LIBREAS.Library Ideas

Nach Feyerabend. Wieder ein Methodenzwang? Eine Skizze zum Diskurs um Digitale Bibliothek, Digitalkultur und Digital Humanities.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 8. April 2014

von Ben Kaden (@bkaden)

I. Digital Humanities als Begleitforschung zur Gegenwart

Noch relativ neu, aber bereits alt genug, um im gutsortierten Berliner Remittentenfachhandel zum halben Preis angeboten zu werden, ist der Sammelband Digital Humanities aus der Reihe Nach Feierabend, also dem Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte. Die Halbwertzeit derartiger Printpublikationen nähert sich offenbar der von Publikationen im Web. Bei der DNB ist der Titel dagegen offenbar noch nicht einmal im Haus (Stand: 07.04.2014). So schnell also rotiert die Buchhandels- und Diskursmaschinerie. Aber vielleicht ist doch alles anders und es handelt sich nur um Messeexemplare.

Es ist ein faszinierendes Symptom der digitalen Gegenwart, dass sich Wissensgeschichtsschreibung nicht zuletzt anhand der sozialen Begleitmedien für alle Ereignisse und Phänomene, die sich in der Reichweite entsprechend aktiver Akteure (beispielsweise einer vitalen Twitter-Community) befinden, in Echtzeit und teilweise sogar bewusst mit dieser Rolle vollzieht.

Das Buch zur Debatte ist dann eigentlich vor allem ein fixierter Zwischenmarker, der nach herkömmlichen Mustern die Dynamik eines ununterbrochenen Gesprächs bündelt und greifbar macht. So ein Sammelband hascht in gewisser Weise nach all den Diskursfäden und -topoi, die im Sozialen Netz der Tagungen und Symposien und im Social Web des digitalen Austauschs herumschwirren, fängt einige davon ein und setzt sie fest. Er schlägt damit die Brücke zwischen einer unsteten, weitgehend informellen Diskurssphäre und der Wissenschaftskultur, die eine klare Referenz zu einem in einer Bibliothek dokumentierten Text nach „externer Begutachtung, gründlicher Überarbeitung, redaktioneller Bearbeitung und nochmaliger Überarbeitung“ (Hagner, Hirschi, 2013, S. 10) als Beweis dafür braucht, dass es sich um legitim adressierbare Positionen handelt.

Daran zeigt sich eine ganz besondere Kluft in der Wissenschaftskultur der Gegenwart. Denn die beiden Sphären der Kommunikation über geisteswissenschaftliche Themen und Gegenstände – informell und digital, formalisiert und als ISSN- oder ISBNisierte Publikation – verwässern die Stabilität der möglichen Forschungsmaterialien. Die disziplinären Gemeinschaften müssen eigentlich genauso neu aushandeln, was für sie eine legitime Material- und Referenzbasis darstellt, wie die Bibliotheken entscheiden müssen, welches digitale Objekt eine Publikation darstellt, die in ihr Sammelraster passt.

Wenn man wollte, könnte man Digital Humanities auch als geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung mit rein digitalen Forschungsgegenständen betrachten. Das wäre eine ganz einfache Abgrenzung. Wahrscheinlich zugleich aber eine viel zu enge. Dennoch müssen sich die Geisteswissenschaften, die ihre Gegenstände auf der Höhe der Zeit suchen, überlegen, wie sie die digitalen Kulturspuren greifbar bekommen, die sich von denen, mit denen sich Geisteswissenschaften traditionell beschäftigen, erheblich unterscheiden und zwar nicht nur hinsichtlich ihrer Intention und Vergänglichkeit. Sondern auch in ihrer Kodifizierung, die andere, automatische Verarbeitungsmethoden ermöglicht. Und auch eine andere Geschwindigkeit.

Digital Humanities, so kann man in diesem Schema argumentieren, wären eine geisteswissenschaftliche Begleitforschung zum kulturellen Geschehen. Ob sich perspektivisch in der Zeitdimension zwei Linien, idealerweise komplementärer Natur, herausarbeiten, nämlich eine zeitlich sehr ereignisnahe (Mikro-)Geisteswissenschaft und eine in längeren Zeitrahmen betrachtetende, verortende und reflektierende (Makro-)Geisteswissenschaft, ist schwer abzusehen, wäre aber wünschenswert. Eine auf den Aspekt der Temporalität gerichtete Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Digital Humanities scheint jedoch generell noch nicht allzu intensiv geführt zu werden.

II. Amateure und Professionals

Ein wenig deutet der Beitrag von Philipp Wampfler (»online first«. Geisteswissenschaften als Social Media, S. 79-102) in diese Richtung, der anhand der Transformation des Journalismus durch Social Media mutmaßt:

„Können Geisteswissenschaften nicht wie der Printjournalismus einen von außen vorgegebenen Wandel durchleben, dann sind sie vielleicht nicht als Social Media denkbar, sondern werden als diskursives System durch Social Media abgelöst.“  (S. 99)

Es ist nicht nur ein Wandel bei den für den Diskurs zur Verfügung stehenden Kommunikationsmitteln zu beobachten, sondern auch ein Aufbrechen des Zugangs zum Diskurs, was es für etablierte Akteure durchaus schwieriger werden lässt, ihre Position zu festigen. Denn die Aufmerksamkeitsökonomie des WWWs läuft ja auch kurzschleifiger und setzt mehr auf Popularität (altmetrisch erfassbar) und weniger auf Prestige und Renommee.

Inwieweit dies mit den „Egalitätsidealen“ vereinbar ist, von denen Michael Hagner und Caspar Hirschi schreiben und die neben Effizienzüberlegungen und den unvermeidbaren Anpassungsdruck an die digitale Gegenwart (und Zukunft) zu den drei Säulen des Transformationsdiskurses gehören, ist eine ungelöste Frage in den Netzdebatten. Immerhin bekommt man den Eindruck, als würden die Karten (öfter) neu gemischt, was dazu führt, dass die Positionen bisweilen weiter ins Extreme und in einer Kampf- und Untergangsrethorik abdriften, als der Sache gut tut.

Wo die einen endlich die Möglichkeit auf Teilhabe sehen, fürchten die anderen um ihre Legitimation. Dieser Prozess dürfte überall zu beobachten sein, wo sich die klaren Abgrenzungen zwischen Dilettant und Meister, zwischen Amateur und Profi auflösen, beispielsweise weil es eine bestimmte vorher notwendige Fertigkeiten tatsächlich egalisierende Technologie gibt.

Am vergangenen Sonntag gab es auf einer Veranstaltung  der Berliner Gazette mit dem Titel Komplizen. Woran wollen wir zusammen arbeiten? In dieser Post-Snowden-Welt… die Gelegenheit, im Rahmen der Diskussion um die Bibliothek der Zukunft, das Verhältnis von professionellen und nicht-professionellen “Bibliothekaren” zu erörtern.

Die Frage war dort, welche Rolle in digitalen Informationswirklichkeiten eigentlich Bibliothekare spielen können bzw. ob man sie überhaupt noch braucht? Jeder, so eine Position, kann Bibliothekar sein, wenn man ihm nur ein wenig Technologie und Grundwissen zur Verfügung stellt. Tatsächlich rekurriert auch jeder, der seine Literaturverwaltungssoftware, mehr oder weniger bewusst, auf die alte bibliothekarische Tätigkeit der Titelaufnahme.

In der Spezifizierung der Debatte ging es darum, herauszuarbeiten, was die Profession des Bibliothekars herausstellt. Wenig verblüffend sind es bestimmte Kompetenzen, die es ihm ermöglichen, nicht etwa etwas zu tun, was nicht auch ein engagierter Laie tun könnte, dies aber am Ende im Idealfall doch schneller, präziser und gründlicher. Man wird nicht Bibliothekar, weil man etwas tun möchte, was sonst niemand kann. Sondern, weil man es aufgrund eines gewissen Trainings besser kann. Spezialisierung hat den Vorteil, dass man eine komplexe Lebenswirklichkeit bewältigen kann, ohne alle in dieser auftretenden Aufgaben selbst lösen (können) zu müssen. Es überrascht schon ein wenig , warum ausgerechnet vom Bibliothekar derart vehement eine Legitimation eingefordert wird, während nie jemand die Rolle beispielsweise des professionellen Klempners oder Dachdeckers hinterfragt. Es zeigt aber auch, dass die Kernkompetenzen des Berufs entweder nicht deutlich genug in die breite Öffentlichkeit (und in die der Netzaktivisten) vermittelt werden oder tatsächlich als obsolet angesehen werden.

Komplizen Berlin / Workshop Bibliothek der Zukunft

Die Arbeit an der Bibliothek der / mit Zukunft. Auf dem Workshop KOMPLIZEN am 06.04.2014 im SUPERMARKT in der Berliner Brunnenstraße.

III. Was jeder kann und keiner braucht.

Ähnliches lässt sich vermutlich für den Geisteswissenschaftler festhalten. Michael Hagner und Caspar Hirschi fragen konkret nach dem Sinn der Behauptung, „dass die Geisteswissenschaften ihre angeblich verlorene gesellschaftliche Relevanz im Netz wiederfinden können“ und knüpfen damit an den schon etwas älteren Diskurs zur vermeintlich Obsoleszenz bzw. wenigstens Unterlegenheit der dieser interpretierenden und verstehensgerichteten Disziplinen gegenüber dem produktiven und normierten Potential der STEM-Fächer.

Es ist auch beim Geisteswissenschaftler nicht so, dass er über exklusive Kenntnisse und einzigartige Ideen verfügt, die nur von einem vergleichsweise kleinen Club von Eingeweihten (also der Fachcommunity) wertgeschätzt und erörtert werden können. Wenn man aber eine „angeblich verlorene gesellschaftliche Relevanz“ beklagt, dann heißt dies auch, dass eine allgemeine Einschätzung dessen, was diese Fächer forschen, zwischen „kann ja jeder“ und „braucht kein Mensch“ pendelt, meist mit Ausschlag zum zweiten, was gerade bei Nischenthemen schwerer zu entkräften ist, sofern das Gegenüber die Prämisse nicht akzeptiert, dass sofort offensichtliche Nützlichkeit keinesfalls die einzige Leitgröße menschlichen Handelns sein sollte. (Eine nützliche Gegenwartsanthropologie könnte vermutlich nachweisen, weshalb dieser Anspruch derzeit so populär und durchsetzungsstark ist.)

Für das „kann ja jeder“ bleibt der offensichtliche Unterschied zwischen demjenigen, der sich lange Zeit sehr intensiv und systematisch mit einem Gegenstandsbereich befasst hat und dem, der sich flugs ein paar Quellen durchsieht, um sich ein Urteil bilden zu können. Es heißt allerdings nicht, dass nicht auch das Tiefenwissen zuweilen in die Irre leitet. Es bedeutet zudem oft, dass Tiefenwissen zu einer Vorsicht gegenüber allzu schnellen Deutungen und Festlegungen führt. Diskussionen mit Aktivisten enden dann häufig in einem apodiktischen Lob der Tat und einem Vorwurf des feigen Zauderns und Zagens. Was manchmal zutrifft. Was öfters auch daneben schlägt.

Gleiches gilt, sehr bekanntermaßen, auch für die bibliothekarische Praxis, bei der eine allzu grundierte Position eventuell tatsächlich sinnvolle Anpassungen häufig ausbremst. (Dass im Bereich der öffentlichen Bibliotheken von den drei Säulen  –   Egalität, Anpassungsdruck, Effizienz  –  der Effizienzgedanke das eigentliche Triebmittel ist, wegen des G’schmäckles, aber gern hinter den anderen beiden Säulen versteckt wird, ist mittlerweile wahrscheinlich auch jedem bekannt.

Trotzdem ist die gestern geäußerte These des Aktivisten Marcell Mars (der sein sehr ehrenwertes Projekt Memory of the World explizit mit der Idee der Public Libraries grundiert), jeder könne heute in 15 Minuten Bibliothekar werden, aus professioneller Sicht auch bei großer Sympathie nicht konsensfähig. Aus der pragmatischen Sicht eines auf die subversive Tat fixierten Aktivisten wäre sie es vielleicht schon:

„It’s hard to get the “real” libraries/librarians loud and active. Part of the establishment of that dream, of public library, is that people working in the public libraries are public sector workers. They are not known to be particularly brave kind of people. In the time of crisis.“ (Garcia, Mars, 2014)

Der Aktivist blendet jedoch aus, wie er vor allem einfordert, dass die BibliothekarInnen laut und aktiv in einem Sinne sein sollten, den er der Public Library zuschreibt. Genaugenommen handelt es sich aber um diverse Konzepte von Public Library und während Marcell Mars ein digitales globales und offenes Wissensnetz imaginiert, das so beschrieben wird:

„The vision of the Memory of the World is that the world’s documentary heritage belongs to all, should be fully preserved and protected for all and, with due recognition of cultural mores and practicalities, should be permanently accessible to all without hindrance.“ (ebd,)

und dabei erstaunlich zugangsfixiert, also hinter den Ideen beispielsweise der Berlin Declaration on Open Access, bleibt, sehen sich die professionellen Bibliothekare häufiger im Auftrag einer konkreten Gemeinschaft oder Nutzergruppe und unter dem Druck, ihre Angebote entsprechend gestalten zu wollen und zwar im Rahmen dessen, was ihnen die Ressourcenlage zulässt.

Memory of the World ist fraglos ein hoch interessantes Konzept, eine Art anarchisches Publikations(nachweis)system, eine Graswurzel-Europeana und das aus ebenfalls im Interview erwähnte Monoskop wirkt teilweise wie eine zeitgemäßere Fortsetzung von Beats Biblionetz.

Das Betrübliche an der Diskussion mit vielen Aktivisten ist selten das Ziel, sondern die Vehemenz mit der sie für ihre Ideen streiten und zwar bisweilen dort, wo man sie nur auf die Unterschiede, die man zwischen der Public Library als Metapher im Web und der öffentlichen Bibliothek im Stadtraum Berlins hinweist. Über allem schwingt dann eben immer dieser Säbel der Ideologisierung.

Ähnliches lässt sich hin und wieder auch für den Diskurs der / über die Digital Humanities festhalten, die als Idee noch einen Tick weniger spezifiziert erscheinen, als die immerhin auf den Dreischritt Sammlung, Erschließung und Verfügbarmachung (Vermittlung) von Publikationen reduzierbare Rolle der Bibliothek.

Fragt man freilich weiter, was denn eigentlich eine Publikation im Netz sei und wo die Grenzen eines digitalen Dokuments  und die der Autorschaft liegen (Roger T. Pédauque kann von beidem berichten, Pédauque, 2003), dann sieht man auch hier vor allem Unschärfen in Relation. (Im erwähnten Sammelband befasst sich übrigens Niels-Oliver Walkowski in seinem Beitrag  “Text, Denken und E-Science. Eine intermediale Annäherung an eine Konstellation” (S. 37-54) mit dem Phänomen von Enhanced Publications und der Frage der Textualität.)

IV. Berührungspunkte

Im Editorial des Nach-Feierabend-Bandes, gegen den ich mich in der Buchhandlung, dies als spätes Geständnis, zugunsten einer schönen Ausgabe mit Architekturskizzen von Leonid Lavrov entschied, wird das Diskursfeld “Digital Humanities” von den Herausgebern dankenswerterweise etwas aufgefächert.

