It’s the frei<tag> 2013 Countdown (13): Zu Andrzej Stasiuks Gang in die Bibliothek.
von Ben Kaden
„Mein Vater hat nie Bücher gelesen, und meine liest er auch nicht und für meine Mutter, die es versucht, sind sie nicht das Richtige.“ – Andrzej Stasiuk / Im Gespräch: Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2013, S. 40
Wie wird man einer der bedeutensten polnischen Gegenwartsschriftsteller, wenn man in Warschaus rechtsweichsligen Arbeiterviertel Grochów in den 1970er Jahren als Kind quasi zwangsproletarisierter Eltern (mit noch unmittelbaren Wurzeln im bäuerlichen Landleben) aufwächst? Möglicherweise, nein eher noch wahrscheinlich, dank der Bibliothek.
Jedenfalls lässt der winzige Erinnerungstext Der Gang in die Bibliothek von Andrzej Stasiuk, der auf Deutsch erstmals in der Ausgabe Mai / Juni 1999 der Zeitschrift Sinn und Form erschien (S. 490-494), kaum einen anderen Schluss zu. Oder vielleicht doch? Denn mehr als die Bibliothek umkreist das Rückspiegelbild die Anziehung, die von der Bibliothekarin ausgeht:
„Das Regal mit dem Buchstaben »D« befand sich ganz unten, am Boden. Nur von dort konnte man, ohne Verdacht zu erregen, die schlanken Beine der Bibliothekarin betrachten, die von einem schmalen Riemchen umspannten Knöchel und die Füße, die in zwei an kleine Särge erinnernden Holzklötzen eingesperrt waren. [..] Für dreizehnjährige Jungen sind zehn Jahre ältere Frauen immer ein Gegenstand bitterer, schmerzlicher Anbetung.”
Und dieser private Kult der Sehnsucht auf Höhe des Buchstaben Ds führte nicht allein dazu, dass der Junge einmal die Woche, d.h. in einer zeitlichen Distanz „lang genug, um der Lächerlichkeit zu entkommen, diesem Dämon pickliger Teenager”, in die an diesen Donnerstagnachmittagen kaum besuchte Stadtteilbibliothek ging. Sondern er hatte auch zur Folge, dass er sich mit Dumas, (Jan) Dobraczyński und Dostojewski abkämpfte. In der Bibliothek fand er neben dem ersten Knospen einer Erotik zugleich, dieses Frühblühen angesichts der Herausgehobenheit des Ortes offensichtlich deutlich bedingend, all das, was man gemeinhin von einer solchen Bibliothekssituation erwartet:
„Das ewig halbleere Glas Tee war das einzige Zeichen von Leben auf dem pedantisch aufgeräumten Schreibtisch.”
und
„[Der Duft ihres Parfums] mischte sich mit dem Geruch der Neueingänge, die auf dem Tischen links vom Schreibtisch lagen. Ich sah die Bücher von weitem und wußte, wie sie rochen: streng, angenehm und sinnlich.”
Weder die Frau allein noch die Bibliothek allein lassen sich als Stufen zum elementaren Dasein in der Schrift isoliert anführen. Es ist die intensive Erfahrung ihrer Wechselwirkung, also der Bibliothekarin als Bezugsperson und des Bibliotheksraums als Kapelle der Begegnung. So ist sinnlich auch der Faden, an dem Andrzej Stasiuk das von ihm gezeichneten Bibliotheksbild wunderbar anknüpft.
„Das einzige Geräusch war das leise Aufsetzen des Teeglases auf der Untertasse. Jede halbe Minute hörte man ein zartes, gedämpftes Ticken. Das war die Bibliotheksuhr.”
Sehen, riechen, hören und die Summe daraus: die Sehnsucht nach etwas, das sich in einem kurzen, still und hoffnungslos begehrenden Seitenblick auf den „honigfarbenen Nasenflügel, der sich von der sanft gerundeten Linie der im Schatten liegenden Wange abhob” fängt.

Tier und Bibliothek. Irgendwann im Leben gerät man bei guter Führung an einen Punkt, an dem ein bequemes Lesesofa, eine sanftmütige Katze und zwei Regalmeter als relevant erfahrene Bücher ausreichen, um einen ruhig und gelassen in einem Samstagabend zu verankern. Wenn man dann noch nebenbei ein paar Zeilen für den frei<tag>-Countdown schreiben kann, scheint es fast unvorstellbar, dass die Welt nicht Ordnung sein könnte. Natürlich liegt die Betonung auf „scheinen”. Aber warum sollte man nicht einmal das Bild des Idylle für eine Weile als wahr annehmen. Die Brüche kommen schon von selbst wieder.
Über Nacht war das alles vorbei und die Wange wurde, wenn man so will, zur Backe. Die Bibliothekarin „hatte einen Polizisten geheiratet” und die Bibliothek verlassen. Als Ersatz bezog keine neue Beauté den Schreibtisch hinter der Ausleihe, sondern
„eine außergewöhnlich magere, sommersprossige, häßliche junge Frau. Ihr Haar hatte die Farbe der Reihe »Weltliteratur der Gegenwart«. [...] Sie trug Kordhosen und Halbschuhe mit flachem Absatz. Ihre auf dem Schreibtisch ruhenden Hände ragten aus kurzen Ärmeln des engen Pullis und erinnerten an die Kautschukskelette im Biologieraum.”
