LIBREAS.Library Ideas

Der SWiF 2014. Ein Interview mit Evelyn Dröge und Violeta Trkulja.

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen by libreas on 22. Juli 2014

Im Herbst (am 14. und 15. November 2014) findet am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin der 5. Studenten-Workshop für informationswissenschaftliche Forschung SWiF 2014 statt. Aus naheliegenden Gründen unterstützt der LIBREAS-Verein die Veranstaltung sehr gern. Und das legt wiederum nah, sich mit den beiden Organisatorinnen am Institut, Evelyn Dröge und Violeta Trkulja, vorbereitend zu einem Gespräch zu treffen.

Evelyn Dröge und Violeta Trkulja / SWiF 2014 am IBI

Violeta Trkulja und Evelyn Dröge auf dem Balkon des Instituts in der Dorotheenstraße.

Der SWiF-Workshop ist per Namen einer für „informationswissenschaftliche Forschung“. Er findet dieses Jahr aber am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft statt. Ist es denn auch möglich, ein bibliothekswissenschaftliches Forschungsthema vorzuschlagen?

Selbstverständlich. Wir verstehen Bibliotheks- und Informationswissenschaft als ganz und gar interdisziplinär. Bibliothekswissenschaftliche sind genauso willkommen wie zum Beispiel sozialwissenschaftliche Konzepte, die sich an Fragestellungen aus unserem Feld anbinden lassen. Die Informationswissenschaft ist hier ausdrücklich als inklusives Konzept und damit gerade nicht als ausgrenzend zu verstehen. Die Bezeichnung Bibliotheks- und Informationswissenschaft wäre dazu sogar eher zu einengend.

Warum benötigt man eine Veranstaltung wie den SWiF?

Wir haben den Eindruck, dass den Studierenden ein Format dieser Art fehlt. Auf Fachkonferenzen gibt es häufiger Veranstaltungen für Doktoranden oder für Young Information Professionals, jedoch selten für Studierende aus dem LIS-Bereich. Zudem ist dieser Rahmen häufig eher auf eine Vermittlung der Nachwuchsforschung an ein Fachpublikum gerichtet.

Die Idee des SWIF ist dagegen der direkte Austausch zwischen den Studierenden. Wir möchten, dass Studierende von unterschiedlichen Hochschulen und mit unterschiedlichen informationswissenschaftlichen Forschungsinteressen untereinander ins Gespräch kommen, sich und ihre Arbeit und nicht zuletzt auch die Studiengänge der anderen Studierenden wechselseitig kennenlernen. Von jeder Hochschule ist zudem ein Dozent als Ansprechpartner dabei. So kann man zum Beispiel auch frühzeitig bei der Promotionsplanung ermitteln, welche Hochschule sich für das eigene Thema besonders eignet.

Im Prinzip kann man den SWiF als ein Pendant zu den etablierten Formaten für Promovierende verstehen, bei dem ein fachlicher und sozialer Austausch unter Peers gefördert wird.

Im Ankündigungstext liest man von einer „Auswahl geeigneter Vorträge“. Wie gestaltet sich denn dieses Auswahlverfahren?

Die Auswahl liegt in den Händen des Organisationsteams. Allzu große Sorgen sollte sich aber niemand machen, der einen substantiellen Beitrag einreicht. Erfahrungsgemäß können fast alle Vorschläge, die fachlich relevant sind, berücksichtigt werden. Uns geht es vor allem darum, eine große inhaltliche Breite abzubilden und Studierende möglichst vieler Hochschulen zu berücksichtigen. Außerdem sollte schon ein inhaltlicher Fortschritt über eine Forschungsidee hinaus vorgestellt werden können. Was aber keinesfalls bedeutet, dass die Arbeit schon fertig sein soll. Es können übrigens nicht nur Forschungen aus dem Umfeld Bachelor- oder Masterarbeiten vorgestellt werden. Auch Projekte sind willkommen. Sogar Hausarbeiten sind, sofern sie eine gewisse inhaltliche Originalität und methodische Qualität besitzen, für uns interessant.

Der SWiF richtet sich ja an den wissenschaftlichen Nachwuchs, der sich idealerweise in das disziplinäre Feld der Informationswissenschaft, nun ja, hineinforscht. Wie beurteilt ihr generell den Zustand des Faches in Deutschland?

Dass es so ausgeprägte Metadiskussionen zu Stand und Rolle des Faches gibt, liegt möglicherweise daran, dass in der Informationswissenschaft sehr unterschiedliche Bilder von dem existieren, was „Informationswissenschaft“ eigentlich ist. Die Informationswissenschaft ist grundsätzlich äußerst interdisziplinär. Das Bild was man vom Fach hat ist dabei oft vom Standort abhängig. Gerade deshalb scheint es sehr wichtig, dass sich der wissenschaftliche Nachwuchs über Veranstaltungen wie unsere dieser Interdisziplinarität und den damit verbundenen Chancen bewusst wird. Insgesamt beschäftigt sich die Informationswissenschaft schon sehr intensiv mit der Frage, was sie eigentlich ist.

