frei<tag> 2012 und LIBREAS-Sommer School. Einladung zu zwei Veranstaltungen
Der LIBREAS-Verein freut sich, für den August 2012 zu zwei Veranstaltungen einzuladen. Am 17. August wird in der Fachhochschule Potsdam die Unkonferenz frei<tag>-2012. Stand der Bibliotheks- und Informationswissenschaft stattfinden. (In Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Informationswissenschaften, Fachhochschule Potsdam). Am darauf folgenden 18. August wird in der Humbodt Universität zu Berlin die erste Sommer School zu Methden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft veranstaltet. Zudem läd der Verein für diesen Tag zu seiner Jahresversammlung.
Die frei<tag> 2012 soll die Möglichkeit bieten, über die aktuellen Ziele, Trends, Fragen und Entwicklungen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu diskutieren. Grundsätzlich bewegt sich unsere Wissenschaft weiterhin zwischen unterschiedlichen Disziplinen, zwischen einem theoretischen Anspruch und einer sehr praxisnahen Forschung, zwischen sehr auf die Ausbildung von Informationsspezialistinnen und -spezialisten ausgerichtete Einrichtungen, einer Forschung in größeren Bibliotheken, Archiven und Dokumentationseinrichtungen sowie einer an Einrichtungen und ausserhalb dieser betriebenen theorieorientierten Forschung. Gleichzeitig ist unbestritten, dass sich der Disziplin rasant neue Aufgaben, Fragen und Felder stellen. Wir wollen auf der Unkonferenz einen Raum schaffen, darüber zu diskutieren, in welche Richtung sich die Bibliotheks- und Informationswissenschaft bewegt, in welche sie sich bewegen sollte und was sie bislang daran hindert. Zugleich soll die Unkonferenz ein Treffen von Praktikerinnen und Praktikern der Wissenschaft darstellen, als auch einem Raum zum Entwerfen einer Zukunft der Disziplin.
Die frei<tag> 2012 ist als Unkonferenz organisiert. Dies bedeutet, dass alle Teilnehmenden als Expertinnen und Experten angesehen werden, die etwas zur Veranstaltung beitragen können und sollen. Über das genaue Programm wird zu Beginn der Veranstaltung gemeinsam abgestimmt. Alle sind eingeladen, Vorschläge für Workshops – keine reinen Präsentationen oder Vorträge – einzubringen.
Veranstaltungsort der frei<tag> 2012 ist die Fachhochschule Potsdam (Friedrich-Ebert-Straße 4, Potsdam). Die Veranstaltung beginnt um 10 Uhr und endet ab 18 Uhr mit einem Social Event.
Die LIBREAS Sommer School soll dazu beitragen, die Praxis der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu verbreitern und die Kommunikation im Feld zu unterstützen. Angeboten werden Workshops zur Publikation und Forschungsgestaltung, die vor allem an Studierende und angehende Praktikerinnen und Praktikern im gesamten Feld der praktischen Informationsarbeit sowie der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Forschung gerichtet sind. Veranstaltungsort ist das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin (Dorotheenstraße 26, Berlin). Die Workshops finden ab 11.30 Uhr statt.
Am gleichen Ort wird von 15-18 Uhr die Jahresversammlung des LIBREAS. Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Forschung stattfinden.
Die Teilnahme an allen Veranstaltungen ist kostenlos. Spenden für diese oder die weitere Arbeit des LIBREAS-Vereins sind willkommen. Weiter Informationen zu den Veranstaltungen werden auf http://libreas.wordpress.com und http://www.libreas-verein.eu publiziert.
LIBREAS. Lesung. 09.12.2011: Marc Schweska
Der LIBREAS. Verein freut sich, zu einer Lesung mit direktem Bezug zur Bibliothekswissenschaft in Berlin einladen zu können. Marc Schweska wird aus seinem Buch Zur letzten Instanz lesen. In diesem Roman geht es unter anderem um die Kybernetik-Forschung in der DDR, die einstmals im heutigen Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU Berlin betrieben wurde. Der Autor wird insbesondere auf diese Stellen seines Buches eingehen.
Zur Einführung sei auf die Besprechung von Ben Kaden zum Buch verwiesen: Die Dinge in Kybernesien.
