LIBREAS.Library Ideas

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In Vladimir Nabokovs Glory.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 11. August 2013

von Ben Kaden

Vladimir Nabokovs kleiner, wundersamer Roman Glory (Originaltitel: Подвиг, Deutsch: Die Mutprobe), geschrieben auf Russisch in den frühen 1930er Jahren in Berlin, ist genau genommen ein Buch der Postkarten und Briefe, denn diese Formen interpersonaler Medien ziehen vielfältig, beziehungsprägend und somit entscheidend Schicksalsfäden zwischen den Protagonisten. Das Zitat:

“In the mornings she would wait for the postman just as avidly as during her son’s years at Cambridge, and now, when a letter came for Martin (and it was not often), in an office envelope, addressed in a spidery hand and bearing a Berlin postmark, she felt the keenest joy and, snatching the letter, hurried to his room.” (Nabokov, 2006, S.105)

mag hier als Beispiel andeuten, wie sehr das Buch eigentlich ein “Briefroman” ist. (Ein wenig ausführlicher hatte ich mich in dieser Randbetrachtung damit auseinandergesetzt, Kaden, 2009.)

Bibliotheksbezüge sind in Glory dagegen außerordentlich rar, was auf den ersten Blick ein wenig verwundert, da ein Handlungsschwerpunkt in der durchaus detailliert beschriebenen Universitätskultur von Cambridge liegt, wohin die Hauptfigur, Martin Edelweiss, zum jungen Nabokov nicht nur in der Wahl der Hochschulstadt durchaus biografische Parallelen aufweisend, statt wie zunächst nach Genf zum Studium der russischen Literatur und zur Nebenkarriere als Meistertorwart des Trinity-Fußballteams zog. Letztlich scheint ihm das zweite wichtiger gewesen zu sein. In seinen – Speak, Memory – Erinnerungen an seine eigen Zeit in Cambridge vermerkt Nabobov nicht nur die eher sparsamen wissenschaftlichen Ambitionen:

“Scholastically, I might as well have gone up to the Inst. M.M. of Tirana.” (Nabokov, 1989, S.268)

sondern sehr offen und mit Nachdruck:

“Not once in my three years in Cambridge – repeat: not once – did I visit the University Library, or even bother to locate it (I know its new place now), or find out if there existed a college library where books might be borrowed for reading in one’s digs.” (ebd.)

Was er im Nachgang möglicherweise auch deshalb bedauerlich gefunden haben könnte, da der Bibliotheksdirektor zu Nabokovs Zeit in Cambridge (1919-1922) nicht nur seine letzten Dienst- und zugleich Lebensjahre (so war es einmal: Man blieb bis zum Ende im Beruf.) verbrachte, sondern eben dieser Francis Jenkinson seine erwartbare buchwissenschaftliche Hingabe offensichtlich mit einer entomologischen zu koppeln verstand (so war es einmal: Multidisziplinarität war auch individuell üblich.).

Der zunächst ebenfalls zoologisch (bzw. ichthyologisch) bemühte Student Vladimir Nabokov (vgl. Boyd, 1999, S. 280) veröffentlichte immerhin relativ früh in seiner Studienzeit, also in diesen Jahren, seine erste englischsprachige Arbeit und zwar in der Zeitschrift The Entomologist: “A Few Notes on Crimean Lepidoptera” (Vol. 58, Iss. Jan 1920, S. 29-33). Naturgemäß blieb auch das Krim’sche Märchen des Teenagers Martin nicht ohne entomologische Spuren. (“The crickets kept crepitating [...]“, Nabokov, 2006, S. 16) Wobei das schönste diesmal lepidopterologische Detail im Kapitel 21 aufflattert, in dem Martin, soeben einen alpinen Fels hinabgestürzt, auf einem bücherregalbreiten (“A width of a bookshelf underfoot [...]“) Gesims über dem Abhang steht und weder vor noch zurück kann:

“He experienced faintness, dizziness, sickening fear, yet at the same time he observed [...] the entirely black butterfly that fluttered by with enviable casualness like a quiet little devil and began to rise along the rock face; …” (Nabokov, 2006, S.70)

Kehrt man vom Geröll jenseits der Baumgrenze zur Bibliothek zurück – und Martin kehrt immerhin bald nach diesem Erlebnis nach Cambridge zurück – ist angesichts der bekundeten Bibliotheksignoranz Nabokovs ein Detail bemerkenswert. Im 16. Kapitel fragt ihn nämlich Sonia Zilanov, seine zu dieser Zeit in London lebende Sehnsuchtsperson und jüngere Tochter der russischen Familie, die ihn, als Bekannte seiner Mutter (der Vater, Mihail Platonovich, übersandte ihr einst den Brief mit Nachricht vom Tod ihres Mannes), in England in Empfang nehmen sollte, was in Folge Martins plötzlichem Aufeinandertreffen mit einem Freudenmädchen namens Bess vor einem Londoner Schmuckgeschäft und dann in einem Hotelzimmer erst im zweiten Anlauf und erst im Kapitel 12 (statt 11) gelang, bei einem Besuch im Universitätsstädtchen:

“And what’s that pinkish house over there?”

Erstaunlicherweise muss Martin auf der kleinen steinernen Brücke über die gemütlich fließende Cam nicht überlegen, sondern antwortet unverzüglich:

“That’s the library building …” (Nabokov, 2006, S.55)

Genauer will es zehn Seiten später Sonias Vater Vater bei einem weiteren Besuch wissen und auch diesmal könnte Martin wenig gleichgültiger sein:

“[W]hen he encountered Sonia, he instantly had the sensation that he stood in relief against a dark background. The same thing had happened on her last visit to Cambridge (she had com with her father, who had tormented him with questions about the age of various colleges and the number of books in the Library, while she and Darwin [sein bester Freund und Sonias für Martin sehr schmerzliche Tändelei] kept quietly laughing about somehting or other) [...]” (Nabokov, 2006, S. 65)

Die beiden anderen Anspielungen auf Bibliotheken in Glory haben einen Berliner Hintergrund. Die Zilanovs sind mittlerweile in die russische Emigrations-Metropole Berlin gezogen – 1923 gab es in Berlin ca. 360.000 (!) Asylanträge russischer Flüchtlinge – und in der Tat war Berlin in diesen Jahren der intellektuelle Hotspot russischer Kultur wahrscheinlich weltweit (es erschienen 1923 allein 39 russische Zeitschriftentitel in Berlin (auch Mihail Platonovich Zilanov arbeitet nun dort als Redakteur einer Wochenzeitung) und es gab 86 russische Verlage und Buchhandlungen, vgl. Urban, 2003, S. 11 und 17) und ein großer Teil von Nabokovs russischer Prosa ist von diesen Eindrücken wundervoll durchtränkt, was seine Werke auch zu einzigartigen Zeitdokumenten dieser Jahre macht.

