass Diversität die Wissenschaft befördert, aufgehoben. Sondern schlicht weil sie verfassungswidrig war. (Brown vs. Board of Education, 347 U.S. 483 (1954))

In der aufgeräumten Argumentationswelt von Herman L. Totten liest man dagegen:

„Monies were used to promote inclusiveness, which is the embracing and harnessing of a diverse talent pool. As a result of this harnessed diversity, the United States beat the Russians to the moon! In other words, diversity is an advantage to the nation as well as an advantage to all of you who are given the opportunity of an education to promote this inclusiveness.”

Es ist nicht ganz klar, wen der Dean hier adressiert, aber sein Text liest sich insgesamt wie eine Programmrede, die er vor möglicherweise betroffen zu Boden blickenden Absolventen des mehrfach erwähnten Institute of Museum and Library Services (IMLS) hielt, dessen Weblog einen solchen Termin vermerkt. (Cherry, 2012)

Doch selbst wenn man eine solch verkürzte Darstellung der Entwicklung der amerikanischen Bildungspolitik zur Integrativität und Diversitätsförderung in einer kleinen Festansprache zugunsten eines in jedem Fall hehren Anliegens hinnimmt, bleibt unklar, warum The Library Journal diesen Holzschnitt auch noch abdruckt. Und ob Sätze wie,

„People of diverse cultures, religionsm and social status founded the United States. Do you realize that this diversity has made the United States the strongest and greatest nation on earth?”,

in den USA tatsächlich das Kriterium für „scholarship about libraries as organizations that connect their communities to information” und „ research that explores the changing roles of libraries as they pertain to the growing influence of information in policymaking, equity, access, inclusion, human rights, and other societal issues.” erfüllen, bleibt wenigstens vor dem Horizont kontinentaleuropäischer Ansprüche an einen intellektuellen Diskurs fraglich.

Es könnte freilich sein, dass die Perspektive auf den Text durch eine mangelnde Kenntnis der lokalen Bedingungen in Denton, Texas verzerrt sind und dass die Aversion gegen Superlative bündelnden Aufbruchsappelle wie

„[b]y embracing diversity you will become a part of strongest nation in the world’s quest for knowledge, security, and peace.”

aus dem Ennui eines sehr diversitätsgeforderten Berliner Alltags resultiert. In jedem Fall gibt es die iConference 2014 an der Berlin School of Library and Information Science unter dem denkbar um Lokalkolorit bemühten Motto „Breaking down walls“ und Beiträge wie der von Herman L. Totten deuten die Möglichkeit eines kommenden kräftigen Kulturschocks mehr als an.

(Berlin, 04.07.2013)

Literatur

Brown et al. vs. Board of Education of Topeka et al. (1952-1954) Appeal from the United States District Court for the District of Kansas. No. 1 Entscheidung vom 17. Mai 1954, http://caselaw.lp.findlaw.com/scripts/getcase.pl?court=US&vol=347&invol=483

Kevin Cherry (2012) Things are Going SWIM-ingly Out West. In: UpNext: The IMLS-Blog. 07.12.2012, http://blog.imls.gov/?p=2009

Herman L. Totten (2013) The Advantages of Diversity. In: Library Quarterly. Vol. 83, No. 3, S. 204-206. http://www.jstor.org/stable/10.1086/670694

Walther Umstätter (2000) Die Nutzung des Internets zur Fließbandproduktion von Wissen. In: Klaus Fuchs-Kittowski, Heinrich Parthey , Walther Umstätter, Roland Wagner-Döbler (Hrsg.) Organisationsinformatik und Digitale Bibliothek in der Wissenschaft: Wissenschaftsforschung Jahrbuch 2000. Berlin: Gesellschaft für Wissenschaftsforschung 2010. S. 179-199 / 2. Auflage 2010 verfügbar unter http://www.wissenschaftsforschung.de/JB00_179-200.pdf

Alvin M. Weinberg / The President’s Science Advisory Committee (1963) Science, Government, and Information. The Responsibilities of the Technical Community and the Government in the Transfer of Information. Washington: US. Government Printing Office

Zur möglichen Rolle der Bibliothek in einer nach-utopischen Netzgesellschaft.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 8. Juli 2013

Überlegungen von Ben Kaden  / @bkaden

I

Dass das Internet als vernetzter, überräumlicher und echtzeitlicher Kommunikationsraum von Beginn an dazu verführte, Projektionsfläche vielfältiger Gesellschaftsutopien zu werden, ist weithin bekannt. Man versprach sich, angefangen bei einer durch und durch umstrukturierten Weltgesellschaft und hin bis zu einer simplen aufklärerisch-emanzipatorischen Wirkung vieles von einer digitaltechnisch geprägten Reorganisation unseres Zusammenlebens, organisiert über ein „basisdemokratisches, hierarchiefreies und unkontrolliertes Medium“ (Tilman Baumgärtel: Das Ende der Utopien. In: Neue Zürcher Zeitung, 04.07. 2013, S. 19).

Ähnliche Versprechen galten mit Abstrichen auch für das Bibliothekswesen und die Bibliothekswissenschaft, stand doch der Leitstern der Digitalen Bibliothek über dem Firmament dessen, was sie sich als zukünftige Gestade und Ankerplätze vorstellten. Dass das zwanzigste Jahrhundert in eine Art Wissensgesellschaft auslief und die Bibliotheken lange Zeit die zentralen Verfügungsinstanzen für systematisch erfasstes und abrufbares Wissen darstellten, hätte sie eigentlich zu den Leitakteuren dieser neuen Welt werden lassen können. Diese Erwartung löste sich bekanntlich nur bedingt ein, was eventuell wenigstens teilweise auch daran gelegen haben mag, dass sie im Selbstverständnis der Branche lange Zeit nicht übermäßig verankert war. Bibliothek und Internet blieben viele Jahre trotz aller Vorzeichen getrennte Welten mit überschaubaren Schnittmengen, allen voran der Schnittmenge des Web-OPAC. Damit blieb die Institution freilich in der Nische und vor allem auf ihre in diesem Nachweismedium erfassbaren Bestände fixiert. In digitalen Kommunikationswelten ist Bestand jedoch ein Anachronismus, zumal wenn nur der Nachweis und nicht der Inhalt direkt vermittelt wird. Das aber prägte bald das Erwartungsbild der Menschen im Netz.

Der Schritt zur umfassenden Überformung der Gesellschaft mit digitalen Mitteln war selbstverständlich unvermeidlich, denn natürlich poppte das Internet nicht als plötzliche Überraschung in die Lebenswelten, sondern fasste nur eine ganze Reihe von vorlaufenden Technologietrends (Datenbanken, BTX, Desktop-Publishing, Telefonie, Digitalisierung, Personalcomputer, etc.) zu einer Struktur zusammen. Die Richtung der Entwicklung war mehr oder weniger längst vorbestimmt. Der wirkliche Durchbruch zum Omnimedium gelang durch ein paar vergleichsweise kleine Lückenschlüsse und die Durchsetzung von Benutzungsoberflächen, die das Technische hinter das Inhaltliche zurückdrängten und es so für die riesige Masse derer attraktiv machte, die keinerlei größeren technischen Interessen hatten, sich wohl aber für die (vermeintliche) Leichtigkeit des digital vermittelten Kommunizierens (und später auch Einkaufens) anfällig zeigten.