So benennen sie drei, wenn man so will, Digitalisierungsdimensionen der Geisteswissenschaften:

1. digitale Recherche (Digitalisierung der Inhaltsbeschaffung)

2. Digitalisierung von Papierbeständen (Digitalisierung der Inhalte)

3. Neue Forschungs- und Publikationsformen (Digitalisierung der Inhaltserzeugung und -verbreitung)

Aus der bibliothekswissenschaftlichen Warte fällt unvermeidlich auf, dass es sich bei den Schritten eins und zwei um Aktivitäten handelt, in die Bibliotheken spätestens seit den 1970er Jahren aktiv sind. Hier kommen digitale Basisprozesse der Fachinformation im geisteswissenschaftlichen Bereich an, was sich erwartbar aber eigentlich erstaunlich spät vollzieht.

Parallel ist die Rolle der Computerlinguistik zu berücksichtigen, die ebenfalls sehr viel von dem, was heute in den Digital-Humanities-Bereich dringt, schon sehr lange benutzt.

So liegen die digitalen Geisteswissenschaften tatsächlich ein bisschen in der Zange der Erfahrungshorizonte des Bibliothekswesens (Infrastruktur und Technologie zur digitalen Verarbeitung von Inhalten) und der Linguistik (Methodologie und Technologie zur digitalen Verarbeitung von Inhalten).

Ergänzt man beim dritten Aspekt eine eingeklammerte Silbe, so wird deutlich dass „Neue Forschungs- und Publikations(platt)formen“  gleichfalls etwas sind, bei denen Bibliotheken, und sei es nur mit ihrer Expertise auf dem Gebiet der Publikationsformenlehre, eine Rolle spielen können und nicht selten tun sie es in Projektrahmen auch. In einem höflichen Gutachten zu meinem Abstract für die DHd-Konferenz 2014 fand sich übrigens der Kritikpunkt benannt:

„Warum z. B. in der editionsphilologischen Forschung die Bibliothekswissenschaft eine wichtige Rolle spielt, ist für mich nicht nachvollziehbar.“ (unveröffentlichtes Gutachten zur DHd-2014)

Da die Nachfrage leider nicht im Auditorium wiederholt wurde, muss ich die Antwort hier andeuten: zum Beispiel im Wissen über die Entwicklung von Medialität und zwar sowohl im historischen Verlauf wie auch in der Breite. Selbstverständlich kann ein Editionswissenschaftler auch eine diesbezüglich tiefe Kenntnis besitzen, die in seinem Feld auch tiefer reicht, als die des Bibliothekswissenschaftlers. Der jedoch weiß im Idealfall zusätzlich, wie man in anderen Kontexten publiziert und wie man diese Publikationen auch langfristig verfügbar hält und was, wenn man etwas wie eine digitale Edition erfinden muss, in diesem Bereich technisch alles möglich und sinnvoll ist. Man kann auch anders antworten, aber das muss auch an anderer Stelle geschehen.

Die Schnittstelle zur Welt der digitalen Hacktivisten findet sich dort, wo Digital Humanities mit dem Impetus auftreten, ein “Werkzeug zur Neuorganisation des gesellschaftlichen Wissens und damit letztlich zur Reform des menschlichen Zusammenlebens” zu sein (Hagner, Hirschi, S. 7). Hier weisen sie in Richtung Sozialutopie, wobei aus der präziseren Beobachtung offen bleibt, wie sehr hinter derartigen Aussagen auch wirkliche Überzeugungen stecken oder einfaches Taktieren, wenn es darum geht, den Anspruch auf Förderung entsprechender Projekte zu legitimieren.

Der Topos von der Verbesserung der Welt durch Zugang und Technologie begleitete ähnlich lange Zeit die Open-Access-Bewegung und ist als Motivationselement sicher häufig wichtig. Auf der anderen Seite steht der Druck, diese Verbesserung auch nachweisen zu müssen, was dann sehr schwer fällt, wenn Heilsversprechen besonders euphorisch ausfallen. In der Open-Access-Bewegung scheint man derweil auf pragmatischere bzw. niedriger zielende Argumentationen zu bauen, wobei nicht selten an das Argument der Erhöhung der Zugangsgerechtigkeit das Argument des volkswirtschaftlichen Nutzens tritt. In den Digital Humanities spielt dieses meist nur dann eine Rolle, wenn auf die Bedeutung verteilter und nachnutzbarer Ressourcen verwiesen wird.

Michael Hagner und Caspar Hirschi stellen vier andere Aspekte als zentral für die Diskussion heraus und eine diskursanalytische Annäherung an den sehr spannenden Ablauf der Debatte darüber, was Digitale Geisteswissenschaften sein können, findet darin wenigstens auf den ersten Blick ganz passende Basiskategorien:

  1. Autorschaft (Gegensatzpaar: adressierbarer [Einzel]Autor < > soziale Netzgemeinschaft)
  2. Forschungspraktiken (qualitativ, wenige Quellen < > quanitativ, Big Data)
  3. epistemische Tugenden (Argumentation, Narration < > Bereitstellung, Verlinkung, [eventuall auch Visualisierung])
  4. Publikationsformen (abgeschlossene Monografie / Artikel < > “liquide Netzpublikation”)

Die interessante Frage, die die Autoren, die sich als Nicht-Utopisten erklären, daraus ableiten ist, „ob [bei einer Durchsetzung der „neuen Ideale“] der Begriff Wissenschaft dann überhaupt noch tauglich und die Universität noch der richtige Ort wären, solche Kulturtechniken zu vermitteln“?  (ebd., S. 8) Was auch wieder eine Zuspitzung ist. Ganz ohne Polemisieren geht es wohl nirgends und so rutscht ihnen eine weitere Frage in den Text, nämlich, „wie viel Distant Reading die Geisteswissenschaften vertragen, ohne am Ende in digitaler Adipositas zu erstarren“? (S. 9) So bekommt Franco Moretti doch noch sein Fett weg. Somit implizieren sie weiterhin gleich selbst eine erste Antwort auf ihre Frage:

„Was bedeuten digital gesteuerte Erkenntnisverfahren wie etwa das Distant Reading - das eigentlich kein Lesen mehr ist, weil zahlreiche Texte nur noch mit einem bestimmten Algorithmus gescannt werden – für die traditionellen geisteswissenschaftlichen Herangehensweisen?“ (S. 9)

Wobei Franco Moretti mit der Benennung des Distant Reading gar nichts Wortwörtliches, sondern eine sprachspielerische Stichelei gegen die Kultur des Close Reading im Sinn hatte und in seinem zentralen Artikel (Moretti, 2000) verdeutlicht, dass es ihm um morphologische Analysen geht, die als Gegenkonzept zu der Tatsache dienen sollen, dass die literaturwissenschaftliche Tradition der Tiefenlektüre notwendig nur einen bestimmten Kanon berücksichtigt, die Welt der Literatur (bzw.: die Weltliteratur) aber weitaus reichhaltiger ist. Das auf Algorithmen setzende Distant Reading ist derzeit wahrscheinlich die beste Option, um dieses Korpus überhaupt in die Literaturwissenschaft hereinzuholen. Es besteht auch kein Anlass, hier eine Konkurrenz oder gar einen Nachfolger zum Close Reading zu sehen. Sinnvoller wäre, das Distant Reading als Erweiterung zu sehen. Denn wo sich das Close Reading konzeptionell auf die Lektüre des Einzigartigen, des Besonderen und Ungewöhnlichen ausrichtet, kann das Distant Reading mit seiner Musteranalyse durchaus helfen, exakt die Werke zu identifizieren, die es wirklich verdienen, sehr nah und gründlich studiert zu werden.

Insofern könnte man die Frage

„Inwiefern basieren die Digital Humanities auf neuen Forschungsfragen und inwiefern können sie solche generieren?“

möglicherweise besser so stellen:

„Inwiefern basieren Digital Humanities auf etablierten geisteswissenschaftlichen Forschungsfragen und wie können sie deren Bearbeitung unterstützen?“  (ebd.)

Man kann sich die Entwicklung der Digital Humanities nämlich auch problemlos als Erweiterung des Bestehenden vorstellen. So wie die Digitale Bibliothek erstaunlicherweise und trotz aller entsprechenden Beschwörungen nicht dazu geführt hat, dass die Bibliothek als Ort an Bedeutung verlor. Eher im Gegenteil.

Berlin, 07.04.2014

Literatur

Garcia, David; Mars, Marcell (2014) Book Sharing as a “gateway drug”: Public Library. In: new tactical research. Feb. 14, 2014 http://new-tactical-research.co.uk/blog/1012/

Hagner, Michael; Hirschi, Casper (2013) Editorial. In: Gugerli, David [Hrsg.] ; Hagner, Michael [Hrsg.] ; Hirschi, Caspar [Hrsg.] ; Kilcher, Andreas B. [Hrsg.] ; Purtschert, Patricia [Hrsg.] ; Sarasin, Philipp [Hrsg.] ; Tanner, Jakob [Hrsg.]: Nach Feierabend 2013. Zürich: diaphanes. S. 7-11 (PDF-Download des Editorials)

Moretti, Franco (2000) Conjectures on World Literature. In: New Left Review. 1 (Jan/Feb 2000) http://newleftreview.org/II/1/franco-moretti-conjectures-on-world-literature

Pédauque, Roger T. (2003): Document : forme, signe et médium, les re-formulations du numérique. In: Archive Ouverte en Sciences de l’Information et de la Communication. http://archivesic.ccsd.cnrs.fr/sic_00000511

Walkowski, Niels-Oliver (2013) Text, Denken und E-Science. Eine intermediale Annäherung an eine Konstellation. In: Gugerli, David [Hrsg.] ; Hagner, Michael [Hrsg.] ; Hirschi, Caspar [Hrsg.] ; Kilcher, Andreas B. [Hrsg.] ; Purtschert, Patricia [Hrsg.] ; Sarasin, Philipp [Hrsg.] ; Tanner, Jakob [Hrsg.]: Nach Feierabend 2013. Zürich: diaphanes.  S. 37-54

Wampfler, Philippe (2013) »online first«. Geisteswissenschaften als Social Media. In: Gugerli, David [Hrsg.] ; Hagner, Michael [Hrsg.] ; Hirschi, Caspar [Hrsg.] ; Kilcher, Andreas B. [Hrsg.] ; Purtschert, Patricia [Hrsg.] ; Sarasin, Philipp [Hrsg.] ; Tanner, Jakob [Hrsg.]: Nach Feierabend 2013. Zürich: diaphanes.  S. 79-102

LIBREAS #24: Zukünfte erschienen

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell by libreas on 17. März 2014

Diese Zukunft liegt hinter uns: Mit großer Freude verkünden wir, dass die 24. Ausgabe der LIBREAS mit dem Titelthema Zukünfte erschienen ist. Wie immer freuen wir uns und hätten vor Kurzem noch nicht geglaubt, dass es klappen würde. Aber da ist, mit Artikeln über gewünschte, erspähte, zu verhindernde, zu diskutierende und vergangene Zukünfte. Viel Spaß beim Lesen, viel Spaß beim Diskutieren.

(Und auf zur nächsten Ausgabe, LIBREAS #25: Frauen.)

Redaktion LIBREAS. Library Ideas

cover24

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Niemand braucht die Bibliothek als Raum, meint Alexander Grossmann.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 19. Februar 2014

Am Sonntag veröffentlichte der Tagesspiegel einen Leserbrief seines Lesers Alexander Grossmanns (online seit 18.02.2014), der sich gegen einen Neubau für die Berliner Zentral- und Landesbibliothek ausspricht und dies mit der These begründet, dass heute niemand mehr die Bibliothek in gebauter Form benötigt. Eine Tiefenlektüre des Leserbriefes zeigt, dass die Argumentation erhebliche Defizite besitzt.

von Ben Kaden (@bkaden)

Während die Leserkommentare im Webangebot des Tagesspiegels – wie übrigens bei den meisten Presse-Online-Auftritten allgemein – im Normalfall vor allem einen ernüchternden bis Entsetzen hervorrufenden Einblick in die Niederungen menschlicher Kommunikationen bieten, enthalten die redaktionell vorgefilterten Lesebriefspalten in den Druckausgaben ab und an doch einen Stichpunkt, der eine Debatte inhaltlich weiterzubringen verspricht.

Wenn sich nun, wie am Sonntag (16.02.2014, S. 16) im Tagesspiegel, auch noch ein Leserbrief zum geplanten Neubau der Zentral- und Landesbibliothek in Berlin mit der Überschrift „Virtuelle Bücherei Berlin“ (online unter dem zugespitzterem „Kein Mensch braucht die Landesbibliothek“)  findet, der zudem von einem Professor Doktor aus dem bildungsbürgerlich weitgehend als gehobenen zu bezeichnenden Berlin-Frohnau geschrieben wurde, wobei sich dieser Professor auch noch als Professor für Verlagswirtschaft nach kurzer Websuche mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als Professor an einer Fakultät Medien entpuppt, dann sind die Erwartungen an eine substantielle Erweiterung der Debatte nicht unerheblich.

Nach der Lektüre des Briefes zeigt sich, dass Alexander Grossmann argumentativ ein bisschen auf den Spuren von Kathrin Passig wandelt und wieder einmal alle Klischees auf den Tisch legt, die sich gemeinhin einstellen, wenn man aus einer bestimmten Warte heraus den eigenen Lebensstil extrapoliert und Einsichten aus der praktischen Bibliotheksnutzung (sogar ein Blick auf die Bibliothekswissenschaft sollte für einen Professor im Medienbereich nicht unbedingt als unzumutbar gelten) ausblendet.

Was den Artikel allerdings heraushebt, ist, dass ihn eigentlich nichts heraushebt, sondern dass er vielmehr in seiner argumentativen Durchschnittlich- und Oberflächlichkeit alles bündelt, was die Misere des Diskurses um Aktualität und Zukunft des Bibliothekswesens kennzeichnet, die einem regelmäßig auch auf Podien begegnet. Die vier Reiter dieses Corsos sind: Digital ist die Gegenwart, Digital ist mein Leben, Digital ist die Zukunft, Digital ist innovativ. Dagegen wäre nichts einzuwenden, außer dass so eine Position 2014 ein bisschen altbacken wirkt. Es stört nur, wenn diese Sichtweise als alternativlose Zustandsbeschreibung der wirklichen Welt aufgeboten wird. Nebenher trotten außerdem die Grundannahmen, dass alle Bibliotheken im Prinzip gleich sind und ihre Hauptaufgabe in der Zugänglichmachung von Information bestehen. Was selbstverständlich zu simpel ist. Aber weiß das jeder, der den Tagesspiegel (oder ZEITonline) liest?

Möglicherweise ist es daher sinnvoll, den Leserbrief nicht einfach in die Altpapierentsorgung zu geben, sondern etwas zu sezieren, um an diesem Beispiel zu verstehen, wie solche Argumentationsführungen gestrickt sind und welches Argument mit welchem Gehalt eingesetzt wird.

1. Die Gegenwart ist digital, die Bibliothek als Ort ist es nicht.

Es gibt sicherlich eine Reihe von Gründen, die man gegen den geplanten Neubau der ZLB anführen könnte. (Es gibt auch einige dafür.) Alexander Grossmann hat leider nur zwei schlechte Gründe parat:

a) ist der Neubau ein sündteures Prestigeprojekt der SPD und vor allem von Klaus Wowereit.
b) braucht heute niemand mehr ein Bibliotheksgebäude.

Den ersten Aspekt müssen wir nicht weiter reflektieren. Es ist klar: Prestigeprojekten haftet ja immer etwas Negatives, auch wenn am Ende mitunter ikonische bis mittelmäßige Architektur (Fernsehturm, Stadtschloß) dabei entsteht. Wer Prestigeprojekt in den Raum wirft, diskreditiert das Projekt, zumal sich der Nachweis, es handele sich um keines, bei Großprojekten kaum führen lässt. Und vielleicht hat er ja auch Recht. Immerhin galten Bibliotheken lange Zeit als prestigeträchtig.