Vielleicht sollte man es mehr aus den Möglichkeiten der Verknüpfbarkeit betrachten. Die Informationswissenschaft ist ein sehr breites Feld. Die Studierenden verfügen entsprechend am Ende ihres Studiums über eine sehr große Palette an Methoden und Kompetenzen, die sie in vielfältigen Zusammenhängen einbringen können. Andererseits greift das Fach häufig Themen auf, die man so auf den ersten Blick eventuell gar nicht als informationswissenschaftlich eingeschätzt hätte, die bei intensiverer Beschäftigung damit aber wieder sehr passend erscheinen. Gerade auf Konferenzen stellt sich dieser Effekt häufiger ein.

Die möglicherweise etwas negative Stimmung hinsichtlich der übergeordneten Relevanz der Informationswissenschaft in Deutschland mag auch damit zusammenhängen, dass es keine übergeordnete institutionelle Instanz gibt, die hierzu Impulse setzt. Die DGI übernahm lange diese Funktion, scheint momentan aber mehr auf praktische Fragen konzentriert. Für die informationswissenschaftlichen Institute und die informationswissenschaftliche Forschung in Deutschland fehlt derzeit eine Vereinigung, die sie gebündelt vertritt. Vorstellbar ist, dass sich das International Symposium for Information Science (ISI) des Hochschulverband Informationswissenschaft (HI) als eine solche Plattform weiter etabliert.

Was sind eigentlich eure derzeitigen Forschungsschwerpunkte hier am Berliner Institut?

Wir beschäftigen uns in erster Linie mit Linked Open Data und Fragen des Semantic Web. Wissensrepräsentation und Ontologieaufbau sind ja zentrale Themen der Informationswissenschaft. Aus dem DM2E-Projekt (Digitised Manuscripts to Europeana) ergeben sich zahlreiche Forschungsfragen in dieser Richtung, die unsere Forschungsagenda sicher noch lange prägen werden. Deshalb freuen wir uns, dass mit dem neuen Forschungsrahmenprogramm der EU HORIZON 2020 mittlerweile noch stärker auf Nachhaltigkeit bedachte Forschungsfördermöglichkeit bestehen.

Die demnächst erscheinende Ausgabe von LIBREAS widmet sich dem Thema „Frauen und Bibliotheken“. Wie ist es eigentlich um das Thema „Frauen und Informationswissenschaft“ bestellt?

Nach dem subjektiven Eindruck verhält es sich da gar nicht so anders. Auf der mittleren Ebene, also hier unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern, sind erstaunlich viele, wenn nicht sogar überwiegend Frauen zu finden, wogegen die Professuren eher männlich dominiert sind. Interessant ist dabei die Rolle des Faches als mögliche Transferdisziplin. War und ist die Informatik weitgehend männlich geprägt, dürfte das Geschlechterverhältnis in der Bibliothekswissenschaft eher umgedreht sein. Versteht man die Bibliotheks- und Informationswissenschaft bzw. die Informationswissenschaft als Mittlerinstanz zwischen Informatik und Fragen den aus diesem Umfeld entstehenden Fragen, so kann man sie durchaus als eine Schnittstelle ansehen, die beide Welten geschlechterübergreifend besser zusammenbringt. Aus der Informationswissenschaft können mehr informatikinteressierte Studierende kommen und da wir mehr Frauen als die Informatik haben, können sich so wahrscheinlich mehr Frauen für dieses Fach interessieren. Und tatsächlich gibt es mittlerweile erstaunlich viele LIS-Studentinnen mit einem ausgeprägten Interesse für Fragen und Verfahren der Informatik.

(Berlin, 21.07.2014 / Interview und Foto: Ben Kaden)

LIBREAS #24: Zukünfte erschienen

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell by libreas on 17. März 2014

Diese Zukunft liegt hinter uns: Mit großer Freude verkünden wir, dass die 24. Ausgabe der LIBREAS mit dem Titelthema Zukünfte erschienen ist. Wie immer freuen wir uns und hätten vor Kurzem noch nicht geglaubt, dass es klappen würde. Aber da ist, mit Artikeln über gewünschte, erspähte, zu verhindernde, zu diskutierende und vergangene Zukünfte. Viel Spaß beim Lesen, viel Spaß beim Diskutieren.

(Und auf zur nächsten Ausgabe, LIBREAS #25: Frauen.)

Redaktion LIBREAS. Library Ideas

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It’s the frei<tag> 2013 Countdown (18): Das Dokument

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 4. März 2013

Karsten Schuldt

Eine der spannendsten Diskussionen, die in den bibliothekarischen Literatur der letzten Monate angesprochen wurde, ist die nach der Distinktheit der Dokuments. Sarah Dudek hat diese Frage gestellt (Dudek, Sarah (2012) / Die Zukunft der Buchstaben in der alphanumerischen Gesellschaft. Text und Dokument unter digitalen Bedingungen. In: Bibliothek Forschung und Praxis 36 (2012) 2, 189–199) Auch Jakob Voss hat vor einigen Jahren dazu einen Vorstoss unternommen. (Voß, Jakob (2009) / Zur Neubestimmung des Dokumentenbegriffs im rein Digitalen. In: LIBREAS. Library Ideas 5 (2009) 2.) Die Frage ist eigentlich ziemlich einfach, aber potentiel weitreichend.

