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It’s the frei<tag> 2013 Countdown (17): Wie wollen wir arbeiten?

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS on tour, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 5. März 2013

von Karsten Schuldt

I have never found a companion that was so companionable as solitude. We are for the most part more lonely when we go abroad among men than when we stay in our cambers. A man thinking or working is always alone, let him be where he will. (Henry David Thoreau)

The nice thing about teamwork is that you always have others by your side. (Margaret Carty)

Im allerersten Countdown zur allerersten frei<tag> – das war gerade mal vor zwei Jahren, aber es fühlt sich an wie zehn oder zumindest achteinhalb – gab es einen Beitrag zu den Arbeitsplätzen der damals die Unkonferenz Organisierenden. Die These hinter diesem Beitrag war, dass die Arbeitsplätze und wie wir sie präsentieren, mehr über uns aussagen würden als zum Beispiel unsere Porträtphotos, Lieblingsmusik oder Hobbys. Ergebnis dieser Photos war unter anderem, dass die Computer, nicht die gedruckten Medien, im Mittelpunkt unserer Arbeitsplätze standen (genauer: auf den meisten Bilder gab es überhaupt keine gedruckten Medien und wenn, bezogen die sich kaum auf Bibliotheken). Ausserdem fiel auf, dass kaum jemand von uns direkt in Bibliotheken, viele hingegen in Wissenschaftseinrichtungen tätig war.

Was allerdings überhaupt nicht geklärt wurde, durch diese Bilder, war, wie wir eigentlich arbeiten wollten. Sicher: Wir konnten unsere Arbeitsplätze selber gestalten und ja, im Grossen und Ganzen sagten Sie uns auch zu. (Ich konnte zum Beispiel aus meinem Fenster täglich die Sonne über der grossen Synagoge in der Oranienburger Strasse untergehen sehen, während sich ihre Strahlen in deren goldenem Dach und der Spree brachen, gleichzeitig hörte ich die Touristinnen und Touristen, Studierende und Dozierenden unter meinem Fenster entlanggehen. What’s there not to like?) Aber: Wir konnten uns die eigene Arbeit und Arbeitseinteilung nicht aussuchen. Wieder mit einer gewichtigen Einschränkung: Diejenigen von uns an den Hochschulen haben selbstverständlich trotz allem mehr Freiheiten dabei die eigenen Arbeitsinhalte und -bedingungen zu bestimmen als andere. Freiheit der Wissenschaft und so.

Inetbib-Tagung 2013, Humboldt-Universität zu Berlin, Session zum Themenfeld Open Access, 04.03.2013. Versteckt auf dem Bild finden Sie (a) eine LIBREAS-Redakteurin/einen LIBREAS-Redakteur, (b) eine/einen aktuelle/n LIBREAS-Autor/in, (c) zwei intensive LIBREAS-Lesende. Finden Sie alle vier! (Tipp: Alle auf dem Podium. Open Access im Bibliotheksbereich und LIBREAS... Sie wissen schon. Gleich drei Redkteurinnen/e der Zeitschrift treten auf der Tagung auf, womit die Redaktion mit dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU und dem Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HWT Chur gleichzieht. Sacrebleu.)

Inetbib-Tagung 2013, Humboldt-Universität zu Berlin, Session zum Themenfeld Open Access, 04.03.2013. Versteckt auf dem Bild finden Sie (a) eine LIBREAS-Redakteurin/einen LIBREAS-Redakteur, (b) eine/einen aktuelle/n LIBREAS-Autor/in, (c) zwei intensive LIBREAS-Lesende. Finden Sie alle vier! (Tipp: Alle auf dem Podium. Open Access im Bibliotheksbereich und LIBREAS… Sie wissen schon. Gleich drei Redakteurinnen/Redakteure der Zeitschrift treten auf der Tagung auf, womit die Redaktion mit dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU und dem Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HWT Chur gleichzieht. Sacrebleu.)

Dennoch: Es wäre interessant zu wissen, wie wir eigentlich in Zukunft arbeiten wollen. Wenn wir über die Zukunft der Informationswissenschaft, der Bibliotheken und angrenzender Einrichtungen debattieren, debattieren wir auch über die dortigen Arbeitsbedingungen, wenn auch indirekt.