Die Lesung findet am 09.12.2011, ab 18.30 Uhr, am gegebenen Orte (Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU Berlin, [heutige] Dorotheenstraße 26, Berlin) im Raum 12 statt. Der Eintritt ist frei. Über Ihr Kommen würden wir uns freuen.
Die Einladung als PDF zum Ausdrucken hier.
#ala11 is not too big for us – eine Zeitreihe
Die Twitterkommunikation während der diesjährigen Annual Conference and Exhibit der American Library Association (ALA) hat es mit derzeit 24.129 Tweets (Zeitraum 21. Juni 10am40 bis 29. Juni 2011, 11am49 GMT – 5) sogar geschafft, nicht nur unseren Vergleich mit dem Bibliothekartag 2011 sondern auch den Summarizr für #ala11 die Grenzen aufzuzeigen – dieser zeigt mit 10.000 Tweets nur einen partiellen Ausschnitt.
Allein ein Blick auf die Verteilung der Tweets nach Tag zeigt die hohe Aktivität während der diesjährigen ALA-Conference auf. Die dahinterliegende Konferenzkommunikation ließe sich für Interessierte tatsächlich nur unter Verwendung von effektiven und effizienten Nutzungsstrategien von Twitter bei Tagungen am Beispiel #ala11 (via netbib-Blog) beherrschen.
Konferenz-Netzwerk #ala11 und #bibtag11 – Ein kurzer Vergleich
Dass sich die diesjährige Annual Conference and Exhibit der American Library Association (ALA) zurecht als “The World’s Largest & Most Dynamic Library Conference & Exhibition” sieht, belegt zumindest der Versuch, die Twitter-Konferenzkommunikation mitzuverfolgen. Allein in den letzten 13 Stunden (von 6am – 19pm MEZ) verbanden 745 Twitter-User ihre 1.708 Tweets mit dem Hash-Tag #ala11.
#bibtag11 – Daten und Visualisierungen zur Twitterkommunikation II
Konnten während des 100. Bibliothekartags Mittwoch mittgas 142 Twitter-Accounts, die 695 Tweets mit dem Hash-Tag #bibtag11 versehen haben, identifiziert werden, so wuchs das Kommunikationsnetzwerk auf 2.238 Tweets von 173 verschiedenen Twitter-Accounts an.
Visualisierungen, und inbesondere Netzwerke, positionieren sich selten und sind häufig nur der Beginn für die weitere wissenschaftliche Untersuchung. Aber ohne Datengewinnung und die anschließende Exploration von Beziehungsgefügen wären Nachvollziehbarkeit, Anschlussfragen und Kritik nicht möglich. Und sind Informationsvisualisierung und die Bereitstellung von Korpora im Bereich der wissenschaftlichen Kommunikation nicht originäre Felder der Bibliotheks- und Informationswissenschaft?
frei<tag>, nach dem Countdown. (Nachlese)
Am Freitag, dem 10.06.2011, fand nun die hier im Blog massiv angekündigte bibliothekswissenschaftliche Unkonferenz frei<tag> statt. Offenbar hat für viele dabei Anwesende anschließend sofort der Nach-Cycling-for-Libraries-Bibliothekstag-und-frei<tag>-sowie-Pfingsten-Kurzurlaub begonnen. Zumindest werden die versprochen Photos von der Unkonferenz erst noch veröffentlicht werden. Ebenso bleibt zu hoffen, dass die jeweiligen Teilnehmenden an den Sessions diese im frei<tag>-Blog noch ausführlicher dokumentieren. Und sicherlich lassen sich die längerfristigen Folgen einer solchen Veranstaltungen kaum und schon gar nicht nur einige Tage später benennen.
Dennoch: die frei<tag> war ein Erfolg. Da wir eine möglichst frei zugängliche Veranstaltung anbieten wollten, haben wir auch keine Teilnahmelisten geführt. Dem ungefähren Nachzählen konnten wir uns allerdings nicht enthalten: inklusive des Organisationsteams haben zwischen 70 und 90 Personen an der Veranstaltung teilgenommen, wenn auch nicht alle die ganze Zeit. Für eine kleine Unkonferenz, die auch noch stattfand, als viele vom Bibliothekstag ausgepowert waren, ist das eine vollkommen zufriedenstellende Zahl, die zudem ein gutes gemeinsames Arbeiten ermöglichte.