  1. Trennt sich im Elektronischen das Dokument vom Träger so sehr, dass es nicht mehr distinkt ist?

Dies bezieht sich auf eine einfach Beobachtung: Bislang gehen wir davon aus, dass ein Dokument eine zusammengehörige Entität ist. So ist ein Artikel ein inhaltlicher Zusammenhang. Der Titel, die Namen der Autorinnen und Autoren, die Argumentation, der inhaltliche Aufbau, die Schlussfolgerung: alles gehört zusammen. Aber das muss nicht mehr so sein. Gehen wir gar nicht von den Internetdiensten aus, die sich jeweils auf Anfrage neu zusammensetzen. Schauen wir einfach auf wissenschaftliche Artikel, die auf Forschungsdatensätze verweisen, die „irgendwo anders“ liegen, aber für die gesamte Argumentation notwendig sind. Textdaten und Forschungsdaten liegen auf unterschiedlichen Servern, und zwar nicht nur auf der Ebene des Datenmanagements, sondern auch sichtbar. Was ist das dann für ein Dokument? Wo sind die Grenzen?

  1. Falls sich das Dokument als fluide herausstellt und beispielsweise der Ausdruck eines Artikels nur eine Zeitaufnahme ist, die aber sich inhaltlich von den anderen Ausdrucken nicht unterscheidet, was ist das Dokument dann?
  2. Wenn das Dokument fluide wird, was sammeln, ordnen, archivieren, erschliessen etc. wir dann eigentlich?

Denken wir an das E-Book. Was ist das für ein Dokument? Noch ist es vor allem ein besseres PDF, manchmal etwas angereichtert. Aber wir alle haben schon andere Beispiel gesehen und wir wissen, dass da mehr kommen wird. E-Books, die sich aus verschiedenen Medienquellen zusammensetzen. E-Books, welche die Steuerung und Manipulation von anderen Medien, von Datensammlungen erlauben. E-Books, die nicht mehr ein Gesamtwerk sein werden, sondern ein neues Werk bei jedem Aufruf oder nach Änderungen an kleinen Datenmengen, auf die sich das E-Book bezieht.

Und dann? Werden wir alle Datenquellen sammeln, aus denen sich ein solches Medium zusammensetzt? Nur die Metadaten? Momentaufnahmen? Das gesamte Denken über Inhalte im Bibliothekswesen ist mehr oder minder an die Grundthese gebunden, dass Inhalt und Medium zusammengehören. Immer mehr deutet sich an, dass in bestimmten Medienformen dieser Zusammenhang aufgetrennt wird. Das am Beste zu verstehende Beispiel dafür sind die Forschungsdaten, über deren Curation im Bibliotheksbereich zur Zeit geredet wird. Was sind das eigentlich für Datenformen? Wie werden Sie mit anderen Daten zu welchen Dokumenten verbunden? Wieso?

"Die Überlagerung des nationalen Systems der Politik durch transnationale Felder schleift die Bastionen des Traditionalismus, bricht die Kartellstrukturen auf und macht den Weg frei für Erneuerung. Weil sie von außen kommen, können die neuen transnationalen Eliten, befreit von den Restriktionen der beschriebenen Illusio, bisher undenkbaren sozialen Wandel in Gang setzen. Aus der nationalen Sicht müssen diese neuen Strukturen der Herrschaft und das neue Denken, das sie mit sich bringen, zwangsläufig als illegitim erscheinen." (Münch, Richard (2009) / Globale Eliten, lokale Autoritäten : Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2009, S. 203)

“Die Überlagerung des nationalen Systems der Politik durch transnationale Felder schleift die Bastionen des Traditionalismus, bricht die Kartellstrukturen auf und macht den Weg frei für Erneuerung. Weil sie von außen kommen, können die neuen transnationalen Eliten, befreit von den Restriktionen der beschriebenen Illusio, bisher undenkbaren sozialen Wandel in Gang setzen. Aus der nationalen Sicht müssen diese neuen Strukturen der Herrschaft und das neue Denken, das sie mit sich bringen, zwangsläufig als illegitim erscheinen.” (Münch, Richard (2009) / Globale Eliten, lokale Autoritäten : Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2009, S. 203)

Aber es geht weiter: Bob Nicholson (Medienhistoriker an der Edge Hill University, Ormskirk, UK) behauptet folgendes:

The concept of a ‘digital methodology’ rests on one key idea: a hard copy of a newspaper is fundamentally different from a digitised version. At first glance, this difference seems obvious; one source is made from paper, the other exists as billions of 1s and 0s. However, the transformative effect of digitisation streches beyond this material transition. Unlike microfilming, the creation of a digital newspaper does not simply produce what archivists term a ‘surrogate’, or stand-in, for the original. Instead, it creates something new; sources are ‘remediated’ and not just reproduced. Though a digitised text may look familiar, it is not the same source; we are able to access, read, organisa and analyse it in radical new ways.“ (Nicholson, Bob (2013) / The Digital Turn : Exploring the methodological possibilities of digital newspaper archives. In: Media History 19 (2013) 1, 59-73)

Im Weiteren argumentiert er, dass sich digitalisierte Zeitschriften durch die Einbindung in Datenbanken für die Medienhistorie in eine völlig neue Form von Medium verwandeln, ein Medium, an das andere Fragen gestellt werden können und das sich erst wirklich erschliesst, wenn man mit den Werkzeugen zum Erschliessen „spielt“. Das Objekt, dass untersucht wird, wird im Suchlauf erstellt und zugänglich gemacht. Für Nicholson geht es dabei um die Zugänge der Mediengeschichte, für Bibliotheken und die Bibliothekswissenschaft sollten sich vor allem für die Frage interessieren, was das da eigentlich für ein Dokukment ist, dass Nicholson beschreibt? Ist es ein Dokument? Ist es nicht eine fludie Sammlung von Daten, die im Zuge des Aufrufes zum Dokument wird, dann aber auch nicht stillsteht?