Und dennoch: Es ging ebenso von ihr ein Zauber aus.
„Wie früher bekam ich weiche Knie, wenn ich auf dem plattgetretenen Weg quer über den Rasen ging, und die Überwindung der schartigen Treppe war ein Akt, in dem sich Wille, Mut und Verlangen paarten.”
Die Poesie der neuen Bibliothekarin waren nicht zarte Fußknöchel oder ein weich geschwungener Nasenrücken. Sie verzauberte – ebenfalls ganz ungewollt – in dem sie andauernd weltentrückt las und dabei gänzlich die Ordnung des zuvor sorgsamst sortierten Schreibtisches verwundersam vernachlässigte:
„Da saß sie mit gesenktem Kopf, zwei Strähnen ihres Mäusehaars berührten das aufgeschlagene Buch, und ringsum herrschte ein Durcheinander von Büroklammern, farbigen Filzstifen, Lesekarten und Zetteln. Aus der vollgestopften Handtasche fielen Kämmchen, Taschentücher, Lippenstifte, Puderdöschen, Nagelfeilen – die ganze Palette einer Kosmetik, die gegen das Aussehen der Bibliothekarin völlig machtlos war.”
Gegensätzlicher könnten die beiden Sehnsuchtsfrauen des jungen Bibliotheksbesuchers nicht auftreten. Tatsächlich aber vollzieht sich für den Jungen eine Art Elevation vom Schein zum Sein:
„Denn jetzt war es nicht mehr die Schönheit der Bibliothekarin, die mich verwirrte; jetzt ging es um mehr – um ihre Seele.”
Während ihn das Fräulein »D« sinnenhaft in Wallung versetzte, bestimmt mit der Ewiglesenden ein intellektuelles Moment die Bibliotheksbesuche. Genauer: Die Angst, als Simpel entlarvt zu werden, denn eigenartigerweise entstand in der Wechselwahrnehmung des üppigen Bibliotheksbestands und der sichtbaren Lesewut der spindeldürren Bibliothekarin der Eindruck,
„sie kenne aller Bücher der Welt, ihren Inhalt und ihren Wert, und meine Ignoranz, mein schlechter Geschmack, meine Gewöhnlichkeit kämen früher oder später ans Tageslicht.”
Was er daher sucht, ist eine Anerkennung, die sich dank einer raffinierten Auswahl von auszuleihenden Titeln einstellen soll. Also paradoxerweise gerade darin, dass er eine Vorspiegelung konstruiert. Doch die extravaganten Kombinationen blieben wirkungslos:
„Daß die Berührung von Meister Eckhart mit den Gesängen des Maldoror nicht in Flammen aufging, daß das Gemisch aus dem ersten Band des »Kapitals« und der »Göttlichen Komödie« nicht explodierte, daß ich mir nicht die Finger verbrannte an dem mit einer gelben Scheibe Baudelaire belegten Brötchen aus den zwei Bänden der »Anna Karenina« …”
Das hatte seinen Grund und der ist so naheliegend wie sympathisch. Und womöglich gar typisch. Dennoch erweist sich die aus dieser spezifischen Konstellation aus tiefstem Jungenherzen erwachsene Überhöhung
„Wenn man es nicht aus häretischer, sondern aus orthodoxer Sicht betrachtet, wiederholen alle Bibliothekarinnen Evas Geste: Sie reichen jungen Männern die Frucht vom Baum der Erkenntnis.”
in all ihrem offensichtlichen Irrtum auf ihre Art doch als wahr. Denn genau dies geschah im Fall des autofiktionalen Andrzej: Die buchgewordenen Zeugnisse menschlicher Erkenntnis erhielt er zuerst aus den Händen einer Frau.
Die Verbindung von Erotik und und Buch, „das Gefühl, daß Weiblichkeit und trennbar mit Lektüre verbunden ist”, markiert unvermeidlich einen Pfad aus „Fast-Stadt” Grochów (vgl. FAZ) hinein in eine tiefe, lebendige, suchende, volle literarische Existenz. Wer diesen Zauber nie erlebte, wird es nicht nachvollziehen können. Wer es erlebt, bleibt darin daheim. Der Gang in die Bibliothek lässt sich zweifellos als Geschichte einer Art ersten, prägenden Liebe lesen.
Vielleicht also ist es auch deshalb notwendig, öffentliche Bibliotheken, besetzt mit Stereotypen so oder so verkörpernden Bibliothekarinnen, zu erhalten, um wenigstens ab und an einen Vertreter dieser schwierigen Kohorte halbstarker Frühpubertierender in eine Bahn zu lenken, die dieses andere, das betont empfindsame, das Welt an- und be-deutende Leben in Sprache und Sehnsucht zu ihrer Grundlage nimmt und damit eine der wichtigeren Facetten des sinnbezogenen menschlichen Lebens auch in den jeweils nachkommenden Generationen erhält. Dann fällt es auch nicht ins Gewicht, dass die maushaarige Sophia im Grunde ihrer Seele doch nichts anderes pflegte, als eine schnöde Krimisucht.