Insgesamt wurden 10 Sessions angeboten (für mehr hatten wir ehrlich gesagt auch gar keinen Platz), von denen einige explizit bibliothekswissenschaftlich waren und andere sich eher an der Praxis orientierten. Insoweit ist auch die Schwerpunktsetzung auf die Bibliothekswissenschaft im weiten Teilen aufgegangen. Zumindest die Titel der Sessions und, wie gesagt, hoffentlich auch bald die weitere Dokumentation lassen sich im Wiki nachlesen.
Ansonsten funktionierte die Veranstaltung unglaublich smooth und ohne größere Probleme. Sicherlich gingen wir als Organisationsteam bis zuletzt davon aus, irgendetwas wichtiges vergessen zu haben, was wir dann auf den letzten Drücker organisieren müssten. Aber das war offenbar nicht der Fall. Unser größtes Problem bestand darin, dass wir die Sessions nicht die ganze Zeit irgendwo öffentlich einsehbar hatten, da der Rechner, auf denen sie erstellt worden waren, für eine Session benötigt wurde. Dieses „größte“ Problem existierte für ungefähr zehn Minuten. Nicht nur funktionierte die Arbeit innerhalb des Organisationsteams ungewöhnlich und erfreulich unproblematisch, auch die Teilnehmenden waren aktiv daran beteiligt, dass die Veranstaltung sowohl produktiv als auch sozial ergiebig wurde. Der einzige Gast, welcher einige Probleme bereitete, hatte sich von einer gänzlich anderen Veranstaltung verlaufen und war wohl selber mehr irritiert, als alle anderen.
Ich konnte leider nur an einer Session teilnehmen, habe aber bislang auch keine negativen Rückmeldungen erhalten. Insoweit kann wohl festgehalten werden, dass die frei<tag> unter anderem gezeigt hat, dass es eine genügend große Anzahl von interessierten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, Bibliotheks- und Informationswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern gibt, die sich mit der Veranstaltungsform Unkonferenz / Barcamp anfreunden können, um auch thematisch etwas mehr fokussiertere Unkonferenzen, als es in den letzten Jahren beim Bibcamp gehandhabt wurde, anbieten zu können. Ganz kybernetisch gedacht kann man wohl davon ausgehen, dass die Zahl der Interessierten so weit gewachsen ist, um Differenzierungen (Bibcamp == eigentlich Bibliothek 2.0, frei<tag> == Bibliothekswissenschaft et cetera) möglich und eventuell (wenn man sich die Größe des Bibcamp ansieht) auch nötig zu machen.
Ansonsten: Wenn alles immer so konfliktarm abläuft, gerne wieder. (Ich hörte da auch schon Gerüchte. Aber das sind Gerüchte.)
It’s the frei<tag> Countdown. Noch wenige Stunden.
Die Zeit schreitet voran. Während auf dem Bibliothekartag die Stände schon abgebaut sind, das Gewimmel sich gleich auf die letzten Veranstaltungen konzentrieren wird und die – gewiss vollkommen unterbezahlten – Kolonen der fleißen Helferinnen und Helfer des Konferenzzentrums wieder die Regie übernommen haben, ticken die letzten Stunden bis zum Beginn der frei<tag>. Dort werden aktuell die letzten Vorbereitungen getroffen, aber wir hoffen, dass es ab spätestens 14.00 Uhr (selbstverständlich ist das Institut auch vorher geöffnet) voll wird und wir die Diskussionen um bibliothekswissenschaftliche Themen mit vielen Besucherinnen und Besuchern führen können.
It’s the frei<tag> Countdown. Noch 1 Tag.
So haben wir uns das nicht vorgestellt, als wir hier vor dem Zaun standen, im Januar 2011, und Bilder machten vom Veranstaltungsort des diesjährigen Bibliothekartages in Neukölln. Damals war es kalt und verregnet und niemand war im Estrel-Convention-Center zu sehen. Heute sitzen wir mittendrin und haben ja auch alle immer wieder was zu tun, Veranstaltungen zu besuchen, Vorträge zu geben und… huch, entschuldigung, eine Minute… und sich mit Menschen unterhalten, die vorbeikommen, wollte ich sagen. Was nicht ging, weil sich schon wieder eine Unterhaltung entspann. Der Bibliothekartag ist fraglos eine Fachtagung, wie viele andere: Voll, die Räume bei allem Engagement des Organisationsteams und der Angestellten hier im Center nie perfekt, die Ausstellung auf den ersten Blick sehr umfassend, aber am dritten Tag nur noch mit wenig Neuem. Bei aller leiser Kritik, die immer irgendwo anklingt, spürt man, dass sich hier zahllose Kolleginnen und Kollegen, Studierende und andere eingebracht haben.