Diese Leichtigkeit drückte denn auch den utopischen Kern aus. Jeder kann an etwas aktiv teilhaben, was vormals nur passiv zur Verfügung stand. Lange wurde (und an manchen Stellen wird es noch immer) das Internet immer als Kontrast- oder Gegenmedium zu bis dato vorherrschenden Kommunikationsformen verstanden. Der Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel erinnert in seiner jüngst im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung abgedruckten Rückschau auf die Utopien der frühen und mittleren Netzgesellschaft sehr anschaulich daran, dass das WWW anfangs zunächst von, nun ja, Randfiguren geprägt war, also Akteuren, denen Zugang zu und aktive Nutzung von etablierten Medienstrukturen nur begrenzt möglich waren. Oder die, mit welcher Motivation auch immer, kein Interesse an der mühsamen Einpassung in diese hatten. Sie erkämpften eine eigene Form der Medienmacht und Diskurshoheit dadurch, dass sie nicht – wie sonst bei Revolutionen üblich – bestehende Räume und Kanäle eroberten – sondern die Entwicklung eigener (Alternativ-)Strukturen forcierten, die schließlich so erfolgreich wurden, dass sie diejenigen, von denen sie sich bisher ausgeschlossen fühlten, schlicht für obsolet erklären konnten. Die, deren Herz chronisch für die Underdogs schlägt, hegten dafür heftige Sympathien. Genutzt hat es wenig. Denn heute sehen wir, dass diese anarchistischen morgenluftigen Vorstellungen tatsächlich utopisch, bestenfalls ein Interregnum blieben. Was Aspekte wie Mitmenschlichkeit, Chancengleichheit und Autonomie angeht, sind wir, wie wir heute erkennen, eher nicht vorangekommen.

II

Die Technologie, so schien es, gab es her: Mit vergleichsweise geringem realweltlichem Aufwand konnte man einen nahezu unbegrenzten Kommunikationsraum ausgestalten. Die Zäune für das Handeln zog der Code und auch der war durchaus flexibel. Solange das Web eine Nische blieb und in der herkömmlichen Lebenswelt nur dadurch spürbar wurde, dass man die Memos in der Firma durch E-Mails ersetzte, war die ganze Angelegenheit so entspannt, von solcher Leichtigkeit geprägt, wie man es von kalifornischen Träumereien erwartet. Das große Säbelrasseln ergab sich auch nicht so sehr im Traum der Autonomie und einem offeneren Miteinander, wie ihn beispielsweise der im Artikel zitierte Howard Rheingold hegte, wenn er schrieb:

„Da wir einander nicht sehen können, können wir auch keine Vorurteile über andere bilden, bevor wir gelesen haben, was sie mitteilen wollen, Rassenzugehörigkeit, Geschlecht, Alter, nationale Abstammung und die äussere Erscheinung werden nur bekannt, wenn jemand diese Merkmale angeben will.“ (zitiert nach Baumgärtel, 2013)

Selbst wenn solche Aussagen bereits damals von einer kaum fassbaren Reflexionsarmut geprägt zu sein schienen, so waren sie doch wenigstens freundlich und welcher sich an den Rand gedrängt fühlende Intellektuelle träumt nicht davon, Teil einer anderen „Community of Minds“ zu sein. Idealerweise in leitender Position.

Die Probleme traten auf, als das WWW wirklich ein mächtiges und andere Kommunikations- und Medienformen unkontrolliert verdrängendes Phänomen wurde. Das erste für viele sehr deutliche Signal war mutmaßlich die Napsterisisierung des Musikkonsums. So schwenkte die Debatte spätestens in den 2000-Jahren mehr und mehr in selbstgerechte Urteile zum Überholtsein alter Medien um, die gegen Kulturverfallsthesen, Verteufelungen und Bedrohungsszenarien jeder Färbung gefeuert wurden (bzw. umgekehrt) und auf den entsprechenden Podien nicht selten in für Außenstehende eher peinlich wirkende Deutungskämpfe und kleinkarierte Rechthabereien mündeten.

Richtig heiß und paradox liefen die Debatten, als die Schlacht auf der herunter bipolarisierten Grundebene (Digital=Zukunft+erstrebenswert vs. Analog=Geschichte+zu überwinden) absehbar gewonnen war und Google und Apple und andere erfolgreich die Monopolisierungen, der die frühe Netzgemeinde gerade durch digitale Alternativen entgehen oder auch etwas entgegensetzen wollte, reproduziert hatten. Netzgesellschaftliche Topoi waren vergleichsweise weiche Ziele für Polemiken, wo im harten Kern schlicht die kommende Verteilung der Tortenstücke der Digitalökonomie zwischen alten, absteigenden und neuen, aufstrebenden Akteuren ausgefochten aber selten an sich hinterfragt wurde. Letztlich führt sogar die Frage nach Closed oder Open Access vor allem zu einer volkswirtschaftlichem Abwägung, die mögliche informationsethische Argumente deutlich überlagert.

III

Parallel und vielleicht auch müde vom jahrelangen Ringen bzw. Selbstdefinieren und/oder verführt durch – wie auch Tilman Baumgärtel erwähnt – klassische Etablierungsmöglichkeiten „als populäre und gutbezahlte Konferenzredner und Unternehmensberater“ versanken viele der einstigen Digitalrevolutionäre schließlich mehr oder weniger vollständig in einer Apple-ästhetisierten Welt der Nabelschau, in der Utopien, so scheint es heute, einzig technisch-funktional als „The Next Big Thing“ überlebten. Die übergeordnete Provokation blieb nicht selten als Grundgeste erhalten – aber immer auch irgendwie als Produkt und ein bisschen austauschbar.

Das Bibliothekswesen schloss weitgehend erst zu diesem Zeitpunkt auf, übernahm teilweise schnell die Phraseologik der 2.0-Sprache, in der es von Anfang an nur um Geschäftsmodelle, also Marktstrukturierung ging, die aber die Emanzipationsmetapher als voran geschobene Brechstange dazu benötigte, sich so zu immunisieren, dass sie jede Kritik sofort als reaktionär abwehren konnte.

Auf der anderen Seite kämpften ein paar Protagonisten mit noch stumpferen Waffen um die Beibehaltung eines vordigitalen Stands. Die Berliner Bibliothekswissenschaft war in dieser Zeit, auch das gehört zur jüngeren deutschen Bibliotheksgeschichte, derart in Selbsterhaltungs- und Neuausrichtungsbemühungen derangiert, dass sie selbst den bibliothekarischen Fachdebatten zum Thema kaum Impulse geben konnte. Es blieb am Abend eines Tages zumeist nur Affirmation, nicht selten mit einer Prise Servilität.

Mit der Durchsetzung des WWW als Konsumraum reduzierte sich der utopische Gehalt auf den Zentralwert des immer guten „Neuen“ und eine Rhetorik der vorreitenden Andersheit, die auch dann noch werbewirksames Verführungsmittel war, als die große Masse längst mitstrudelte. Der Schlüssel des Erfolges liegt möglicherweise in der permanenten technischen und gestalterischen Optimierung und/oder Variation der Endgeräte, was durch neue Produktzyklen immer zugleich Fortschritt signalisierte, wo man eigentlich nur das Display etwas breiter zog. Auch mit rein konsumistischer Hingabe konnte man sich lange Zeit als Teil einer aufbrechenden Zukunftsgesellschaft fühlen.