„Bibliotheken, in denen Männer arbeiten, haben etwas von Behördern an sich. Man tritt ein, um eine konkrete Sache zu erledigen, und geht wieder.”
schreibt Andrzej Stasiuk. Wie wünsche ich mir jetzt, auf eine Erinnerung einer Frau zu stoßen, die genau diese Aussage von Grund auf erschüttert.
(09.03.2013)
It’s the frei<tag> 2012 Countdown (5): Die Stadt als Text, die Straßenbahn als Bibliothek
Ben Kaden
Die Reihe Neue Dichtung aus Österreich des Wiener Bergland Verlags schenkte der Literaturwelt, vermutlich ohne dass die Lektoren es so ahnten, 1956 der Literaturwelt zwei Ouvertüren zu maßgeblichen Werkgeschichten der deutschen Literatur, eher im Stillen aufgeführt, was den antiquarischen Wert der Erstausgaben heute erheblich macht: Friederike Mayröcker debütierte in der Serie mit dem Bändchen Larifari. Ein konfuses Buch (Band 18) und von Ernst Jandl folgte als Band 21 der Reihe der Erstling Andere Augen.
In letzterem wird „menschliches Leben […] aus skeptischer Distanz reflektiert und vorzugsweise im Kleinen und Alltäglichen dingfest gemacht“, meinte Monika Schmitz-Emans in ihrem Artikel zu Ernst Jandl für Hartmut Steineckes Übersicht (Berlin: Erich Schmidt, 1994, S. 677). So richtig widersprechen kann man ihr nicht.
Auch ihre Einschätzung, die Themen „Hunger, Kälte, Armut, Krankheit, das Ich – und sein Schreiben“ klängen hier an (ebd.), lässt sich nur in zwei Aspekten relativieren. Einerseits klingen sie nämlich nicht an, sondern stehen in aller Klarheit da (so im Gedicht „Sich zu erinnern“ über die Traumata der Internierungslager „Jung und zurückgekehrt / in seine Heimat / auf ein Holzquadrat / für sieben Köpfe, / begann er bei Nacht / im Schlaf zwischen Hunger und Kälte / sich zu erinnern / an die Fruchtbarkeit der Ferne“.) Und andererseits unterschlägt sie ein Thema, das zeitlebens in Ernst Jandls Werk mitschwingen wird und sich auch in Andere Augen findet: Die Erotik u. a. des Alltags und im Alltag sowie ihre Brüchigkeit und Vergänglichkeit.
Besonders schön fast Ernst Jandl dieses Element in seinem ersten Band in dem Gedicht „Züge der Zeit“ zusammen, das eine Grunderfahrung aufmerksamer junger Männer auch in den Trambahnen des 21. Jahrhunderts in scheinbar ewiger Aktualität abbildet. Da hier die Konstellation Buch, Lektüre und Bibliothek ihr ganzes Attraktionspotential ausspielt, ist es ein idealer Sonntagstext für den Endspurt vor Unkonferenz und Summer School:
Züge der Zeit
Wenn Männer in die Straßenbahn steigen,
schauen sie, wer darin ist.
Eine Straßenbahn ist ein halbes Kaffeehaus:
wenn einer Glück hat, kann er
bei einer angenehmen fremden Frau
einige Zeit sitzen.
Auch ist die Straßenbahn ähnlich einer
Bibliothek, in der Leute sitzen und lesen;
hier allerdings in Büchern aus den
eigenen Taschen und in Zeitungen.
Die Straßenbahnschaffner sind keine
Bibliothekare.
Doch auch die der Lektüre Ergebenen
messen die Nachbarn.
So kann es geschehen, daß einer,
aufblickend vom Buch,
den Wuchs eines Mädchens umarmte
mit seinen Augen, sie aber wieder zurück
führte in das leichter erreichbare
Zwiegespräch mit dem willig geöffneten Buch.
Daß ihm darauf hinter den Augen ein Bild saß,
das ihm die Sätze des Buches dreimal verknotete,
bis er den Blick aus den Zeilen herauszog,
läßt sich begreifen.
Dann aber sah er am gleichen Platze wie vordem
eine Frau, die ihre Runzeln
schon mit Ergebeneheit trug und ihr farbloses Kleid
wie den härenen Kittel des, der sich aufgibt.
Und er erkannte die gleichen Züge wie vordem.
Und er ahnte die schlimmen Züge der Zeit.
(Text folgt dem Band 1 von Klaus Siblewski (Hrsg.) ernst jandl poetische werke in 10 bänden. München: Luchterhand, 1997. S. 68)
„Die Stadt als literarische Gattung läßt sich mit dem Roman vergleichen.“, notierte Michel Butor in seiner Betrachtung über die „Stadt als Text“ (Graz: Literaturverlag Droschl, 1992, S. 16) Dieter Mersch schränkte diese Zuordnung ein Stück weit ein: „Von der Stadt als einem stabilen Text sprechen, bedeutet, wie Italo Calvino es in seinem Roman [sic!] Die unsichtbaren Städte formuliert hat, sie mit der Rede zu verwechseln, die sie beschreibt.“ (Dieter Mersch: Erotik der Stadt. In: Helmut Bott (Hrsg.) Stadt und Kommunikation im digitalen Zeitalter. Frankfurt/Main: Campus, 2000. S. 189-209, S.191) Wenn Stadt als Roman dann vielleicht also eher als ein Nouveau Roman, als ständig herum moirierendes Ensemble Sarraute’scher Tropismen?

