LIBREAS.Library Ideas

Ist community-led and need-based librarianship die bibliothekarische Antwort auf die soziale Frage?

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 23. März 2014

Karsten Schuldt

Zu: Pateman, John ; Williment, Ken / Developing Community-Led Public Libraries : Evidence from the UK and Canada. Farnham ; Burlington, VT : Ashgate, 2013

John Pateman und Williment Ken setzen in Developing Community-Led Public Libraries dazu an, Öffentlichen Bibliotheken eine Arbeitsweise vorzuschlagen, die dazu führen soll, dass Bibliotheken vor allem die Bedürfnisse von sozial Ausgegrenzten bedienen. Beide gehen davon aus, dass dies notwendig wäre und stützen sich dabei auf die Ergebnisse aus zwei grösseren Projekten; einmal der Arbeitsgruppe, die in den frühen 2000er Jahren im Auftrag der damaligen Labour-Regierung in Grossbritannien Fragen der sozialen Exklusion und Inklusion im Bezug auf Öffentliche Bibliotheken untersuchte (und dabei den damals recht weit beachteten Bericht „Open to All?“ veröffentlichte) und das andere Mal auf das „Working Together Project“, welches in Kanada Möglichkeiten der sozialen Inklusion durch Bibliotheken erprobte. Beide Autoren waren in diesen Projekten aktiv involviert, Pateman in „Open to All?“ und Williment im „Working Together Project“; Pateman hat zudem in den Jahren zuvor und danach oft zu diesen Fragen publiziert und ist heute aktiv in „The Network“, einem losen Zusammenschluss von Personen, die sich mit Fragestellungen der sozialen Exklusion und Bibliotheken, Archiven und Museen beschäftigen (www.seapn.org.uk). Das Buch baut auf diesen Erfahrungen auf.

In einem ersten Schritt kritisieren die Autoren die zumeist unternommenen Versuche von Bibliotheken, auf soziale Fragen zu reagieren. Zwei Punkte heben sie dabei besonders hervor.

Erstens seien die meisten Angebote, auch die zahlreichen Outreach-Programme, auf der Vorstellung universell gültiger Informationsbedürfnisse aufgebaut: Alle Menschen würden praktisch die gleichen Informationen in ähnlichen Varianten bedürfen. Deshalb würden Bibliotheken vor allem darüber nachdenken, wie sie Zugang zu Informationen schaffen können und anschliessend diesen Zugang in einem „Take it or Leave it“-Ansatz bereithalten. Würden sozial Ausgeschlossene diese Angebote nicht annehmen, so die Kehrseite dieser Programme, gelte dies dann eher als deren eigene Entscheidung, aber nicht als Problem der Bibliothek. Pateman und Williment betonen hingegen, dass Menschen je nach ihrem sozialen Status sehr unterschiedliche Informationsbedürfnisse hätten und Bibliotheken auch auf sehr unterschiedliche Weisen für diese Menschen relevant werden müssten. Ein reines Angebot würde oft dazu führen, dass gerade diejenigen Personen, welche den das Angebot entwerfenden Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ähnlich sind, dieses nutzten, da es passgenau mit ihren Interessen und Verständnis der Bibliothek wäre. Oder anders, immer noch im Duktus des Buches: mittelständische Bibliotheken würden Angebote für den Mittelstand entwerfen, gleichzeitig aber der Meinung sein, Personen aus anderen Sozialschichten hätten damit die gleichen Zugangsmöglichkeiten.

Zweitens kritisieren Pateman und Williment, dass die meisten bibliothekarischen Aktivitäten von den Bibliotheken für andere Personen entworfen werden, nicht mit anderen Personen. Dies würde dazu führen, dass sich Bibliotheken Informationsbedürfnisse anderer Menschen vorstellen würden, auf die dann mit bibliothekarische Angeboten reagiert würde; anstatt Angebote zu schaffen, welche auf die tatsächlichen Interessen und Bedürfnisse zum Beispiel der Community um die Bibliotheken herum eingehen würden.

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Lösungsansatz

Als Antwort auf diese Kritiken entwerfen die Autoren eine need-based und community-led Bibliotheksarbeit. (Wobei Pateman die Vorstellung eines needs-based library service schon früher dargelegt hat, beispielsweise in Pateman, John (2003) / Developing a needs-based library service. Leicester : National Institute of Adult Education.) Beide halten sehr viel von diesem Ansatz, welcher grundsätzlich die beständige Einbeziehung der Community, für welche die Bibliothek zuständig ist, in die Planung und Evaluation der Bibliothek bedeutet. Für sie ist klar, dass ein solcher Ansatz die Bibliothek grundsätzlich verändert.

„Once needs have been identified and prioritized they can be met by using a community development approach. This is very different from an outreach approach which simply takes library services (which have been designed, planned, delivered and evaluated by library staff) out of the library and into community settings. A community development approach is based on creating meaningful and sustained relationships with local communities, while acknowledging that the community is the expert on its members’ own needs. Library staff become listeners rather than tellers, and staff and community co-produce library services. Community-led work ist not prescriptive, which is a mayor strength, as it is highly adaptable and applicable to all contexts and communities which librarians are working in, or could working in.” [Pateman & Williment 2012: 2]

Beide Autoren sind erkennbar sozialdemokratisch geprägt. Durchgängig wird sich positiv auf sozialdemokratisch Werte und die Labour-Regierungen in Grossbritannien bezogen, gleichzeitig von den konservativen beziehungsweise konservativ-liberalen Regierungen, die bei der Publikation des Buches in Grossbritannien und Kanada an der Macht waren, gewarnt. Zudem scheint in früheren Werken Patemans eine mindestens oberflächliche Marx-Lektüre durch. In Übereinstimmung damit sehen Pateman und Williment die community-led Bibliotheksarbeit als politische Bibliotheksarbeit an.

„A needs-based and communitiy-led approach enables library services to be targeted at the underserved and the library becomes an agent of social change and social justice.” [Pateman & Williment 2012: 2]

Ein community-led Bibliotheksansatz sieht mehrere Schritte vor:

  1. Consulation (mit der Community, für welche die Bibliothek tätig sein soll)
  2. Needs based assement and research (einer auf den Interessen der Mitglieder der Community basierenden Recherche über die tatsächlichen Lebensverhältnisse und damit auch Informationsinteressen dieser Community)
  3. Library image and identity (hier vor allem die Frage, wie die Bibliothek tatsächlich von denen wahrgenommen wird, die sie unterstützen soll, wobei Pateman & Williment vor allem unterschiedliche Formen von sozialen Barrieren ansprechen)
  4. outreach, community development and partnerships (die Entwicklung und Pflege derselben)
  5. ICT [Information and Computer Technology] and social exclusion (hier vor allem die Frage, wie Bibliotheken zum Teil selber technische Barrieren mit aufbauen)
  6. Materials Provision (die Auswahl des Bestandes, wobei die Autoren weiterhin eine „viktorianische“ Vorstellung von der sozialen Kontrolle der „deserving poor“ durch eine professionelle Elite als Grundlage der heutigen durchgeführten Bestandsauswahl beschreiben, einer Vorstellung, die es zu überwinden gälte)
  7. Staffing, recruitment, training and education (die Frage, welches Personal in den Bibliotheken vorhanden ist und welches Personal eigentlich benötigt wird, um community-led zu arbeiten)
  8. Mainstreaming and resourcing for social exclusion (hiermit ist gemeint, dass die Arbeit gegen soziale Exklsion in der Bibliothek als normaler Teil der Bibliotheksarbeit etabliert werden soll, nicht als Projekt am Rande)
  9. Standards and monitoring of services (hier ist die Ausrichtung von Evaluationen der Bibliotheksarbeit auf die Interessen und Bedürfnisse der Community gemeint)

Die Artikel des Buches folgen dieser Liste. Ausser dem einführenden und zwei abschliessenden Kapitel sind alle anderen neun Kapitel ähnlich aufgebaut. Sie beginnen mit einer kurzen Erläuterung des jeweiligen Punktes, führend dann Erfahrungen aus Grossbritannien an, welche den Punkt unterstützen sollen, anschliessend solche aus dem kanadischen Programm, um dann jeweils mit einer kurzen Liste von Handlungsempfehlungen für Bibliotheken zu diesem Punkt abzuschliessen. Insoweit ist ein Grossteil des Buches zusammengesetzt aus Berichten, Zitaten und Erfahrungsberichten aus anderen Texten. Stellenweise liesst sich dies wie ein aus mehreren Quellen zusammenkopierter und mit kurzen Überleitungen zusammengehaltener Text.

New Labour revisited

Zudem sind die angeführten Beispiele und Erfahrungen (die als „Evidence“ verstanden werden) nicht immer überzeugend. Zumindest nicht als reine Fakten. Vielmehr sind sie Teil einer politischen Begründung von Bibliotheksarbeit. Es sind oft Herleitungen. Zum Beispiel nutzen wenige kanadischen Ureinwohnerinnen und Ureinwohner die Bibliotheken oder auch weniger Menschen mit bestimmten Migrationshintergründen, als nach ihrer Anzahl in den beiden Ländern zu erwarten wäre; deshalb ist offenbar die Bibliotheksarbeit, die geleistet wird falsch. So ungefähr funktionieren die meisten Herleitungen. Das kann überzeugen oder auch nicht, aber es sind keine Fakten, wie sie gerne im betriebswirtschaftlich orientierten Reden von „Evidence“, „Evaluation“ und so weiter angedacht werden.

Dieses Problem ist im Buch selber angelegt: Die gesamte Rhetorik ist geprägt von betriebswirtschaftlichen Vokabeln, gleichzeitig wollen Pateman und Williment vor allem darstellen, dass die Realität komplexer, verwirrender, schwieriger (messy) ist, als in dieser Rhetorik angelegt. Nur wer diese Realität wahrnimmt, könne auch direkt mit der Communities zusammenarbeiten. Aber solche Komplexität ist nicht vorgesehen in einer Rhetorik, die klare Anweisungen und einfache, übertragbare Konzepte erfordert. Dies erinnert alles stark an die Rhetorik der Sozialdemokratie in den frühen Jahren des 20. Jahrhundert. Deshalb ist das Buch als ganzes auch nicht überzeugend, beziehungsweise ist es nur dann überzeugend, wenn man der gleichen politischen Meinung ist wie die beiden Autoren – die damit gar nicht hinter dem Berg halten. Aber alles, jedes Projekt, jeder Hinweis, wird von den Autoren irgendwie in die aktuelle Rhetorik integriert, ohne dass das unbedingt notwendig wäre. Dies geht soweit, dass behauptet wird, dass eigentlich alles, was community-led librarianship ausmacht, schon in aktuellen Konzepten von Bibliotheken vorliegen würde. Zum Beispiel wird die Funktionen einer oder eines community development librarians beschrieben (einer Person, die in die community geht, dort rumhängt, Kontakte aufbaut, nicht mit den Eliten, sondern den Personen vor Ort), nur um zu behaupten, dass dies wenig mehr als eine spezifische Form des liason librarians wäre. Gleichzeitig aber betonen Pateman und Williment beständig, dass sich praktisch alles ändern muss, die Leitung der Bibliotheken in die Hand der Communities gelegt werden und diese bei ihrer Entwicklung begleitet werden müssten. Ein Widerspruch, der aber auch dazu beträgt, dass sich das Ganze oft wirklich wie ein Dokument der Sozialdemokratie unter Tony Blair oder Gerhard Schröder liesst, nur bezogen auf Öffentliche Bibliotheken – und im Jahr 2012.

Dabei sind die einzelnen Punkte, die im Buch angesprochen werden, nicht einmal uninteressant, ebenso ist die Kritik, die immer wieder an der heutigen Bibliothekspraxis geäussert wird, nicht vollständig ohne Belang. Immer wieder finden sich spannende Ergebnisse oder auch Anregungen. Der Grossteil dieser interessanten Teile ist allerdings aus anderen Texten der beiden Autoren zusammengetragen. Beispielsweise findet sich eine Tabelle, die mögliche Formen des Engagements mit der Community um eine Bibliothek systematisiert (von Passiv über Reactive, Partizipative und Empowerment zu Leadership [durch die Community]) (S. 24) oder eine Tabelle, welche die unterschiedlichen Informationsverhalten von sozial inkludierten Personen (selbstständig, aktiv) und sozial exkludierten Personen (getrieben, im eigene sozialen Netzwerk, ohne Vertrauen in offizielle Institutionen) gegenüberstellt (S. 51). Für solche Stelle lohnt sich das Lesen des Buches.

Fazit: Auf zur Diskussion

Ein anderer Grund das Buch trotz seiner Schwächen zu lesen ist sehr einfach, dass sich sonst kaum jemand wirklich mit der Fragestellung beschäftigt, wie Bibliotheken mit sozialer Exklusion umgehen beziehungsweise gegen sie vorgehen sollen. Sicherlich; das was Pateman und Williment vorschlagen, ist wenig mehr, als zu akzeptieren, dass Bibliotheken bislang zu dieser Exklusion mit beitragen, dass sie sich verändern müssen und anfangen müssen, sich so umzugestalten, dass sie für die sozial Ausgegrenzten relevant werden. Und zwar mit den Ausgegrenzten, nicht für sie. Well, maybe so. Aber dies alleine ist noch lange nicht der grosse Wurf, den die Autoren im Vorwort ankündigen, es ist eher eine politische Position in einem Bibliothekswesen, dass oft unpolitisch sein will und gerne das, was es schon macht, weitermachen möchte. Anders gesagt ist dieses Buch eine Erinnerung daran, dass das gesamte Thema Armut, soziale Exklusion und Bibliotheken wenig bearbeitet ist (obwohl die Armut nicht verschwunden ist) und dass es nötig sein kann, klare Positionen zu beziehen. Trotz der Hinweise für eine community-led Bibliotheksarbeit, die in jedem Kapitel enthalten sind, ist das Buch eher eine sinnvolle Aufforderung zu Diskussion, die angenommen werden sollte und hat wohl weniger direkten Bezug auf die Praxis.

LIBREAS #24: Zukünfte erschienen

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell by libreas on 17. März 2014

Diese Zukunft liegt hinter uns: Mit großer Freude verkünden wir, dass die 24. Ausgabe der LIBREAS mit dem Titelthema Zukünfte erschienen ist. Wie immer freuen wir uns und hätten vor Kurzem noch nicht geglaubt, dass es klappen würde. Aber da ist, mit Artikeln über gewünschte, erspähte, zu verhindernde, zu diskutierende und vergangene Zukünfte. Viel Spaß beim Lesen, viel Spaß beim Diskutieren.

(Und auf zur nächsten Ausgabe, LIBREAS #25: Frauen.)

Redaktion LIBREAS. Library Ideas

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Am Impuls der Zeit? Hans-Ulrich Gumbrecht ringt in der FAZ um ein Verständnis der digitalisierten Gegenwart.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 12. März 2014

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

zu: Hans-Ulrich Gumbrecht: Das Denken muss nun auch den Daten folgen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 11.03.2014, S. 14
(ebenfalls zitiert: Brita Sachs: Was der Computer aus den Bildern macht, die wir ihm geben. In: ebd.)

Gestern eröffnete Hans-Ulrich Gumbrecht eine Feuilleton-Serie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Zukunft des Geistes und der Geisteswissenschaften unter dem Einfluss der Digitalisierung mit einem Beitrag, der sich immerhin spart in die Kulturverfallskerbe zu schlagen, die auf derselben Seite des Feuilletons Brita Sachs in der Besprechung der derzeit im Kunstverein München gezeigten Ausstellung „La voix humaine“ ein bisschen über Gebühr bearbeitet wird.