Das ist nun aber überholt, meint Alexander Grossmann wenigstens implizit. Und darüber müssen wir aus Sicht der Bibliothekswissenschaft reflektieren. Denn gerade für uns wäre relevant, warum man heute keinen Bibliotheksneubau mehr braucht.

Der erste Grund Alexander Grossmanns ist: die Gegenwart. Wir leben im 21. Jahrhundert und daher „in Zeiten von Facebook, Cloud oder „Big Data“. Jeder Diskursbeobachter weiß natürlich, dass die Formulierung „in Zeiten von“ mit großer Vorsicht zu behandeln ist, denn in der Regel leitet sie einen sinnarmen Allgemeinplatz ein, (man denke nur an das berühmte „in Zeiten leerer Kassen“) dessen einziger Zweck ist, mit gebremster intellektueller Anstrengung die eigene Position zu rechtfertigen. Dass die kategorial querschießende Aufzählung von vermeintlichen Kernkennzeichen der informationellen Gegenwart kein wirkliches Gewicht trägt, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Die Funktion ist hier schlicht, dass der durchschnittliche Zeitungsleser, den es zu überzeugen gilt, etwas serviert bekommt, das hochaktuell klingt, dass er schon aus der Tagesschau kennt und in dem er also ankern kann.

Dass Facebook wenig mit Bibliotheken zu tun hat, die Cloud möglicherweise doch und schließlich Big Data etwas für Marktforschung, Überwachung und bestimmte Zweige der Wissenschaft ist, braucht hier nicht ausgeführt werden. Die Botschaft ist nämlich allein: Wir sind in der Gegenwart. Die nächste, man ahnt es, wird lauten: Bibliotheken sind in der Vergangenheit. Jedenfalls, wenn sie nicht digital daherkommen. Denn die Bibliothek ist, so Alexander Grossemann:

„Eine Räumlichkeit, die ihren Anspruch überwiegend aus überkommenden Notwendigkeiten ableitet […]“

Der Autor weiß, dass er die Überkommenheit begründen muss und definiert die Rolle der Bibliothek. Und zwar als eine „[…] primär der Sammlung und Aufbewahrung von Büchern oder Zeitschriften sowie der Verfügbarmachung von Literatur – zentral – an einer Stelle.“

Der Einschub „primär“ zeigt, dass er sich eine kleine Pforte offen lassen möchte, falls doch jemand meint: Moment! Das ist doch aber nicht alles. „Primär“ impliziert jedoch zugleich, dass es der Kern ist und wenn der modert, ist auch der Rest eigentlich unrettbar. Das muss so sein, denn sonst ginge das Argument ja nicht auf. Dass unterschiedliche Bibliothekstypen mit unterschiedlichen Aufgaben und Funktionszuschnitten existieren, wird nicht berücksichtigt. Vor diesem Netz sind alle Bibliotheken gleich.

So wie in der wissenschaftlichen Informationsversorgung werden aus der Perspektive von Alexander Grossmann auch öffentliche Bibliotheken durch das – Schlagwort – Internet obsolet. Denn die Literaturversorgung erfolgt heute über dieses Medium:

„Literatur und Inhalte sind heute fast überwiegend elektronisch verfügbar, können und sollten damit auch – dezentral – den Lesern und Nutzern bereitgestellt werden.“

Was noch nicht digitalisiert ist, darf noch irgendwo rumliegen, bis es an der Reihe ist:

„Für die Fälle älterer Werke, wo das trotz großangelegter Digitalisierungsmaßnahmen bisher noch nicht möglich ist gibt es ausreichend Lagerplatz in den vorhandenen Bauwerken.“

Pingelige Zeitgenossen könnten hier mit der Aussage dazwischen harken, dass man für diese Werke nicht nur einen Lagerplatz, sondern auch einen Zugangsraum benötigte. Das ließe sich aber leicht entkräften (Archvilesessäälchen, Digitalisierung-on-Demand).

Die Kostenstrukturen der „großangelegten Digitalisierungsmaßnahmen“ und mehr noch deren Folgekosten von Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit braucht man an dieser Stelle noch nicht bedenken. Denn auch ein Bibliotheksbau wirft ja Folgekosten auf und rein analog zu sein, geht tatsächlich nicht mehr. Dass die Zentral- und Landesbibliothek Berlin bereits jetzt digitale Dienste anbietet, dürfte beim Blick auf die Webseite erkennbar sein. Dass der Bereich nahezu beliebig erweitert werden könnte, ist auch mit geringer Fantasie vorstellbar.

Es gibt unbestreitbar einen Wandel von Datenträgern und Distributionskanälen von analogen zu digitalen Strukturen – jedoch in unterschiedlich radikaler Ausführung. Große Teile der Wissenschaftskommunikation sind mittlerweile allround-digitalisiert. Der Absatz im Buchhandel zeigt zugleich, dass analoge Medien (Print) bisher nicht im vergleichbaren Umfang verschwunden sind. Möglicherweise existiert ein Unterschied zwischen dem Rezipieren-Müssen (Wissenschaft) und dem Rezipieren-Wollen.

2. Mein Verhalten ist mein Maßstab.

Aus der diskursanalytischen Sicht ist der nächste Argumentationsschritt aber interessanter. Alexander Grossmann grundiert seine Einschätzung der omnidigitalen Welt und der Obsoleszenz von Bibliotheken in seiner eigenen Expertise:

„Anders kann man es leider kaum empfinden, gerade als jemand, der selbst früher regelmäßig Bibliotheken besucht und genutzt hat, als Wissenschaftler, Verlagsfachmann und Privatperson.“

Der Subtext: Es ist gar kein Urteil mehr notwendig, die Empfindung allein ist schon stark genug um diese Doppelthese zu belegen. Freilich ist es nicht die Empfindung eines Außenstehenden. Die dreifache Rollenbenennung verleiht der Expertise Plastizität: Als Wissenschaftler verfügt Alexander Grossmann, wenn er will, über die analytische Draufsicht und könnte vermutlich systematisch herleiten, warum es so und nicht anders ist. Als Verlagsfachmann verfügt er über eine realweltliche professionelle Erfahrung und weiß, wie der Markt sich entwickelt. Als Privatperson ist er schließlich auch Kunde, Nutzer, Leser und er weiß daher wie Kunden, Nutzer, Leser ticken. Er ist also zugleich einer von uns, von diesen und von jenen und in dieser Dreierkombination gehört er zu einer Gruppe von Wenigen, was seiner Stimme ein besonderes Gewicht verleiht.

In der Schlussfolgerung – und vielleicht auch im Blick auf die Leserschaft des Tagesspiegels – betritt dann nur der empfindende Privatmann die argumentative Bühne:

„Seit mehr als zehn Jahren suche ich selbst keine Bibliothek mehr auf, sondern beschaffe mir sämtliche Literatur über das Internet. Wie denn sonst?“

Ich mach es (nicht) und ich bin das beste Beispiel – das ist nun wirklich der gewöhnlichste Hebel in jeder Debatte und eine oft ziemlich tölpelhafte Übernahme aus der amerikanischen Diskurspraxis, die das Anekdotische als perfekten Türöffner kultivierte. Auch dort generalisieren die B-Klassigen und den Akteuren gern mal auf dieser Basis. Die A-Klassigen wissen freilich eine gewisse selbstironische Distanz einzustreuen, die bei der Übersetzung des Stilmittels in deutsche Anwendungszusammenhänge bisweilen auf der Strecke bleibt. So auch hier. Alexander Grossmann zeigt an keiner Stelle, dass man auch aus einem anderen Kreis als seinem auf die Angelegenheit schauen könnte.

Die Erfahrung der Bibliotheken sagt dagegen, dass berufstätige Männer mit Mitte vierzig ohnehin Bibliotheken vergleichsweise selten besuchen. Über die Gründe kann man mutmaßen, aber dass man in diesem Alter im Normalfall einen ausfüllenden Arbeitstag und drum herum eine Familie hat und der Bibliotheksbesuch darüber in der Priorisierung des Alltags deutlich zurückrutscht, ist wenigstens denkbar. (Wobei laut der Nichtnutzungsstudie des dbv die Anwesenheit von Kindern die Bibliotheksnutzung eher begünstigt, Berufstätigkeit, Männlichkeit und „bezieht seine Bücher vergleichsweise häufig über das Internet“ dagegen oft mit Nichtnutzung einhergehen.)

Wenn man dann etwas lesen will, ist es selbstverständlich praktisch, sich das dorthin zu holen, wo man gerade steckt. Das liegt aber nicht an der prinzipiellen oder gar normativen Superiorität des Digitalen. Sondern daran, dass es sich in einem bestimmten Zusammenhang als handlich erweist. Die Digitalkultur zeigt zudem, wie einfach es ist, all das schön verpackt als Zukunftsversprechen zu verkaufen, aber eigentlich nur als Produkt, aus dem sich Abhängigkeiten ergeben, die selbstverständlich nicht mitkommuniziert werden. Das nun ein wenig abgehangene Medium des E-Books zeigt besonders deutlich: Wir lesen damit nicht unbedingt besser. Wir lesen nur anders. Und haben weniger Probleme, wenn wir umziehen. Innovationsdiskurse sind dann, wenn sie mit sozialen Diskursen verkoppelt werden, bekanntlich dahingehend problematisch, dass die vermeintliche Überlegenheit einer Innovation nicht zuletzt eine vermeintliche soziale Überlegenheit derer signalisiert, die diese Innovation einsetzen (oder zu dieser Zugang haben). Der dahinterstehende Profilierungs- und Durchsetzungswillen ist ohne Zweifel ein exzellentes Triebmittel für kulturelle Dynamiken. Aber selten das beste Instrument für eine Balance der Interessen.

3. Die kommenden Generationen wollen es nicht anders.

Was Alexander Grossmann eigentlich, abseits eines Neins zum ZLB-Neubau vermitteln möchte, lässt sich aus seinem Leserbrief schwer ableiten. In jedem Fall dürfte er kaum Sympathien für den derzeit regierenden Berliner Bürgermeister hegen. Wie überflüssig ihm die Bibliothek als Ort allgemein und die ZLB speziell wirklich sind, verwischt dahinter.

Deutlich wird in jedem Fall, dass er die nicht über den realen Bibliotheksraum, sondern über das Internet (welche Quellen er wie benutzt, lässt er offen) stattfindende Informationsnutzung als Standard empfindet. („Wie denn sonst?“)

Nebenbei soll die Bibliotheksnichtmehrnutzung „seit zehn Jahren“, die durchaus auch biografisch begründet sein könnte, in der Argumentationskette unterstreichen, wie die Bibliothek in ihrer Funktion als Informationszugangsvermittler an Bedeutung verlor. Nur: Auch 2004 war das nicht unbedingt die größte Neuigkeit, jedenfalls im wissenschaftlichen Bibliothekswesen. Und heute ist der eigentliche Diskurs schon längst über die eindimensionale e-Only-Fixierung hinaus. Affirmative Zukunftsverkündungen, wie man sie noch von der so genannten Bibliothek 2.0 erinnert, wurden durch weitaus nüchternere und pragmatischere Detailüberlegungen und -lösungen abgelöst und spätestens seit dem irrsinnigen Bibliothekshype um Second Life, weiß die Branche, dass so mancher Zug, der schwerelose Virtualität und Zukunft verspricht, geradewegs auf ein Abstellgleis rangiert. Können wir jemandem Expertise zu sprechen, der diese Effekte völlig ausblendet?

Nichts gegen „Facebook, Cloud und Big Data“. Aber man diskutiert längst darüber, wie man Blasenbildung und Monopolisierung (bzw. neue Zentralisierung) unterlaufen kann. Ein Bezug beispielsweise zu Open Access hätte Alexander Grossmanns Argumentation deutlich mehr Kraft verliehen.

Ein Urteil über den Stand des Bibliothekswesens und der tatsächlichen Bibliotheksnutzung auf der Grundlage einer Erfahrungslücke von zehn Jahren fällen zu wollen, nimmt ihm dagegen erheblich Wind aus den Segeln. Nun schreibt Alexander Grossmann zugegeben einen Leserbrief und keinen Fachartikel. Er muss nicht sachlich argumentieren, sondern kann seine Abneigung gegen die Lokalpolitik anhand des Symbols der Bibliothek ungebremst ausleben. Doch stände ihm hier, wenigstens aus seiner Beiposition als Wissenschaftler, wenn er sich schon darauf beruft, gut an, dass er die Bruchstellen für seinen Argumentationsverlauf erkennt. Schließlich muss man ihm doch unterstellen dürfen, dass er sein Publikum überzeugen will.

Der vermeintliche Beleg, dass „die jüngere Generation es noch drastischer sehen und urteilen“ wird, ist ein weiteres Beispiel, warum das nicht unbedingt funktionieren wird. „Es“ meint die reine digitale Informationsversorgung. Drastischer als Alexander Grossmanns apodiktisches „Wie denn sonst?“ geht es eigentlich nicht. Andererseits ist die obskure Kohorte „nachfolgende Generation“ im Diskurs immer dann zur Stelle, wenn man auf die Zukunft verweist. Der Trick des Einsatzes dieser abstrakter Figur erkennt man sofort: Man kommt nicht daran vorbei, dass die vermeintliche Rückständigkeit zwar faktisch (noch) da (Bibliotheken als Ort werden heute benutzt) ist. Man kann aber trotzdem – für die Zukunft braucht es keine Belege – behaupten, dass sich das demographisch erledigen wird. Und falls nicht, wird sich niemand an den Leserbrief erinnern. Es sei denn, das Internet vergisst nichts.

Dass die ungeschickterweise so genannten Digital Natives und ihre Nachfolgegenerationen geschlossen einen Bogen um (gebaute) Bibliotheken machen, lässt sich freilich weder statistisch noch beim Blick in eine beliebige öffentliche Bibliothek belegen und scheint auch für die kommenden Jahre kaum wahrscheinlich. Die Aussage, bestimmte Geburtsjahrgänge seien automatisch auf den Touchscreen fixiert, ist nachweislich eine unsinnige Schematisierung, auch wenn ein paar Minuten in der Straßenbahn kurz nach Schulschluss einen anderen Eindruck vermitteln. Die angesagten jungen Menschen, bzw. im Mittelschulalter, profilieren sich natürlich über ihre Smartphones wie es diejenigen ein halbes Jahrhundert vor ihnen über Kofferradios versuchten. Nur treiben sie damit, so tägliche Feldbeobachtung, eher nichts, was in Konkurrenz zur Bibliothek steht.

4. Wir müssen in Innovation investieren und sparen dabei.

Die Nutzungspraxis der Bibliotheken ist auch ein bisschen vielschichtiger, als es Alexander Grossmanns Zugänglichmachungsszenario impliziert. Die Gleichsetzung Bibliothek=Informationszugang war ja auch schon bei Kathrin Passig der zentrale Trugschluss und man staunt, wie vehement er wiederholt wird.

Im Brief Alexander Grossmanns wird eine solche Position in einer Nebenbemerkung besonders deutlich:

„Warum wird nicht nur ein Bruchteil der Gelder, die jetzt für die Wowereit-Bibliothek geopfert werden sollen und an anderen Stellen, zum Beispiel für soziale Projekte, Schulen oder Kultur jetzt schon fehlen, für ein innovativeres Konzept eingesetzt?“

Er unterschlägt oder übersieht völlig, dass eine öffentliche Bibliothek naturgemäß ein sozialer Ort, ein Ort der Bildung und ein kulturelles Phänomen ist und in der Praxis sehr viele Bibliotheksangebote genau in dieser Richtung wirken.