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (26): Theorie.

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 24. Februar 2013

von Karsten Schuldt

Theorie ist nicht normativ

„Von der Theorie zur Praxis“ ist eine im bibliothekarischen Bereich in Texten, Weiterbildungsveranstaltungen und Vorträgen gerne genutzte Formulierung, die mich ehrlich gesagt immer wieder irritiert. Was ist damit eigentlich gemeint? Mir scheint, dass das, was in solchen Texten (verstehen wir strukturalistisch Veranstaltungen und Vorträge auch als Text) als Theorie gilt, etwas anderes ist, als eine wissenschaftliche Theorie. Oder anders: Es scheint zwei Theoriebegriffe zu geben.

  • In „von der Theorie zur Praxis“-Texten scheint „Theorie“ für fast alles Geschriebene zu gelten, dass kein Beispiel ist. Eine Theorie, so scheint es, ist das, was etwas vorgibt: Standards, normative Texte, Aufrufe, politische Dokumente. Schreibt eine Kommission des dbv oder des BIS einen Text, indem sie beispielsweise sagt, dass Urheberrecht in Deutschland oder der Schweiz müsste so und so geregelt werden, gilt das als „Theorie“. Von dieser Theorie, so scheint die Vorstellung, erfährt man im Studium oder der Ausbildung, hört sie auf Veranstaltungen und wendet sie dann im bibliothekarischen Alltag mehr oder minder an.
  • Theorie in der Wissenschaft dahingegen entzieht sich dem Normativen (sie sollte es zumindest, obgleich es genügend Beispiele dafür gibt, dass Theoretikerinnen und Theoretiker aus ihrem Theoriemodell ableiten, Normen für die Welt vorgeben zu dürfen). Vielmehr erklärt eine Theorie etwas, zum Beispiel das Verhalten von Nutzerinnen und Nutzern an der Informationstheke. Eine gute Theorie ist dabei (a) aus der Realität gebildet (also nicht einfach aus dem Bauch heraus behauptet, sondern reflexiv auf der Basis von überprüfbaren Daten erstellt), (b) getestet (also ebenso nicht einfach aus dem Bauch heraus aufgestellt, sondern reproduzierbar daraufhin angeschaut, ob sie wirklich erklärt, was sie erklären soll), (c) in der Lage, Voraussagen zu machen, die sowohl reproduzierbar eintreffen als auch erklärbar sind (also in der Lage, auch verständlich zu machen, warum etwas passiert, warum sich zum Beispiel Nutzerinnen und Nutzer so und so verhalten).

Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Nicht nur, dass man bei vielen normativen Dokumenten in Bibliothekeswesen gar nicht weiss, wie und wieso sie zustande kommen (Fragen wir doch mal: Wieso steht in den Dokumenten zur Bibliothekethik in Deutschland und bald auch in der Schweit das, was in ihnen steht?), sie haben auch gar nicht den Anspruch, zu erklären und Voraussagen zu ermöglichen. Hingegen wollen wissenschaftliche Theorie gar nicht vorgeben, was zu tun ist, sondern (knapp gefasst) verständlich machen, was warum so ist wie es ist.

Das Problem bei den am Anfang genannten bibliothekarischen Texten ist nun, dass sie die Funktion wissenschaftlicher Theorien gar nicht vorzusehen scheinen. Steht irgendwo „von der Theorie zur Parxis“ wird zumeist erwartet, dass einige Überblicksaussagen gemacht und dann Beispiele genannt werden. (Mir ist ehrlich gesagt oft der Wert solcher Beispiele nicht ganz klar. Aber das ist ein anderes Thema.) Eine Theorie hingegen, die darauf abzielt, zu erklären und somit zur Selbstaufklärung zum Beispiel der bibliothekarischen Profession (tatsächlich im Sinne der Aufklärung, die Kant et al. hochhielten) beizutragen, hat in diesem Setting gar keinen richtigen Sprechort. Mit Judith Butler ist das zu beschreiben als ein Position, die im Diskurs nicht intelligibel ist und damit immer qua Definition missverstanden wird; nämlich nicht als Erklärung dessen was ist, sondern als normative Vorgabe wie es sein soll.

