LIBREAS.Library Ideas

En Vague? Ein Beitrag zur Methodendiskussion in der Bibliothekswissenschaft.

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Referate von Ben am 27. Mai 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden

Die Frage nach der wissenschaftlichen Methode in der Bibliothekswissenschaft ist in gewisser Weise die Urdebatte des Fachs und wer sich dafür interessiert, findet in der morgigen Ausgabe des Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquiums am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität möglicherweise die Gelegenheit, an der Fortsetzung selbiger teilzuhaben. Vier etablierte Protagonisten des Fachs – Simone Fühles-Ubach, Petra Hauke, Michael Seadle, Konrad Umlauf – präsentieren das Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Berlin: DeGruyter, Mai 2013, Verlagsseite zum Titel, Inhaltsverzeichnis als PDF). LIBREAS wird sich sicher dem Titel nach Möglichkeit ausführlicher widmen und widmen müssen. Allerdings liegt er uns noch nicht vor.

Verfügbar ist jedoch ein Blogbeitrag des Mitherausgebers Michael Seadle, den dieser zu Beginn des Monats in seinem Weblog Digital+Research=Blog publizierte. Vermutlich nicht ohne Schnittmenge zu seinem Beitrag im erwähnten Handbuch (Entwicklung eines Forschungsdesigns) formuliert er dort eine kleine Handreichung Finding a research question.

Wer seine Veranstaltungen am Institut kennt, weiß, dass für ihn als Bibliothekswissenschaftler völlig zu Recht die Methode und die Forschungsfrage im Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit stehen. Besonders gilt dies für Abschlussarbeiten und Promotionen.  Leider tut er dies offensichtlich nicht nur völlig zu Recht, sondern erachtet es auch als völlig zureichend für die wissenschaftliche Arbeit. Er unterscheidet sich damit jedoch in einem zentralen Aspekt wesentlich von dem, was ich für die Wissenschaft Bibliothekswissenschaft als entscheidend erachte.

Zu Beginn seines Blogpostings schreibt Michael Seadle:

“Many students start with a topic that they would like to research. This is natural, but in some ways secondary to the process of scholarly writing.”

Am Ende betont er:

“The topic matters only in so far as data are available and the research method can reasonably apply. Topics are temporary and can change with the seasons. Good research questions grow ultimately out of the intersection of scholarly methods and quality data. “

Beides verweist auf eine erhebliche Reduktion der Rolle von Wissenschaft, die sich einzig nach einer schematischen Durchführbarkeit richtet. Das Thema ist – bestenfalls – nachgeordnet, weitgehend austauschbar und ergibt sich in jedem Fall von selbst.

Steht einmal eine Methode (“In graduate school I settled on a set of ethnographic tools, which I have used and reused over the decades.”), dann kann man jeden verfügbaren Datensatz damit durchpflügen. Die Forschungsfrage ergibt sich von selbst und sollte möglichst geradlinig beantwortbar sein:

“The best research questions for a thesis are ones with a straightforward answer. I generally recommend a yes/no question, or one that has a quantitative answer, or one that is a choice among reasonable alternatives. These are not the only possible research questions, but questions involving complex issues about “why” or even “how” tend to be beyond the scope and experience of even the cleverest doctoral students. The virtue of  a yes/no type question is that the student can make a clear choice. A thesis with a vague answer is not a contribution to knowledge, while even a very narrowly stated and highly qualified yes/no answer can be a reasonable step forward.”

Man kann dies durchaus als praktikable Lebenshilfe für den herausgeforderten Promovenden verstehen. Es führt aber gerade in einen Zustand, der für mich exakt nicht der Sinn einer wissenschaftlichen Tätigkeit im 21. Jahrhundert sein kann. Nämlich in ein Funktionshandeln, in einen angepassten und schematischen Wissenschaftsvollzug, in dem ein selbstkritisches Hinterfragen genauso wenig verankert ist, wie eine auf übergeordnete Kontexte der gesellschaftlichen Wirkung von Wissenschaft gerichtete Reflexion.

Michael Seadle schreibt selbst und zutreffend:

“Having a method  means absorbing a way of thinking.”

und scheint kein Problem darin zu sehen, dass die absorbierende Anpassung an bestimmte Denkstile (also gerade nicht kritische Elaboration und Anerkennung) die Handlungsweise ist, die zu Ideologisierungen führt. Damit ist – siehe die Frage des “Topics” oben – nicht einmal an inhaltlichen oder wertspezifischen Aspekten orientierte, sondern eine reine Formalideologie gemeint. Nach meinem Verständnis ist die Aufgabe der Wissenschaft aber gerade der Versuch, jede Form von Ideologisierung, auch die der  Funktionalisierung, und den daraus entstehenden Folgen, zu unterlaufen.

Wissenschaftshandeln ist für mich entsprechend politisches und wertorientiertes Handelns in dem Sinne, dass es nicht nur auf die eigene interne Stimmigkeit und das Funktionieren in diesen geschlossenen der Institute und Fachcommunities begrenzt ist, sondern mit jeder Forschungsfrage auch die Richtungsfrage stellt: Wie wirkt das, was ich erarbeite, auf die Gesellschaft, als deren Teil ich handele und – auch das und nicht nur ökonomisch gesehen – in deren Dienst ich stehe und für die ich, in dem ich die von mir übernommene Rolle des wissenschaftlichen Tätigseins auch Verantwortung trage?

Während Bibliotheken als Institutionen ganz offensichtlich ihre gesellschaftliche Aufgabe ohne Berührungsängste thematisieren, liegt nach meiner Beobachtung die große Schwäche der Bibliotheks- und auch der Informationswissenschaft in Deutschland darin, dass sie zu weit von der sie umgebenden gesellschaftlichen Umwelt entkoppelt, agieren.

Dass man den Studierenden des Faches ihr wissenschaftliches Handeln auf die Ideallinie der Binärmuster verengt (yes/no) und zudem die epistemologisch unhaltbare These präsentiert, dass Vagheit, nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit und eher synonym mit Offenheit,  sowie dem Eingeständnis, dass Unschärfe zu komplexen Systemen und ihrer Betrachtung unvermeidlich gehört, keinerlei Belang für die Wissenskultur haben kann, erscheint mir jedenfalls nicht angemessen für eine zeitgemäße Bibliothekswissenschaft. Offen gesagt sogar eher als schädlich.

Allerdings vertraue ich auf die Weltgewandtheit und Intellektualität der Studierenden dieses Faches und darauf, dass sie der wissenschaftlich nicht untypischen Tendenz einer kritischen Opposition zu ihren Lehrern folgen. Das Entscheidende ist dabei sicherlich, wie der Ausbildungsapparat mit seiner systemgemäßen Asymmetrie der Machtverteilung bereit ist, von den Leitlinien – zum Beispiel den Michael Seadle’schen – abweichendes Denken anzuerkennen. Einer dynamischen und lebendigen Disziplin wäre jedenfalls anzuraten, die Außenposten ihres Denkens mindestens genauso zu fördern, wie den linientreuen Forschungsmainstream.

Mir teilte Michael Seadle übrigens einmal für eine Arbeit bei ihm mit, dass es für ihn auch die Derrida’sche Dekonstruktion als Methode akzeptabel wäre. So ganz habe ich mich dereinst trotz des Reizes (glücklicherweise) noch nicht darauf einlassen wollen. Auf eine bestimmte Art scheint mir aber die Dekonstruktion von Selbstverständlichkeiten genau das zu sein, was die Bibliothekswissenschaft als Methode vor dem Hintergrund der Verwandlung ihres Gegenstandes benötigt. Auch wenn am Ende erfahrungsgemäß kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch und ein Nicht-Fisch-nicht-Fleisch und in jedem Fall keine einfache, klar unterscheidbare, in Methodenzwänge formalisierbare Wahrheit stehen wird.

(27.05.2013, @bkaden)

Anmerkung: Namentlich gekennzeichnete Beiträge in diesem Weblog geben ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autoren wieder.

Das coole UND. Anmerkungen zur Umbenennung der DGI.

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte von Ben am 4. Mai 2013

von Ben Kaden

„Die Namensänderung der DGI hat für Furore gesorgt. Das kann ich verstehen, jedoch nur aus euphorisch positiven Gründen“

schreibt Clemens Weins heute im Weblog der nun Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen (DGI). Ich sehe das nur bedingt. Furore im Sinne einer Begeisterung ist es nicht. Und Furor im Sinne wütender Proteste lässt sich in der Fachöffentlichkeit auch nicht erkennen. Treffender wären vielleicht Worte wie Kopfschütteln oder Verwunderung. Irgendwo in diesem Umfeld wäre jedenfalls meine Reaktion zu verorten.

Als Bibliotheks- und Informationswissenschaftler scheint es mir jedenfalls für Euphorie kein Anlass zu bestehen, wenn man die Informationswissenschaft streicht, um sie durch die unscharfen Ausdrücke „Information“ und „Wissen“ zu ersetzen. Möglicherweise muss eine „agile“, also laut Duden „regsame und wendige“, DGI diesen Schritt gehen, um damit ihre Agilität bzw. Augenhöhe zur Zeit zu beweisen. Eventuell ist sie damit ihrer Zeit auch voraus, wenn mit ihr ein „Paradigmenwechsel […]  vom institutionellen Denken zum inhaltlichen Austausch“ angestrebt wird und man annimmt, dass strenge Wissenschaftlichkeit durch das Kriterium des pragmatischen Passens abgelöst wird. Das setzt voraus, dass sich die Grenzen von Wissenschaft und Praxis tatsächlich vermischen und man hat wenig Möglichkeiten, entsprechende Anzeichen zu ignorieren. In der Gesamtschau wäre dies das Ende der Wissenschaft, wie wir sie kennen und vielleicht ist es auch das Schicksal der Informationswissenschaft, frühzeitig diesen Schritt zu vollziehen.

Clemens Weins bringt mit dem Beispiel der „modernen IT-Unternehmen“ das Vorbild ins Spiel. Die großen Dominanten (Google, Facebook, Apple, Amazon) verwenden nicht nur etliche Elemente, die man aus der dokumentationswissenschaftlichen Grundausbildung kennt, sie integrieren sie auch überdisziplinär mit allem, was für Netzwerkanalyse und Rückkopplungsverfahren u.ä, an Methoden zweckmäßig erscheint. Wenn man so will, haben sie und nicht etwa die Informationswissenschaft (oder die Soziologie), die Gesellschaft zur Netzgesellschaft gemacht und informationswissenschaftlich wie informationssoziologisch durchdrungen.

Eine Nebenwirkung könnte bei dieser Entwicklung sein, dass sich dabei die wissenschaftliche Disziplin Informationswissenschaft einfach auflöst zugunsten wohlklingender und pragmatischer Lösungen und zu einem Evaluations-und Think-Tank für (tatsächliche und denkbare) Informationsdienstleistungen zusammenschnurrt. Selbstverständlich machen sich Unternehmen „intern Gedanken, was neue Technologien auslösen können und stellen sich sofort den praktischen Herausforderungen“, denn davon hängt ihre Geschäftsentwicklung ab. Diese ist im Gegenzug aber auch Erkenntnis leitend. Und hier liegt der Unterschied zur akademischen Informationswissenschaft, die sich um all die Aspekte kümmern kann (und sollte), die zwar aus Sicht von Verwertung und Produktentwicklung irrelevant sind, die aber für die Gesellschaft eventuell gerade deshalb eine große Bedeutung besitzen.

Ich habe folglich Probleme, mir Wissenschaft derart unternehmerisch eingefärbt zu denken. Und gerade, wenn man wie Clemens Weins Informationswissenschaft etwas hemdsärmlig als „Soziologie der Informatik“ definiert, was ich an sich begrüße, was allerdings vor nicht allzu langer Zeit nur sehr eingeschränkt nachweisbar dem Selbstverständnis der Disziplin entsprach (vgl. Kaden, Kindling, Pampel, 2012), sollte man sich vom Kriterium der „Faszination“ lösen.

Man muss nicht mit bzw. besser nach Pierre Bourdieu „Soziologie als Kampfsport“ (vgl. z.B. Hollerstein, 2012) ansehen. Doch man sollte anerkennen, dass es vor allem um Analyse und Kritik geht, also das gezielte und systematische Infragestellen von Scheingewissheiten idealerweise auf Grundlage empirischen Materials. Das steckt in gewisser Weise schon in dem Wunsch, „Informationen fließen zu lassen und immer verstehen wollen, wie sie fließen.“ Es ist auch vereinbar mit dem Bild der „Menschen, die verstehen wollen, wie sich Gesellschaft durch neue Informationstechnologien verändert und auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern sind.“ Nur wirkt der Ausdruck „Geschäftsfelder“ hier in der Rückbindung an die Wissenschaft genauso als Splitter im Text, wie die Reduzierung der Soziologie auf die Technologie- und Methodenanalyse. Wenn Clemens Weins den entsprechenden Absatz mit der Basta-Formulierung „Damit ist alles gesagt.“ einleitet, muss er sich auch darauf hinweisen lassen, dass in seiner Darstellung neben Technologien und Methoden der Grundgegenstand der Soziologie schlicht fehlt.