Würde er in der ZLB-Debatte argumentieren, dass man, statt auf teure Vorzeigearchitektur zu setzen, lieber Mittel in Stadtteilbibliotheken und -dienste investieren sollte, wäre sein Beitrag zur Debatte unbedingt berücksichtigenswert.

Das Soziale, die Bildung und die Kulturarbeit taugen bei ihm allerdings nur für eine Unterstreichung der vermeintlichen Unverschämtheit der „Wowereit-Bibliothek“, der er zudem von vornherein jeglichen funktionalen Nutzen, den selbst ein Prunkbau besäße, abspricht.

Das „innovativere Konzept“ wäre bei Alexander Grossmann also eine digitale Bibliothek („virtuelle Landesbibliothek“), die zweckgemäß den Funktionsrahmen einer öffentlichen Bibliothek voll abbilden müsste. Wer nun allein schon um die Rechteproblematik bei der elektronischen Informationsversorgung weiß – und Alexander Grossmann müsste dies als Verlagsexperte auch vor Augen haben – erkennt leicht, wie unrealistisch es ist, dass sich ein virtuelles Äquivalent zu einem öffentlichen Bibliothekssystem leicht und kostengünstig („für einen Bruchteil der Gelder“) umsetzen lässt. Die Deutsche Digitale Bibliothek arbeitet mit so einem Bruchtteil-Budget und niemand, der sie kennt, würde behaupten, dass sie  derzeit mehr als ein nettes Add-on zum Stöbern und Entdecken von Digitalisaten sein kann. Jetzt muss man auch die Kostenstrukturen der „großangelegten Digitalisierungsmaßnahmen“ und mehr noch deren Folgekosten von Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit und zudem die der Lizenzierung berücksichtigen. Eine derartige Forderung nach Umschichtung der Mittel müsste also wenigstens etwas mehr Tiefenschärfe erhalten, bevor sie in die Debatte geworfen wird. Es sei denn, sie gilt einzig als grobklotziges Argument gegen einen ZLB-Neubau bzw. Klaus Wowereit.

Alexander Grossmann argumentiert nicht nur gegen die Neubaupläne, sondern generell gegen nicht-digitale Bibliotheken und muss sich auch daran messen lassen. Entsprechend kann man ihm angesichts der harten These, die er vertritt, durchaus vorwerfen, dass er zu seinem „innovativeren“ Vorschlag nicht zugleich mögliche Probleme der Umsetzung thematisiert. Ohnedies wird er kaum jemand anderen überzeugen, als die Teile der Zeitungsleserschaft, die sich von der unbelegten und so unbelegbaren Behauptung „der Leser sitzt ohnehin woanders: zu Hause, im Café, in der Schule, unterwegs…“ ansprechen lässt. Für das Zeitungslesen mag das sogar stimmen. (Manch einer liest sie sogar in der Bibliothek.) Das „ohnehin“ unterstellt gleichwohl eine Selbstverständlichkeit, die vernachlässigt, dass Lesekulturen sehr vielschichtig sind. Auch hier bedient er ein nicht sonderlich originelles Abziehbild aus Leitmediennarrativen um eine Digitale Bohème und mobile Gesellschaft.

Wer zehn Jahre nicht in einer Bibliothek war, weiß wahrscheinlich nicht, dass es nicht wenige Leser gibt, die nach wie vor in dieser sitzen. Und von Frohnau aus gesehen ist es vielleicht auch nicht ganz einfach, zu erkennen, dass es auch Zielgruppen, die zu Hause nicht optimale Lese- und Lernumgebungen vorfinden, für die die Berliner W-LAN-Kaffeehaus-Kultur keine Alternative ist (der Lärmpegel im Sankt Oberholz ist zur Latte-Rush-Hour schon mächtig laut, im Reinhard’s im Kempinski sieht man es auch nicht allzu gern, wenn man den Laptop und einen Stapel Notizen auf den Tisch räumt, um es über fünf Stunden bei einer Tasse Milchkaffee zu belassen). Die Schule schließlich ist auch heute trotz aller digitaler Offensiven (glücklicherweise) kein Ort, an dem man permanent auf den Bildschirm starrt. Die Handydisplays unter der Bank werden erfahrungsgemäß höchst selten dazu genutzt, digitale Bibliotheksinhalte abzurufen und ob die Virtuelle ZLB Jappy-tauglich wäre, müsste auch noch ermittelt werden.

Dass man in der S- und U-Bahn, also „unterwegs“, wenn man Glück hat, halbwegs konzentriert lesen kann (man bekommt sogar häufig Lektüre am Platz angeboten und 70 Cent gehen an den Verkäufer) ist nicht widerlegbar. Aber auch hier ist noch zu ermitteln, ob sich die Investition „in Konzepte, Software, Datenbanken und Nutzerinterfaces“ wirksam zeigt. Dass der Datentarif für eine brauchbare mobile Nutzung pro Anschluss schnell dreißig Euro beträgt und für einen nicht geringen Teil der Berliner Bevölkerung eine Zugangshürde darstellt sieht Alexander Grossmann, wie auch viele andere, die in seiner Linie argumentieren, nicht.

Der Bezugsrahmen, den der Diskurs Alexander Grossmanns absteckt, ist bei wohlwollendem Lesen sicher eher an die mehr oder weniger virtuelle Idealkultur der Netzwirtschaft und einiger Digitaleliten anschließbar als an die soziale Realität Berlins. Es ist der Diskurs einer hochgebildeten, global orientierten Mittelschicht, die irgendetwas zwischen materieller oder ideeller Entfaltung sucht und gewohnt ist, just-in-time ihre Bedürfnisse befriedigen zu können. Da diese entsprechende Zugangs- und Kommunikationskompetenzen besitzt, erzeugt sie eine vergleichsweise hohe Sichtbarkeit, tappt zugleich aber auch gern in die Falle, ihre Wahrnehmung der Welt zu extrapolieren und zum Maßstab zu erheben. Sehr viel Leben und Lesen spielen sich nach wie vor offline ab und es ist weder absehbar noch machbar noch wünschenswert, dass sich das ändert.

Die Idee der öffentlichen Bibliotheken ist, allgemeine, vielfältige und niedrigschwellige Zugangsmöglichkeiten zu schaffen. Die Idee einer „virtuellen Landesbibliothek“ zieht dagegen unsichtbare Mauern in die Stadt Berlin. Ob der ZLB-Neubau in der geplanten Form die beste Lösung ist, kann sicher diskutiert werden. Dass öffentliche Bibliotheken aber mehr sein sollten, als Webportale für die Smartphone-Kultur, sollte außer Frage stehen.

(Berlin, 17.02.2014)

3 Vorsätze: 3 Fragen, 3 Antworten für 2014

Posted in LIBREAS aktuell by libreas on 14. Januar 2014

Das International Librarians Network (ILN) sammelt derzeit Vorsätze zum neuen Jahr. Das ist eine, wie wir finden, exzellente Idee. Nicht unbedingt, weil man alles einhält, was man sich so in der Ruhe des Jahreswechsels auf die eigene Agenda gesetzt hat. Sondern, weil man, Ziele klar  benannt hat, den eigenen Aktivitäten eine bestimmte Richtung gibt.

Auch wenn die Aktion bereits seit Mitte Dezember läuft, denken wir doch, dass so ein lockerer Austausch über Ziele, Wünsche und Ansprüche, interessante Impulse auch für die deutsche Fachgemeinschaft bieten kann. Daher werfen wir die Leitfragen des ILN gern auch in die Runde der deutschen Biblioblogo- und Tumblrsphäre.

Bitte antworte also spontan im Zusammenhang mit Deiner Tätigkeit, Deinen fachlichen Aktivitäten oder auch Deines Studienplans kurz darauf:

  1. Was treibt Dich dieses Jahr an?
  2. Was möchtest Du dieses Jahr verändern?
  3. Was willst Du dieses Jahr nicht mehr tun?

Und zwar an redaktion@libreas.eu.

Aus Euren Antworten machen wir eine kleine Analyse! Wir sind gespannt!

Alle TeilnehmerInnen erhalten von uns bei Angabe einer Postadresse eine der seltenen LIBREAS-Winterpostkarten und zwar klassisch per Hand beschrieben und mit einer schönen Sondermarke frankiert. (Solange der Vorrat reicht.)

Der Einsendeschluss fällt auf den Redaktionsschluss der kommenden LIBREAS-Ausgabe, also auf den 14.02.2014.

Habt ein gutes Jahr 2014!

Beste Grüße
Eure LIBREAS Redaktion

Über die Diskursfigur des Niedergangs.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Debatte by Ben on 9. Januar 2014

Eine Kritik zu Colin Robinson: The Loneliness of the Long-Distance Reader. In: New York Times, January 5, 2014,  SR6. online

von Ben Kaden / @bkaden

I

In der ersten Wochenendausgabe der New York Times des Jahres 2014 veröffentlichte der Verleger Colin Robinson (OR Books) einen Artikel über Stand und Perspektiven der Lesekultur. Dies betrifft selbstverständlich zunächst die Lesekultur der USA, die sich zum Teil doch deutlich von der in Europa bzw. Deutschland unterscheidet. Bestimmte Trends schlagen allerdings auch hier durch. Der “staccato communication of the Internet” kann man sich jedenfalls auch hier kaum entziehen. Kurz zusammengefasst lautet seine Einschätzung, dass sich auf dem Literaturmarkt eine Art Matthäus-Effekt abzeichnet (“Rich get richer.”), dass es für die Leser zuviel Auswahl (und damit Rauschen) und zu wenige Filter gibt (Ein Indikator: “The New York Times Book Review is now just a third of the length it was in its 1970s heyday.”) und dass daher zwischen Nische und Blockbuster wenig überleben kann:

“In this bifurcation, the mid-list, publishing’s experimental laboratory, is being abandoned.”

Ob das stimmt, wird er am besten wissen, entscheidet er doch als Verleger bei jedem Titel, auf welches Pferd er setzt bzw. welches Buch er macht. Mir geht es hier nur um einen kleinen Aspekt seiner Überlegungen. In einer Passage beschreibt Colin Robinson, wie er die Lage der Bibliotheken in den USA:

image

Seiner Ansicht nach entspricht die Rolle der Bibliotheken ähnlich der der Literaturkritik, Lesern eine Orientierung in der Vielfalt der verfügbaren Publikationen zu geben. So wie unabhängige Buchhandlungen verschwinden und die New York Review of Books zwei Drittel ihres Umfangs verliert, trägt entsprechend auch der Niedergang des Bibliothekswesens dazu bei, dass, wenn man so will, Ranganathans Formel “every book his/her reader” nicht mehr greift.

II

Die verlinkten Quellen sind (1.) der State of America’s Libraries Report 2012 der ALA und (2.) die im Weblog der Oxford University Press präsentierten Ergebnisse des Zensus Librarians in the U.S. from 1880-2009 von Sydney Beveridge, Susan Weber und Andrew A. Beveridge (2011). Die Metapher vom Bibliothekar als Tankwart des Geistes stammt aus Richard Powers Wissenschaftsromanze Gold Bug Variations aus dem Jahr 1991.

Der Abschnitt lautet:

“I used to break up the routine of human contact. Librarian is a service occupation, gas station attendant of the mind. In earlier age, I might have made things. Now I only make things available. Another blit of the bulge of the late-capitalist job curve. [...] By the millenium half of all service professionals will specialize in processing data. My Question Board then, is both living fossil and meta-mammal.” (S.35, zitiert nach der Ausgabe von HarperCollins aus dem Jahr 1992)

Abgesehen davon, dass der Bibliothekarsberuf daher nicht unbedingt eine besonders anerkennende Zuschreibung erfährt, wird die – in ihrer Prognose erstaunlich zutreffende – Ansicht dort natürlich von der Protagonistin, der Auskunftsbibliothekarin Jan O’Deigh, getroffen, und zwar aus Gründen, die dem Plot dienen sollen. Sie muss daher nicht notwendig Richard Powers’ Verständnis der Profession repräsentieren. Was als Nebentatsache sehr erstaunt, ist, dass Richard Powers diesen Zeilen in exakt dem Zeitraum verfasste, zu dem die Zahl der BibliotekarInnen in den USA ihr Allzeithoch erreichte.

Bekanntermaßen ist Richard Powers, wenn es um Fakten geht, äußerst genau:

“The day is easily recreated. Everything about September, 23, 1983, is on microfiche or magnetic disc. Only ask one of the quarter million librarians in the country – 85 % women – for help in retrieving it.” (S.161)

Diese Werte decken sich weitgehend mit denen des oben erwähnten Zensus (vgl. diese Grafik).Dennoch gibt es auch hier naturgemäß eine Differenz zwischen statistischen Werten und einer subjektiven Einschätzung einer Romanfigur.

Man darf folglich durchaus fragen, ob es zulässig ist, die Position einer Romanfigur als Basis für eine allgemeine Aussage über die Wirklichkeit zu benutzen. Es bleibt der Verdacht, Colin Robinson hätte einen guten Gewährsmann (den Erfolgsschriftsteller) und ein griffiges Detail vor allem gebraucht, um seiner These zusätzlich rhetorische Rotation zu verleihen. Das Schöne an der Metapher eines Tankwarts des Geistes bleibt, dass sie so stimmig scheint. Denn auch an den Zapfsäulen wie bei der Informationssuche bedienen wie heute selbst den Einfüllstutzen bzw. Suchmasken. Wobei die Treibstoffwelt den Vorteil hat, uns nur sehr wenige Wahlmöglichkeiten aufzubürden. Andererseits ist der menschliche Geist auch nicht auf die Funktionalität eines Verbrennungsmotors reduzierbar…

Wenn Colin Robinson also in der New York Times zwei hemdsärmlig verknüpfte Statistiken nicht gerade zielgenau verlinkt und dazu die sachlich bestenfalls begrenzt überzeugende Selbsteinschätzung einer Romanfigur als Maßstab zum Beleg seiner These nimmt, dann entstehen fast unvermeidlich Zweifel an der argumentativen Belastbarkeit des Gesamttextes.

III

Es ist selbstverständlich nicht zu leugnen, dass Bibliotheken bei Einsparkämpfen besonders weiche Ziele sind. Häufig genug wird zudem verkündet, sie seien durch die Informationstechnologie zu Auslaufmodellen geworden (vgl. dazu auch hier) und das Berufsbild “Bibliothekar” führe in eine Sackgasse.

Es verblüfft jedoch einigermaßen, wenn Diskursakteure wie Colin Robertson, dem offensichtlich an einer vitalen Lese- und damit mutmaßlich auch starken Bibliothekskultur gelegen ist, derart kleinmütig und vielleicht sogar ungeschickt in bestimmte Stimmungen einschwingen, denen man auch anders und selbstbewusster entgegen schreiben könnte.

Schon ein zweiter, nämlich qualitativer Blick sowohl auf die Bibliotheks- wie auch auf die Literaturlandschaft zeigen, dass allzu allgemeine Schlüsse gern ins Leere laufen. Bestimmte Transformationseffekte (Digitalisierung, Vernetzung) betreffen zwar nahezu alle Bibliotheken. Aber die Wirkungen wie auch der Umgang mit diesen Veränderungen  sind so vielfältig wie die Handlungsrahmen der jeweiligen Bibliotheken und zugleich, nach welchen Maßstäben auch immer gemessen, unterschiedlich erfolgreich.

