LIBREAS.Library Ideas

Über die Diskursfigur des Niedergangs.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Debatte by Ben on 9. Januar 2014

Eine Kritik zu Colin Robinson: The Loneliness of the Long-Distance Reader. In: New York Times, January 5, 2014,  SR6. online

von Ben Kaden / @bkaden

I

In der ersten Wochenendausgabe der New York Times des Jahres 2014 veröffentlichte der Verleger Colin Robinson (OR Books) einen Artikel über Stand und Perspektiven der Lesekultur. Dies betrifft selbstverständlich zunächst die Lesekultur der USA, die sich zum Teil doch deutlich von der in Europa bzw. Deutschland unterscheidet. Bestimmte Trends schlagen allerdings auch hier durch. Der “staccato communication of the Internet” kann man sich jedenfalls auch hier kaum entziehen. Kurz zusammengefasst lautet seine Einschätzung, dass sich auf dem Literaturmarkt eine Art Matthäus-Effekt abzeichnet (“Rich get richer.”), dass es für die Leser zuviel Auswahl (und damit Rauschen) und zu wenige Filter gibt (Ein Indikator: “The New York Times Book Review is now just a third of the length it was in its 1970s heyday.”) und dass daher zwischen Nische und Blockbuster wenig überleben kann:

“In this bifurcation, the mid-list, publishing’s experimental laboratory, is being abandoned.”

Ob das stimmt, wird er am besten wissen, entscheidet er doch als Verleger bei jedem Titel, auf welches Pferd er setzt bzw. welches Buch er macht. Mir geht es hier nur um einen kleinen Aspekt seiner Überlegungen. In einer Passage beschreibt Colin Robinson, wie er die Lage der Bibliotheken in den USA:

image

Seiner Ansicht nach entspricht die Rolle der Bibliotheken ähnlich der der Literaturkritik, Lesern eine Orientierung in der Vielfalt der verfügbaren Publikationen zu geben. So wie unabhängige Buchhandlungen verschwinden und die New York Review of Books zwei Drittel ihres Umfangs verliert, trägt entsprechend auch der Niedergang des Bibliothekswesens dazu bei, dass, wenn man so will, Ranganathans Formel “every book his/her reader” nicht mehr greift.

II

Die verlinkten Quellen sind (1.) der State of America’s Libraries Report 2012 der ALA und (2.) die im Weblog der Oxford University Press präsentierten Ergebnisse des Zensus Librarians in the U.S. from 1880-2009 von Sydney Beveridge, Susan Weber und Andrew A. Beveridge (2011). Die Metapher vom Bibliothekar als Tankwart des Geistes stammt aus Richard Powers Wissenschaftsromanze Gold Bug Variations aus dem Jahr 1991.

Der Abschnitt lautet:

“I used to break up the routine of human contact. Librarian is a service occupation, gas station attendant of the mind. In earlier age, I might have made things. Now I only make things available. Another blit of the bulge of the late-capitalist job curve. [...] By the millenium half of all service professionals will specialize in processing data. My Question Board then, is both living fossil and meta-mammal.” (S.35, zitiert nach der Ausgabe von HarperCollins aus dem Jahr 1992)

Abgesehen davon, dass der Bibliothekarsberuf daher nicht unbedingt eine besonders anerkennende Zuschreibung erfährt, wird die – in ihrer Prognose erstaunlich zutreffende – Ansicht dort natürlich von der Protagonistin, der Auskunftsbibliothekarin Jan O’Deigh, getroffen, und zwar aus Gründen, die dem Plot dienen sollen. Sie muss daher nicht notwendig Richard Powers’ Verständnis der Profession repräsentieren. Was als Nebentatsache sehr erstaunt, ist, dass Richard Powers diesen Zeilen in exakt dem Zeitraum verfasste, zu dem die Zahl der BibliotekarInnen in den USA ihr Allzeithoch erreichte.

