LIBREAS.Library Ideas

Kunst, Bibliothek und Medienwandel. Eine Sichtung aktueller Publikationen.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 19. Mai 2013

von Ben Kaden

I

Heike Gfrereis, Ellen Strittmatter (Hrsg.) Zettelkästen : Maschinen der Phantasie. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2013.

Es ist nicht unbedingt neu, dass sich Künstler_innen aus diversen Perspektiven dem Phänomen Bibliothek nähern. Aber aus der Sicht derer, für die die Bibliothek nicht nur Ort oder Gegenstand müßiger Lohnarbeit ist, sondern die aus welchem aberwitzigen Grund auch immer eine Kammer ihres Herzens für dieses Kulturobjekt freigeräumt haben, ist dieser zumeist dekonstruierende Blick in der Regel hochinteressant.

Diese Menschen fahren ihrer Leidenschaft gemäß extra nach Marbach, um sich die exzellente Zettelkastenschau anzusehen, die vielleicht weniger das Label Kunst offen trägt, aber genau die Funktion erfüllt, die gute Kunst eben auch erreicht: durch Zusammenführen, Verschieben und Darstellen (oder Weglassen) von Material oder (wenn es Literatur ist) Sprache, Zwischenräume zu öffnen, die sonst verschlossen blieben, durch die sinnliche Aufladung einen Eindruck, ein Gefühl hervorzurufen, hinter das man nie wieder zurückgelangt und das nach und nach zu einem differenzierterem und reicherem Weltbild zu gelangen hilft.

Nun sind die in der Ausstellung Zettelkästen. Maschinen der Fantasie gezeigten, geöffneten und  eben tatsächlich dekonstruktiv eröffneten Objekte, die Kästen Hans Blumenbergs, Friedrich Kittlers, Peter Rühmkorfs, Arno Schmidts, Walter Benjamins, selbstverständlich Niklas Luhmanns sowie einiger weiterer Vertreter der deutschen Geisteselite die Ausstellung, etwas entfernt vom klassischen bibliothekarischen Zettelkatalog. Das verbindende Element ist einzig die Formähnlichkeit.

Jedoch weisen die Exponate einen viel zeitgenössischeren Bezug zur Bibliothek auf. Denn sie nehmen in aller Konsequenz und Verästelung die Idee der semantischen Netze, auf die Digitale Bibliotheken hinarbeiten, und den Gedanken des Hypertextes, aus dem Digitale Bibliotheken geformt werden, mit mechanischen Mittel voraus. W.G. Sebalds Gesichter-Index ist eine Prä-Tumblr-Sammlung von Fundfotos. Walter Kempowskis “Weltkrieg II”-Kartei ist ein nahezu idealtypischer Material-Mash-Up.  Von Hermann Hesses Postkarten-Kartei ist es nicht weit zu einer FOAF-Struktur. Siegfried Kracauers Sammlung zu Jaques Offenbach und dem Paris seiner Zeit nimmt schließlich fast ein wenig das Geospacing vorweg.

Was aber deutlich wird, ist, wie diese schöpferischen Zettelkästen immer gerichtet zumindest begonnen werden – je nach Disziplinen erweitern sie sich bisweilen zum reinen Selbstzweck – immer das Ziel verfolgen, eine enorme Informationsmenge zu strukturieren und beherrschbar zu machen. Die Flexibilität des Mediums Zettelkasten ist auch heute noch beeindruckend oder vielleicht umso mehr, da man sieht, wie so vieles, was heute als Innovation offeriert wird, schon an anderer Stelle mit unglaublicher Konsequenz durchgespielt wurde. Zugleich wird sichtbar, wie Komplexität und Eigensinn des Mediums die Ordnungsversuche immer wieder durchbrechen, wie die Zettelkästen dazu neigen, die, die sie pflegten, zu binden und zu beherrschen. Mehr noch als die Bandbreite der Möglichkeiten des Einsatzes von Zettelleien ist diese Macht des Mediums und seiner Struktur über die Inhalte und die sie nutzenden Menschen das Eindrucksvolle, das man aus der Marbacher Schau als Erinnerung mitnimmt.

Wer sich mit semantischen Netzen über einen schematischen Durchprogrammierwunsch beschäftigt, erhält aus diesem Blickwinkel außerdem einen ganzen Stapel Karteikarten als Inspiration zum Überdenken der eigenen Selbstverständlichkeiten. Aus dieser Perspektive gelingt der Ausstellung das, was man von Kunst idealerweise erwarten kann.

Wer es verpasst, verpasst zwar etwas, aber es ist ja nichts verloren. Denn Friedrich Kittler, der sich von den angesprochenen Zettelkästlern vermutlich am klarsten und bewusstesten mit der Medialität und der Transformation von Medialität befasste, antwortete in einem Interview in seinem Todesjahr 2011 mit der WELT am Sonntag auf die Frage „Erwartet uns eine Edition der gesammelten Festplatten?“

„Ich habe versucht, zumindest die Dateien aufzuheben. Aber die meisten alten CDs sind jetzt kaputt. Meine Zettelkästen dagegen stehen noch hier im Nebenzimmer. Mit Schreibmaschine verfasst, ganz ordentlich geführt.“ (zitiert nach dem besprochenen Band ,S.50)

Wenn also die Dateien alle zu unbezahlbaren Problemfällen der digitalen Langzeitarchivierung geworden sind, wird Friedrich Kittlers Mondfarbensammlung noch problemlos in einem kühlen Archivkeller konsultierbar sein. Der Katalog zur Ausstellung ist dagegen leider, und das ist wirklich der einzige Knackpunkt, so unglücklich klebegebunden, dass er sich nach einer intensiven Lektüre leider buchstäblich selbst verzettelt. Hier hätte man buchgestalterisch wenigsten den Bogen zu einem Karteikartennormformat schlagen können, damit es dem Leser möglich wird, die Seiten dem Prinzip der Maschinen der Fantasie folgend in einem eigenen Kasten neu zu ordnen.

Besprochene Bücher / Mai 2013

Von links nach rechts: Die erste Ausgabe des Bulletins of the Serving Library (sh. IV), der Marbacher Ausstellungskatalog (I) und Sara MacKillops Ex-library Book (III). Die New York Times (II) bekommt man selbst in Berlin gedruckt nur noch als Print-on-Demand.

II

Susan Hodara: An Old Technology, Transformed. ‘Artists in the Archives,’ at Greenburgh Public Library in Elmsford. In: New York Times / nytimes.com. 18.05.2013, Volltext

Wäre der Aufwand nicht so hoch, böte sich als Ergänzung die Reise in die im Vergleich zu Marbach am Neckar noch unscheinbarere Stadt Elmsford, New York an. Denn in der dortigen öffentlichen Bibliothek zeigt man bis zum September eine Ausstellung Artists in the Archives: A Collection of Card Catalogs, die sich weniger aus Gründen des persönlichen Kreativmanagements und mehr zum Zweck der Kreativität selbst mit Katalogkästen und –karten auseinandersetzt. Da Berlin aber doch selbst für das Pfingstwochenende zu weit vom Staate New York entfernt liegt, kann an dieser Stelle nur auf den gestern in der New York Times erschienenen Artikel verwiesen werden. Als Symptom für die Praxis der künstlerischen Annäherung an Medialität und Eigenschaften der Bibliothek eignet er sich allemal, auch wenn er nur wenig zeigt von Carla Rae Johnsons Alternet-Installation, der Arbeit einer Künstlerin, die bereits vor zwei Jahrzehnten recht kurios die Beziehung von Bibliothek und Beton auslotete.