Es ist wahrscheinlich Teil des Zeitkolorits, Wissenschaft stark in Hinblick auf Innovation, Spin-Off-Projekte und mögliche wirtschaftliche Verwertungsszenarien zu betreiben und zu denken. Das beißt sich allerdings mit dem Konzept der Soziologie als Wissenschaft, wie ich sie verstehe. Mehr noch: wissenschaftliche Erkenntnisproduktion ist nach meinem Verständnis gerade nicht der Fluss sondern viel mehr die Staustufe der Information. Es geht in ihr nicht um die Optimierung und Stromlinienformgebung für reibungslose Übertragung, sondern darum, das, was geschieht, in einem größeren Rahmen zu verorten. Diesen Rahmen bildet die Größe Mensch. Es geht um den Menschen, sein Handeln, die dahinterstehenden Motivationen und wie er sich im Gefüge der Handlungsfolgen bewegt. In der Informationswissenschaft wäre das dann mindestens an den Phänomenen „Information“ und „Wissen“, gern auch noch mit „Redundanz“, „Rauschen“ und „Bedeutung“ zu konkretisieren und beispielsweise auf die in letzter Zeit mehr vom Feuilleton als von der Wissenschaft reflektierten Informationsethik orientierbar. (also vielleicht eben doch im Bourdieu’schen Kampfsportstil, vgl. Hollenstein, 2012, S.68: „Soziologie ist Kampfsport, fasst Bourdieu sein wissenschaftliches Selbstverständnis [...] zusammen: Selbstverteidigung der Schwachen gegen Ungerechtigkeit. Soziologie ist also für Bourdieu „per se kritisch“, sie offenbart „Geheimnisse“, der Soziologe ist ein „Störenfried“.“)

Erfahrungsgemäß wirkt bereits der Streit um die Begriffs- und Gegenstandseingrenzung deutlich bremsend (also störend). Dazu addiert sich, dass Wissenschaft, wie ich sie hier denke, vorwiegend retrospektiv arbeitet, da ihr Material erst entstehen bzw. beobachtbar werden muss, bevor sie es durchdringen kann. So ist sie selbst gerade kein Innovationsmotor. Im Ergebnis könnte sie jedoch im Wechselspiel mit der Praxis dieses Wissen über an die gestaltenden Akteure (z. B. die Praxis) weitergeben, die es beispielsweise in ihr Wissen wie einfließen lässt. Oder eben nicht.

Das gravierendste Problem der Umbenennung der DGI liegt für mich in der Reproduktion des Urproblems der Informationswissenschaft selbst: der Terminologie selbst. Es gibt keine übergreifend anerkannte Definition der Ausgangsbasis „Information“ und dem Verhältnis zum nicht minder vieldeutigen Begriff des „Wissens“. Dazu kommt seit einigen Jahren der nicht minder ambivalente Omnibus „Inhalte“, für die die DGI mittlerweile offensichtlich steht, ohne sich, so könnte man flapsig sagen, in Deutsche Gesellschaft für Inhalte benannt zu haben.

Ich schreibe dies als jemand, der die Gelegenheit hatte, bei zwei zentralen Antagonisten dieser Debatte in der deutschsprachigen Informationswissenschaft zu lernen und der dabei erkennen durfte, wie wichtig eine genaue Bestimmung des Bezugsrahmens für diese Ausdrücke ist. Diesen Rahmen finde ich in der Argumentation im Blog nicht zureichend dargestellt.

Information und Wissen sind dank ihrer Universalität äußerst divers verwendete, bisweilen einfach sehr missverständliche Konzepte. Die Einhegung auf das Feld der Informatik bzw. Informationstechnologie, also auf die bitweltlich verarbeitbare Information wäre womöglich eine gangbare Spezifizierung (wenn auch nicht die mir sympathischste). Aber das geht aus dem neuen Namen nicht vor. Den problematischeren Begriff des Wissens (laut Walther Umstätter „begründete Information“, laut Rainer Kuhlen eine Art Agens der Informationsprozess) blieben dann immer noch unbestimmt. Der Container „Inhalt“ sowieso.

Als Nicht-Mitglied der DGI kann ich ihre Umbenennung gelassen nehmen. Als Informationswissenschaftler bedauere ich dennoch die Streichung der „Informationwissenschaft“ im Namen der DGI, zumal mich der Ersatzname in keiner Hinsicht und trotz der verständlichen und engagierten Erläuterung durch Clemens Weins nicht als bessere Wahl überzeugt. Das Fach, um das es mir geht, vermag ich im neuen „und“ jedenfalls nicht mehr erkennen. Und auch was Willi Bredemeier als einen Grund zur Umbenennung anführte, überzeugt mich, offen gesagt, keinen Millimeter:

„Der neue Name klingt gut oder ist, wie ein Teilnehmer der Mitgliederversammlung sagte, “cool”.“ (Bredemeier, 2013)

 (25.04.2013  / @bkaden)

Verweise

Willi Bredemeier (2013) DGI – Neuer Name verabschiedet. In: Password / passwordonline.de, 28./29.04.2013, http://www.passwordonline.de/cms/news/28.-29.-april-2013.html

Oliver Hollenstein (2012) Soziologie als Kampfsport – Pierre Bourdieu. In: dersb. (2012) Das doppelt geteilte Land. Neue Einblicke in die Debatte über West- und Ostdeutschland. Wiesbaden: Springer VS. S.67-78

Ben Kaden, Maxi Kindling, Heinz Pampel (2012) Stand der Informationswissenschaft 2011. In: LIBREAS. Library Ideas. No.20  S. 83-96 urn:nbn:de:kobv:11-100199781.

Weins, Clemens (2013):  Die agile DGI – ein Club für Informationsphilosophen und -pragmatiker. In: http://blog.dgi-info.de / 04.05.2013

Anmerkung: Namentlich gekennzeichnete Beiträge in diesem Weblog geben ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autoren wieder.

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (3): Von Innovation und Neuheit

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton von Karsten Schuldt am 19. März 2013

Karsten Schuldt

I

Desletztens schlug ich einigen Organisatorinnen und Organisatoren der InetBib-Tagung vor, die nächste dieser Veranstaltungen im Vatikan stattfinden zu lassen (der ja auch eine sehr schöne Bibliothek haben soll), inklusive Social Event auf dem Petersplatz und unter dem Motto Veränderung ist nicht immer gut.

Das Motto, erdacht vor der Wahl des neuen Papstes, aber hier gerne wiederholt, kann gerne als Meinungsäusserung dazu gedeutet werden, wie niedrig von mir die Veränderungsfähigkeit der katholischen Kirche (die mir allerdings, zugegeben, persönlich einigermassen egal ist) unter einem vielleicht locker auftretenden neuen Oberhaupt, welches aber dennoch erklärter Gegner sozialer Bewegungen und der Befreiungstheologie ist, eingeschätzt wird. Aber darum ging es mir bei diesem Vorschlag gar nicht. (Auch nicht um den persönlichen Wunsch, einmal endlich Rom zu sehen.) Es ging mir darum, einen Stoppschild zu errichten. Keine Barriere, über die nicht geschritten werden darf, aber ein Stopp, dass beachtet werden sollte, bevor die Fahrt weitergeht.

Gerade auf bibliothekarischen Konferenzen und in bibliothekarischen Publikationen ist es Usus geworden, „innovativ“, „neu“, „zum ersten Mal“ und ähnliche Bewertungen als Qualitätsmerkmal zu verstehen. Der Bibliothekskongress in der letzten Woche war, noch mehr als InetBib-Tagung, geprägt von Vorträgen und Postern, die genau so agierten: „Neue Angebote für ABC“, „Innovative Dienstleistungen für XYZ“. In Hamburg wird im April zum Beispiel eine „Veranstaltung Innovationsmanagement für Bibliotheken“ (vgl. http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg50045.html) stattfinden, welche wie folgt angekündigt wird:

Durch Innovationen entstehen neue Service für unsere Kundschaft. Wie man zu innovativen Ideen kommt, wie man das Ganze steuert und wie man dabei die Kundschaft selbst in die Ideenfindung mit einbezieht und was wir von Unternehmen dabei lernen können – das erfahren Sie am 22. und 23.04.2013 in Hamburg. (http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg50045.html)

Unter anderem wird bei dieser Veranstaltung ein Kreativitätsworkshop (wohlgemerkt für bibliothekarisches Personal, nicht für Künstlerinnen und Künstler) angeboten, dessen Abstract wie folgt lautet:

Lernen Sie in dem Workshop verschiedene Kreativitätstechniken kennen und wenden Sie diese in praktischen Übungen an. Damit sind Sie für Ihre eigenen innovativen Ideen bestens gerüstet. (http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg50045.html)

II

Ohne Frage: Die ganzen Vorträge und Poster, die Veranstaltung in Hamburg und so weiter sind im besten Wissen und Gewissen erstellt, gehalten, geplant. Vielleicht drängt sich manchmal der Eindruck auf, dass einige Kolleginnen und Kollegen einfach Altbekanntes mit ein paar hippen Schlagworten aufbrezeln würden; ich denke (und hoffe) aber, dies ist nur ein Eindruck. Vielmehr bin ich der Überzeugung, dass die Häufung solcher Begrifflichkeiten wie „innovativ“ und „neu“ Ergebniss eines bestimmten Denkens ist.

In diesem Denken erscheint es sinnvoll, dass Bibliotheken sich ständig neu erfinden, ständig irgendetwas ausprobieren müssten und so weiter. Nur: Mir scheint, dass die Rationalität hinter dieser Vorstellung immer weniger hinterfragt wird. Gleichzeitig scheint mir, dass das Drängen auf Innovation zu oft zwei andere Punkte unterschlägt: Nämlich die Geschichte bibliothekarischer Angebote, so dass immer wieder Angebote, die schon mehrfach erprobt wurden und zu denen Erfahrungen vorliegen, neu erfunden werden (Was nicht so schlimm ist, wie es vielleicht klingt. Das ist zwar am Ende Doppelarbeit, aber es gibt wirklich Schlimmeres, die GEZ zum Beispiel.) sowie die Frage, ob die Nutzerinnen und Nutzer (oder halt die ganzen Stakeholder, wie auch immer die definiert werden) überhaupt nach „Innvoation“ und „Neu“ verlangen und nicht viel eher nach sinnvoll, einfach und funktionierend.

Modern wäre, so beschloss vor einigen Jahren die Pestalozzi-Bibliothek in Zürich, sei ein Gebäude mit viel sichtbarem Beton, grossen Fenstern, klaren und klar abgetrennten Flächen aus einfachen Materialien. Zudem hätte es hell zu sein: Hellergrauer Stein, helles Holz, viel Weiss, knallige Farben. Ist das modern? Vielleicht. Sehr viele Neubauten und Umbauten von Bibliotheken, von Schulen und Hochschulen sehen in den letzten Jahren so aus; auch Bahnhöfe und öffentliche Gebäude folgen diesen Vorgaben. Deswegen, so ein Problem, sehen sie sich immer mehr immer ähnlicher. Steht man im Treppenhaus des Grimmzentrums der Humboldt-Universität sieht es dort genauso aus wie im Treppenhaus der Hauptgebäudes der HTW Chur und wie in den Gebäuden des neuen Campus der FH Potsdam. Auch dieses Bild der Pestalozzi-Bibliothek lässt höchstens durch die Verwendung des Begriffs Velo aufhorchen. In Berlin nutzt man dieses Wort nicht. Aber ist das ein Gebäude in Zürich, ist es eines in Freiburg? Sichtbar ist das nicht. Zudem stellt sich die interessante Frage: Ist das eigentlich sinnvoll? Wollen die Menschen das? Lässt sich Bibliothek besser Bibliothek sein in solchen Gebäuden? Nutzt das moderne? Wenn ja, dann wäre die Langeweile vielleicht (vielleicht!) zu rechtfertigen.

Modern wäre, so beschloss vor einigen Jahren die Pestalozzi-Bibliothek in Zürich, ein Gebäude mit viel sichtbarem Beton, grossen Fenstern, klaren und klar abgetrennten Flächen aus einfachen Materialien. Zudem hätte es hell zu sein: Hellergrauer Stein, helles Holz, viel Weiss, knallige Farben. Ist das modern? Vielleicht. Sehr viele Neubauten und Umbauten von Bibliotheken, von Schulen und Hochschulen sehen in den letzten Jahren so aus; auch Bahnhöfe und öffentliche Gebäude folgen diesen Vorgaben. Deswegen, so ein Problem, sehen sie sich immer mehr immer ähnlicher. Steht man im Treppenhaus des Grimmzentrums der Humboldt-Universität sieht es dort genauso aus wie im Treppenhaus der Hauptgebäudes der HTW Chur und wie in den Gebäuden des neuen Campus der FH Potsdam. Auch dieses Bild der Pestalozzi-Bibliothek lässt höchstens durch die Verwendung des Begriffs Velo aufhorchen. In Berlin nutzt man dieses Wort nicht. Aber ist das ein Gebäude in Zürich, ist es eines in Freiburg? Sichtbar ist das nicht. Zudem stellt sich die interessante Frage: Ist das eigentlich sinnvoll? Wollen die Menschen das? Lässt sich Bibliothek besser Bibliothek sein in solchen Gebäuden? Nutzt das moderne? Wenn ja, dann wäre die Langeweile vielleicht (vielleicht!) zu rechtfertigen. Ansonsten sollte die Architektur endlich wieder einmal anders werden.

III

Eine der unausgesprochenen Grundannahmen des „Innovation“-Denkens ist, dass es bislang in den Bibliotheken nicht innovativ genug zugegangen wäre. Das ist so nicht richtig. Auch in den Jahrzehnten zuvor gab es selbstverständlich immer wieder Versuche, Bibliotheken modern und zeitgemäss zu gestalten, sich an den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer, der Gesellschaft, der Wissenschaft und so weiter zu orientieren. Gerne wird bei Vorträgen zu „Innovationsthemen“ der Eindruck erweckt, dass die Bibliotheken bis dato recht unbeweglich gewesen seien und „erst jetzt“, „gerade erst“, „erst in den letzten Jahren“ angefangen hätten, sich zu verändern.

Dem ist nicht so. Beziehungsweise: Das gleiche Bild findet sich schon seit Jahrzehnten. Innovation beginnt offenbar immer in den gerade vergangenen fünf Jahren und nicht schon zuvor. Ärgerlich dabei ist nicht einmal so sehr, dass das dargestellte Bild historisch falsch ist. Das ist vor allem unhöflich vorhergehenden Generationen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren gegenüber. Schlimmer finde ich, dass wir hier Lernmöglichkeiten für Bibliotheken vorübergehen lassen: Vieles wurde schon ausprobierte, funktionierte mehr oder weniger (denn Innovationen funktionieren nie so wie gedacht, sondern immer mehr oder weniger), einiges transformierte sich in gängige bibliothekarische Praxis, vieles verschwand wieder. Aber: Fast immer klang es am Anfang ganz vielversprechend.