Bekanntermaßen ist Richard Powers, wenn es um Fakten geht, äußerst genau:

“The day is easily recreated. Everything about September, 23, 1983, is on microfiche or magnetic disc. Only ask one of the quarter million librarians in the country – 85 % women – for help in retrieving it.” (S.161)

Diese Werte decken sich weitgehend mit denen des oben erwähnten Zensus (vgl. diese Grafik).Dennoch gibt es auch hier naturgemäß eine Differenz zwischen statistischen Werten und einer subjektiven Einschätzung einer Romanfigur.

Man darf folglich durchaus fragen, ob es zulässig ist, die Position einer Romanfigur als Basis für eine allgemeine Aussage über die Wirklichkeit zu benutzen. Es bleibt der Verdacht, Colin Robinson hätte einen guten Gewährsmann (den Erfolgsschriftsteller) und ein griffiges Detail vor allem gebraucht, um seiner These zusätzlich rhetorische Rotation zu verleihen. Das Schöne an der Metapher eines Tankwarts des Geistes bleibt, dass sie so stimmig scheint. Denn auch an den Zapfsäulen wie bei der Informationssuche bedienen wie heute selbst den Einfüllstutzen bzw. Suchmasken. Wobei die Treibstoffwelt den Vorteil hat, uns nur sehr wenige Wahlmöglichkeiten aufzubürden. Andererseits ist der menschliche Geist auch nicht auf die Funktionalität eines Verbrennungsmotors reduzierbar…

Wenn Colin Robinson also in der New York Times zwei hemdsärmlig verknüpfte Statistiken nicht gerade zielgenau verlinkt und dazu die sachlich bestenfalls begrenzt überzeugende Selbsteinschätzung einer Romanfigur als Maßstab zum Beleg seiner These nimmt, dann entstehen fast unvermeidlich Zweifel an der argumentativen Belastbarkeit des Gesamttextes.

III

Es ist selbstverständlich nicht zu leugnen, dass Bibliotheken bei Einsparkämpfen besonders weiche Ziele sind. Häufig genug wird zudem verkündet, sie seien durch die Informationstechnologie zu Auslaufmodellen geworden (vgl. dazu auch hier) und das Berufsbild “Bibliothekar” führe in eine Sackgasse.

Es verblüfft jedoch einigermaßen, wenn Diskursakteure wie Colin Robertson, dem offensichtlich an einer vitalen Lese- und damit mutmaßlich auch starken Bibliothekskultur gelegen ist, derart kleinmütig und vielleicht sogar ungeschickt in bestimmte Stimmungen einschwingen, denen man auch anders und selbstbewusster entgegen schreiben könnte.

Schon ein zweiter, nämlich qualitativer Blick sowohl auf die Bibliotheks- wie auch auf die Literaturlandschaft zeigen, dass allzu allgemeine Schlüsse gern ins Leere laufen. Bestimmte Transformationseffekte (Digitalisierung, Vernetzung) betreffen zwar nahezu alle Bibliotheken. Aber die Wirkungen wie auch der Umgang mit diesen Veränderungen  sind so vielfältig wie die Handlungsrahmen der jeweiligen Bibliotheken und zugleich, nach welchen Maßstäben auch immer gemessen, unterschiedlich erfolgreich.

Das Problem der Kommunikation über die Gegenwart und Zukunft des Bibliothekswesens liegt meist gar nicht so sehr in dem, was tatsächlich geschieht, sondern in der Tendenz schematischen Denken und Schließen sowie im oberflächlichen, unkritischen, daher bisweilen falschen Übernehmen von Allgemeinplätzen und weitläufig auslegbaren Statistiken. Das Problem, dass sich für die Bibliotheken praktisch daraus ergibt, ist, dass in einer diskursökonomisch stratifizierten Kommunikationswelt Entscheidungsträger prominent platzierte und einfache Stellungnahmen bisweilen lieber zur Meinungsbildung heranziehen, als sich der Mühe einer zusätzlichen Differenzierung auszusetzen. Wenn Kathrin Passig in der ZEIT verkündet, dass die Zeit der Bibliotheken vorbei ist, ist der Einschlag in der Öffentlichkeit riesig. Und wenn man Pech hat, dann entwickeln sich haltlose Zuschreibungen wie “Papiermuseum” memetische Qualitäten.