Über Sonia gelangt Martin nun in einen dieser zeittypischen Kreise russische Schriftsteller, die sich in diesem Fall um den mittelmäßigen aber umso selbstsichereren Stepan Bubnov (der schließlich mit Sonias Hilfe Martins Träumereien plagiiert) gruppieren, wobei Martin bewusst wird, dass er, was das literarische Zeitgeistwissen betrifft, das sich durchaus auch in Emigrantenkreisen stabil in Bezug zu den in Petrograd und Moskau publizierten Neuerscheinungen zusammenfügte, nicht mithalten kann. Zum Status des farblosen Beobachters verurteilt, von Sonia mitleidig belächelt, versucht er mittels Parforce-Lektüre aufzuschließen:

“In compensation, shamed by the backwardness of his erudition, he devoted every hour of rain to reading, and very soon became familiar with that special smell, the smell of prison libraries, which emanated from Soviet literature.” (S.114)

Mit realen Gefängnisbüchereien und deren Duft hat das freilich wenig zu tun. Vielmehr sprüht Nabokov hier eine treffende Metapher für die unter kontrollierten Bedingungen und auf bestimmte Ziele vorsortierte bzw. geschriebene Literatur in den Raum (allerdings noch vor der Hochzeit des Sozialistischen Realismus), welche, wenn man die Schraube der Deutung noch einen Tick weiter drehen möchte, wie eine Bibliothek dem Kollektiv (hier: dem eingesperrten) übergeben wird.

Was Nabokov an dieser Stelle recht frühzeitig meinte, wird u.a. in einem Interview aus dem Jahr 1965 mit Robert Huges für das New Yorker Bildungsfernsehen Thirteen bestätigt :

“Die Sowjetliteratur… Nun , in der ersten Phase nach der bolschewistischen Revolution, in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren, konnte man zwischen den gräßlichen Platitüden der Sowjetpropaganda noch die verlöschende Stimme einer älteren Kultur ausmachen. Der primitive und platte Geist zwangsverordneter Politik [...] bringt nur primitive und platte Kunst hervor. Das gilt zumal für die ‘sozialistisch-realistische’ und ‘proletarische’ Literatur, wie sie im sowjetischen Polizeistaat gefördert wurde. Die Gorillas in Schaftstiefeln haben dort Schritt für Schritt das echte Schriftstellertalent, das Ausnahmeindividuum, das fragile Genie ausgerottet.” (Nabokov, 1993. S. 98f.)

Der monolinguale und etwa ein Jahrzehnt ältere Bubnov faszinierte Martin, den der Nabokov’sche Weitblick zu diesem Zeitpunkt des Romans noch nicht ereilt hatte, zunächst sehr und mit großer Freude begleitete er diesen als eine Art Übersetzungsfamulus:

“Bubnov knew no language other than Russian, so that when he had to go to the State Library for his research and Martin happened to be free, he willingly took him along. Martin’s command of German being mediocre, he was glad when a text chanced to be in French, English, or, better still, Italian. True, he knew that language even less than German, but particularly prized his scant knowledge [...]” (Nabokov, 2006 S.115)

Mit der Erkenntnis, dass die Staatsbibliothek zu Berlin offensichtlich auch für die russischen Emigranten im Berlin der frühen 1920er Jahre ein wichtiger Anlaufpunkt war, dürfte allerdings die schöne Traube Glory hinsichtlich bibliothekarischer Bezüge bereits nahezu vollständig ausgepresst sein. Unter der motivischen Saftpresse des Eisenbahnwesens, beispielsweise, wäre die gloriose Rebe sicher weitaus ergiebiger und vielleicht sogar, wie man bei Andrej Bitow (1996) nachlesen kann, zum Thema Glauben. Und natürlich auch zur üblichen Grausamkeit verschmähter Liebe und unverstandener Träume. Aber hier geht es um die Bibliothek in der Literatur und die zwei, drei unvermeidlichen Schleifen, die sich wie von selbst dazuflochten, mögen da als Blick über den thematischen Rand reichen. Und vielleicht als Dreingabe noch eine kleine Ernüchterung aus der wohlvertrauten Mitte Berlins:

“The toy shops on the once elegant Friedrichstraße had thinned out and lost their sparkle, and the locomotives in their windows looked smaller and shabbiert. The pavement of this street had been torn up, and shirt-sleeved workmen were drilling, and digging deep smoky holes, so that you had to pick your way over planking, and sometimes even across loose sand. In the Panopticon of Waxworks on Unter den Linden the man in a shroud, energetically climbing out of his grave, and the Iron Maiden, that instrument of strong and hard torture, had lost their ghoulish charm.” (Nabokov, 2006, S.110)

Dass diese Zeilen nahezu passgenau auf die Gegenwart geworfen werden könnten – es gibt ein blasses Madame Tussauds Unter den Linden und (nach Berliner Verhältnissen) nicht allzu weit davon wie in Ergänzung mit dem Berlin Dungeon ein weiteres Gruselkabinettstückchen sogar inklusive einer “Alten Bibliothek“, Baustellen wie beschrieben markieren den Kreuzungspunkt der benannten Straßen und nicht mehr viele Spielwarenläden gibt es auch heute noch in der Friedrichstraße – lässt nämlich Nabokovs Glory im Wechselspiel mit dem heutigen Berlin in einer fast verstörenden Überzeitlichkeit erstrahlen.

(Berlin, 11.08.2013)

Literatur

Andrej Bitow (1996) Die Unsterblichkeit eines Mückenstichs: Ein Russe liest Nabokov. In: DU: Die Zeitschrift der Kultur. Heft 6 , 1996, S. 44,45,106
Brian Boyd (1999) Vladimir Nabokov. Die russischen Jahre 1899-1940. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
Ben Kaden (2009): Nabokov, Benjamin und Sharapova – einige philatelistische Marginalien. In: postiques.wordpress.com / http://postiques.wordpress.com/2009/12/09/nabokov-benjamin-und-sharapova-ein-paar-philatelistische-marginalien/
Vladimir Nabokov (1920) A Few Notes on Crimean Lepidoptera. In: The Entomologist. Vol. 58, Iss. Jan 1920, S. 29-33
Vladimir Nabokov (1989) Speak, Memory. New York: Vintage.
Vladimir Nabokov (1993) Deutliche Worte. Reinbek beim Hamburg: Rowohlt
Vladimir Nabokov (2006) Glory. London: Penguin.
Thomas Urban (2003) Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Buchhandlung

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (4): Rien ne va plus!