Würden wir das wahrnehmen, könnten wir zum Beispiel mehr darüber wissen:

  • Wie die Integration neuer Praxen in den bibliothekarische Praxis funktioniert oder nicht funktioniert.
  • Welche Versprechen offenbar zu gross sind, um in Bibliotheken angenommen zu werden.
  • Was Nutzerinnen und Nutzer sich immer wünschen, egal was man ihnen „gibt“. Was die Gesellschaft immer will. Oder auch: Ob und wie sich die Wünsche der Stakeholder und der Nutzerinnen und Nutzer überhaupt verändern. (Ein Beispiel: In fast allen Umfragen unter Nutzerinnen und Nutzern, egal welcher Methodik, werden heute als Ergebniss längere Öffnungszeiten gewünscht. War das schon immer so? Ist das ein neuer Wunsch? Wird das zurückgehen? Haben die tatsächlichen Öffnungszeiten von Bibliotheken überhaupt einen Einfluss auf diesen Wunsch?)
  • Wie die Veränderungen und Innovationen in Bibliotheken mit den Veränderungen der Gesellschaft zusammenhängen. Es gibt ja in bibliothekarischen Kreisen die Vorstellung, die Bibliothek würde von aussen als verstaubt und als etwas hinter der Zeit herhinkend angesehen und genau jetzt (wobei das jetzt immer neu das gerade seiende Jetzt ist) wäre die Zeit und die Möglichkeit, dies zu ändern. War auch das schon immer so? Haben Bibliotheken nicht auch in den 1960er Jahren und in den 1880er Jahren versucht, dagegen vorzugehen? Ist das überhaupt machbar und sinnvoll? Hat vor allem die Veränderung der Bibliotheken oder die Veränderungen der Gesellschaft Anteil an dieser Vorstellung?
  • Wir könnten schauen, was wirklich neu und anders ist und was sich nur so nennt.

Die ständige Rede von Innovation und Neuheit überdeckt diese historische Realität. Sicherlich hat das Gründe: Es wird – wohl nicht ganz zu Unrecht – angenommen, dass Vorträge, Texte und Poster mit diesem Gestus mehr Aufmekrsamkeit erregen und mit höherer Wahrscheinlichkeit irgendwo angenommen werden; ausserdem ist die Projektförderung heute darauf angelegt, nur Neues zu fördern (was nicht neu sein muss, die Mittelgebenden müssen nur glauben, es sei neu). Eine Frage allerdings ist, ob wir als Bibliothekswesen nicht auch Lern- und Entwicklungschancen vergeben, wenn wir diese Diskursfiguren nutzen.

IV

Ein Grund, warum die Diskursfigur Neu und Innovativ im zeitgenössischen Bibliothekswesen so gut funktioniert, ist auch die damit verbundene Behauptung, die Nutzerinnen und Nutzer würden es verlangen und, falls sie es nicht bekämen, nicht mehr in die Bibliothek kommen. Mehr noch: Immer wieder wird behauptet, mehr Nutzerinnen und Nutzer gewinnen zu können.

Wir sollten uns fragen, ob das wirklich stimmt.

Erstens: Nehmen unsere Nutzerinnen und Nutzer überhaupt wahr, was wir uns gegenseitig als innovativ beschreiben? Und wenn ja: Reagieren sie darauf positiv? Ich möchte das bezweifeln. Innovativ sind Bibliotheken ja immer wieder im Bezug auf sich und andere Bibliotheken, nicht im Bezug auf die Gesellschaft und die technischen etc. Möglichkeiten. Oder anders: Sie hängen am Ende doch oft hinterher. Neue Technologien sind oft schon durchgesetzt, bevor Bibliotheken sie nutzen; Bildungskonzepte sind in Schulen und Museen oft schon Alltag, bevor sie in Bibliotheken ankommen; Marketing- und Entscheidungshilfekonzepte sind oft schon ein alter Hut in der Werbe- und Beratungsbranche, wenn sie in Bibliotheken auftauchen. (Stichwort: SWOT-Analysen) Da sollten wir uns nicht gegenseitig irgendetwas vormachen.

Nur: Auch das ist so schlimm wieder nicht. Was sollte denn der Grund sein, dass Bibliotheken immer die innovativsten Einrichtungen sein sollten? Sicherlich: Wenn Öffentliche Bibliotheken wirklich sozial Schwache erreichten, dann wäre das vielleicht – wenn Innovation wirklich immer auch am Sinnvollsten wäre – ein Beitrag zur Sozialen Gerechtigkeit, weil dann Sozial Schwache früher von Innovationen profitieren könnten als, zum Beispiel, der Hipster in Neukölln. Real aber kennt der Hipster in Neukölln schon alles, bevor es im bibliothekarischen Diskurs überhaupt ankommt. Zumal: Wie soll eigentlich der Nutzer und die Nutzerin entscheiden, ob etwas in der Bibliothek innovativ ist? Die Lesen ja weder BuB noch Arbido noch Büchereiperspektiven.

Zweitens: Ist Innovation eigentlich für die Nutzerinnen und Nutzer eine sinnvolle Kategorie? Ich würde argumentieren, dass die Nutzerinnen und Nutzer von Bibliotheken gar nicht das Neueste wollen, sie wollen vielmehr etwas, was in ihren aktuellen Arbeits-, Lern- und Freizeitgestaltungen Sinn macht. Dazu gehören auch mal neue Dinge, aber halt nicht nur. Das WLAN in Bibliotheken hat sich nicht durchgesetzt, weil es innovativ war (war es ja auch nicht, weil es zumeist weit vorher Cafés mit WLAN gab, bevor Bibliotheken ihres einrichteten), sondern weil es sinnvoll war. Die Fernleihe für Artikel mag im Hintergrund immer wieder neu organisiert werden, die Nutzerinnen und Nutzer wollen aber nur schnellst möglich an die Artikel, die sie benötigen. Bibliothekscafés sind nicht der Renner, weil sie neu wären (auch hier sind sie es gar nicht so sehr, wie es vielleicht erscheint), sondern weil sie im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung immer mehr Sinn machen und für viele Aktivitäten netter sind als „einfache“ Bibliotheken. Und so weiter. Wenn wir wirklich, wie das auch behauptet wird, die Nutzerinnen und Nutzer oder auch die Stakeholder von Bibliotheken, in den Fokus nehmen wollen (übrigens auch etwas, was nicht so neu ist, wie es scheint), dann sollten wir auch mehr genau das in den Blick nehmen: Sinn, nicht Hippness.

Sicherlich gibt es Menschen, die durch Neues und Hippes ein-, zweimal interessiert werden. Aber das sind einige Menschen mit einem bestimmten Mindset. Wichtiger ist es, für möglichst viele Menschen etwas zu schaffen oder einzurichten, dass für sie im Alltag sinnvoll ist. Das ist eine andere Bewertungskategorie.

V

Weiterhin: Als ich das Motto „Veränderung ist nicht immer gut“ vorschlug, war dies selbstverständlich ein wenig Provokation. Aber auch Spiegelung des Denkens eines Teil des bibliothekarischen Personals.

Je länger je mehr Innovationen, Neuerungen etc. hat man gesehen, wenn man Jahre, gar Jahrzehnte in Bibliotheken arbeitet. Und immer wieder werden Neuerungen als etwas Besseres, Sinnvolleres gepriesen. Es baut sich aber, so hört man, beim Personal aber irgendwann einmal die Vermutung auf, dass die Innovationen nur noch der Innovation halber betrieben würden, nicht weil das, was davor war, wirklich nicht funktionierte oder weil das, was neu kommt, wirklich besser wäre. Oder anders: Wenn es falsch gemacht wird, wenn die Enttäuschungen über fehlgeschlagene Innovationen wachsen und wenn das Gefühl entsteht, dass mit Innovationen Dinge verändert werden, die einer Veränderung gar nicht bedürften, besteht jedesmal um so mehr die Gefahr, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare „abstumpfen“. Auch das ist nicht überraschend. In Schulen ist das zum Beispiel nicht anders. Nicht alle Menschen wollen ständig etwas verändern.

Leicht ist es, ein solches Denken und Verhalten als altmodisch und rückständig zu diskreditieren. Manchmal ist es das auch. Nur nicht immer. Gerade dann, wenn nicht mehr viel darüber nachgedacht wird, warum etwas erneuert werden muss, entstehen auch Gefahren. Sehr sichtbar ist das bei Studierenden im Bibliotheksbereich. Diese haben oft den verständlichen Wunsch, Neues zu entwerfen, Innovatives auszuprobieren. Und viele Hochschulen erfüllen Ihnen den Wunsch, preisen in den Selbstdarstellungen dies sogar als Besonderheit Ihrer Ausbildung an. (Wobei man sich immer fragen kann, was daran noch besonders ist, wenn es in Leipzig und Köln nicht anders getan wird, als in Stuttgart und Hamburg, in Berlin und Potsdam und Köln und Sondershausen und München und Darmstadt und Chur und Hannover.) Nur, was bei solchen Praxisprojekten schnell auf der Strecke bleibt, ist die sinnvolle Analyse des Bestehenden im Sinn von „was funktioniert wieso?“. Es wird – eine Grundvoraussetzung des Diskurses Innovation – vorausgesetzt, dass das, was ist, unvollständig und zumindest in Teilen unmodern wäre und erneuert, teilweise neu erfunden werden muss. Und so kommt es, dass zuerst Dinge mehrfach neu erfunden werden (Wie oft, zum Beispiel, wurde jetzt schon vorgeschlagen, kleine Bibliotheken in den Öffentlichen Personennahverkehr zu integrieren? Wie oft wurde es in unterschiedlichen Ländern und Städten umgesetzt und dann beim nächsten Mal ignoriert?) und zudem das, was vorgeschlagen wird, nicht angenommen wird. Das muss nicht daran liegen, dass die Projekte der Studierenden schlecht wären. Es heisst nur oft, dass das, was vorgeschlagen wird, für die Bibliotheken nicht als sinnvoll erscheint. (Gleichwohl muss man fragen, ob es wirklich sinnvoll ist, für Innovatives Projekten in der Länge von ein bis zwei Semestern anzulegen. Ist das wirklich eine passende Zeitspanne?)

Und man muss auch das Verstehen: Ist man als Bibliothekarin zum Beispiel seit Jahrzehnten damit beschäftigt, Schulklassen in die Nutzung der Bibliothek einzuführen und hört dann zum dritten Mal in fünf Jahren von „neuen, innovativen Konzepten nur Schulung von Schülerinnen und Schülern“ – was soll man dann davon halten? Insbesondere, wenn diese Konzepte oft nicht mal so recht wissen scheinen, wie diese Schulungen bislang abgehalten werden, sondern einfach davon ausgehen, dass sie unmodern wären.

Erstaunlich ist, dass man von solchen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren wenig hört in der bibliothekarischen Presse, auf den Bibliothekstagungen. Beziehungsweise: Selbstverständlich ist es nicht erstaunlich. Wir, als Bibliothekswesen, haben unsere Presse, unsere Konferenzen so entwickelt, dass dort angenommen, gedruckt und präsentiert fast nur noch das wird, was neu erscheint. Nicht das Kritik unwillkommen wäre, aber sie sollte schon etwas ganz Neues versprechen. Wo nun sollte das Personal, dass von den Podien herunter mehr oder mindern als veraltet dargestellt wird, überhaupt die Stimme erheben und fragen, was eigentlich so sinnvoll sein soll an bestimmten innovativen Projekten, was so falsch sein soll an bestimmten bisherigen bibliothekarischen Praktiken?

VI

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Dies ist kein Plädoyer für die Vergangenheit oder das Aufhalten von Fortschritt. Es ist ein Plädoyer für das Überdenken unserer Entwicklungsdiskurse und unserer in den Diskursfiguren situierten Denkweisen. Ganz klar ist:

  • Das die Zukunft viel spannender und besser sein wird und sein soll, als das Jetzige und dass wir – als Bibliothekswesen und als Menschheit – dies auch anstreben sollten.
  • Dass das Ausprobieren von neuen Dingen, neuen Technologien, neuen Konzepten gut ist, Spass macht und unbedingt getan werden muss. Aber: Nicht als reiner Selbstzweck, sondern vor dem Hintergrund der Sinnhaftigkeit für Bibliotheken, für Nutzerinnen und Nutzer, für die Gesellschaft.
  • Das man weder zu kleinen noch zu grossen Respekt vor der Geschichte der Institution Bibliothek und dem in Bibliotheken vorhandenem Wissen über die Möglichkeiten bibliothekarischer Praktiken haben darf. Weder darf man Dinge aufrechterhalten, weil sie Tradition haben (Traditionen sind kein sinnhafter Grund für irgendetwas) noch darf man sie, schon gar nicht mit einem groben und ungenauen Pinselstrich, einfach als veraltet und falsch abqualifizieren. Wir müssen genauer schauen, was wie und wieso funktioniert oder nicht. Es mag Dinge geben, die sind erstmal „fertig“ und müssen nicht erneuert werden.
  • Innovation ist kein Wert per se, sondern nur dann sinnvoll, wenn etwas in einer Organisation nicht (mehr) funktioniert oder aber neu tatsächlich besser geht. Die Diskursfigur „innovativ und neu“ verdeckt dies zu oft.

VII

Wer über die Zukunft nachdenken will, muss die tatsächlichen Entwicklungen und Entwicklungsverläufe beachten. So ist ein Blick in die Vergangenheit auch immer nur sinnvoll, wenn nicht nur wahrgenommen wird, was geworden ist, sondern auch, was hätte werden können. Jede Entscheidung, jede Innovation oder Nicht-Innovation ist immer auch ein Verwerfen von Möglichkeiten, die auch hätten gewählt werden können. Die Geschichte der Bibliothek ist unter anderem eine Geschichte von vergangenen Zukünften der Bibliothek. Sich dies zu verdeutlichen macht die Verantwortung, die man hat, wenn man Zukunft entwirft, wenn man innovative Dienstleistungen vorschlägt oder eine spezifische Interpretation einer bestimmten Umfragen favorisiert, klarer. Wir spielen nicht nur mit der Zukunft und dem Bibliothekswesen, wenn wir Entwicklungen vorhersagen; wir treffen vielmehr Aussagen, die Relevanz entwickeln können und andere mögliche Zukünfte verhindern.