Immerhin zwei Trends für die Kunst mit Bibliotheksbezug werden auch so deutlich: Re-Use, also die in diesem Fall rekontextualisierende Nachnutzung von an sich obsoleten Materialien und zweitens, wie im Fall des von der Fotografin JoAnne Wilcox angestoßenen Call to Everyoneeine partizipations-orientierte Kunstpraxis, wie sie auch bei der im vergangenen Jahr abgehaltenen Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst im Zentrum stand und dort so halb erfolgreich war. (Ich jedenfalls habe mit großer Freude zwei Bögen von Khaled Jarrars Briefmarken-Arbeit in die Welt verteilt. vgl. auch hier)

Von der Web-Anmutung her wirken die Arbeiten ästhetisch freilich sehr anders als die Auguststraßen-Galerie-Kultur. Andererseits ist es auch gar nicht schlecht, einmal nicht in dieser überpolierten Präsentationsästhetik zu schwimmen und die heute etwas eigenartig wirkenden Navigationsbuttons auf Barbara Pages Book Marks- und Buchkunstprojektpräsentation sollten nicht unbedingt von der Arbeit selbst ablenken.

III

Sara MacKillop: Ex-Library Book. Kopenhagen: Pork Salad Press, 2012, Informationsseite beim Verlag

Mehr von Berlin geprägt ist die Arbeit der britischen Künstlerin Sara MacKillop, allerdings eher kreuzbergisch und zwar deshalb weil ihr Ex-library Book in einer Anzeigenkunstaktion an der Normaluhr unweit der Amerika-Gedenkbibliothek (etwa dort, wo die Glitschiner Straße zum Halleschen Ufer wird) in den öffentlichen Raum leuchten durfte. Das Projekt Ex-library Book  beschäftigt sich mit dem Hauptproblem materialorientierter Bibliotheken, nämlich der Aussonderung, die, so der Beschreibungstext zum Clock-Tower-Projekt eine ganze kleine Industrie am Leben hält:

„Manilla book tickets (green or buff), cross ruled catalogue cards (punched), accession sheets (pack of 500), Sinclair display units (1200mm), and self­inking mini date stamps… an industry exists to support analogue archival processes with products that are new but lack newness, already tinged with obsolescence.”

Vielleicht wäre die Idee der Meta-Materialien um das ausgesonderte Buch herum noch origineller fokussierbar. Aber Sara MacKillop entschied sich anders und versammelt in ihrer Publikation zum Thema eine sehr gemischte Abbildung von Spuren, Illustrationen, Flecken und Stempeln, die zweifellos irgendwie mit ausgesonderten Titeln in Verbindung stehen. (LIBREAS selbst hatte einmal eine ähnliche Reihe, allerdings e-only: Ben Kaden: Aussonderungsvermerke. 16 fotografische Variationen über ein Thema. In: LIBREAS 10/11, 2007)  Auch der Zettelkatalogkasten findet in dieser Pin-Wand-artigen Kollektion seine Würdigung.

Die Publikation selbst ist leicht bibliothekssubversiv angehaucht. Jedenfalls deutet die Projekterläuterung auf eine solche Überdrehung:

„An affirmation of a negation: an advertisement for something which is described by what it is no longer; a deadpan statement not of intent but of conflicting ideologies. Exactly what it says it is and not some awful pun; the Ex­library Book is difficult to place.”

Diese an sich sehr originelle Volte wirkt leider in der Publikation nicht so ganz markerschütternd umgesetzt – schlicht weil sich die kleine Arbeit kaum in Bibliotheksbestände verirren wird. Die Kongelige Bibliotek in Kopenhagen immerhin fand für den Titel jedenfalls anstandslos und unkompliziert die passende Sachgruppe: konceptkunst. So läuft die Unterwanderung ins Leere und das Büchlein doch passend in die Ordnung des Lesesaals. Auch die auf die Rückseite des Buches aufgedruckte These wäre differenziert diskutierbar:

„An Ex-library book is the least desirable book in book collecting terms. The term is used for books that once belonged to a library. Ex-library books are generally unattractive, as they have usually been stamped, taped, glued or had a card pocket glued to them. The books have often been damaged by the patrons of the library themselves.”

Das mag pauschal zutreffen. Wo allerdings Läden wie The Monkey’s Paw (mehr dazu auch hier) nach dem Absonderlichen suchen, sind Bibliotheksbestände eine fantastische Quelle. Gerade traditionsreiche Universitätsbibliotheken sondern erfahrungsgemäß mitunter exakt die Titel aus, die in dieses Beuteschema fallen, die so abseitig sind, dass sie zu ihrer Erscheinungszeit kaum je einen privaten Käufer fanden (oder die kaum bewahrt wurden) und die auch in der Bibliothek wenig genutzt und häufig sehr mediengerecht gelagert wurden. Der klassische Buchsammler auf der Jagd nach tadellosen Erstausgaben ist dafür nicht die Zielgruppe. Aber während diese Gruppe ihren Zenit wie fast alle Sammelkulturen zu überschritten haben scheint, wächst die andere, also die derer, die Ungewöhnliche eventuell sogar aus eigenartigen und längst geschlossenen Bibliotheken suchen. Auf die freilich groß genug wird, dass es sich für den Antiquariatsbuchhandel lohnt, sie gezielt ansprechen, vermag auch ich nicht aus meiner Alltagsempirie zu beantworten.

IV

Bruce Sterling: The Life and Death of Media. In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 2-16
Rob Giampietro, David Reinfurt: Information on Libraries. In: In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 17-24
Angie Keefer: An Octopus in Plain View. In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 40-76

Eventuell entspricht die Größe dieser Gebrauchtbuchkundengruppe ja dem Leserkreis des Bulletins of The Serving Library, dessen erste Ausgabe zwar bereits 2011 erschien, es aber erst jetzt auf meinen Schreibtisch schaffte. Es ist eine äußerst merkwürdige Publikation, die freilich für alle, die sich dafür interessieren, wie Jaron Lanier („better know as the father of virtual reality“) über die Biologie bzw. Kraken Claude Shannons Informationstheorie in ihre Schranken weist und für Rechnerarchitektur etwas weitaus komplexeres im Sinn hat:

„Lanier […] thinks Shannon’s “information” should be renamed “potential information.” Against the protocol-based programming of contemporary computing, he offers the model of PHENOTROPIC computing. The goal of phenotropic computing  is to render systems in which every instance of information in a system relates to its context and which can effectively make inferences about other systems based on how they behave in a shared context. Communication transmissions in a phenotropic system MUST have a causal relationship to their environment. Instead of thinking of information as single bit traveling from A to B, Lanier conceives of an ever-changing SURFACE from which multiple points are sampled simultaneously and continuously.” (Keefer, S.74 f.)

Dieses systemische Verständnis ist für Bibliotheks- und Informationswissenschaft nicht ganz neu aber eher auch nicht ganz etabliert. Und während man in den Mühen der Ontologie-Einebnungen rund um irgendwelche semantische Netze die Probleme der traditionellen Sacherschließung und Thesaurus-Kunde potenziert, dürfte die Big-Data-Avantgarde mit der Erschließung konkreter Kommunikationshandlungen in Sozialen Netzwerken längst auf der Schussbahn eines pragmatischen Netzes unterwegs sein, die möglicherweise die Semantic-Web-Entwicklungen bereits in die Ecke der Obsoleszenz schiebt, bevor diese in wirklich ausgereiften Anwendungen massentauglich werden.

Darüber hinaus gibt einen schönen Aufsatz des Science Fiction-Autors Bruce Sterling, der von Jacqueline Goddards Erinnerungsthese, die Erfindung des Telefons hätte die Kultur von Montparnasse zerstört über Medientransformationen nachdenkt und – nicht unberechtigt und wunderbar staunend  schlussfolgernd – fragt:

„What’s our hurry anyway? When you look at it from another angle, there’s an unexpected delicious thrill in the thought that individual human beings can now survive whole generations of media. It’s like outliving the Soviet Union once every week! That was never possible before, but for us, that is media reality.” (Sterling, S. 15)

Und er fährt mit einer Verortung fort, die man sich durchaus für die Gelegenheiten merken kann, an denen man einen originellen Vergleich benötigt:

„It puts machines into a category where machines probably properly belong – colorful, buzzing, cuddly things with the lifespan of hamsters. This PowerBook has the lifespan of a hamster. Exactly how attached can I become to this machine? Just how much of an emotional investment can one make in my beloved $3,000 hamster?” (ebd.)