Posted in LIBREAS.Visualisierung by libreas on 18. März 2013

IMG_3307

Seit Inetbib’s Bet on Open Access and Open Science während des Sektempfangs bei der 12. InetBib-Tagung in Berlin sind nun schon zwei Wochen ins Land gegangen. Viele weitere Wochen werden folgen, bis wir in frühestens einem Jahr wissen, wer durch Wissen, Intuition oder Glück auf den richtigen Wettausgang gesetzt hat. Die präsentierte Auswertung zur Verteilung der Jetons auf die Felder des Wetttisches visualisiert das Wett-, bzw. “Setz”-Verhalten der teilnehmenden Expertinnen und Experten.

Heatmap of Open Access Bet

Folgende Ergebnisse stechen heraus:

- Die meisten Jetons wurden darauf gesetzt, dass es binnen der nächsten 18 Monate mindestens 50 Open-Access-Repositorien und -Publikationsdienste gibt, die DINI-zertifiziert sind. Dieses Vertrauen in DINI und die Verbreitung des Zertifikats ist beachtlich.

- Viel Vertrauen wird auch der GND entgegengebracht, denn die zweitmeisten Jetons wurden darauf gesetzt, dass Wikidata erst nach 18 Monaten oder später (also evtl. nie) die GND ablösen wird.

- Die aktuelle Frage, wann ein Zweitveröffentlichungsrecht vom Bundestag verabschiedet wird, zeigt wie weit die Meinungen darüber auseinander gehen. Es wurde doppelt so häufig darauf gesetzt, dass dieses lang ersehnte Gesetz von unseren Volksvertretern erst irgendwann nach 18 Monaten verabschiedet wird, als dass es binnen der nächsten 12 Monate kommt. Oder wie es Thomas Hartmann (MPDL) in seinem Vortrag auf der Inetbib-Tagung auf den Punkt brachte: Entweder dieses Gesetz ist bis zur parlamentarischen Sommerpause bis Anfang Juli 2013 umgesetzt oder weitere Jahre werden vergehen, bis ein Zweitveröffentlichungsrecht Realität wird.

Egal, wie die Wetten ausgehen, das Spiel hat durch die Einsätze und die sich daraus ergebenden Expertenprognosen eine interessante Diskussionsbasis für die zukünftige Entwicklung von Open Access und Open Science geliefert. Wir dürfen gespannt sein, welche Prognosen und Hoffnungen sich (nicht) erfüllen werden.

Wie mitten im Regen. Ruth Buchanans Auseinandersetzung mit der Geschichte der Staatsbibliothek zu Berlin.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 11. Dezember 2012

zu:

Ruth Buchanan: The weather, a building. Berlin: Sternberg Press, 2012. (Seite zum Titel beim Verlag)

Als feuilletonistisches Großereignis gleich nach dem wankenden Suhrkamp-Verlag präsentiert sich heute der neue Lesesaal (bzw. die Schlüsselübergabe für selbigen) der Staatsbibliothek im Gebäude Unter den Linden. (z. B. als “Lichtkabine des Wissens” – so Andreas Kilb in der FAZ)

Für uns ist es die Gelegenheit, einmal auf ein Buch hinzuweisen, dass ein wenig unschlüssig auf dem Schreibtisch auf Besprechung wartet. Denn aus bibliothekswissenschaftlicher Sicht lässt sich The weather, a building der von den Wurzeln neuseeländischen und von der Gegenwart Berliner Künstlerin Ruth Buchanan nicht einordnen und die dazugehörige Ausstellung Put a curve, an arch right through it in der Krome Gallery in der Potsdamer Straße haben wir leider verpasst. Im Nachhinein ist das ziemlich bedauerlich, denn ganz offenarmig tritt einem die Publikation nicht entgegen, auch wenn man natürlich sofort eine Vorstellung entwickelt, wenn man liest:

„In order for the library to truly perform, it must exceed itself, move from fixed structure to wild terrain.“

Die direkte Begegnung mit dem dazugehörigen Objekt, dass „the spilling that interrupts the library both as a spatial construct and infrastructural code“ versinnbildlicht, hätte sicher die Wahrnehmung anders geprägt, als seine Abbildung im Buch. Dennoch kann man das Buch als Impuls auch ohne Kenntnis der Ausstellung lesen. Vorausgesetzt man lässt sich wirklich darauf ein.

Cover Ruth Buchanan "The weather, a building"

Schlechte Witterungs- und Ausstattungsbedingungen verhinderten ein schöneres Coverfoto von Ruth Buchanans Künstlerbuch. Wir bitten um Nachsicht.

Ruth Buchanan thematisiert in ihrer Arbeit das Verhältnis von Räumen und Narrativen und zwar in diesem Fall konkret anhand der Entwicklung des Riesenschiffes Staatsbibliothek zu Berlin seit August 1939. Drei Ereignisse (oder auch: Motive) bilden die Eckpunkte der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand:  a) die Evakuierung und damit Zerstreuung der Bestände aus dem Haus Unter den Linden während des zweiten Weltkriegs, b) das Provisorium zur Zusammenführung von Teilen der Bestände in einer Traglufthalle am Westberliner Kemperplatz (heute Standort der Philharmonie), die bei einem Herbststurm im November 1972 „zerriß wie ein Taschentuch“ (B.Z.) und 500.000 Bände auf einmal unter freien Himmel stellte, bevor sie dann im Reichstagsgebäude ein wetterfesteres Provisorium fanden. Und schließlich c) die Wassertropfeninstallation von Günther Uecker im Scharoun-Bau am Potsdamer Platz.

Die Berliner Staatsbibliothek ist insofern zeithistorisch herausragend interessant, da die Einrichtung selbst zu einem einmaligen Symbol historischer Verwerfungen wurde. Die Geschichte unterlief in ihrem Fall sehr drastisch das Grundanliegen der Bibliotheken, wie man es wenigstens im 20. Jahrhundert noch verstand: die nachweisende und damit stabilisierende Sammlung, Erschließung und Verfügbarhaltung von Druckwerken als Zeugnisse menschlichen Denkens und Schaffens. Durch das dokumentierende Bewahren an einem festen Ort sollte eine Kultur ein festes Rückgrat aus Text und Bild erhalten, also ihre dauerhafte und vorgeordnete Grundierung.