Brita Sachs analysiert mehr de ressentiment als en passant das Phänomen des Selfies mit einer trübseligen Abqualifizierung, die man noch jedem neuen Schwung nutzergenerierter und daher fast zwangsläufig auch selbstzentrierter Inhalte entgegen geschleudert sah:

„Die mit dem Smartphone geschossenen, ins Netz gestellten Selbstporträts dienen im narzisstischen Dauerakt digitaler Selbstdarstellung dem Ziel maximaler Verbreitung: Ich zeige euch, wo ich gerade bin, was ich esse, anziehe, seht euch an, wie ich Party mache, wie süß ich meinen Partner gerade finde. Wen interessiert das alles wirklich?“

Natürlich niemanden. Nur sind diese Selbstinszenierungsmechanismen allenfalls sympathischer als der Personenkult des Celebrity-Wesens, der in der FAZ naturgemäß auf Minimalniveau, in boulevareskeren Medien jedoch immer titelseitentauglich ist. Wo man ausgiebig vorgeführt bekommt, in welchem Lokal ein George Clooney während seiner Berlin-Aufenthalte seine Rinderfilets verputzt (Grill Royal), ist es doch eigentlich beruhigend, wenn auch noch durchschnittlichere Menschen der Gegenwartskultur die Chuzpe besitzen, ihre Mahlzeiten gleich in der Nähe beim Syrer in der Torstraße zu twittern. Egozentrismus ist unserer Zeit nun mal deutlich positiv besetzt und wird oft geradezu eingefordert. Das kann und sollte man auch mal kritisieren. Aber auf den in dieser Hinsicht vermutlich nicht in Dauermetareflexion gefangenen Alltags-Facebook-Nutzer einer Eimer Verachtung auszuschütten, wie es die Kunstjournalistin Brita Sachs im Verhältnis zur Gesamtlänge ihrer Ausstellungsbesprechung vollzieht, ist fast noch niedriger. Wen interessiert das alles wirklich?

„Egal, seinen mit einer Menge sogenannter Freude vernetzten Produzenten gibt er [der Selfie-Fotograf] das Gefühl, ständig mitzumischen, und munter plätschert die Egozentrismusschwemme so über die Beschädigung analoger Kommunikation hinweg.“

Und führt, so Brita Sachs, die nach zwei von vier Spalten endlich für wenige Sätze zur Ausstellung findet, zur Isolation durch / trotz mediale/r Allround-Konnektivität. Was auch nicht unbedingt die neueste aller Erkenntnisse ist. Offen bleibt freilich, ob sich die digital vermittelte Einsamkeit wirklich qualitativ von der unterscheidet, der erkennende, suchende und fühlende Menschen seit Jahrhunderten begegnen.

Insofern scheint der direkt darüber gedruckte Text Hans-Ulrich Gumbrechts nicht besser platzierbar, ruft er doch zu einer anderen, klareren, die Digitalität in ihren Eigenheiten erfassenden Auseinandersetzung auf: (more…)

Activist Librarians and Archivists

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 10. März 2014

Karsten Schuldt

Zu: Morrone, Melissa (edit.) / Informed Agitation : Library and Information Skills in Social Justice Movements and Beyond. Sacramento : Library Juice Press, 2014

„Yes, our work is inherently political, because we make choices every day in large and small ways that show who it is that we are truly serving. If we don’t consciously make our choices, we’ll end up serving those who are easiest to serve, with the resources and services that are easiest to provide. We can and should do more by focusing on seeing and hearing our community (including people that we don’t yet work with) and proactively including, welcoming and serving them in the particular ways that they need. By ‘proactively including,’ I mean reading out to and building relationships with all members of the community, so that we can listen to them about their needs and interests and let them know what content and service we have that might be of use to them.” (Vacteon, Jude: Inside and Outside of the Library: On Removing Barriers and Connecting People with Health Care Resources and Zines. In: Morrone 2014: 147-160, 149)

“I’d like to see an awareness of political nature of our work, and I’d like to see people in the field take responsibility for that – in the general discourse in the field, in library school programs, and in our workplace. I’d like to experience a safer and more vital atmosphere for these types of conversations, not a fear- oder apathy-filled work culture when it comes to the basic questions of what we’re doing and who we’re doing it for. All of the denial and resistance to political conversations dissipate energy and rob us of opportunities to genuinely serve everyone, and to serve them in a way that helps create joy and crucial change.” (Vacteon 2014, 158f.)

activistlibrarians
Informed Agitation ist kein wirklich gutes Buch, aber es ist eines, dass gerade in den deutschsprachigen Bibliothekswesen von Interesse sein kann, weil es etwas aufzeigt, dass in der bibliothekarischen Diskussion so nicht offensichtlich wird: Es gibt eine sehr langlebige Tradition sehr politischer, explizit linker (beziehungsweise im US-amerikanische Sprachgebrauch, in dem politische Begriffe anders besetzt sind, „radical“ oder „activist“) Bibliotheks- und Archivarbeit. Sowohl innerhalb als auch ausserhalb der offiziellen Einrichtungen (oder oft auch sowohl – als auch). Mellissa Morrone, die Herausgeberin dieses Buches, geht sogar davon aus, dass der Eindruck, Bibliotheksarbeit wäre politisch linke Arbeit, ausserhalb der Bibliotheken weit verbreitet ist. Sie berichtet im Vorwort davon, wie sie, schon als sie als Studentin anfing, einer Organisation auszuhelfen, welche die Bibliothek in einem Federal Prison für Frauen unterstützt, ständig auf Leute traf – dem Pfarrer, der das Gefängnis mit betreut, Leute auf Parties – welche Bibliothekarinnen und Bibliothekare als „radical“ und aktivistisch begriffen. Dabei, so Morrone, ist das kein Eindruck, welcher im Bibliothekswesen stark vertreten wird. Es gibt allerdings eine ganze Reihe von oft nicht weithin auffälligen Initiativen, die sich mehr oder minder mit politischen Positionen identifizieren, einige organisiert, beispielsweise in der Progressive Librarians Guild, andere eher lokal orientiert. Zudem existiert eine kleine Tradition, über die Arbeit dieser Initiativen zu publizieren. Morrone selber, die sich als Bibliothekarin und als activist begreift, fand diese „linke“ Bibliotheks- und Archivarbeit unterrepräsentiert. Deshalb gibt es jetzt Informed Agitation, eine aktuelle Textsammlung von Aktiven aus diesen Organisationen, fast alle aus den USA, mit einem starken Fokus auf New York City, einige aus Kanada, Grossbritannien und Neuseeland. Erschienen ist es bei Library Juice, immerhin dem Verlag, bei dem man solche Publikationen erwartet.

Ein solches Buch lebt selbstverständlich von den aktuellen linken Gruppen und Diskursen und allen ihren Vor- und Nachteilen. Und es gibt viele Nachteile. In Informed Agitation wird zum Beispiel – erstaunlich bei diesen Titel – überhaupt nicht für oder gegen bestimmte politische Positionen und Themen argumentiert. Sie werden zumeist einfach als gegeben präsentiert. Wer sich mit Ihnen nicht identifizieren kann, wird mit den Texten oft weniger anzufangen wissen. [Zum Beispiel findet sich ein Text von Aktiven aus der Boykott-Israel-Bewegung, die im englischsprachigen Diskurs unter Aktiven akzeptiert ist, aber in den deutschsprachigen linken Szenen spätestens seit den 1990er Jahren – meiner Meinung nach vollkommen zu Recht – als antisemitisch ausgeschlossen ist. Deren Text kann ich kaum ernstnehmen. Ähnlich wird es Anderen bei Texten gehen, in denen zum Beispiel ein anarchistisches Archiv in Philadelphia vorgestellt wird, welches explizit kein Material an die Archive der beiden Universitäten der Stadt, die als gierig angesehen werden (die Unviersitäten), übergeben will.] Man bemerkt zudem immer wieder die postmodernen politischen Diskurse, welche das schreibende Individuum in den Mittelpunkt stellen. Nahezu alle Texte reflektieren über die Positionen der Person oder Personen, welche den Text schrieben: „ich habe dies so und so entschieden“, „wir machen das so und so“.

Dabei suchen die meisten Texte einen direkten Anschluss an aktuelle bibliothekarische oder archivalische Debatten. Die soziale Verantwortung der Bibliotheks- und Archivarbeit wird betont und aus ihr eine politische Aufgabe abgeleitet, mehrere Beispiele von Archiven verweisen darauf, dass diese sich der Verantwortung stellen müssten, nicht nur die Geschichte des Staates zu repräsentieren, sondern aktiv die Geschichten der Ausgeschlossenen in das Archiv zu holen. Fast durchgängig führen die Aktiven ihre Arbeit auf die Aufgaben von Bibliotheken und Archiven zurück; mehrfach wird auch betont, dass Bibliotheken eine für den Kapitalismus erstaunliche Einrichtung darstellen würden, da sie Zugang für alle ermöglichen würden. („Part of what makes librarianship so exciting is this ontological question about its politics. The Library is so mainstream, yet also so… socialist.“ Morrone, Meliassa: Introduction. In: Morrone 2014: 1-7, 2)

Für die deutschsprachigen Bibliothekswesen scheint eher die inhärente Fragestellung, ob die Bibliotheks- und Archivarbeit wirklich politisch ist oder ob nicht eher bestimmte Beispiele bibliothekarische und archivalische Prinzipien auf politische Gruppen und Fragestellungen anwenden werden, interessant. Dass das Buch immerhin 21 Texte zum Thema einwerben konnte, hat auch etwas mit der Grösse des englischen Sprachraumes (und New York Cities) zu tun. Wer genau sucht, wird aber auch in Berlin, Wien, Hamburg, Zürich und einigen anderen Städten auf ähnliche Projekte stossen,[1] immerhin ist die im Buch präsentierte Auswahl ziemlich weit. Die Spannbreite reicht von Archiven, welche unterrepräsentierte Gruppen (die libanesisch-stämmige Bevölkerung in North Carolina), die anarchistische Bewegung oder soziale Auseinandersetzung (Welfare Rights Initiative, Metropolian Council for Housing, Occupy Wall Street, alle NYC) dokumentieren, über die Occupy Wall Street Library und Bibliotheksservices für Frauen in einem Gefängnis, über mehrere Texte zum Sammeln von Zines bis hin zu einer Mailingliste für Housing, die Selfidentified Queer Woman of Colour and their Allies dienen soll und von einer Bibliothekarin betrieben wird [das Beispiel zeigt schon bei der Beschreibung, wie sehr die aktuellen politischen Diskurse in die Texte einfliessen] sowie einem, jetzt eingestellten, Informationsdienst über Möglichkeiten der medizinischen Versorgung für Unversicherte. Obwohl einige dieser Initiativen spannend sind, ist wohl eher die Aufforderung interessant, diese Arbeiten, wenn sie auch nur zum Teil in „offiziellen“ Bibliotheken und Archiven stattfinden, als eine Einheit zu sehen, über deren Bedeutung und Voraussetzungen zu reflektieren wäre.

Ansonsten sind die Texte leider selten so anregend, wie man vielleicht erhoffen würde. Sie sind oft sehr speziell, sind oft recht langatmig geschrieben oder aber, weil sie politisch sein wollen, in ungewöhnlichen, nicht immer hilfreichen Formen. Beispielsweise ist der Text zum Women’s Prison and Reintegration Commitee durchmischt mit einzelnen Statements von Aktiven der Gruppe und Frauen, welche die Gefängnissbibliothek, welche dieses Commitee betreibt, nutzen – manche mit Bezug zum Text, manche ohne. Dies soll unterschiedliche Stimmen hörbar machen, aber es trägt nicht unbedingt zum Lesefluss bei.

Alles in allen also eher ein Buch, dass zur eigenen Reflektion und Verortung aufruft, keines, dass wirklich überzeugt.

Fussnote

[1] Zum Beispiel APABIZ (Berlin), Anarchistische Bibliothek und Archiv (Wien), Hamburger Studienbibliothek (Hamburg), Infoladen Kasama (Zürich).

Niemand braucht die Bibliothek als Raum, meint Alexander Grossmann.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 19. Februar 2014

Am Sonntag veröffentlichte der Tagesspiegel einen Leserbrief seines Lesers Alexander Grossmanns (online seit 18.02.2014), der sich gegen einen Neubau für die Berliner Zentral- und Landesbibliothek ausspricht und dies mit der These begründet, dass heute niemand mehr die Bibliothek in gebauter Form benötigt. Eine Tiefenlektüre des Leserbriefes zeigt, dass die Argumentation erhebliche Defizite besitzt.

von Ben Kaden (@bkaden)

Während die Leserkommentare im Webangebot des Tagesspiegels – wie übrigens bei den meisten Presse-Online-Auftritten allgemein – im Normalfall vor allem einen ernüchternden bis Entsetzen hervorrufenden Einblick in die Niederungen menschlicher Kommunikationen bieten, enthalten die redaktionell vorgefilterten Lesebriefspalten in den Druckausgaben ab und an doch einen Stichpunkt, der eine Debatte inhaltlich weiterzubringen verspricht.

Wenn sich nun, wie am Sonntag (16.02.2014, S. 16) im Tagesspiegel, auch noch ein Leserbrief zum geplanten Neubau der Zentral- und Landesbibliothek in Berlin mit der Überschrift „Virtuelle Bücherei Berlin“ (online unter dem zugespitzterem „Kein Mensch braucht die Landesbibliothek“)  findet, der zudem von einem Professor Doktor aus dem bildungsbürgerlich weitgehend als gehobenen zu bezeichnenden Berlin-Frohnau geschrieben wurde, wobei sich dieser Professor auch noch als Professor für Verlagswirtschaft nach kurzer Websuche mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als Professor an einer Fakultät Medien entpuppt, dann sind die Erwartungen an eine substantielle Erweiterung der Debatte nicht unerheblich.

Nach der Lektüre des Briefes zeigt sich, dass Alexander Grossmann argumentativ ein bisschen auf den Spuren von Kathrin Passig wandelt und wieder einmal alle Klischees auf den Tisch legt, die sich gemeinhin einstellen, wenn man aus einer bestimmten Warte heraus den eigenen Lebensstil extrapoliert und Einsichten aus der praktischen Bibliotheksnutzung (sogar ein Blick auf die Bibliothekswissenschaft sollte für einen Professor im Medienbereich nicht unbedingt als unzumutbar gelten) ausblendet.

Was den Artikel allerdings heraushebt, ist, dass ihn eigentlich nichts heraushebt, sondern dass er vielmehr in seiner argumentativen Durchschnittlich- und Oberflächlichkeit alles bündelt, was die Misere des Diskurses um Aktualität und Zukunft des Bibliothekswesens kennzeichnet, die einem regelmäßig auch auf Podien begegnet. Die vier Reiter dieses Corsos sind: Digital ist die Gegenwart, Digital ist mein Leben, Digital ist die Zukunft, Digital ist innovativ. Dagegen wäre nichts einzuwenden, außer dass so eine Position 2014 ein bisschen altbacken wirkt. Es stört nur, wenn diese Sichtweise als alternativlose Zustandsbeschreibung der wirklichen Welt aufgeboten wird. Nebenher trotten außerdem die Grundannahmen, dass alle Bibliotheken im Prinzip gleich sind und ihre Hauptaufgabe in der Zugänglichmachung von Information bestehen. Was selbstverständlich zu simpel ist. Aber weiß das jeder, der den Tagesspiegel (oder ZEITonline) liest?

Möglicherweise ist es daher sinnvoll, den Leserbrief nicht einfach in die Altpapierentsorgung zu geben, sondern etwas zu sezieren, um an diesem Beispiel zu verstehen, wie solche Argumentationsführungen gestrickt sind und welches Argument mit welchem Gehalt eingesetzt wird.

1. Die Gegenwart ist digital, die Bibliothek als Ort ist es nicht.

Es gibt sicherlich eine Reihe von Gründen, die man gegen den geplanten Neubau der ZLB anführen könnte. (Es gibt auch einige dafür.) Alexander Grossmann hat leider nur zwei schlechte Gründe parat:

a) ist der Neubau ein sündteures Prestigeprojekt der SPD und vor allem von Klaus Wowereit.
b) braucht heute niemand mehr ein Bibliotheksgebäude.

Den ersten Aspekt müssen wir nicht weiter reflektieren. Es ist klar: Prestigeprojekten haftet ja immer etwas Negatives, auch wenn am Ende mitunter ikonische bis mittelmäßige Architektur (Fernsehturm, Stadtschloß) dabei entsteht. Wer Prestigeprojekt in den Raum wirft, diskreditiert das Projekt, zumal sich der Nachweis, es handele sich um keines, bei Großprojekten kaum führen lässt. Und vielleicht hat er ja auch Recht. Immerhin galten Bibliotheken lange Zeit als prestigeträchtig.