Fast unvermeidlich wurden in die Diskurse zur Aufgabe der Bibliotheken darauf nachjustiert. Konsum (bzw. Erlebnis) und die Herstellung der Anschlussfähigkeit an den Arbeitsmarkt (hier als Bildung verstanden) wurden die windschnittigen Pole, zwischen denen sich Bibliotheksarbeit im frühen 21. Jahrhundert zu entfalten hatte. Das Mittel wurde das, was alle(s) bewegte: Technologie. Die Freude am Aufbau neuer Infrastrukturen war unzerbrechlich und wo es Risse gab, wurden diese mit der Annahme, dass Bibliotheken garantiert aussterben, wenn sie nicht sofort aktiv werden, grob gekittet, wo man vielleicht ein bisschen mehr hätte kittlern sollen.

IV

Die Legitimationspflicht liegt bekanntlich selten auf Seiten der Revolutionäre und eventuelle Grundsatzfragen kann man immer zunächst hinter der Dringlichkeit des Augenblicks und später dann hinter den Erfolg vermeldenden Tatsachen vergraben. Wenn es nur neu ist und die Scheinobjektivität der Nutzungsstatistik eine Art Erfolg vermeldet, dann erübrigt sich meist jede weitere Analyse. Nicht nur, aber vor allem die Geschichte zeigt freilich, wie nachteilig sich eine Verlagerung von Richtungsentscheidungen auf das Maß der Masse (gern instrumentalisiert für die Interessen einer Elite) auswirken kann.

Das Problem auch der bibliothekswissenschaftlichen Diskurse war lange, dass es zwischen unwissender Ablehnung und nicht viel mehr wissender Affirmation so gut wie keine theoretisch grundierte Reflexionsarbeit geschweige eine aufklärte Kritik der Entwicklungen gab, die eine andere Annäherung und eine möglicherweise stärkere an übergeordneten Werten fundierte Innovationslenkung nach sich hätte ziehen können.

Nach wie vor werden vorwiegend externe Trends (oft ein bisschen unsystematisch) aufgegriffen, die, sofern möglich, die Grundlage einer bibliothekarischen Selbstoptimierung bieten. Eine gestaltende Rückbindung an die Gesellschaft findet dagegen nur äußerst eingeschränkt statt, wobei man sich gern auf eine mittelbare Wirkung beruft.

Dabei enthalten das Konzept der Bibliothek wie auch seine realweltliche Ausprägung ziemlich viel von dem, was es braucht, um unter Nutzung digitaler Technologien, tatsächlich ein Stück weit utopischer, d.h. gezielt an, wenn man so will, humanistischen Werten orientiert, gesellschaftsprägend zu wirken. Die Utopie für die Bibliotheken wäre etwas kleiner, weniger disruptiv gerichtet, als die Vorstellungen beispielsweise von Timothy Leary oder Howard Rheingold. In ihr ginge es eigentlich nur um das die forcierte Schaffung eines Bewusstseins, das zu einer kritischen und hinterfragenden Auseinandersetzung mit den scheinbar selbstverständlichen wirtschaftlichen und politischen Rahmungen der Lebenswelt befähigt. Die Bibliothek wäre in gewisser Weise in der permanenten Opposition, ein Raum, um ein „Es könnte und kann auch anders sein“ zu denken. Man könnte es eigentlich Aufklärung nennen.

V

Der Zeitpunkt könnte für eine entsprechend aktivere Positionierung richtiger nicht sein. Nach Edward Snowden gibt es offensichtlich ein interessantes Erwachen, das möglicherweise im Rückblick mehr von einer Zäsur haben wird, als wir heute ahnen. Dass die Reaktionskette auch in der Politik eher emotional (erst Überraschung, dann Empörung) ausfällt, zeigt, wie notwendig ein differenzierendes und abgeklärtes Bewusstsein in dieser Richtung wäre.

Was die aktuelle Debatte eigentlich nur offenbart, ist, dass die klassischen, vordigitalen Machtverhältnisse wieder- bzw. im Web ebenfalls hergestellt sind. Der scheinbare Alternativraum wurde ganz klassisch erobert. Das WWW ist heute ein Marktplatz und zugleich eine ausgezeichnete Kontrollbasis, wobei die dahinterliegenden Prozesse der Marktakteure und der staatlichen Kontrolle fast auf identische Weise funktionieren, wie Tilman Baumgärtel unterstreicht:

„Das Geschäftsmodell von Google basiert im Grunde auf einem Data-Mining, das demjenigen, das die NSA betreibt, vergleichbar ist. Der Unterschied ist lediglich, dass die NSA Terrorverdächtige identifizieren will, während Google sein gesammeltes Wissen über seine Nutzer analysiert, um ihnen auf sie geschnittene Werbebotschaften zu präsentieren.“

Das ist kein Ende der Utopie, sondern eine wenig überraschende, aber geschickt vollzogene Gegenrevolution. Das erhoffte Shangri-La wurde ganz traditionell kolonialisiert. Die harmlose politischen Spätrudimente der digitalen Aufbruchseuphorien (mustergültig: die Piratenpartei) zeigen, wie wenig es braucht, um solche Bewegungen zu marginalisieren.

Letztlich, so eine Erkenntnis mutmaßlich bereits der Steinzeitpsychologie, wollen die Menschen vor allem etwas, was bequem ist und sie ansonsten nicht weiter fordert. So haben sich alte Macht- und Kontrollprinzipien nach wenigen Jahren der Überforderung und Verwirrung nicht nur mit den neuen Strukturen arrangiert, sondern sie nahezu kampflos übernommen. Die meisten neuen Milliardäre dieser Wirtschaft – und das unterscheidet sie erstaunlicherweise kaum von den Oligarchen des Russlands der 1990er Jahre – sind die, die sich besonders opportun verhielten und reibungslos dem sie umgebenden Normensystem (in diesem Fall des Spätkapitalismus) fügten. Ihr revolutionäres Anderssein reduziert sich auf popkulturelle Effekte, eine an Don’t be evil-Nullsätzen ausgerichteten Geschäftsethik und dass sie frech in Billiglohnländern gefertigte Sneaker dort tragen, wo man früher schon in braunen Oxfords schief angeschaut wurde. Man kann ihnen das gar nicht vorwerfen: Keiner dieser Akteure hatte jemals etwas anderes im Sinn, als eine in der Regel genial einfache Idee zur Optimierung einer sozialen Praxis (Informationssuche, Gespräch, Selbstinszenierung) zu entfalten. Weltverbesserung fängt hier im ganz Kleinen und Praktischen an. Und endet auch dort. Allerdings sind die Konsequenzen gewaltig.

VI

Was wir nun sehen – obwohl man es sich, wie Tilman Baumgärtel anmerkt, „eigentlich schon in den Tagen der Morgenröte des Netzes denken“ konnte – ist eine Art Daten-Totalitarismus. Die NSA benutzt zur Krönung, wie wir erfahren, Open-Source-Programme, lange das Königsbeispiel des freien, altruistisch gerichteten und kollaborativen Geistes der neuen Netzkultur. Die türkische Polizei vervollständigt derweil ihre Festnahmelisten anhand von Web 2.0-Profilen.