Nichts genaues weiss man nicht“

Ein Effekt dieser Theorielosigkeit – im Sinne des zweiten Verständnisses von Theorie – scheint sich mir in solchen Aussagen wie „nichts genaues weiss man nicht“, „die Theorie ist auch nicht weiter“ und ähnlichen widerzuspiegeln, die sich oft nach Vorträgen und Workshops, dies es doch wagen zum Beispiel auf Bibliothekskongressen die zweite Position einzunehmen, auf den Fluren hören lassen. Mir scheint das ein Spiegel eines grundlegenden Missverständnisses zu sein. Da von „Theorie“ erwartet wird, Vorgaben zu geben – zum Beispiel Kennzahlen für einen Bibliotheksbestand zu nennen – und nicht zu erklären – zum Beispiel wie ein Bestand in einer Bibliothek überhaupt zusammen gekommen ist – sind viele Zuhörende nicht gewohnt, die Funktion der Theorie wahrzunehmen. (Teilweise vermittelt sich zudem der Eindruck, dass der Wille nicht vorhanden ist, die Interpretationsleistung zu erbringen und – was der Effekt einer richtigen Erklärung sein kann – Dinge zu verändern. Aber das mag ein falscher Eindruck sein.) Eine Theorie im zweiten Verständnis will gar nicht sagen, etwas müsste so und so gemacht werden, sondern sie will dazu beitragen, dass wir etwas verstehen.

Das ist eine gewisse Zumutung. Eine Zumutung an die Bibliotheken zum Beispiel, wahrzunehmen, was wir erklären können und dann eine eigene Leistung der Interpretation zu leisten, sich nämlich zu fragen, ob ein theoretisches Modell, wenn es Voraussagen ermöglichen kann, auch Aussagen liefert, welche für die Gestaltung einer Bibliothek sinnvoll anzuwenden sind. Das ist etwas gänzlich anderes als der Text einer Kommission, die oft davon auszugehen scheint, die aktuell sinnvollste und genaueste Aussage über einen Gegenstand getroffen zu haben. Bei einem solchen Text ist die Interpretationsleistung ganz anders: Zumeist sollen dann „nur“ die Aussagen an Stakeholder einer Bibliothek verkauft werden. Aber: Das hat oft mit dem Verstehen, warum etwas ist, wie es ist, nichts zu tun.

Eine wissenschaftliche Theorie erfordert erst einmal nichts. Die Menschen und die Institutionen (die ja aus Menschen bestehen) müssen sich selber dazu bilden, aus den Erklärungen eine Identität und eine Handlung abzuleiten. (Und das eigentlich in der Ausbildung erlernen.) Aber zum Beispiel kann eine wissenschaftliche Theorie erklären, warum Menschen mit sozial schwachem Hintergrund kaum in die Bibliothek kommen und sogar getestet Voraussagen dazu treffen; ohne das dies gleich heisst, die Bibliotheken müssten etwas gegen diesen Fakt unternehmen. Hingegen kann ein Text einer Kommission genau das tun: Fordern, die Bibliothek hätte etwas dagegen zu tun. (Da aber auch diese Kommissionen selten die Funktion von wissenschaftlichen Theorien akzeptieren, sind deren Forderung dann meist unterkomplex und bestehen zum Beispiel darin, dass man mehr Marketing machen sollte, welches auf sozial Schwache zielen soll, was nicht viel bringt, wenn das Problem eigentlich in der Bibliotheksstruktur angelegt ist. Aber auch das ist eine andere Frage.) Das erstere ist eine Erklärung, das zweite eine Forderung.

Insoweit sind aber die Aussagen, die Theorie wüsste auch nicht zu sagen, was zu tun ist, ein systematisches Missverständnis. Das ist nicht ihre Aufgabe. Eigentlich. Aber, wie gesagt, wenn es keine Sprechposition für eine Theorie gibt, die erklärt und voraussagt, sondern nur eine für normative Texte, dann ist auch die Vorstellung einer forderungslosen Theorie nicht möglich.

"Es geht nicht darum, die Wahrheit von jeglichem Machtsystem zu befreien - das wäre ein Hirngespinst, denn die Wahrheit selber ist Macht - sondern darum, die Macht der Wahrheit von den Formen gesellschaftlicher, ökonomischer und kultureller Hegemonie zu lösen, innerhalb derer sie gegenwärtig wirksam ist." (Foucault, Michel (1978) / Wahrheit und Macht : Interview mit A. Fontana und P. Pasquino. In: ders.: Dispositive der Macht : Michel Foucault Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin : Merve Verlag, 1978, 54)

“Es geht nicht darum, die Wahrheit von jeglichem Machtsystem zu befreien – das wäre ein Hirngespinst, denn die Wahrheit selber ist Macht – sondern darum, die Macht der Wahrheit von den Formen gesellschaftlicher, ökonomischer und kultureller Hegemonie zu lösen, innerhalb derer sie gegenwärtig wirksam ist.” (Foucault, Michel (1978) / Wahrheit und Macht : Interview mit A. Fontana und P. Pasquino. In: ders.: Dispositive der Macht : Michel Foucault Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin : Merve Verlag, 1978, 54)

Theoriearbeit ist professionell

Andere Felder scheinen mit Theorie anders umzugehen. (Vielleicht ist das nur der Blick von aussen, beispielsweise auf die von mir eh oft heranzitierte Bildungs- oder Museumspraxis.) Wissenschaftliche Theorie wird dort als Sammlung von Erklärungsmodellen rezipiert; normative Texte als normative Texte. Die Profession selber ist sich dann bewusst, dass es eine weitere Leistung ist, aus den Erklärungsmodellen Anforderungen, Umsetzungen und so weiter zu generieren; sie schiebt diese Aufgaben nicht auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ja per Definition nicht in der Arbeitspraxis stehen, ab, um dann im Anschluss zu urteilen, die Theorie wäre praxisfern, damit für die Praxis irrelevant und letztlich kaum notwendig. Diese Professionen verfallen auch nicht so schnell der Überzeugung, es wäre vor allem Aufgabe normativer Texte, eine gewünschte Praxis an Stakeholder zu verkaufen.