Das ist nun aber überholt, meint Alexander Grossmann wenigstens implizit. Und darüber müssen wir aus Sicht der Bibliothekswissenschaft reflektieren. Denn gerade für uns wäre relevant, warum man heute keinen Bibliotheksneubau mehr braucht.

Der erste Grund Alexander Grossmanns ist: die Gegenwart. Wir leben im 21. Jahrhundert und daher „in Zeiten von Facebook, Cloud oder „Big Data“. Jeder Diskursbeobachter weiß natürlich, dass die Formulierung „in Zeiten von“ mit großer Vorsicht zu behandeln ist, denn in der Regel leitet sie einen sinnarmen Allgemeinplatz ein, (man denke nur an das berühmte „in Zeiten leerer Kassen“) dessen einziger Zweck ist, mit gebremster intellektueller Anstrengung die eigene Position zu rechtfertigen. Dass die kategorial querschießende Aufzählung von vermeintlichen Kernkennzeichen der informationellen Gegenwart kein wirkliches Gewicht trägt, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Die Funktion ist hier schlicht, dass der durchschnittliche Zeitungsleser, den es zu überzeugen gilt, etwas serviert bekommt, das hochaktuell klingt, dass er schon aus der Tagesschau kennt und in dem er also ankern kann.

Dass Facebook wenig mit Bibliotheken zu tun hat, die Cloud möglicherweise doch und schließlich Big Data etwas für Marktforschung, Überwachung und bestimmte Zweige der Wissenschaft ist, braucht hier nicht ausgeführt werden. Die Botschaft ist nämlich allein: Wir sind in der Gegenwart. Die nächste, man ahnt es, wird lauten: Bibliotheken sind in der Vergangenheit. Jedenfalls, wenn sie nicht digital daherkommen. Denn die Bibliothek ist, so Alexander Grossemann:

„Eine Räumlichkeit, die ihren Anspruch überwiegend aus überkommenden Notwendigkeiten ableitet […]“

Der Autor weiß, dass er die Überkommenheit begründen muss und definiert die Rolle der Bibliothek. Und zwar als eine „[…] primär der Sammlung und Aufbewahrung von Büchern oder Zeitschriften sowie der Verfügbarmachung von Literatur – zentral – an einer Stelle.“

Der Einschub „primär“ zeigt, dass er sich eine kleine Pforte offen lassen möchte, falls doch jemand meint: Moment! Das ist doch aber nicht alles. „Primär“ impliziert jedoch zugleich, dass es der Kern ist und wenn der modert, ist auch der Rest eigentlich unrettbar. Das muss so sein, denn sonst ginge das Argument ja nicht auf. Dass unterschiedliche Bibliothekstypen mit unterschiedlichen Aufgaben und Funktionszuschnitten existieren, wird nicht berücksichtigt. Vor diesem Netz sind alle Bibliotheken gleich.

So wie in der wissenschaftlichen Informationsversorgung werden aus der Perspektive von Alexander Grossmann auch öffentliche Bibliotheken durch das – Schlagwort – Internet obsolet. Denn die Literaturversorgung erfolgt heute über dieses Medium:

„Literatur und Inhalte sind heute fast überwiegend elektronisch verfügbar, können und sollten damit auch – dezentral – den Lesern und Nutzern bereitgestellt werden.“

Was noch nicht digitalisiert ist, darf noch irgendwo rumliegen, bis es an der Reihe ist:

„Für die Fälle älterer Werke, wo das trotz großangelegter Digitalisierungsmaßnahmen bisher noch nicht möglich ist gibt es ausreichend Lagerplatz in den vorhandenen Bauwerken.“

Pingelige Zeitgenossen könnten hier mit der Aussage dazwischen harken, dass man für diese Werke nicht nur einen Lagerplatz, sondern auch einen Zugangsraum benötigte. Das ließe sich aber leicht entkräften (Archvilesessäälchen, Digitalisierung-on-Demand).

Die Kostenstrukturen der „großangelegten Digitalisierungsmaßnahmen“ und mehr noch deren Folgekosten von Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit braucht man an dieser Stelle noch nicht bedenken. Denn auch ein Bibliotheksbau wirft ja Folgekosten auf und rein analog zu sein, geht tatsächlich nicht mehr. Dass die Zentral- und Landesbibliothek Berlin bereits jetzt digitale Dienste anbietet, dürfte beim Blick auf die Webseite erkennbar sein. Dass der Bereich nahezu beliebig erweitert werden könnte, ist auch mit geringer Fantasie vorstellbar.

Es gibt unbestreitbar einen Wandel von Datenträgern und Distributionskanälen von analogen zu digitalen Strukturen – jedoch in unterschiedlich radikaler Ausführung. Große Teile der Wissenschaftskommunikation sind mittlerweile allround-digitalisiert. Der Absatz im Buchhandel zeigt zugleich, dass analoge Medien (Print) bisher nicht im vergleichbaren Umfang verschwunden sind. Möglicherweise existiert ein Unterschied zwischen dem Rezipieren-Müssen (Wissenschaft) und dem Rezipieren-Wollen.

2. Mein Verhalten ist mein Maßstab.

Aus der diskursanalytischen Sicht ist der nächste Argumentationsschritt aber interessanter. Alexander Grossmann grundiert seine Einschätzung der omnidigitalen Welt und der Obsoleszenz von Bibliotheken in seiner eigenen Expertise:

„Anders kann man es leider kaum empfinden, gerade als jemand, der selbst früher regelmäßig Bibliotheken besucht und genutzt hat, als Wissenschaftler, Verlagsfachmann und Privatperson.“

Der Subtext: Es ist gar kein Urteil mehr notwendig, die Empfindung allein ist schon stark genug um diese Doppelthese zu belegen. Freilich ist es nicht die Empfindung eines Außenstehenden. Die dreifache Rollenbenennung verleiht der Expertise Plastizität: Als Wissenschaftler verfügt Alexander Grossmann, wenn er will, über die analytische Draufsicht und könnte vermutlich systematisch herleiten, warum es so und nicht anders ist. Als Verlagsfachmann verfügt er über eine realweltliche professionelle Erfahrung und weiß, wie der Markt sich entwickelt. Als Privatperson ist er schließlich auch Kunde, Nutzer, Leser und er weiß daher wie Kunden, Nutzer, Leser ticken. Er ist also zugleich einer von uns, von diesen und von jenen und in dieser Dreierkombination gehört er zu einer Gruppe von Wenigen, was seiner Stimme ein besonderes Gewicht verleiht.

In der Schlussfolgerung – und vielleicht auch im Blick auf die Leserschaft des Tagesspiegels – betritt dann nur der empfindende Privatmann die argumentative Bühne:

„Seit mehr als zehn Jahren suche ich selbst keine Bibliothek mehr auf, sondern beschaffe mir sämtliche Literatur über das Internet. Wie denn sonst?“

Ich mach es (nicht) und ich bin das beste Beispiel – das ist nun wirklich der gewöhnlichste Hebel in jeder Debatte und eine oft ziemlich tölpelhafte Übernahme aus der amerikanischen Diskurspraxis, die das Anekdotische als perfekten Türöffner kultivierte. Auch dort generalisieren die B-Klassigen und den Akteuren gern mal auf dieser Basis. Die A-Klassigen wissen freilich eine gewisse selbstironische Distanz einzustreuen, die bei der Übersetzung des Stilmittels in deutsche Anwendungszusammenhänge bisweilen auf der Strecke bleibt. So auch hier. Alexander Grossmann zeigt an keiner Stelle, dass man auch aus einem anderen Kreis als seinem auf die Angelegenheit schauen könnte.

Die Erfahrung der Bibliotheken sagt dagegen, dass berufstätige Männer mit Mitte vierzig ohnehin Bibliotheken vergleichsweise selten besuchen. Über die Gründe kann man mutmaßen, aber dass man in diesem Alter im Normalfall einen ausfüllenden Arbeitstag und drum herum eine Familie hat und der Bibliotheksbesuch darüber in der Priorisierung des Alltags deutlich zurückrutscht, ist wenigstens denkbar. (Wobei laut der Nichtnutzungsstudie des dbv die Anwesenheit von Kindern die Bibliotheksnutzung eher begünstigt, Berufstätigkeit, Männlichkeit und „bezieht seine Bücher vergleichsweise häufig über das Internet“ dagegen oft mit Nichtnutzung einhergehen.)

Wenn man dann etwas lesen will, ist es selbstverständlich praktisch, sich das dorthin zu holen, wo man gerade steckt. Das liegt aber nicht an der prinzipiellen oder gar normativen Superiorität des Digitalen. Sondern daran, dass es sich in einem bestimmten Zusammenhang als handlich erweist. Die Digitalkultur zeigt zudem, wie einfach es ist, all das schön verpackt als Zukunftsversprechen zu verkaufen, aber eigentlich nur als Produkt, aus dem sich Abhängigkeiten ergeben, die selbstverständlich nicht mitkommuniziert werden. Das nun ein wenig abgehangene Medium des E-Books zeigt besonders deutlich: Wir lesen damit nicht unbedingt besser. Wir lesen nur anders. Und haben weniger Probleme, wenn wir umziehen. Innovationsdiskurse sind dann, wenn sie mit sozialen Diskursen verkoppelt werden, bekanntlich dahingehend problematisch, dass die vermeintliche Überlegenheit einer Innovation nicht zuletzt eine vermeintliche soziale Überlegenheit derer signalisiert, die diese Innovation einsetzen (oder zu dieser Zugang haben). Der dahinterstehende Profilierungs- und Durchsetzungswillen ist ohne Zweifel ein exzellentes Triebmittel für kulturelle Dynamiken. Aber selten das beste Instrument für eine Balance der Interessen.

3. Die kommenden Generationen wollen es nicht anders.

Was Alexander Grossmann eigentlich, abseits eines Neins zum ZLB-Neubau vermitteln möchte, lässt sich aus seinem Leserbrief schwer ableiten. In jedem Fall dürfte er kaum Sympathien für den derzeit regierenden Berliner Bürgermeister hegen. Wie überflüssig ihm die Bibliothek als Ort allgemein und die ZLB speziell wirklich sind, verwischt dahinter.

Deutlich wird in jedem Fall, dass er die nicht über den realen Bibliotheksraum, sondern über das Internet (welche Quellen er wie benutzt, lässt er offen) stattfindende Informationsnutzung als Standard empfindet. („Wie denn sonst?“)

Nebenbei soll die Bibliotheksnichtmehrnutzung „seit zehn Jahren“, die durchaus auch biografisch begründet sein könnte, in der Argumentationskette unterstreichen, wie die Bibliothek in ihrer Funktion als Informationszugangsvermittler an Bedeutung verlor. Nur: Auch 2004 war das nicht unbedingt die größte Neuigkeit, jedenfalls im wissenschaftlichen Bibliothekswesen. Und heute ist der eigentliche Diskurs schon längst über die eindimensionale e-Only-Fixierung hinaus. Affirmative Zukunftsverkündungen, wie man sie noch von der so genannten Bibliothek 2.0 erinnert, wurden durch weitaus nüchternere und pragmatischere Detailüberlegungen und -lösungen abgelöst und spätestens seit dem irrsinnigen Bibliothekshype um Second Life, weiß die Branche, dass so mancher Zug, der schwerelose Virtualität und Zukunft verspricht, geradewegs auf ein Abstellgleis rangiert. Können wir jemandem Expertise zu sprechen, der diese Effekte völlig ausblendet?

Nichts gegen „Facebook, Cloud und Big Data“. Aber man diskutiert längst darüber, wie man Blasenbildung und Monopolisierung (bzw. neue Zentralisierung) unterlaufen kann. Ein Bezug beispielsweise zu Open Access hätte Alexander Grossmanns Argumentation deutlich mehr Kraft verliehen.

Ein Urteil über den Stand des Bibliothekswesens und der tatsächlichen Bibliotheksnutzung auf der Grundlage einer Erfahrungslücke von zehn Jahren fällen zu wollen, nimmt ihm dagegen erheblich Wind aus den Segeln. Nun schreibt Alexander Grossmann zugegeben einen Leserbrief und keinen Fachartikel. Er muss nicht sachlich argumentieren, sondern kann seine Abneigung gegen die Lokalpolitik anhand des Symbols der Bibliothek ungebremst ausleben. Doch stände ihm hier, wenigstens aus seiner Beiposition als Wissenschaftler, wenn er sich schon darauf beruft, gut an, dass er die Bruchstellen für seinen Argumentationsverlauf erkennt. Schließlich muss man ihm doch unterstellen dürfen, dass er sein Publikum überzeugen will.

Der vermeintliche Beleg, dass „die jüngere Generation es noch drastischer sehen und urteilen“ wird, ist ein weiteres Beispiel, warum das nicht unbedingt funktionieren wird. „Es“ meint die reine digitale Informationsversorgung. Drastischer als Alexander Grossmanns apodiktisches „Wie denn sonst?“ geht es eigentlich nicht. Andererseits ist die obskure Kohorte „nachfolgende Generation“ im Diskurs immer dann zur Stelle, wenn man auf die Zukunft verweist. Der Trick des Einsatzes dieser abstrakter Figur erkennt man sofort: Man kommt nicht daran vorbei, dass die vermeintliche Rückständigkeit zwar faktisch (noch) da (Bibliotheken als Ort werden heute benutzt) ist. Man kann aber trotzdem – für die Zukunft braucht es keine Belege – behaupten, dass sich das demographisch erledigen wird. Und falls nicht, wird sich niemand an den Leserbrief erinnern. Es sei denn, das Internet vergisst nichts.

Dass die ungeschickterweise so genannten Digital Natives und ihre Nachfolgegenerationen geschlossen einen Bogen um (gebaute) Bibliotheken machen, lässt sich freilich weder statistisch noch beim Blick in eine beliebige öffentliche Bibliothek belegen und scheint auch für die kommenden Jahre kaum wahrscheinlich. Die Aussage, bestimmte Geburtsjahrgänge seien automatisch auf den Touchscreen fixiert, ist nachweislich eine unsinnige Schematisierung, auch wenn ein paar Minuten in der Straßenbahn kurz nach Schulschluss einen anderen Eindruck vermitteln. Die angesagten jungen Menschen, bzw. im Mittelschulalter, profilieren sich natürlich über ihre Smartphones wie es diejenigen ein halbes Jahrhundert vor ihnen über Kofferradios versuchten. Nur treiben sie damit, so tägliche Feldbeobachtung, eher nichts, was in Konkurrenz zur Bibliothek steht.

4. Wir müssen in Innovation investieren und sparen dabei.

Die Nutzungspraxis der Bibliotheken ist auch ein bisschen vielschichtiger, als es Alexander Grossmanns Zugänglichmachungsszenario impliziert. Die Gleichsetzung Bibliothek=Informationszugang war ja auch schon bei Kathrin Passig der zentrale Trugschluss und man staunt, wie vehement er wiederholt wird.

Im Brief Alexander Grossmanns wird eine solche Position in einer Nebenbemerkung besonders deutlich:

„Warum wird nicht nur ein Bruchteil der Gelder, die jetzt für die Wowereit-Bibliothek geopfert werden sollen und an anderen Stellen, zum Beispiel für soziale Projekte, Schulen oder Kultur jetzt schon fehlen, für ein innovativeres Konzept eingesetzt?“

Er unterschlägt oder übersieht völlig, dass eine öffentliche Bibliothek naturgemäß ein sozialer Ort, ein Ort der Bildung und ein kulturelles Phänomen ist und in der Praxis sehr viele Bibliotheksangebote genau in dieser Richtung wirken.

Würde er in der ZLB-Debatte argumentieren, dass man, statt auf teure Vorzeigearchitektur zu setzen, lieber Mittel in Stadtteilbibliotheken und -dienste investieren sollte, wäre sein Beitrag zur Debatte unbedingt berücksichtigenswert.

Das Soziale, die Bildung und die Kulturarbeit taugen bei ihm allerdings nur für eine Unterstreichung der vermeintlichen Unverschämtheit der „Wowereit-Bibliothek“, der er zudem von vornherein jeglichen funktionalen Nutzen, den selbst ein Prunkbau besäße, abspricht.