Dass wohlmeinende Vorkämpfer den Boden für äußerst unsympathische und am Ende menschenfeindliche Regime bereitet haben (bzw. dass die in der Regel einen Hauch weniger idealistischen unter den Vorkämpfern in dieser schließlich auch mitwirkend aufgingen), ist freilich für die Menschheitsgeschichte sehr gewöhnlich. Neu ist die offensichtliche Totalisierbarkeit einer Daten-Macht, die uns in Hinblick auf unsere Kommunikationen, also auf unsere Sozialität und damit unsere Einbettung in der Welt, regulierbarer macht als jemals zuvor. Es besteht eine ziemlich direkte technologische Linie von der Volltextsuche über die semantische Analyse zum Geospacing zur Exekution per Drohne. Dafür, dass wir, d.h. also auch die Bibliotheken und die Bibliothekswissenschaft, das wissen, kämpfen wir mit ziemlich soften Bandagen. Nicht einmal zu einer Diskussion über die datenpolitische Rolle, die das Bibliothekswesen und die Bibliothekswissenschaft übernehmen könnte, kam es bisher.

Es ist verständlich, dass man sich nicht unnötig außerhalb des Kerngeschäfts exponieren möchte (man wird angreifbar) und dass man genauso wenig das Bedürfnis verspürt, außerhalb des Funktionsrahmens, dem die Gesellschaft einem zugesteht, Verantwortung zu übernehmen (man ist ohnehin schon voll ausgelastet). Eigensicherung, so der Eindruck, geht vor Gestaltungswillen. Daher bleibt es oft bei unverfänglichen, ein bisschen  selbstbeweihräuchernden Wahlsprüchen wie „Wir öffnen Welten“ (Bibliothekartag 2014), in denen man alles Mögliche verpacken kann und mit denen man niemandem weh tut. Eine tatsächliche gesellschaftliche Bedeutung ergibt sich daraus freilich noch nicht automatisch. Und  durchgängig überzeugend ist diese Art von Anspruchsdenken, gegossen in nicht in jedem Fall ganz zündendes Bibliotheksmarketing, in Rückbindung an die Realität derzeitiger Wissenskulturen nur mit Einschränkung. Die benötigen die Bibliothek als Weltöffner nämlich nicht zwingend. Die Geschichte winkt dagegen derzeit mit mehr als einem Zaunpfahl dahin, wo sich Bibliotheken ihrer/unserer Zeit gemäß und wirksam nicht nur in sondern auch für eine Öffentlichkeit positionieren könnten.

(Berlin, 05. Juli 2013)

LIBREAS Call for Papers LIBREAS #24: Zukünfte

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Call for Papers by libreas on 1. Juli 2013

Update: Wir haben auf mehrfache Bitte den Redaktionsschluss bis zum 14.02.2014. verlängert. 

„Der Bibliothekar muß Kritiker und Architekt sein – Zerstörer des Veralteten und Bildner seiner eigenen Zukunft.“ (Stummvoll, 1965, 26)

„So besehen ist die Frage nach der Zukunft der Bibliothek im Kern die Frage nach der Zukunft der Druck- und Schriftkultur.“ (Gradmann, 2005, 99)

„Die Bibliothek des späten 20. Jahrhunderts, wie wir sie kennen, wird uns 2050 nicht mehr begegnen.“ (Kaden, 2006, 43)

Was ist es eigentlich, dieses Verhältnis zwischen Zukunft und Bibliothek? Ist es ein gesundes? Die Zukunft ist, seit die Moderne begonnen hat, immer gleich um die Ecke, immer Bedrohung und Verheißung zugleich, als greifbarer Fortschritt oder als möglichst zu vermeidende Apokalypse. Die Zukunft treibt Entwicklungen, man strebt ihr entgegen oder fürchtet sie. Die Zukunft war die virtuelle Sphäre des Handelns bevor wir dem Cyberspace eine www-codierte Form gaben. Sie ist motiviert aus den Unzulänglichkeiten des Heute, sie ist ein Versprechen, bisweilen auch eine Wette. Und sie ist vor allem: ungewiss und unvermeidlich.

Aus vergangenen Zukünften

Die Deutsche Zentralstelle für volkstümliches Büchereiwesen schrieb 1928 auf dem Höhepunkt des Richtungsstreits:

„Die deutsche öffentliche Bücherei steht an einem entscheidenden Wendepunkt ihrer Entwicklung. Große neue sachliche Arbeitsbereiche, mit deren Bewältigung erst die volkstümliche Bücherei ganz zu sich selbst kommen wird, haben sich aus einem dreißigjährigen Arbeitsgang herauskristallisiert, zugleich aber geht die volkstümliche Bücherei im Zusammenhang mit Davesplan und Kulturabbau der Gemeinden, schweren elementaren Existenzkämpfen entgegen. Will sie die sachliche Arbeit ersprießlich leisten und die Existenzkämpfe erfolgreich bestehen, dann bedarf sie in sich selbst eines großen Maßes von Festigkeit und Einheit. Hieran fehlte es in den letzten Jahrzehnten der volksbüchereipolitische Kämpfen […].“ (Deutsche Zentralstelle für volkstümliches Büchereiwesen 1928, V)

Die Terminologie ist vielleicht eine andere, die Problemstellung leicht anders (obwohl: es geht um Geld und darum, dass alles schlechter wird), die Empfehlung ist vielleicht etwas anrüchig geworden. Aber die Struktur der Argumentation lässt sich so oft finden, wenn es um die Frage der Zukunft von Bibliotheken geht.

Gleichwohl wissen wir als Bibliothekswesen schon lange, dass es so, wie es vorhergesagt wird, nicht unbedingt kommen wird:

„Wir wissen nicht und können es auch nicht wissen, wie die Bibliothek der Zukunft aussehen wird, Prophezeien ist eine schwere und ungewisse Sache; wir können uns daher mit diesem Problem nur mit einem recht unbestimmten Grad von Wahrscheinlichkeit befassen.“ (Stummvoll 1965, 1)

Nicht zuletzt wissen wir, dass das, was wir heute als drängende Frage stellen, in kurzer Zeit ein veraltetes Thema sein kann. Die Fragestellungen einer bibliothekarischen Konferenz 1977 lauteten zum Beispiel:

”1. First of all, do we want, do we need computerised information services?

2. If so, what kind of service should we have?

3. Where should it be located?

4. What will it cost?

5. Finally, how should it be paid for?“ (Fleming 1977, 3)

Heute haben wir für die meisten dieser Fragen klare Antworten.

Zugleich drängt sich, je länger je mehr, auch ein Verdruss auf, wenn es um die Frage nach der Zukunft der Bibliotheken geht: Wiederholt sich nicht einfach alles immer wieder in leicht verschobener Terminologie? Ist es nicht so, dass eher die Bibliotheken getrieben werden, statt dass sie selber ihre Zukunft bestimmen? Ist die Diskussion um die Zukunft nicht eine zeitlose und lästige Debatte? Sollten wir nicht lieber eine ewig währende Gegenwart annehmen, in der wir uns auf Umweltentwicklungen hin optimieren? Wäre dies nicht der realistischere Weg?