Wir alle kennen natürlich die – Hamster! – Bilder von MediaMarkt- und Apple-Store-Eröffnungen und die Psychologie ist sicher befähigt, schlichte und handliche Beschreibungen dieser Ereignisse formulieren. Kulturtheoretisch ist das diese gesellschaftliche Umpriorisierung von den medialen Inhalten hin zu den Anzeige- und Übertragungsmedien eine aufregende Angelegenheit, wobei kulturtheoretisch mittelbar ebenfalls bibliothekskulturtheoretisch heißen muss.

Rob Giampietro und David Reinfurt erörtern schließlich in einem FROM 0 to 1 überschriebenen Gespräch den Eigensinn der Information und die Frage, was diese wirklich will – und zwar im Anschluss an Steward Brands totzitierte Aussage „Information wants to be free.“ Bücher mögen hier wahlweise als Gefäße oder Gefängnisse angesehen werden. In jedem Fall binden sie als Informationsträger die Informationen in bestimmten medialen Beziehungsraum, der sich grundsätzlich von dem digitaler Medien unterscheidet:

„[…] [B]ooks want to remain as book-like as possible, while other information carriers – webpages, for example – try to take their place. We dislike calling Amazon’s Kindle a “book”. It’s really something that’s emulative of a book. You “turn” a digital “page” by pressing a button, which wipes the screen of pixels and replaces those pixels with new ones. Design is the set of decisions that add one metaphor on top of another to make the Kindle feel book-like. It’s an exercise in analogy. But Books don’t want the Kindle. Books, as a medium, want more books. Information, however, just wants to be transmitted, through whatever host allows it to spread as widely as possible.” (Giampietro, Reinfurt, S. 23)

Man kann die Digitalisierung also auch sehr evolutionär interpretieren und die Vorstellung, die Information strebe aus einem innneren Strukturzwang automatisch nach dem für sie weitreichensten und einfachsten Verbreitungsweg, ist nicht ohne Reiz, fordert aber zugleich eine Abgrenzung ein – nämlich die zwischen Information im Bit-Sinn und der Kultur, inklusive dem Wissen, der Informationsnutzung und der Mediengestaltung. Wahrscheinlich zwingt uns der Eigensinn von Information tatsächlich dazu, Medien in einer bestimmten Weise zu gestalten. Unsere eigenen Intentionen, Anspruch und auch sinnliche Dispositionen spielen jedoch mindestens eine gleichwirksame Rolle. Für die Information an sich mag das Buch (oder auch der Zettelkasten) eine längst überholte Bremse sein. Für den Menschen selbst könnte aber gerade diese die Information und ihren Fluss durch Materialität restringierende Form eine besondere, nicht emulierbare Bedeutung besitzen. Vielleicht auch nicht, aber nachdenken sollte man darüber schon.

Auf S.91 des Hefts wird eine bekanntere Übersicht von Régis Debray zitiert, die das Dreistadienmodell Logosphäre (Schreiben) – Graphosphäre (Drucken) – Videosphäre (Audio-Visualisieren) mit bestimmten Symbolrahmen und sozialen Bezugsgrößen in Beziehung stellt. Anhand dieser lässt sich sehr gut die mediale Verschiebung auf die ethische Grundfrage „Wie wollen wir leben?“ rückbinden. Beispielhaft sei hier nur die Entwicklungen des Bezugs für die Legitimation angegeben: Logosphäre: Das Gottgegebene (denn es ist heilig), die Graphosphäre: Das Ideale (denn es ist wahr), die Videosphäre: Das Effektive (denn es funktioniert).

Wenn wir also über die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichem und Medienwandel nachdenken wollen, was aus meiner Sicht der Kern der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Wissenschaft sein sollte, dann wird hier deutlich, dass es sich bei weitem nicht einzig um Fragen von Oberflächendesign und Übertragungstechnik handeln kann.

Und wenn uns als Aktive dieses Faches sowohl die Dekonstruktionen und die Metadiskurse aus der Kunst entsprechend sensibilisieren und gleichzeitig dadurch hinterfragen, dass sie die Thesen verhandeln, die eigentlich bzw. zugleich unser Stoff wären, dann ist das nicht nur eine Anregung. Sondern parallel – und viel entscheidender – die implizite Frage, ob die Strukturen unserer Wissenschaft, die diese großen, übergeordneten und entscheidenden Fragen nur äußerst selten befriedigend zu greifen bekommt, möglicherweise häufiger mehr eine Praxis der Selbsterhaltung als eine des progressiven Denkens pflegt.

Wenn Régis Debray mit seinem Schema Recht hat und wir ohnehin von der Kultur des Arguments hin zu einer Kultur der Verführung (auch als Form der Gesellschaftssteuerung) gleiten, dann stellte sich tatsächlich die Frage, ob für das Betrachtungsfeld unserer Disziplin nicht mehr mit gezielter Kunst- als mit Wissenschaftsförderung gewonnen wäre?

Die Frage ist selbstverständlich so überspitzt, dass sie sofort bricht, wenngleich die allgemeine Anerkennung und Würdigung von Kunst als Erkenntnispraxis ein fantastischer kultureller Schritt wäre und ich im Gegenzug eine Übernahme bestimmter intellektueller Aspekte der Kunstpraxis in die Wissenschaft genauso gut heißen würde. Dennoch sind die Annährungspfade der Auseinandersetzung aus gutem Grund unterschiedlich. Wir sollten gerade deshalb überlegen, wie man dies in einer übergeordneten Zusammenführung des an sich Getrennten fruchtbar und wirksam machen könnte.

(Berlin, 19.05.2013, @bkaden )

Warum LIS-Zeitschriften. Und warum nicht.

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 5. Februar 2013

Eine Position von Ben Kaden

In Anlehnung an Friedrich Kuhnens Beitrag Der neue Bibliotheksdienst – Hausblatt von De Gruyter? in der Inetbib-Liste erinnert Klaus Graf bei Archivalia ziemlich berechtigt an den großen Sturm im Fachdiskurs des zurückliegenden Jahres:

“2012 wurde aus Anlass der Ankündigung, dass der BD [Bibliotheksdienst] zu de Gruyter geht und sich das OA-Embargo verlängert, zunächst heftig und intensiv über eine Open-Access-Zeitschrift des Bibliothekswesens diskutiert: Arbeitstitel Newlis. [...] Rainer Kuhlen hatte im Herbst 2012 parallel ein Treffen zur Gründung eines hochrangigen englischsprachigen Fachjournals veranstaltet.

Was ist aus alldem geworden?”

Nun offensichtlich nicht viel Greifbares. Dennoch war die Debatte nicht vergebens. Denn sie zeigte, dass es durchaus gelingen kann, einen regen Fachdiskurs anzustoßen, wenn das Thema genügend zündet. Sie zeigt zudem in der längeren Perspektive, dass es derzeit offensichtlich weder im deutschen Bibliothekswesen noch in der deutschen Bibliotheks- und Informationswissenschaft möglich ist, Bedarf, Kompetenz und Ressourcen, die zum Betrieb einer Open-Access-Publikation, wie wir sie uns mutmaßlich alle wünschen, notwendig sind, zu bündeln. Eventuell sollte man sich vorerst mit diesem Gedanken anfreunden. Möglicherweise passt aber auch einfach das Konzept der Zeitschrift nicht mehr so recht in die Zeit.

Johan Schloemann schrieb gestern in der Süddeutschen Zeitung im Nachgang zur Münchner RKB-Tagung:

“Die Art und Weise des Zugriffs kann das Denken verändern […] Inhalte und Assoziationen gehen andere Verbindungen ein, die Gliederung von Online-Ressourcen greift in die Ordnung des Wissens ein, Archiv und Bibliothek wandeln sich in ihrem Wesen.”