Das „innovativere Konzept“ wäre bei Alexander Grossmann also eine digitale Bibliothek („virtuelle Landesbibliothek“), die zweckgemäß den Funktionsrahmen einer öffentlichen Bibliothek voll abbilden müsste. Wer nun allein schon um die Rechteproblematik bei der elektronischen Informationsversorgung weiß – und Alexander Grossmann müsste dies als Verlagsexperte auch vor Augen haben – erkennt leicht, wie unrealistisch es ist, dass sich ein virtuelles Äquivalent zu einem öffentlichen Bibliothekssystem leicht und kostengünstig („für einen Bruchteil der Gelder“) umsetzen lässt. Die Deutsche Digitale Bibliothek arbeitet mit so einem Bruchtteil-Budget und niemand, der sie kennt, würde behaupten, dass sie  derzeit mehr als ein nettes Add-on zum Stöbern und Entdecken von Digitalisaten sein kann. Jetzt muss man auch die Kostenstrukturen der „großangelegten Digitalisierungsmaßnahmen“ und mehr noch deren Folgekosten von Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit und zudem die der Lizenzierung berücksichtigen. Eine derartige Forderung nach Umschichtung der Mittel müsste also wenigstens etwas mehr Tiefenschärfe erhalten, bevor sie in die Debatte geworfen wird. Es sei denn, sie gilt einzig als grobklotziges Argument gegen einen ZLB-Neubau bzw. Klaus Wowereit.

Alexander Grossmann argumentiert nicht nur gegen die Neubaupläne, sondern generell gegen nicht-digitale Bibliotheken und muss sich auch daran messen lassen. Entsprechend kann man ihm angesichts der harten These, die er vertritt, durchaus vorwerfen, dass er zu seinem „innovativeren“ Vorschlag nicht zugleich mögliche Probleme der Umsetzung thematisiert. Ohnedies wird er kaum jemand anderen überzeugen, als die Teile der Zeitungsleserschaft, die sich von der unbelegten und so unbelegbaren Behauptung „der Leser sitzt ohnehin woanders: zu Hause, im Café, in der Schule, unterwegs…“ ansprechen lässt. Für das Zeitungslesen mag das sogar stimmen. (Manch einer liest sie sogar in der Bibliothek.) Das „ohnehin“ unterstellt gleichwohl eine Selbstverständlichkeit, die vernachlässigt, dass Lesekulturen sehr vielschichtig sind. Auch hier bedient er ein nicht sonderlich originelles Abziehbild aus Leitmediennarrativen um eine Digitale Bohème und mobile Gesellschaft.

Wer zehn Jahre nicht in einer Bibliothek war, weiß wahrscheinlich nicht, dass es nicht wenige Leser gibt, die nach wie vor in dieser sitzen. Und von Frohnau aus gesehen ist es vielleicht auch nicht ganz einfach, zu erkennen, dass es auch Zielgruppen, die zu Hause nicht optimale Lese- und Lernumgebungen vorfinden, für die die Berliner W-LAN-Kaffeehaus-Kultur keine Alternative ist (der Lärmpegel im Sankt Oberholz ist zur Latte-Rush-Hour schon mächtig laut, im Reinhard’s im Kempinski sieht man es auch nicht allzu gern, wenn man den Laptop und einen Stapel Notizen auf den Tisch räumt, um es über fünf Stunden bei einer Tasse Milchkaffee zu belassen). Die Schule schließlich ist auch heute trotz aller digitaler Offensiven (glücklicherweise) kein Ort, an dem man permanent auf den Bildschirm starrt. Die Handydisplays unter der Bank werden erfahrungsgemäß höchst selten dazu genutzt, digitale Bibliotheksinhalte abzurufen und ob die Virtuelle ZLB Jappy-tauglich wäre, müsste auch noch ermittelt werden.

Dass man in der S- und U-Bahn, also „unterwegs“, wenn man Glück hat, halbwegs konzentriert lesen kann (man bekommt sogar häufig Lektüre am Platz angeboten und 70 Cent gehen an den Verkäufer) ist nicht widerlegbar. Aber auch hier ist noch zu ermitteln, ob sich die Investition „in Konzepte, Software, Datenbanken und Nutzerinterfaces“ wirksam zeigt. Dass der Datentarif für eine brauchbare mobile Nutzung pro Anschluss schnell dreißig Euro beträgt und für einen nicht geringen Teil der Berliner Bevölkerung eine Zugangshürde darstellt sieht Alexander Grossmann, wie auch viele andere, die in seiner Linie argumentieren, nicht.

Der Bezugsrahmen, den der Diskurs Alexander Grossmanns absteckt, ist bei wohlwollendem Lesen sicher eher an die mehr oder weniger virtuelle Idealkultur der Netzwirtschaft und einiger Digitaleliten anschließbar als an die soziale Realität Berlins. Es ist der Diskurs einer hochgebildeten, global orientierten Mittelschicht, die irgendetwas zwischen materieller oder ideeller Entfaltung sucht und gewohnt ist, just-in-time ihre Bedürfnisse befriedigen zu können. Da diese entsprechende Zugangs- und Kommunikationskompetenzen besitzt, erzeugt sie eine vergleichsweise hohe Sichtbarkeit, tappt zugleich aber auch gern in die Falle, ihre Wahrnehmung der Welt zu extrapolieren und zum Maßstab zu erheben. Sehr viel Leben und Lesen spielen sich nach wie vor offline ab und es ist weder absehbar noch machbar noch wünschenswert, dass sich das ändert.

Die Idee der öffentlichen Bibliotheken ist, allgemeine, vielfältige und niedrigschwellige Zugangsmöglichkeiten zu schaffen. Die Idee einer „virtuellen Landesbibliothek“ zieht dagegen unsichtbare Mauern in die Stadt Berlin. Ob der ZLB-Neubau in der geplanten Form die beste Lösung ist, kann sicher diskutiert werden. Dass öffentliche Bibliotheken aber mehr sein sollten, als Webportale für die Smartphone-Kultur, sollte außer Frage stehen.

(Berlin, 17.02.2014)

3 Vorsätze: 3 Fragen, 3 Antworten für 2014

Posted in LIBREAS aktuell by libreas on 14. Januar 2014

Das International Librarians Network (ILN) sammelt derzeit Vorsätze zum neuen Jahr. Das ist eine, wie wir finden, exzellente Idee. Nicht unbedingt, weil man alles einhält, was man sich so in der Ruhe des Jahreswechsels auf die eigene Agenda gesetzt hat. Sondern, weil man, Ziele klar  benannt hat, den eigenen Aktivitäten eine bestimmte Richtung gibt.

Auch wenn die Aktion bereits seit Mitte Dezember läuft, denken wir doch, dass so ein lockerer Austausch über Ziele, Wünsche und Ansprüche, interessante Impulse auch für die deutsche Fachgemeinschaft bieten kann. Daher werfen wir die Leitfragen des ILN gern auch in die Runde der deutschen Biblioblogo- und Tumblrsphäre.

Bitte antworte also spontan im Zusammenhang mit Deiner Tätigkeit, Deinen fachlichen Aktivitäten oder auch Deines Studienplans kurz darauf:

  1. Was treibt Dich dieses Jahr an?
  2. Was möchtest Du dieses Jahr verändern?
  3. Was willst Du dieses Jahr nicht mehr tun?

Und zwar an redaktion@libreas.eu.

Aus Euren Antworten machen wir eine kleine Analyse! Wir sind gespannt!

Alle TeilnehmerInnen erhalten von uns bei Angabe einer Postadresse eine der seltenen LIBREAS-Winterpostkarten und zwar klassisch per Hand beschrieben und mit einer schönen Sondermarke frankiert. (Solange der Vorrat reicht.)

Der Einsendeschluss fällt auf den Redaktionsschluss der kommenden LIBREAS-Ausgabe, also auf den 14.02.2014.

Habt ein gutes Jahr 2014!

Beste Grüße
Eure LIBREAS Redaktion

Über die Diskursfigur des Niedergangs.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Debatte by Ben on 9. Januar 2014

Eine Kritik zu Colin Robinson: The Loneliness of the Long-Distance Reader. In: New York Times, January 5, 2014,  SR6. online

von Ben Kaden / @bkaden

I

In der ersten Wochenendausgabe der New York Times des Jahres 2014 veröffentlichte der Verleger Colin Robinson (OR Books) einen Artikel über Stand und Perspektiven der Lesekultur. Dies betrifft selbstverständlich zunächst die Lesekultur der USA, die sich zum Teil doch deutlich von der in Europa bzw. Deutschland unterscheidet. Bestimmte Trends schlagen allerdings auch hier durch. Der “staccato communication of the Internet” kann man sich jedenfalls auch hier kaum entziehen. Kurz zusammengefasst lautet seine Einschätzung, dass sich auf dem Literaturmarkt eine Art Matthäus-Effekt abzeichnet (“Rich get richer.”), dass es für die Leser zuviel Auswahl (und damit Rauschen) und zu wenige Filter gibt (Ein Indikator: “The New York Times Book Review is now just a third of the length it was in its 1970s heyday.”) und dass daher zwischen Nische und Blockbuster wenig überleben kann:

“In this bifurcation, the mid-list, publishing’s experimental laboratory, is being abandoned.”

Ob das stimmt, wird er am besten wissen, entscheidet er doch als Verleger bei jedem Titel, auf welches Pferd er setzt bzw. welches Buch er macht. Mir geht es hier nur um einen kleinen Aspekt seiner Überlegungen. In einer Passage beschreibt Colin Robinson, wie er die Lage der Bibliotheken in den USA:

image

Seiner Ansicht nach entspricht die Rolle der Bibliotheken ähnlich der der Literaturkritik, Lesern eine Orientierung in der Vielfalt der verfügbaren Publikationen zu geben. So wie unabhängige Buchhandlungen verschwinden und die New York Review of Books zwei Drittel ihres Umfangs verliert, trägt entsprechend auch der Niedergang des Bibliothekswesens dazu bei, dass, wenn man so will, Ranganathans Formel “every book his/her reader” nicht mehr greift.

II

Die verlinkten Quellen sind (1.) der State of America’s Libraries Report 2012 der ALA und (2.) die im Weblog der Oxford University Press präsentierten Ergebnisse des Zensus Librarians in the U.S. from 1880-2009 von Sydney Beveridge, Susan Weber und Andrew A. Beveridge (2011). Die Metapher vom Bibliothekar als Tankwart des Geistes stammt aus Richard Powers Wissenschaftsromanze Gold Bug Variations aus dem Jahr 1991.

Der Abschnitt lautet:

“I used to break up the routine of human contact. Librarian is a service occupation, gas station attendant of the mind. In earlier age, I might have made things. Now I only make things available. Another blit of the bulge of the late-capitalist job curve. [...] By the millenium half of all service professionals will specialize in processing data. My Question Board then, is both living fossil and meta-mammal.” (S.35, zitiert nach der Ausgabe von HarperCollins aus dem Jahr 1992)

Abgesehen davon, dass der Bibliothekarsberuf daher nicht unbedingt eine besonders anerkennende Zuschreibung erfährt, wird die – in ihrer Prognose erstaunlich zutreffende – Ansicht dort natürlich von der Protagonistin, der Auskunftsbibliothekarin Jan O’Deigh, getroffen, und zwar aus Gründen, die dem Plot dienen sollen. Sie muss daher nicht notwendig Richard Powers’ Verständnis der Profession repräsentieren. Was als Nebentatsache sehr erstaunt, ist, dass Richard Powers diesen Zeilen in exakt dem Zeitraum verfasste, zu dem die Zahl der BibliotekarInnen in den USA ihr Allzeithoch erreichte.

Bekanntermaßen ist Richard Powers, wenn es um Fakten geht, äußerst genau:

“The day is easily recreated. Everything about September, 23, 1983, is on microfiche or magnetic disc. Only ask one of the quarter million librarians in the country – 85 % women – for help in retrieving it.” (S.161)

Diese Werte decken sich weitgehend mit denen des oben erwähnten Zensus (vgl. diese Grafik).Dennoch gibt es auch hier naturgemäß eine Differenz zwischen statistischen Werten und einer subjektiven Einschätzung einer Romanfigur.

Man darf folglich durchaus fragen, ob es zulässig ist, die Position einer Romanfigur als Basis für eine allgemeine Aussage über die Wirklichkeit zu benutzen. Es bleibt der Verdacht, Colin Robinson hätte einen guten Gewährsmann (den Erfolgsschriftsteller) und ein griffiges Detail vor allem gebraucht, um seiner These zusätzlich rhetorische Rotation zu verleihen. Das Schöne an der Metapher eines Tankwarts des Geistes bleibt, dass sie so stimmig scheint. Denn auch an den Zapfsäulen wie bei der Informationssuche bedienen wie heute selbst den Einfüllstutzen bzw. Suchmasken. Wobei die Treibstoffwelt den Vorteil hat, uns nur sehr wenige Wahlmöglichkeiten aufzubürden. Andererseits ist der menschliche Geist auch nicht auf die Funktionalität eines Verbrennungsmotors reduzierbar…

Wenn Colin Robinson also in der New York Times zwei hemdsärmlig verknüpfte Statistiken nicht gerade zielgenau verlinkt und dazu die sachlich bestenfalls begrenzt überzeugende Selbsteinschätzung einer Romanfigur als Maßstab zum Beleg seiner These nimmt, dann entstehen fast unvermeidlich Zweifel an der argumentativen Belastbarkeit des Gesamttextes.

III

Es ist selbstverständlich nicht zu leugnen, dass Bibliotheken bei Einsparkämpfen besonders weiche Ziele sind. Häufig genug wird zudem verkündet, sie seien durch die Informationstechnologie zu Auslaufmodellen geworden (vgl. dazu auch hier) und das Berufsbild “Bibliothekar” führe in eine Sackgasse.

Es verblüfft jedoch einigermaßen, wenn Diskursakteure wie Colin Robertson, dem offensichtlich an einer vitalen Lese- und damit mutmaßlich auch starken Bibliothekskultur gelegen ist, derart kleinmütig und vielleicht sogar ungeschickt in bestimmte Stimmungen einschwingen, denen man auch anders und selbstbewusster entgegen schreiben könnte.

Schon ein zweiter, nämlich qualitativer Blick sowohl auf die Bibliotheks- wie auch auf die Literaturlandschaft zeigen, dass allzu allgemeine Schlüsse gern ins Leere laufen. Bestimmte Transformationseffekte (Digitalisierung, Vernetzung) betreffen zwar nahezu alle Bibliotheken. Aber die Wirkungen wie auch der Umgang mit diesen Veränderungen  sind so vielfältig wie die Handlungsrahmen der jeweiligen Bibliotheken und zugleich, nach welchen Maßstäben auch immer gemessen, unterschiedlich erfolgreich.

Das Problem der Kommunikation über die Gegenwart und Zukunft des Bibliothekswesens liegt meist gar nicht so sehr in dem, was tatsächlich geschieht, sondern in der Tendenz schematischen Denken und Schließen sowie im oberflächlichen, unkritischen, daher bisweilen falschen Übernehmen von Allgemeinplätzen und weitläufig auslegbaren Statistiken. Das Problem, dass sich für die Bibliotheken praktisch daraus ergibt, ist, dass in einer diskursökonomisch stratifizierten Kommunikationswelt Entscheidungsträger prominent platzierte und einfache Stellungnahmen bisweilen lieber zur Meinungsbildung heranziehen, als sich der Mühe einer zusätzlichen Differenzierung auszusetzen. Wenn Kathrin Passig in der ZEIT verkündet, dass die Zeit der Bibliotheken vorbei ist, ist der Einschlag in der Öffentlichkeit riesig. Und wenn man Pech hat, dann entwickeln sich haltlose Zuschreibungen wie “Papiermuseum” memetische Qualitäten.

Die Stakkato-Kommunikation, die auch die großen Qualitätsmedien sehr intensiv füttern, verlangt wahrscheinlich zwangsläufig nach simplifizierten und drastischen Aussagen. (Weshalb Colin Robinsons Titel The Loneliness of the Long-Distance Reader gar nicht verkehrt ist. Solche Leser finden im Twitterversum eher nicht, was sie suchen. Aber wenn sie dort suchen, suchen sie eben auch an der falschen Stelle. Und wenn man sie im Gegenzug selbst doch sucht, ist auch das aller Wahrscheinlichkeit vergeblich.)