Die Trambahn ein Roman? Oder eine Bibliothek? Oder ein Gedicht? In jedem Fall ist sie ein Medium, d.h. ein Übermittler. Und da das, was sie übermittelt, sinnliche sowie beständig auf Sinn orientierte Wesen sind (=Menschen) nimmt dieses Meta-Medium unzählige Submedien, Texte und Lesarten in sich auf, schafft Ereignisse, Begegnungen, Sehnsüchte und Bedeutungen. Sogar auf Leerfahrten. Allerdings ist nicht bekannt, ob den Straßenbahnlenkern und -schaffnern diese mediale Rolle auch bewusst ist. Denn: „Die Straßenbahnschaffner sind keine Bibliothekare.“
Ernst Jandl zeigt in “Züge der Zeit”, dass es vielleicht sogar naheliegender ist, die Stadt als Ansammlung potentiell poetischer Begegnungen zu interpretieren. Dass sie also eher mit Bildern aufwartet, die man mit etwas Aufwand eventuell zu romanhaften Handlungslinien nach-arrangieren und ausdeuten kann, deren Klammer aber immer eine interpretative und individuelle bleiben muss. Jedenfalls wenn man mitten darin steckt und sich in der Trambahn mit der einen Hand am klebrigen Haltegriff festhält und mit der anderen versucht, eine Zeitung so zu halten, dass man wenigstens den Leitartikel halbwegs erfasst. Die Gedanken freilich sind nicht unbedingt auf diesen allein fixiert, sondern folgen in dieser an Ablenkungen reichen Umgebung jedem Stoß des Wagens und manchmal auch leicht verschämt ein paar unverschämt schlanken Waden, die unweit in der Ballung der Fahrgäste zum Stehen kommen.
Wer jedenfalls aufmerksamen Auges die Fahrt der M1 in Berlin absolviert, fährt mit einiger Wahrscheinlichkeit in einer Art Jandl’schen Straßenbahnzug der Zeit: vom bunten Text des quasi-zeitlosen touristischen Ballungspunkts am Hackeschen Markt mit seinen immer neuen desorientierten internationalen Wochenendtouristen hinauf über den furchtbar jugendlichen Rosenthaler Platz durch die Kastanienallee in den Prenzlauer Berg mit seinen überabgeklärten (Post-)Hipstern und (Post-)Hipsterinnen, alle mit fast identisch abweisend anziehender Mimik und ähnlichem gertenschlanken Wuchs, dabei den Beckett oder Danielewski aus der Tote Bag blitzend, aber am Ende doch im Messaging des Smartphones die Distanz zur Restwelt haltend, bis hinein ins runzligere Weißensee, wo die sitzen bleiben, die das Leben nicht mehr studieren, abschreiben, mitteilen und erobern, sondern die selbst sichtbar Schreibfläche ihrer Jahre wurden und nun demütig oder mit einem abstoßend vorwurfsvoll bitteren Zug der vergehenden Zeit um die Mundwinkel in die Einsamkeit der kleinen Stuben der verpassten Chancen ihres Lebens heimkehren. (Selbstverständlich konfrontiert die Realität dieses Musterbild aus Stereotypen herzlich gern mit Ausnahmen, aber wie es oben steht, ist die Stadt als Text immer eine unbedingt subjektive Lektüre, die genau das herauszulesen versucht, was dem Leser jeweils in den Tag passt.)
Ein Kaffeehaus ist die Tram in Berlin freilich nicht. Eher ein ewiger Spätkauf und nicht selten wird mehr Flaschenbier auf den Schößen gehalten, als Bücher, Zeitschriften oder iPads. Dennoch gehören auch hier nach wie vor Druckwerke aller Art zur Profanität urbanen Unterwegsseins. Das regelmäßige passive Queren längst vertrauter Straßenzügen gesäumt von zeitstabilen Fixpunkten (Haltestellen, Häuserzeilen, Kreuzungsanlagen) motiviert geradezu zum Auffüllen der Museminuten mit Beschreibungen anderen Welten. Selbst wenn man dazu neigt, die Stadt so zu durchqueren wie die Figur des schüchternen Erwin in Nabokovs „A Nursery Tale“, das dem Impuls von Ernst Jandls Gedicht gar nicht so fern zu liegen scheint („Twice daily, from the tram he took tot he office and back, Erwin looked out of the window and collected his harem.“ – dank einer buchstäblich teuflischen Frau Monde schließt sich sogar der Kreis des Scheiterns, Vergehens und auch Vergeblichen nicht vollends unähnlich, aber mit doch deutlich größerer Fallhöhe), bietet sich ein Druckwerk als im Zweifel schützende Aufmerksamkeitsmaske an. Selbst wenn die Sätze „dreimal verknotet“ und der Inhalt unbegriffen bleiben. So sitzt man dann seine Tage und Wege in den Waggons herunter und liest und liest, wenn es sich ergibt, dabei keine Zeile, sondern vor allem die Züge der Zeit. In dieser Art von ubiquitärer Bibliothek sticht das sich plötzlich offenbarende Bild jedenfalls immer noch mit Leichtigkeit jeden erklärenden Satz.