Die Geschichte freilich unterlief dieses Ziel erst durch den Bombenkrieg, dann durch die deutsche Teilung und schließlich auch durch so etwas Unerwartetes wie das Wetter und ließ die bewundernswert um dieses Ideal kämpfenden Bibliothekare mitunter mit buchstäblich im Regen zurück. Folgerichtig ist es das Motiv des Wassers, bekanntlich mehr noch als Feuer Hauptfeind aller Printbestände, das Element, welches die drei Eckpunkte in dieser Arbeit Ruth Buchanans verbindet. In den 1940ern und im November 1972 ging es darum, die Bestände ganz unmittelbar zu retten und im Anschluss zu reorganisieren. Den Angelpunkt des Buches bildet diesbezüglich sehr anschaulich der auf Deutsch und in englischer Übersetzung abgedruckte Text Ekkehart Verspers Von der Traglufthalle ins Reichstagsgebäude: Ein Bericht über die Wiederaufstellung von 500.000 Bänden aus den Mitteilungen der Staatsbibliothek Berlin (1973). Günther Ueckers Wasserwerk wurde dagegen schnell wieder der Hahn abgedreht und die Becken mit all ihrem allegorischen Impetus blieben trockene Form.

Der neue Lesesaal im Haus I Unter den Linden schließt diese Sammlungsstreuung und Zeit der Provisorien in gewisser Weise sehr spektakulär (hoffentlich) endgültig ab und verzichtet dabei auf ewigkeitsorientierte Wasserspiele zugunsten einer nicht mehr ganz tagesaktuellen Pressearbeit namens “Noch Fragen?” des Objektkünstlers Olaf Metzel, die offensichtlich in Popularität bei Mitarbeitern, Feuilleton und prospektivem Publikum auf einer Höhe mit Ueckers trockengelegter Tropfinstallation schwimmt.  Ob die Staatsbibliothek und ihre Bestände nun für die „Unendlichkeit der Zeit“, die Ueckers Skulptur greifbar machen wollte, ihre Fassung als wetterfeste “Camera Clara des Wissens” (Andreas Kilb) gefunden haben, bleibt angesichts der prinzipiellen Unberechenbarkeit der Weltläufe unentschieden. Die Webseite der Staatsbibliothek vermerkt zu der Arbeit im Lesesaal im Scharoun-Schiff jedenfalls: „Aufgrund des raschen Verkalkungsprozesses ließ sich jedoch Ueckers Planung nie vollständig umsetzen.“ Und Ruth Buchanans großes Thema ist ja, wie Ian White im Nachwort zu The weather, a building ausführt, ausgerechnet die Allegorie.

Lieber halten wir uns an den feierlichen Ausblick, das Andreas Kilb zum neuen Lesesaal im FAZ-Feuilleton formuliert:

„Berlin hat jetzt zwei Hochaltäre des Lesens, Max Dudlers Grimm-Zentrum an der Stadtbahntrasse und den Würfel von HG Merz. Der eine setzt ganz auf die Suggestion des Buchkastens, in dem man sich als Glied einer weltumspannenden Gemeinde geborgen fühlen kann. Der andere stemmt den Kasten himmelan, auf dass die Erleuchtung durch die Schrift niemals ende. Als Leser wird man hier wie dort glücklich.“

Wenn dann, so die Hoffnung, im Lesesaal etwas tropft, sind es hoffentlich nur die Tränen des Lektüreglücks.

(bk, 11.12.2012)

Einladung zur Vereinssitzung, 01.12.2012, Berlin

Posted in LIBREAS.Verein by Karsten Schuldt on 6. November 2012

Der LIBREAS. Verein lädt mit folgender Nachricht alle Mitglieder zur Vereinssitzung am 01.12.2012 in Berlin ein. Offen ist das Treffen für alle, die bis zu diesem Tag Mitglied des Vereins sind.

Liebe Vereinsmitglieder,

das Jahr 2012 geht so langsam dem Ende entgegen. Man schaut bereits dann und wann auf dieses zurück und schmiedet Pläne für das kommende 2013. So hat der LIBREAS. Verein und seine Mitglieder (also wir) im laufenden Jahr an Fahrt aufgenommen und sieht einem produktiven nächsten Jahr entgegen.

Um gemeinsam zurückzublicken und vor allem – die (nahe) Zukunft planend – nach vorne zu schauen, sind Sie bzw. seid Ihr ganz herzlich zum erstmals stattfindenden Jahresabschlusstreffen des LIBREAS. Vereins eingeladen. Es findet am Samstag dem 1. Dezember um 15 Uhr im Raum 123 (erster Stock rechts) des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI) in der Berliner Dorotheenstr. 26 statt. Im Anschluss des “offiziellen” Teils soll bzw. wird es ein gemeinsames Abendessen geben. (Wo genau wird noch nicht verraten…)

Bitte geben Sie / gebt möglichst bis drei Tage vor dem Treffen Bescheid ob ein Kommen möglich ist oder nicht. (Dies dient insbes. der Tischreservierung.)

Bis ganz bald als und viele Grüße im Namen des Vorstands

Matti (Stöhr)

PS: Endlich geschafft – die aktive Nutzung der Vereinswebsite http://www.libreas-verein.eu, insbes. der Foren, ist mittlerweile durch Login mit div. Social Network-Accounts möglich.

Tagged with: , ,

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (30): Potsdam, Brandenburg

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen by Karsten Schuldt on 17. Juli 2012

Christoph Szepanski, Karsten Schuldt

„Mein liebes Weibchen! Potsdam ist ein teurer Ort. (…) So musst Du Dich bei meiner Rückkehr schon mehr auf mich freuen als auf das Geld.“

Wolfgang Amadeus Mozart

Was braucht es Potsdam, wenn es doch Berlin schon gibt? Sicher: Die historische Perspektive geht immer: Potsdam als Stadt mit Residenz; Potsdam, als Berlin noch kleiner war; Potsdam als Migrationsendpunkt. (Deshalb auch hat Potsdam die höchste Schlösserdichte Deutschlands und nicht Berlin.)

I.

Nur: Was braucht es Potsdam heute? Viele Menschen brauchen Potsdam als Studienort. Leben in Berlin, studieren in Potsdam. Klare Grenzen ziehen zwischen Studientätigkeiten und Alltag; zwischen Stress und Liebe. (Und in Berlin gibt es halt mehr Clubs, mehr Bars, mehr von allem, irgendwie – was für Hipster gut ist, aber manchen Menschen doch zu stressig. (Wobei auch die Auswahl in Potsdam nicht zu verachten ist.)) Seminaraufgabe und Lektüre in der Bahn erledigen. (Wie Menschen halt auch in Zürich leben und in Chur studieren, wegen der Bahnfahrt.) Weil das Studieren in einer kleineren Hochschule oder Universität netter ist für sie. Potsdam und Berlin sind in diesem Lebensentwurf zusammengedacht, können ohne einander nicht existieren.