Tatsächlich arbeiteten, laut dem zitierten Zensus, 2009 in den USA nur “noch” 212.742 BibliothekarInnen, verglichen mit 307.273 am Vorabend des Internets, nämlich 1990. Damit bewegt man sich in etwa auf dem Stand von 1970. Spannend wäre es, zu untersuchen, inwieweit die rasante Steigerung in den Jahren 1970 bis 1990 mit dem Ausbau des Fachinformationswesens und der zunehmenden ökonomischen Bedeutung der Ressource Information  in Beziehung gesetzt werden kann und ob folglich die betroffenen Stellen überhaupt mit der von Colin Robinson diskutierten Frage der Lektürevermittlung durch (öffentliche Bibliotheken) in Zusammenhang stehen. Immerhin bemerken die AutorInnen des Zensus-Berichts:

“Thus a large fraction of the decline in the number of librarians has come from their decline in the non-public sectors.”

was ebenfalls die Deutung zulässt, dass vor allem viele Institutionen und Unternehmen ihre Reference Services drastisch abgebaut haben.

Und schließlich ist eine Branche mit 200.000 Beschäftigten auch nicht gerade klein.

Was den ähnlich oft analog verkündeten Niedergang des Buches betrifft, entdeckt man übrigens, dies nebenbei, aktuell in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine ganz beruhigende Aussage des neuen Hanser-Verlegers Jo Lendle:

“Und Bücher sind mächtig wie eh und je. Die großen Diskussionen gehen fast immer von Büchern aus, da können die Talkshows reden, so viel sie wollen. Und bei allem Jammern: Der Buchmarkt macht in Deutschland so viel Umsatz wie Kino, Musik und Computerspiele zusammen, fast zehn Milliarden Euro im Jahr.”

Dem kann man vielleicht entgegenhalten, dass sich die Situation, besonders in des Buchmarkts, in den USA nicht mit der in Deutschland vergleichen lässt. Aber offenbar setzte der arg von der Konkurrenz bedrängte stationäre Buchhandel in den USA (ohne die Ketten Barnes & Nobles und Books-A-Million) 2012 immerhin auch noch 5,76 Milliarden Dollar um (Quelle). Für eine Branche, die vermeintlich schon in den Abgrund stürzt, scheint das gar nicht so schlecht.

Eigentlich hätte Colin Robinson schließlich am Ende der Präsentation des Zensus eine für die Bibliotheksprofession in den USA  fast zuversichtliche Aussage auffallen müssen. Die Autoren schließen nämlich mit dem Satz:

“That decline seems to have slowed substantially since 2000, as librarians adjust to and find new roles in the internet age and the extensive increase in information that it has brought about.”

Nun könnte man aus den neuen Rollen tatsächlich folgern, dass sich BibliothekarInnen in ihrer Berufspraxis kaum mehr als Lektüreratgeber für eine Zielgruppe verstehen, die ihr Leseentscheidungen mehr an Goodreads-Rezensionen ausrichtet. Allerdings waren Bibliotheken, was Richard Powers Reference Librarian ja deutlich zeigt, bereits schon länger weitaus mehr als Navigatoren durch die Listen mit literarischen Neuerscheinungen. Und doch zeigt sich selbst dieser Zweig bibliothekarischer Angebote recht lebendig. So konnte sich Douglas Rushkoff, Autor des OR Books-Titels Program or Be Programmed: Ten Commands for a Digital Age, nur im hervorragenden BOOKFORUM präsentieren (und sein Buch auch sonst weithin von der Literaturkritik besprochen) sondern erhielt immerhin erst gestern die Gelegenheit, seinen neuen Titel vorzustellen – in der Mid-Manhattan Zweigstelle der New York Public Library.

09.01.2014

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In einer Weihnachts-Kindheitserinnerung bei Nicolas Nabokov.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 28. Dezember 2013

Ben Kaden / @bkaden

Vladimir Nabokov stammt nachweislich (als Nachweis dient die eigentlich immer opportune Tiefenlektüre des Kanons, den er uns hinterlassen hat) aus einem kulturellen Umfeld, in der die Praxis des Lesens, das Medium Buch und die Bibliothek nicht gerade gering im Kurs standen. Es ist davon auszugehen, dass die ausreichende Versorgung der Kinder mit Druckwerken um 1900 für die Oberschicht in Sankt Petersburg so üblich war wie lange Sommer auf dem Lande. Während Vladimir Nabokov von letzteren Ferienspielen die Liebe zur Schmetterlingskunde mitnahm, spielte die Präsenz des Gedruckten in den jeweiligen Land- und Stadtsitzen sicher keine unerhebliche Rolle, um aus ihm einen der famosesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts werden zu lassen, wenngleich solche Mutmaßungen müßig sind. Denn ebenso war es das (wohl sehr erfüllte) Frühlingserwachen mit Walentina „Maschenka“ Schulgina, die ihn zu flammenden Frühdichtungen inspirierte, weshalb die (verlorene) Liebe ebenso wie (oder gar mehr noch als) die väterliche Hausbibliothek als Basisgranulat für die Hinwendung zur Literatur anzuerkennen ist.

Sein vier Jahre jüngerer Cousin Nicolas, der ebenfalls in einer Lebenswelt heranwuchs, in der goldene Löffel im Mund der Kinder wahrscheinlich keine Metapher waren, Landgüter wie Askania-Nova zum Familienbesitz zählten und man später die Gelegenheit hatte, darüber zu trauern, dass der Duft Trèfle Incarnat (und nicht etwa: Cuir de Russie) des Pariser Parfümeurs Maison Piver nicht mehr hergestellt wird, fand dagegen etwas, nicht minder Musisches. In seinen Memoiren reist er nach bestem Wissen und Erinnern verschriftlichend seine Biographie entlang, die 1975 unter dem Titel Bagázh. Memoirs of a Russian cosmopolitan. (New York: Atheneum) erschien.

Wobei der Bezug auf die Bagage zumindest hinsichtlich seines Onkels auch die zweite Bedeutung neben den „persenningbedeckte[n] Berge[n]“ in „Hotelhallen, Eisenbahnwaggons, auf Landauern“ einlöste. Denn Friedrich (von Falz-Fein), Gutsbesitzer zu Neu-Askanien hielt wenig von schöngeistigen (und anderen) Zerstreuungen:

„Für Onkel Friedrich waren Religion, Philosophie und ganz besonders Romane ein unnötiger Ballast, gut für Faulpelze und indolente Frauen. Er sprach gern von wissenschaftlichen Entdeckungen, von Zoologie, Botanik und angewandten Wissenschaften und von allem, was, wenn auch nur entfernt, mit Askania zu tun hatte. Aber auch über Geschichte und Politik konnte er reden, wenn seine Zuhörer intelligent und imstande waren, mit ihm zu diskutieren.“ (Nabokov, S.96)

Es handelte sich also offenbar um einen ganz normalen progressiven Patriarchen seiner Zeit. Nicolas Nabokov ließ sich davon allerdings weniger auf die Schiene der Natur schieben, sondern verlor sein Herz zielstrebig an die Musik. Dass er sich selbstironisch in die Kiste der Menschen einordnete, die die zweite Bedeutung von Bagage (sprich: Baggasche) gemeinhein betrifft, darf ausgeschlossen werden. Das Wortspiel, das seinem berühmteren Vetter so leichthändig in die entstehende Weltliteratur floss, ist die Sache Nicolas Nabokovs, wenigstens bei seiner Rückschau, nicht.

In dem sehr schön durchkoloriert ansetzenden (die TLS-Rezensentin Gabriele Annan schrieb einst von „ultra nostalgia“, Annan, 1976), ziemlich blass ausklingenden und insgesamt oft leider etwas schludrig übersetzten Erinnerungsbuch (aus deutsch. Zwei rechte Schuhe im Gepäck: Erinnerungen eines russischen Weltbürgers. München: Piper, 1975) beschreibt er, wie er zu seiner Passion fand (u.a. durch die Tradition der Salonmusik), die ihn übrigens. stärker mit Vladimirs Bruder Sergej, der im Januar 1945 im Konzentrationslager Neuengamme starb, verband. Der gemeinsame Nenner hieß Verdi, während Nicolas Nabokov Sergejs Begeisterung für Wagner wenig nachvollziehen konnte.

Wobei es ihn trotz (oder wegen) der Musik ab und an in die Bibliothek zog. So schildert er in einer Nebenbemerkung zum Winter 1914 im nun auch im Stadtnamen de-germanifizierten vor- und nachmaligen Sankt Petersburg:

„Viele Geschäfte in Petrograd hatten Schilder aushängen: »Es wird gebeten, nicht Deutsch zu sprechen.« Ein solches Schild hing auch, in deutscher Sprache, in der Deutschen Abteilung der Petrograder öffentlichen Bibliothek.“ (S.112)

Das Gebäude hatte er schon zuvor als Achtjähriger entdeckt, als er im September 1911 mit einem Teil der Familie in das betrübliche Sankt Petersburg umzog:

„Das »Palmyra des Nordens« schien ungastlich und die Fahrt im Landauer endlos. Endlich, nach vielem Rumpeln und Kurven, erreichten wir eine breite Avenue. Sie war besser erleuchtet, einige menschliche Schatten huschten über die Bürgersteige. »Dies ist der Newskij Prospekt«, sagte P.S., »und dort«, er zeigte auf ein graues Gebäude, »ist die berühmte öffentliche Bibliothek, deren Direkter [sic!] Krylow war.« Er bekam keine Antwort. Ob »berühmt« oder nicht, keiner von uns fand daran Interesse. Wir waren unausgeschlafen und brummig, nichts konnte uns gleichgültiger sein, als wer der Direktor der berühmten Bibliothek gewesen war.“ (S.98)

Es bestand auch keine Eile, lag der neue Familienwohnsitz am Fontanka-Ufer (Hausnummer 25) nur zwei Straßen entfernt. Die (wahrscheinlich nur temporäre) Ignoranz Iwan Krylow gegenüber überrascht dagegen, zählten dessen Fabeln doch zur Standardlektüre der Kinder dieser Zeit und Nicolas Nabokov beschreibt, wie auf Gut Prokowskoje, dem Besitz seines Stiefvaters, in einer Art Kinderzimmerinszenierung die Fabel „Die Libelle und die Ameise“ aufgeführt wurde, wobei Nicolas die Libelle spielte. (S.37f.) (Vladimir Nabokov zählte Krylov übrigens ausdrücklich zu den Autoren, denen er in seiner berühmten Entgegnung an seine Kritiker (1966) seine „very special and very subjective admiration“ ausspricht. (S. 89))

In den Nabokov-Falz-Fein’schen Kreisen war es freilich nicht nötig, das Haus zu verlassen, um eine Bibliothek zu besuchen. Denn wie in den Kindheits- und manchen literarischen Welten Vladimir Nabokovs war ein Bibliotheksraum anscheinend fester Bestandteil eines jeden Nabokov-bewohnten Hauses, so beispielsweise auch auf dem großmütterlichen Gut in Preobrashenka:

„Wir stürmten durch die Bibliothek, das danebenliegende fumoir, einen großen Rauchsalon mit glattem Parkett, zum Haupteingang. Dort wartete ein linejka genanntes Ding auf uns – eine russische Mischform aus einer englischen Brigg und einem amerikanischen Wagen. Wir stiegen ein und fuhren einige Meilen durch die Steppe zu einem Pflaumen- und Pfirsischgarten, der am Ufer des Liman lag. An dieser flachen Bucht stiegen wir aus und gingen ans Wasser hinunter.“ (S. 77)

So konnte sie auch sein, die Kindheit in der Welt von Gestern.Im Sommer durcheilte man die Bibliothek allerdings offenbar ohne Halt, weil bereits die Kutsche zum Jodbad wartete. Im Winter jedoch verhielten sich die Dinge anders und in einem der schöneren Kapitelchen des Erinnerungsbuches in Nicolas Nabokovs beschreibt dieser ein Weihnachtsfest auf Schloss Lubcza (Любча) über der Memel, in dem er nicht nur 1903 geboren wurde, sondern in dem es eine Bibliothek sogar mit eigenem Bibliothekar gab:

„Moissej Jossifowitsch dessen Nachnamen ich nie gewußt habe, war unser Buchbinder, unser Bibliothekar und gelegentlich unser Vorleser von biblischen Geschichten. Er war ein hochgewachsener, bleicher Mann, mit einem silbernen Haarschopf, einem Tolstoi-Bart, einem pergamentenen Gesicht mit hellen blauen Augen und einer geraden griechischen Nase. Er war, wie ich später erfuhr, der zadik (Älteste) der chassidischen Gemeinde unseres Dorfes. Er las im Singsang eines Tenorinos, und wenn er sprach, war seine Stimme nur wenig mehr als ein Geflüster. Er trug einen schwarzen Gehrock und zog von Zeit zu Zeit aus seiner Hose Kandiszuckerstückchen, deren Einwickelpapier leicht nach Hering roch. Es war etwas Freundliches, beinahe Heiligmäßiges an ihm, und ich mochte ihn immer lieber und freute mich auf seine wöchentlichen Besuche in der Bibliothek.“ (S.56)

Glücklicherweise scheint die Aufmerksamkeit für das Detail und die Möglichkeit, dies auch Jahrzehnte später derart fein aufgeschlüsselt abrufen zu können, ein Basismerkmal wahlweise erfüllter und sorgenfreier Kindheiten oder einfach der Nabokovs zu sein. Und so erfahren wir einiges über die Rolle der Bibliothek und des Bibliothekars auf einem Schloss der russischen Aristokratie am Vorabend des ersten Weltkriegs. Der tiefreligiöse Moissej Jossifowitsch betreute also den Bestand und führte das Bestandsverzeichnis. Wenn er zu seinem Wochentermin ins Schloss kam

„[…] brachte [er] ein paar frischgebundene Bücher und nahm einige broschierte (meist aus der Tauchnitz-Edition) wieder mit. Den Titel jeden Buches, den Namen des Verfassers und das Erscheinungsjahr trug er in ein großes, schwarzes Kontobuch ein, das er zu diesem Zweck in vier Teile aufgegliedert hatte, Russisch, Französisch, Deutsch und Englisch. Auf die Titelseite hatte er in schönen Lettern das Wort »Katalog« gemalt.“

Die Erschließung erfolgt offenbar einfach und zielgerichtet orientiert an den vier Leitsprachen der damaligen Bildungswelt. Die Erwerbungspolitik war freilich unsystematisch:

„Die »Bibliothek« [in dieser zeitigen Erinnerung offensichtlich noch von einer richtigen Bibliothek zu differenzieren] war ein rechteckiger Raum mit Regalen aus heller Eiche. In seiner Mitte stand ein mit grünem Fries belegter Tisch mit Stühlen herum. Er war mit Zeitungen und Zeitschriften bedeckt. Die Regale enthielten nichts Wertvolles, mit Ausnahme vielleicht einiger Bücher über Jagd, einiger zoologischer und speziell ornithologischer Werke, ferner Bände von »Klassikern« in verschiedenen Sprachen. Der größte Teil bestand aus Büchern, die jemand jemandem geschenkt oder einer der Gäste liegen gelassen hatte, aber alles – dank der Tätigkeit von Moissej Jossifowitsch – ungeachtet seines Wertes oder Inhalts, schön gebunden und nach Größe und Farbe geordnet.“ (S.57)

Bei der Aufstellung verfuhr er entsprechend so, wie wann es gemeinhin mit überschaubareren Sammlung und/oder bei räumlichen Optimierungszwang gern vornimmt: raumsparend und farbharmonisch.

Eiskristalle

Wer Weihnachten 2013 in Deutschland Eis und Schnee finden wollte, musste entweder hoch hinaus oder in die Literatur reisen. Da wir die erste Variante wählten, erscheint dieser Beitrag erst nachweihnachtlich. Andererseits gehen wir davon aus, dass unsere LeserInnen in dieser besonderen Woche des Jahres ohnehin andere Dinge unternimmt, als auf Updates im LIBREAS-Weblog zu warten. Insofern halten wir die Verzögerung für verzeihlich.