Berlin, 12.08.2012
It’s the frei<tag> 2012 Countdown (18): Bibliothek und Tagpfauenauge bei Vladimir Nabokov.
Ben Kaden
Vorbemerkung: Es ist unvermeidlich Sommer und wer dieser Tage ins Berliner Institut geht, findet es zwar aufgeschlossen, aber doch verlassen vor. Was in gewisser Weise auch vernünftig ist, denn auf hoher Rotation ganzjährig durchzuarbeiten, erweist sich selten als nachhaltig gesundheitsfördernd. Zuviel Sommerfrische dann offenbar auch wieder nicht und wir wissen nicht ganz genau, wie es geschehen konnte, dass uns der Countdown-Beitrag Nummer 18 einfach verloren ging. Damit wir dem nicht weiter nachgehen (und uns womöglich ebenso verlieren) müssen, deklarieren wir einfach den heutigen Beitrag zur Nummer 18. Und erinnern uns damit wieder zurück an das schöne Wochenende und die dazu gehörende Stimmung, die schwerwiegenden Überlegungen zu Bibliotheks- und Informationswissenschaft wenig und einem lockerem Querlesen auf der Wiese im Park viel Raum lassen sollte. Umso mehr, als es ja ein Wochenende in den Sommerferien war. Und damit sollte zugleich für diesen Countdown auch unsere Rubrik Die Bibliothek in der Literatur angemessen bedient sein.
Tage wie dieser späte Julisamstag sind typischerweise durch Besuche von Freunden und/oder Verwandten gekennzeichnet. In Berlin jedenfalls sieht man derzeit an den touristischen Sammelstellen (Museumsinsel, Hackescher Markt, Rosenthaler Platz, Bernauer Straße) häufiger, wie jüngere Semester der hiesigen Hochschulen improvisierte Stadtführungen für die, die ihnen hoffentlich am Herzen liegen, veranstalten.
Ob sich dabei auch derart an biografischen Rückblenden reiche Dialoge entwickeln wie zwischen Fjodor Godunow-Tscherdynzew, Hauptfigur in Vladimir Nabokovs letztem in Russisch verfassten Romans “Die Gabe” (entstanden 1935-1937, enthält eine wunderbare Beschreibung der Pfalzburger Straße) und seiner in Paris lebenden Mutter Jelisaweta Pawlowna, die ihn in Berlin besucht und damit die Erinnerungstür zu Kindheit und verlorenem Vater weit aufstößt, lässt sich freilich nicht beantworten. Nicht ganz unwahrscheinlich ist jedoch, dass sich etwas wie die folgende Szenerie auf den Abreisebahnsteigen abspielt, wenn beispielsweise Studenten der Bibliothekswissenschaft ihre Mütter verabschieden:
„ «Ich mache dir einen Vorschlag», sagte seine Mutter fröhlich, als sie sich trennten. «Ich habe etwa siebzig Mark übrig, mit denen ich nicht viel anfangen kann, und du mußt besser essen. Ich kann nicht mitansehen, wie mager du bist. Hier nimm sie. » - «Avec joie», erwiderte er und sah im Geist sofort eine Jahreskarte für die Staatsbibliothek, Milchschokolade und ein käufliches deutsches Mädchen, das er in manchen schwächeren Momenten sich zu beschaffen gedachte.” (Vladimir Nabokov: Die Gabe. Reinbeck: Rowohlt, 1993. S. 157)
Das ist natürlich nicht so einfach dahin geschrieben. Wenn sich auch die eventuell nicht jedem schickliche Fantasie eines käuflichen Mädchens nicht erfüllt, so taucht doch ganz nahe liegend (fünf Zeilen) eine Tafel Schokolade und in einiger Entfernung (zwei Kapitel) das Ergebnis ausufernder Lesesaal- und Heimarbeit in Form einer Biografie des Revolutionärs und Schriftstellers Nikolai Tschernyschewski auf. (Spannend ist zudem die Reihenfolge der Bedürfnisse.)
Die Inspiration zum Buch erhielt Fjodor beim Durchblättern einer Ausgabe eines Schachmagazins namens 8×8, das er in einer russischen Buchhandlung am Wittenbergplatz erstand und in dem er, wie zufällig, einen Beitrag mit dem Titel “Tschernyschewski und Schach” abgedruckt fand. (vgl. S. 277 bzw. S. 316) Die Lektüre desselben
„bereitete Fjodor ein solches Vergnügen, ihn verblüffte und erheiterte der Umstand so sehr, daß ein Autor von einem derartigen geistigen und stilistischen Format das literarische Schicksal Rußlands beeinflußt haben sollte, daß er sich gleich am nächsten Morgen die gesammelten Werke Tschernyschewskijs aus der Staatsbibliothek auslieh.” (S. 316)
Dem Ausleihvorgang selbst widmet Nabokov eine Beschreibung, die auch Jahrzehnte nach der Entstehung des Romans ohne Probleme als gültig durchgegangen wäre:
„Vor der Staatsbibliothek spazierten neben einem steinernen Bassin Tauben zwischen Gänseblümchen auf dem Rasen. Die Bücher für die Ausleihe kamen in einem kleinen Wagen auf geneigten Schienen in der Tiefe einer anscheinend kleinen Räumlichkeit an, wo sie auf die Verteilung warteten und wo nur ein paar Bücher auf den Regalen herumzuliegen schienen, obgleich sich in Wirklichkeit Tausende angesammelt hatten.