Für einige ist Berlin dann auch der Ort, an dem es bezahlbarere Wohnungen gibt. Potsdam leidet an extremer Wohnungsnot.

II.

Aber: Leute wohnen auch in Potsdam, und das nicht wenig. Manche wollen hier wohnen, weil sie hier studieren. Aber es ist auch schön, fraglos. Villen, Schlösser, Holländisches Viertel, der Flair assimilierter Migrationsgeschichten aus Frankreich, Holland, Schweden, Böhmen, Russland.
Natur und Seen. Es gibt Leute, die wollen nicht in der Grossstadt sein, immer; aber auch nicht auf dem Dorf. Das ist ihr gutes Recht und Potsdam ist einer der netten Orte, wenn man so ein Leben leben will.

Wenn man nicht genau hinschaut, dann ist Potsdam zudem der Ort, mit dem positiven Seiten der preussischen Geschichte verbunden sind: Aufklärung, Edikt von Potsdam (Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden.), Schloss Sanssoucci. Und man selber kann hier mitten in dieser Geschichte leben. (Nicht zu vergessen: Potsdamer Konferenz, dass Ende des NS.)

III.

Man muss Potsdam nicht von Berlin her denken. Es ist auch eine eigene Stadt mit eigenem Recht, mit eigenem urbanen Flair und eigener Identität.

IV.

Potsdam ist eine Insel. Wer das nicht weiß, sollte einen Blick auf die Landkarte werfen. Umgeben von Wasser, profitiert die Stadt von einer besonderen Lage: Im Inland, aber doch für sich. Auch das muss man nicht mögen, aber wer es mag (oder auch nur einmal erleben will), sollte sich Potsdam vormerken.

Wie gesagt: Schaut man nicht genauer hin, ist Potsdam schön. Schaut man genauer, wird es schwieriger. Ein verbittertes Bürgertum und eine geschichtslose Schicht von Neureichen versucht die Innenstadt in eine Neu-Preussen zu verwandeln, wobei Fachhochschule und Uni noch akzeptiert sind, aber alles was an die Moderne erinnert (es wird als DDR-Architektur bezeichnet, was nicht ganz falsch ist, aber man hat doch teilweise den Eindruck, es ginge gegen das Versprechen der Moderne auf ein Gutes Leben für alle und eben nicht nur die Happy Few, wie es Kevin Vennemann desletztens in “Sunset Boulevard: Vom Filmen, Bauen und Sterben in Los Angeles” (edition suhrkamp 2646, Berlin: Suhrkamp, 2012) wieder einmal beschrieben hat) abgerissen werden soll. Günther Jauch ist einer von denen, die sich mit solchen Forderungen in Potsdam hervortun. Wer schon immer glaubte, dass Jauch überbewertet und überbezahlt ist, kann in Potsdam beim genaueren Hinschauen sein Wunder erleben: Viele hier sind wie er.

V.

Potsdam kann man auch als 13. Bezirk Berlins verstehen. Dann ist die Frage nicht mehr, warum man Potsdam neben Berlin braucht, dann gehört beides zusammen. Fährt man zum Beispiel mit dem ÖPNV aus Berlin nach Potsdam oder von Potsdam nach Berlin, merkt man gar nicht, dass man eine Stadtgrenze überquert. Schaut man in den Breitbandatlas,1 sieht man, dass sich Berlin und Potsdam gleichförmig entwickeln. Dabei bilden Berlin und Potsdam eine digitale Insel in Ostdeutschland. (Noch ein Inselargument.)

Beweis!

VI.

Der unbestreitbare Charme der Stadt Potsdam ergibt sich daraus, dass sie so etwas wie eine Zwischenstadt darstellt. (Hierin Chur nicht unähnlich, übrigens.) Sie ist mal eigene Stadt, mal gefühlter Teil der Großstadt. Sie ist mal ausreichend groß und mal Ausgangsort für Größeres. Sie ist Hauptstadt und Randzone. Und sie ist eine Stadt mit Lebensqualität, urbaner und ländlicher gemeinsam.

Fußnote

1 Siehe dazu auch: Breitbandatlas des BMWi. Online verfügbar unter: http://www.zukunft-breitband.de/BBA/Navigation/Breitbandatlas/breitbandsuche.html

frei<tag> 2012 und LIBREAS-Sommer School. Einladung zu zwei Veranstaltungen

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Verein by Karsten Schuldt on 20. Mai 2012

Der LIBREAS-Verein freut sich, für den August 2012 zu zwei Veranstaltungen einzuladen. Am 17. August wird in der Fachhochschule Potsdam die Unkonferenz frei<tag>-2012. Stand der Bibliotheks- und Informationswissenschaft stattfinden. (In Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Informationswissenschaften, Fachhochschule Potsdam). Am darauf folgenden 18. August wird in der Humbodt Universität zu Berlin die erste Sommer School zu Methden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft veranstaltet. Zudem läd der Verein für diesen Tag zu seiner Jahresversammlung.

Die frei<tag> 2012 soll die Möglichkeit bieten, über die aktuellen Ziele, Trends, Fragen und Entwicklungen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu diskutieren. Grundsätzlich bewegt sich unsere Wissenschaft weiterhin zwischen unterschiedlichen Disziplinen, zwischen einem theoretischen Anspruch und einer sehr praxisnahen Forschung, zwischen sehr auf die Ausbildung von Informationsspezialistinnen und -spezialisten ausgerichtete Einrichtungen, einer Forschung in größeren Bibliotheken, Archiven und Dokumentationseinrichtungen sowie einer an Einrichtungen und ausserhalb dieser betriebenen theorieorientierten Forschung. Gleichzeitig ist unbestritten, dass sich der Disziplin rasant neue Aufgaben, Fragen und Felder stellen. Wir wollen auf der Unkonferenz einen Raum schaffen, darüber zu diskutieren, in welche Richtung sich die Bibliotheks- und Informationswissenschaft bewegt, in welche sie sich bewegen sollte und was sie bislang daran hindert. Zugleich soll die Unkonferenz ein Treffen von Praktikerinnen und Praktikern der Wissenschaft darstellen, als auch einem Raum zum Entwerfen einer Zukunft der Disziplin.
Die frei<tag> 2012 ist als Unkonferenz organisiert. Dies bedeutet, dass alle Teilnehmenden als Expertinnen und Experten angesehen werden, die etwas zur Veranstaltung beitragen können und sollen. Über das genaue Programm wird zu Beginn der Veranstaltung gemeinsam abgestimmt. Alle sind eingeladen, Vorschläge für Workshops – keine reinen Präsentationen oder Vorträge – einzubringen.
Veranstaltungsort der frei<tag> 2012 ist die Fachhochschule Potsdam (Friedrich-Ebert-Straße 4, Potsdam). Die Veranstaltung beginnt um 10 Uhr und endet ab 18 Uhr mit einem Social Event.

