LIBREAS.Library Ideas

Activity Theory und Cognitive Work Analysis – holistische Ansätze in der Informationswissenschaft

Posted in LIBREAS.Debatte by szepanski on 27. Dezember 2012


[...] the number of LIS researchers who embark on use studies with contextual and holistic approaches is climbing up steadily, if gradually.”
(Raya Fidel 2012, S.37)

von Christoph Szepanski

Was kann Informationswissenschaft sein?

Auch im Jahr 2012 positioniert man sich zur Gegenwart und Zukunft der Informationswissenschaft wie beispielsweise die Texte von Michael Buckland, Blaise Cronin, Ben Kaden und Karsten Schuldt dokumentieren.
Buckland verortet die Informationswissenschaft vor allem im Themenfeld “Lernen”.
Er betrachtet Information in seiner Forschung aus der Warte dessen, wie Menschen mit ihr umgehen. (hier: information-as-thing). Dabei spricht er klassische informationswissenschaftliche Felder wie das Informationsverhalten oder das Personal Information Management (PIM) an und liefert obendrein einen überblicksartigen
Beitrag zum täglichen Umgang mit den verschiedenen Wissenszuständen. Seine Perspektive auf Sinn und Nutzen der Informationswissenschaft als Wissenschaft der Aufklärung des Menschen ist dagegen interessanter:

“Enabling people to become better informed (learning, becoming more knowledgeable) is, or should be, the central concern of information studies and information services are, in practice, more directly concerned with knowing about than with knowing how or knowing that.” (2012, S. 5)

Zweck der Informationswissenschaft ist demzufolge die Vermittlung von Fähigkeiten zur Nutzung von Information und zum Erwerb von Wissen, also Informationskompetenz und Methoden- bzw. heuristischer Kenntnis.

Cronin widmet sich dem wissenschaftlichen Wirkungsgrad der Informationswissenschaft. Für ihn beginnt sich die Disziplin den Schleier eines “Orchideenfaches” abzulegen und im akademischen Mainstream zu etablieren.
Das wertet er erwartungsgemäß als positiv, denn so würde die Informationswissenschaft nicht mehr länger eine eigene isolierte Wissenschaftsdisziplin darstellen, denn die Stärke des Fachs, so Cronin, war seit jeher Interdisziplinarität. Die Forschungen in Feldern wie Informatik und Management wurden durch informationswissenschaftliche Expertise traditionell angeregt. Häufig jedoch handelte es sich dabei um eine implizite Wechselwirkung. Wichtig ist hingegen auch, um zur Stärkung der Position des Faches beizutragen, dass diese Interaktionen sichtbarer, die Standpunkte klarer und die tatsächliche Rolle der Informationswissenschaft deutlicher werden.

Die instabile methodologische Eigenständigkeit und das nur eingeschränkte intrinsische Interesse an einer aktiven Interdisziplinarität sind die Defizite des Faches, die Kaden und Schuldt im Rahmen eines Informare-Workshops mit Vertretern des Fachs sowie der Informationspraxis erkannt haben (vgl. 2012, S. 97).

Neben den von den beiden Autoren gebrachten Beispielen der Informationskompetenz und Leseförderung und damit einhergehend der mangelnden Berücksichtigung der Wissensbestände anderer Disziplinen – also hier speziell der Pädagogik – trifft dieser Umstand wohl auch auf weitere Felder zu, z.B. die ungenügende Berücksichtigung von Erkenntnissen aus dem Interface Design, welche für die Konzeption von Digitalen Bibliotheken oder Virtuellen Forschungsumgebungen sicher hilfreich wären.

Zu ergänzen wäre, eine immer wiederkehrende reduktionistische und in meinen Augen oft genug auch anachronistische Herangehensweise an Problem- oder überhaupt Fragestellungen. Nämlich, dass man sich mit viel Aufwand und nicht selten einiger Verkrampfung insular an Teilproblemen mehr oder weniger aufreibt und dabei das Gesamtgefüge mit seinen Wechselwirkungen kaum berücksichtigt.  Erfahrungsgemäß ist die Lösung des Problems oft mehr als die Summe der einzelnen Teile. Wo Einzellösungen inkompatibel sind, lassen sie sich oft nicht einmal mehr zueinander addieren.

Daher gilt es, Methoden für die Sichtbarmachung vorher unbekannter, eventuell weitaus komplexerer, d.h. nichtlinearer Variablen zur Problemlösung heranzuziehen. Informationswissenschaftlich kann es meiner Ansicht nach nicht das Ziel sein, Komplexität durch das Ausklammern von Bereichen reduzieren zu wollen, sondern vielmehr, diese zu differenzieren, zu strukturieren und als Gesamtheit anzunehmen, kurzum nutzbar zu machen.