Fjodor schloß seine Portion in die Arme und ging im Kampf mit dem sich verschiebenden Gewicht zur Bushaltestelle.” (S. 324)
Übrigens erfuhr ein Buch aus Tschernyschewskis Besitz jedoch unglücklicherweise nicht Eigentum, so Die Gabe (S. 365f.), nicht nur eine äußerst tolpatschig-grobe Behandlung („Er zerschlug Geschirr, bekleckste und verdarb alles. Seine Liebe zum Materiellen wurde nicht erwidert.” – S. 366) durch Tschernyschweski, sondern wurde auch deutscher Bibliotheksbestand: „[D]ieses Buch mit den durchlöcherten Gedichten befindet sich jetzt in der Leipziger Universitätsbibliothek, wie es dorthin gelangt ist, war leider nicht in Erfahrung zu bringen” (ebd.). Wie Fjodor überhaupt auf dieses Exemplar stoßen konnte, leider auch nicht. Denn er arbeitete, wie angedeutet, eigentlich in Berlin:
„Wissenschaftliche Bücher (stets mit dem Stempel der Berliner Bibliothek auf der neunundneunzigsten Seite) wie die vertrauten Bände des Reisen eines Naturforschers in unvertrautem schwarz-grünen Einband lagen Seite an Seite mit den alten russischen Zeitschriften, in denen er den Widerschein Puschkins suchte.” (S. 161)
Und schließlich findet sich noch ein allen, die einmal studierten, höchst vertrauter Zustand beschrieben: Beim Abschied aus der Pfalzburger Straße, die im Buch allerdings Tannenbergstraße heißt, blickt Fjodor vor dem Umzug in sein nächstes (im Buch zweites und letztes) Quartier noch einmal in sein altes Zimmer:
„Genau zwei Jahre habe ich hier gewohnt, habe hier über viele Dinge nachgedacht, der Schatten meiner Karawane zog über diese Tapeten, Lilien wuchsen aus der Zigarettenasche auf dem Teppich – doch jetzt ist die Reise zu Ende. Die Ströme von Büchern sind in den Ozean der Bibliothek zurückgekehrt. Ich weiß nicht, ob ich jemals die Entwürfe und Auszüge lesen werde, die ich in meinen Koffer unter die Wäsche gestopft habe, aber ich weiß, daß ich hier nie wieder hineinschauen werde.” (S. 236)
Weitere nennenswerte Bibliotheksbezüge überreicht uns Nabokov in Die Gabe leider nicht. Dafür aber zahllose zusätzliche zitierwürdige Stellen zu allen möglichen Themen von der Straßenbahn bis zum Briefmarkenautomaten (S. 534), bei denen der Leser gern aufjauchzt, weil er seine eigene Lebenswirklichkeit so präzis ausformuliert wieder findet. (Und es gibt auch genügend Stellen, bei denen dies glücklicherweise nicht der Fall ist. Dann aber ist das Werk des Meisters der minuziösen Beschreibung ein außerordentlicher Zeitspeicher für die Stimmung im russischen Berlin der sich verfinsternden 1930er Jahre.)

Flyer trifft Falter. Selbstredend ist auch Nabokovs Die Gabe gespickt mit Schmetterlingen (besonders das zweite Kapitel). Das Tagpfauenauge (Inachis io), eine mehr oder minder stabil herumflatternde Größe in Nabokovs Werk, ist einmal und sehr wichtig dabei (S. 177/178): Fjodors Vater fing 1871 ein solches vom “Balken einer halbverrotteten Brücke” in der russischen Sommerfrische. Im Vorwort zu seiner Autobiografie Erinnerung, sprich (Reinbeck: Rowohlt, 1999) erwähnt Nabokov die Erinnerung an einen seltenen Falter, den er im Jahr 1907 an einer Stelle sichtete, an der „ein Vierteljahrhundert zuvor [s]ein Vater in seinem Netz ein Tagpfauenauge gefangen hatte, das in unseren nördlichen Wäldern eigentlich kaum vorkommt.” Später im Buch (S. 95) wird der Tagfalter, der „besorgt atmend seine vier kirschroten Flügel mit einem pfauenhaften Augenfleck auf jedem auf und nieder bewegte”, allerdings am 17.08.1883 vom deutschen Hauslehrer (Herr Rogge) von Nabokov senior eingenetzt. (S. 95) Und in Ada (Reinbeck: Rowohlt, 2010) findet sich folgende auf Herbst gestimmte Stelle: „Die letzten Schmetterlinge von 1905, träge Pfauenaugen und Admirale, ein Kleiner Perlmuttfalter und ein Wandergelbling machten das Beste aus den bescheidenen Blüten.” (S. 734) In deutschen Sommergärten ist das Sechsauge dagegen kein Ereignis, aber ein zumeist so oft wie gern besehener Gast. Jedenfalls, wenn er die Flügeloberseite zeigt (zugeklappt ähnelt er mit gutem Zweck einem Brocken Rinde). Ob sich auch ein Exemplar zur LIBREAS Summer School am 18.08. einfindet, werden wir erst dann wissen. Informiert haben wir allerdings schon einmal.
