LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (11): What? (Literaturverwaltung, Beispiel)

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen by Karsten Schuldt on 10. März 2013

von Karsten Schuldt

I.

Letzte Woche fand in der Humboldt-Universität zu Berlin die Inetbib-Konferenz statt. Eine wichtige Veranstaltung, bei der unter anderem der Redaktionskollege Matti Stöhr einen Vortrag zu Literaturverwaltungen und Bibliotheken hielt, wo er unter anderem darauf insistierte, dass Bibliotheken nicht nur für eine oder zwei Literaturverwaltungssysteme Beratung anbieten sollten, sondern ihrem Anspruch als Einrichtungen, die einen möglichst grossen Zugang zu Wissen ermöglichen, entsprechend, auch möglichst viele Alternativen zur Literatursverwaltung nachweisen sollten. Das Bibliotheken Beratungen zur Literaturverwaltung anbieten sollen wurde in diesem Vortrag und auch der folgenden Diskussion vorausgesetzt. Niemand hat dem widersprochen.

II.

Zum Wochenende nach der Inetbib-Tagung ging ich mit einer Freundin aus, die ich sehr hoch schätze und die mich mit ihrer Intelligenz immer wieder von überzeugt. Zwei kleine charakterliche Schwächen weisst sie allerdings auf: Erstens will sie – warum auch immer – ihre jetzige Beziehung gegen alle Flirtversuche einfach beibehalten und zweitens weigert sie sich, Bibliothekswissenschaftlerin zu werden, will stattdessen einfach weiter Physikerin bleiben und demnächst in dieser Disziplin ihre Promotion beginnen. An beiden Schwächen kann ich mich seit Jahren abarbeiten.

Diese Freundin besuchte desletztens die jährliche Tagung der deutschen physikalischen Gesellschaft. Sie berichtete, dass sie dort eine Informationsveranstaltung besuchte, auf der ein Sprecher angeblich informationswissenschaftliche Themen besprechen wollte, aber eigentlich eine Software vorstellte, mit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Lage sein sollen, ihre Literatur zu verzeichnen, die PDFs dazu zu speichern, diese zu durchsuchen und im Allgemeinen zu verwalten. Besagte Freundin war von diesem obskuren Programm „Mendeley“ so begeistert, dass sie die letzten Tage damit verbrachte, mit dessen Hilfe tatsächlich ihre gesamte Forschungsliteratur zu verzeichnen.

Wie gesagt: Ich traue dieser Frau vieles zu und halte ihre Intelligenz für ausserordentlich hoch. Allerdings scheint ihr, die wirklich viel von mir zu Bibliotheken, Informationsverwaltung, Informationswissenschaft etc. gehört hat und selber seit einigen Jahren im physikalischen Forschungsprozess aktiv ist, die Idee eines Literaturverwaltungsprogrammes so neu und so radikal richtig zu erscheinen, dass sie es erst zufällig jetzt entdeckt hat. Das kann nicht daran liegen, dass sie bislang ignorant durch die Welt gegangen wäre. Im Gegensatz zu vielen anderen Physikerinnen und Physikern benutzt sie sogar ihre Universitätsbibliothek. Eigentlich hat die Bibliothek ihre Chance gehabt, sie an Literatursverwaltungssoftware heranzuführen.

Wie auch immer die "anderen", die die mit Bibliotheken etwas anderes als "wir" oder gar nicht zu tun haben, ticken ist offenbar so einfach gar nicht zu verstehen. Mag sein, dass wir wissen, was für sie besser wäre (Wirklich? Denken wir nicht eher nur, wir würden es wissen? Braucht die Welt vielleicht Datenbanken gar nicht so sehr, wie wir denken?), dass heisst nicht, dass die "anderen" es auch so sehen. Es zu verstehen ist offenbar immer "nur" ein Versuche. Oder, um in der Sprache der aktuellen Ausstellung in der NGBK (hier auf dem Bild) zu bleiben, ein Versuch den state of mind zu rekonstruieren.

Wie auch immer die “anderen”, die die mit Bibliotheken etwas anderes als “wir” oder gar nicht zu tun haben, ticken ist offenbar so einfach gar nicht zu verstehen. Mag sein, dass wir wissen, was für sie besser wäre (Wirklich? Denken wir nicht eher nur, wir würden es wissen? Braucht die Welt vielleicht Datenbanken gar nicht so sehr, wie wir denken?), dass heisst nicht, dass die “anderen” es auch so sehen. Es zu verstehen ist offenbar immer “nur” ein Versuche. Oder, um in der Sprache der aktuellen Ausstellung in der NGBK (hier auf dem Bild) zu bleiben, ein Versuch den state of mind zu rekonstruieren.

III.

Ist das ein Einzelfall? Ich vermute eher nicht. Aber es ist eine erstaunliche Überraschung, die man auch nur entdeckt, wenn man sich direkt in die Realität begibt. Wir als Bibliothekswesen scheinen beispielsweise vorauszusetzen, dass Literaturverwaltungsprogramme sinnvoll sind – und deshalb hat der Kollege Stöhr auch Recht, wenn er darauf verweist, dass Bibliotheken mehr als ein Programm (und dann meist auch noch ein eher mittelmässiges, dass oft nur auf einen mittelmässigen Betriebssystem läuft) begleiten sollten. Aber die Wissenschaft funktioniert offenbar auch dufte ohne ein solches Programm. (Von der gleichen Freundin kann ich berichten, dass sie mich kurz vor ihrer Masterarbeit fragte, ob ich ihr einmal recherchieren zeigen kann, weil das Studieren und Forschen bis dato offenbar auch ohne Recherche funktioniert hatte.)

Einst, als ich in einer Öffentlichen Bibliothek ein Praktikum absolvierte, kam ein Nutzer, der dort immer war, zu mir und fragte, ob es in der Bibliothek ein Buch gäbe, in welchem steht, wie die Worte richtig geschrieben werden, damit man nachschlagen kann, wie es richtig wäre. Auch da habe ich eine Zeit gebraucht, den Fakt zu verarbeiten, dass er von etwas sprach, was ich als bekannt voraussetzen würden: den Duden halt.

Was mich in solchen Fällen immer wieder trifft ist gar nicht die Erkenntnis, dass man, wenn man nur lange genug die eigene Schicht, das eigene Bildungskapital und die eigenen Peer Groups „ignoriert“ sehr schnell Dinge als bekannt und selbstverständlich voraussetzt, die es nicht sind. Vielmehr drängt sich mir immer wieder die Frage auf: Wie kriegen wir als Bibliotheken eigentlich heraus, was wir fälschlich voraussetzen? Es kann ja keine Strategie sein, die ganze Zeit mit Forschenden aus anderen Disziplinen zu flirten oder auf erstaunliche Anfragen von Nutzerinnen und Nutzern zu warten. Aber über die Frage selber bin ich bislang nicht herausgekommen.

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2 Antworten

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  1. berlinfami said, on 21. März 2013 at 14:13

    Ich hatte auch kürzlich so ein Aha-Erlebnis. Eine englischsprachige Benutzerin zog aus dem Regal ein Buch aus den achtziger Jahren und fragte mich, wie sie es herunterladen könne. Als ich nachfragte, ob sie bereits geschaut hätte, ob wir das Buch überhaupt elektronisch verfügbar hätten, schaute sie mich ganz irritiert an und meinte: “Ich dachte, dass alle Bücher der Bibliothek auch elektronisch verfügbar sind.

  2. [...] diesem Zusammenhang ist ferner eine Anekdote von Karsten Schuldt im LIBREAS-Weblog bemerkenswert, in der er schildert, welche [...]


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