In der Tat. Ich lese beispielsweise keine Zeitschriften (direkt), sondern hauptsächlich per RSS-vermittelte Beiträge. Diese beziehe ich auf Themen und Interessen orientiert, wobei die Quelle selbst erst im zweiten Schritt (der kritischen und kontextualisierenden Lektüre) einen Stellenwert erhält. Es gibt nicht DEN einen Titel, der für meine auch fachliche Interessenlage einschlägig ist. Vom Believer über den Bibliotheksdienst bis zu BILD-online kommt alles als Quelle in Frage, wenn mich interessiert wie Bibliotheken, Medienentwicklung und Gesellschaft miteinander in Wechselwirkung stehen.

Meine Rezeption setzt also auf einen sehr heterogenen Quellenverbund aus Blogs, Streams, Zeitungen und auch Zeitschriften. Aus dieser Vielfalt synthetisiert sich dann mittels kritischer Einordnung mein Orientierungswissen in den für mich interessanten Themenfeldern (also in gewisser Weise mein spezifischer Worldstream). Ab und an schreibe ich das dann wieder in Blogs, Zeitschriften oder Sammelbänden nieder. Mit meinem Wissenschaftsverständnis, bei dem es vor allem um Beobachtung, Synopse und Kritik geht und bei dem Statistiken und andere Evidenzmessungen Stützmaterial aber eben nicht Zweck der Erkenntnisfindung sind, harmoniert diese Praxis ganz gut.

Betreibt man in unserem Fach nun selbst eine Zeitschrift, kennt man das massive Problem, dass Produktionsaufwand und Wirkung selten in einem sinnvollen Verhältnis stehen. Es gibt durchaus Gründe, weshalb die Inetbib-Liste und ein paar Weblogs die Fachdiskurse weitaus lebendiger abbilden, als der Bibliotheksdienst, die IWP und sicher ebenfalls die Zeitschrift LIBREAS. Beispielsweise die niedrigen Schwellen und der geringe Aufwand der Teilhabe.

Dies führt dazu, dass bestimmte synoptische Beiträge in Weblogs weitaus häufiger und mit deutlich größerer Wirkung zur Kenntnis genommen werden, als eventuelle Zeitschriftenaufsätze, auf die darin Bezug genommen wird – mit allen Vor- und Nachteilen dieser Praxis. Daher ist der von Walther Umstätter regelmäßig forcierte Bezug zu den Referateblättern, “die einst die deutsche Wissenschaft stark machten” (vgl. hier) außerordentlich zeitgemäß, selbst wenn mittlerweile das erhabene Ziel einer starken deutschen Wissenschaft vielleicht als Anspruch hinter dem grundsätzlichen Bedürfnis, sich generell aktiv und patent in der eigenen fachlichen Umwelt bewegen zu können, zurücktritt.

Das Post Peer Reviewing ist dabei nichts anderes als die kritische und fortschreibende Auseinandersetzung mit den Gedanken anderer zum eigenen Gegenstand. Also eigentlich: Diskurs. Ich denke, dass dies dem Charakter dieses eigenartigen Hybriden aus wissenschaftlichem Anspruch und außerordentlich ausgeprägter praktischer Bewährungspflicht, aus dem sich die Bibliotheks- und Informationswissenschaft und damit auch die Fachblätter konstruieren, weitaus gerechter ist, als eine bemühten Szientifizierung.

Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist keine harte Wissenschaft und benötigt daher nicht zwingend PLOS-artige Publikationsformate. Und dort, wo Konstruktion und mühselige Etablierungsversuche solch hochgesteckter Angebote die intelligentesten Köpfe der Community in organisatorischen Aufwand binden, sind sie sogar unbedingt verzichtbar. Die Zahl derer, die in unserem Fach tatsächlich unter wissenschaftlichen Bedingungen arbeiten und publizieren ist in Deutschland sehr überschaubar. Für alle anderen wäre eine strenge, Peer-Review-basierte wissenschaftliche Open-Access-Zeitschrift eine Hürde, die sie weder nehmen könnten noch wollten. Was also bestenfalls entstünde, wäre ein kleiner bibliotheks- und informationswissenschaftlicher Binnendiskurs einer kleinen Gemeinschaft, die sich zudem, wie eine aktuelle Untersuchung nahelegt, selbst regelmäßig verfehlt. Dafür ist das Fach schon jetzt mit einer genügenden Menge an Plattformen versorgt.

Zweckmäßiger als eine neue Open-Access-Zeitschrift einzufordern wäre aus meiner Sicht tatsächlich die Fokussierung auf alternative, niedrigschwellige Kommunikationskanäle und die Frage, wie sich ein Qualität sicherndes Post Peer Reviewing darin umsetzen läßt. Sicher lassen sich diverse Erfahrungen mit der Medienform Zeitschrift fruchtbar einbinden. Sicher ist es auch sinnvoll, das Konzept der Zeitschrift dort, wo es passt, weiter zu verfolgen. Ich glaube jedoch, dass es in unserer besonders durchmischten Fachwelt immer weniger funktioniert.

Wenn man das Konzept der Zeitschrift bislang nach wie vor so beharrlich weiterverfolgt, dann vermutlich aus zwei Gründen: a) der Gewöhnung (nach wie vor) und b) weil sich damit, auch beim Open Access-Ansatz, Wissenschaftskommunikation sehr gut in vermarktbare Produkte fassen lässt. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass der Diskurs nicht in anderer Form ebenso gut und vielleicht sogar ein Stück lebhafter und für die Kommunikationsform passender möglich wäre. Gerade dafür ist die newlis-Debatte kein schlechtes Beispiel.

(05.02.2013)

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (21): Unkonferenz und Summer School

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Verein by libreas on 26. Juli 2012

Manuela Schulz
Ben Kaden

Es bleiben noch 21 Tage bis zum großen Event. So manche/r ist bereits im Urlaub, einige werden es bald sein, eigentlich möchte man doch bei diesem Wetter nur noch wahlweise in der Sonne baden oder im Schatten dösen oder sich im kühlen Nass erfrischen. Oder durch ferne Länder reisen, andere Kulturen kennen lernen und endlich den lang vorbereiteten Aktivurlaub angehen. Warum sollte man sich also nach Potsdam und Berlin zu einem fachlichen Austausch begeben?

Nun, nirgendwo gibt es soviel geballte Kultur auf einmal wie in diesem nordöstlichen Ballungsraum und auch wenn bei uns keine badewannenwasserwarmen Wellen schäumen, keine steife Brise weht und es keine Berge zu erklimmen gibt, bieten die Berliner und Brandenburger Landschaftsräume wunderbare Erholungsmöglichkeiten. Unser erster Countdown hat es bereits deutlich gemacht.

Freit 2012 vor Rubus

Ein ziemlich verwegener Assoziationssprung verbindet die Brombeere bei chemisch Interessierten regelmäßig und völlig unsinnig mit einem Halogen, das sich gemeinhin in einer Kategorie mit Fluor, Chlor und Jod tummelt. Dabei ist der Wortursprung von Brom ein ganz anderer und bereits im frühen Fachdiskurs der Chemiker wurde die Anwendung des griechischen Ausdrucks für Bocksgeruch als unpassend kritisiert (vgl. Sigismund Friedrich Hermbstädt (1828) Über das Brom, seine Vorkommen in verschiedenen Substanzen und die Darstellung desselben. In: Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Berlin: 1831; S.85-95) Der Wortursprung der Brombeere (irgendetwas mit brâma, daher mitunter auch Brambeere, Bramelte oder Briem), stellt dagegen das Dornige in den Mittelpunkt. Für uns geht es freilich kein bisschen darum und ehrlich gesagt, verzichteten wir gern auf die garstigen Haken, die sich wie Tanlines a la Twombly nach dem Tauchen im Gesträuch über die Arme ziehen. Was wir wollen, ist die Frucht und zwar möglichst in der tiefschwarzen Fassung. Welche für das LIBREAS-Team eine der vorzüglichen Errungenschaften eines gelingenden Sommers darstellt,  gleich hinter frei-tag;, Summer School und dem Bad in der Brandung.