Das Problem der Kommunikation über die Gegenwart und Zukunft des Bibliothekswesens liegt meist gar nicht so sehr in dem, was tatsächlich geschieht, sondern in der Tendenz schematischen Denken und Schließen sowie im oberflächlichen, unkritischen, daher bisweilen falschen Übernehmen von Allgemeinplätzen und weitläufig auslegbaren Statistiken. Das Problem, dass sich für die Bibliotheken praktisch daraus ergibt, ist, dass in einer diskursökonomisch stratifizierten Kommunikationswelt Entscheidungsträger prominent platzierte und einfache Stellungnahmen bisweilen lieber zur Meinungsbildung heranziehen, als sich der Mühe einer zusätzlichen Differenzierung auszusetzen. Wenn Kathrin Passig in der ZEIT verkündet, dass die Zeit der Bibliotheken vorbei ist, ist der Einschlag in der Öffentlichkeit riesig. Und wenn man Pech hat, dann entwickeln sich haltlose Zuschreibungen wie “Papiermuseum” memetische Qualitäten.

Die Stakkato-Kommunikation, die auch die großen Qualitätsmedien sehr intensiv füttern, verlangt wahrscheinlich zwangsläufig nach simplifizierten und drastischen Aussagen. (Weshalb Colin Robinsons Titel The Loneliness of the Long-Distance Reader gar nicht verkehrt ist. Solche Leser finden im Twitterversum eher nicht, was sie suchen. Aber wenn sie dort suchen, suchen sie eben auch an der falschen Stelle. Und wenn man sie im Gegenzug selbst doch sucht, ist auch das aller Wahrscheinlichkeit vergeblich.)

Tatsächlich arbeiteten, laut dem zitierten Zensus, 2009 in den USA nur “noch” 212.742 BibliothekarInnen, verglichen mit 307.273 am Vorabend des Internets, nämlich 1990. Damit bewegt man sich in etwa auf dem Stand von 1970. Spannend wäre es, zu untersuchen, inwieweit die rasante Steigerung in den Jahren 1970 bis 1990 mit dem Ausbau des Fachinformationswesens und der zunehmenden ökonomischen Bedeutung der Ressource Information  in Beziehung gesetzt werden kann und ob folglich die betroffenen Stellen überhaupt mit der von Colin Robinson diskutierten Frage der Lektürevermittlung durch (öffentliche Bibliotheken) in Zusammenhang stehen. Immerhin bemerken die AutorInnen des Zensus-Berichts:

“Thus a large fraction of the decline in the number of librarians has come from their decline in the non-public sectors.”

was ebenfalls die Deutung zulässt, dass vor allem viele Institutionen und Unternehmen ihre Reference Services drastisch abgebaut haben.

Und schließlich ist eine Branche mit 200.000 Beschäftigten auch nicht gerade klein.

Was den ähnlich oft analog verkündeten Niedergang des Buches betrifft, entdeckt man übrigens, dies nebenbei, aktuell in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine ganz beruhigende Aussage des neuen Hanser-Verlegers Jo Lendle:

“Und Bücher sind mächtig wie eh und je. Die großen Diskussionen gehen fast immer von Büchern aus, da können die Talkshows reden, so viel sie wollen. Und bei allem Jammern: Der Buchmarkt macht in Deutschland so viel Umsatz wie Kino, Musik und Computerspiele zusammen, fast zehn Milliarden Euro im Jahr.”

Dem kann man vielleicht entgegenhalten, dass sich die Situation, besonders in des Buchmarkts, in den USA nicht mit der in Deutschland vergleichen lässt. Aber offenbar setzte der arg von der Konkurrenz bedrängte stationäre Buchhandel in den USA (ohne die Ketten Barnes & Nobles und Books-A-Million) 2012 immerhin auch noch 5,76 Milliarden Dollar um (Quelle). Für eine Branche, die vermeintlich schon in den Abgrund stürzt, scheint das gar nicht so schlecht.

Eigentlich hätte Colin Robinson schließlich am Ende der Präsentation des Zensus eine für die Bibliotheksprofession in den USA  fast zuversichtliche Aussage auffallen müssen. Die Autoren schließen nämlich mit dem Satz:

“That decline seems to have slowed substantially since 2000, as librarians adjust to and find new roles in the internet age and the extensive increase in information that it has brought about.”

Nun könnte man aus den neuen Rollen tatsächlich folgern, dass sich BibliothekarInnen in ihrer Berufspraxis kaum mehr als Lektüreratgeber für eine Zielgruppe verstehen, die ihr Leseentscheidungen mehr an Goodreads-Rezensionen ausrichtet. Allerdings waren Bibliotheken, was Richard Powers Reference Librarian ja deutlich zeigt, bereits schon länger weitaus mehr als Navigatoren durch die Listen mit literarischen Neuerscheinungen. Und doch zeigt sich selbst dieser Zweig bibliothekarischer Angebote recht lebendig. So konnte sich Douglas Rushkoff, Autor des OR Books-Titels Program or Be Programmed: Ten Commands for a Digital Age, nur im hervorragenden BOOKFORUM präsentieren (und sein Buch auch sonst weithin von der Literaturkritik besprochen) sondern erhielt immerhin erst gestern die Gelegenheit, seinen neuen Titel vorzustellen – in der Mid-Manhattan Zweigstelle der New York Public Library.

09.01.2014

Die Bibliothek als Sackgasse. Zum Berufsbild, wie es Yahoo!-Education sieht.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 9. Dezember 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden / @bkaden

Die Sterne für den Bibliotheksberuf stehen schlecht. Jedenfalls wenn man der Arbeitsmarktastrologie des Education-Portals von Yahoo! glaubt. Dort wurde in einem – undatierten, offenbar wohl neueren – Artikel der Beruf des Bibliothekars / der Bibliothekarin zu einem von fünf Sackgassen-Jobs erklärt. Das mag für eine neuere Arbeitswelt ganz zutreffend sein, in der es pragmatisch mehr um persönlichen Aufstieg und weniger um Identifikation mit dem jeweiligen Tätigkeitsfeld geht und in der man passend von Jobs und nicht Professions schreibt. Wie jeder weiß, ist der Unterschied zwischen beiden Konzepten erheblich. Die Profession bezieht sich auf die Ausbildung, die Qualifikation und eigentlich auch die Identifikation mit einem bestimmten Zuschnitt von Arbeit. Also:

Profession [...] a vocation requiring knowledge of some department of learning or science. (dictionary.com)

Ein Job bezieht sich wahlweise auf die konkrete Anstellung oder die konkrete Tätigkeit und lässt den Qualifikationsaspekt irgendwo im Dunklen:

Job [...] a piece of work, especially a specific task done as part of the routine of one’s occupation or for an agreed price (dictionary.com)

Geht es bei der Profession um eine individuelle Einstellung zur Sache, spielen beim Job die konkreten Arbeitsabläufe, die individuelle Einstellung als Sache und offensichtlich auch der Preis dafür eine Rolle.

"Profession" vs. "Job" - im Google-NGram-Viewer

“Profession” vs. “Job” – im Google-NGram-Viewer

Die NGram-Analyse im Google-Books-Korpus offenbart eine steile Karriere des Wortes “job” und ein Feststecken bzw. leichtes Absinken der Verwendung des Wortes “profession”. Besonders aussagekräftig ist der Kurvenvergleich jedoch nur dahingehend, dass er zeigt, wie seit dem frühen 20. Jahrhundert sehr gern und oft der Ausdruck Job verwendet wird. In welchem Kontext müsste man jetzt inhaltlich durchdringen.

Die Yahoo!-Autorin Andrea Duchon bewegt sich in ihrer Wortwahl vermutlich auch nicht allzu tief in der semantischen Differenzierung der Konzepte sondern mehr im Zeitgeist des einfachen und klaren Schlagworts bzw. noch wahrscheinlicher in der Bedeutung: Anstellungsverhältnisse. Ein Indikator dafür ist, dass sich die kleine Passage exakt so liest, wie Welterklärungstexte für Dummies gemeinhin verfasst sind:

“Librarians probably play a huge part in your childhood memories, but with a U.S. Department of Labor-projected job growth rate of only 7 percent from 2010 to 2020, it’s likely that “memory” could be the only role left for librarians to play.”

Andrea Duchon eröffnet mit einer Nostalgisierung und bestimmt damit bereits die Rolle, die ihrer Meinung nach für die Bibliothekare bleibt. Denn die Wachstumsrate bei den Stellen beträgt nur sieben Prozent, wobei unklar bleibt, wie rasant eigentlich ein Stellenangebot wachsen muss, um zur Skyway-Job zu werden.

Sie beruft sich nachfolgend auf die Prognosekompetenz der Karriereberaterin Wendy Nolin, die eine aufbruchsfreudige Firma namens Change Agent Careers betreibt. In aller Offenheit beschreibt diese auf ihrer Webseite ihren eigenen Ausbruch aus einem “Career Spin Cycle” und das sollte man schon einmal lesen, um einschätzen zu können, vor welchem Hintergrund die Aussagen zum an die Wand laufenden Bibliothekarsberuf getroffen werden.

Why Avoid It: Nolin says that this is a dying occupation simply because information now is so readily devoured using technology.

Hier findet sich fast erwartbar das reduktionistische Verständnis der Rolle von Bibliotheken, wie es unlängst ähnlich von Kathrin Passig in die Debatte katapultiert wurde. Bibliothek und Bibliotheksarbeit wird dabei mit Informationsversorgung gleichgesetzt. Allerdings war bereits das Aufkommen des Dokumentationswesens ein Schritt, der die Bibliotheken hinsichtlich dieser Rolle methodisch und technologisch ziemlich altbacken aussehen lies. Interessanterweise, aber eigentlich folgerichtig, ist dieses Praxis weitgehend in anderen Praxen aufgegangen oder – wie klanglos wie ihr Weltverband, die International Federation for Information and Documentation (FID) - verschwunden, während die Bibliotheken nach wie vor trotz allem auf recht hohem Niveau existieren.

Alarmierender ist dagegen die zweite Aussage Wendy Nolins:

“Plus, she says that federal funding for new libraries is basically non-existent, and job growth is expected to follow suit.”

Verfolgt man die Diskurse zur Zukunft des Bibliothekswesens in den USA, dann bekommt man wirklich den Eindruck, das Public-Library-System befände sich in der Krise. Noch vor 15 Jahren schien es undenkbar, dass im Mutterland des öffentlichen Bibliothekswesens Einrichtungen gekürzt oder geschlossen werden. (Man beachte das zur Schau gestellte Selbstbewusstsein der ALA auf diesen Postern.) Zu diesem Zeitpunkt galt das Bibliothekswesen der USA als Vorbild, Vorreiter und Garten Eden. Jedenfalls im deutschen Bibliothekswesen, dem man Ende der 1990er Jahre dann auch noch seinen zentralen Think-Tank, das DBI, geschlossen hat. Ein Schließungsgrund, den die Gutachter des Wissenschaftsrates peinlicherweise ins Spiel brachten, war die “zu intensive Betreuung der Öffentlichen Bibliotheken” (vgl. hier). Dieses Beispiel bringt noch einmal in Erinnerung, dass Finanzierungsentscheidungen nicht immer aus überzeugenden oder sogar objektiv tragbaren Einschätzungen heraus gefällt werden. Sondern häufig schwer durchschaubar einmal so oder so ausfallen und nicht selten abhängig davon sind, wer gerade für solche Entscheidungen zeichnungsberechtigt ist.

Erfahrungsgemäß sind ein bereitwilliges Aufspringen auf “Trending Topics” und das eifrige Klammern an das jeweilige Vokabular der Zeit bestenfalls kurzfristig hilfreich, um die eigene Position bündig zu vermitteln und die entscheidungsbefugten Kürzer oder Förderer zu beeindrucken. Oft zeigt sich dagegen darin nur, dass man mit Mühe den Trends der Anderen hinterhastet, wo an eigentlich eigene setzen sollte. Die interessante Entwicklungskurve des Konzeptes der so genannten Bibliothek 2.0 enthält dafür eine ganze Reihe von Beispielen. Mit der aktuellen Argumentation von Wendy Nolin, Kathrin Passig und anderen, die die Bibliothek als Papierverleihhaus für obsolet und die Arbeit in der Bibliothek zwangsläufig als berufliche Sackgasse deklarieren, irrlichtert man sogar in die Zeit vor 2003 zurück. Dabei liegt aber eigentlich das Kerngeschäft der Bibliotheken just in der Interaktivität, in der grundsätzlichen Remix-Praxis, die sich sowohl durch das Kuratieren wie auch das Rezipieren von Inhalten in der Bibliothek vollzieht und schließlich in dem Aspekt der Kommunikation und Wissensbildung, was weit über das Abrufen von Fakten und Information hinausgeht. Wäre man nicht unbedingt so radikal den Verheißungskünstlern des Library-2.0-Marktes hinterhergeeilt, sondern hätte in Rekurs auf diesen schon vor dem Medium Weblog existierenden Anspruch, dass eine Bibliothek mehr als ein Datenbank-Analogon sein muss, ernst genommen, stände die Bibliothek heute vielleicht noch ganz anders da. Und auch der Diskurs nach innen, der häufig an Mentalitätsklippen brach, die den Eindruck vermittelten, manche Bibliothekare sehnten sich in die klösterliche Übersichtlichkeit der Kettenbuchbänke zurück, wäre womöglich ein Stück weit produktiver verlaufen.

Wenn Förderer, Karriereberater, Netzaktivisten und Publizisten dieses prinzipielle Mehr-als-Information nicht sehen, liegt das Versäumnis indes nicht unbedingt nur bei ihnen (den Vorwurf des Kurzschlussfolgerung müssen sie dennoch aushalten). Sondern auch beim Bibliothekswesen selbst, das sich viel zu oft anstandslos in Buzzwordfeuerwerken, durchsichtigem Techno-Mimikry und öffentlich präsentierten Selbstzweifeln wälzt. Vielleicht zeigt sich darin zugleich auch ein anderes Problem, das uns wieder zur Yahoo!-Berufsanalyse zurückführt: Die Menschen, die in das Bibliothekswesen streben, sind seit je eher nicht die strahlkräftigen, kampfeslustigen und ehrgeizigen Karrieristen. Sondern häufig sympathische, idealistische und bescheidene Personen, die unerschütterlich daran glauben, dass schon gut ist, was sie machen und entsprechend wertgeschätzt wird. (Ein paar karrierebesessene Quertreiber und Egozentriker entdeckt man freilich auch. Die wechseln allerdings meist so schnell sie können auf die Seite des Geschäfts, auf der man deutlich mehr verdienen kann. Und dann gibt es selbstverständlich noch die Verbitterten, die eigentlich etwas Anderes in ihrem Leben machen wollten, aber vom Schicksal im Restraum Bibliothek geparkt und niemals wieder abgeholt wurden. Dies sind gemeinhin die schwierigsten Fälle.) Entsprechend sind die Bibliotheken natürlich ein vergleichsweise leichtes Ziel nicht zuletzt dann, wenn es um Ressourcenverteilungen bzw. -kürzungen geht. Was dem Bibliothekswesen aus meiner Sicht tatsächlich und mehr als technisches Know-How fehlt, ist eine Kultur des sowohl soliden als auch souveränen Widerspruchs. Eben weil die Akteure dieses Berufsfelds in der Regel gar nicht so viel Wert auf rasante Karrierekurven legen, für die gefälliges Verhalten erforderlich ist, könnten sie doch eigentlich weitaus risikofreudiger nach außen gehen, wagen und am Ende vielleicht sogar etwas gewinnen.