Auf dem Titelbild der letzten LIBREAS-Ausgabe stellten wir gewissermaßen die These auf, dass der Hauptteil der Kommunikation auf dieser Tagung randständig erfolgen würde. Das ist, zugegebenermaßen, keine sonderlich innovative These, aber doch eine, die sich hier auf dem Bibliothekartag bestätigt. Kaum einen Platz gibt es, auf dem man in Ruhe sein kann, an dem man nicht von irgendjemanden auf – zumeist – bibliothekarische Themen angesprochen wird. Wobei der Unterschied eklatant ist zwischen den Themen der Vorträge, die oft eine Überblicksebene haben, und den Themen der Gespräche am Rand, auf den Treppen, am Wasser, bei den Kaffeeständen. Letztere drehen sich, so zumindest der Eindruck, inhaltlich oft um sehr kleinteilige Fragen, darum, welche Lösungen vor Ort in den einzelnen Bibliotheken funktionieren oder nicht funktionieren, wie um bestimmte Probleme herumgearbeitet wird, welche Medien zu kaufen sind und welche nicht. Ganz offensichtlich gibt es einen Bedarf für eine solch niedrigschwellige Kommunikation. Eine Frage wäre, ob es auch einen Bedarf für Kommunikationskanäle für solche Kommunikationen gibt. Und wenn ja: Wer die wie zur Verfügung stellen könnte.
Auf dem Bibliothekartag ist auch zu erkennen, dass bei allen Debatten um Wissensmanagement, Virtuellen Forschungsumgebungen und Literaturverwaltung, Forschung immer noch oft darüber funktioniert, dass jemand jemand anders kennt und Kontakt zu jemand drittes herstellt. Es scheint selbstverständlich, dass hier Grenzen der bibliothekarischen Arbeit erreicht sind. Bibliotheken, Archive, Dokumentationseinrichtungen ordnen Informationen, aber sie stellen nicht die sozialen Kontakte her. Erstaunlich ist allerdings, dass solche bekannten Grenzen bei den Vorträgen kaum vorkommen, so als wären sie letztlich egal, wenn die Bibliotheken etwas planen. Wenn beispielsweise Virtuelle Forschungsumgebungen entworfen werden, ohne zu klären, warum Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Wissenschaft auf die eine oder andere Weise betreiben, dann ist das teilweise erstaunlich. Wie soll man denen erklären, dass Virtuelle Forschungsumgebungen sinnvoll für ihre Arbeit sind, wenn man nicht weiß, wie sie bislang arbeiten? Wenn man Studierenden Literaturverwaltungsprogramme als Arbeitshilfen anbietet, wie will man begründen, dass diese sich in deren Studienarbeiten einbinden lassen werden, wenn man nicht deren tatsächliche Arbeitsweisen kennt? Sollten nicht auch solche Grenzen bedacht werden?
Andersherum: Wenn Kommunikation auf Fachtagungen zu einem großen Teil an den Rändern geschieht, dann sind Unkonferenzen auch eine Reaktion darauf. Unkonferenzen stellen die Kommunikation zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern weit mehr in den Mittelpunkt als Fachtagungen. Perfekt ist keine dieser Veranstaltungsformen. Sie ergänzen sich. Und morgen ist es so weit, da versuchen wir unsere erste Unkonferenz. Sie sehen und erwartungsvoll.

Ein Zusammentreffen. Der Stand des Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin auf dem 100. Bibliothekartag 2011 mit Einladung zur Unkonferenz in diesem Institut und – versteckt – mindestens einem Mitglied des Organisationsteams der frei<tag> und zugleich Redaktionsmitglied der LIBREAS. Eine Fachtagung.
It’s the frei<tag> Countdown. Noch 2 Tage.