Dass sich Nicolas Nabokov so präzise an die Bibliothek erinnert, in der er als Vierjähriger den jüdischen Bibliothekar bestaunte („am Ende des Tages verabschiedete er sich mit »a git‘ Nocht«“, ebd.) liegt möglicherweise auch daran, dass der Raum eine zentrale Position in der Erinnerung an das Weihnachtsfest 1908 einnahm. Nicolas‘ Mutter war, es ist fast wie ein Filmplot, an diesem Tag in Vilnius, wo sie operiert werden musste.

„Die Operation schloß Chloroform ein – ein Wort, das mich erzittern ließ – und eine Menge bedeutender Ärzte.“ (ebd.)

Da die Behandlung also einen unsicheren Ausgang besaß, setzte man die Kinder des Hauses zum Warten in die Bibliothek und teilte ihnen mit, dass die Situation alles, was über den religiösen Kern des Weihnachtsfestes hinausreiche, ausschloss. Dieser Ausschluss beinhaltete sowohl den Christbaum wie auch die Geschenke.

„So saßen wir denn in der Bibliothek an dem Tisch mit dem grünen Fries [hier also liegt der Erinnerungsanker!], zappelten auf unseren Stühlen herum und hörten uns alle möglichen Geschichten an, die mit der Geburt Jesu zu tun hatten. [die Erinnerung an die Geschichten ist beachtenswerterweise deutlich unschärfer als die an den Raum] Wir lebten seit einigen Wochen in Fasten, und zwar griechisch-orthodoxen, die Eier, Milch, Sahne und Butter ausschlossen und Fisch nur an Sonntagen erlaubten. Der letzte Tag der Fasten, der Heilige Abend, ist der Höhepunkt, an dem man überhaupt nichts mehr essen darf, bis der erste Stern, der von Bethlehem aufgegangen ist. Nach der Chistversper in der Kirche sollte es, wegen Mutters Zustand, nur das rituelle Gericht, eine Gerstengrütze ohne Butter oder Milch und ein Kompott aus Backobst geben, Gerichte, die an die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten erinnern. Nach diesem rituellen Mahl würden wir dann zu Bett gehen und für die Gesundheit unserer Mutter beten.“ (S.58)

So saßen die Kinder mit Mossej Jossifowitsch im Bibliothekszimmer, der ihnen nur Teile des Alten Testaments und keinerlei Zerstreuungsfähiges vortrug und warteten auf den Stern. Allerdings schneite es. Das Weihnachtswunder brach anders in die gedrückte Stimmung und zwar dank der Kommunikationstechnologie dieser Zeit:

„Tante Karolina stob mit einem vor Freude strahlenden Gesicht und roten Augen ins Zimmer. Sie konnte kaum sprechen. In ihrer Hand hielt sie ein Telegramm und winkte uns damit zu. Wir flogen hin zu ihr und umarmten sie. M.J. nahm das Telegramm und las es laut vor: »Lidotschka erfolgreich operiert. Sie ist außer Gefahr. Gott segne Dich und die Kinder.“ (ebd.)

Wie auch im richtigen Leben üblich, flacht das Wundersame dieses Weihnachten in der Schilderung Nabokovs an dieser Stelle viel zu schnell ab (seinem Vetter Vladimir wäre das wahrscheinlich nicht passiert) und er koppelt an diesen emotionalen Expresszug bedauerlicherweise sofort den sorglosen Vortortbahnwaggon des kommenden Jahres. Weihnachten 1909 erhält er von Mossej Jossifowitsch an einem klaren 24.Dezember in der Bibliothek eine Einführung in die Astronomie, da ihm der Hausbibliothekar erklärt, dass der Stern von Bethlehem gar kein Stern sondern die Venus ist und in der Bibliothek erwarten die Kinder – ohne Lesungen, wie Nicolas Nabokov ausdrücklich vermerkt – die Bescherung:

„Die »wenigen Minuten« schienen eine Ewigkeit. Endlich hörten wir Schritte die Treppe herunterkommen, und Butler Alexej und Kutscher Anton in ihren Festtagslivreen öffneten beide Flügel der Bibliothekstür. Pjotr Sigismundowitsch führte die ungeordnete Herde treppauf in den ersten Stock vor den erstrahlenden Baum.“ (S.62)

Nach dem Weinachtssingen – „Wir haspelten die Lieder schnell undcon scioltezza herunter. Selbst »Stille Nacht« klang mehr wie ein Walzer als der Schmachtfetzen, der es ist.“ S.63 – ging es an die „jeweiligen Geschenktische[..]“ und ein Puppenspieler spielte den Kindern „vor der drapierten Tür der Bibliothek“ ein wenig betörendes Stück vor. Glücklicherweise bekam jedes Kind dann noch ein Shetlandpony als Dreingabe:

„Das war sicher die bemerkenswerteste aller Überraschungen des Tages. Es war das Fasten, das langweilige Vorlesen und die Strapazen des Puppenspiels wert.“ (S.64)

Und auch wenn dies ein wenig garstig und undankbar gegenüber erscheint, so birgt dieses handliche Kapitel vielleicht sogar unbewusst das Spektrum dessen, was ein Weihnachtsabend ganz allgemein so an Stimmungsschwankungen für Kinder enthält (wenn auch heute mehr ohne Fasten und zugleich meist mit etwas bescheidenerem Geschenkeniveau). Weitere Häppchen Bibliothek enthalten die Memoiren Nicolas Nabokovs leider nicht. Spätere Weihnachten feierte er zum Beispiel bei den Stravinskys in Hollywood. (vgl. S.337f.) Und irgendwann tuckert auch der Reiz solcher Anekdoten, zum Dutzendpack verschnürt, in die stille Nacht hinaus und verhallt so nach und nach. Dass die TLS-Rezensentin 1976 bis zum Schluss eine Anekdotenkette eines „virtuoso racounteur really grooving“ (Annan, 1976) las, deutet darauf hin, dass diese über eine Gabe verfügt, die mir nicht gegeben ist: Die Schleife zwischen den Cousins und wie sie jeweils im Vergleich ihre Erinnerung sprechen lassen zu ignorieren.

Wenn man also jetzt zwischen den Jahren ein Buch von nur einem Nabokov zu lesen schafft, dann sollte man sich unbedingt gegen dieses nicht uninteressante, aber eben nur auf den ersten Seiten überhaupt mitreißende Selbstandenken von Nicholas entscheiden und lieber für eines aus dem Repertoire seines Cousins. Selbst die Weihnachtserzählung des 29-Jährigen Vladimir, veröffentlicht am ersten Weihnachtsfeiertag vor 85 Jahren in der Berliner Emigrantenzeitschrift Rul, ist literarisch deutlich satter. (Nabokov, 1999) Bereits im Januar 1925 erschien in zwei aufeinanderfolgenden Ausgaben von Rul (und fünfzig Jahre später in The New Yorker) die herzzerbrechende andere Weihnachtsgeschichte, an dessen Ende nicht unbedingt nur der Atlasspinner an der Wand des Landhaus einen „glazy eyespot“ aufweist. (Nabokov, 1976) Oder aufwies, wie Tatyana Tolstaya in ihrer Besprechung der Kurzgeschichte für die Los Angeles Times andeutete:

„Both the theme and the message of the story were appropriate for the Christmas issue of the paper, and the marvelous description of the Russian winter probably provoked cruel attacks of nostalgia in Russian exiles pining away in the rotten January of Western Europe.“ (Tolstaya, 1996)

Berlin, Dezember 2013

Gabriele Annan (1976) Under the apple trees. In: Times Literary Supplement. 22 Oct. 1976: S. 1326.

Nicolas Nabokov (1975) Zwei rechte Schuhe im Gepäck: Erinnerungen eines russischen Weltbürgers. München: Piper, 1975

Vladimir Nabokov (1966) Nabokovs Reply [Leserbrief] In: Encounter. Februar 1966, S. 80-89

Vladimir Nabokov (1976/1925) Christmas. In: ders. (1976) Details of a Sunset and Other Stories. London: Weidenfeld and Nicolson. S.151-162

Vladimir Nabokov (1999/ 1928) Eine Weihnachtserzählung. In: ders. (1999) Der neue Nachbar. Erzählungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch. S. 166-175

Tatyana Tolstaya (1996) A Phoenix From the Russian Snow: The perennial warmth of Vladimir Nabokov’s magical stories. In: Los Angeles Times, 04.02.1996. Online: http://articles.latimes.com/1996-02-04/books/bk-32004_1_vladimir-nabokov

Die Bibliothek als Sackgasse. Zum Berufsbild, wie es Yahoo!-Education sieht.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 9. Dezember 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden / @bkaden

Die Sterne für den Bibliotheksberuf stehen schlecht. Jedenfalls wenn man der Arbeitsmarktastrologie des Education-Portals von Yahoo! glaubt. Dort wurde in einem – undatierten, offenbar wohl neueren – Artikel der Beruf des Bibliothekars / der Bibliothekarin zu einem von fünf Sackgassen-Jobs erklärt. Das mag für eine neuere Arbeitswelt ganz zutreffend sein, in der es pragmatisch mehr um persönlichen Aufstieg und weniger um Identifikation mit dem jeweiligen Tätigkeitsfeld geht und in der man passend von Jobs und nicht Professions schreibt. Wie jeder weiß, ist der Unterschied zwischen beiden Konzepten erheblich. Die Profession bezieht sich auf die Ausbildung, die Qualifikation und eigentlich auch die Identifikation mit einem bestimmten Zuschnitt von Arbeit. Also:

Profession [...] a vocation requiring knowledge of some department of learning or science. (dictionary.com)

Ein Job bezieht sich wahlweise auf die konkrete Anstellung oder die konkrete Tätigkeit und lässt den Qualifikationsaspekt irgendwo im Dunklen:

Job [...] a piece of work, especially a specific task done as part of the routine of one’s occupation or for an agreed price (dictionary.com)

Geht es bei der Profession um eine individuelle Einstellung zur Sache, spielen beim Job die konkreten Arbeitsabläufe, die individuelle Einstellung als Sache und offensichtlich auch der Preis dafür eine Rolle.

"Profession" vs. "Job" - im Google-NGram-Viewer

“Profession” vs. “Job” – im Google-NGram-Viewer

Die NGram-Analyse im Google-Books-Korpus offenbart eine steile Karriere des Wortes “job” und ein Feststecken bzw. leichtes Absinken der Verwendung des Wortes “profession”. Besonders aussagekräftig ist der Kurvenvergleich jedoch nur dahingehend, dass er zeigt, wie seit dem frühen 20. Jahrhundert sehr gern und oft der Ausdruck Job verwendet wird. In welchem Kontext müsste man jetzt inhaltlich durchdringen.

Die Yahoo!-Autorin Andrea Duchon bewegt sich in ihrer Wortwahl vermutlich auch nicht allzu tief in der semantischen Differenzierung der Konzepte sondern mehr im Zeitgeist des einfachen und klaren Schlagworts bzw. noch wahrscheinlicher in der Bedeutung: Anstellungsverhältnisse. Ein Indikator dafür ist, dass sich die kleine Passage exakt so liest, wie Welterklärungstexte für Dummies gemeinhin verfasst sind:

“Librarians probably play a huge part in your childhood memories, but with a U.S. Department of Labor-projected job growth rate of only 7 percent from 2010 to 2020, it’s likely that “memory” could be the only role left for librarians to play.”

Andrea Duchon eröffnet mit einer Nostalgisierung und bestimmt damit bereits die Rolle, die ihrer Meinung nach für die Bibliothekare bleibt. Denn die Wachstumsrate bei den Stellen beträgt nur sieben Prozent, wobei unklar bleibt, wie rasant eigentlich ein Stellenangebot wachsen muss, um zur Skyway-Job zu werden.

Sie beruft sich nachfolgend auf die Prognosekompetenz der Karriereberaterin Wendy Nolin, die eine aufbruchsfreudige Firma namens Change Agent Careers betreibt. In aller Offenheit beschreibt diese auf ihrer Webseite ihren eigenen Ausbruch aus einem “Career Spin Cycle” und das sollte man schon einmal lesen, um einschätzen zu können, vor welchem Hintergrund die Aussagen zum an die Wand laufenden Bibliothekarsberuf getroffen werden.

Why Avoid It: Nolin says that this is a dying occupation simply because information now is so readily devoured using technology.

Hier findet sich fast erwartbar das reduktionistische Verständnis der Rolle von Bibliotheken, wie es unlängst ähnlich von Kathrin Passig in die Debatte katapultiert wurde. Bibliothek und Bibliotheksarbeit wird dabei mit Informationsversorgung gleichgesetzt. Allerdings war bereits das Aufkommen des Dokumentationswesens ein Schritt, der die Bibliotheken hinsichtlich dieser Rolle methodisch und technologisch ziemlich altbacken aussehen lies. Interessanterweise, aber eigentlich folgerichtig, ist dieses Praxis weitgehend in anderen Praxen aufgegangen oder – wie klanglos wie ihr Weltverband, die International Federation for Information and Documentation (FID) - verschwunden, während die Bibliotheken nach wie vor trotz allem auf recht hohem Niveau existieren.

Alarmierender ist dagegen die zweite Aussage Wendy Nolins:

“Plus, she says that federal funding for new libraries is basically non-existent, and job growth is expected to follow suit.”

Verfolgt man die Diskurse zur Zukunft des Bibliothekswesens in den USA, dann bekommt man wirklich den Eindruck, das Public-Library-System befände sich in der Krise. Noch vor 15 Jahren schien es undenkbar, dass im Mutterland des öffentlichen Bibliothekswesens Einrichtungen gekürzt oder geschlossen werden. (Man beachte das zur Schau gestellte Selbstbewusstsein der ALA auf diesen Postern.) Zu diesem Zeitpunkt galt das Bibliothekswesen der USA als Vorbild, Vorreiter und Garten Eden. Jedenfalls im deutschen Bibliothekswesen, dem man Ende der 1990er Jahre dann auch noch seinen zentralen Think-Tank, das DBI, geschlossen hat. Ein Schließungsgrund, den die Gutachter des Wissenschaftsrates peinlicherweise ins Spiel brachten, war die “zu intensive Betreuung der Öffentlichen Bibliotheken” (vgl. hier). Dieses Beispiel bringt noch einmal in Erinnerung, dass Finanzierungsentscheidungen nicht immer aus überzeugenden oder sogar objektiv tragbaren Einschätzungen heraus gefällt werden. Sondern häufig schwer durchschaubar einmal so oder so ausfallen und nicht selten abhängig davon sind, wer gerade für solche Entscheidungen zeichnungsberechtigt ist.

Erfahrungsgemäß sind ein bereitwilliges Aufspringen auf “Trending Topics” und das eifrige Klammern an das jeweilige Vokabular der Zeit bestenfalls kurzfristig hilfreich, um die eigene Position bündig zu vermitteln und die entscheidungsbefugten Kürzer oder Förderer zu beeindrucken. Oft zeigt sich dagegen darin nur, dass man mit Mühe den Trends der Anderen hinterhastet, wo an eigentlich eigene setzen sollte. Die interessante Entwicklungskurve des Konzeptes der so genannten Bibliothek 2.0 enthält dafür eine ganze Reihe von Beispielen. Mit der aktuellen Argumentation von Wendy Nolin, Kathrin Passig und anderen, die die Bibliothek als Papierverleihhaus für obsolet und die Arbeit in der Bibliothek zwangsläufig als berufliche Sackgasse deklarieren, irrlichtert man sogar in die Zeit vor 2003 zurück. Dabei liegt aber eigentlich das Kerngeschäft der Bibliotheken just in der Interaktivität, in der grundsätzlichen Remix-Praxis, die sich sowohl durch das Kuratieren wie auch das Rezipieren von Inhalten in der Bibliothek vollzieht und schließlich in dem Aspekt der Kommunikation und Wissensbildung, was weit über das Abrufen von Fakten und Information hinausgeht. Wäre man nicht unbedingt so radikal den Verheißungskünstlern des Library-2.0-Marktes hinterhergeeilt, sondern hätte in Rekurs auf diesen schon vor dem Medium Weblog existierenden Anspruch, dass eine Bibliothek mehr als ein Datenbank-Analogon sein muss, ernst genommen, stände die Bibliothek heute vielleicht noch ganz anders da. Und auch der Diskurs nach innen, der häufig an Mentalitätsklippen brach, die den Eindruck vermittelten, manche Bibliothekare sehnten sich in die klösterliche Übersichtlichkeit der Kettenbuchbänke zurück, wäre womöglich ein Stück weit produktiver verlaufen.