(Berlin, 09.12.2013)

Im Siliziumwindfang.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 13. November 2013

Eine kurze Anmerkung zu

Roland Reuß: Sie nennen es Service, dabei ist es Torheit. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2013 , S. 25.
Social-Media-Echo zum Artikel bei rivva )

von Ben Kaden / @bkaden

In ihrer Dienstagsausgabe veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung nach fast überraschend langer Zeit wieder einmal einen mahnenden Artikel von Roland Reuß (u.a. Mitinitiator des Heidelberger Appells, mehr zum Thema bei LIBREASBibliografie zum Thema bei iuwis.de ). Der Teaser klingt dramatisch:

“Was ist aus den Bollwerken europäischer Bildung geworden? Bibliotheken strecken vor den IT-Konzernen die Waffen und geben Leserdaten massenhaft weiter. “

die Spannungsführung des Textes fängt dies nicht ganz auf und das Ende des Textes ist ein wenig arg bemüht:

“Am Phantasma einer selbsternannten „digitalen Bohème“ teilzuhaben, mag einmal cool gewesen sein. Jetzt weht aus dieser Richtung ein tatsächlich sehr kalter, grauer Siliziumwind, und die Luft in der Wolke riecht nach Vorladung.”

Ein öffentlicher Schlagabtausch von Roland Reuß und Kathrin Passig verspräche zweifelsohne ein Spektakel, denn der Heidelberger Germanist streitet bekanntermaßen mit einer Intensität für ein bestimmtes Bibliotheksbild, die Kathrin Passigs Frankfurter Dialogpartner Frank Simon-Ritz schon allein aus seiner Rollenverpflichtung als Vorsitzender des dbv nicht einbringen könnte.

Auf eine umfassende inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Text von Roland Reuß will ich verzichten, da Roland Reuß aus wackligen Prämissen brüchige Zuspitzungen formuliert, die sicher an vielen Stellen einen bedenkenswerten Kern enthalten, mit ihren unverhältnismäßigen Pauschalvorwürfen wie:

“Man muss nicht jedes Feature in seinen Webkatalog integrieren, bloß weil der Hausprogrammierer das schon immer einmal ausprobieren wollte.”

jedoch kaum zum Dialog einladen. Dass Hausprogrammierer, wen auch immer Roland Reuß damit meinen mag, häufig anders denken als die Bibliothekare, ist bibliothekarische Alltagserfahrung. Dass sie aber partout die Webdienste der Bibliotheken als Spielwiese für eigene Juxereien gebrauchen haben sie im Normalfall gar nicht nötig. Nicht selten fehlt ihnen am Abend eines langen Tages des regulären Bugfixings und Absicherung des Basisbetriebs für solche Eskapaden sogar die Muße. Wer solche Aussagen trifft, so steht zu befürchten, hat noch nie wirklich in den Alltag der EDV-Abteilung einer deutschen Universitätsbibliothek geblickt.

Andererseits sind es gerade diese Spitzen bis hin zum völlig unsinnigen Brückenschlag zur “Digital Bohème”, die den unbedingt zu diskutierenden Zusammenhang zwischen Big Data, Datenschutz und der Rolle der Bibliotheken in einem Potpourri der Polemik verquirlen, was bisweilen den Eindruck hervorruft, hier triebe jemanden mehr die Freude an der Debatte als die Sache selbst.  Da Teile meiner Leserschaft mir bisweilen ähnliches zu unterstellen scheinen, was hin und wieder auch nicht völlig verkehrt ist, wäre mir das gar nicht einmal unsympathisch. Denn der Genuss am Diskurs ist als Motivation zur Teilnahme nicht zu unterschätzen.

Allerdings bretzelt sich die Reuß’sche Fassung immer in die Sphären einer derart konfrontativen Übertreibung auf, dass das Messer am Ende stumpf und der Werfer als der Realität etwas enthobener Solitär wirkt. Nehmen wir beispielsweise diese Passage:

“Denn dass „digital“ nicht billiger für eine Bibliothek ist, sollte sich selbst in die letzten Hochburgen der eben durch die NSA und die GCHQ ihrer Naherwartung beraubten Erweckungsbewegung herumgesprochen haben. Wie bei der Berechnung der Kosten für Atomkraftwerke kam bislang ja immer nur die Jungfernfahrt (und nie die Wartung und die Folgekosten) in den Rechenansatz. Anders als dort muss sich die Vorstellung eines GAU im Bibliotheksbereich aber erst noch bilden. Aber da helfen uns schon, wie eben zu beobachten, die Onkels aus Amerika.”

Der sachliche und wichtige Kern ist, dass man in der Tat kaum langfristige Kostenabschätzungen für digitale Infrastrukturen vornehmen kann und auf der grundlegenden Ebene bereits deshalb, weil wir kaum wissen, wie digitale Kommunikation in 10 Jahren detailliert aussehen wird. Momentan extrapolieren wir nach wie vor von einer Printkultur geprägte Bedingungen und denken digitale Bibliotheksbestände weitgehend entweder als Digitalisate oder – wie bei E-Books und E-Zeitschriften – als digitale Nachbildungen von Druckmedien. Wie allerdings die Wissenschaftskommunikation 2020 aussieht, welchen Anteil zum Beispiel die Publikation von Forschungs- und anderen strukturierten Daten unsere derzeitigen Normvorstellungen von einer wissenschaftlichen Publikation verschiebt, kann man derzeit kaum absehen. Zu behaupten, dass sie billiger zu organisieren sei, als die gegenwärtige, wäre schlicht unseriös.

Wir müssen also die denkbaren Bedingungen und Folgen gerade in der Bibliothekswissenschaft intensiv reflektieren, Szenarien entwickeln, Kritik üben, vor Gefahren warnen und Empfehlungen formulieren. Das ist eine Aufgabe dieses Faches. Zweifellos spielen Kostenkalkulationen dabei eine wichtige Rolle. Aber es besteht kein Anlass und es existiert kein erkennbarer Nutzen für die Diskussion, für diesen Hinweis die Keule der Atomkraft zu bemühen (das stimmige Anschlusswortspiel wäre dann Biblioshima), das Bibliothekswesen als zwangsgeläuterte Jünger einer Art Sekte zu diffamieren, dem Bibliothekswesen blinden Fortschrittsglauben und grundständige Naivität vorzuwerfen, um schließlich, nicht ohne auch noch auf die Gefahr einer Kernschmelze hinzuweisen, eine wohlfeile Amerika-Schelte in einer Wortwahl à la Karl-Eduard von Schnitzler ins Spiel zu bringen.

Das Mysterium der FAZ, die Roland Reuß ja offensichtlich sehr wohlwollend gegenüber steht, bleibt, warum sich in ihrer Redaktion kein Journalismus-Profi findet, der seinem Gastautor erklärt, dass man das hehrste Anliegen verbrennt, wenn man es auf einem derart schwarzen Kanal in die Öffentlichkeit rudert.

Zur Sachkorrektur sei hier abschließend der Kommentar von Michael Voss, Leiter der EDV in der von Roland Reuß direkt adressierten Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin, zitiert, der mit seiner Richtigstellung dem Heidelberger Mahner einen Großteil des konkreten Fundaments seiner Argumentation beraubt:

“Der Artikel ist zwar insgesamt recht interessant, ist aber in den Passagen zur Humboldt-Universität zu Belrin [sic] völlig falsch. Daher wird der Wert dieses Artikels arg reduziert.

Es gibt zwar das “Google-Institut” an der Humboldt-Universität, aber dieses hat keinerlei Zugriff auf die Daten, die auf den Servern der Universitätsbibliothek gespeichert sind.

Auf Suchhistorien kann nur der Leser selbst zugreifen. Dies ist aber nur dann möglich, wenn er diesen Service bewußt nutzen möchte – in Form von Speicherung von Treffermengen oder Suchanfragen. Wer dies nicht tut, hinterläßt auch keine dauerhaften Spuren. Diese gespeicherten Daten hat der leser voll unter seiner Kontrolle, wenn er sie löscht, dann sind sie auch gelöscht.

Log-Files werden nach 7 Tagen gelöscht, damit auch nicht aus Betriebsdaten Rückschlüsse gezogen werden können.

Michael Voss
(zuständig für den Betrieb des Katalogs und der Recherche-Software an der UB der Humboldt-Universität zu Berlin)”

P.S. Weil Bilder immer ziehen, hier noch eine Visualisierung der 1094 verschiedenen Wörter (von insgesamt 2230) des gestrigen Feuilleton-Aufmachers der FAZ, generiert mit dem von TextGrid bereitgestellten Voyant-Werkzeug. Im direkten Häufigkeitsvergleich schlagen die Bibliotheken (n=13) erwartungsgemäß sowohl Google (n=9) als auch Daten (n=7).

Wortwolke zu Roland Reuß: Sie nennen es Service, dabei ist es Torheit (2013)

Die Beunruhigung als Sprachbild: Voyant-Wortwolke zu Roland Reuß’ Sie nennen es Service, dabei ist es Torheit (FAZ, 12.11.2013)

Über Kathrin Passigs Bibliotheksbild und was wir daraus lernen können.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. November 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden / @bkaden

Kathrin Passig wird offensichtlich gern und regelmäßig als Impulsgeberin zur Diskussionen über die Zukunft der Bibliotheken eingeladen, vielleicht gerade, weil sie von sich zu berichten weiß: “Ich bin nicht so vertraut mit den internen Diskussionen der Bibliotheksbranche.”
Aktuell berichtet sie in ihrer Kolumne für die ZEIT von einer offenbar für sie wenig erfreulichen Konversation mit Frank Simon-Ritz, Bibliotheksdirektor und Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbands. Die Veranstaltung lief unter der wohl alliterarisierend gemeinten Überschrift Apps und Auratisierung: Ein Gespräch zur Zukunft der Bibliothek und anscheinend, wie häufig bei solchen Sitzungen auf Messepodien, ziemlich ins Leere.

Allerdings wurde ich leider nicht Zeuge dieser Dreiviertelstunde, da ich meinen Wochenbedarf an Prognosediskussion bereits weitgehend in meiner eigenen Diskussionsrunde zum Social Reading gestillt hatte, die ebenfalls, vorsichtig formuliert, eher ergebnisoffen endete.

Lieber überzeugte ich mich etwa zeitgleich in den Hallen davon, dass Print wenigstens als Printmarkt so agil wie selten zuvor ist. Es erstaunt im Herbst 2013 tatsächlich, in welcher materialen und handwerklichen Güte auch Parallelausgaben zu den E-Books, deren Absatz mittlerweile sogar im Mutterland des elektronischen Lesens seine Sättigung erreicht zu haben scheint, in Deutschland produziert ver- und gekauft werden. Belege dafür, dass Kathrin Passigs bereits an anderer Stelle gezeigte Papierfeindlichkeit ansteckend ist, fanden sich keine. Auch die Hysterie der Verlagswelt angesichts des Über-Mediums E-Book scheint nicht mehr akut, seit sie gemerkt haben, dass Hardcover trotz allem ganz gut geht, besonders, wenn man sich beim Einband und Satzbild mal etwas einfallen lässt.

Aber vielleicht ist es ja auch eine Ausnahmeort und man trifft dort ohnehin nur Leute, die besonders druckaffin sind, so wie man in einer Bibliothek meist eben nur Bibliotheksnutzer trifft. Das sind in öffentlichen Bibliotheken in Deutschland wahrscheinlich irgendetwas um die 30 Prozent der Gesamtbevölkerung, was aus meiner Sicht kein allzu niedriger Wert ist. Aber wahrscheinlich keiner, der in Kathrin Passigs digitalen Paralleluniversium allzu bedeutsam wäre:

“Es ist schön, dass es öffentliche Orte gibt, die so vielfältige Nutzungsmöglichkeiten eröffnen wie Bibliotheken, ohne dass man im Gegenzug auch nur einen Kaffee bestellen müsste. Aber in einem Paralleluniversum, in dem öffentliche Bibliotheken nie eingeführt worden sind, dürfte es heute schwerfallen, plausible Gründe für die Einführung solcher Einrichtungen zu benennen. Dass gerade allenthalben prestigeträchtige Megabibliotheken neu gebaut werden, ist kein Gegenargument, denn dahinter stehen etablierte Argumentations- und Finanzierungsstrukturen. Die Steuerzahler des Paralleluniversums würden fragen, ob man nicht stattdessen direkt Coworkingspaces, Veranstaltungsorte, Digitalisierungsprojekte oder eine private Internet-Grundversorgung für Bedürftige fördern und die großen Gebäude mit dem Papier weglassen könnte.”

Nun ist es sehr schwer, mit der abstrakten Pflaume “die Steuerzahler des Paralleluniversums … würden fragen” argumentativ zu spekulieren. Denn die Steuerzahler sind schon in unserem Universum ein ziemlich heterogener Haufen. Obendrein dürfte die Größe “Steuerzahler” anders als beim Großflughafen BER, beim Thema Bibliotheken vom eingefleischten Bibliothekshasser bis zum spendablen Bibliotheksliebhaber alle Schattierungen dessen aufweisen, wie man zu solchen Themen stehen kann. In einem Paralleluniversum mag das anders sein. Aber möglicherweise käme man in diesem auf die kuriose Idee, die Co-Workingspaces und öffentlichen Veranstaltungsorte mit Räumen zu flankieren, in denen ein Zugang zu Medien möglich ist.

II

Ernster als die aus irgendeinem persönlichen Anstoß resultierende Abneigung gegen Papier ist in Kathrin Passigs Kolumne die Kritik an der häufig tatsächlich zu beobachtenden Hilflosigkeit bibliothekarischer Selbstlegitimationsversuche zu bewerten. Es ist natürlich grotesk, dass  sich eine Institution mit ziemlich guten Durchsatz (etwa 470 Millionen verliehene Medien / Jahr) überhaupt permanent als bedeutsam präsentieren und rechtfertigen muss. Es ist sicher fürchterlich erschöpfend, wenn man dies ständig zudem gegenüber Kleinkämmerer, Papierfeinde und Digitalideologen zu tun verpflichtet ist Aber dies ist wohl die Realität. Vielleicht würde der kritische Steuerzahler eines Paralleluniversums aber fragen, wie teuer die Volkswirtschaft eigentlich die in permanente Evaluation und stetiges Reporting eingebundenen Ressourcen zu stehen kommt.

Kathrin Passig geht es jedoch, so glaube ich, gar nicht so sehr um die Kostenrechnung. Möglicherweise hat sie einfach Freude daran, die Bibliotheken zu necken, in dem sie in den renommiertesten Medien des Landes verkündet, dass die Bibliotheken “kaum noch eine Existenzberechtigung” haben, wenn sie sich nicht bald wandeln. Das wenig spezifizierte “Wohin” ist in diesem bekannten Schwarzmalbild vermutlich irgendeine digitale Form. Interessanter ist allerdings das “Warum” und zwar das Warum in der Frage, warum sich Kathrin Passig so eifrig auf das Thema stürzt. Offen gesagt erscheint mir die Vehemenz, mit der sie stabil und seit Jahren für eine Welt in E-Only missioniert, schwer nachvollziehbar. Von mir aus mag sie sogar Recht haben. Aber warum muss man 2013 noch so kämpfen, als stände man noch immer den bornierten Fortschrittsverweigerern des Jahres 1997 gegenüber, denen die Virtualität digitaler Kommunikation in keiner Form greifbar wird und die deshalb alles ablehnen, was binär anmutet. (So etwas gab es auch in Bibliotheken in dieser Zeit und die wahren Helden sind die Enthusiasten, die in zermürbenden Diskussionen abseits der Öffentlichkeit für ein freies W-Lan im Lesesaal und ähnliche Innovationen stritten.) Auf mich jedenfalls, der ich Vielfalt, Offenheit und die gleichzeitige Existenz von mehr als einer Wahrheit gerade durch Aufenthalte in Bibliotheken, die wunderschön all die Irrtümer und Glaubenskämpfe der Menschheitsgeschichte nachvollziehbar vorhalten, kennen lernen durfte, wirkt diese Selbstüberhöhung mit heftig artikulierten Anspruch auf Deutungshoheit irgendeiner Zukunft nicht wenig unzeitgemäß. Aber vielleicht bin ich es ja auch selbst.