Die LIBREAS Sommer School soll dazu beitragen, die Praxis der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu verbreitern und die Kommunikation im Feld zu unterstützen. Angeboten werden Workshops zur Publikation und Forschungsgestaltung, die vor allem an Studierende und angehende Praktikerinnen und Praktikern im gesamten Feld der praktischen Informationsarbeit sowie der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Forschung gerichtet sind. Veranstaltungsort ist das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin (Dorotheenstraße 26, Berlin). Die Workshops finden ab 11.30 Uhr statt.

Am gleichen Ort wird von 15-18 Uhr die Jahresversammlung des LIBREAS. Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Forschung stattfinden.

Die Teilnahme an allen Veranstaltungen ist kostenlos. Spenden für diese oder die weitere Arbeit des LIBREAS-Vereins sind willkommen. Weiter Informationen zu den Veranstaltungen werden auf http://libreas.wordpress.com und http://www.libreas-verein.eu publiziert.

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 6 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 4. Juni 2011

„I wasn’t going to read the blog. So much writing out there in the world and who wants to read it? Not me.” – Rivka Galchen. (The Entire Northern Side was Coverered with Fire. In: Treisman, Deborah (2010) 20 under 40. Stories from the New Yorker. New York : Farrar, Straus and Giroux. S. 170)

Sechs Tage vor dem frei<tag> ist Berlin ein kleiner verschwitzter Brutofen namens Sommer. Wer abends an die Warschauer Straße gespült wird, ins dortige Menschenmeer einsinkt und sich von den Hundertschaften voll Erlebnishunger bis nach Kreuzberg hinunter und dann wieder bis zum Frankfurter Tor hinauf tragen lässt, der weiß, wo der Mythos Berlin seine Wurzeln hat. Wenn man dort hinein gerät, fühlt man sich durchaus gern mal, als würde man in einem Funkviertel-Track versinken. Und zwar diesem hier: http://www.youtube.com/watch?v=ezqkplWpcn4 Man darf es natürlich auch anders sehen/leben.

In jedem Fall lebt man hier musterhaft im Moment, rutscht über bierlachende Oberflächen und hat die ganze Romantik, die sich ergibt, wenn die rote Sonne hinterm Hauptbahnhof im Häusermeer versinkt, zwar nicht exklusiv, aber dafür in einer Ballung, die man sonst in Deutschland in solcher Zuspitzung kaum entdecken dürfte. Ein Stück weiter im Durchgang der Oberbaumbrücke finden die Konzerte statt, die keinen Eintritt kosten und wenn man ausgerüstet genug ist, dann hat man das Gefühl, dass dieser Sommer vielleicht irgendwann endet. Aber bestimmt nicht an den Freitag-Samstag-Sonntag-Morgenden, die ein unbestimmbares Morgen fast ununterscheidbar mit einem gefühlt ewigen Heute verfugen. Erst später wird man gemerkt haben, was sich in diesen hitzigen Lebensspannen in einen einschreibt.

Aber es gibt auch abweichende Gegenwarten und wenn man dem Momentum der rauschhaften Friedrichshainern überdrüssig ist und der Slalom auf dem Fahrrad zwischen den zerschlagenen Bierflaschen auf den speckigen Radwegen der Warschauer Brücke eine handfeste Anbindung an die Realität wiederherstellt, dann freut man sich möglicherweise stärker an solchen Facetten dieser Jahreszeit: Brandenburg ist mohnrot eingefärbt und so langsam explodieren die Kornblumen dazwischen, die das endlose Himmelblau in winzigen Spiegelscherben auf die unendlichen Felder zu legen scheinen. Die Hitze spannt eine wundervolle Ruhe über die Oderbrüche und Havelländereien. Die treibenden Basslinien werden mit dem leichtfüßigen Spiel der im saftgrünen Laubwerk verborgenen Singvögel ersetzt. Statt eines scharf bremsenden Taxis hört man einen Erpel auf dem Wasser niedergehen. Statt eines Easy-Jets zieht ein Storchenpaar seine Bahn über den Himmel. Alles scheint sanft und mild gesättigt zu sein.

Eine Bucht an einem See, ein paar Schäfchenwolken zum Formenraten und die durchaus erträgliche Leichtigkeit des Erfrischtseins nach vollen Schwimmzügen transportiert die Betroffenen in eine Gegenwärtigkeit, die den Freitagnächten an Intensität nicht viel nachsteht, nur am entgegengesetzten Ende der Aufregungsskala ansetzt. Erst später wird man gemerkt haben, was sich in diesen treibenden Lebensspannen in einen einschreibt.

Oder man wählt wie ich die Mitte zwischen diesen Welten, setzt sich in seinen Kirschgarten, liest ein wenig, schaut ein wenig und sinniert ein wenig über das Schöne an einem solchen Samstag im Juni, das keinen (ökonomischen) Zweck hat und die Gesellschaft, die einen Zweck fordert und wie diese Wochenenden und Sommerfeiertage die Zweckfreiheit in den Zeitraum unserer Aktivitäten integrieren.

Interessanterweise erscheint die heutige Lage im Vergleich zur Konfliktlinie zwischen der Ranevskaja und Lopachin weitaus unübersichtlicher und mitunter geradezu invertiert: das Überkommene ist heute scheinbar das aufbrechende, sozial Gestaltende mit höheren Zwecken. Wir sind längst im Nach-Lopachin‘schen Zeitalter, die Komödie ist ausgespielt, jede große Idee längst lächerlich und Trofimov lebt mit seiner Anja vermutlich am Boxhagener Platz. Manchmal liegen nun beide im Treptower Park und träumen sich wehmütig vor (oder twittern sich @zu), wie schön es doch jetzt sein könnte, hätte man den Garten behalten. Dann reißt sie der Pfandsammler aus ihrem Driften und fragt, ob er die leeren Pilsner-Flaschen mitnehmen kann. Klar. Ist aber Export.