Da man aber bei bestem Wetter ohnehin nur in den Morgen- und Abendstunden einen ruhigen Fleck am Waldsee findet, gibt es für die Zwischenzeit eine Überbrückung fachlicher Art. Auf der Unkonferenz frei<tag> 2012 in Potsdam wollen wir mit euch in ungezwungener Atmosphäre über Themen diskutieren, die für die eigene Profession schon immer unter den Nägeln brannten und uns gemäß des diesjährigen Mottos Stand der Bibliotheks- und Informationswissenschaft mit Forschungsfragen auseinandersetzen. Die Unkonferenz bietet insbesondere jungen Forschenden und Studierenden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft eine Plattform zum Vorstellen und Abgleichen ihrer Ideen, Thesen und Wahrnehmungen sowie die Option zum Austausch mit der Bibliothekspraxis.

Interessierte können sich gerne vorab  im frei<tag>-Wiki anmelden und vor allem Themenvorschläge machen. [Update: Nachdem dort mit dem eisernen Besen der Anti-Spam-Maßnahmen ausgekehrt wurde, vermutlich wieder ab heute Abend.]

Der Veranstaltungsort ist das bewährte Schaufenster der Fachhochschule Potsdam (Friedrich-Ebert-Straße 4, Google Maps). Man erreicht es gut zu Fuß vom Hauptbahnhof Potsdam in sehr wenigen Minuten und kann sich auf dem Weg sogar den Bauplatz eines Schlossneubaus anschauen. Das bieten derzeit nicht viele Städte.

Berlin zum Beispiel wartet noch auf den Spatenstich. Die Summer School steht dagegen bereits. Sie dient in den Räumen des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin der gemeinsamen Weiterbildung und zwar in einer Weise, die bitte nicht so trocken ist, wie das Wort Weiterbildung leider klingt. Worum es geht, ist Methodenwissen zur wissenschaftlichen Arbeit in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, das bekanntlich erst die Grundlage für ein leidenschaftliches und gelingendes Arbeiten in diesem Fach bietet. Da sich die Wissenschaftslandschaft insgesamt sehr wandelt (Stichworte: Digitalisierung, Digital Humanities, Grids, Science 2.0), stellt sich unvermeidlich die Frage, mit welchen Methoden ein Fach wie das unsere im fortschreitenden 21. Jahrhundert operieren sollte. Wer darauf eine Antwort weiß, muss kommen. Wer dazu weitere Fragen hat, ebenso. Gewünscht ist eine aktive Beteiligung, auch wenn oder gerade weil die Workshops im Vorhinein vorbereitet sind. Vier Cluster prägen das Programm:

- I Schreiben und Publizieren in der LIS,
- II Forschungsfragen und Trends in der LIS,
- III Verteilt Arbeiten, Zusammen Publizieren,
- IV Zeit- und Projektmanagement im Forschungsprozess.

Interessierte können sich anmelden bei:  mail (at) libreas-verein dot eu
Und natürlich weisen wir niemandem mit fachlichem Interesse, der uns ohne Vorankündigung überrascht, die Tür.

Veranstaltungsort:  Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin (Dorotheenstraße 26, Berlin). Das Institut (Google-Maps) ist von den Bahnhöfen Friedrichstrasse und Hackescher Markt zu Fuss und vom Bahnhof Alexanderplatz per Bus gut zu erreichen.

Welcher Art Wissenschaft soll die (Bibliotheks- und) Informationswissenschaft sein? Ein Workshop-Bericht

Posted in LIBREAS.Debatte by libreas on 7. Juli 2012

Welcher Art Wissenschaft soll die (Bibliotheks- und) Informationswissenschaft(1) sein?
Ein Workshop-Bericht

von Ben Kaden und Karsten Schuldt

„Es gibt keine höhere Instanz als die innerhalb des Diskurses herbeigeführte und insofern rational motivierte Zustimmung der Anderen.“ – Jürgen Habermas: Charles S. Peirce über Kommunikation. In: ders. (1991) Texte und Kontexte. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S.24.

„Eine nüchterne, reservierte, leidenschaftslose Wissenschaft wäre kaum zu ertragen. Eine trunkene, aufdringliche, erregte Wissenschaft noch weniger. Mindestens in einem Punkt ist die Wissenschaft jedoch leidenschaftlich [...]: Sie erinnert sich fortgesetzt an das Erfordernis der Nüchternheit.“ – Maren Lehmann: Wissenschaft im Rausch. In: dies. (2011) Theorie in Skizzen. Berlin: Merve Verlag. S. 160.

I.


Im März 2012 brandete im LIBREAS-Weblog eine kurze und leidenschaftliche (im Sinne Maren Lehmanns) Debatte zwischen den beiden Autoren dieses Berichtes auf. (2)(3), (4)(5)(6)

Grundsätzlich ging (und geht es weiterhin) um folgende Fragen:

Wie viel oder wie wenig Diskurs findet sich in Metadaten beziehungsweise Netzwerken von Metadaten?
Und was davon kann wie informationswissenschaftlich ausgewertet werden?

Obgleich wir nicht in allen Aspekten dieser Diskussion zu einer Übereinkunft kamen, stellten wir doch zugleich fest, dass wir (a) auf einige ungeklärte Fragen zu Bedeutung, Inhalt und Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft gestoßen waren, die wir (b) als höchst diskussionswürdig ansehen. Zudem fiel auf, dass wir (c) bei allen Differenzen durchaus einige Überzeugungen teilen.

(1)  Für uns steht fest, dass die Bibliotheks- und Informationswissenschaft eine soziale Wissenschaft darstellt. Es ist also eine Disziplin, die sich mit den sprach- und symbolbasierten Beziehungen, Verhältnissen und Kommunikationen zwischen menschlichen Akteuren befasst. Ob das Fach auch eine Sozialwissenschaft im engeren Sinne sein kann, sollte durchaus Gegenstand einer fortlaufenden Diskussion sein.

(2)  Alle Information ist für uns in letzter Konsequenz kontextuell. Information ohne Kontext ist keine solche. Spätestens seit Claude Shannons Informationstheorie ist bekannt, dass eine Information wenigstens einen Sender, einen Kanal und einen Empfänger benötigt – was in gewisser Weise einen abstrakten Mindestkontext definiert. Wir sind uns allerdings uneinig, wie und wann diese Kontextualität in die wissenschaftliche Auseinandersetzung einbezogen werden kann beziehungsweise sollte.

(3)  Metadaten, die zu Informationsobjekten gehören beziehungsweise zur Beschreibung von Zusammenhängen von Informationsobjekten dienen (insbesondere wenn diese Teil von Debatten darstellen) sind mit dem gleichen Recht Untersuchungsobjekt der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, wie die Wissensobjekte selbst.

(4)  Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist als ein Wissenschaftsfeld zu betrachten, welches eine spezifische eigene Geschichte, inklusive gescheiterter Forschungsparadigmata, teils in Schnittmenge zu anderen Disziplinen, aufweist. Die wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung der Disziplin kann beziehungsweise sollte selbst Teil der Forschungsagenda werden.

(5)  Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist vorrangig eine befragende und beschreibende Wissenschaft. Das Paradigma der Praxisforschung scheint uns, zumindest als einseitig in den Mittelpunkt gerückter Zweck, gefährlich (und zugleich als langweilig). Werden die Bedingungen der eigenen Forschung nicht reflektiert, droht die Gefahr der Entwicklung restringierender und also sehr beschränkter Erkenntnisstrukturen, die den Herausforderungen an die Disziplin nicht gerecht werden können. Zudem ist eine primär auf konkrete Produkte und Dienstleistungen gerichtete Forschung als akademische Disziplin nicht haltbar. (more…)

#newlis – Zwischen #innovation, #Anspruch und #icamp12

Posted in LIBREAS.Visualisierung by libreas on 17. Juni 2012

Auf dem Weg zu einer neuen OA-Zeitschrift für die deutschsprachige Bibliotheks- und Informationswissenschaft? Das Twitter-Kommunikationsnetzwerk #newlis.