Leptolepis

Was von den Gegenwarten bleibt ist bisweilen nur ein Abdruck. Da kann man noch so weiterbildungsbewusst und/oder biegsam sein – und soweit unsere paläo-ichthyologischen Grundkenntnisse reichen, schwärmte dieser Leptolepis sogar einmal in einer Schule (in Mittelfranken). Irgendwann in ferner Zukunft zeigt sich selbst der dickste Fisch des jeweiligen Präsens nur als ein Schatten, wie zufällig auf einer Schiefertafel gehoben. Der Kalkstein ist übrigens tatsächlich nicht nur für ein einschlägiges Jurastudium relevant. Sondern er war auch das Material, das Alois Senefelder für seine Flachdruckplatten nahm. So zeigt sich, dass sowohl die Erdgeschichte seit Ur-Garnelen-Zeiten wie auch die Steindruckkultur seit etwa 1800 aus dem selben Stoff geschnitten sind. Dass die Knochenfische mit einem dezidierten Zukunftsbewusstsein durch ihre Meereswelten schwammen und schwimmen scheint aus menschlicher Sicht unwahrscheinlich. Denn der Mensch hat die Zukunft erfunden und zwar hauptsächlich für sich. Als Konstruktionsmaterial bleiben ihm dafür zwangsläufig nur die Spuren der Vergangenheit. Beziehungsweise die Spuren vergangener Zukünfte. Eine schöne Eigenschaft von bestandsorientierten Bibliotheken (nach manchen Diskursen eine aussterbende Spezies) ist bekanntlich, dass sie diese Spuren (auch für die Zukunft) nachvollziehbar halten. Sie sind mit dieser Eigenschaft das Solnhofen unserer Kulturgeschichte. Beiträge zu dieser Facette von Zukunft in der Bibliothek sind für LIBREAS #24 selbstverständlich hoch willkommen. Vielleicht auch, damit eines Tages die Fachleute der digitalen Archäologie auf einer Partition eines e-doc-Servers auf Spuren von Kopf und Rückgrat stoßen, die einen ganz  besonderen Horizont der Geschichtlichkeit der frühen Digitalkultur nachverstehbar machen.

Die Zukunft der Zukunft

Schwierig wird es dann, wenn dies dazu führt, dass sich die Daseinsform selbst auflöst. Man benötigt Distanz, um die eigene Situation, die eigenen Möglichkeiten mit dem eigenen Wunschbild abzugleichen. Alles Konkrete eines Blicks in die Zukunft mag falsch sein. Aber sie gibt uns die Möglichkeit zum distanzierten Blick.

Daher kommen wir um die Zukunft nicht herum. Wir wissen, dass wir nicht wissen können, was morgen sein wird. Aber wir können uns verständigen, was wir morgen sein wollen. Und danach handeln.

Wie wird die Bibliothek der Zukunft sein? Wird in Zukunft noch eine Bibliothek sein oder werden wir von anderen Dingen sprechen? Was wird die Bibliothek beerben? Wird sich überhaupt etwas verändern in naher oder weiter Zukunft? Werden die Bibliothekarinnen und Bibliothekare sich ändern? Welcher Gestaltungsspielraum bleibt? Und wenn, wer wird für die Bibliotheken sprechen? Wollen überhaupt wirklich alle in eine (ähnliche) Zukunft? Und wie entwickelt sich die Spannung in der Gleichzeitigkeit von Innovationsanspruch und dem Luxus (scheinbarer) Anachronismen, die je größer scheint, je größer die Einrichtung ist?

In der Ausgabe # 24 möchte die LIBREAS die Zukunft in die Gegenwart (dieser Ausgabe) holen und ruft deshalb dazu auf, Artikel (oder andere Beiträge) zu den Fragen der Zukunft der Bibliotheken, der Medien und aller damit zusammenhängender Themen, Gebiete und Institutionen einzureichen. Als Fragestellungen drängen sich auf:

  1. Fragen der erwartbaren Zukunft. Was können wir nach all den vorhergesagten Veränderungen, die dann doch nicht eintrafen und den Veränderungen, die eintraten, ohne dass sie vorhergesagt wurden, tatsächlich über die Zukunft und die Bibliotheken sagen? Was werden ihre Funktionen sein? Was wird das Personal tun? Wie werden die Gebäude aussehen? Wie wird die Bibliothek heißen?
  2. Wie verstrickt ist die Zukunft der Bibliothek in die Zukunft der Medien-, Kommunikations- und Wissenskulturen?
  3. Welche Zukünfte sind wünschenswert? Und welche nicht? Ist es sinnvoll, über die Zukunft zu reden, wenn die Gegenwart nicht greifbar ist?
  4. Wer oder was ist es eigentlich, dass die Zukunft der Bibliotheken bestimmt? Welche Interessen werden umgesetzt? Wieso? Wie? Wie kann man dies unter Umständen verhindern, ändern, fördern?
  5. Welche Zukünfte prägten die Vergangenheit? Was wünschte man sich, was traf ein, was blieb aus?
  6. Welche Zukunft haben die Wissenschaften, in denen die Bibliothek, ihre Prozesse, Aufgaben und Rollen analysiert werden? Und wie gestalten diese Bibliotheks-, Informations- und Kulturwissenschaften die Zukunft der Bibliotheken?
  7. Bibliotheken und Science Fiction. Nicht zuletzt ist auffällig, dass gute Science Fiction so gut wie nie ohne Bibliotheken oder Informationssysteme auskommt. In Solaris trifft Kris Kelvin wichtige Entscheidungen in der Bibliothek, der Anhalter durch die Galaxis ist direkt eine Community Publication und in Star Trek ist der Computer, welcher offensichtlich eine semantische Maschine darstellt, grundlegend wichtig. Wieso eigentlich ist es offenbar so schwierig, sich eine Zukunft ohne Bibliotheken vorzustellen?

Die LIBREAS begrüßt alle Versuche, sich diesen Fragen zu stellen und freut sich auf Einreichungen zum Thema. (Einreichungen zu anderen Themen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft und des Bibliothekswesens sind ebenso erwünscht.) Hinweise zur Einreichung finden sich unter http://libreas.eu/authorguides/, Deadline für die Ausgabe # 24 ist der 30.10.2013 14.02.2014.

LIBREAS-Redaktion

(Berlin, Bielefeld, Chur, Mannheim, Potsdam)

Literatur

Deutsche Zentralstelle für volkstümliches Büchereiwesen (Hrsg.) (1928) / Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der deutschen volkstümlichen Bücherei. – (Schriften zur Büchereifrage). – Leipzig: Verlag von Quelle & Meyer.

Flemig, M. G. (1977) / Introduction by Professor Fleming, Pro-Rector Imperial College. In: Conference on the Future Role of Computerised Information Services at the University of London : 25 January 1977 ; Proceedings. – London: Resources Co-Ordinating Committee, University of London, S. 5.

Gradmann, Stefan (2005) / Hat die Bibliothekswissenschaft eine Zukunft? In: Hauke, Petra (Hrsg.) Bibliothekswissenschaft – quo vadis? – München: Saur, 2005, S. 96-102.

Kaden, Ben (2006) / Gegenwart, Zukunft und Ende der Bibliothekswissenschaft. In: Hauke, Petra; Umlauf, Konrad (Hrsg.) Vom Wandel der Wissensorganisation im Informationszeitalter. – Bad Honnef: Bock+Herchen, S.29-48.

Stummvoll, Josef (1965) / Die Bibliothek der Zukunft : Automationsprobleme im Bibliothekswesen. – (Biblios-Schriften ; 42). – Wien: Österreiche Nationalbibliothek.