Wenn Förderer, Karriereberater, Netzaktivisten und Publizisten dieses prinzipielle Mehr-als-Information nicht sehen, liegt das Versäumnis indes nicht unbedingt nur bei ihnen (den Vorwurf des Kurzschlussfolgerung müssen sie dennoch aushalten). Sondern auch beim Bibliothekswesen selbst, das sich viel zu oft anstandslos in Buzzwordfeuerwerken, durchsichtigem Techno-Mimikry und öffentlich präsentierten Selbstzweifeln wälzt. Vielleicht zeigt sich darin zugleich auch ein anderes Problem, das uns wieder zur Yahoo!-Berufsanalyse zurückführt: Die Menschen, die in das Bibliothekswesen streben, sind seit je eher nicht die strahlkräftigen, kampfeslustigen und ehrgeizigen Karrieristen. Sondern häufig sympathische, idealistische und bescheidene Personen, die unerschütterlich daran glauben, dass schon gut ist, was sie machen und entsprechend wertgeschätzt wird. (Ein paar karrierebesessene Quertreiber und Egozentriker entdeckt man freilich auch. Die wechseln allerdings meist so schnell sie können auf die Seite des Geschäfts, auf der man deutlich mehr verdienen kann. Und dann gibt es selbstverständlich noch die Verbitterten, die eigentlich etwas Anderes in ihrem Leben machen wollten, aber vom Schicksal im Restraum Bibliothek geparkt und niemals wieder abgeholt wurden. Dies sind gemeinhin die schwierigsten Fälle.) Entsprechend sind die Bibliotheken natürlich ein vergleichsweise leichtes Ziel nicht zuletzt dann, wenn es um Ressourcenverteilungen bzw. -kürzungen geht. Was dem Bibliothekswesen aus meiner Sicht tatsächlich und mehr als technisches Know-How fehlt, ist eine Kultur des sowohl soliden als auch souveränen Widerspruchs. Eben weil die Akteure dieses Berufsfelds in der Regel gar nicht so viel Wert auf rasante Karrierekurven legen, für die gefälliges Verhalten erforderlich ist, könnten sie doch eigentlich weitaus risikofreudiger nach außen gehen, wagen und am Ende vielleicht sogar etwas gewinnen.

(Berlin, 09.12.2013)

Anmerkungen zur Information Literacy

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 28. November 2013

Karsten Schuldt

Zu:

  • Accardi, Maria T. ; Drabinskis, Emily ; Kumbier, Alana (edit.) (2010) / Critical Library Instruction : Theories and Methods. Duluth, MN : Library Juice Press, 2010
  • Accardi, Maria T. (2013) / Feminist Pedagogy : for Library Instruction. Sacramento, CA : Library Juice Press, 2013
  • Gregory, Lua ; Higgins, Shana (edit.) (2013) / Information Literacy and Social Justice : Radical Professional Praxis. – Sacramento, CA : Library Juice Press, 2013

Information Literacy scheint in den englischsprachigen Bibliothekswesen1 keinen ganz so grossen Platz einzunehmen, wie es in den deutschsprachigen Bibliothekswesen die Informationskompetenz tut. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, erscheinen in einiger Regelmässigkeit im englischsprachigen Bibliothekswesen Beiträge, die sich kritisch mit Information Literacy auseinandersetzen. Diese Literatur wird in den deutschsprachigen Bibliothekswesen bislang ebenso selten wahrgenommen wie die restliche Literatur zu Information Literacy. Dies ist zu bedauern, da sie einen tiefen Einblick in tatsächliche Praxis der Information Literacy Instruction und das Unwohlsein mit dieser bei einer relevanten Anzahl von aktiven Bibliothekarinnen und Bibliothekaren sowie Forschenden erlaubt. Dabei lehnt kaum einer dieser Beiträge die Idee ab, dass Menschen besser mit Information umgehen können sollten. Sie stellen allerdings tiefgreifende Fragen an die Konzepte und impliziten Annahmen um Information Literacy, welche dazu beitragen können, über dieser Praxis nachzudenken und sie besser zu gestalten, wobei eine Diskussion notwendig wird, was „besser“ eigentlich heissen soll. Auffällig ist an diesen Texten, dass sie sich zumeist sehr klar daran orientieren, die Arbeit von Bibliotheken für die Nutzerinnen und Nutzer so zu gestalten, dass diese am Ende sinnvoll mit Informationen umgehen können, gleichzeitig aber immer wieder Zweifel daran äussern, ob Information Literacy – insbesondere in der Form von definierten Standards – der richtige Weg ist. Zudem beschreiben sie bibliothekarische Arbeit beständig als Arbeit, welche dem sozialen Gegebenheiten nicht entkommen und deshalb, gewollt oder nicht, immer auch politisch ist.

Für alle, die ihre Arbeit im Bezug auf Information Literacy oder Informationskompetenz nicht als reine Werbemassnahme verstehen, kann diese Literatur vor allem Irritationen auslösen, die dazu beitragen kann, die eigene Haltung zu diesen Themen klarer zu fassen. Sicherlich muss man sich dazu darauf einlassen, die eigene Haltung zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern, auch muss man damit umgehen, dass sich diese kritische Literatur nicht auf ein Thema oder eine Aussage reduzieren lässt, sondern selber widersprüchlich ist. Aber das ist die Aufgabe solcher Literatur und, selbst wenn man am Ende jeden Punkt der vorgebrachten Kritiken ablehnen sollte, die beste Möglichkeit, mehr über die bibliothekarische Praxis nachzudenken und sie sinnvoll zu gestalten.

Die drei hier besprochenen Werke sind prägnante Beispiele für diesen Trend. Sie sind allesamt im gleichen, für seine kritischen Bücher zur Bibliothekspraxis bekannten, Verlag erschienen. Library Juice Press ist einer der bevorzugten Orte für solche kritischen Interventionen in bibliothekarische Diskurse. Dies führt dazu, dass in diesen Werken sowohl die profundeste als auch die weitgehendste Kritik geäussert wird. Man kann sie als den radikalen Pol dieser kritischen Strömung ansehen. Nicht alle Texte, die sich kritisch zu Praxis um die Information Literacy äussern, gehen so weit, wie die hier besprochenen. Allerdings: Je vehementer der Widerspruch, umso mehr ist aus ihm zu lernen.

criticalinformationliteracy

Critical Pedagogy, Paulo Freire

Insbesondere die beiden Sammlungen Critical Library Instruction : Theories and Methods (Accardi, Drabinskis & Kumbier, 2010) und Information Literacy and Social Justice : Radical Professional Praxis (Gregory & Higgins, 2013) versammeln Texte, welche sich regelmässig auf Critical Pedagogy berufen, wobei unter dieser eine Anzahl von Ansätzen zusammengefasst wird. Grundsätzlich ist diesen, dass sie eine Pädagogik meinen, welche das Ziel hat, den Lernenden zu helfen, im Lernprozess ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln. Dieses Bewusstsein soll ihnen ermöglichen, über die Nutzung von Informationen als reine Fakten hinausgehend, mit Informationen kritisch, reflektiert und mit einer umfassenden Analyse umgehen zu können. Es geht den Schreibenden um Empowerment; darum die Lernenden in die Lage zu versetzen, sich selber zu äussern und aktiv zu werden. Viele, aber nicht alle, verstehen Critical Pedagogy als Form, um sozialen Aktivismus zu unterstützen oder auszulösen. Andere stellen die Frage, ob das Publikum, welches Information Literacy Instructions erhält wirklich die Personen sind, welche in sozialem Aktivismus partizipieren werden. Duke, Ward & Burkert (2010) sehen kritisches Bewusstsein beispielsweise als notwendig für ein unterstützendes Arbeiten von Special Needs Teachers in abgelegenen Siedlungen in Alaska – welche sie weiterbilden – an und beschreiben dieses Bewusstsein explizit politisch:

Critical consciousness is characterized by the ability to recognize and take action against the multiple forms of privilege and oppression that contribute to social, political, and economic injustice. [...] When the awareness of oppression (i.e., critical consciousness) begins, so, too, begins the struggle for liberation ([Trask, H. (1999). From a native daughter. Colonialism and sovereignty in Hawai'i. (Revised ed.) Honolulu, Hi : University of Hawai'i Press]).“ (Duke, Ward & Burkert, 2010, 115)

Eine Reihe von Autorinnen und Autoren der besprochenen Bücher berichtet über Lernende, die sozial benachteiligten Gruppen angehören. Diese betonen mehrfach, das kritisches Bewusstsein und Information Literacy zusammengehörten.

“Liberatory education practices are closely related to and complementary with the goals of information literacy instruction. Community colleges are committed to fostering critical thinking skills in their students, and both critical pedagogy and information literacy provide methodologies for fabricating that goal.“ (Keer, 2010, 157)

Gleichzeitig erhalten immer noch vor allem Studierende, die, bei aller sozialen Mischung, in den letzten Jahren wieder verstärkt aus den privilegierten gesellschaftlichen Schichten stammen, Information Literacy Instructions. Gleichwohl betonen die Schreibenden, dass auch diese kritisches Bewusstsein benötigen würden, um überhaupt mit wissenschaftlicher Literatur und Informationen umgehen zu können. In gewisser Weise postulieren die Schreibenden, dass ein sinnvoller Umgang mit Informationen erst dann möglich ist, wenn Lernende in der Lage sind, die Produktionsbedingungen dieser Informationen und damit die Gesellschaft inklusive ihre Ambiguitäten zu verstehen. Information Literacy Instructions, welche sich an den gegebenen Standards orientieren, seien dazu nicht in der Lage.

“Students may be unaware of the dialogic quality of the sources they use, but the researchers, theorists, and practitioners who produce them generally are not. A student may view a source as an absolute authority to which they must passively defer, as in the banking model of education, or they may view it as an embodied voice in a conservation, one that occupies a position in space and time and thus a political perspective in relation to real problems in the world. Librarians are not in a position to notice the difference between banking and problem-posing kinds of research if they see themselves merely providing materials to students, delivering items from point A to point B.” (Kopp & Olson-Kopp, 2010, 57)

Das in diesem Absatz angesprochene Gegensatzpaar Banking Model of Education vs. Problem-Posing liegt den meisten dieser Kritiken zugrunde. Es stammt von Bildungspolitiker und -theoretiker Paulo Freire, der in den 1960er und 1970er Jahren mit seiner Arbeit bei Alphabetisierungsprogrammen in Brasilien, später – als Flüchtling nach dem Militärputsch 1964 – unter anderem als Berater in verschiedenen internationalen Organisationen seine Theorie der Critical Pedagogy ausarbeitete. (Freire, 1970)

Grundsätzlich beschreibt Freire die herkömmliche Pädagogik als Banking Model („Bankiersmethode“), bei dem Wissen als Objekt verstanden würde, das zu weiterem Wissen hinzu addiert werden könnte. Die Lernenden würde in diesem System die benötigten Wissensstücke erhalten, speichern und mechanisch anwenden, aber nicht verarbeiten oder verstehen. Diese Methode, die er als Grundlage von Schulen und Hochschulen ansieht, würde die Lernenden dazu erziehen, Wissen als gegeben hinzunehmen und nicht selbstständig zu nutzen. Dem gegenüber stellt er das problembasierte Lernen, bei welchem die Lernenden in einem aktiven Dialog Wissen dadurch erwerben, dass sie es gemeinsam hinterfragen, auf ihre eigene Situation beziehen und dazu ermutigt werden, ihrem eigenen Wissen und ihren eigenen Entscheidungsfähigkeiten zu vertrauen. Freire liess dieses Konzept in den brasilianischen Alphabetisierungskampagnen anwenden. Auf deren Erfahrungen baute er auf, als er in den 1970er Jahren beim World Council of Churches arbeitete. Obgleich er heute in der deutschsprachigen pädagogischen Diskussion kaum mehr rezipiert wird, fungiert er im englischsprachigen pädagogischen Diskussionen weiterhin als Referenz. So auch für einen Grossteil der Autorinnen und Autoren der hier besprochenen Bücher.

Ein Hauptvorwurf vieler Texte an das aktuelle Verständnis von Information Literacy – vor allem niedergelegt in den Information Literacy Competency Standards for Higher Education der Association of College & Research Libraries, welche beständig den Referenzpunkt für weitere Standards und Policies darstellen – ist, dass es letztlich ein Beispiel des Banking Models wäre. Es würde die Prozesse des Umgang mit Informationen auf reine Techniken beschränken und somit Lernende dazu zu erziehen suchen, mechanisch Informationen als Objekte zu verstehen.

Pankl & Coleman (2010) beschreiben beispielsweise eine Situation, in der eine Studierende am letzten Tag vor der Abgabe eines Papers die Bibliothekarin mit der Behauptung angeht, über ihr Thema gäbe es keine Literatur. In folgendem, längeren Abschnitt führen Pankl & Coleman (2010) dieses Denken auf ein falsches Verständnis von Information zurück, welches durch Information Literacy Instructions, die sich auf die Vermittlung von Techniken beschränken, verstärken würde.

“The fundamental problem in such scenario is that the student has failed to properly conceptualize the research process and lacks the cognitive sophistication to articulate and imagine her topic in a manner that is meaningful and dialectical. The hypothetical student truly believes that academic researcher is merely a process of punching some random terms into an electronic apparatus and then receiving, perhaps by the will of God, a magical and sizable list of sources that are all perfectly relevant to what she is writing about (and, ideally, these sources all have titles that closely match her own title). Such situations are attributable to education that is bound and constraint to positivism. Positivism is the belief and practice that valid knowledge is objective, empirical, and static. Unfortunately positivism is the dominant paradigm for most educational efforts in the U.S. and has been since the Enlightenment. Educational systems within the U.S. are committed to marketing knowledge as something outside of the individual, and treat individual’s fundamental character as instrumental rather than imaginative and creative. Such an educational ideology produces agents that are incapable and, for the most part, unwilling to construct their own knowledge – knowledge that might in turn liberate them form the tyranny of facts.

Critical pedagogy attempts to combat the positivistic stranglehold on the educational system. Its fundamental project is to emancipate all people from overt and hidden forms of oppression by denaturalizing dominant ideologies and systems as historically produced human constructs that are far reaching in their impacts and, perhaps more importantly, subject to change.” (Pankl & Coleman, 2010, 3f.)

Battista (2013) postuliert ebenso, dass Information Literacy, die auf Techniken reduziert würde, einen negativen Effekt auf das Lernen und Denken von Studierenden hätte.

“When students see the completion of an assignment as the chief goal of seeking information, they lose the ability to see themselves as participants in public discourse, and they fail to imagine ways that they can grow their information sources to serve them beyond a singular task that occupies them. […]

Because information literacy is a fluid ethic, we must depart from task-driven models of instruction and treat inquiry as a process that hinges on how well we build information networks.” (Battista, 2013, 88)

Während sich zahlreiche Texte auf Paulo Freires Theorien – und einigen Theorien, die Freires Theorie weiterschrieben – stützen, sind die Einschätzungen sehr unterschiedlich. Ein Teil der Schreibenden wirft der Praxis der Information Literacy vor allem vor, die eigenen Versprechen nicht einzuhalten. Diesem Problem sei mit eine Critical Pedagogy, insbesondere dem Problem Based Learning beizukommen. Ein anderer Teil, der grösste, postuliert, dass insbesondere die in der englischsprachigen Welt verbreiteten Standards für Information Literacy hoffnungslos dem Banker Model verhaftet seien. Auch dem sei mit Critical Pedagogy beizukommen, allerdings in andere Weise: Die bisherige Praxis der Information Litercay Instructions und die Zielsetzungen dieser Praxis sollten vollkommen geändert werden. Eine weitere Anzahl von Texten, allerdings die kleinste, geht über diese Kritik hinaus.

Ist die Information Literacy neoliberal?