Holistische Ansätze

In der anglo-amerikanischen und skandinavischen LIS lässt sich seit einiger Zeit der Trend beobachten, dass immer mehr Informationswissenschaftler dazu übergeben sich disziplinnahen Problemen aus einer holistischen Perspektive anzunähern. Im Folgenden will ich die Frameworks Activity Theory und Cognitive Work Analysis kurz vorgestellen.

Ausgangspunkt dieser Ansätze ist die Erfahrung, dass Probleme und Phänomene in der Informationswissenschaft oftmals aus einem erheblich verengten Blickwinkel betrachtet werden. Daraus ergeben sich dann sowohl bei den Problemlösungen wie auch bei der Produktentwicklung (wie OPACs, ViFas oder Informationskompetenzschulungen) grundsätzliche Defizite, die für beide Seiten – Nutzer sowie Anbieter – unbefriedigend wirken müssen, da sie zu wenig kontextualisiert und häufig unzulänglich in den Ist-Zustand des zugrundeliegenden Systems (einschließlich der Organisation, z.B. einer Bibliothekseinrichtung) eingebettet wurden.

Research object information science

Abbildung 1: Research object of information science and the triangle of activity theory (Roos 2012)

Ein weiterer Grund für die Unzufriedenheit mit den Ergebnissen bzw. Bibliotheksprodukten ist deren normative Modellierung (Fidel 2012, S.189). Normativ ist die Modellierung immer dann, wenn die Benutzung eines Dienstes, bspw. eines Retrieval-Werkzeuges, sehr eng begrenzt wird. Wenn also der Benutzer seine Nutzungsbedürfnisse erheblich an die limitierten Möglichkeiten des Systems anpassen muss und sie im Kern nicht befriedigen kann.

Viele Dienstleistungssysteme sind nach wie vor allzu oft an Vorlieben (manchmal auch schlicht an die Leistungs- und Entwicklungskompetenzen) von Bibliothekaren und Entwicklern angepasst und lassen alternative Wege zur Erreichung des Ziels nicht zu. Dies führt konsequenterweise zu Unzufriedenheit, einerseits weil der Nutzer sich im System nicht so bewegen kann wie er es möchte und andererseits zu Unzufriedenheit bei den Anbietern, weil die Nutzer nicht so zu suchen bereit sind, wie man es vorgegeben hat. Die menschliche Neigung, sich Fragestellungen mit einer Mischung aus Neugier und Entdeckungstrieb eigenheuristisch und explorativ anzunähern wird in der Regel kaum bedient. Im Social Media-Bereich haben kommerzielle Anwender durchaus Mittelwege gefunden, welche besonders die Serendipity ansprechen. Allerdings entsprechen diese wiederum kaum der Rigorosität hinsichtlich der Datenqualität, wie sie von Bibliotheken berechtigt eingefordert wird. Es wird die Aufgabe von künftigen Discovery-Systemen sein, dass Beste aus diesen beiden Welten zusammenzuführen.

Social Media zeigt, wie erfolgreich und zugleich konzeptionell einfach so genannte formative Modelle wirken. Sie stellen lediglich den Rahmen der Anwendung. Jeder kennt dieses Prinzip von den beiden populärsten Betriebssystemen für Smartphones oder auch von Webbrowsern, indem man das Basispaket per Apps und Widgets beinahe beliebig personalisieren kann. Hinter dieses Benchmark sollte eigentlich keine Entwicklung mehr fallen.

Die Activity Theory und Cognitive Work Analysis sind hierbei zwei durchaus interessante, jedoch keinesfalls neue Verfahren, um sich Komplexität über detailreiche Kontextualisierung nutzbar zu machen und nach erster Einschätzung durchaus geeignet, das dem Kontextbegriff innewohnende “unruly beast” (Dervin 1997) für unsere Domäne zu zähmen.

Die Verwendung der Activity Theory und der Cognitive Work Analysis gilt als zeitintensiv und damit auch teuer.
Die Ergebnisse sind in Relation dazu häufig nicht generalisierbar, dafür jedoch auf den Einzelfall zugeschnitten, was innerhalb einer dienstleistungsorientierten Informationsbranche nicht unbedingt von Nachteil sein muss.
Einer auf Kosten-Nutzen-Relation abzielenden Argumentation ist sicher zuzustimmen, sofern man die Entwicklung und Evaluation von Dienstleistungen zur Unterstützung des Lernens als einmalige Angelegenheit begreift. Nur betrachtet man dann auch menschliches Handeln als statisch und vorhersehbar. Daher kann man auch nicht angemessen reagieren, wenn Problemstellungen innerhalb des gewählten Fokus erst nach einiger Zeit, mitunter emergent, an die Oberfläche treten, sich also dynamisch-nichtlinear verhalten.