Und dann sind wir doch wieder genau in den alten Mustern, nur lebt die gentrifizierende Neue Ökonomie gerade auf der Basis des Ornamentes, des Nutzlosen und zwar dadurch, dass sie ihm ein Preisschild um den Hals hängt. Lopachin dagegen hat sich mittlerweile lieber den Wandlitz-See gekauft, aber die Ferienhäuschen laufen nicht so gut, denn die Brandenburger Provinz ist so reich an Landschaft wie arm an Gästen. Denen, die anfragen, steht am Ende eventuell der Sinn gerade nach Kirschen. Statt vom Aufbruch ins Neue ist die Zeit geprägt von einer Gegenwart des Alles, jetzt. Das macht sie zur Postmoderne. Das macht die wochenendliche Warschauer Straße zu einem zeitlosen Must-Have, wenigstens in der Wahrnehmung der Besucher.

Der postmoderne Kapitalismus hat es ziemlich schwer, weil er nicht zielgerichtet auf eine Wohlstandszukunft hinarbeiten kann, sondern just-in-time die Unmittelbarbedürfnisse der Wohlstandsgegenwart zwischen LinkedIn und Groupon zugleich gestalten und bedienen muss. Alles zugleich hipp-verknüpft und gemeinsam-günstig. Sich darin auszutarieren ist ein aufregendes Spiel, das schnell zum Schild „Neue Bewirtschaftung“ in den Glücksritter-Lokalen der Berliner Trendbezirke führt.

Der aktuelle Kirschgarten – das Ornamentale und Überkommene – in der Berliner Mitte ist übrigens derzeit das sterbende Tacheles und wären wir vom Theaterfach, würden wir dieses besondere immobile Filetstück vielleicht in eine zeitkritische Aktualisierung von Tschechows Vierakter aufbraten. Wir sind allerdings Bibliothekswissenschaftler und finden uns passenderweise in der vertrackten Situation, dass die von uns fokussierte Institution der Bibliothek in bestimmten Diskursen das Schicksal des Kirschgartens der Ljuba Ranevskaja zu teilen scheint: Ein schöner, aber unbezahlbarer Luxus, der obendrein in der heutigen Zeit (welche auch immer das sein kann) überflüssig ist. Wie damit umgehen? Wir können es am nächsten Freitag besprechen.

Sechs Tage

Der Morgen kommt nie? Nun ja, Gott schuf, so sagt man, die Erde in sechs Tagen. Dass Mensch, wenn es blöd läuft, seine Welt im gleichen Zeitraum zu verwüsten angehen könnte, erzählt uns eingängig wie wenige politische Popmusikstücke DJ Shadows Hitsingle Six Days aus dem Jahr 2002. Dem Künstler gelang es mit diesem schönen Stück Musik leichter Hand die nahezu vergessene Band Colonel Bagshot (Vocal-Sample) und zugleich Danielle Graham (Video-Blickfang) in unserem kollektiven Popgedächtnis fest zu verzurren. Nehmen wir nun die Refrain-Zeile "Tomorrow never comes until it's too late", dann begreifen wir sie als nichts Geringeres als als Ansporn für eine tatkräftige Entgegnung. Die findet am 10.06. in der Unkonferenz ihre Vergegenwärtigung, die nicht zu spät kommt, sondern genau im rechten Augenblick. Und ich esse bis dahin meine ersten sechs Kirschen des Jahres.

Das Video zu DJ Shadows Six Days und wenigstens titelhaft zum heutigen Countdown-Marker passend hat der nicht unbekannte Wong Kar-wai verfertigt und Universal Music Deutschland, die mit ihrem Musikhauptquartier am Spreeufer wie gerufen die Wäscheleine direkt zur eingangs beschriebenen Szenerie spannt, hat das loftige, eifersuchtsgeladene Kunstfilmchen auf Dailymotion ins Web gestellt.

(bk)

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 26 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 15. Mai 2011

Die Lage des Lichts, die gerade in der frühen Abendstunde die Berliner Georgenstraße prägt, ist geeignet, jeden Stimmungsfotografen in einer Andachtsstellung zu beugen: Die versinkende Sonne spiegelt das berühmte Goldkreuz in die Diskokugel des Fernsehturms, hinter dem sich der Nordosthimmel in einem Farbton gleich dem Ziffernblatt der Einheits-NOMOS Typ Pasewalk ausstreckt und aus einem leichten milderen grauen Band über der Friedrichstraße schütten ein paar schnelle Eimer einen eher kalten Frühlingsregen auf die wenigen Passanten, so dass der Fahrer des Volvo-Cabrios ganz nachvollziehbar und in Ermangelung hupender Hinterleute noch eine Ampelphase länger unter der Stadtbahnbrücke verweilt und sein Verdeck schließt. (more…)

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 30 Tage.

“Im Hintergrunde erhebt sich die Kaserne, rechts das Gefängnis und links das Spital. Ist dies nicht wirklich ganz der Platz, welchen der Mann selbst gewählt haben würde, er, der mit solchem Muthe und so viel Geschick die alte Zivilisation gegen die Barbarei der Neuerer vertheidigte?” - Édouard René Lefebvre de Laboulaye: Prinz Pudel. Heidelberg: Carl Winters Universitätsbuchhandlung, 1868. S. 280

Zugegeben: Auf der Freshness-Skala selbst einer noch so printaffinen Hipster-Kultur muss es jedes Buch mit dem Namen “Prinz Pudel” einfach nur schwer haben, auch wenn die Popper’resken (gemeint ist die Jugendkultur der 1980er und nicht etwa der Erkenntnistheoretiker) Frisuren mancher Vertreter dieser Gruppe doch oft sehr an Scheren und Trimmen erinnern.

Aber nicht jeder, der die Haare wie ein Barbet trägt, fühlt sich von der Assoziation mit Laboulayes Prinz Hyazinth zu Tulipanen, König der Mückenschnapper auch wirklich geschmeichelt.

Was ein Fehler ist, denn wer die politische Humoreske kennt, weiß, wohin der kluge Jungaristokrat sein Volk führt: zur Verfassungsurkunde von Liberia. Und so wie ein ehemaliger Präsident des realen Liberias zwar Charles Taylor heißt, jedoch nichts mit dem gleichnamigen kanadischen Meisterdenker des Kommunitarismus zu tun hat (wobei letzterer an Laboulayes Buch ein gewisses Vergnügen empfinden würde und ersterer sicher ein oder zwei der geschilderten dystopische Grundzüge in seine Herrschaftszeiten legte) so entspricht dieses Liberia bestenfalls dem 1847 intendierten (und damals schon fragwürdigen), aber nicht dem realen des frühen 21. Jahrhunderts.