Eine der wenigen ungelösten Grundfragen der kommunizierenden Menschheit ist, ob ein Bild wirklich mehr als zahllose Worte zu sagen vermag. Ich bin mir nicht sicher. Denn wie ein noch so locker dahingeworfener Blick auf die Geschichte des schriftsprachlichen Austausches zeigt, dass man sich schneller, als man vielleicht annimmt, um Kopf, Kragen und das eine Kragenstäbchen schreibt, das die Reinigung beim letzten Durchgang nicht einbehielt. Das will natürlich fast niemand und daher ist Kommunikation – wenigstens in unserem Betrachtungsfeld der Bibliotheks- und Informationswissenschaft – auch häufig auf eine Harmonisierung der Stimmungslage ausgerichtet. Wenn dann doch mal gepoltert wird, ist es oft gleich die große Zerspanung, die über die Bretter hobelt.
Generell fehlt aber die Möglichkeit, einen so sportlichen wie kritischen Diskurs zu führen, worauf Willi Bredemeier letztes Jahr in gewisser Weise mit seiner vielleicht einer Nummer zu groß angelegten Kritik der Informationswissenschaft hinwies. Darin, dass sich weite Teile der adressierten Kreise als solchen Offerten zur Diskussion gegenüber perlonifizierte Fachöffentlichkeit erwiesen und über die vielleicht nicht ganz offen hingestreckte Hand aber doch scharf zugespielte Vorlage hinweg sahen, mag eine der Ursachen liegen, warum das Fach momentan in Deutschland doch eher nicht als lebhaftes Geschehen wahrgenommen wird. In Potsdam schließt man die Dokumentationswissenschaft und hat Gründe dafür. Dennoch hätte es unabhängig des Ausgangs eines solchen Verfahrens durchaus für die Vigilanz der Community gesprochen, in breiterer Front öffentlichkeitswirksam Gründe für den Sinn und Zweck und natürlich auch die Unverzichtbarkeit aufzuzählen. Aber vielleicht fällt es schwer, solche zu finden.
Stefan Gradmann bringt dies in seiner Stellungnahme zum Vorgang wahrscheinlich eher unbeabsichtigt auf den Punkt, wenn er schreibt:
“Dies mag beklagenswert sein – doch müssen wir als Realität akzeptieren, dass Kernbestandteile des Berufsprofils ‘Dokumentation’ in der öffentlichen Wahrnehmung schlicht nicht mehr existieren und wohl auch nicht so ohne weiteres wiederzubeleben sein werden.”
Die affirmierende Reduktion auf das Klagen verfehlt m.E. aber den Punkt, denn hier geht es zunächst einmal um Rückgrat und Selbstachtung. Gerade unsere Disziplin, die sich mit nichts anderen als einer ordnenden Gestaltung der Repräsentation von Welt beschäftigt, sollte wissen, wie konstruiert und in dem Sinne inakzeptabel die Realität ist. Realität ist ein Prozess, kein Zustand. Die Realität der öffentlichen Wahrnehmung umso mehr.
Natürlich liegt das Kind längst am Grunde des Brunnens und sicher hätte man weitaus eher mit einer aktiven Aktualisierung des disziplinären Zweispänners Bibliotheks- und Informationswissenschaft beginnen müssen. Fraglos hatte das Institut in der Dorotheenstraße 2003 ein Heidenglück, als es sich mehr durch Protest denn durch Profil noch einmal um das herummogeln konnte, was nun die Dokumentationswissenschaft erreichte. Aber man hätte auch ohne in “reflexhaftes Protestgeschrei” auszubrechen, einen Tick stärker zeigen können und vielleicht auch müssen, dass der durchgezogene Rotstift mehr vernichtet als einen Kostenfaktor. Nämlich ein Potential.
Immerhin stellt Stefan Gradmann mit seiner Position vom Vorgang für die DGI eine Perspektive in Aussicht, die er selbst als Professor an der Humboldt-Universität vorantreiben kann:
“Aussichtsreich ist sie [die Dokumentationswissenschaft] nur als Teil eines neuen Forschungsparadigmas, als Teil der sich gerade formierenden Web-Science. Genau dieser Entwicklung trägt die jüngste Diskussionsrunde der Gruppe RTP Doc in Frankreich unter dem Arbeitstitel “Le Web sous Tension” Rechnung, in welcher der Prozess der “Redocumentarisation du Monde” in die Welt des Web der Linked Open Data fortgeschrieben wird.”