Dass jedoch menschliche Aktivitäten im Umgang mit Informationsobjekten weitgehend dynamisch sind und sich kontinuierlich fortentwickeln, bewies die Activity Theory aufgrund der historischen Bezugnahme auf kulturelle Phänomene. Sie wird deshalb häufig auch als Cultural Historical Activity Theory (CHAT) vorgestellt .
Diese Sichtweise wird letztlich auch für das Konzept des
Embedded Librarian interessant. Will er nämlich gute Betreuungsarbeit leisten, so muss er dies im regelmäßigen nicht allzu weit auseinanderliegenden Turnus und konkret an den sich im Forschungs- und Erkenntnisprozess verschiebenden Sachverhalten und Informationsbedarfen tun. Der Kontext verändert sich permanent und macht es daher notwendig, dass die dazugehörigen Bibliotheksdienstleistungen diese Änderungen angemessen berücksichtigen.

Raya Fidel (2012, S.213) erwähnt die Activity Theory explizit, wenn sie mögliche disziplinübergreifende Kollaborationen hinsichtlich eines besseren Verständnis des Informationsverhaltens in konkreten Arbeitssituationen erörtert. Hinter der ursprünglich von Rasmussen, Pejtersen und Goodstein (1994) entwickelten Cognitive Work Analysis steht die Vermutung, dass Informationssysteme effizienter sind, wenn sie die Umwelt der jeweiligen Informationsarbeit und die eigentliche Aufgabe der Arbeitskraft berücksichtigt. Der Akteur wird an dieser Stelle durch sein konkretes Handeln, wobei hier kognitive Tätigkeit vorrangig mit dem Ziel eines Entscheidens gemeint ist, und den sich aus diesem ergebenden Informationsbedürfnissen sichtbar. Das Handeln wird dabei durch den Handlungszusammenhang, also wenn man so will den kognitiven Kontext, vorbestimmt. (vgl. Fidel S.225).

Jene kognitiven Handlungen konkretisiert Fidel wie folgt:

“Cognitive work analysis (CWA) considers as “cognitive work” any activity that requires decision making. Thus, the academic activities of elementary school students, patient`s management of their medical treatment, and engineers´design of artifacts are all examples of cognitive work. Being a work-centered approach, CWA focusses on the cognitive work itself, regardless of the specific individuals who carry it out.” (Fidel 2012, S.225)

Insbesondere vor dem Hintergrund, Lösungen zur Bewältigung der Informationsflut und ebenso Anwendungen zu entwickeln, welche die Erkundung und Neukontextualisierung von (vermeintlich bekannten) Datenwelten ermöglichen könnten (vgl. Szepanski 2012) ist eine Äußerung Hollnagel und Woods besonderes relevant:

“The focus of [cognitive systems engineering] is how humans can cope with and master complexity of processes and technological environments, initially in work contexts but increasingly also in every other aspect of daily life”. (Hollnagel and Woods 2005, S.1)

Letztlich führt mich dies auch wieder zurück auf die vom Kaden und Schuldt aufgeworfene Ausgangsfrage, welche Art Wissenschaft wir letztlich sein wollen: eine Wissenschaft die aus einer interdisziplinären und gern auch holistischen Perspektive heraus auf unser Kernthema rund ums Lernen im Sinne einer bildungsunterstützenden Wirkung (vgl. Kaden und Kindling 2007) blickt oder sich weiterhin oft genug mittels reduktionistischen Konzepten lediglich um (informationstheoretische) Teilprobleme des großen Ganzen kümmert?

So eindeutig diese Antwort (meinerseits) auch ausfällt, so soll hier abschließend auf die ebenso spannende Frage verwiesen werden, aufgrund welchen Mechanismen sich das Fach in diese isolierte und isolierende Praxis hinein manövrierte.                                                                                                                                                                                  

Potsdam, 27.12.2012

Literatur:

Buckland, Michael (2012): What Kind of Science Can Information Science be?. In: JASIST, 63 (1). S.1-7. Online verfügbar unter: 10.1002/asi.21656.