III

Wenn es um die Alltagslegitimation der Bibliotheken geht, die eigentlich ein wenig mehr umfasst, als die Frage, wie digital die Bibliothek der Gegenwart mit ihren Diensten sein will, stehen die handelnden Akteure natürlich unter dem Zwang der Machtstrukturen. Es erklärt aber dennoch nicht, warum man sich auf dem enthobenen Parkett der Buchmesse wieder auf die völlig zu Recht kritisierte und objektiv hanebüchene Argumentationslinie, die (physische) Bibliothek sei doch irgendwie besser als das Internet, einlässt. Sie ist es nicht und wo sie es behauptet, hat sie bereits verloren. Jedenfalls wenn es um Information und Informationsversorgung geht. (Das Bildungsargument greift dagegen nur bei denjenigen, die auch denken, dass MOOCs die Universität als Begegnungsort ersetzen können – ich bin gespannt wann, immer unter dem Argument des Sparenmüssens, die Debatte um die Notwendigkeit der Universität als Ort ausbricht…)

Digitaltechnologie eignet sich fraglos hervorragend für eine bestimmte Art der Informationsnutzung, auch für eine bestimmte Art der Serendipity sowie für eine bestimmte Art der Kommunikation. Mutmaßlich niemand in der Wissenschaft möchte heute bei der Recherche auf die Volltextsuche oder multidimensionales Browsing verzichten. Ich kann  ohne Probleme in einer Stunde eine Anzahl von Publikationen einem Screening unterziehen und meist als irrelevant aussortieren, für die ich in vordigitaler Zeit wahrscheinlich zwei Wochen allein zur Beschaffung gebraucht hätte. Das Internet bietet uns die die beste und umfänglichste Informationsinfrastruktur, die die Menschheit für explizite Informationsprozesse jemals hatte. Die digitalen Sozialen Netzwerke schaffen es sogar, unser Sozialleben in maschinenlesbare Information zu verwandeln, in Graphen zu visualisieren und uns in einen permanenten Prozess der Selbstoptimierung zu führen – jedenfalls wenn wir wollen. Die Frage ist nun, ob wir es wollen.

Meine Erfahrungswerte mit Menschen verschiedenster Couleur ist, dass den meisten diese Debatten auch um das E-Book oder das Printbook herzlich egal sind. Viele verstehen die Debatte überhaupt nicht. Die Trägheit der Käufer ist sicher genauso ein Hemmschuh auf der Rutschbahn von Kathrin Passigs These eines “Untergang alles Papierenen” wie die Hipster-Entscheidung, E-Reader, Smartphone und Buch gleichberechtigt neben dem Bett liegen zu haben.

Mir wird nicht klar, was Kathrin Passig als Argument gegen Bibliotheken vorschwebt, wenn sie schreibt:

“Bibliotheken sind dann niedrigschwellig, wenn man in ihrer Nähe wohnt, nicht in seiner Mobilität eingeschränkt ist, lesen kann, generell damit vertraut gemacht worden ist, dass eine Bibliothek nicht beißt und sich in einem Umfeld bewegt, in dem das Aufsuchen solcher Orte nicht als albern gilt.”

Im Umkehrschluß bedeutet dies nämlich, dass die Bibliothek für den überwiegenden Teil der Menschen in Deutschland mehr oder weniger niedrigschwellig ist. Für alle anderen gab es einmal so etwas wie Soziale Bibliotheksarbeit. Warum also ausgerechnet die Digitaltechnologie für die Masse niedrigschwelliger sein soll, erklärt sie eigentlich auch nicht, wo sie meint:

“Das Internet ist dann niedrigschwellig, wenn man Zugang zu einem internetfähigen Gerät hat und nicht glaubt, dass das Internet seine Nutzer ausraubt und verdirbt. “

Jedoch ist der Zugang genau genommen nicht zum “symbolischen Preis”, wie es in Kathrin Passigs Welt der Fall ist, zu haben, sondern kostet schnell dreißig bis fünfzig Euro im Monat (+ Hardware), was für viele Menschen schwerer zu stemmen ist, als die Busfahrkarte zur Stadt- oder Universitätsbibliothek, in der man bei guter Führung auch ohne Gebühr den Freihandbereich benutzen darf. Allerdings hat die Digitalwirtschaft seit je diese Zielgruppen nicht im Blick. Insgesamt blendet Kathrin Passig in ihrer Frankfurter Kolumne aus, dass das Internet wie wir es heute kennen, vor allem ein Wirtschaftsraum ist, in dem vielleicht noch ein paar Nischen des offenen Webs der 1990er übrig sind, dass generell aber keine Schnittmenge mit dem im Kern nach wie vor am Gemeinwohl orientierten Grundversorgungsauftrag öffentlicher Bibliotheken besitzt. Das letztere diese besondere Rolle für die Gesellschaft häufig selbst kaum mehr reflektieren und das Thema auch nirgends auf der Agenda der Fachkommunikation auftaucht, macht die Sache natürlich nicht besser. “Apps und Aura” haben naturgemäß mehr Sexappeal und sind auf dem Jahrmarkt Buchmesse zwischen Wolfgang Joop und Boris Becker bestimmt am richtigen Ort. Der Bibliotheksalltag sollte aber vielschichtiger sein. Und er ist es auch.

IV

Für die saturierte Mittelschicht, aus der sich die bundesrepublikanische Bevölkerung nach wie vor weithin zusammenfügt, dürften fünfzig Euro Zugangskosten im Monat vielleicht kein symbolischer aber doch ein überschaubarer Preis sein. Entsprechend ist es mittlerweile für weite Teile der Gesellschaft so normal, ein Touchscreen-Telefon zu haben, wie man im Bad einen Wasserhahn erwartet. Und natürlich liest man permanent auf den Displays, nämlich die Social-Media-Streams und ab und an eine Kolumne auf ZEIT online. Der einstige Statusgewinn, denn man mit solcher Technologie erzielen konnte, ist dagegen mittlerweile weitgehend verloren. Sie sind inzwischen Werkzeuge und darin für die meisten so faszinierend wie eine Elektrolokomotive. Alle anderen lesen, je nach Präferenz, das LOK Magazin oder Macworld.

Überraschend ist, dass das Vorhandensein heimischer Breitbandzugänge ebenso wenig wie frühere Medienkonkurrenten so viele Menschen nicht davon abhält, doch ab und an in die Bibliothek zu gehen. (Oder eine Computerzeitschrift in der Papierausgabe zu kaufen.) In Universitätsbibliotheken sind es häufig sogar ein bisschen zu viele. Will man also die Bibliothek und ihre Attraktivität beleuchten, braucht man eigentlich nur fragen, warum sie in die “Papiermuseen” (Kathrin Passig) streben. Dann weiß man auch, was man an Eigenschaften erhalten muss, damit sie wieder kommen.

Man muss sich, so denke ich, aus Sicht der Bibliotheken gar nicht so sehr in dieses Binärschema der Diskursmühle einspannen lassen, das eine kleine Gruppe von Menschen, die bestimmte Technologien lieb(t)en und durchsetzen woll(t)en, in ihrem digitalen Revolutionskampf bis zur Mainstreamifizierung der re:publica entwickelten und heute auch bereits aus Tradition weiterpflegen und dessen Kern lautet: Entweder wir oder ihr. Aber besser wir.

Es geht hier nicht darum, wer Recht hat oder sich durchsetzt. So laut und wichtig die Stimme von Kathrin Passig ist – sie wird nicht maßgeblich darüber entscheiden, wie die Menschen lesen. Denn die meisten Menschen lesen nicht einmal sie. Wir tun es und zwar gern und hoffen auf Anregung. Es ist richtig, solch radikale und wie die meisten radikalen Positionen, anscheinend nur bedingt auf Eigenaktualisierung und Dauerreflexion gerichteten Ansätze, zur Kenntnis zu nehmen. Man sollte sich nur nicht von ihren Prognosen verrückt machen lassen. Zumal Kathrin Passig selbst einmal sagte:

“Ich glaube nicht, dass es das Qualitätskriterium für einen Gedanken ist, dass er auch in 300 Jahren noch richtig sein muss. Ich glaube, man kann sehr gute Ideen haben, die genau von jetzt bis nächsten Sommer richtig sind und danach nicht mehr. “

Derzeit jedenfalls blühen wenigstens im Publikationsbereich beide Kulturen, die des Materials und die des Digitalen, ganz gedeihlich miteinander.

V

Ein Hauptdefizit der Diskussion ist schließlich, wie sich die Vertreter des Bibliothekswesens auf den Aspekt, etwas besser oder billiger vermitteln zu können (oder müssen), festnageln lassen. Denn darum geht es in Bibliotheken idealerweise nur sehr am Rand. Bibliotheken sind, wie das Internet auch, Räume der Möglichkeit, jedoch im besten Fall nicht von Markt- und Renditeerwartungen getrieben. Sie stehen daher auch außer Konkurrenz. Die Einführung betriebswirtschaftlicher Radikalkuren in das Bibliothekswesen brachte zwar einigen Beratern und einer Handvoll Akteuren aus der Bibliotheksbranche ein bisschen was, gab dem Bibliothekswesen selbst jedoch weniger Impulse, die es wirklich verwerten konnte. Wer hart kalkulieren und jede Ausgabe begründen muss, wird eben nicht flexibler und kann auch nicht gut experimentieren – also genau die Fertigkeiten entwickeln, die der Digitalkultur (und der Digitalwirtschaft) einst die entscheidenden Schübe gaben. Was das Bibliothekswesen wahrscheinlich viel stärker als eine vermeintliche Liebe zum Papier hemmt, ist die Kombination von umfassender Abrechnungsbürokratie und absoluter Zeitgeistigkeitserwartung.

Das Bibliotheken sich gerade nicht rechnen müssen, ist (war?) übrigens ein zentrales Argument für diese Einrichtungen und ihre Rolle in einer auf Inklusion gerichteten Gesellschaft, was unbedingt einschließt, dass sie einen solchen freien und offenen Raum auch so weit wie möglich in das Internet ausdehnen. Wer kann wirklich abschätzen, welche Effekte konkrete Erfahrungen mit öffentlichen (digitalen) Bibliotheken auf welchen ihrer Nutzer und mit welcher Langzeitwirkung haben? Es gibt zwar immer ein paar gesellschaftliche Leuchtturmfiguren, die als Kinder gern in Bibliotheken herumstöberten und darin die Grundlage ihres kulturellen Aufstiegs sehen. Es gibt zugleich genügend Erfolgsgeschichten in jungen Jahren sozial marginalisierter Outsider, die aus der Garage jeweils eine Technologie in die Welt brachten, der sich auf einmal ein Großteil der informationell engagierten Welt unterwerfen wollten. Beides ist nicht sehr repräsentativ.

Es existieren nämlich Millionen von ehemaligen Bibliotheksnutzern, die irgendwann ein ganz überschaubares Leben als Berufskraftfahrer oder Sachbearbeiter führten. Und zehntausende Nerds, die nicht zu Milliardären wurden, sondern als Brotprogrammierer Verkaufsplattformen am Laufen halten. Wahrscheinlich wollen die wenigstens Menschen Teil einer Wissenschaftsgesellschaft sein, in der sie ständig gehalten sind, informationelle Höchstleistungen zu erbringen. Sondern einen handhabbaren Lebensalltag. Ihnen gefällt vielleicht gerade das begrenzte Maß an Serendipity, das eine Freihandaufstellung oder sogar ihr Regal zuhause bereithält. Vielleicht mögen sie also Bibliotheken vor allem dann, wenn sie sich dort irgendwie ihren Bedürfnissen gemäß mit Medien oder auch nur der Kontemplation auseinander setzen können und nicht, wenn ihnen permanent Bildungs- und Aufstiegs- und Aktivitätsnotwendigkeiten aufgedrängt werden. Bibliotheken sollten wahrscheinlich beide Dimensionen, die Streuung und die Konzentration anbieten. Nicht selten tun sie es de facto auch. Dass man zur Konzentration im Internet schwer ein Gegenstück im WWW findet, wäre mir allerdings als Argument in der Auseinandersetzung, wer was besser kann, der Apfel Internet oder die Birne Bibliothek, ein bisschen zu preiswert.

Interessanter sind für mich nämlich zwei damit zusammenhängende Grundfehler, die ich in der Debatte erkenne. Einerseits modelliert man in der Regel einen auf ein sehr aktives und bewusstes Informations- und Rezeptionsverhalten ausgerichteten Menschen als Ideal. Man geht davon aus, dass der Mensche immer mehr Wissen will, quantifiziert also seine Bedürfnisse in einer vergleichsweise schlichten Form. In Bezug auf Kinderbibliotheken und Informationskompetenz strebt man bisweilen danach, genau solche Informations-Poweruser heranzuziehen. Andererseits stellt man immer den Anspruch einer Optimierung, nach technischer Höchstleistung und maximalem Durchsatz. Man reproduziert demnach Muster der Leistungsgesellschaft in eine Sphäre, in der diese gar nicht notwendig wären, eventuell sogar schädlich sind.

Obendrein betreffen beide Aspekte nur ganz bestimmte Milieus und angesichts der kognitiven Investitionen und den erstaunlicherweise nicht weniger sondern meist nur komplexer werdenden Entscheidungen, die ein Mensch in solchen Kontexten zu treffen hat, sind diese als Zielpunkte des Lebens nur noch mäßig attraktiv. Dadurch, dass fast jeder jederzeit Zugriff zu Unmassen von Daten, Informationen und Inhalten hat, wird dieser Zugang banal und die Verpflichtung zur Teilhabe an der informationellen Entfaltung fast zur Last geworden. Die großen Luxushotels dieser Tage integrieren fast alle einen Bibliotheksraum. Keines jedoch einen Computerpool. Es ist heute ein Kennzeichen der Elite, nicht permanent netzvermittelte Informationen verarbeiten zu müssen. Und ein wenig scheint mir, als sickere dieser Abstinenzgedanke schon wieder in andere soziale Schichten durch.

VI

Ich bin mir nicht sicher, ob wir bereits den Einstieg in ein postdigitale Kultur erleben, in der die digitale Vernetzung so nebenher läuft, wie es vor fünfundzwanzig Jahren das Radio und das Telefon taten. Digitale Informationsräume sind Teil der Infrastruktur, auf die wir permanent zurückgreifen, wenn wir einen Bedarf haben. Ansonsten, so vermute ich, sind die Menschen in Zukunft gar nicht unglücklich, wenn sie sie nicht mehr wahrnehmen. Die Google-Brille ist übrigens ein konkreter Schritt in dieser Richtung. Digitale Kommunikationsmedien sind damit aber völlig normal und damit auch grundsätzlich in die Bibliotheken integriert, denn die Nutzer tragen sie ja bereits am Körper.