Tweets stecken trotz ihrer 140 Zeichen voller Entitäten, die potentiell für unterschiedliche bibliotheks- und informationswissenschaftliche Fragestellungen interessant sind. So lassen sich Links auf Publikationen, die in Tweets erwähnt werden, für die Messung ihrer unmittelbaren Rezeption oder Hashtags und user-mentions für die Explorationen eines Kommunikationsnetzwerkes heranziehen (siehe ua LIBREAS Tag Twitter). Bis vor kurzem war die Extraktion dieser Eintitäten über die Twitter Search API allerdings nicht explizit in den Metadaten ausgezeichnet, was im Schluss zu ungenauen, und häufig auch unansehnlichen Experimenten mit Linkresolvern und Regulären Ausdrücken führte.

Seit Dezember 2011 exponiert Twitter nun auch die sogenannten Tweet-Entitäten (Tweet Entities), womit sich Medienarten, URLs, Benutzer und Hashtags zielgenau aggregrieren lassen.  Auf GitHub stehen nun vier an Hilfsfunktionen in R zur Verfügung, die auf die Erweiterung der Twitter Search API aufsetzen und über die Suche nach einen Hashtag die netzwerkanalytische Exploration unterstützen.

https://github.com/njahn82/twitter

Kommunikationsnetzwerk #newlis

Als Antwort auf die Ankündigung, dass die von der Zentral- und Landesbibliothek Berlin herausgegebene Zeitschrift BIBLIOTHEKSDIENST ab 2013 bei De Gruyter erscheint, wird unter #newlis die Neugründung einer reinen Open Access Zeitschrift für die deutschsprachige Bibliotheks- und Informationswissenschaft diskutiert und Strategien in einem Etherpad gesammelt.

Mit der Hilfsfunktion hash.search.rt lassen sich Tweets über einen Hashtag aggregieren. Diese ordnet dabei tabellarisch einem Ersteller eines Tweets den von ihm in diesem Tweet erwähnten weiteren Nutzern zu.

Damit lässt sich eine Kantenliste, die die Grundlage  für die obige Visualisierung bildet. Am Beispiel von igraph

#functions under https://github.com/njahn82/twitter/tree/master/Twitter
require(R.utils)
require(igraph)

sourceDirectory("")

# search with hashtag
hash.search.rt <- ("newlis")

#prepare network data
my.graph <- graph.data.frame(my.data[,c(2,3)])

#prepare plot
V(my.graph)$label = V(my.graph)$name
V(my.graph)$label.cex = sqrt(degree(my.graph))*0.4 
V(my.graph)$size = sqrt(degree(my.graph))*2
V(my.graph)$frame.color = NA
V(my.graph)$color = "#E41A1C"

#plot + save
png("testgraph.png")
plot(my.graph,layout=layout.fruchterman.reingold,edge.arrow.size=0.2,vertex.label.color = "gray20")
dev.off()

(nj)

frei<tag> 2012 und LIBREAS-Sommer School. Einladung zu zwei Veranstaltungen

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Verein by Karsten Schuldt on 20. Mai 2012

Der LIBREAS-Verein freut sich, für den August 2012 zu zwei Veranstaltungen einzuladen. Am 17. August wird in der Fachhochschule Potsdam die Unkonferenz frei<tag>-2012. Stand der Bibliotheks- und Informationswissenschaft stattfinden. (In Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Informationswissenschaften, Fachhochschule Potsdam). Am darauf folgenden 18. August wird in der Humbodt Universität zu Berlin die erste Sommer School zu Methden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft veranstaltet. Zudem läd der Verein für diesen Tag zu seiner Jahresversammlung.

Die frei<tag> 2012 soll die Möglichkeit bieten, über die aktuellen Ziele, Trends, Fragen und Entwicklungen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu diskutieren. Grundsätzlich bewegt sich unsere Wissenschaft weiterhin zwischen unterschiedlichen Disziplinen, zwischen einem theoretischen Anspruch und einer sehr praxisnahen Forschung, zwischen sehr auf die Ausbildung von Informationsspezialistinnen und -spezialisten ausgerichtete Einrichtungen, einer Forschung in größeren Bibliotheken, Archiven und Dokumentationseinrichtungen sowie einer an Einrichtungen und ausserhalb dieser betriebenen theorieorientierten Forschung. Gleichzeitig ist unbestritten, dass sich der Disziplin rasant neue Aufgaben, Fragen und Felder stellen. Wir wollen auf der Unkonferenz einen Raum schaffen, darüber zu diskutieren, in welche Richtung sich die Bibliotheks- und Informationswissenschaft bewegt, in welche sie sich bewegen sollte und was sie bislang daran hindert. Zugleich soll die Unkonferenz ein Treffen von Praktikerinnen und Praktikern der Wissenschaft darstellen, als auch einem Raum zum Entwerfen einer Zukunft der Disziplin.
Die frei<tag> 2012 ist als Unkonferenz organisiert. Dies bedeutet, dass alle Teilnehmenden als Expertinnen und Experten angesehen werden, die etwas zur Veranstaltung beitragen können und sollen. Über das genaue Programm wird zu Beginn der Veranstaltung gemeinsam abgestimmt. Alle sind eingeladen, Vorschläge für Workshops – keine reinen Präsentationen oder Vorträge – einzubringen.
Veranstaltungsort der frei<tag> 2012 ist die Fachhochschule Potsdam (Friedrich-Ebert-Straße 4, Potsdam). Die Veranstaltung beginnt um 10 Uhr und endet ab 18 Uhr mit einem Social Event.

Die LIBREAS Sommer School soll dazu beitragen, die Praxis der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu verbreitern und die Kommunikation im Feld zu unterstützen. Angeboten werden Workshops zur Publikation und Forschungsgestaltung, die vor allem an Studierende und angehende Praktikerinnen und Praktikern im gesamten Feld der praktischen Informationsarbeit sowie der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Forschung gerichtet sind. Veranstaltungsort ist das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin (Dorotheenstraße 26, Berlin). Die Workshops finden ab 11.30 Uhr statt.

Am gleichen Ort wird von 15-18 Uhr die Jahresversammlung des LIBREAS. Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Forschung stattfinden.

Die Teilnahme an allen Veranstaltungen ist kostenlos. Spenden für diese oder die weitere Arbeit des LIBREAS-Vereins sind willkommen. Weiter Informationen zu den Veranstaltungen werden auf http://libreas.wordpress.com und http://www.libreas-verein.eu publiziert.

Eine kurze Anmerkung zum Password-Pushdienst vom 3. April bzw. zur Diskussion um die Zukunft der Informationswissenschaft

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 5. April 2012

von Ben Kaden

Willi Bredemeier ging im Password-Pushdienst vom 03.04.2012 kurz auf meinen Text zu Düsseldorfer Runde über die Zukunft der Informationswissenschaft ein und eigentlich wollte ich ihm dort mit einem Kommentar antworten. Da das Captcha der dortigen Kommentar-Funktion jedoch nicht lesbar ist, erscheint er hier. Und weil es ein Kommentar ist auch in übersichtlicher Länge.

„Wer ein Abstraktionsniveau oberhalb aller konkreten Ereignisse, Player, Autoren, Veröffentlichungen und Einrichtungen wählt, nimmt in Kauf, dass er mit seinen Überlegungen letztlich unbeachtet bleibt und keine wissenschaftlichen noch weitere Wirkungen entfaltet. Hier war Ben Kaden mit seiner Einschätzung der Hildesheimer ISI-Konferenz, die später mit einer Einzelkritik an den Beiträgen auf dieser Tagung bestätigt werden sollte, schon mal weiter.” – Willi Bredemeier, Password-Pushdienst, 03.04.2012

Oder, so suggeriert es die Formulierung “höheres Abstraktionsniveau”, tiefer. Aber eigentlich meint Willi Bredemeier vermutlich, ich wäre schon einmal mehr auf ihrer Linie gewesen. Ich denke, es sollte nicht darum gehen, Beiträge gegeneinander auszuspielen oder zu gewichten. Die beiden Texte haben gänzlich unterschiedliche Ausrichtungen.