Cronin, Blaise (2012):The waxing and waning of a field: reflections on information studies education. In: Information Research, 17 (3) paper 529. Online verfügbar unter: http://InformationR.net/ir/17-3/paper529.html

Dervin, Brenda (2003): Given a Context by Any Other Name: Methodological Tools for Taming the Unruly Beast. In: Dervin, Brenda, Formenan-Wernet, L. und Lauterbach, E. (Hrsg.): Sense-Making Methodology reader: Selected writings of Brenda Dervin. Cresskill, Nj : Hampton Press. S.111-132.

Fidel, Raya (2012): Human Information Interaction: An Ecological Approach to Information Behavior. Cambridge [u.a.] : MIT Press.

Hollnagel, Erik; Woods, David D. (2005): Joint Cognitive Systems: Foundations of cognitive systems engineering. New York : Taylor and Francis.

Kaden, Ben; Schuldt, Karsten (2012): Welcher Art Wissenschaft soll die (Bibliotheks- und) Informationswissenschaft sein? Ein Workshop-Bericht. In: LIBREAS.Library Ideas, Jg. 8, H. 2 (21). Online verfügbar unter: http://edoc.hu-berlin.de/docviews/abstract.php?lang=&id=39654.

Kaden, Ben; Kindling, Maxi (Hrsg.) (2007): Einleitung: ‘Soziale Bibliotheksarbeit’. In: Zugang für alle: Soziale Bibliotheksarbeit in Deutschland. Berlin: BibSpider. S.13-33.

Rasmussen, Jens; Pejtersen, Annelies Mark; Goodstein, L.P. (1994): Cognitive Systems Engineering. New York : Wiley.

Roos, Annikki (2012): Activity theory as a theoretical framework in the study of information practices in molecular medicine Information Research, 17(3) paper 526. Online verfügbar unter: http://InformationR.net/ir/17-3/paper526.html

Szepanski, Christoph (2012): VisInfo – oder was ist eine Volldatensuchmaschine? Online verfügbar unter: http://datacreativity.fh-potsdam.de/2012/11/visinfo-volldatensuchmaschine/

Stapleton, the carnegiest. Eine Bibliotheksansicht aus der Heimat des Wu-Tang-Clans.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 19. Dezember 2012

Nachdem ich unlängst auf der LIBREAS-Facebook-Zweigstelle auf eine ganz wunderbare Ansichtskarte des Hauptgebäudes der New York Public Library hinwies, die ein Schiffsmusiker der Holland-Amerika Lijn im Januar 1925 seinem nicht ganz sechs jährigen Sohn von Hoboken nach Rotterdam schickte, möchte ich heute an dieser Stelle noch eine weitere historische Ansicht einer öffentlichen Bibliothek aus NYPL-System mit der Weböffentlichkeit teilen.

Die Karte ist noch älter als die auf Facebook gezeigte und transportierte eine Ansicht der sehr hübschen und derzeit möglicherweise noch in Renovierung bzw. im Umbau befindlichen Stapleton-Dependance.  Das Gebäude existiert nach wie vor, stammt aus dem Jahr 1907 und ist eine vier Bibliotheken, die Andrew Carnegie Staten Island stiftete. Die Ansichtskarte wurde von Ignatz Stern / Brooklyn herausgegeben und interessanterweise in Deutschland, mutmaßlich in Leipzig, gedruckt. Irgendjemand hat sie 07. Februar 1911 wahrscheinlich im letzten Haus in der hügeligen Louis Street, das sich in angenehmer Laufweite zum hübschen Bibliotheksneubau befand, sorgfältig und kaum lesbar beschrieben, mit einer philatelistisch hoffnungslos unspektakulären karminroten 2 Cent-Briefmarke mit dem Profil George Washingtons beklebt und zur Post gegeben, wo sie mittags gegen halb eins gestempelt und auf den Weg nach Bad Essen gebracht wurde.

Viel mehr gibt die leicht ramponierte Karte auf den ersten Blick leider nicht preis. Da aber Klaus Graf mit großem Einsatz die Relevanz der Textsorte Miszelle und das Potential des Weblogs als Transportmedium selbiger betont (z.B. in diesem Kommentar), möchte ich diese Anregung auch zukünftig wieder verstärkt aufgreifen und Kommunikationsartefakte mit Bibliotheksbezug wie diese Ansichtskarte einer kurzen Betrachtung und Kontextualisierung unterziehen. Ob das Verfahren, solche Zeitspuren quer und aus der heutigen Sicht zu neu lesen, bibliothekswissenschaftlich wirklich belangvoll ist, darf zunächst außen vor bleiben. Darum geht es in solchen Beiträgen nämlich nicht. Wichtiger ist mir die Faszination, das es möglich ist, dass eine zufällig entdeckte alte Ansichtskarte Berlin im Dezember 2012 mit Stapleton / Staten Island im Februar 1911 verknüpft, woraufhin sich archivgeschichtlich zwangsläufig die in die Zukunft weisende Frage stellt, auf Basis welcher Artefakte solche Verbindungslinien in hundert Jahren gezogen werden können? Vielleicht ja auf der dieses Postings, das in irgendeiner Nische des virtuellen Gedächtnisraums überdauert.