  • Sagen wir zum Beispiel: Bibliotheken müssen 24 Stunden am Tag offen haben, sagen wir zumeist auch: Bibliotheken müssen 24 Stunden am Tag Personal haben. Dass heisst: Irgend jemand muss da um zwei Uhr an einem Donnerstag sein und irgendwer anders um Montag Morgen um fünf. Wollen wir das? (Oder lassen sich Bibliotheken so gestalten, dass sie zu bestimmten Zeiten staffless sind?)
  • Oder: Wenn wir sagen, die Bibliothekswissenschaft sollte mehr ethnologische Methoden anwenden, heisst das auch, dass da Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich in langwierigen, systematischen Beobachtungsmethoden üben müssen. Wollen wir das?
  • Oder: Wenn wir sagen, der Reference Service am Infodesk ist nicht mehr notwendig, wir brauchen Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die auf die Nutzerinnen und Nutzer zugehen, die hinter der Theke hervorkommen, die gar keine Theke mehr haben, heisst das auch, dass wir Bibliothekarinnen und Bibliothekare dazu nötigen, so zu arbeiten. Wollen wir das? Muss jede und jeder in der Bibliothek „etwas mit Menschen machen“?
  • Wenn wir im Zuge der Debatten um RDA davon ausgehen, dass das Katalogisieren immer mehr eine kooperative Tägigkeit von Spezialistinnen und Spezialisten wird, heisst das auch, dass die Arbeit der Katalogabteilungen sich ändern wird. Sie werden weniger werden, mehr mit anderen Katalogabteilungen direkt kommunizieren etc. Auch hier: Wollen wir das?
  • Wenn wir davon ausgehen, dass die Bibliotheks- und Informationswissenschaft immer mehr zu einer Wissenschaft werden sollte, in der verteilt über Forschungseinrichtungen an Daten geforscht wird, dann wird sich die Arbeitsweise der Forschenden verändern: Weniger an einen Ort gebunden, wenig an die Bibliothek gebunden, viel unterwegs. Wollen wir das? (Geht das eigentlich: Eine Bibliothekswissenschaft, die den Ort Bibliothek nicht aufsucht?) Wir gehen zum Beispiel davon aus, dass alle Forschung immer mehr Daten produziert und dass wir diese Daten verwalten sollten. Aber wollen wir das eigentlich auch für unsere Arbeit?

Man wird vielleicht nicht unbedingt Bibliothekarin oder Bibliothekar, Forschende oder Forscher weil man die Arbeitsbedinungen dieser Tätigkeiten schätzt; aber man wächst in sie hinein und findet sich mit der Zeit oft in ihnen zu Recht (oder wechselt fort, erstaunlich oft von der Forschung in die Bibliothek). Aber, wie uns die gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen der letzten 150 Jahre oder so gelehrt haben, sind die Arbeitsplätze und -bedingungen kein unabänderliches Schicksal. Wie wir arbeiten wollen bestimmt in einer langen Perspektive auch, wie wir am Ende arbeiten. Manchmal setzt man Bedinungen direkt durch, manchmal durch „Einschleifen“, machmal schafft man es nicht.

Aber:

  • Wieviel wollen wir eigentlich in unser Arbeit mit anderen Menschen, mit Daten, mit welchen Medien, mit welchen anderen Einrichtungen zu tun haben?
  • Wie lange wollen wir arbeiten, zu welchem Lohn, mit welchen Freiheiten?
  • Wollen wir dem Kult der Alleinarbeit, der Teamarbeit oder keinem von beiden fröhnen?
  • Wollen wir sichere Arbeitsverhältnisse oder spannende, wechselnde Aufgaben? Wollen wir an einem Ort bleiben oder viel unterwegs sein?
  • Wollen wir Serviceorientiert sein oder mehr Erkenntnisorientiert?
  • Wollen wir Jobs und nebenher Freizeit oder wollen wir Aufgaben, die uns ganz ausfüllen?
  • Ist uns egal, wie die anderen in unseren Einrichtungen arbeiten, z.B. die Wachfrau früh um zwei, oder nicht?
  • Wie werden wir nennen was wir machen? (Hier: Desletztens nannte jemand, was ich mache, „Privatgelehrtentum“ und nicht Wissenschaft, ganz explizit getrennt. Das ist schon interessant. Sind das unterschiedliche Dinge? Macht z.B. die Kollegin Kindling mit ihren Forschungen zu Repositorien und Open Access Wissenschaft und ich nicht? Hat das Auswirkungen auf unsere Arbeit?)

Sehr oft wird die Zukunft von Einrichtungen und Forschungseinrichtungen diskutiert ohne über die damit einhergehenden Veränderungen der Arbeitsbedingungen zu diskutieren. Das Ergebniss ist dann oft, dass die Veränderungen auch deshalb nicht eintreten, weil die Beschäftigten sich ihre Arbeitsleben anders vorstellen und z.B. nicht auf die Informationstheke verzichten wollen. Deshalb sollten wir nicht vergessen, uns auch darüber zu unterhalten.