Gleichwohl ist die Zukunft immer geiler als die Gegenwart oder gar die Vergangenheit. Veränderung ist nicht immer gut, was ich als Motto-Vorschlag für die nächste Inetbib-Tagung aufrecht erhalten möchte, ist dann vor allem eine Aufforderung Innezuhalten und zu Fragen: Was machen wir hier eigentlich immer wieder, wenn wir ständig von Neuem reden? Reden wir dann vielleicht gerade nicht von Dingen, die wichtiger sein könnten, als ob etwas neu oder nicht neu ist? Deckt der Diskurs zu Innovation und Neuheit nicht andere Fragen zu? (Hat man eigentlich noch Zeit, über die Frage der gesellschaftlichen Rolle von Bibliotheken nachzudenken, wenn man ständig Innovatives schaffen muss?)

Berlin, März 2013

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (15): 15 Bücher über Bibliotheken, die noch geschrieben werden müssen

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton von szepanski am 7. März 2013

von Karsten Schuldt und Christoph Szepanski

“We can only see a short distance ahead, but we can see plenty there that needs to be done.” – Alan Turing, Computing Machinery and Intelligence, Mind, 59, 433-460 (1950)

“Für die ruhigen Leser ist das Buch bestimmt, für Menschen, welche noch nicht in die schwindelnde Hast unseres rollenden Zeitalters hineingerissen sind und noch nicht ein götzendienerisches Vergnügen daran empfinden, wenn sie sich unter seine Räder werfen, für Menschen also, die noch nicht den Wert jedes Dinges nach der Zeitersparnis oder Zeitversäumnis abzuschätzen sich gewöhnt haben. Das heißt – für sehr wenige Menschen.” (Friedrich Nietzsche, Fünf Vorreden zu fünf ungeschriebenen Büchern. In: derselbe, Werke in drei Bänden. München 1954, Band 3, S. 272f.)

 

Wer, so wie wir uns, sich schon einmal die Frage gestellt hat, welche Bücher man über die Bibliotheks- und Informationswissenschaft gern im Studium- oder einem späteren Berufsabschnitt gern gelesen hätte (und besonders im Urlaub), aber nicht konnte, weil sie schlicht nicht existierten, dem wird hier eine kleine Liste geliefert. Manches Thema der unten aufgeführten Liste wurde in dem einen oder anderem (wissenschaftlichen) Beitrag schon behandelt. In einem solchen Fall sind wir zumindest der Ansicht, dass das Thema ausführlicher untersucht werden könnte. Ideal erscheint uns dafür zumeist die Buchform, das eine gewisse Menge an Wissen in passabler Form gesichert zu Verfügung stellt. Gäbe es diese Werke, so unsere Überzeugung, wäre das Bibliothekswesen und damit auch die Welt besser. Es ist also auch eine Liste für zu schreibende Arbeiten, Vorschläge für Abschlussarbeiten oder Alterswerke.

1. Read a m******* book: HipHop and the Public Library
Unverkennbar ist HipHop eine Kultur, welche eine Position besetzt, die einst von Literatur und Poetik eingenommen wurde: Jugendkultur, Ausdruck von Begehren, Aufbruch, Rebellion; Einfordern des Guten Lebens. Gleichzeitig ist HipHop in seinen besten Ausprägungen zutiefst poetisch: “But some things will never change / try to show another way / but you staying in the dope game / now tell me what’s a mother to do / being real don’t appeal to the brother in you / you gotta operate the easy way / I made a G today but you made it in a sleezy way / selling crack to the kids / I gotta get paid well hey well that’s the way it is.” (2Pac Shakur: Changes). Solche Einsichten und Poetiken lassen sich nur begreifen unter dem Einfluss harter Realität, eigenständiger Reflexionleistungen und der aktiven Auseinandersetzungen mit Literatur. Das Auftreten des HipHop in New York, späterhin anderen Metropolen der USA, legt die Vermutung nahe, dass der Zugang zur Literatur, der von dieser Kultur immer wieder bewiesen wird, auch über das System der Public Libraries realisiert wurde. Die Studie wird die Interdependenzen zwischen HipHop und Public Library untersuchen und aufzeigen, ob Öffentliche Bibliotheken Auswirkungen auf die Lyrikproduktion des HipHop hatten. Die Untersuchung ist vor allem historisch angelegt.

2. Stanisław Lem / Die Vierte Reise des Ijon Tichys
Bekanntlich enthalten die Aufzeichnung der Sternenreisen des Ijon Tichys Lücken, die damit gerechtfertigt sind, dass sie sowohl zeitlich als auch räumlich geordnet stattfinden und deshalb eine erste Reise nicht existieren kann. Wie Tichy allerdings in der achtundzwanzigsten Reise darlegt, können Lücken auch anders entstanden sein, insbesondere indem Teile der Aufzeichnungen noch unentdeckt in der schwarzen Ferne herumfliegen.
In der neu entdeckten vierten Reise berichtet Tichy vom Besuch im Kometennebel Entylan, genauer: bei den Iplonden. Die Iplonden haben vor Jahrmillionen den Plan entworfen, dass Wissen der Sterne zu sammeln und allgemeinverständlich aufzubereiten. Dabei weichen sie aus verständlichen Gründen – siehe die Erinnerungen Tichys an Professor A. Donda – auf die Speicherung der Information (nicht des Wissens) auf unbewohnten Planeten aus. Tichy besucht sowohl die Speicher- als auch Produktionsstätten und überzeugt sich von den Möglichkeiten der Sammlung, bedauert, dass sie nicht schon im 27., sondern erst im 31. Jahrhundert zur allgemeinen Verfügbarkeit stehen werden. Er schlägt die Einführung einer großzügigen Zugangspraxis vor, die im 34. Jahrhundert tatsächlich eingeführt wird.
(Lems Text ist selbstverständlich eine Kritik am Stalinismus, der Unlogik des Kapitalismus und dem mangelnden Umweltschutz.)

3. Sex and Pornography in Libraries
Dieses Werk, dass immer wieder vorgeschlagen, dann allerdings voreilig verworfen wird, lotet den Zusammenhang zwischen Erotika und Bibliotheken aus. Einerseits stellt es die Sammlungspraxis von Bibliotheken und die sich verändernden Aufgabenstellungen von Erotika-Sammlungen vor (wobei sowohl auf die Sammlungs-, Medienbeschaffungs- und Mediennutzungsgeschichte als auch die Rechtsgeschichte eingegangen wird). Andererseits thematisiert das Werk die Bibliothek als Ort von Erotika und Pornography und arbeitet eine theoretische Basis zum Verständnis des Begehrensortes Bibliothek aus, welche sowohl auf die Theorie des dritten Ortes, der Erotik des Verbots sowie die Anziehungskraft (vermeintlicher) Intellektualität eingeht. Im Anhang findet sich eine Biblio- und Filmographie aller Erotika, die einen direkten oder indirekten Bezug zur Bibliothek haben. Entgegen der Hoffnungen mancher Individuen ist dieses Buch höchst wissenschaftlich und objektiv.

4. Karsten Schuldt / Der Diskurs und der Katalog
In einer diskurstheoretischen Untersuchung wird der Bibliothekskatalog nicht, wie schon einige Male zuvor, als abstraktes Sprachsystem verstanden, sondern als Diskursobjekt. In den Katalog, so die Hauptthese des Werkes, sind nicht nur die bibliothekarischen und gesellschaftlichen Diskurse der jeweiligen Gesellschaft, in der eine Bibliothek existiert eingeschrieben. Vielmehr wirkt der Katalog gleichzeitig normierend auf den Zugang zu Wissen, den Ort Bibliothek und der Stellung der Bibliothek in der Gesellschaft. Die Untersuchung führt dies anhand einer Kataloggeschichte, beginnend in der frühen Neuzeit und endend bei FRBR und RDA, aus.

5. Chronik vergangener Medienhypes
Bibliotheken unterliegen gesellschaftlicher Hoffnungen. Regelmäßig wird die Behauptung erhoben, bestimmte neue Medien stellten eine Rettung von Bibliotheken dar und würden ihre Arbeit grundlegend ändern. Die Medien müssten in den Bestand aufgenommen werden, um überhaupt Nutzerinnen und Nutzer in der Bibliothek zu halten, gleichzeitig würden sie die bibliothekarische Arbeit grundlegend verändern. Die Chronik stellt diese Versprechen und Medien, ausgehend von frühen 18. Jahrhundert, objektiv vor. Der Band enthält zahlreiche historische Dokumente zu bibliothekarischen Debatten. Im Nachwort warnt die Herausgeberin explizit davor, alle neuen Medien als reine Hypes zu diskreditieren.

6. Bibliothekscafés: Organisation, Management, Wirkungen, Beispiele
Das Bibliothekscafe hat sich in den letzten Jahren in verschiedenen Bibliothekssystemen als Standardeinrichtung durchgesetzt, welche den sozialen Charakter von Bibliotheken unterstützen soll. Dabei ist nicht nur der Aufbau, sondern auch die Bedeutung der Bibliothekscafés äußerst unterschiedlich: Kleine Buchcafés, größter sozialer Treffpunkt kleiner Gemeinden, eines unter zahlreichen Cafés im Umfeld in größeren Städten. Einige dieser Einrichtungen werden kommerziell betrieben, andere von den Bibliotheken selber. Immer stellt sich die Frage, in welcher Beziehung des jeweiligen Cafés zu den restlichen Aufgaben der Bibliothek steht.
Das Buch gibt eine Übersicht zu Modellen der Bibliothekscafés, ihrer Planung und Leitung. Es ermöglicht die strategische Planung dieser Einrichtungen und liefert zahlreiche illustrierende Beispiele.

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Ein Menschenleben vermag wohl ein wenig zu kurz zu sein, damit diese Liste von nur einem Autor oder einer Autorin abgearbeitet werden kann. Wenn wir behaupten, es würde der Bibliotheks- und Informationswissenschaft gut tun, a) etwas mehr Selbstreflexion zu betreiben und b) etwas mehr über den Tellerrand zu blicken sowie c) es gibt noch nicht genug Literatur von der Art, die man eigentlich zu unserem Fach lesen möchte, dann benötigen wir in erster Linie eines: Dich. Dein Engagement, Ideen und Kreativität sowie Erkenntniswille. Die müssen sich nun nicht unbedingt mit dieser Liste decken (was wir selbstverständlich begrüßen), aber du kannst wie aufgezeigt ein wichtiger Teil sein. LIBREAS im Allgemeinen und die frei13 im Besonderen ist der bunte Ort, um sich einander vorzustellen an deren Ende eventuell sogar Sympathie und gemeinsame Pläne stehen. Da ist es auch nicht wichtig wie viel davon umgesetzt wird, d.h. prozentual gesehen, wichtig ist nur, dass man sich auf Neues einzulassen bereit ist. Am Ende ist es immer noch besser 1 von 15 Büchern umzusetzen als gar keines oder nur ein Weiteres, das bereits etablierte Argumentationsschleifen bedient.

7. Neo-Kybernetische Manifeste
Eine These: Die Kybernetik hatte in ihrer Grundidee Recht, nicht aber in ihrer Ausführung. Offensichtlich war ihre Ausarbeitung zu unterkomplex, um die tatsächlichen Rückkopplungen und Kreisläufe der Gesellschaft zu untersuchen. Die technologische Entwicklung ist fortgeschritten, heute gilt es auszuloten, inwiefern die kybernetische Idee mithilfe moderner Rechner und Bibliothekssysteme dargestellt und umgesetzt werden kann. Die Manifeste werden diese Diskussion anstoßen.

8. Gruppe Weltbibliothek (Hrsg.) / Weltbibliographie. Entwurf einer umfassenden Bibliographie auf der Basis nationalbibliographischer Arbeit
Ein Aufruf, eine Streitschrift. Die nationalbibliographischen Arbeiten sind nur der Anfang, Ziel aller bibliothekarischer Arbeit muss die Weltbibliothek sein; eine Einrichtung, die im Netzwerk allen Menschen alle Informationen zur Verfügung stellt. Einer der wichtigsten Schritte hin zu dieser Einrichtung muss die Weltbibliographie sein. Die Gruppe Weltbibliothek und andere Persönlichkeiten des Bibliothekswesens liefern in dieser Schrift eine überzeugende Argumentation für diese These.

9. Akquise und De-akquise: Eine Soziologie des Bibliotheksbestandes
Während bibliothekarische Arbeiten bislang vor allem die praktische Planung des Bestandes und das Erarbeiten von Bestandsstrategien beschrieben, versteht diese Studie den Bestand von Bibliotheken als Ergebnis sozialer Prozesse. Der Bestand und seine Entwicklung wird als Untersuchungsobjekt genutzt, um, aufbauend auf organisationssoziologische und systemtheoretische Arbeiten, eine Theorie der Entwicklung des Bibliotheksbestandes aus gesellschaftlicher Perspektive zu entwerfen. Dabei wird der Anspruch erhoben, ausgehend von messbaren Faktoren (insbesondere die soziale Stellung der Fachreferentinnen und -referenten, dem Bibliotheksetat, der räumlichen Verortung der Bibliothek, des Bildungskapitals der Bibliotheksleitung und der Titelproduktion der lokalen Verlagslandschaft) die Entwicklung eines Bestandes für einen Zeitraum von zehn Jahren antizipieren zu können. Enthält Fallbeispiele.

10. Die Bibliothek aus Sicht bedeutender Systemtheoretikerinnen und -theoretiker
Systemtheoretikerinnen und -theoretiker der Gegenwart nehmen Stellung zur Bibliothek in Vergangenheit, im Jetzt und der Zukunft. Behandelt wird der Gegenstand der Bibliothek in Essays und Interviews. Darunter auch Zitate und Kommentare zur Institution Bibliothek von Systemtheoretikerinnen und -theoretikern, die leider nicht mehr ausführlicher befragt werden können. Der Band enthält Positionen zur gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und ökonomischen Verantwortung von Bibliotheken und nennt wichtige Momente und Anekdoten der mehr als zweitausendjährigen Bibliotheksgeschichte. Darin enthalten auch die Frage, wie die letzten zwei Jahrtausende sich entwickelt hätten, gäbe es die Bibliothek und ihre Möglichkeiten nicht. Verfügbar als Paperback sowie als Goldschnitt.

11. Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft in Osteuropa: Einblicke, Perspektiven, Erkenntnisse
Erkenntnisse und Inspiration bezieht die Bibliotheks- und Informationswissenschaft in den D-A-CH-Staaten gern aus Regionen wie Skandinavien, Großbritannien, Australien oder den USA. Ziel dieses Sammelbandes ist es, sich der osteuropäischen Informationsbranche anzunehmen. In einer Vielzahl an Beiträgen, unter anderem von Wissenschaft und Praxis aus Polen, Russland, Kroatien oder Lettland werden Typen, Besonderheiten und Wege, Wissen zu normieren, dargestellt. Zudem liefert dieser Band historische Bezüge und gibt einen Einblick in die schwierige Zeit sowie teilweise Neuaufstellung des Bibliothekswesens nach dem Zusammenfall des Ostblocks. Den Abschluss bildet ein Überblicksartikel, welche Theorien und weiteren Einflüsse die Bibliotheks- und Informationswissenschaft in der Osteuroparegion durch die Jahrhunderte über prägten.

12. Gegenwart und Zukunft der Bibliothek: ein Dialog zwischen Expertentum und Laiensicht
Dieses Werk wagt einen Versuch: bedeutende Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Informations- und Bibliothekswissenschaft debattieren in Form schriftlicher Dialoge über den Gegenstand der Bibliothek – jedoch mit Laien und Laiinen. Darunter aus Bibliotheks- und informationswissenschaftlicher Sicht fachfremde Menschen wie der Regionalpolitik, Wirtschaft, Lernenden sowie Lehrenden, jemand der erst an seinem Lebensabend die Bibliothek für sich entdeckte sowie ein Meister im Fach der Gas- und Wasserinstallation. Als ein Highlight sei hier der Dialog mit einer Gruppe von Kindern und einem emeritierten Professor vorgestellt, die sich gemeinsam dem Ideal einer Bibliothek anzunähern versuchen. “Mehr zuhören”, so die Prämisse des Werkes. Alle Dialoge liegen als Ausschnitte in Videoform auch auf der Webseite bereit. Nicht nur für das Fach ist dieser Versuch sehens- sowie lesenswert. Kommunikations- und Transferwissenschaft dürften ebenso profitieren.

13. Die Süchte der Bibliothekare, die Laster der Bibliothekarinnen
In der gesellschaftlich etablierten Sicht auf die Bibliothekarinnen und Bibliothekare dieser Welt sind diese mitnichten mit einem Rockstar-Image behaftet. Sie gelten schon eher als leicht spießig, zurückhaltend und als wüssten sie nicht wie man als Mensch mal richtig entspannt. Das kleine Essay sucht nicht nur nach den Ursachen dieses Bildes, sondern erkundet auch eine Reihe der Laster mehr oder weniger bekannter Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Ferner behandelt dieser Text die Frage, wie oft das Personal von Bibliotheken es wagt, in neue Bewusstseinszustände zu transzendieren und welche Mittel sie häufig dazu einsetzen. Zudem werden Einblicke in die Sehnsüchte, intime Gedanken und einschneidende Erlebnisse in jungen Jahren, kurz vor der Berufswahl, gegeben. “In der Bibliothek arbeitet man nicht zufällig”, so die übergreifende Behauptung des Essays. Psychologisch fundiert und mit einigem empirischen Material im Anhang wird diese Behauptung überprüft. Eine zugegeben nicht ganz ernst gemeinte Tabelle des richtigen alkoholischen Getränkes zur jeweiligen Literaturgattung (mit Beispielen) findet sich in der Mitte des Buches.

14. Bibliotheks- und informationswissenschaftliche Erkenntnisse und ihre Verwendung in anderen Disziplinen
Dem Fach wird bisweilen unterstellt, Methoden und Erkenntnisse anderer Disziplinen zu nutzen ohne in gewinnbringender Relation theoretische sowie praktische Aussagen für jene Disziplinen in umgekehrter Richtung zu liefern. Aber stimmt das? Das Handbuch stellt zunächst entscheidende Einflüsse auf die bibliothekarische und informationswissenschaftliche Wissenschaft und Praxis, die sie maßgeblich aus anderen Disziplinen erhielt, vor und versucht dann, aus wissenschaftstheoretischer Sicht sowie bibliometrischen Analysen zu untersuchen, inwieweit das Fach auch andere Disziplinen beeinflusste. Das Werk ist geeignet für Studienanfänger und wissenschaftlich Tätige sowie ebenso für Akteurinnen und Akteure anderer Disziplinen. Am Ende wird anhand von Handlungsanregungen aufgezeigt, inwiefern die Wissenschaft im Allgemeinen künftig besser das Wissen anderer Disziplinen integrieren kann, sodass etwaige Ansprüche auf angemessene Reputation gewahrt bleiben.

15. Zum richtigen Verhalten in einer Bibliothek – ein Vademekum.
Den Raum irgendeiner bibliothekarischen Einrichtung zu betreten ist manchmal bedeutungsschwanger, jedoch oft genug an festen Regeln gebunden, damit die Interessen der verschiedenen Nutzerinnen und Nutzer respektiert bleiben. Neben historischen Bezügen, welche die oft stillen Übereinkünfte in einer Bibliothek herleiten sind auch originelle Beiträge enthalten. Darunter: “23 Fehler, die alle in einer Bibliothek machen dürfen”. Des Weiteren unternimmt das Werk Vorstöße, um psychologische Motive wie Bibliotheksangst, Bibliomanie oder das AIBS des gemeinen Bibliotheksmitarbeiters beziehungsweise der gemeinen Bibliotheksmitarbeiterin begreiflich zu machen. Nichtzuletzt sind die Beiträge auch spannend für das Bibliothekspersonal im Allgemeinen, werden diese doch oft genug in die Perspektive mit einbezogen.

Berlin und Potsdam, 7. März 2013

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (17): Wie wollen wir arbeiten?

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS on tour, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton von Karsten Schuldt am 5. März 2013

von Karsten Schuldt

I have never found a companion that was so companionable as solitude. We are for the most part more lonely when we go abroad among men than when we stay in our cambers. A man thinking or working is always alone, let him be where he will. (Henry David Thoreau)

The nice thing about teamwork is that you always have others by your side. (Margaret Carty)

Im allerersten Countdown zur allerersten frei<tag> – das war gerade mal vor zwei Jahren, aber es fühlt sich an wie zehn oder zumindest achteinhalb – gab es einen Beitrag zu den Arbeitsplätzen der damals die Unkonferenz Organisierenden. Die These hinter diesem Beitrag war, dass die Arbeitsplätze und wie wir sie präsentieren, mehr über uns aussagen würden als zum Beispiel unsere Porträtphotos, Lieblingsmusik oder Hobbys. Ergebnis dieser Photos war unter anderem, dass die Computer, nicht die gedruckten Medien, im Mittelpunkt unserer Arbeitsplätze standen (genauer: auf den meisten Bilder gab es überhaupt keine gedruckten Medien und wenn, bezogen die sich kaum auf Bibliotheken). Ausserdem fiel auf, dass kaum jemand von uns direkt in Bibliotheken, viele hingegen in Wissenschaftseinrichtungen tätig war.

Was allerdings überhaupt nicht geklärt wurde, durch diese Bilder, war, wie wir eigentlich arbeiten wollten. Sicher: Wir konnten unsere Arbeitsplätze selber gestalten und ja, im Grossen und Ganzen sagten Sie uns auch zu. (Ich konnte zum Beispiel aus meinem Fenster täglich die Sonne über der grossen Synagoge in der Oranienburger Strasse untergehen sehen, während sich ihre Strahlen in deren goldenem Dach und der Spree brachen, gleichzeitig hörte ich die Touristinnen und Touristen, Studierende und Dozierenden unter meinem Fenster entlanggehen. What’s there not to like?) Aber: Wir konnten uns die eigene Arbeit und Arbeitseinteilung nicht aussuchen. Wieder mit einer gewichtigen Einschränkung: Diejenigen von uns an den Hochschulen haben selbstverständlich trotz allem mehr Freiheiten dabei die eigenen Arbeitsinhalte und -bedingungen zu bestimmen als andere. Freiheit der Wissenschaft und so.

Inetbib-Tagung 2013, Humboldt-Universität zu Berlin, Session zum Themenfeld Open Access, 04.03.2013. Versteckt auf dem Bild finden Sie (a) eine LIBREAS-Redakteurin/einen LIBREAS-Redakteur, (b) eine/einen aktuelle/n LIBREAS-Autor/in, (c) zwei intensive LIBREAS-Lesende. Finden Sie alle vier! (Tipp: Alle auf dem Podium. Open Access im Bibliotheksbereich und LIBREAS... Sie wissen schon. Gleich drei Redkteurinnen/e der Zeitschrift treten auf der Tagung auf, womit die Redaktion mit dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU und dem Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HWT Chur gleichzieht. Sacrebleu.)

Inetbib-Tagung 2013, Humboldt-Universität zu Berlin, Session zum Themenfeld Open Access, 04.03.2013. Versteckt auf dem Bild finden Sie (a) eine LIBREAS-Redakteurin/einen LIBREAS-Redakteur, (b) eine/einen aktuelle/n LIBREAS-Autor/in, (c) zwei intensive LIBREAS-Lesende. Finden Sie alle vier! (Tipp: Alle auf dem Podium. Open Access im Bibliotheksbereich und LIBREAS… Sie wissen schon. Gleich drei Redakteurinnen/Redakteure der Zeitschrift treten auf der Tagung auf, womit die Redaktion mit dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU und dem Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HWT Chur gleichzieht. Sacrebleu.)

Dennoch: Es wäre interessant zu wissen, wie wir eigentlich in Zukunft arbeiten wollen. Wenn wir über die Zukunft der Informationswissenschaft, der Bibliotheken und angrenzender Einrichtungen debattieren, debattieren wir auch über die dortigen Arbeitsbedingungen, wenn auch indirekt.

  • Sagen wir zum Beispiel: Bibliotheken müssen 24 Stunden am Tag offen haben, sagen wir zumeist auch: Bibliotheken müssen 24 Stunden am Tag Personal haben. Dass heisst: Irgend jemand muss da um zwei Uhr an einem Donnerstag sein und irgendwer anders um Montag Morgen um fünf. Wollen wir das? (Oder lassen sich Bibliotheken so gestalten, dass sie zu bestimmten Zeiten staffless sind?)
  • Oder: Wenn wir sagen, die Bibliothekswissenschaft sollte mehr ethnologische Methoden anwenden, heisst das auch, dass da Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich in langwierigen, systematischen Beobachtungsmethoden üben müssen. Wollen wir das?
  • Oder: Wenn wir sagen, der Reference Service am Infodesk ist nicht mehr notwendig, wir brauchen Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die auf die Nutzerinnen und Nutzer zugehen, die hinter der Theke hervorkommen, die gar keine Theke mehr haben, heisst das auch, dass wir Bibliothekarinnen und Bibliothekare dazu nötigen, so zu arbeiten. Wollen wir das? Muss jede und jeder in der Bibliothek „etwas mit Menschen machen“?
  • Wenn wir im Zuge der Debatten um RDA davon ausgehen, dass das Katalogisieren immer mehr eine kooperative Tägigkeit von Spezialistinnen und Spezialisten wird, heisst das auch, dass die Arbeit der Katalogabteilungen sich ändern wird. Sie werden weniger werden, mehr mit anderen Katalogabteilungen direkt kommunizieren etc. Auch hier: Wollen wir das?
  • Wenn wir davon ausgehen, dass die Bibliotheks- und Informationswissenschaft immer mehr zu einer Wissenschaft werden sollte, in der verteilt über Forschungseinrichtungen an Daten geforscht wird, dann wird sich die Arbeitsweise der Forschenden verändern: Weniger an einen Ort gebunden, wenig an die Bibliothek gebunden, viel unterwegs. Wollen wir das? (Geht das eigentlich: Eine Bibliothekswissenschaft, die den Ort Bibliothek nicht aufsucht?) Wir gehen zum Beispiel davon aus, dass alle Forschung immer mehr Daten produziert und dass wir diese Daten verwalten sollten. Aber wollen wir das eigentlich auch für unsere Arbeit?

Man wird vielleicht nicht unbedingt Bibliothekarin oder Bibliothekar, Forschende oder Forscher weil man die Arbeitsbedinungen dieser Tätigkeiten schätzt; aber man wächst in sie hinein und findet sich mit der Zeit oft in ihnen zu Recht (oder wechselt fort, erstaunlich oft von der Forschung in die Bibliothek). Aber, wie uns die gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen der letzten 150 Jahre oder so gelehrt haben, sind die Arbeitsplätze und -bedingungen kein unabänderliches Schicksal. Wie wir arbeiten wollen bestimmt in einer langen Perspektive auch, wie wir am Ende arbeiten. Manchmal setzt man Bedinungen direkt durch, manchmal durch „Einschleifen“, machmal schafft man es nicht.

Aber:

  • Wieviel wollen wir eigentlich in unser Arbeit mit anderen Menschen, mit Daten, mit welchen Medien, mit welchen anderen Einrichtungen zu tun haben?
  • Wie lange wollen wir arbeiten, zu welchem Lohn, mit welchen Freiheiten?
  • Wollen wir dem Kult der Alleinarbeit, der Teamarbeit oder keinem von beiden fröhnen?
  • Wollen wir sichere Arbeitsverhältnisse oder spannende, wechselnde Aufgaben? Wollen wir an einem Ort bleiben oder viel unterwegs sein?
  • Wollen wir Serviceorientiert sein oder mehr Erkenntnisorientiert?
  • Wollen wir Jobs und nebenher Freizeit oder wollen wir Aufgaben, die uns ganz ausfüllen?
  • Ist uns egal, wie die anderen in unseren Einrichtungen arbeiten, z.B. die Wachfrau früh um zwei, oder nicht?
  • Wie werden wir nennen was wir machen? (Hier: Desletztens nannte jemand, was ich mache, „Privatgelehrtentum“ und nicht Wissenschaft, ganz explizit getrennt. Das ist schon interessant. Sind das unterschiedliche Dinge? Macht z.B. die Kollegin Kindling mit ihren Forschungen zu Repositorien und Open Access Wissenschaft und ich nicht? Hat das Auswirkungen auf unsere Arbeit?)