28./31.07.2012
Die Bibliothek in der Literatur. Heute: (Nicht) in Natalja Kljutscharjowas Dummendorf.
von Ben Kaden
Über:
Spuren der Bibliothek in den Romanen Endstation Russland (Berlin: Suhrkamp, 2010) und Dummendorf (Berlin: Suhrkamp, 2012) der jungen russischen Autorin Natalja Kljutscharjowa.
(Soeben entdeckte ich auf einem entlegenden Datenträger einen Schubladentext. Da man so etwas heute schnell und einfach aus der Schublade eines vergessenen Dateiordners in die Weböffentlichkeit zerren kann, vollziehe ich diesen Schritt nun einfach mal zum Samstagabend. Denn unsere Kategorie Die Bibliothek in der Literatur zeigt sich doch etwas stiefmütterlich behandelt=vernachlässigt. Als Erläuterung für alle, die es nicht kennen sollten: Das Wort Frankenpolish taucht – auch für mich bei der heutige Nachlektüre erstaunlich – zweimal im Text auf und steht für eine ausgeprägte Fingernagel- bzw. Manikürkultur und in diesem Fall stellvertretend für eine überbetonende Einstellung zu Glanz und Bling und Körperpolitur, wie sie erfahrungsgemäß bei Studentinnen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft äußerst selten anzutreffen ist, in anderen Ausbildungsstudiengängen dafür etwas häufiger.) (weiterlesen…)
Zur Diskursänderung. Eine Position zur Diskussion um die Zukunft der Informationswissenschaft.
von Ben Kaden
„Als kleine Warnung: Wenn’s bei der Diskussion derart theoretisch wird, dass die Diskurse gefährdet sind (weil keiner mehr was versteht), werde ich mir erlauben einzugreifen, d.h. nachzufragen.“
Wer hier warnt, ist Wolfgang Stock, Moderator der Podiumsdiskussion: Zukunft der Informationswissenschaft, die am Freitag auf der 2. DGI-Konferenz Social Media & Science – Das Web als Lebensraum stattfinden wird und zu der ich freundlicherweise eingeladen wurde. Nun ist mir bedauerlicherweise und ganz gegen meinen Wunsch und Willen die Teilnahme an dieser Veranstaltung kurzfristig nicht möglich. Und daher kann Wolfgang Stock auch nicht eingreifen, wenn es Diskurs gefährdend wird. Aber Nachfragen – das wird gehen. Denn nachfolgend stelle ich als vielleicht etwas unzulänglichen Ersatz für meine Stimme im sicher kontroversen Schlagabtausch zwischen Willi Bredemeier, Stefan Gradmann, Christian Schlögl, York Sure-Vetter, Marlies Ockenfeld und Hans-Christoph Hobohm über perspektivische Entwicklungslinien des Fachs einen kleinen Abriss dessen in Textform bereit, was ich am Freitag gern als vermutlich theoretischer Außenposten in die Debatte eingebracht hätte.
Zwei Aspekte sind mir vorab noch wichtig:
1) der Hinweis, dass es sich dabei um eine Überlegung zur Erweiterung der Informationswissenschaft handelt, die hauptsächlich als Idee und/oder Sensibilisierung ins Spiel gebracht werden soll. Dass das Fach weitere Aspekte integrieren muss, bleibt unbestritten.
2) der Hinweis, dass ich mehr oder weniger aus Humboldt-universitärer Tradition nicht nur von der Informationswissenschaft, sondern von der Bibliotheks- und Informationswissenschaft spreche. Die Auseinandersetzung mit dieser terminologischen Feinheit und die Frage, inwieweit die Bezeichnung “Informationswissenschaft” selbst noch tragfähig genug ist, möchte ich allerdings vertagen.

Folie et (dé)raison d'être. Zum Beispiel der Informationswissenschaft wie ich sie für die Diskussion auf der DGI 2012 zugespitzt sehe. Jeder eingeplante Teilnehmer wurde im Vorfeld gebeten, ein Präsentationsbild einzureichen und das obige ist das meinige. Da man es in Düsseldorf vermutlich nicht zeigen wird, zeige ich es hier.
Zwei Ansichten und eine Prise Marriage Plot
Eine Betrachtung.
von Ben Kaden
(Zitate aus Jeffrey Eugenides (2011): The Marriage Plot. New York: Farrar, Strauss and Giroux)
„She was going to play the field this time, and therefore had been flirting with rich old Harvard, urbane Columbia, cerebral Chicago, and trustworthy Michigan, as well as giving face time even to lowly Baxter.“ (Jeffrey Eugenides, S.180)
Es stehen Madeleine Hanna nach ihrem College-Abschluss in Jeffrey Eugenides (Post-)Campus-Novel “The Marriage Plot” viele, fast zu viele Ziele vor Augen und zudem genügend Aufregung ums Herz. Swoopy-Freddie-falconesque Bowling Green ist allerdings weder von dem einen noch von dem anderen betroffen. Vermutlich wechselt man mit einem College-Abschluss in Providence einfach nicht in eine kleine Universitätsstadt, in der auch die Nationale Zugmaschinen-Meisterschaft der USA ausgetragen wird. Zur selben Zeit, zu der die Protagonisten Madeleine, Leonard Bankhead und Mitchell Grammaticus nach dem Willen ihres Schöpfers im Efeu-Status der Brown-University ihren Abschluss anstreben (bzw. in der Sommerfrische weilen) und bevor sich eine ganze Palette von postgradualem Zurechtfinden und Scheiden und Scheitern und Wiederaufstehen eröffnet, schlendert mutmaßlich ein José, dessen Nachnamen wir nicht kennen, durch die späte Julihitze Ohios und zupft aus einem Postkartenständer eine Ansicht der dortigen William T. Jerome Library.