En Vague? Ein Beitrag zur Methodendiskussion in der Bibliothekswissenschaft.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Referate by Ben on 27. Mai 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden

Die Frage nach der wissenschaftlichen Methode in der Bibliothekswissenschaft ist in gewisser Weise die Urdebatte des Fachs und wer sich dafür interessiert, findet in der morgigen Ausgabe des Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquiums am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität möglicherweise die Gelegenheit, an der Fortsetzung selbiger teilzuhaben. Vier etablierte Protagonisten des Fachs – Simone Fühles-Ubach, Petra Hauke, Michael Seadle, Konrad Umlauf – präsentieren das Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Berlin: DeGruyter, Mai 2013, Verlagsseite zum Titel, Inhaltsverzeichnis als PDF). LIBREAS wird sich sicher dem Titel nach Möglichkeit ausführlicher widmen und widmen müssen. Allerdings liegt er uns noch nicht vor.

Verfügbar ist jedoch ein Blogbeitrag des Mitherausgebers Michael Seadle, den dieser zu Beginn des Monats in seinem Weblog Digital+Research=Blog publizierte. Vermutlich nicht ohne Schnittmenge zu seinem Beitrag im erwähnten Handbuch (Entwicklung eines Forschungsdesigns) formuliert er dort eine kleine Handreichung Finding a research question.

Wer seine Veranstaltungen am Institut kennt, weiß, dass für ihn als Bibliothekswissenschaftler völlig zu Recht die Methode und die Forschungsfrage im Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit stehen. Besonders gilt dies für Abschlussarbeiten und Promotionen.  Leider tut er dies offensichtlich nicht nur völlig zu Recht, sondern erachtet es auch als völlig zureichend für die wissenschaftliche Arbeit. Er unterscheidet sich damit jedoch in einem zentralen Aspekt wesentlich von dem, was ich für die Wissenschaft Bibliothekswissenschaft als entscheidend erachte.

Zu Beginn seines Blogpostings schreibt Michael Seadle:

“Many students start with a topic that they would like to research. This is natural, but in some ways secondary to the process of scholarly writing.”

Am Ende betont er:

“The topic matters only in so far as data are available and the research method can reasonably apply. Topics are temporary and can change with the seasons. Good research questions grow ultimately out of the intersection of scholarly methods and quality data. “

Beides verweist auf eine erhebliche Reduktion der Rolle von Wissenschaft, die sich einzig nach einer schematischen Durchführbarkeit richtet. Das Thema ist – bestenfalls – nachgeordnet, weitgehend austauschbar und ergibt sich in jedem Fall von selbst.

Steht einmal eine Methode (“In graduate school I settled on a set of ethnographic tools, which I have used and reused over the decades.”), dann kann man jeden verfügbaren Datensatz damit durchpflügen. Die Forschungsfrage ergibt sich von selbst und sollte möglichst geradlinig beantwortbar sein:

“The best research questions for a thesis are ones with a straightforward answer. I generally recommend a yes/no question, or one that has a quantitative answer, or one that is a choice among reasonable alternatives. These are not the only possible research questions, but questions involving complex issues about “why” or even “how” tend to be beyond the scope and experience of even the cleverest doctoral students. The virtue of  a yes/no type question is that the student can make a clear choice. A thesis with a vague answer is not a contribution to knowledge, while even a very narrowly stated and highly qualified yes/no answer can be a reasonable step forward.”

Man kann dies durchaus als praktikable Lebenshilfe für den herausgeforderten Promovenden verstehen. Es führt aber gerade in einen Zustand, der für mich exakt nicht der Sinn einer wissenschaftlichen Tätigkeit im 21. Jahrhundert sein kann. Nämlich in ein Funktionshandeln, in einen angepassten und schematischen Wissenschaftsvollzug, in dem ein selbstkritisches Hinterfragen genauso wenig verankert ist, wie eine auf übergeordnete Kontexte der gesellschaftlichen Wirkung von Wissenschaft gerichtete Reflexion.

Michael Seadle schreibt selbst und zutreffend:

“Having a method  means absorbing a way of thinking.”

und scheint kein Problem darin zu sehen, dass die absorbierende Anpassung an bestimmte Denkstile (also gerade nicht kritische Elaboration und Anerkennung) die Handlungsweise ist, die zu Ideologisierungen führt. Damit ist – siehe die Frage des “Topics” oben – nicht einmal an inhaltlichen oder wertspezifischen Aspekten orientierte, sondern eine reine Formalideologie gemeint. Nach meinem Verständnis ist die Aufgabe der Wissenschaft aber gerade der Versuch, jede Form von Ideologisierung, auch die der  Funktionalisierung, und den daraus entstehenden Folgen, zu unterlaufen.

Wissenschaftshandeln ist für mich entsprechend politisches und wertorientiertes Handelns in dem Sinne, dass es nicht nur auf die eigene interne Stimmigkeit und das Funktionieren in diesen geschlossenen der Institute und Fachcommunities begrenzt ist, sondern mit jeder Forschungsfrage auch die Richtungsfrage stellt: Wie wirkt das, was ich erarbeite, auf die Gesellschaft, als deren Teil ich handele und – auch das und nicht nur ökonomisch gesehen – in deren Dienst ich stehe und für die ich, in dem ich die von mir übernommene Rolle des wissenschaftlichen Tätigseins auch Verantwortung trage?

Während Bibliotheken als Institutionen ganz offensichtlich ihre gesellschaftliche Aufgabe ohne Berührungsängste thematisieren, liegt nach meiner Beobachtung die große Schwäche der Bibliotheks- und auch der Informationswissenschaft in Deutschland darin, dass sie zu weit von der sie umgebenden gesellschaftlichen Umwelt entkoppelt, agieren.

Dass man den Studierenden des Faches ihr wissenschaftliches Handeln auf die Ideallinie der Binärmuster verengt (yes/no) und zudem die epistemologisch unhaltbare These präsentiert, dass Vagheit, nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit und eher synonym mit Offenheit,  sowie dem Eingeständnis, dass Unschärfe zu komplexen Systemen und ihrer Betrachtung unvermeidlich gehört, keinerlei Belang für die Wissenskultur haben kann, erscheint mir jedenfalls nicht angemessen für eine zeitgemäße Bibliothekswissenschaft. Offen gesagt sogar eher als schädlich.

Allerdings vertraue ich auf die Weltgewandtheit und Intellektualität der Studierenden dieses Faches und darauf, dass sie der wissenschaftlich nicht untypischen Tendenz einer kritischen Opposition zu ihren Lehrern folgen. Das Entscheidende ist dabei sicherlich, wie der Ausbildungsapparat mit seiner systemgemäßen Asymmetrie der Machtverteilung bereit ist, von den Leitlinien – zum Beispiel den Michael Seadle’schen – abweichendes Denken anzuerkennen. Einer dynamischen und lebendigen Disziplin wäre jedenfalls anzuraten, die Außenposten ihres Denkens mindestens genauso zu fördern, wie den linientreuen Forschungsmainstream.

Mir teilte Michael Seadle übrigens einmal für eine Arbeit bei ihm mit, dass es für ihn auch die Derrida’sche Dekonstruktion als Methode akzeptabel wäre. So ganz habe ich mich dereinst trotz des Reizes (glücklicherweise) noch nicht darauf einlassen wollen. Auf eine bestimmte Art scheint mir aber die Dekonstruktion von Selbstverständlichkeiten genau das zu sein, was die Bibliothekswissenschaft als Methode vor dem Hintergrund der Verwandlung ihres Gegenstandes benötigt. Auch wenn am Ende erfahrungsgemäß kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch und ein Nicht-Fisch-nicht-Fleisch und in jedem Fall keine einfache, klar unterscheidbare, in Methodenzwänge formalisierbare Wahrheit stehen wird.