Oder ganz knapp gesagt: Eine Profession, die sich professionell verhält, bietet unterschiedliche sinnvolle Sprechorte für normative und für theoretische Texte. In diesem Sinn – nicht in anderen – verhalten sich die bisherigen Bibliothekswesen bislang kaum professionell. Das zu ändern würde den Bibliothekswesen mehr Handlungsmöglichkeiten eröffnen (und sie, nebenher, spannender und komplexer machen).

Zweite Einladung zur frei<tag> 2013: raum:shift [information science] (Potsdam, 22.03.2013)

Posted in Hinweise, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 27. Januar 2013

Kurz und schmerzlos: Immer noch lädt der LIBREAS.Verein für den 22.03.2013 nach Potsdam zur Unkonferenz frei<tag> unter dem Motto raum:shift [information science] ein. (Siehe erste Einladung.) Frisch eingetroffen sind nun Postkarten, die auch direkt zu dieser Veranstaltung einladen und ab jetzt überall auftauchen können.

freitag2013karten

(In den letzten Jahren tauchten solche Postkarten unter anderen jeweils 30 Tage lang im LIBREAS-Weblog im Rahmen eines thematisch auf die jeweilige Unkonferenz bezogenen Countdown auf.)

frei<tag> und Libreas Summer School 2012. Eindrücke

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Verein by libreas on 24. August 2012

Eine kurze Weiterleitung: Auf der Homepage des LIBREAS. Vereins findet sich ein Bericht über die frei<tag> und die LIBREAS Summer School 2012: hier.

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It’s the frei<tag> 2012-Countdown (28): Wie sollten wir die Weiterbildung organisieren?

Posted in Hinweise, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 19. Juli 2012

Karsten Schuldt

Etwas, worüber im Bibliotheks- und Informationswesen erstaunlich selten wirklich nachgedacht wird, ist, wie wir (als gesamtes System) eigentlich die Weiterbildung des Personals (inklusive unserer eigener) organisieren wollen. Warum ist das relevant? Haben wir nicht genügend Angebote? Zur letzteren Antwort ein klares Nein. Es gibt eine ganze Reihe von Angeboten zur Weiterbildung, aber welche sind das und wie sinnvoll sind sie? Es herrscht nicht umsonst bei vielen Kolleginnen und Kollegen der Eindruck vor, dass viele dieser Angebote wenig neues bringen, sondern eher einige, wenige Grundthemen beständig wiederholen. So einfach ist das selbstverständlich nicht, aber es scheint mir ein Problem zu geben, zu dem die erste Frage passt. Auf diese erste Frage eine Gegenfrage: Sind die Angebote und vor allem die Form der Angebote von Weiterbildung, wie sie im Bibliotheks- und Informationswesen organisiert sind, zeitgemäss? Sind sie durch die Einrichtungen und das Personal wirklich beeinflussbar? Haben wir Strukturen, die Weiterbildung dann aufzusetzen, wenn sie nötig ist? (Und, als Sonderfrage, sind wir als gesamtes System in der Lage, eine übergreifende Weiterbildung zu organisieren oder sind wir in weiten Bereichen, gerade bei der Software, von externen Anbietern abhängig, die dann für ihre eigene Software weiterbilden, aber auch nicht mehr?)

Generischer Bahnhof. Was hat das mit Weiterbildung zu tun? Einiges: So generisch, wie dieser Bahnhof gestaltet ist, so austauschbar modulhaft, wie seit einigen Jahrzehnten Bahnhöfe gebaut werden, so additiv: ist das nicht so, wie sich mehr und mehr Weiterbildung vorgestellt wird? Als Addition von Wissen, nicht als Bildung, Durcharbeiten, Aneignen, sondern.. “Buchhaltermethode”, wie Paulo Freire es nannte? Und, sieht das gut aus?

  • Es scheint teilweise etwas widersprüchlich. Gerade die Hochschulbibliotheken betonen immer wieder, wie wichtig das Lebenslange Lernen heute sei (und wie sehr sie dieses unterstützen), aber wie sieht es mit dem Lebenslangen Lernen im Bibliotheks- und Informationswesen aus? Sollten wir nicht sichtbar als Vorbild vorangehen und eine Lernkultur in den Einrichtungen und Netzwerken etablieren? Sollten wir nicht die gebildetsten Menschen im Bezug auf Informationen sein? Sollten wir das nicht nur postulieren, sondern einfordern und gleichzeitig institutionell honorieren?
  • Haben wir eigentlich „mitwachsende“ Weiterbildungen, die über Einführungen und „Ideen für …“ hinausgehen? Also Angebote für diejenigen unter uns, welche die Einführungen schon mitgemacht haben und jetzt ein Interesse an weitergehenden Bildungsgängen haben?
  • Wieso finden die meisten Weiterbildungsangebote eigentlich sehr traditionell als Seminar oder Vortrag statt? Sollten wir nicht, wenn wir die Anforderungen Lebenslangen Lernens ernst nehmen, eine grosse Varietät von Lern- und Lehrformen nutzen, insbesondere elektronisch gestützte?
  • Stehen nicht die Kolleginnen und Kollegen, welche Weiterbildungsangebote organisieren, oft allein auf weiter Flur und müssen praktisch raten, was den anderen Kolleginnen und Kollegen zusagen würde? Ist das nicht auch ein Grund dafür, dass wir so oft immer wieder ähnliche Einführungsveranstaltungen haben? Sollte man nicht das Anmelden von Bildungsinteressen institutionalisieren?
  • Und: Verändern sich nicht die Arbeitsplätze in den Bibliotheken und Informationseinrichtungen so sehr und so schnell in verschiedene Richtungen, dass wir eine sehr modular aufgebaute Weiterbildung benötigen?