Allerdings stört das “nur” der Formulierung ein wenig. Denn damit wird präskriptiv eine sehr bestimmte Perspektive vorgegeben, die ohne Zweifel sinnvoll und berechtigt ist, zugleich aber möglicherweise ebenfalls sinnvolle und berechtigte weitere Perspektiven, die nicht zwingend an die RTP Doc-Gruppe anschließen, von vornherein ausgrenzt. Stefan Gradmann forciert völlig nachvollziehbar seinen eigenen Forschungs- und Interessenshintergrund. Da aber gerade seine Ausrichtung auf die französische Fachwelt äußerst speziell ist, wäre nun eine Reaktion aus der Fachwelt zu erwarten, die da lautet: “Gern. Aber über die Details müssen wir noch einmal reden.” Die Redokumentarisierung der Welt mit dem Anspruch
“traditionelle dokumentarische Erschließungsin[s]trumenten (Thesauri, Klassifikationen, Ontologien) und zielgruppenspezifische Kontextualisierungsansätze mithilfe von SKOS und Methoden der semantischer Verlinkung und der Linked (open) Data neu zu positionieren”
ist eine Perspektive. Ich sehe aber z. B. für die Disziplin noch eine ganz andere Aufgabe. Unter anderem die der Kritik. Wo Stefan Gradmann seine französische RTP Doc-Gruppe heranzieht, erlaube ich mir den Hinweis auf den französischen Soziologen Luc Boltanski, der unter Kritik so etwas versteht, wie die Kompetenz um die in jeweiligen Rechtfertigungsordnungen (z.B. die des hochschulpolitischen oder die eines innerdisziplinären Agenda Settings) anzutreffenden Wertmaßstäbe und Prinzipien hinsichtlich ihrer Anwendung zu prüfen. Vielleicht müssen wir uns zunächst einmal darüber verständigen, ob wir unsere Wissenschaft vorwiegend als cité industrielle, als cité de l’opinion, als cité inspirée oder als cité marchande begreifen. Im Idealfall ist es eine Mischung aus allen vier Elementen und unsere Diskurse zielen darauf ab, das Mischungsverhältnis so auszuhandeln, dass sich eine Balance einstellt. Diskurs ist nach meinem Verständnis ein Mittel der stetigen Legitimationsprüfung (Boltanski: épreuve de justification) von Ansprüchen, zu deren Eigenheiten es zählt, dass sie relational sind und zwar zwischen dem Äußerenden mit seinem Interessenfundament, dem Bezugsraum und dem Empfänger mit dessen Interessen. Eine diskursethische Prämisse ist dabei für mich, dem anderen die Möglichkeit zu geben, sich so zu meiner Äußerung zu positionieren, dass eine Anschlusskommunikation möglich bleibt, also neue Bedeutung entsteht. Man könnte hier das schöne Bild der Semiosis als Erklärungslogik heranziehen. Die Berücksichtigung der pragmatischen Ebene von Kommunikationen, für die sich übrigens auch Stefan Gradmann sehr überzeugend in seinem Eröffnungsvortrag auf der Informare 2011 aussprach, scheint mir für eine zukünftige Forschungsausrichtung der Bibliotheks- und Informationswissenschaft beinahe die bessere, in jedem Fall eine notwendig komplementäre Facette zu semantischer Verlinkung und der Linked Data.
Natürlich sind Bilder von schönen Netzwerken mit tüchtigem Appeal gesegnet und die Visualisierung zum Bibliothekartags-Twitter-Netzwerk erhält an einem Tag mehr Zugriffe und Retweets, als die meisten meiner Texte über ihre Lebenszeit. Aber das Bild selbst sagt selbstverständlich nicht mehr als diese ca. 1000 Worte. Doch es lässt viel mehr offen. Es positioniert sich nicht. Es bleibt deskriptiv. Was ist nun die sinnvolle Perspektive für unsere Wissenschaft: Deskription und/oder (kritische) Reflexion? Bereits übermorgen können wir darüber beim frei<tag> 2011 diskutieren.

Raindrops on tables / Discussions on fridays. / Bright copper floor slabs / and memory highways. / Colorful 'mbrellas and summerlike springs / These is some Berlin-full of relevant things.
(bk)
















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