Sehr oft wird die Zukunft von Einrichtungen und Forschungseinrichtungen diskutiert ohne über die damit einhergehenden Veränderungen der Arbeitsbedingungen zu diskutieren. Das Ergebniss ist dann oft, dass die Veränderungen auch deshalb nicht eintreten, weil die Beschäftigten sich ihre Arbeitsleben anders vorstellen und z.B. nicht auf die Informationstheke verzichten wollen. Deshalb sollten wir nicht vergessen, uns auch darüber zu unterhalten.

Potsdam, März 2013

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (18): Das Dokument

Veröffentlicht in Hinweise, LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton von Karsten Schuldt am 4. März 2013

Karsten Schuldt

Eine der spannendsten Diskussionen, die in den bibliothekarischen Literatur der letzten Monate angesprochen wurde, ist die nach der Distinktheit der Dokuments. Sarah Dudek hat diese Frage gestellt (Dudek, Sarah (2012) / Die Zukunft der Buchstaben in der alphanumerischen Gesellschaft. Text und Dokument unter digitalen Bedingungen. In: Bibliothek Forschung und Praxis 36 (2012) 2, 189–199) Auch Jakob Voss hat vor einigen Jahren dazu einen Vorstoss unternommen. (Voß, Jakob (2009) / Zur Neubestimmung des Dokumentenbegriffs im rein Digitalen. In: LIBREAS. Library Ideas 5 (2009) 2.) Die Frage ist eigentlich ziemlich einfach, aber potentiel weitreichend.

  1. Trennt sich im Elektronischen das Dokument vom Träger so sehr, dass es nicht mehr distinkt ist?

Dies bezieht sich auf eine einfach Beobachtung: Bislang gehen wir davon aus, dass ein Dokument eine zusammengehörige Entität ist. So ist ein Artikel ein inhaltlicher Zusammenhang. Der Titel, die Namen der Autorinnen und Autoren, die Argumentation, der inhaltliche Aufbau, die Schlussfolgerung: alles gehört zusammen. Aber das muss nicht mehr so sein. Gehen wir gar nicht von den Internetdiensten aus, die sich jeweils auf Anfrage neu zusammensetzen. Schauen wir einfach auf wissenschaftliche Artikel, die auf Forschungsdatensätze verweisen, die „irgendwo anders“ liegen, aber für die gesamte Argumentation notwendig sind. Textdaten und Forschungsdaten liegen auf unterschiedlichen Servern, und zwar nicht nur auf der Ebene des Datenmanagements, sondern auch sichtbar. Was ist das dann für ein Dokument? Wo sind die Grenzen?

  1. Falls sich das Dokument als fluide herausstellt und beispielsweise der Ausdruck eines Artikels nur eine Zeitaufnahme ist, die aber sich inhaltlich von den anderen Ausdrucken nicht unterscheidet, was ist das Dokument dann?
  2. Wenn das Dokument fluide wird, was sammeln, ordnen, archivieren, erschliessen etc. wir dann eigentlich?

Denken wir an das E-Book. Was ist das für ein Dokument? Noch ist es vor allem ein besseres PDF, manchmal etwas angereichtert. Aber wir alle haben schon andere Beispiel gesehen und wir wissen, dass da mehr kommen wird. E-Books, die sich aus verschiedenen Medienquellen zusammensetzen. E-Books, welche die Steuerung und Manipulation von anderen Medien, von Datensammlungen erlauben. E-Books, die nicht mehr ein Gesamtwerk sein werden, sondern ein neues Werk bei jedem Aufruf oder nach Änderungen an kleinen Datenmengen, auf die sich das E-Book bezieht.

Und dann? Werden wir alle Datenquellen sammeln, aus denen sich ein solches Medium zusammensetzt? Nur die Metadaten? Momentaufnahmen? Das gesamte Denken über Inhalte im Bibliothekswesen ist mehr oder minder an die Grundthese gebunden, dass Inhalt und Medium zusammengehören. Immer mehr deutet sich an, dass in bestimmten Medienformen dieser Zusammenhang aufgetrennt wird. Das am Beste zu verstehende Beispiel dafür sind die Forschungsdaten, über deren Curation im Bibliotheksbereich zur Zeit geredet wird. Was sind das eigentlich für Datenformen? Wie werden Sie mit anderen Daten zu welchen Dokumenten verbunden? Wieso?

"Die Überlagerung des nationalen Systems der Politik durch transnationale Felder schleift die Bastionen des Traditionalismus, bricht die Kartellstrukturen auf und macht den Weg frei für Erneuerung. Weil sie von außen kommen, können die neuen transnationalen Eliten, befreit von den Restriktionen der beschriebenen Illusio, bisher undenkbaren sozialen Wandel in Gang setzen. Aus der nationalen Sicht müssen diese neuen Strukturen der Herrschaft und das neue Denken, das sie mit sich bringen, zwangsläufig als illegitim erscheinen." (Münch, Richard (2009) / Globale Eliten, lokale Autoritäten : Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2009, S. 203)

“Die Überlagerung des nationalen Systems der Politik durch transnationale Felder schleift die Bastionen des Traditionalismus, bricht die Kartellstrukturen auf und macht den Weg frei für Erneuerung. Weil sie von außen kommen, können die neuen transnationalen Eliten, befreit von den Restriktionen der beschriebenen Illusio, bisher undenkbaren sozialen Wandel in Gang setzen. Aus der nationalen Sicht müssen diese neuen Strukturen der Herrschaft und das neue Denken, das sie mit sich bringen, zwangsläufig als illegitim erscheinen.” (Münch, Richard (2009) / Globale Eliten, lokale Autoritäten : Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2009, S. 203)

Aber es geht weiter: Bob Nicholson (Medienhistoriker an der Edge Hill University, Ormskirk, UK) behauptet folgendes:

The concept of a ‘digital methodology’ rests on one key idea: a hard copy of a newspaper is fundamentally different from a digitised version. At first glance, this difference seems obvious; one source is made from paper, the other exists as billions of 1s and 0s. However, the transformative effect of digitisation streches beyond this material transition. Unlike microfilming, the creation of a digital newspaper does not simply produce what archivists term a ‘surrogate’, or stand-in, for the original. Instead, it creates something new; sources are ‘remediated’ and not just reproduced. Though a digitised text may look familiar, it is not the same source; we are able to access, read, organisa and analyse it in radical new ways.“ (Nicholson, Bob (2013) / The Digital Turn : Exploring the methodological possibilities of digital newspaper archives. In: Media History 19 (2013) 1, 59-73)

Im Weiteren argumentiert er, dass sich digitalisierte Zeitschriften durch die Einbindung in Datenbanken für die Medienhistorie in eine völlig neue Form von Medium verwandeln, ein Medium, an das andere Fragen gestellt werden können und das sich erst wirklich erschliesst, wenn man mit den Werkzeugen zum Erschliessen „spielt“. Das Objekt, dass untersucht wird, wird im Suchlauf erstellt und zugänglich gemacht. Für Nicholson geht es dabei um die Zugänge der Mediengeschichte, für Bibliotheken und die Bibliothekswissenschaft sollten sich vor allem für die Frage interessieren, was das da eigentlich für ein Dokukment ist, dass Nicholson beschreibt? Ist es ein Dokument? Ist es nicht eine fludie Sammlung von Daten, die im Zuge des Aufrufes zum Dokument wird, dann aber auch nicht stillsteht?

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (20): Steile Thesen, mehr Diskussionen

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton von Karsten Schuldt am 2. März 2013

von Karsten Schuldt

Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen. (Friedrich Dürrenmatt)

Mit der frei<tag> 2013 wollen wir unter anderem die Zukunft der Bibliotheks- und Informationswissenschaft ausloten. Die Zukunft, das wissen wir alle, ist ein Konglomerat aus dem, was man entwirft, dem, was von anderen entworfen wird, den pfadabhängigen Entwicklungen und Machtkämpfen in Institutionen und Gesellschaft sowie unerwarteten Ereignissen. Oder anders: Sie ist nur zum Teil verständlich, nicht einfach planbar, aber auch nicht zufällig. Was auf jede Zukunft vorbereitet, ist ein Verständnis des Gegebenen und eine Ahnung davon, was man haben will. Ansonsten wird die Zukunft keine Zukunft sein, sondern etwas, dass über einen hereinbricht. Die Zukunft wird anders sein als das Heute, aber auch nicht unabhängig sein davon. Was wir heute entscheiden wird Einfluss haben; was wir heute verwerfen wollen kann in Zukunft verworfen sein.

In der Managementsprache kommt oft der Begriff der strategischen Planung vor. Das ist selbstverständlich verwirrend: Strategische Planung klingt danach, als würde alles so kommen, wie man es plant, wenn man nur den Überblick behält, einen klaren Plan macht und proaktiv an seiner Umsetzung arbeitet. Aber: Dabei kann man sich immer verrechnen, wichtige Einflüsse übersehen, über- oder unterschätzen, sich zu sehr auf den Zufall verlassen, den Einfluss des strategischen oder nicht-strategischen Handelns anderer falsch einschätzen. Napoleon zum Beispiel hatte falsch geplant, als er davon ausging, bei Waterloo die englischen Truppen geschlagen zu haben, wenn die preußischen eintreffen würden. Wir wissen: Das stimmte nicht. Aber: Dank seiner Planungen ist Napoleon überhaupt mit Truppen bis nach Waterloo gekommen. (Und immer noch ist das Rätsel offen, ob ein vereintes Europa unter Frankreichs Aufklärung wirklich ein schlechte Option gewesen wäre. Das ist bei anderen Europaeroberungsplänen anders.) Die strategische Planung ist auch nicht vollständig falsch kann uns das lehren.

Oder es könnte auch sein, dass die Welt wirklich untergeht, der Sommer zum Winter wird, die Tage zu Nächten, die Nächte zu Zeiten des allgemeinen Chaos. In den Alpen sich zu verkriechen könnte da eine Strategie sein, aber wer den gesamten Dürrenmatt gelesen hat weiss, dass auch das keine wirklich gute Strategie ist. Wenn die Welt untergeht und selbst auf die Schweiz Atombomben fallen, werden Bücher zu Feuermaterial. Dennoch: Für einige Tage oder Wochen mag der Weg in die Berge, hinauf mit den letzten fahrenden Bahnen, hindurch den Schnee und Niederschlag von dem man nicht weiss: Ist er gut oder schlecht? Was verbirgt sich darunter? eine Hoffnung bieten. Eine trügerische. Aber, wieder Weltliteratur, das  Decamerone zeigt ja auch, dass diese kurze Hoffnung genossen werden kann. If you have to go, why not with a Boom?Andererseits wird man es vielleicht verdammen, dass man damals lieber Bücher las und über die Anwendbarkeit der Foucaultschen Diskursanalyse auf reine Datenmengen stritt, wenn man hätte das Skyfahren erlernen können.

Oder es könnte auch sein, dass die Welt wirklich untergeht, der Sommer zum Winter wird, die Tage zu Nächten, die Nächte zu Zeiten des allgemeinen Chaos. Sich in den Alpen zu verkriechen könnte da eine Strategie sein, aber wer den gesamten Dürrenmatt gelesen hat, weiss, dass auch das keine wirklich gute Strategie ist. Wenn die Welt untergeht und selbst auf die Schweiz Atombomben fallen, werden Bücher zu Feuermaterial. Dennoch: Für einige Tage oder Wochen mag der Weg in die Berge, hinauf mit den letzten fahrenden Bahnen, hindurch den Schnee und Niederschlag von dem man nicht weiss: Ist er gut oder schlecht? Was verbirgt sich darunter? eine Hoffnung bieten. Eine trügerische. Aber, wieder Weltliteratur, das Decamerone zeigt ja auch, dass diese kurze Hoffnung genossen werden kann. If you have to go, why not with a Boom?
Andererseits wird man es vielleicht verdammen, dass man damals lieber Bücher las und über die Anwendbarkeit der Foucaultschen Diskursanalyse auf reine Datenmengen stritt, wenn man hätte das Skifahren erlernen können.

Hier nun ein Aufruf: Wir, als Wissenschaftscommunity aber auch als Bibliothekswesen, sollten die Zukunft nicht über uns hereinbrechen lassen; auch wenn wir wissen, dass eine Planung immer etwas schief geht. Das Planen anstossen tun sehr oft intensive und heftige Diskussionen. Heftige Diskussionen werden sehr oft von steilen Thesen und grossen Behauptungen angeregt, gegen die man sich offen zu verwehren oder denen man heftig zuzustimmen müssen glaubt. Deshalb: Steile Thesen für die Massen! Offen zur Diskussion gestellt.