(Aus)Tauschen

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell by libreas on 14. Dezember 2011

Wir schenken Ihnen ein Buch – Sie schenken uns eine Rezension!  In der LIBREAS-Redaktion liegen noch mehrere feine Titel, die darauf warten rezensiert zu werden. Es handelt sich dabei um:

Schreiben Sie uns eine E-Mail an:  redaktion@libreas.eu und wir senden Ihnen das gewünschte Exemplar zu. Am besten so schnell wie möglich, dann liegt es pünktlich unter Ihrem Weihnachtsbaum ;-)

Stammhalter? Eine Diskussion zur Rolle der Bibliotheken unter dem Baum der Erkenntnis. Am 24.10.

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell by Ben on 20. Oktober 2011

Wohin rollst Du Äpfelchen…? Vom Baum der Erkenntnis, der nicht wenigen ein Apfelbaum war, fällt es, glaubt man der Sprichtwortweisheit, nicht weit vom Stamm. Aber eben, glaubt man der biblichen Schöpfungsgeschichte, direkt in die Sünde. Also bereits wortgeschichtlich nicht zum Bonus sondern zum Malus. Glaubensgeschichtlich ist Erkenntnis folglich nicht unbedingt etwas Gutes. Fortschrittsgeschichtlich, so glauben wir, das einzige Ziel.

So arbeitet sich Wissenschaft vom Steckling an hoch in der Hoffnung auf neue Ernte. Wir stellen uns auf die Schultern der Giganten, um in den Wipfeln nach den Schönsten der Schönen von Boskoop (oder anderen) zu greifen. Wie ergiebig das sein wird, kann nur die Zukunft zeigen, die allerdings ihrer Natur nach immer ungewiss war, ist und sein wird. Was uns nicht daran hindern soll, das Beste zu hoffen. Und darüber zu reden.

Zum Beispiel am kommenden Montag. Fabelhaft bibelnah wie twittertauglich fasst die Überschrift der dann stattfindenden Podiumsdiskussion im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum den für den Menschen entscheidenden Schritt des dritten Kapitels des Genesis zusammen: „Vom Baum der Erkenntnis zum Social Network“.

bibliothek_bank

Noch hängt recht viel Laub vor der Bibliothek. Aber der Boden zeigt, dass diesen Baum eine Zeit des Welkens erwartet, die den Blick freier macht. Die Blätter fallen und werden zum Bodensatz. Die Bank als Symbol der Begegnung wartet bereits auf ihre Besetzer. Aber werden sie auch kommen? Hält man sich an die Meteorologik der menschlichen Lebenswelt, ist es wahrscheinlicher, dass die Bedingungen, die das eine zum Blühen bringen auch das andere ersprießlich werden lassen. Insofern trügt und trübt die Ausschließlichkeitsperspektive der Entwicklungsrethorik eventuell. Und wir brauchen beides: Das Social Network nah der Wurzelwerke des Baums der Erkenntnis und sein schattenspendendes Dach über der Plauderzone. Am besten in linder Frühlingsluft.

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Scheitern. Die nächste Ausgabe von LIBREAS # 20 (CfP)

Posted in Hinweise, LIBREAS Call for Papers by libreas on 12. September 2011

Es ist keine Verlautbarung des Scheiterns der aktuellen Ausgabe # 19, ganz im Gegenteil. Parallel zur Fertigstellung der LIBREAS # 19, die in Kürze bekannt gegeben werden kann, erscheint der Call for Papers für die folgende Ausgabe.

Call for Papers: Libreas #20: Scheitern

Der projektorientierten Wissenschaft ist das Scheitern inhärent – beziehungsweise allen Unternehmungen, die sich in Projekten organisieren. Anders wäre es eigentlich auch nicht denkbar: Projekte werden als mögliche Aktivitäten geplant und präsentiert. Jedes Projektziel ist perspektivisch angelegt und baut auf der Erfüllung von Bedingungen auf, zu denen beispielsweise ausreichender finanzieller Support und das Vertrauen in die Verfügbarkeit kompetenter personeller Ressourcen gehören. Sicherlich sind wir alle, wenn wir Projekte betreuen, versucht, die Eventualitäten abzustecken. Wenn das nicht hilft, werfen wir in den Anträgen Nebelbomben und hoffen, dass es niemand merkt. Doch selbstverständlich Scheitern Projekte in großer Zahl – das wissen alle, aber kaum jemand sagt es laut. Vielmehr wird der Eindruck aufrechterhalten, alle Projekte wären erfolgreich. Auch dieser Eindruck ist leicht zu erzeugen: Noch mehr rhetorische Nebelbomben; Projektberichte, die keine Ergebnisse präsentieren, sondern Aktivitäten; zudem ein ständiges Betonen noch offener Fragen. Auch wir in der LIBREAS-Redaktion sind das Scheitern gewohnt. Keine fünfzig Prozent der angedachten Artikel werden wirklich geschrieben, einige Themen kommen nicht zustande. Das ist keine Ausnahme, sondern in den meisten Redaktionen normal. Die Online-Zeitschrift bildungsforschung.org überzog zum Beispiel das Erscheinen ihrer vor einigen Wochen erschienen aktuellen Ausgabe um rund ein Jahr.