Bowling Green - Library
Die Bibliothek in der Literatur. Heute: Robert Bobers Pariser Dokumentation.
(zu: Robert Bober (2011) Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen.
München: Verlag Antje Kunstmann.)
Eine für Stadtsoziologen und Ethnografen wenig überraschend These lautet, dass der gebaute Raum mit seinen diversen Einschreibungen von Architektur bis zur Gebrauchsspur selbst schon die Rolle eines kulturellen Archivs übernimmt. Je intensiver und vielschichtiger ein Stadtleben ist, desto nachhaltiger neigen diese Spuren zu sein. Die künstlerische oder literarische Auseinandersetzung mit dem konkreten Stadtraum nimmt diesen Effekt auf und hebt ihn auf zusätzliche Stufe: Die Spuren einer Stadt werden im Werk in einer separierten und übertragbaren Form aufgezeichnet.
Für das mit solchen Auf- und Nachzeichnungen nun wahrlich nicht zu knapp versehene Paris legte jüngst der Münchner Verlag Antje Kunstmann mit der Übersetzung eines Erinnerungsromans mit dem so bedeutungsverheißenden wie sperrigen Titel Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen. (On ne peut plus dormir tranquille quand on a une fois ouvert les yeux) ein weiteres Dokument auf den Stapel literarischer Parisiana. (weiterlesen…)
Die Dinge in Kybernesien. Marc Schweskas aktueller Wissenschaftsroman weiß auch, wie es in Berliner Bibliotheken zuging.
Von Ben Kaden
I
In einem heute etwas wunderlich schimmernden und erstaunlicherweise auf außergewöhnlich alterungsbeständigem Papier gedruckten Handbuch in A4 mit dem Titel „Arbeitsgestaltung. Psychophysiologische Probleme bei Überwachungs- und Steuerungstätigkeiten“ aus dem Jahr 1970 liest man auf Seite 12:
„In der Tat gibt es eine Reihe äußerer Ähnlichkeiten im Prozeß der wissenschaftlich-technischen Revolution in Kapitalismus und Sozialismus. In dem Maße, wie sich die Produktionsinstrumente als Kennzeichen der industriellen Revolution gleichen, werden beispielsweise Resultate und zum Teil auch Themenstellungen bei der Untersuchung menschlicher Arbeitsleistungen unabhängig von der Gesellschaftsordnung, zumal die Anforderungsverlagerungen, bedingt durch die veränderte Stellung des Menschen im Produktionsprozeß, im sozialistischen und kapitalistischen System ähnlich sind.“
Man merkt dem Kapitel 1.1.1. Zur bürgerlichen Technikphilosophie und den folgenden Abschnitten deutlich an, wie schwer sich die Autoren Jochen Neumann und Klaus-Peter Timpe in ihrem kleinen Manifest der angewandten Regelungstechnik dabei taten, a) die Klassenproblematik überhaupt in diesem Zusammenhang zu entfalten und b) zugleich die Überlegenheit des Sozialismus herauszustreichen. Zu vertraut waren Fortschrittsoptimismus und Automatisierungsbegeisterung in beiden Systemräumen und was den Stand des Wissens anging, bewegte man sich in diesem Bereich der technischen Metareflexion noch auf relativ ähnlichem Niveau. Entsprechend hilflos wirkt dann der obligatorische Hinweis:
„Analogien im wissenschaftlich-technischen Bereich führen nicht notwendig zu Konvergenzen im ideologischen Bereich. […] Vorhandene Ähnlichkeiten, die in bestimmten Bereichen sicherlich gegeben sind, führen nur zu Schnittpunkten, nicht zu Asymptoten im ideologischen und sozialen Bereich.“ (S. 13)
Man hat fast vor Augen, wie das Autorenduo in einer langen Nachtschicht unter dem gnadenlosen Neonröhrenlicht eines Büros im Institut für Psychologie der Humboldt-Universität an diesen technikphilosophischen Problemkapitelchen herum schraubte, um den klaren ingenieurpsychologischen Resultaten und Ableitungen zur Arbeitsplatzergonomie aus den Untersuchungen der Arbeitsgruppe um Professor Friedhart Klix das erforderliche ideologische Beiwerk anzufügen. Und wie es schließlich glücklich auf einen ausgeschnittenen und erst vergessenen Artikel aus der Ausgabe des kulturpolitischen Wochenblatts Sonntag vom 22.09.1968 stieß, der die Gegensätzlichkeit Sozialistische Dynamik wider Konvergenz zweckdienlich zitierbar ausrollte. (weiterlesen…)
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