  1. Auch in zwanzig Jahren werden die Bibliotheken sich gegenseitig erzählen, dass sie sich der Zukunft stellen müssen und dabei immer noch die ähnlichen Angebote machen, wie heute. Die Entwicklung wird nur langsam vorangehen, durch das mangelnde historische Bewusstsein des Bibliothekswesens wird es aber so aussehen, aber sei man „gerade jetzt erst“ dabei, sich zu verändern.
  2. In der Bibliothekswissenschaft wird sich in den nächsten zehn Jahren eine starke sozialwissenschaftliche Strömung etablieren, während die Informationswissenschaft sich weiter in Richtung Informatik orientieren wird. Das wird beklagt, aber nicht verändert werden.
  3. Die Ethnologie wird zu einer Leitwissenschaft der Bibliothekswissenschaft werden.
  4. Das Forschungsdatenmanagement und das, was heute als „Big Data“ diskutiert wird, wird nicht von den Bibliotheken, sondern von neuen Einrichtungen betrieben werden.
  5. Es wird insbesondere im Bezug auf Open Government Data ein gesellschaftliches Interesse daran geben, dass eine Einrichtung mit der gesamten Gesellschaft zusammen beginnt, darüber zu diskutieren, was man mit all den Daten eigentlich anfangen kann. Bibliotheken werden diese Chance, die behauptete Informationskompetenz zu beweisen, vorüberziehen lassen.
  6. In zehn Jahren wird dem Bibliothekswesen klar geworden sein, dass die Behauptungen (a) Informationskompetenz wäre gesellschaftlich wichtig, (b) Informationskompetenz wäre vor allem Recherchefähigkeit und (c) Bibliotheken würden Informationskompetenz fördern, ausserhalb der Bibliotheken kaum ernstgenommen wird. Das Bibliothekswesen wird sich dann zu fragen beginnen, ob These (a) und (b) überhaupt stimmen und sich in diesen Diskussionen verfangen, während die Gesellschaft diese Diskussion weiter ignoriert.
  7. Schulbibliotheken werden sich in den nächsten zehn Jahren in den deutschsprachigen Staaten endgültig als eigenständige Bibliotheksformen etablieren und eine Professionalisierung beginnen. Es wird eigenständige Schulbibliotheksverbände geben, die sich dagegen verwahren werden, das Schulbibliotheken als Sonderformen Öffentlicher Bibliotheken verstanden werden.
  8. Ein tief differenziertes System von Bibliotheksfilialen, die zentrale Dienste zentral organisieren, gleichzeitig den lokalen Anforderungen angepasst sind, wird in zehn Jahren als zukunftsträchtig gelten. Eingliedrige Bibliothekssysteme und grosse Zentralbibliotheken werden als hauptsächlich negativ beschrieben werden. Es wird der Vorwurf erhoben werden, dass die grosse Konzentration von Bibliotheken seit den 1990er Jahren dem Niedergang des Bibliothekswesens Vorschub geleistet hätte.
  9. In zehn Jahren werden wir wieder mehr französischsprachige Fachliteratur lesen und mit den Kolleginnen und Kollegen in Frankreich, der Romandie, Quebec und zahlreichen französischsprachigen Staaten in intensiven Austausch treten. Das wird das deutschsprachige Bibliothekswesen offener und interessanter machen. In zwanzig Jahren wird ähnliches mit dem Spanischen passieren.

Zürich, März 2013

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (22): Wieder mehrgliedrig werden?

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton von Karsten Schuldt am 28. Februar 2013

von Karsten Schuldt

Der Trend in den deutschsprachigen Bibliotheken geht hin zu eingliedrigen Systemen. Zentrale neue Gebäude, dafür Schliessung von kleinen Filialen, Zentralisierung von Diensten und so weiter. Das gilt teilweise als der einzig sinnvolle Weg, heute Bibliotheken zu organisieren. Als das Grimm-Zentrum, also das Hauptgebäude der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin auf dem Campus Mitte, neu eröffent wurde, wurden zahlreiche kleinere Institutsbibliotheken im Umfeld geschlossen (Wobei klein relativ ist. Die Bibliothek der Sozialwissenschaften war grösser als viele Gemeindebibliotheken es jemals sein werden.). Das galt als einzig richtiger Weg, weil: Eingliedrig (mit Einschränkungen). Und es gibt Argumente dafür: Bibliothekarische Dienstleistungen lassen sich zentral besser erfüllen; die Nutzerinnen und Nutzer haben direkten Zugriff auf viel mehr und viel unterschiedlichere Bestände; mit dem grossen Foyer und den Arbeitsecken konnten social spaces geschaffen werden, die in kleineren Bibliotheken so nicht möglich wären. (Wobei auch das relativ ist. In der Sozialwissenschaft gibt es immer noch einen grossen Eiingangsbereich vor der ehemaligen Bibliothek, der als social space wirkt.) Mehr Begegnungen sind möglich. Wie gesagt: Es gilt als richtiger Weg.

Nimmt man allerdings die englischsprachige Literatur der letzten Monate wahr, fällt dort etwas auf, was im deutchsprachigen Diskurs noch nicht so klar zu Tage tritt. (Die französische Literatur steht etwas dazwischen. Im letzten Jahr hatte die BBF einen Schwerpunkt La bibliothèque minimale [57 (2012) 2]. Aber viel mehr auch nicht.) Immer öfter wird argumentiert, dass diese Zentralisierung nicht der einzig richtige Weg wäre. Vielmehr: Manchmal wird er auch als falsch benannt. Einige Beispiele:

  • Johannsen, Carl Gustav (2012) / Staffless libraries – recent Danish public library expereinces. In: New Library World 113 (2012) 7/8, 333-342. In diesem Text berichtet Johannsen von Bibliotheksfilialen, vor allem im ländlichen Raum Dänemarks, die nahezu vollständig ohne Personal auskommen. Die Ausleihe wird von den Nutzerinnen und Nutzern selber vorgenommen, ebenso die Rückgabe, die Bestandspflege wird von grösseren Bibliotheken betrieben. Die Filialen sind Videoüberwacht, bei einigen bedarf es Bibliotheksausweise zum Eintritt. Ansonsten funktionieren sie ohne Personal. Ein Argument für diese Filialen ist, dass sie von den Nutzerinnen und Nutzern gewünscht werden. Die ersten wurden eingerichtet, als kleine Filialen geschlossen werden mussten und es dagegen Proteste gab. Wenn die Nutzerinnen und Nutzer mehr Beratung wünschen, gehen Sie offenbar in die nächste bediente Filiale; aber zumeist reicht Ihnen das Angebot der staffless libraries vollkommen aus.
  • Shumaker, David (2012) / The Embedded Librarian : Innovative Strategies for Taking Knowledge Where it’s Needed. Medford, N.J. : Information Today, 2012 und Kvenhild, Cassandra ; Calkins, Kaijas (2011) / Embedded Librarians : Moving Beyond One-Shot Instruction. Chicago : ALA, 2011 sind nur zwei Monographien aus einer ganzen Reihe von Publikationen, die den Begriff Embedded Librarianship nutzen und versuchen, in die Diskussion einzuführen. Embedded Librarians sind solche, die in Hochschulen und Forschungseinrichtungen direkt in den Forschungsprozess eingebunden sind; die eher ihre Arbeitsplätze und Büros in den Forschungsgruppen und Institutionen haben als in der Bibliothek, die mit an der Forschungsplanung und -durchführung beteiligt sind. Ihre Verbindung zur jeweiligen Bibliothek ist dagegen zum Teil sehr lose. Grundsätzlich soll eine solche Arbeitsweise dazu beitragen, dass die Librarians gleich dann, wenn Informationsfragen auftreten, beweisen können, dass sie diese lösen können. Also nicht Warten, bis ein Forschender oder einen Forschende auf die Idee kommt, man könnte auch in der Bibliothek nachfragen, sondern gleich aufspringen und sagen: „Wir haben da Datenbanken für“. Die Embedded Librarians sollen zu anerkannten Informationsexpertinnen und -experten werden. (Hier lässt sich sehr schön das Konzept des data librarians oder data currator anschliessen.)
  • Archer-Capuzzo, Sonia (2013) / Fieldwork and the Music Librarian : How Music Librarians Can Help Researchers Conduct High-Quality Fieldwork. In: Music Reference Services Quarterly 16 (2013) 1. Archer-Capuzzo argumentiert, dass Musikbibliothekarinnen und -bibliothekare (die laut der Autorin alle selber Musikerinnen und Musiker seien) die Forschenden nicht nur mit dem Bestand ihrer Bibliothek unterstützen sollen, sondern beispielsweise Netzwerke mit anderen Bibliotheken aufbauen, um die Forschenden der eigenen Institution bei ihren Feldstudien an vertrauenswürdige Bibliotheken vor Ort verweisen zu können. Bibliotheken müssten sich als Labor der Forschenden etablieren und beispielsweise ein Interesse an den Forschungen entwickeln. Die Forschenden selber wüssten nicht, was die Bibliotheken alles bietet. Woher auch? Es wäre die Aufgabe der Bibliothek, die eigenen Angebote an den richtigen Stellen in den Forschungsprozess der Forschenden zu bringen.
  • Priester, Andy ; Tilley, Elizabeth (2012) / Personalising library service in higher education : the boutique approach. Farnham : Ashgate, 2012. In diesem Sammelband wird – basierend auf Erfahrungen aus der Univeristätsbibliothek in Cambridge und anderen Einrichtungen vor allem in Grossbritannien – argumentiert, dass sich Bibliotheken am Konzept von Boutique Hotels orientieren müsssten. Die Aufgabe wäre, die Nutzerinnen und Nutzer möglichst direkt und persönlich zu betreuen, über das Geforderte hinauszugehen und personalisierte Angebote zu machen. Vorbild seien Luxushotels. Warum? Weil dies effektiver wäre und zu einer besseren Nutzung führen würde. Die Bibliothek müsste so organisiert werden, dass Aufgaben, die zentral organisiert werden können, beispielsweise der Bestandaufbau, zentralisiert werden; aber immer, um Zeit und Platz für personalisierte Beratung und Angebote zu schaffen. Aufgabe wäre es, vom Blickwinkel der Nutzerinnen und Nutzer her zu denken. Die wöllten nicht wissen, wie die Bibliothek zu organisieren sei, sondern sich möglichst eng betreut und ernstgenommen fühlen. Ein zehnminütiges Gespräch mit einer oder einem Studierenden, bei dem diese oder dieser sich ernst genommen fühlte, würde dann mehr Effekte haben (auch über Mundpropaganda), als die besten Bibliothekseinführungen im Klassenverband. Richtig geplant liesse sich dies mit den heutigen Kosten umsetzen, aber höhere Effekte für die Nutzerinnen und Nutzer erbringen. Dies bedeutet unter Umständen auch, mehr kleine Filialen auf einem Campus zu betreiben, Räume ausserhalb der Bibliothek einzurichten etc.
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Individuelle Betreuung durch eine hohe Betreuungsdichte. Noch befindet sich die Kantonsbibliothek St. Gallen, die Vadiana, in einem Bibliotheksgebäude, dass erbaut wurde, als fast alle wissenschaftlichen Bibliotheken – auch die allgemeinwissenschaftlichen Bibliotheken oder Bildungsbibliotheken wie diese – einem solchen Konzept folgen konnten. Viel Personal für relativ wenig Nutzerinnen und Nutzer. Das hat als Gebäude auch heute seinen Charme, stösst aber an seine Grenzen, wenn die Nutzungszahlen immer weiter wachsen. Das frühe 20. Jahrhundert ist vorbei, die Kantonsbibliothek will weiterziehen, Volk und Regierung im Kanton sind unterschiedlicher Meinung, wie das geschehen soll. Die hohe Betreuungsdichte wird anschliessend vor allem den Nutzerinnen und Nutzern des Kantonsarchivs zugute kommen, das weiterhin in diesem Gebäude verbleiben wird.

Es gibt noch mehr solcher Publikationen. Man muss ihnen auch nicht allen zustimmen. Wahrnehmen sollte man aber die Dikursrichtung: Nicht die Zentralisierung in grossen Häusern wird als effektiv wahrgenommen, sondern das möglichst grosse Eingehen auf die Arbeit der Nutzerinnen und Nutzer (wobei Studieren als Arbeit der Studierenden gilt). Das ist eine andere Fragestellung als die, ob Nutzerinnen und Nutzer mit der bibliothekarischen Arbeit zufrieden sind. Es ist eher die Aufgabe, die einzelnen Nutzerinnen und Nutzer persönlich zu kennen, von Zeit zu Zeit auf sie zuzugehen und zu sagen: „Ich habe genau das, was du gerade suchst.“ Der Kollege Mumenthaler hat, als ich ihm vom boutique approach berichtete, das Beispiel des Plattenladens gebracht, in welchem er früher begrüsst wurde mit: „Ich habe da was, dass dürfte dir gefallen.“ So ungefähr darf man sich die Modelle in ihrer extremen Ausprägung vorstellen.

Wieder: Man muss das nicht gut finden, noch nicht mal als umsetzbar ansehen. (Wobei in Priester & Tilley (2012) argumentiert wird, dass es umsetzbar sei, wenn wir die heutige Technolgie sinnvoll einsetzen und in Netzwerken planen.) Aber es ist nicht zu übersehen: Es gibt offenbar ein Unbehagen mit dem Zentralisieren und Standardisieren von Bibliotheksdienstleistungen, das über ein „das ging früher auch anders“ hinausgeht. Ist das die Zukunft der Bibliotheken? (Wieder) Netze von lose gekoppelten Filialen mit einer hohen Betreuungsdichte zu bilden. Vielleicht, zumindest in Teilbereichen.

Einen Schritt weiter. Jan Hodel zur “Groebner-Kontroverse” und was die Bibliothekswissenschaft daraus ableiten sollte.

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte von Ben am 11. Februar 2013

von Ben Kaden

Im Weblog histnet erschien heute ein Text von Jan Hodel (Die Groebner-Kontroverse. Oder: Zu Sinn und Unsinn von Wissenschaftsblogs. In: histnet. 11.02.2013) zur mittlerweile offenbar so genannten Groebner-Kontroverse. Muss man ihn lesen? Ich denke, man sollte. Denn Jan Hodel nimmt im Bemühen um eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Aussagen Valentin Groebners eben auch die Möglichkeiten zum Umgang mit dem Problem “Muss ich das alles lesen?” in den Blick. Er verweist dabei unter anderem auf die Funktion sortierender und filternder Akteure in der wissenschaftlichen Kommunikation:

“Intermediäre Instanzen, wie sie etwa Redaktionen darstellen, dienen auch der Entlastung der beteiligten Individuen durch Arbeitsteilung. Damit wir nicht alles selber verifizieren und überprüfen, oder auch nur zusammensuchen und im Hinblick auf seine Bedeutsamkeit im wissenschaftlichen Diskurs beurteilen müssen, nutzen wir intermediäre Instanzen, die diese Aufgaben für uns übernehmen. Dies hilft uns, das rare Gut der Aufmerksamkeit gezielter einzusetzen. Ob solche intermediären Instanzen in Zukunft im Stile fachredaktioneller Expertise, dank schwarmintelligenten Zusammenwirkens von adhoc-Kollektiven oder computergestützt mithilfe elaborierter Algorithmen agieren werden [...] scheint mir völlig offen.”