Während der kurze Hildesheim-Text tatsächlich einen wahrgenommenen Mangel benannte (gemeint ist wohl diese Passage:

„Bemerkenswert an der Hildesheimer Veranstaltung war, dass sie ungeachtet des wohlklingenden, sehr programmatischen Mottos „Information und Wissen: global, sozial und frei?“ Willi Bredemeiers Vorwurf an die Informationswissenschaft, sie sei kleinteilig, selbstbezüglich und nach Außen kaum relevant, zu weiten Teilen zu bestätigen schien. Eine Metadiskussion fand jedenfalls auch dort kaum statt.”)

wollte ich für die Düsseldorfer Diskussion eine weiterreichende Perspektive eröffnen. Ich näherte mich dort und nähere mich allgemein gern der Bibliotheks- und Informationswissenschaft tatsächlich mehr aus der Warte einer akademischen und weitgehend theoretischen Wissenschaft an. Die skizzierte Idee entspringt diesem Hintergrund.

Möglicherweise glitt ich für die Düsseldorfer Runde damit ein wenig ins Abseits. Es nagt sehr an mir, nicht dort gewesen zu sein. Denn in einer Auseinandersetzung mit der Position Stefan Gradmanns:

„Informationswissenschaft müsse innerhalb des Begriffes Web Science neu definiert werden. Es gehe nicht darum, möglichst viele Informationen zu akkumulieren, sondern sie so darzustellen, dass daraus Wissen wird. Die Informationswissenschaft brauche ein anderes semiologisches Fundament, so Stefan Gradmann.”

hätte ich meinen Standpunkt vielleicht doch schärfer konturieren können. Wo mir Web Science als Alternativbenennung vergleichsweise nichtssagend und daher überflüssig erscheint, bin ich in der semiologischen Frage sehr bei ihm, würde aber, wie beschrieben, die handelnden Akteure und die Zeichen auf der selben Gegenstandsebene verorten – möglicherweise auch, um das sumpfige und wuchernde Gebiet der Semantik (des Semantic Web) über diesen Umweg etwas einzuhegen.

Die Gemeinsamkeit zwischen der Position Willi Bredemeiers und meiner ist mittlerweile eindeutig benannt: Die Konzentration auf den Menschen, also den konkreten Akteur und sein kommunikatives Handeln. Das schlägt sich m.E. (vgl. dazu die umfängliche Diskussion mit Karsten Schuldt in diesem Weblog) in besonderer Form, z.B. in Publikationen, nieder. Für deren Analyse verfügen wir traditionell über ein recht weit entwickeltes methodologisches Fundament. Allerdings gilt es, dies anzupassen und gezielt zu erweitern.

Das Ziel kann meiner Ansicht nicht mehr die Optimierung von Informationsflüssen an sich sein. Es muss vielmehr in der Gestaltungen von Kommunikation (daher auch meine Betonung des Diskursiven) liegen. Information ist dabei nur ein Mittel zum Zweck. Die großen aktuellen Dominanten im Web (Google, Facebook, z.T. Amazon) zeigen uns deutlich auf, wie diese Schwerpunktverschiebung von der reinen Vermittlung zur möglichst weitreichenden Lenkung aussieht.

Die deutsche (und wahrscheinlich auch die europäische) Bibliotheks- und Informationswissenschaft wird solche Angebote angesichts ihrer Ressourcen nicht entwickeln. Sie kann aber eine analysierende und reflektierende Auseinandersetzung mit diesen Tendenzen vornehmen. Der Unterschied von mir zu großen Teilen des – sicher auch durch die Strukturen der Wissenschaftslandschaft darauf ziemlich festgenagelten – bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Establishments liegt darin, dass es mir nicht darum geht, Produkte, Dienstleistungen und Projekte zu entwickeln, sondern tatsächlich fast ausschließlich um die Reflexion und Analyse von Entwicklungen, die das informationelle und kommunikative Verhalten der Menschen beeinflussen, prägen und kontrollieren.

Wenn das Fach versteht, was geschieht, kann es selbstverständlich anderen, stärker produkt- und dienstleistungsorientierten Institutionen in diesem Bereich (z.B. Bibliotheken) Hinweise, Orientierung und Handlungsmodelle geben. Sowie parallel eine Transferleistung der Öffentlichkeit gegenüber erbringen, die sachlich fundiert erläutert, welche Bedingungen und Folgen den Phänomenen digital organisierter sozialer Welten innewohnen.

Die Pragmatischen Netze und ihre Gesellschaft. Zur Debatte um die Rolle des Diskurses in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 2. April 2012

von Ben Kaden

Dieser Beitrag ist Teil einer Debatte, die bisher veröffentlicht geführt wurde in:

Karsten Schuldt: Wer vom Diskurs redet, redet immer auch von der Gesellschaft. Eine Erwiderung. In: LIBREAS Weblog, 31.03.2012

Ben Kaden: Einladung zur Behauptung: Das Metadatum ist auch Diskurs. Eine Replik auf Karsten Schuldt. In: LIBREAS Weblog, 29.03.2012.

Karsten Schuldt: Der Diskurs ist kein Metadatum. Eine Replik zu Ben Kaden. In: LIBREAS Weblog, 29.03.2012.

Ben Kaden: Zur Diskursänderung. Eine Position zur Diskussion um die Zukunft der Informationswissenschaft. In: LIBREAS Weblog, 21.03.2012.


Es wird argumentiert, dass die Diskussion nach wie vor missverständlich verläuft. Dabei wird das Ziel der Verständigung als Kernbaustein des Diskurses unterstrichen. Um diese herbeizuführen, werden einige Gesichtspunkte der Position für die Einbeziehung diskursanalytischer Blickwinkel in das Methodenspektrum der Bibliotheks- und Informationswissenschaft konkretisiert. Weiterhin steht der Vorschlag, die methodologische Diskussion und die Debatte um die Grundausrichtung des Faches in zwei verschiedene Diskursstränge aufzugliedern.

Erst ein Impuls, dann eine Replik, dann eine Replik zur Replik, auf die eine Erwiderung und jetzt gibt es noch einmal eine Entgegnung – so sieht ein lebendiger Diskurs aus.

Ob der Kreisel eines solchen Zweiparteiengesprächs allerdings ab einer bestimmten Stufe noch fruchtbar zu nennen ist, muss ich in diesem Fall leider bezweifeln.

Insofern stellt sich Karsten Schuldts Einleitung als tatsächliche und leider auch hauptsächliche Gemeinsamkeit dar:

 Ich spreche wohl für uns beide, wenn ich dazu auffordere, dass sich auch andere an der Debatte beteiligen. Dies ist kein Privatstreit, sondern ein Versuch, sich dem (möglichen) Inhalt und der (möglichen) Arbeitsweise der Bibliothek- und Informationswissenschaft anzunähern.“

Abgesehen davon lässt mich seine Erwiderung so unzufrieden zurück, wie das meistens der Fall ist, wenn sich ein chronisches Missverstehen zu etablieren scheint.

„Mir scheint allerdings in dieser Replik, dass ein wichtiger Hauptpunkt meines Beitrages nicht klar geworden ist, den ich deshalb hier noch einmal ausführen möchte […]“

schreibt mein Kontrahent und ich kann ihn in gleicher Formulierung als Einstieg verwenden. Denn der Kernpunkt meiner Argumentation, der semiotische Horizont in dem sich Form, Bedeutung und Handeln bündeln, bleibt weiterhin zugunsten einer sozialwissenschaftlichen Forcierung, gegen die ich wenig habe, ausgeblendet. Auf das Wenige komme ich gleich zurück.