Information Literacy als Modell stellt, so die weitestgehende Kritik, ein neoliberales Konzept dar. Diese Kritik wird vor allem in Gregory & Higgins (2013) wiederholt geäussert. Neoliberalismus wird dabei definiert als Ideologie, welche die sozialen Verhältnisse als Marktverhältnisse beschreibt, beispielsweise Menschen allein als Trägerinnen und Träger von anrechenbaren Fähigkeiten versteht, welche von diesen in rein rationalen Wegen zur Steigerung der eigenen Marktfähigkeit eingesetzt würden. Grundsätzlich sehe der Neoliberalismus den Marktprozesse als alleinigen Aushandlungsort von gesellschaftlichen, sozialen und ökonomischen Prozessen an. Diese Ideologie würde eine Gefahr darstellen für Demokratie, soziale Sicherheit und die staatlichen Funktionen. (Seale, 2013; Enright, 2013; Lilburn, 2013)

Information Literacy, so wie es heute verstanden wird, sei im Zuge der Durchsetzung der neoliberalen Ideologie entstanden und folge dieser. Dieser zeitliche Zusammenhang sei kein Zufall, vielmehr wäre Information Literacy ein neoliberales Projekt. Die Theorie des Human Capital sei der Information Literacy eingeschrieben. (Seale, 2013) So sei das neoliberale Subjekt – also die einzelne Person, die so reagieren würde, wie sich dies ideologisch vorgestellt wird – immer rational handelnd und auf die eigene Profitmaximierung ausgerichtet. Ebenso würden in den Standards zur Information Literacy Personen verstanden.

“The argument that I wish to finally advance here is not only that the information literate is the neoliberal subject par excellence, but is structured around the notion of human as homo economicus. Indeed, in all of the policy the information literate is always conceptualized as a rational, self-interested individual who can recognize ‘the need for information’ and continually ‘re-evaluates the nature and extent of the information need.’” (Enright, 2013, 32)

Die Standards für Information Literacy würden den Einzelpersonen die alleinige Verantwortung für diese Literacy zuweisen und damit die realen Ungleichheiten überdecken. Die Literacy sei von allen gleich gut zu erwerben und anzuwenden, wenn dies nicht geschieht, sei dies dies Schuld der jeweiligen Individuums.

“The ALA Presidental Commitee’s Final Report [(American Library Association Presidental Committee on Information Literacy (1989). Final report), welcher das aktuelle Verständnis von Information Literacy das erste Mal skizzierte und als Grundlage für die folgenden Policies und Standards gilt] duplicates this [die neoliberalen Vorstellungen der Regierungen Reagan, USA und Thatcher, GB] more and shifts the blame for social and economic inequalities onto the very individuals disempowered by those inequities; if an individual cannot find a well-paying job, it is because she or he has not actively pursued information literacy. The report wholeheartedly rationalizes and supports the adoption of neoliberalism that occurred during the 1980s.” (Seale, 2013, 49)

Diejenigen Texte, welche diese Kritik formulieren, gehen davon aus, dass der Neoliberalismus als Ideologie sich in der Krise befände. In zahlreichen Wissenschaftsfeldern hätten sich kritische Forschungsrichtungen etabliert, welche diese Krise und die Auswirkungen der Ideologie untersuchen würde. In der Library and Information Science, insbesondere im Bezug auf Information Literacy, sei dies nicht der Fall. Zwar würde verstärkt Kritik an der Gesellschaft in seiner ihrer jetzigen Form geübt, aber diese Kritik würde Information Literacy als Konzept nicht tangieren. Vielmehr sei Information Literacy zu einem in sich selbst geschlossenen Diskurssystem geworden, welches Kritik nur noch innerhalb des Systems zulässt, andere Kritik, welche die Grundannahmen nicht teilt, als irrelevant erscheinen lässt.2

“And yet despite the resurgence of critique, most critical research in LIS still tends to stop short at formulating any explicit critique of capitalist social relations thereby deemphasizing the relationship between 21st century librarianship, the expansion of capital and the resultant forms of discipline and control developing from capital’s late modern augmentation. The failure to link LIS with a broader critique of capitalism has resulted in a research program that fails to connect with the real, ‘everyday life’ constraints emerging from the ‘information society’ and driven by capital and its social relations. Sadly, the failure to position LIS within a systematic critique of capitalism also gives rise to an insufficient form of critique that consistently fails to scrutinize the central tenets of LIS practice by dislocating its historical specificity from the socio-economic context in which they are necessarily embedded.” (Enright, 2013, 16)

Der Neomarxismus des Autors ist kaum zu übersehen. In seiner Radikalität weist er aber – selbst dann, wenn der neomarxistische Anteil abgelehnt wird – auf eine wichtige Frage hin, die im Rahmen der Information Literacy nicht gestellt wird: Was für Menschen wollen Bibliotheken mit Information Literacy erziehen und welche Gesellschaft stellen sie sich dabei vor? Information Literacy, dass machen diese kritischen Texte schnell deutlich, ist weder frei von gesellschaftlichen Voraussetzungen noch rein objektiv. Es ist als Diskurs zu einem bestimmten Zeitpunkt entstanden – trotz Vorläufern verorten diejenigen Autorinnen und Autoren, die sich damit beschäftigen, diesen Beginn zumeist auf die erste Hälfte der 1990er Jahre – und trägt selbstverständlich die Grundannahmen der damaligen Gesellschaft in sich. Die hier angeführten Texte leiten daraus ab, dass Information Literacy mit den Diskursen der frühen 1990er Jahre verbunden ist. Der Schritt ist dann folgerichtig: Wenn in den frühen 1990er Jahren der Neoliberalismus als Ideologie dominierte und in die Information Literacy Standards und Policies eingeschrieben wurde, gleichzeitig diese Ideologie sich heute praktisch in einer Krise befindet, dann stellt sich die Frage, warum sich die Information Literacy als Diskurs und Praxis nicht auch in der Krise befinden sollte.

“When considering the meaning and purpose of information literacy, librarians must decide on the form of citizenship promoted through their teaching. They must decide whether the citizenship they help to produce is one that works to strengthen and uphold existing social, economic and political structures or whether it is one that dares the question and, if necessary, challenge the ideological foundations on which inequitable or oppressive distributions of social, economic and political power are based.” (Lilburn, 2013, 76)

Die Bücher im Einzelnen

Alle Texte der drei Bücher nehmen Information Literacy ernst als Konzept und als pädagogische Praxis von Bibliotheken. Sie nehmen es so ernst, dass sie ihm immense Wirkmächtigkeit zuschreiben. Niemand von Ihnen würde Information Literacy als Marketingwerkzeug für Bibliotheken verstehen. Allerdings, wie schon angedeutet, in sehr unterschiedlichen Weisen und mit unterschiedlichen Kritiken an diesem Konzept. Einige Texte verwerfen Information Literacy vollständig, andere kritisieren es als ineffizient, unvollständig oder unzureichend, wieder andere kritisieren die Umsetzung der Information Litercay Instructions. Die Kritiken sind nicht deckungsgleich, vielmehr widersprechen sie sich in letzter Konsequenz zum Teil. Dennoch werfen sie immer wieder Fragestellungen im Bezug auf Information Literacy auf, die auffällig selten gestellt werden und plädieren oft dafür, zur Beantwortung dieser Fragen einen Schritt zurückzutreten und das gesamte Konzept samt seiner Zielsetzungen und eingeschriebenen gesellschaftlichen Vorstellungen zu befragen. Zudem eint alle Autorinnen und Autoren ein Bezug zu sozialen Fragen. Die drei Werke werden hier zusammen vorgestellt, weil sie inhaltlich zusammengehören. Gregory & Higgins (2013) verweist explizit auf Accardi, Drabinski & Kumbier (2010) als Grundlage, Accardi (2013) stammt von einer der Herausgeberinnen des 2010er Werkes und stellt eine Ausarbeitung eines spezifischen Kritikstranges dar. Die drei Werke sollten auch als Zusammenhang begriffen werden.

Accardi, Drabinski & Kumbier (2010) liest sich dabei als erste Erkundung des Themas. Die Autorinnen und Autoren zeigen sich unzufrieden mit der Praxis der Information Litercay und dem Umgang mit immer wieder auftretenden Problemen, wie den Problemen, Studierende wirklich zu erreichen. Nur wenige wagen sich mit der Kritik weiter vor, ein grosser Teil des Buches besteht aus Praxisberichten. Dennoch zeigt das Werk Tendenzen der Kritik, welche späterhin in Gregory & Higgins (2013) beschritten werden. Dieses bietet sehr weitgehenden Kritiken – bis hin zu solchen, die Information Literacy an sich ablehnen – Platz. Gregory & Higgins (2013) erscheint als das in sich geschlossenste. Es ist auch jenes, welches die meisten Anregungen zur Reflexion bietet. Accardi (2013) hingegen liest sich als Ergänzung des ersten Werkes aus einem speziellen Blickwinkel, dem der feministischen Pädagogik. Neben einer Einführung in dieser Pädagogik versucht sich die Autorin darin, konkrete Hinweise zur Integration der Kritik in die Praxis zu liefern. Das Buch enthält rund 150 Seiten, davon rund 35 alleine für Beispiele von Arbeitsblättern, welche direkt im Information Literacy Instructions eingesetzt werden können. Auffällig ist, dass sich in der Darstellung von Accardi (2013) feministische Kritik wenig von dem unterscheidet, was in den anderen beiden Werken als Critical Pedagogy mit Bezug auf Paulo Freire beschrieben wurde: Einbeziehung der Kontextes, Empowerment und soziale Fragestellungen als Mittel der Pädagogik.

Grundsätzlich ist Gregory & Higgins (2013) als das stärkste der drei Werke bezeichnen. Es ist, wie ebenfalls mehrfach angedeutet, ein Diskussionsbeitrag, welcher dazu führen kann, die bibliothekarische Praxis zu hinterfragen und somit – wenn sie während des Hinterfragens nicht gänzlich verworfen wird – sozial relevanter zu machen. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass sich alle drei Werke auf die englischsprachigen Bibliothekswesen beziehen. Eine Übersetzung in den Kontext der deutschsprachigen Bibliothekswesen sollte wenn, dann vorsichtig geschehen. Die Debatten um Informationskompetenz haben sich zwar aus Übersetzungen relevanter Texte aus dem Englischen entwickelt, aber teilweise andere Richtungen genommen. Insoweit muss nicht jede Kritik auf den deutschsprachigen Kontext zutreffen.

Alles in allem ist die Lektüre der drei Werk zu empfehlen. Sie sind erfrischend offen, teilweise jugendlich radikal und zudem denkanregend.

Literatur

Battista, Andrew (2013) / From “A Crusade against Ignorance” to a “Crisis of Authenticity”: Curating Information for a Participatory Democracy. In: Gregory, Lua ; Higgins, Shana (edit.): Information Literacy and Social Justice : Radical Professional Praxis. – Sacramento, CA : Library Juice Press, 2013, 81-97

Duke, Thomas Scott ; Ward, Jennifer Diane ; Burkert, Jill (2010) / Preparing Critically Consciois, Information Literate Special Educators for Alaska’s Schools. In: Accardi, Maria T. ; Drabinskis, Emily ; Kumbier, Alana (edit.): Critical Library Instruction : Theories and Methods. Duluth, MN : Library Juice Press, 2010, 115-131

Enright, Nathaniel F. (2013) / The Violence of Information Literacy: Neoliberalism and the Human as Capital. In: Gregory, Lua ; Higgins, Shana (edit.): Information Literacy and Social Justice : Radical Professional Praxis. – Sacramento, CA : Library Juice Press, 2013, 15-38

Freire, Paulo (1970) / Pedagogy of the oppressed. New York, NY : Herder and Herder, 1970

Keer, Gretchen (2010) / Critical Pedagogy and Information Literacy in Community Colleges. In: Accardi, Maria T. ; Drabinskis, Emily ; Kumbier, Alana (edit.): Critical Library Instruction : Theories and Methods. Duluth, MN : Library Juice Press, 2010, 149-159

Kopp, Bryan M. ; Olson-Kopp, Kim (2010) / Depositories of Knowledge : Library Instruction and the development of Critical Consciousness. In: Accardi, Maria T. ; Drabinskis, Emily ; Kumbier, Alana (edit.): Critical Library Instruction : Theories and Methods. Duluth, MN : Library Juice Press, 2010, 55-67

Lilburn, Jeff (2013) / “You’ve Got to Know and Know Properly”: Citizenship in Kazou Ishiguro’s Never Let Me Go and the Aims of Information Literacy. In: Gregory, Lua ; Higgins, Shana (edit.): Information Literacy and Social Justice : Radical Professional Praxis. – Sacramento, CA : Library Juice Press, 2013, 63-78

Pankl, Elisabeth ; Coleman, Jason (2010) / “There’s Nothing on my Topic!“ Using the Theories of Oscar Wilde and Henry Giroux to Develop Critical Pedagogy for Library Instruction. In: Accardi, Maria T. ; Drabinskis, Emily ; Kumbier, Alana (edit.): Critical Library Instruction : Theories and Methods. Duluth, MN : Library Juice Press, 2010, 3-12

Seale, Maura (2013) / The Neoliberal Library. In: Gregory, Lua ; Higgins, Shana (edit.): Information Literacy and Social Justice : Radical Professional Praxis. – Sacramento, CA : Library Juice Press, 2013, 39-61

Fussnoten

1 Englischsprachige Bibliothekswesen ist selbstverständlich eine Verkürzung. Gemeint sind englischsprachige Bibliothekswesen des globalen Nordens, die sich in den Diskussionen immer wieder vermischen. Über Bibliothekswesen wie die in Nigeria, Belize oder auch Trinidad and Tobago ist im globalen Norden viel zu wenig bekannt, um solche Aussagen zu machen. Insoweit kann hier „englischsprachige Bibliothekswesen“ gelesen werden als Bibliothekswesen der USA, Grossbritanniens, Kanadas, Australiens und Neuseelands.

2 Diese Einschätzung erscheint nicht gänzlich unberechtigt. Vor einigen Wochen referierten Juha Kämäräinen und Jarmo Saarti auf der European Conference on Information Literacy (http://www.ecil2013.org/index.php/home) in Istanbul über das Promotionsprojekt von Kämäräinen, welcher die Rhetorik der offiziellen Dokumente zur Information Literacy in Finnland untersuchte. Dabei stellten sie in einen Raum gefüllt mit Personen, die offensichtlich von der Bedeutung von Bibliotheken und Information Literacy überzeugt waren, unter anderem die Frage, was eigentlich wirklich passieren würde, wenn Menschen nicht Information Literate würden. Auch befragt das Promotionsprojekt die Vorstellung, dass Information Literacy ein objektiv richtiges, und eben nicht auch ein durch politische Interessen und gesellschaftlichen Vorstellungen beeinflusstes, Projekt sei. Die Reaktion im Saal war erstaunlich. Den beiden wurde für den Vortrag gedankt, wie allen anderen Vortragenden, und niemand rührte sich, so als ob die Frage nicht relevant wäre. Im letzten, zusammenfassenden Vortrag am Abschluss der gleichen Konferenz stellte Ralph Catts, Erziehungswissenschaftler mit grossem Interesse an Information Literacy, klar dar, dass ein Grossteil der Forschung, die Aktive aus dem Bibliothekswesen zum Thema durchführen und bei der Konferenz präsentierten, wissenschaftlichen Mindeststandards nicht standhält, da sie zum Beispiel kein theoretisches Framework benennen, Forschungsmethoden und erhobene Daten nicht nachvollziehbar darstellen. Angesichts dessen, dass in den drei Tagen zuvor sich diese Aktiven gegenseitig grösstenteils ähnliche Studien vorgestellt hatten, die immer wieder die Bedeutung von Information Literacy und Bibliotheken herausstellten, gleichzeitig immer wieder die mangelnde Information Literacy anderer Personengruppen (Studierende, Dozierende) betonte, war dies ein relevanter Hinweise. Aber auch der wurde einfach übergangen. Beide Hinweise schienen zumindest bei dieser Konferenz von den anderen Teilnehmenden als irrelevant ignoriert zu werden. Tatsächlich erschien es teilweise, als würde Information Literacy als ein Diskurs funktionieren, der sich selber genügt und nicht mehr begründet werden müsste, weshalb auf Kritik, die an den Grundfragen des Diskurses (Ist er wirklich objektiv?, Ist er wirklich begründet?, Ist er wirklich theoretisch abgesichert?) ansetzt, nicht reagiert werden muss oder kann.

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