Das ist sowohl für die newlis-Überlegungen wie auch natürlich für uns bei LIBREAS bedeutsam. Die bei ihm skizzierte Typologie der Intermediären verweist auf drei Konzepte:

  • ein traditionell redaktionelles der intellektuellen Vorauswahl durch Experten (wie wir es bei Fachzeitschriften, in Editorial- und Peer Review-Verfahren, Herausgeberschaften u.ä. finden),
  • ein auf Netzwerk- und Hinweiseffekte und Post-Peer-Review-Prinzipien setzendes, dass auch auf Multiplikationseffekte über Social Media setzt,
  • automatische Filterverfahren, die von Algorithmen basierten SDI- und Monitoring-Diensten bis hin zu (z.B. webometrischen) Impact-Kalkulationen reichen.

Der Bezug auf die grundsätzliche Unabsehbarkeit der zukünftigen Etablierung eines dieser Ansätze wäre für die Bibliothekswissenschaft allerdings ein zu einfacher und daher inakzeptabler Ausstieg. Denn das Potential für eine bibliothekswissenschaftlich elaborierte Unterstützung von Wissenschaftskommunikation über die Spekulation hinaus wird in diesem Kontext sofort deutlich.

Besonders, wenn man davon ausgeht, dass die Informationsfilterung und -vermittlung in der Wechselwirkung von Mensch und Maschine differenziert entwickelt werden muss, zeigt sich hinsichtlich der Punkte zwei und drei die Notwendigkeit einer Kombination dreier Methodologien als nahliegend, die in diesem Fach eine Rolle spielen (bzw. spielen sollten): Die Soziale Netzwerkanalyse, die Diskursanalyse und die Bibliometrie. In der Kombination lassen sich auf eine solchen Basis Analysestrukturen mit nahezu unbegrenzter Komplexität entwickeln. Wo schließlich die Grenzen zu ziehen und der Komplexität zu setzen sind, ist Sache der Konkretisierung, Ausentwicklung und Implementierung. An diesem Punkt sind wir in unserem Fach leider noch nicht, denn soweit ich sehe, verhandelt man derzeit überhaupt erst eine in diese Richtung weisende Forschungsagenda.

Wenn also Jan Hodel aus der Perspektive des Historikers schreibt:

“Doch wie genau sich dies vollziehen wird und welche konkrete Bedeutung für unseren jeweiligen Wissenschaftsalltag dies haben wird, darüber kann im Moment nur spekuliert werden.”

dann sehe ich den Ball (nicht nur) in die Dorotheenstraße rollen und die Verpflichtung, für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft diesen aufzunehmen und vielleicht nicht unbedingt die Lösung aber in jedem Fall den Nachweis einer wissenschaftlichen, d.h. systematischen Auseinandersetzung mit diesem Problem zu präsentieren. Es handelt sich hier nicht um ein Naturgeschehen sondern um eine – zugegeben nicht wenig komplexe – Ausdifferenzierung der Verfahren, Möglichkeiten und Praxen wissenschaftlicher Kommunikation. Dies ist ein Gestaltungsprozess, in dem diverse Akteure vom Wissenschaftler über die Bibliotheken bis zu Verlagen, Social Media-Unternehmen, Hardware- und Suchmaschinenanbietern mit teilweise auseinanderdriftenden Interessen interagieren. Auf die Gestaltung können wir durchaus Einfluss nehmen und sei es nur, indem wir sie strukturiert ent- und aufschlüsseln und abbilden. Für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die zweifelsohne eine große Expertise genau in diesen Fragen besitzt, ist die aktive Teilhabe an diesem Prozess über ein Mitspekulieren hinaus keine Option, sondern eine Verpflichtung. Das Forschungsprofil des Faches ist hier nämlich (wenigstens aus meiner Sicht) exakt die kritische Begleitung und Analyse des: “wie genau sich dies vollziehen wird und welche konkrete Bedeutung für [den] Wissenschaftsalltag dies haben wird.”

(Berlin, 11.02.2013)

History Repeating. Die Geschichtswissenschaft debattiert auch 2013 über die Legitimität des Bloggens.

Veröffentlicht in LIBREAS.Debatte von Ben am 8. Februar 2013

Anmerkungen zu:

- Valentin Groebner: Muss ich das lesen? Ja, das hier schon. In: FAZ, 06.02.2013, S.N5
- Klaus Graf : Vermitteln Blogs das Gefühl rastloser Masturbation? Eine Antwort auf Valentin Groebner In: redaktionsblog.hypotheses.org, 07.02.2013
- Adrian Anton Tantner: Werdet BloggerInnen! Eine Replik auf Valentin Groebner. In: merkur-blog. 07.02.2013

von Ben Kaden

Es gibt offensichtlich (erneut) eine erneute kleine Zuspitzung des Konfliktes um die Frage, inwieweit wissenschaftliche Kommunikation im Digitalen möglich sein darf oder soll. Anlass ist ein Vortrag des Historikers Valentin Groebner, der als Zeitungsfassung am Mittwoch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter der Überschrift Muss ich das lesen? Ja, das hier schon – schön historisierend mit dem Gemälde eines lesenden Bauerjungen des russischen Malers Iwan Iwanowitsch Tworoschnikow aus der Zeit des zaristischen Russlands illustriert – abgedruckt wurde.

Erstaunlich an der Debatte, auf die umgehend sowohl Klaus Graf im Redaktionsblog von Hypotheses.org wie Anton Tantner im Weblog der Zeitschrift Merkur und noch einige andere blogaffine Wissenschaftler antworteten, ist besonders, dass sie überhaupt noch bzw. wiederholt so stattfindet. Während Klaus Graf zum Ausstieg noch einmal einen Pinselstrich auf den üblichen, aber halt furchtbar überzogenen und daher eher wenig souverän wirkenden Kampf- und Fronttafelbildern (aber insgesamt vergleichsweise äußerst brav) setzt:

“Die Rückzugsgefechte der Buch-Fetischisten sollten uns nicht vom Bloggen abhalten.”

(Warum auch sollten sie?) findet sich bei Anton Tantner bereits die treffende Antwort:

“Dabei sind Verifizierung und Stabilisierung von Informationen – die Groebner als Aufgabe gedruckter Medien betrachtet – selbstverständlich auch digital möglich und kein Privileg des Papierbuchs; es braucht allerdings geeignete Institutionen dafür, wie zum Beispiel die Online-Repositorien der Universitäten, die die Langzeitarchivierung der von ihnen gespeicherten Dateien – nicht zuletzt wissenschaftliche Texte – zu garantieren versprechen.”

Für die Notwendigkeit von Druckmedien wiederholt man, seit man überhaupt den Gedanken der Abbildung geisteswissenschaftlicher Inhalte in digitale Kommunikationsräume andenkt, die Argumente der Langzeiterhaltung und des Qualitätsfilters – einem Wunschwerkzeug ersehnt schon lange vor dem WWW, um die so genannte Informationsflut (oder Publikationsflut) in den Griff zu bekommen. Valentin Groebners Artikel, der dies mit dem seltsamen Wort “Überproduktionskrise” variierend anteasert, definiert denn auch: “Denn Wissenschaft kann gar nichts anderes sein, als Verdichtung von Information. [...] Man ist als Wissenschaftler selbst ein Filter, ganz persönlich.”

Die Argumente dafür präsentieren sich im Verlauf der Debatte dabei jedoch von nahezu allen Seiten nicht sonderlich verdichtet, sondern vor allem redundant. Wir erinnern uns:

“So verteidigte Uwe Jochum (Konstanz) in seinem polemischen Einführungsreferat die Bibliothek als kulturellen Gedächtnisort, als konkret sicht- und begehbares Gebäude gegen ein orientierungsloses Surfen auf weltweit rauschenden Datenströmen. Aus der antiken Mnemotechnik leitete er die Notwendigkeit einer Lokalisierung der Erinnerung ab: Bei der Lektüre eines Buches im Netz hingegen sei kein Rückschluß auf den Standort des Computers oder gar des Originals möglich. Die Anpassung der Bibliotheken an die Informationsgesellschaft sei schon deshalb problematisch, weil der Informationsbegriff völlig unklar sei. Während in einer herkömmlichen Bibliothek die einzige “Information” der Standort eines Buches sei, gehe in der simultanen Verschaltung von Sender und Empfänger jeder Inhalt verloren – kurz: Sammlung sei gegen Zerstreuung zu verteidigen.”

So las man es ebenfalls in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und zwar am 09.10.1998. (Richard Kämmerlings: Lesesaal, Gedächtnisort, Datenraum Der Standort der Bücher: Auf dem Weg zur hybriden Bibliothek., S.46) Und auch das Thema der Langzeitarchivierung solcher Bestände stand damals mitten in der Auseinandersetzung.

Der Hauptunterschied zu dieser Zeit liegt vor allem darin, dass man 1998 noch nicht diskutierte, inwieweit es für Historiker zulässig ist, solche Debatten sowie andere Wissenschaftskommunikationen in Blogs und damit direkt und ohne redaktionelle Kontrolle abzubilden. Weil man Blogs und das Web als kommunikativen Partizipationsraum noch gar nicht wirklich kannte.

Ein Irrtum Valentin Groebners scheint dagegen darin zu liegen, dass er die “unerfreulichen Seiten der Gelehrtenrepublik [...] nämlich [...] den Kult der narzissistischen Differenz und [...] Debatten, die ins endlose verlängerte werden” grundsätzlich prinzipiell mit digitaler Kommunikation verknüpft. Genauso gut kann man sie nämlich, wenigstens in diesem Fall, beispielsweise gleichfalls mit der FAZ verbinden. Auffällig an diesem Diskurs ist zudem, dass ein paar etablierte Akteure gibt, die seit den frühen Tagen stabil dabei sind und parallel wechselnde neue Akteure, die offensichtlich jedes Argument für sich jeweils neu entdecken und ausführen. (Ich möchte übrigens nicht sagen, dass meine Texte durchgängig außerhalb dieses Prozesses stehen.) Zu vermuten ist jedoch ebenso, dass die Akteure, die tatsächlich intensiv Schlüsse ziehen, mit der Umsetzung ihrer Folgerungen so beschäftigt sind, dass sie gar keine Zeit und Lust mehr finden, sich in (De-)Legitimierungsscharmützeln aufzureiben.

Das Internet wirkt für Kommunikationen naturgemäß vor allem als Proliferationsimpuls: Es entfaltet all das, was ohnehin bereits angelegt ist. Die oft scheußlich selbstgerechten Lesekommentarhagel auf den Zeitungsportalen machen nur sichtbar, wie eben auch gedacht wird. Aus soziologischer Sicht ist das ungemein spannend. Dass das “Unfertige”, aus dem Wissenschaft per se besteht, nun direkt wahrnehmbar, referenzierbar und direkt nachnutzbar wird, verändert zwangsläufig die Wissenschaftspraxis. Das behagt vor allem denen, die dadurch etwas zu gewinnen haben (z.B. Diskurshoheit) und missfällt all denen, die sich darin überfordert bis bedroht sehen (z.B. nicht zuletzt einfach, weil ihnen in ihrer Lebensorganisation die Zeit zur Auseinandersetzung mit den Weblogdiskursen fehlt und sie nicht verstehen, warum sie nun zwangsläufig darauf einsteigen müssen. Auch das ist nachvollziehbar.)

Dass ein nach festen Bezügen strebendes Wissenschaftsbild hier seine Stabilität gefährdet sieht, ist nachvollziehbar. Aber der Zusammenbruch aller überlieferten Wissenschaftswerte ist kein unvermeidliches Szenario, sondern ein vermutlich im Ergebnis eher harmloses Schreckensbild. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass Digitalität prinzipiell diskursive Verfestigung und Absicherung verhindert. Der oben zitierten Stelle aus der Replik Anton Tantners ist fast nichts hinzuzufügen. Digitale Kommunikationsräume sind Räume, die wir programmieren und gestalten. Wenn wir bestimmte Qualitätskriterien für die Wissenschaftskommunikation erhalten wollen, dann sollte sich das durchaus unter intelligenten, rationalen Akteuren, wie man sie in der Wissenschaft zu vermuten angehalten sein sollte, aushandeln und perspektivisch etablieren lassen. Nicht jeder Geisteswissenschaftler muss dafür Quellcode schreiben lernen. Auch die einfach Verständlichkeit der Schnittstellen zwischen Mensch und Technik ist Teil der Entwicklungsagenda.

Es gibt sogar eine eigene wissenschaftliche Disziplin, die sich mit Fragen auseinandersetzt (bzw. auseinandersetzen sollte), wie diese Ansprüche der Wissenschaft (Verifizierbarkeit, Nachprüfbarkeit, Verdichtung)  im Digitalen umgesetzt werden können: die Bibliothekswissenschaft (bzw. Bibliotheks- und Informationswissenschaft). Wenn man Karsten Schuldts Annahme zustimmt, es gäbe jeweils ”ein Rezeptionsverhalten, dass zu bestimmten Situationen und Lesehaltungen passt”, und es gibt keinen Grund die Zustimmung zu verweigern, dann erscheint überhaupt die Idee, selbst- und fremderklärten “Buchfetischisten” und “Masturbationsbloggern” ihre gegenseitige Legitimation absprechen wollen, als völlig unsinniger Hemmschuh, wenn es tatsächlich um die Frage geht, wie ein zeitgemäße Wissenschaftskommunikation aussehen kann – die übrigens genauso nach wie vor Printprodukte und andere netzunabhängige Medien zulässt, wenn diese zu Situation, Lesehaltung und dem Bedürfnis nach Langzeitsicherung passen.

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