Potsdam, März 2013

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 16 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 25. Mai 2011

„Are you working? What kind of work do you do?“ (Gang Starr: Work [Moment of truth, 1998])

Hier einmal eine einfach, kurze, aber doch nicht leicht zu beantwortende Frage: Wie arbeiten wir eigentlich? Wir alle im Allgemeinen in Bibliotheken, Dokumentationseinrichtungen, Archiven, Informationswirtschaft und Wissenschaft und – jetzt mal als Team, dass die frei<tag> – Bibliothekswissenschaftliche Unkonferenz organisiert – im Speziellen. Selbstverständlich sagt das etwas über uns aus, schließlich ist es der Arbeitsplatz, an dem wir einen großen Teil der Tage verbringen. Sicherlich: Die einen mehr und die anderen weniger, den einige von uns können ihre Arbeitsplätze wechseln, haben gar mehrere Arbeitsplätze, andere sind an einen Ort gebunden. Mehr als eine Person aus dem Team unterrichtet zum Beispiel, steht vor zukünftigen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Lehrerinnen und Lehrern. Einige von uns können auch immer einmal woanders arbeiten, zu Hause zum Beispiel oder – wie gerade jetzt, wo dieser Text entsteht – in der Kneipe am Tresen. Und nicht zuletzt: Wie unser Arbeitsplatz aussieht wird nicht von uns alleine bestimmt, sondern auch von den Vorgaben der Arbeitgeberinnen und -geber. (Niemand von uns ist selbstständig, niemand gerade arbeitslos. Dann würde die Situation sich noch anders darstellen.)
Nicht zuletzt ist unser Arbeitsplatz nicht unsere Arbeit, sondern „nur“ der Platz, an dem sie geschieht. Und trotzdem: Unser Arbeitsplatz sagt etwas über uns aus. Nämlich – insbesondere, wenn wir die Möglichkeit haben, uns zu inszenieren – etwas darüber, wie wir uns und unsere Arbeit organisieren, wie viel oder wenig Abstand wir von ihr halten wollen, wie sehr wir den Arbeitsplatz personalisieren oder so lassen, wie wir ihn vorgefunden haben. Als kleines Experiment – und auch, weil es persönlicher ist, als Namen im Wiki allein – stellt das gesamte Team der frei<tag> sich hier per Arbeitsplatz dar.

In alphabetischer Reihenfolge:

Julia Iwanowa, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, Projekt "Open Access Netzwerk II"

Ben Kaden, Projekt IUWIS

Maxi Kindling, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, Projekt "Open Access Netzwerk II"

Felix Ostrowski, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, Projekt "LuKII"

Karsten Schuldt, Interdisziplinäres Zentrum für Bildungsforschung der Humboldt-Universität zu Berlin

Manuela Schulz, Bibliothek der Medizinischen Fakultät Mannheim der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Jenny Sieber, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, Projekt "LuKII"

Matti Stöhr, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Jahresberichte für Deutsche Geschichte

Doreen Thiede, Zuse-Institut Berlin, Abteilung Wissenschaftliche Information (KOBV)

Außerdem: Nicht direkt beim Team dabei, wegen zuviel Arbeit, aber immer nahe am Entscheidungsprozess: Elke Greifeneder, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin

Was fällt auf? Zum einen sind wir unterschiedlich, wie man an den Stücken neben der verbindenen frei<tag>-Einladungskarte sieht, die wir an unseren Arbeitsplätzen bereithalten. Zum anderen teilen wir aber doch Vorlieben, offenbar. Nicht das Buch, wie man in der Bibliothekswissenschaft doch immer noch erwarten könnte, steht im Vordergrund, sondern der Computer, was vielleicht mehr auf die Informationswissenschaft hindeutet. Interessanterweise sind auf unseren Rechner dann aber alle drei großen Betriebssysteme vertreten (Sorry BSD). Eventuell ist es auch ein generationeller Wechsel, der sich hier zeigt. Lesen tun wir selbstverständlich dennoch ständig. Interessant ist, dass der mobile Rechner im Vordergrund steht. Unmobile Rechner stehen zumeist im Hintergrund. Gleichzeitig scheint niemand von uns sich aufgegeben zu haben. Positive Botschaften, eine eigenständige Einbindung in – teilweise unterschiedliche Fachdiskurse – und helle Farben überwiegen. Einige von uns stellen auch gar nicht den Arbeitsplatz, sondern eine positive Botschaft in den Mittelpunkt. Und das, obwohl viel Improvisation ist, unfertig, übergelassen von anderen Projekten.
Das sind also wir. Ist das normal für unser Wissenschaftsfeld? Sind wir Ausnahmen? Wie arbeitet ihr anderen eigentlich? Ist das gut, wie wir arbeiten? Sollten wir es verändern? Welchen Einfluss haben unsere Arbeitsplätze auf unsere Arbeit? Sind auch das Fragen, die auf der frei<tag> diskutiert werden können? Wie dem auch sei: Die Bilder sind auch eine Einladung, tiefer in unsere (und eure) Arbeitsprozesse einzutauchen.

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