(27.05.2013, @bkaden)

Anmerkung: Namentlich gekennzeichnete Beiträge in diesem Weblog geben ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autoren wieder.

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (20): Steile Thesen, mehr Diskussionen

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 2. März 2013

von Karsten Schuldt

Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen. (Friedrich Dürrenmatt)

Mit der frei<tag> 2013 wollen wir unter anderem die Zukunft der Bibliotheks- und Informationswissenschaft ausloten. Die Zukunft, das wissen wir alle, ist ein Konglomerat aus dem, was man entwirft, dem, was von anderen entworfen wird, den pfadabhängigen Entwicklungen und Machtkämpfen in Institutionen und Gesellschaft sowie unerwarteten Ereignissen. Oder anders: Sie ist nur zum Teil verständlich, nicht einfach planbar, aber auch nicht zufällig. Was auf jede Zukunft vorbereitet, ist ein Verständnis des Gegebenen und eine Ahnung davon, was man haben will. Ansonsten wird die Zukunft keine Zukunft sein, sondern etwas, dass über einen hereinbricht. Die Zukunft wird anders sein als das Heute, aber auch nicht unabhängig sein davon. Was wir heute entscheiden wird Einfluss haben; was wir heute verwerfen wollen kann in Zukunft verworfen sein.

In der Managementsprache kommt oft der Begriff der strategischen Planung vor. Das ist selbstverständlich verwirrend: Strategische Planung klingt danach, als würde alles so kommen, wie man es plant, wenn man nur den Überblick behält, einen klaren Plan macht und proaktiv an seiner Umsetzung arbeitet. Aber: Dabei kann man sich immer verrechnen, wichtige Einflüsse übersehen, über- oder unterschätzen, sich zu sehr auf den Zufall verlassen, den Einfluss des strategischen oder nicht-strategischen Handelns anderer falsch einschätzen. Napoleon zum Beispiel hatte falsch geplant, als er davon ausging, bei Waterloo die englischen Truppen geschlagen zu haben, wenn die preußischen eintreffen würden. Wir wissen: Das stimmte nicht. Aber: Dank seiner Planungen ist Napoleon überhaupt mit Truppen bis nach Waterloo gekommen. (Und immer noch ist das Rätsel offen, ob ein vereintes Europa unter Frankreichs Aufklärung wirklich ein schlechte Option gewesen wäre. Das ist bei anderen Europaeroberungsplänen anders.) Die strategische Planung ist auch nicht vollständig falsch kann uns das lehren.

Oder es könnte auch sein, dass die Welt wirklich untergeht, der Sommer zum Winter wird, die Tage zu Nächten, die Nächte zu Zeiten des allgemeinen Chaos. In den Alpen sich zu verkriechen könnte da eine Strategie sein, aber wer den gesamten Dürrenmatt gelesen hat weiss, dass auch das keine wirklich gute Strategie ist. Wenn die Welt untergeht und selbst auf die Schweiz Atombomben fallen, werden Bücher zu Feuermaterial. Dennoch: Für einige Tage oder Wochen mag der Weg in die Berge, hinauf mit den letzten fahrenden Bahnen, hindurch den Schnee und Niederschlag von dem man nicht weiss: Ist er gut oder schlecht? Was verbirgt sich darunter? eine Hoffnung bieten. Eine trügerische. Aber, wieder Weltliteratur, das  Decamerone zeigt ja auch, dass diese kurze Hoffnung genossen werden kann. If you have to go, why not with a Boom?Andererseits wird man es vielleicht verdammen, dass man damals lieber Bücher las und über die Anwendbarkeit der Foucaultschen Diskursanalyse auf reine Datenmengen stritt, wenn man hätte das Skyfahren erlernen können.

Oder es könnte auch sein, dass die Welt wirklich untergeht, der Sommer zum Winter wird, die Tage zu Nächten, die Nächte zu Zeiten des allgemeinen Chaos. Sich in den Alpen zu verkriechen könnte da eine Strategie sein, aber wer den gesamten Dürrenmatt gelesen hat, weiss, dass auch das keine wirklich gute Strategie ist. Wenn die Welt untergeht und selbst auf die Schweiz Atombomben fallen, werden Bücher zu Feuermaterial. Dennoch: Für einige Tage oder Wochen mag der Weg in die Berge, hinauf mit den letzten fahrenden Bahnen, hindurch den Schnee und Niederschlag von dem man nicht weiss: Ist er gut oder schlecht? Was verbirgt sich darunter? eine Hoffnung bieten. Eine trügerische. Aber, wieder Weltliteratur, das Decamerone zeigt ja auch, dass diese kurze Hoffnung genossen werden kann. If you have to go, why not with a Boom?
Andererseits wird man es vielleicht verdammen, dass man damals lieber Bücher las und über die Anwendbarkeit der Foucaultschen Diskursanalyse auf reine Datenmengen stritt, wenn man hätte das Skifahren erlernen können.

Hier nun ein Aufruf: Wir, als Wissenschaftscommunity aber auch als Bibliothekswesen, sollten die Zukunft nicht über uns hereinbrechen lassen; auch wenn wir wissen, dass eine Planung immer etwas schief geht. Das Planen anstossen tun sehr oft intensive und heftige Diskussionen. Heftige Diskussionen werden sehr oft von steilen Thesen und grossen Behauptungen angeregt, gegen die man sich offen zu verwehren oder denen man heftig zuzustimmen müssen glaubt. Deshalb: Steile Thesen für die Massen! Offen zur Diskussion gestellt.