I – Nichts Neues. Oder: Wie sich verständigen?

Zuvor muss ich zu meiner Verteidigung ein wenig Diskurskritik üben. Denn nicht so sehr der Inhalt, sondern die Form von Karsten Schuldts Argumentation widerstrebt mir doch sehr.

Zunächst enttäuscht mich Karsten Schuldt mit dem Vorwurf mangelnder Neuheit:

„Kaden schlägt nun explizit vor, Dokumente und deren Metadaten explizit als Teil von Diskursanalysen zu verstehen und zu benutzen. Das ist vollkommen berechtigt. Es ist nur wenig neu.“

Einerseits, weil ich nicht sehe, dass die Diskursanalyse in der Geschichte der deutschen Bibliotheks- und Informationswissenschaft bisher eine relevante Rolle spielte.

Wenn Karsten Schuldt sich während seines Studiums am Berliner Institut durch entsprechende Methodenvorlesungen durcharbeiten durfte, dann beneide ich ihn außerordentlich. Ich habe aber bisher die führenden Bibliotheks- und Informationswissenschaftlerinnen der Bundesrepublik Deutschland zwar auf eine ganze Reihe von Akteuren – von Claude Shannon über Clifford Geertz bis Robert Musil und Niklas Luhmann – anspielen hören. Das einzige Mal, dass mir Michel Foucault aber als Referenz begegnete, war in einer Veranstaltung zum Bibliotheksrecht und ich ärgere mich heute noch mehr als damals, dass ich mir nicht merkte, weshalb auf einmal der Lektüretipp Surveiller et punir in den Seminarraum drang. Um die diskursanalytische Auswertung entsprechender kommunikativer Repräsentationen (Dokumente, Metadaten, Metadatenstrukturen) ging es dabei jedoch nicht.

Insofern mag in Karsten Schuldts akademischen Umfeld die Diskursanalyse anhand solcher Datenstrukturen ein alter Hut sein. In meiner Erfahrung mit der Bibliotheks- und Informationswissenschaft erscheint sie noch nicht mal als Häubchen vorhanden.

Andererseits ist der Abqualifizierung eines Argumentes mit dem Gegenargument, es sei wenig originell, Teil einer beliebten und leicht durchschaubaren rhetorischen Strategie, die Novität über Reflexion postiert um die eigene Position mittels Abwertung der des Gegenübers zu stärken. Generelle Neuigkeit ist natürlich genau einer dieser idealtypischen Ansprüche der Wissenschaftskommunikation die im Prinzip und gerade in argumentativen Fächern unhaltbar sind und die Karsten Schuldt mit der Möglichkeit von Diskursregeln eigentlich verwirft.

Nun fordert er mich im Gegenzug in seiner Diskurspraxis an diversen Stellen berechtigt und unberechtigt auf, gerade diesen Regeln Folge zu leisten, da mein Argument sonst nicht zählen kann. Wie er dabei den Geltungsanspruch seiner Argumentation schmälert, scheint ihm nicht bewusst zu sein.

Ich freue mich ja, dass Karsten Schuldt mir klare Aufgaben zuweist:

„ sollte er (a) nicht vom Diskurs reden und (b) begründen, was daran neu und / oder anders wäre“

mir also den „Raum des Sagbaren“ eingrenzt und mir die Richtung meiner Aussagen vorschreibt. Für die Schlüssigkeit seiner Ausführung ist diese Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit aber nicht unbedingt hilfreich.

Karsten Schuldt manövriert sich meiner Lesart nach pikanterweise in das Fahrwasser des von ihm etwas verzerrten Verständnisses der Diskursethik.

Der geht es im Kern vor allem um eine Frage: Wie miteinander sprechen? Wie können wir uns verständigen? Wenn der eine Diskurspartner das Geschehen aber als Kampfsport begreift und der andere mehr als harmonisierenden Abgleich der Positionen haben wir schon ein fast unüberbrückbare Regeldiskrepanz. Zu den Regeln des seines Vollzugs bewussten Diskurses, wozu für mich der Diskurs in der Wissenschaft zählen sollte, gehört für mich auch die Pflicht des Verstehen-Wollens, also ein gewisses Maß an Affirmation. Aber es ist selbstverständlich Ansichts- und manchmal auch Mentalitätssache, ob man Aussagen mehr hinsichtlich des Trennenden und also der Abweichungen vom Eigenen hin interpretiert oder umgekehrt auf das Verbindende bzw. die Übereinstimmung.   (more…)

Wer vom Diskurs redet, redet immer auch von der Gesellschaft. Eine Erwiderung.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 31. März 2012

Dieser Beitrag ist Teil einer Debatte, die bisher veröffentlicht geführt wurde in:

Ben Kaden: Zur Diskursänderung. Eine Position zur Diskussion um die Zukunft der Informationswissenschaft. In: LIBREAS Weblog, 21.03.2012.

Karsten Schuldt: Der Diskurs ist kein Metadatum. Eine Replik zu Ben Kaden. In: LIBREAS Weblog, 29.03.2012.

Ben Kaden: Einladung zur Behauptung: Das Metadatum ist auch Diskurs. Eine Replik auf Karsten Schuldt. In: LIBREAS Weblog, 29.03.2012.

Vorneweg: Diese Erwiderung soll nicht den Eindruck eines Zerwürfnisses erzeugen. Letztlich scheinen, wie auch Ben Kaden selber betont, seiner und meine Meinung in vielen Punkten nicht auseinander zu gehen. Ich spreche wohl für uns beide, wenn ich dazu auffordere, dass sich auch andere an der Debatte beteiligen. Dies ist kein Privatstreit, sondern ein Versuch, sich dem (möglichen) Inhalt und der (möglichen) Arbeitsweise der Bibliothek- und Informationswissenschaft anzunähern.

Von Karsten Schuldt

Ben Kaden hat auf meine Replik auf seinen Beitrag „Zur Diskursänderung. Eine Position zur Diskussion um die Zukunft der Informationswissenschaft“ wiederum mit einer Replik geantwortet. Mir scheint allerdings in dieser Replik, dass ein wichtiger Hauptpunkt meines Beitrages nicht klar geworden ist, den ich deshalb hier noch einmal ausführen möchte: Eine Bibliotheks- und Informationswissenschaft kann sich nicht darum drücken, eine Sozialwissenschaft zu sein (und damit über die Gesellschaft zu reden). Jeder Versuch, etwas anderes zu erreichen, wird (wieder) im erkenntnislosen Abseits enden. (more…)

Einladung zur Behauptung: Das Metadatum ist auch Diskurs. Eine Replik auf Karsten Schuldt.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 29. März 2012

von Ben Kaden

diskutiert werden:
1. Ben Kaden: Zur Diskursänderung. Eine Position zur Diskussion um die Zukunft der Informationswissenschaft. In: LIBREAS Weblog, 21.03.2012
2. Karsten Schuldt:  Der Diskurs ist kein Metadatum. Eine Replik zu Ben Kaden. In: LIBREAS Weblog, 29.03.2012.

Es wird argumentiert, dass die Replik Karsten Schuldts zwar einige wichtige Hinweise enthält, in ihrem Kern jedoch die Fokussierung auf den Diskurs-Begriff bei Michel Foucault und seine Rolle für den vorliegenden Kontext überstrapaziert. Die Positionen von Ben Kaden und Karsten Schuldt unterscheiden sich dabei weniger in ihrem Kern, als in ihrer Annäherung an diesen. Diskurs und Gesellschaft sind bei beiden untrennbar zusammenhängende Phänomene. Während allerdings Karsten Schuldt den Ausgangspunkt der Gesellschaft verabsolutiert, fragt Ben Kaden nach den Möglichkeiten einer Integration diskursanalytischer Positionen mit aktuell zentralen Gegenständen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft. (more…)

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