Die Bibliothekspraxis ist vom Scheitern nicht ausgenommen. In vertraulichen Gesprächen ist von Projekten zu hören, die scheiterten: Kooperationen, die nicht zustande kamen; Werbemaßnahmen, die keinen oder gegenteiligen Effekt hatten; Schulklassen und Studierende, die sich von Recherchetrainings unbeeindruckt zeigten; besonders aufgebaute Bestände, die nicht genutzt werden und Software, die nicht funktionierte.

Doch es sind vertrauliche Gespräche und interne Arbeitssitzungen, auf denen dieses Scheitern, das teilweise öfter aufzutreten scheint als der Erfolg, Thema ist. Öffentlich hört man davon nichts bzw. äußert sich Scheitern ansatzweise in Diskussionen und Veranstaltungen rund um die Themen Nachhaltigkeit und Geschäftsmodelle. Sowohl die Wissenschaft als auch das Bibliothekswesen scheint die Vorstellung fest verankert zu haben, dass nur Erfolge nach außen hin kommuniziert und dargestellt werden dürfen.

Wieso eigentlich? Welchen Effekt hat dieses Vorgehen? Warum scheint es so schwer, öffentlich Scheitern einzugestehen, wenn doch zumindest unter der Hand darüber geredet wird? Führen die eingesetzten rhetorischen Nebelbomben nicht dazu, dass Projektberichte immer weniger sinnhafte Aussagen enthalten? Sinkt nicht mit jedem von Erfolgsmeldungen durchzogenen Vortrag und jedem von den Schwierigkeiten schweigenden Artikeln zu Projekten die Glaubhaftigkeit solcher Kommunikationsangebote? Schwerwiegender vielleicht die Frage: Vergeben wir uns nicht alle wichtige Lernmöglichkeiten?

Im persönlichen Leben scheint das Scheitern eine positive Bewertung erfahren zu haben, was gerade mit der zunehmenden Beratungsliteratur einhergeht. Scheitern gilt als einer der Hauptgründe für Lernen und persönliche Weiterentwicklung. Eine gescheiterte Beziehung bietet immer Möglichkeiten, über sich und andere Menschen zu lernen – auf dem Weg in bessere Beziehungen. Gescheiterte Kommunikationsversuche im persönlichen Bereich – egal, ob im Sportverein, im politischen Gremium oder im Club – gelten als Antriebsgrund für das Überdenken des individuellen Selbstbildes. Scheitern scheint heute als Teil des individuellen Lebens nicht nur akzeptiert, sondern sogar geschätzt zu werden. Weiter noch: Die Wirtschaft, an der zu orientieren sich Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturpolitik ebenso gerne rühmen, wie die Spitzen des Bibliothekswesen, sieht das Scheitern von unvernüftigen (ergo kreativen) Projekten und Unternehmungen als Innovationsmotor an. (Vgl. Hutter, Michael / Das Potenzial des Irrationalen : Scheinbar Unvernünftiges kann sich als kreativ durchsetzen. – In: WZB Mitteilungen 132/2011, S. 7-9)

Warum also sollen wir in Wissenschaft und Bibliothekswesen nicht gerade vom Scheitern lernen? Davon, wie und vor allem warum bestimmte Projekte nicht funktionierten. Davon, wie Projektergebnisse differenziert dargestellt und bewertet werden. Davon, wie speziellen Angebote nicht angenommen, Erwartungen sich nicht erfüllt haben. Davon, wo Geld und Personal vollkommen sinnlos eingesetzt wurde. Auch davon, wo man Sackgassen beschritt, die niemand anders wieder beschreiten müsste – wenn man sie denn öffentlich machte. In der wissenschaftlichen Ausbildung wird immer wieder darauf hingewiesen, dass auch eine negative Antwort auf eine Forschungsfrage ein wissenschaftliches Ergebnis sein kann – weil man immerhin das weiß. Ist es möglich, dieses Wissen auch in den laufenden Betrieb von Bibliotheken und der Wissenschaftspraxis einzubringen?

Die 20. Ausgabe der LIBREAS soll sich dem gesamten Themenbereich des Scheiterns widmen: Was scheitert wieso? Kann man das verhindern und sollte man es überhaupt verhindern? Was kann man aus dem Scheitern lernen? Mit welchen rhetorischen Kniffen maskiert man Scheitern am besten und wie deckt man diese wieder auf? Wir rufen dazu auf, diese Debatte erfolgreich werden zu lassen und sich an ihr mit Berichten, Artikeln, Meinungsäußerungen zu beteiligen.

Redaktionsschluss ist der 31.12.2011 . Für Rückfragen oder eine inhaltliche Diskussion steht die Redaktion gerne bereit.

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