  1. Auch in zwanzig Jahren werden die Bibliotheken sich gegenseitig erzählen, dass sie sich der Zukunft stellen müssen und dabei immer noch die ähnlichen Angebote machen, wie heute. Die Entwicklung wird nur langsam vorangehen, durch das mangelnde historische Bewusstsein des Bibliothekswesens wird es aber so aussehen, aber sei man „gerade jetzt erst“ dabei, sich zu verändern.
  2. In der Bibliothekswissenschaft wird sich in den nächsten zehn Jahren eine starke sozialwissenschaftliche Strömung etablieren, während die Informationswissenschaft sich weiter in Richtung Informatik orientieren wird. Das wird beklagt, aber nicht verändert werden.
  3. Die Ethnologie wird zu einer Leitwissenschaft der Bibliothekswissenschaft werden.
  4. Das Forschungsdatenmanagement und das, was heute als „Big Data“ diskutiert wird, wird nicht von den Bibliotheken, sondern von neuen Einrichtungen betrieben werden.
  5. Es wird insbesondere im Bezug auf Open Government Data ein gesellschaftliches Interesse daran geben, dass eine Einrichtung mit der gesamten Gesellschaft zusammen beginnt, darüber zu diskutieren, was man mit all den Daten eigentlich anfangen kann. Bibliotheken werden diese Chance, die behauptete Informationskompetenz zu beweisen, vorüberziehen lassen.
  6. In zehn Jahren wird dem Bibliothekswesen klar geworden sein, dass die Behauptungen (a) Informationskompetenz wäre gesellschaftlich wichtig, (b) Informationskompetenz wäre vor allem Recherchefähigkeit und (c) Bibliotheken würden Informationskompetenz fördern, ausserhalb der Bibliotheken kaum ernstgenommen wird. Das Bibliothekswesen wird sich dann zu fragen beginnen, ob These (a) und (b) überhaupt stimmen und sich in diesen Diskussionen verfangen, während die Gesellschaft diese Diskussion weiter ignoriert.
  7. Schulbibliotheken werden sich in den nächsten zehn Jahren in den deutschsprachigen Staaten endgültig als eigenständige Bibliotheksformen etablieren und eine Professionalisierung beginnen. Es wird eigenständige Schulbibliotheksverbände geben, die sich dagegen verwahren werden, das Schulbibliotheken als Sonderformen Öffentlicher Bibliotheken verstanden werden.
  8. Ein tief differenziertes System von Bibliotheksfilialen, die zentrale Dienste zentral organisieren, gleichzeitig den lokalen Anforderungen angepasst sind, wird in zehn Jahren als zukunftsträchtig gelten. Eingliedrige Bibliothekssysteme und grosse Zentralbibliotheken werden als hauptsächlich negativ beschrieben werden. Es wird der Vorwurf erhoben werden, dass die grosse Konzentration von Bibliotheken seit den 1990er Jahren dem Niedergang des Bibliothekswesens Vorschub geleistet hätte.
  9. In zehn Jahren werden wir wieder mehr französischsprachige Fachliteratur lesen und mit den Kolleginnen und Kollegen in Frankreich, der Romandie, Quebec und zahlreichen französischsprachigen Staaten in intensiven Austausch treten. Das wird das deutschsprachige Bibliothekswesen offener und interessanter machen. In zwanzig Jahren wird ähnliches mit dem Spanischen passieren.

Zürich, März 2013

Einen Schritt weiter. Jan Hodel zur “Groebner-Kontroverse” und was die Bibliothekswissenschaft daraus ableiten sollte.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 11. Februar 2013

von Ben Kaden

Im Weblog histnet erschien heute ein Text von Jan Hodel (Die Groebner-Kontroverse. Oder: Zu Sinn und Unsinn von Wissenschaftsblogs. In: histnet. 11.02.2013) zur mittlerweile offenbar so genannten Groebner-Kontroverse. Muss man ihn lesen? Ich denke, man sollte. Denn Jan Hodel nimmt im Bemühen um eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Aussagen Valentin Groebners eben auch die Möglichkeiten zum Umgang mit dem Problem “Muss ich das alles lesen?” in den Blick. Er verweist dabei unter anderem auf die Funktion sortierender und filternder Akteure in der wissenschaftlichen Kommunikation:

“Intermediäre Instanzen, wie sie etwa Redaktionen darstellen, dienen auch der Entlastung der beteiligten Individuen durch Arbeitsteilung. Damit wir nicht alles selber verifizieren und überprüfen, oder auch nur zusammensuchen und im Hinblick auf seine Bedeutsamkeit im wissenschaftlichen Diskurs beurteilen müssen, nutzen wir intermediäre Instanzen, die diese Aufgaben für uns übernehmen. Dies hilft uns, das rare Gut der Aufmerksamkeit gezielter einzusetzen. Ob solche intermediären Instanzen in Zukunft im Stile fachredaktioneller Expertise, dank schwarmintelligenten Zusammenwirkens von adhoc-Kollektiven oder computergestützt mithilfe elaborierter Algorithmen agieren werden […] scheint mir völlig offen.”

Das ist sowohl für die newlis-Überlegungen wie auch natürlich für uns bei LIBREAS bedeutsam. Die bei ihm skizzierte Typologie der Intermediären verweist auf drei Konzepte:

  • ein traditionell redaktionelles der intellektuellen Vorauswahl durch Experten (wie wir es bei Fachzeitschriften, in Editorial- und Peer Review-Verfahren, Herausgeberschaften u.ä. finden),
  • ein auf Netzwerk- und Hinweiseffekte und Post-Peer-Review-Prinzipien setzendes, dass auch auf Multiplikationseffekte über Social Media setzt,
  • automatische Filterverfahren, die von Algorithmen basierten SDI- und Monitoring-Diensten bis hin zu (z.B. webometrischen) Impact-Kalkulationen reichen.

Der Bezug auf die grundsätzliche Unabsehbarkeit der zukünftigen Etablierung eines dieser Ansätze wäre für die Bibliothekswissenschaft allerdings ein zu einfacher und daher inakzeptabler Ausstieg. Denn das Potential für eine bibliothekswissenschaftlich elaborierte Unterstützung von Wissenschaftskommunikation über die Spekulation hinaus wird in diesem Kontext sofort deutlich.

Besonders, wenn man davon ausgeht, dass die Informationsfilterung und -vermittlung in der Wechselwirkung von Mensch und Maschine differenziert entwickelt werden muss, zeigt sich hinsichtlich der Punkte zwei und drei die Notwendigkeit einer Kombination dreier Methodologien als nahliegend, die in diesem Fach eine Rolle spielen (bzw. spielen sollten): Die Soziale Netzwerkanalyse, die Diskursanalyse und die Bibliometrie. In der Kombination lassen sich auf eine solchen Basis Analysestrukturen mit nahezu unbegrenzter Komplexität entwickeln. Wo schließlich die Grenzen zu ziehen und der Komplexität zu setzen sind, ist Sache der Konkretisierung, Ausentwicklung und Implementierung. An diesem Punkt sind wir in unserem Fach leider noch nicht, denn soweit ich sehe, verhandelt man derzeit überhaupt erst eine in diese Richtung weisende Forschungsagenda.

Wenn also Jan Hodel aus der Perspektive des Historikers schreibt:

“Doch wie genau sich dies vollziehen wird und welche konkrete Bedeutung für unseren jeweiligen Wissenschaftsalltag dies haben wird, darüber kann im Moment nur spekuliert werden.”

dann sehe ich den Ball (nicht nur) in die Dorotheenstraße rollen und die Verpflichtung, für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft diesen aufzunehmen und vielleicht nicht unbedingt die Lösung aber in jedem Fall den Nachweis einer wissenschaftlichen, d.h. systematischen Auseinandersetzung mit diesem Problem zu präsentieren. Es handelt sich hier nicht um ein Naturgeschehen sondern um eine – zugegeben nicht wenig komplexe – Ausdifferenzierung der Verfahren, Möglichkeiten und Praxen wissenschaftlicher Kommunikation. Dies ist ein Gestaltungsprozess, in dem diverse Akteure vom Wissenschaftler über die Bibliotheken bis zu Verlagen, Social Media-Unternehmen, Hardware- und Suchmaschinenanbietern mit teilweise auseinanderdriftenden Interessen interagieren. Auf die Gestaltung können wir durchaus Einfluss nehmen und sei es nur, indem wir sie strukturiert ent- und aufschlüsseln und abbilden. Für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die zweifelsohne eine große Expertise genau in diesen Fragen besitzt, ist die aktive Teilhabe an diesem Prozess über ein Mitspekulieren hinaus keine Option, sondern eine Verpflichtung. Das Forschungsprofil des Faches ist hier nämlich (wenigstens aus meiner Sicht) exakt die kritische Begleitung und Analyse des: “wie genau sich dies vollziehen wird und welche konkrete Bedeutung für [den] Wissenschaftsalltag dies haben wird.”

(Berlin, 11.02.2013)

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