Die Stakkato-Kommunikation, die auch die großen Qualitätsmedien sehr intensiv füttern, verlangt wahrscheinlich zwangsläufig nach simplifizierten und drastischen Aussagen. (Weshalb Colin Robinsons Titel The Loneliness of the Long-Distance Reader gar nicht verkehrt ist. Solche Leser finden im Twitterversum eher nicht, was sie suchen. Aber wenn sie dort suchen, suchen sie eben auch an der falschen Stelle. Und wenn man sie im Gegenzug selbst doch sucht, ist auch das aller Wahrscheinlichkeit vergeblich.)

Tatsächlich arbeiteten, laut dem zitierten Zensus, 2009 in den USA nur “noch” 212.742 BibliothekarInnen, verglichen mit 307.273 am Vorabend des Internets, nämlich 1990. Damit bewegt man sich in etwa auf dem Stand von 1970. Spannend wäre es, zu untersuchen, inwieweit die rasante Steigerung in den Jahren 1970 bis 1990 mit dem Ausbau des Fachinformationswesens und der zunehmenden ökonomischen Bedeutung der Ressource Information  in Beziehung gesetzt werden kann und ob folglich die betroffenen Stellen überhaupt mit der von Colin Robinson diskutierten Frage der Lektürevermittlung durch (öffentliche Bibliotheken) in Zusammenhang stehen. Immerhin bemerken die AutorInnen des Zensus-Berichts:

“Thus a large fraction of the decline in the number of librarians has come from their decline in the non-public sectors.”

was ebenfalls die Deutung zulässt, dass vor allem viele Institutionen und Unternehmen ihre Reference Services drastisch abgebaut haben.

Und schließlich ist eine Branche mit 200.000 Beschäftigten auch nicht gerade klein.

Was den ähnlich oft analog verkündeten Niedergang des Buches betrifft, entdeckt man übrigens, dies nebenbei, aktuell in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine ganz beruhigende Aussage des neuen Hanser-Verlegers Jo Lendle:

“Und Bücher sind mächtig wie eh und je. Die großen Diskussionen gehen fast immer von Büchern aus, da können die Talkshows reden, so viel sie wollen. Und bei allem Jammern: Der Buchmarkt macht in Deutschland so viel Umsatz wie Kino, Musik und Computerspiele zusammen, fast zehn Milliarden Euro im Jahr.”

Dem kann man vielleicht entgegenhalten, dass sich die Situation, besonders in des Buchmarkts, in den USA nicht mit der in Deutschland vergleichen lässt. Aber offenbar setzte der arg von der Konkurrenz bedrängte stationäre Buchhandel in den USA (ohne die Ketten Barnes & Nobles und Books-A-Million) 2012 immerhin auch noch 5,76 Milliarden Dollar um (Quelle). Für eine Branche, die vermeintlich schon in den Abgrund stürzt, scheint das gar nicht so schlecht.

Eigentlich hätte Colin Robinson schließlich am Ende der Präsentation des Zensus eine für die Bibliotheksprofession in den USA  fast zuversichtliche Aussage auffallen müssen. Die Autoren schließen nämlich mit dem Satz:

“That decline seems to have slowed substantially since 2000, as librarians adjust to and find new roles in the internet age and the extensive increase in information that it has brought about.”

Nun könnte man aus den neuen Rollen tatsächlich folgern, dass sich BibliothekarInnen in ihrer Berufspraxis kaum mehr als Lektüreratgeber für eine Zielgruppe verstehen, die ihr Leseentscheidungen mehr an Goodreads-Rezensionen ausrichtet. Allerdings waren Bibliotheken, was Richard Powers Reference Librarian ja deutlich zeigt, bereits schon länger weitaus mehr als Navigatoren durch die Listen mit literarischen Neuerscheinungen. Und doch zeigt sich selbst dieser Zweig bibliothekarischer Angebote recht lebendig. So konnte sich Douglas Rushkoff, Autor des OR Books-Titels Program or Be Programmed: Ten Commands for a Digital Age, nur im hervorragenden BOOKFORUM präsentieren (und sein Buch auch sonst weithin von der Literaturkritik besprochen) sondern erhielt immerhin erst gestern die Gelegenheit, seinen neuen Titel vorzustellen – in der Mid-Manhattan Zweigstelle der New York Public Library.