Die Vereinigten Staaten waren, so Tocqueville, dereinst das Maß der freiheitlichen Dinge, was Laboulaye in seinem Pudelbuch im Kapitel zur Laterna magica zu der zukunftsweisen These veranlasste:

“Im Grunde war sie nichts anderes als die vierzigste Auflage der Verfassung der Vereinigten Staaten, welche die Runde in der neuen Welt macht und eines Tages wohl auch zu den Chinesen hinüberkommen kann.” (S. 271)

Die Betonung liegt auf der Möglichkeitsform und im heutigen Peking geht man vermutlich nach wie vor davon aus, dass dieser eine Tag dem berühmten Heiligen Nimmerlein gewidmet sein wird.

Woran es schließlich lag, dass die politische Satire des geistigen Vaters der Freiheitsstatue, die wirklich wenig mit Hundeliebe zu tun hat, über die kleine Auflage in dem Heidelberger Universitätsverlag nicht hinauskam, weiß nur der damalige Buchmarkt allein. Und heute dürften die Annales Mückenschnapperorum selbst im Longtailvertrieb ihr Stammpublikum bestenfalls an der hintersten Haarspitze der Pudelquaste finden.

Es war genau genommen auch eher ein drolliger Zufall dieses Mittwochs, der eine Wanderung über den Berliner Bebelplatz mit dem Eingangszitat zusammenführte und sich in einem Illustrationstext zur zweiten Countdown-Fotografie des frei<tag>s unterhaken ließ. Denn natürlich haben die Standbild-Errichtungsphantasien der Bürger zu Dummburg, die den erzreaktionären Baron und Polizeistaatsmeister Gerhard von Weinerlich zu ehren trachten (also – Achtung Western-Fans! – bestenfalls eine Art Statue of Liberty Valance aufzustellen planen), eigentlich keinen Platz auf einem Platz von dem sich sagen ließe: “Im Hintergrunde erhebt sich die Sankt-Hedwigs-Kathedrale, rechts die Staatsoper und links die Alte Bibliothek.” Nur sieht der Flaneur aktuell vor allem Bauplätze. Und Menschen, vorwiegend mit touristischen Ambitionen, im Gespräch.

Bemüht man sich nun wirklich, gelingt es sogar den Halbkreis zwischen Prinz Pudel, dem Stadtplatz gegenüber der Humboldt-Universität und unserer Unkonferenz mit zugegeben größerem Biegeaufwand zusammenzuführen. Denn im Vierten Kapitel des Buches berät die Regierung der Mückenschnapper über einen neuen Gesetzentwurf, die Zeitungs- und Bücherpolizei betreffend. Was bereits in der Überschrift polizeilich-totalitär anklingt, bestätigt in Artikel 4 des Gesetzes die finstersten, frühorwellianischen Erwartungen:

“Es wird unter der direkten Leitung der Regierung eine “officielle Bibliothek” errichtet, welche alle Meisterwerke des menschlichen Geistes in einer sorgfältigst revidierten, corrigierten und expurgierten Ausgabe enthalten wird. Nur diese Ausgabe wird zum Umlaufe im Reiche zugelassen; alle früheren werden, bei Geld- und Confiskationsstrafe, innerhalb eines Jahres über die Grenze geschafft und dort vernichtet.” (S. 42)

Wer mit dem Verb expurgieren seine Verständnisprobleme hat, sei an dieser Stelle an den LIBREAS Call for Papers #19 erinnert. Und auf dieses Dokument der ALA verwiesen.

freitag Bebelplatz

Unkonferenz ist überall. Auch wenn der Herr mit der laufmaschigen Feinstrumpfhose, der vor dem Bauzaun der Staatsoper eine Reihe von Büchern auslegt und damit einen eigenwilligen Kontrapunkt zu dem nur wenige Meter befindlichen Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 markiert, gemeinhin andere Dinge als den Freiheitsbegriff des Édouard Laboulaye auseinandersetzt, so lebt er ihn doch auf seine Art.

Wer übrigens selber Karten wie die gezeigte bekommen und verteilen möchte, der bekommt auch welche. Eine E-Mail an die LIBREAS-Redaktion mit Postanschrift und dem Betreff freitag-Flyer sollte genügen. Jedenfalls solange der Vorrat reicht.

(bk)

Gegendsätzlich: Der Mensch, die Technik und der Bibliothekartag 100 in Berlin 44

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS on tour by Ben on 23. Januar 2011

Die Technik

„Ein wichtiges Motiv […] ist […] die Suche nach dem perfekten ersten Satz – eine Obsession im Boulevardjournalismus, wo die Leser wenig Zeit haben und der Text eines Artikels mit Schlagzeilen und bunten Bildern von nackter Haut konkurriert. Es ist aber auch eine philosophische Suche, der Wunsch, sich einen Reim zu machen, der leitet und schützt.“

So steht es in einer Buchbesprechung im gestrigen Feuilleton der FAZ (Nils Minkmar: Vom tastenden Leben zwischen dem ersten und dem letzten Satz, S. 32). Und so steht es hier als erster Satz – was einen Reim ergibt, der leider nichts leitet und schützt. Aber durchaus einen Sinn.

Da LIBREAS bisweilen als bibliothekarisches Feuilleton wahrgenommen wird, ist uns nämlich geraten, gelegentlich selbst in ein Feuilleton hinein zu blättern. Zum Beispiel in das der Tagespresse vom Samstag. Das sich dann wieder mit unserem Blog trifft.

Nimmt man die Kriterien „wenig Zeit“,„Schlagzeilen“, „bunte Bilder“, „nackte Haut“, dann ist das Internet an sich ein Boulevard. Dass „Boulevard“ seinen Ursprung im Bollwerk hat, passt nur noch besser ins Bild, denn die postmoderne Verteidigung liegt gerade in der Diffusion und nicht in der Ballung. Und es passt zum Phänomen der Digitalität.

Mercedes Bunz verrät uns, und hier liegt der aktuelle Treffpunkt, ebenfalls in der FAZ (und zwar im Bereich Bilder und Zeiten) ausführlich in einem flotten Programmartikel („Das Denken und die Digitalisierung“, S. Z1f.), dass die Digitalisierung […] im Gegenzug zur Industrialisierung“ nichts bündelt und normiert, sondern ihre techné, also die ihr innewohnende Logik über Leitbegriffe wie „update“ und „disruption“, d.h. Entwicklungsprozess und Unterbrechung, beschreibbar wird und fragt im Anschluss: „Warum sollte man nur Menschen fordern und fördern und nicht auch Maschinen?“ (more…)

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 80 Followern an