Die Bibliotheken haben aber damit selbst wenig zu tun. Menschen, wenigstens die aus den Schichten vom Mittelstand aufwärts, gehen nicht in die Bibliothek, weil es keine Alternativen gäbe, mit denen sie ihr Informations- oder Unterhaltungsbedürfnis ansprechen und bedienen können. Sie gehen in die Bibliothek, weil bzw. wenn diese ihnen die für ihren Geschmack und ihre Stimmung passende Form anbieten. Es ist kurioserweise eine Konsumentscheidung – wie der Kauf von Zahnpaste, bei dem der konsumhedonistische Großstädter mal Dentagard, mal Aronal, mal Marvis ins Bad stellt, mal einen Film im Online-Streaming und ein anderes Mal im Kino ansieht oder heute zu Curry 36 und morgen ins Grill Royal maschiert. Dank Internetzugang und e-Commerce sind wir für alles, was digital oder im Postpaket transportabel ist, überall in Deutschland potentiell konsumhedonistische Großstädter. In jedem Fall haben wir eine Vielzahl von Optionen.

Das gilt genauso für das gedruckte Buch. Wir leben in der luxuriösen Situation, dass wir oft wählen können, in welcher Form wir einen Text lesen wollen. Wenn man sich heute die gebundene Ausgabe entscheidet, dann einfach, weil man es möchte. Solange sich diese Entscheidungen zu einem Volumen addieren, das einen Absatzmarkt mit nur minimaler Marge ergibt, wird es höchstwahrscheinlich jemanden geben, der diesen Markt auch bedient. Wer beobacht hat, was Menschen auf sich nahmen, um das furchtbar unbequeme und anachronistische Medium des Polaroid-Films nach der Einstellung der Produktion am Leben zu halten (und zwar mit Erfolg), den wird nicht überraschen, dass es außerhalb unserer kleinen fachbibliothekarischen und feuilletonistischen Diskurszirkel Millionen von Menschen gibt, die nicht aus Nutzenrationalität handeln und deshalb danach fragen, was die Bibliothek oder das Internet besser können. Sondern einfach tun, worauf sie gerade Lust haben. Daher lohnt es sich mittlerweile offenbar auch wieder, Hörbücher auf Schallplatten zu veröffentlichen.

Bei aller Liebe zum haptischen Appeal des Apple-versums. Wenn es um die Lust und also um ein erotisches Moment (in der Bedeutung von Sinnlichkeit) geht, dann haben die Bibliotheken einige Dimensionen mehr zur Verfügung als die Displays, die für die Digitalkultur wahrscheinlich auch nur eine Zwischenlösung darstellen. Da die Nutzer ohnehin ihre Tablets oder Smartphones mitbringen, reicht es fast, die Versorgung mit W-Lan und Lade-Docks sicherzustellen. Und vielleicht eine Handvoll Tablets in Reserve zu halten, falls jemand keines mitbringt. Und eine App als Marketinginstrument. So etwas mag nicht die edelste Strategie sein, an der man Bibliotheksentwicklungen ausrichten kann. Aber sie als über-funktionale, sinnliche Erlebnisräume für alle zu denken, kann sie womöglich derzeit viel zeitgemäßer und, auch das, auratischer wirken lassen, als es die ein- und abgeschliffenen Argumente aus dem Strahlenkreis der Informationsversorgung vermögen. Nebenbei könnte man dann in aller Ruhe beginnen, die eigentliche gesellschaftliche Rolle einer Bibliothek neu zu bestimmen.

04.11.2013

Neu erschienen: LIBREAS #23: Forschungsdaten, Metadaten, noch mehr Daten. Forschungsdatenmanagement.

Posted in LIBREAS aktuell by libreas on 10. Oktober 2013

Kurz: Die neue Ausgabe der LIBREAS (www.libreas.eu) ist erschienen und wir sind einigermassen stolz auf sie und ihr neues Gesicht. Wir entlassen sie jetzt in die Welt.


Aber lieber länger: Man muss jetzt nicht wieder von lange währenden und endlich guten Dingen philosophieren, wenn man das Planungsdatum und das Ausgabedatum der aktuellen LIBREAS-Ausgabe vergleicht. Denn eigentlich ergeht es uns ja immer so. In diesem Fall jedoch macht es uns noch weniger aus als sonst. Denn einerseits trägt uns das Gefühl, dass wir eine Ausgabe zusammengetragen haben, die uns in ihrer Qualität sehr zufriedenstellt. Und andererseits haben wir sie und zugleich das Archiv das gesamte LIBREAS-Ausgabenarchiv in eine technologische Struktur umgebettet, die aus unserer Sicht sehr auf der Höhe der Zeit ist. Ein Beitrag dazu wird demnächst folgen. In jedem Fall sollten Anmutung, Navigation und (Nach-)Nutzung der Inhalte von LIBREAS so einfach sein, wie nie zuvor.

Wir werden in den nächsten Wochen sicher noch an der einen oder anderen Stelle nachjustieren. Rückmeldungen und Anmerkungen zur neuen Fassung des mittlerweile schon fast klassischen Modells LIBREAS sind sehr willkommen. Zugleich evaluieren wir natürlich den Sprung der Zeitschrift mit den üblichen altmetrischen Argusaugen und sind sehr zuversätzlich.

Es ist vermutlich generell nicht übertrieben, wenn man schreibt, dass die Redaktion mit dieser Ausgabe das Gefühl hat, als ginge es nun mit LIBREAS erst wirklich los.

In jedem Fall haben wir sehr viel Lust auf Zukunft. Wobei sich das Stichwort zum Verweis auf den aktuellen Call for Papers und die nächste Ausgabe wie von selbst eingestellt hat: Zukünfte. Wobei weniger die Zukünfte von LIBREAS im Zentrum stehen, als die der Bibliotheken und allem, was thematisch so darum herum schwirrt.

Nachstehend nun das Inhaltsverzeichnis. Wir wünschen viel Freude und / oder Anregung mit LIBREAS #23.

(red. / @libreas / 10.10.2013)

Coverbild LIBREAS #23

Redaktion LIBREAS Editorial #23: Forschungsdaten, Metadaten, noch mehr Daten. Forschungsdatenmanagement


Schwerpunkt: Daten. Metadaten. Noch mehr Daten. Forschungsdatenmanagement

Allgemein

Jakob Voß Was sind eigentlich Daten?
Christiane Laura Martin Wissenschaftliche Bibliotheken als Akteure im Forschungsdatenmanagement
René Schneider, Jasmin Hügi Motivationen für die Nutzung einer digitalen Forschungsinfrastruktur

Beispiele

Sven Vlaeminck, Gert G. Wagner, Joachim Wagner, Dietmar Harhoff, Olaf Siegert Replizierbare Forschung in den Wirtschaftswissenschaften erhöhen – eine Herausforderung für wissenschaftliche Infrastrukturdienstleister
Maxi Kindling, Elena Simukovic, Peter Schirmbacher Forschungsdatenmanagement an Hochschulen: Das Beispiel Humboldt-Universität zu Berlin
Tim Hasler, Wolfgang Peters-Kottig Vorschrift oder Thunfisch? – Zur Langzeitverfügbarkeit von Forschungsdaten
Patrick Sahle, Simone Kronenwett Jenseits der Daten: Überlegungen zu Datenzentren für die Geisteswissenschaften am Beispiel des Kölner “Data Center for the Humanities”
Jenny Delasalle Research Data Management at the University of Warwick: recent steps towards a joined-up approach at a UK university
Claudia Engelhardt Forschungsdatenmanagement in DFG-SFBs: Teilprojekte Informationsinfrastruktur (INF-Projekte)


Beiträge

Armin Talke Verwaiste und vergriffene Werke: Kommt das 20. Jahrhundert endlich in die Digitale Bibliothek?


Rezensionen

[Rezension:] Karsten Schuldt Leerstellen der Diskussion: eine kritische Besprechung der Abschlussberichte des RADIESCHEN-Projekts
[Rezension:] Petra Hauke Rezension zu: Catalogue 2.0. The future of the library catalogue.
[Rezension:] Ben Kaden Rezension zu: All This Can Happen (2012) und Living Archive (2013)


Freier Teil

Ben Kaden Ein neuer Gedenkort in Berlin: Dubček an der Staatsbibliothek

Wer übernimmt was? Zum Verhältnis von Digital Humanities und Geisteswissenschaften.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 12. September 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden (@bkaden)

Der Beitrag ist zwar nach den Zeitrechnungsstandards des WWW schon uralt, da er aber offensichtlich in der deutschen Digital-Humanities-Community für einigen Wirbel sorgt und mir, nachdem er sich scheu unter meinem ansonsten schon zuverlässig zugreifenden Radar hindurch geduckt hatte, nun noch einmal mit Nachdruck (bzw. als Ausdruck) auf den Schreibtisch gelegt wurde, will ich doch wenigstens meine Kenntnisnahme dokumentieren.

Am 19.07.2013 druckte die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf der Themenseite Bildungswelten (S. 9) einen Beitrag des Literatur-Juniorprofessors Jan Röhnert (TU Braunschweig, Wikipedia-Seite) mit dem Titel Feindliche Übernahme? Die Geisteswissenschaften wehren sich gegen falsche Ansprüche der Informatik, aber setzen auf die “Digital Humanities”. Er berichtet vom „Gespenst einer feindlichen Übernahme [der geisteswissenschaftlichen] Fächerkultur durch die Dogmen der Informatik.“ , was offensichtlich derzeit das heißeste Eisen im Metadiskurs der Geisteswissenschaften zu sein scheint. Jedenfalls auf dem Sommerplenum 2013 des Philosophischen Fakultätentages in Chemnitz im späten Juni.

Eigentlich handelt es sich um einen Methodenstreit, denn die Geisteswissenschaften fürchten ihre Mathematisierung und damit einhergehend die Verdrängung von Interpretation bzw. Hermeneutik. Erstaunlicherweise ist die Bibliothekswissenschaft hier einen Schritt voraus, denn ähnliche Debatten wurden am Berliner Institut bereits Ende der 1990er Jahre rege ausgefochten, wobei die zweite Seele (meist die biblio- bzw. szientometrische) lange Zeit parallel irgendwo unter der Bezeichnung „wissenschaftliche Informationsversorgung“ oder auch „Dokumentation(swissenschaft)“ parallel an ihrer Entfaltung arbeitete, um schließlich mit der nahezu Volldigitalisierung bibliothekarischer Datenverarbeitungsprozesse und endlich auch mehr und mehr der Bibliotheksbestände zur bestimmenden wurde. Dass die Gegenstände der Bibliothek digitalisiert wurden ist insofern von Bedeutung, als dass diese Digitalisierungen zugleich häufig die Gegenstände der Geisteswissenschaften (nämlich Texte) digitalisierten und so erst die Digital Humanities möglich machten.

Der Paradigmenwechsel, den laut Jan Röhnert der Bremer eScience-Fachmann Manfred Wischnewsky einfordert, vollzog sich dort schon weitaus früher und mittlerweile sind alle Facetten metamedialer Auseinandersetzung mit analogen Bibliotheksbeständen (Einbandkunde, Buchgeschichte, u. ä.) längst aus den Lehrplänen des Berliner Instituts verschwunden. Das Medium Buch ist für die Bibliothekswissenschaft in Berlin weitgehend irrelevant geworden. Betrachtet man die Debatten der Digitalen Geisteswissenschaften aus einer medialen Warte, geht es dort um einen ganz ähnlichen Schritt: Die Auflösung des Einzelobjekts, also in der Regel eines Werkes, das in der Literaturwissenschaft oft klassischerweise in direkter Beziehung zum Medium Buch oder etwas ähnlich Berührbarem steht.

Es sind verschiedene Stränge, die im Diskurs zusammen- und auch aneinander vorbei laufen. Jan Röhnert berichtet von Positivismus-Vorwürfen und dem bekannten und aus irgendeinem Grund gepflegten Irrtum, bei dem man „quantitativ erzeugte technische Simulationen bereits als qualitativen Wissenszuwachs ausgibt.“

Zumal der Wissensbegriff selbst, wie heute jedem bewusst sein dürfte, mit oft myopischem Blick auf ein Simulacrum verweist. Abstrakt ist das Wort „Wissen“ auch durch seine Übernutzung in den vergangenen Jahrzehnten derart zu einem substanzarmen Textbaustein eingeschrumpft, dass eigentlich jeder mit etwas Sprachbewusstsein ausgestattete Diskursteilnehmer auf dieses Hohlwort zu verzichten bemüht sein sollte.  Dann würden vielleicht auch die aus dem mit dem Ausdruck „Wissen“ fast  verbundenen Anspruchsdenken nicht ganz unzusammenhängenden Missverständnisse reduziert.

Aus einer distanzierten Warte ist die Aufregung ohnehin unverständlich, handelt es sich bei den Digital Humanities doch ganz offensichtlich nicht um die Fortsetzung der Geisteswissenschaften mit digitalen Methoden, sondern um die Auseinandersetzung mit traditionell geisteswissenschaftlichen Gegenständen mittels digitaler Aufbereitungs- und Analysewerkzeuge. Es ist eher eine neue Form von Wissenschaft, die hier entsteht. Dass man sich einer geistigen Schöpfung nach wie vor auch hermeneutisch nähern kann (und zum Wohle der Menschheit auch zukünftig muss), sollte außer Frage stehen. Bedenklich wird es erst, wenn Förderinstitutionen Durch- und Weitblick verlieren und aus Zeitgeist-, Marketing- oder anderen Gründen denken, dass man die Unterstützung für die Geisteswissenschaften auf die Digital Humanities umschichten sollte. Diese Angst ist, wie man oft von Betroffenen hört, nicht ganz unbegründet und wahrscheinlich die eigentliche Essenz der Behauptungskämpfe.

Inhaltlich verwundert dagegen (nicht nur) aus einer semiotischen Warte, warum die traditionellen Geisteswissenschaften (eine behelfsmäßige Formulierung in Abgrenzung zum Ausdruck der „digitalen Geisteswissenschaften“) ihre hermeneutische Kompetenz nicht noch stärker auf natur- und sozialwissenschaftliche Gegenstandsbereiche ausweiten. Wer beispielsweise Franz Hessels Stadtraumlektüren kennt, weiß sofort, dass sich jedes beobachtbare soziale Gefüge genauso wie auch die Geometrie als Narrativ lesen und verstehen lässt.

Übrigens auch die Debatte um die „Feindliche Übernahme“, wobei Jan Röhnert unnötig in die – etwas wohlfeile –  Parallele zu geheimdienstlicher Datenanalyse stolpert:

„Solche Software, die  – nicht unähnlich den kürzlich aufgedeckten Spionageprogrammen „Prism“ und „Tempora“ –  unvorstellbar große Informationsmengen analysiert […]“

So naheliegend die Ähnlichkeit ist, so unglücklich ist der Vergleich. Denn dass natürlich geheimdienstliche Aufklärung seit je massiv auch auf interpretatorische, teilweise sicher auch hermeneutisch inspirierte Verfahren setzte, steht genauso außer Frage. Die Parallele ist keinesfalls neu und als kritisches Argument nur tauglich, wenn man sie auch entsprechend erläutert. In der Länge dieses Artikels ist das freilich nicht möglich. Dabei liegen mit den zitierten Positionen von Gerhard Lauer und Malte Rehbein eigentlich schon sehr konsensfähige Positionen auf dem Tisch und im Text und auch Jan Röhnert beendet seine Schilderung derart versöhnlich, dass man als außenstehender Beobachter die Aufregung gar nicht versteht. Übrigens auch nicht die, der Digital-Humanities-Community, von der mir heute berichtet wurde.

 (Berlin, 12.09.2013)

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