09.01.2014

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Eine Antwort

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  1. Walther Umstätter said, on 10. Januar 2014 at 00:03

    Ging man früher in eine Bibliothek, wusste die Bibliothekarin wo ein Autor, ein Thema, ein bestimmtes Buch in ihrer Bibliothek zu finden war, ob es über die Fernleihe bestellt werden konnte, wo man was nachschlug etc. Sie hatte in ihrem Studium, ohne dass man es so nannte, die Informationslogistik des publizierten Wissens dieser Welt erlernt. Das hat sich insbesondere durch die Onlinerevolution und insbesondere durch Google dahingehend geändert, dass an die Stelle dieser Informationslogistik die Schulung in grundlegender Informationskompetenz trat. Es hat sich also nichts an den fünf Gesetzen Ranganathans geändert, dass beispielsweise jedes Buch seinen Leser finden muss. Nur früher stellte die Bibliothekarin diesen Konnex her, während er heute weitestgehend durch Google automatisiert wird. Dazwischen gab es die Phase der Informationsvermittler, die bereits dazu führten, dass Bibliothekare als Innformationsvermittler immer weniger über Katalogisierung lernen mussten. Hier gab es insbesondere durch die Verbundkatalogisierung massive Einsparungspotentiale, so dass an die Stelle solcher Ausbildungsinhalte mehr und mehr die für Information Manager, Knowledge Manager oder Cybrarians traten. Hinzu kommt in den USA nun der Moocbrarian. Die wirkliche Frage ist also, wie weit Aufgaben der Bibliothekare weiter automatisiert werden können, und wie weit die bibliothekarischen Ausbildungseinrichtungen ihre Absolventen auf die neuen Herausforderungen vorbereiten, so dass diese mit ihrem Können auch in Zukunft ein möglichst gesichertes Auskommen finden. Anders gefragt, welche Art von Informationsspezialisten und Wissensorganisatoren werden in absehbarer Zukunft gebraucht.

    Wie weit sich „BibliothekarInnen in ihrer Berufspraxis kaum mehr als Lektüreratgeber für eine Zielgruppe“ verstehen, ist eine Frage des Alters, denn wir müssen in der breiten und immer virulenteren Diskussion über die Zukunft der Bibliotheken immer deutlicher zwischen Informationsspezialisten für Kinder, Schüler, Firmenangehörige, Wissenschaftler etc. unterscheiden, denn wie weit der Moocbrarian Selbständiger oder vom Staat, der Universität bzw. Schule fest beschäftigter in Zukunft tätig sein wird, erzwingt die Rechtslage, die sich jeder Zeit ändern kann. Dass es den Verlagen gelingen wird, die Bibliotheken zu enteignen, indem sie elektronische Bücher nicht mehr wie gedruckte Bücher verkaufen, sondern selbst wie Bibliotheken nur noch verleihen, war am Beginn der Digitalen Bibliothek schon darum niicht nicht vorhersehbar, weil es eine massive gesellschaftliche Fehlenntwicklung begründet.

    Dass jede Generation in die Kinder und Jugendlichen investieren muss ist ein Faktum. Die Gesellschaft von heute kann sich nur noch nicht entscheiden, ob dies der Staat oder die Eltern tun sollen. So finden wir wieder zunehmend Privatschulen und Privathochschulen mit Eliteambitionen, für die Reichen. Wie lang dieser Unsinn anhält, bis man begreift, was schon A. Carnegie wusste, dass kostenlose Informationsversorgung durch Bibliotheken die beste Begabungsförderung ist, ist z.Z. noch nicht absehbar. Sicher ist aber, dass schon A. v. Harnack diese Bedeutung Carnegies für die Nationalökonomie des Geistes erkannt und 1921 publiziert hatte, und dass die Bibliothekare von heute, diesen Gedanken noch immer nicht ernst genug nehmen. Es wird heute auch gern und viel über den Kapitalismus geschimpft. Tatsache ist, dass die Investition in die Zukunft Kapital erfordert, das viele arme Menschen nicht haben.

    Walther Umstätter


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