Stapleton Public Library

“Stapleton, the craziest, y’all know what time it is” (Shyheim, Shaolin Style, 1996)  Der Rapper Shyheim ist einer von  zahlreichen jungen Männern aus dem Umfeld der in den 1990er Jahren maßgeblichen Rap-Formation Wu-Tang Clan, die Stapleton popkulturgeschichtlich noch bekannter machten, als die dortige Bibliothek es je vermochte. Und sei ehemaliger Nachbar Ghostface Killah schaffte es sogar, in die Einleitung eines seiner Titel folgende, ebenfalls Zeit bezügliche Zeile unterzubringen: “Salut this / Library shit / 
Rock the belt, uh-huh, you know what time it is / They understand and support us”  (Theodore auf dem Album Bulletproof Wallets, 2001) Ob er damit seiner Erfahrungen in der Bibliothek in der Canal Street, die immerhin direkt in seine einstige Heimatstraße Broad Street einmündet, anspielt, muss an dieser Stelle leider offen bleiben.

(bk, Berlin, 19.12.2012)

Call for Papers: Forschungsdaten, Metadaten, noch mehr Daten. Forschungsdatenmanagement

Posted in LIBREAS Call for Papers by libreas on 12. Dezember 2012

Call for Papers für die LIBREAS-Ausgabe #23
Thema:
Forschungs- und andere Daten sowie ihre Organisation und Rolle in Bibliothek und Wissenschaft
Einreichungsfrist: bis 31.05.2013 14.07.2013 19.08.2013
gewünscht sind: Beiträge, die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Daten und Bibliotheken reflektieren, annotieren, dekonstruieren und/oder analysieren
disziplinäre Einschränkungen: keine
Rückfragen: redaktion@libreas.eu

„Eine Forschung, die zunehmend durch die kooperative Tätigkeit weltweit vernetzter Communities und durch den Einsatz Computerbasierter Verfahren bestimmt ist, erfordert nun einmal die kontinuierliche und vor allem langfristige Verfügbarkeit von Publikationen und Forschungsdaten über das Internet. Nicht nur die Notwendigkeit, Forschungsergebnisse durch den Rückgriff auf die diesen Ergebnissen zugrunde liegenden Daten verifizieren zu können, sondern auch die produktive Nachnutzung von Forschungsdaten in anderen Kontexten setzt voraus, dass digital kodierte Information über Jahrzehnte hinweg authentisch verfügbar bleibt.“ (Matthias Kleiner. Vorwort. In: Heike Neuroth et al. (2012), S. 9)

„Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb.“ (Kurt Tucholsky. In: Neue Leipziger Zeitung, 19.08.1930)

 

Wissenschaft produziert heute neben Erkenntnis vor allem immense Datenmengen. Die enorme Steigerung beruht in erster Linie auf der Entwicklung und Verfügbarkeit von Technologien zur Datenproduktion und -verarbeitung. leistungsstärkere Rechner und Messgeräte produzieren und vernetzen immer mehr Daten. Wo viele Daten sind, kommen fast naturgesetzlich immer noch mehr hinzu. Die Datenmengen, eines  Large Hadron Collider (LHC) in Genf sind derart umfangreich, dass sie nicht einmal mehr an einer zentralen Stelle gespeichert werden können, sondern auf das LHC Computing Grid verteilt werden müssen. Aber auch im Alltag entstehen immer mehr Daten „nebenher“, beim Surfen im Netz, beim Chatten, beim Taggen von Dateien usw. Nahezu jeder Klick erzeugt auch neue Daten.

Die Entwicklung führt zu umfassenden Änderungen der Wissenschaft, ihrer Methoden und besonders den Anforderungen an ihre Werkzeuge sowie an die Wissenschaftsinfrastrukturen. Datenintensive Forschung braucht angemessene Hilfsmittel. Physikerinnen und Physiker, die mit Daten aus LHC-Experimenten arbeiten wollen, müssen lernen, Daten aus dem Grid zusammensammeln und auszugeben. Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die theoretische Modelle zum Zusammenhang von Hochschulsystem und Städteplanung über mehrere Staaten hinweg testen wollen, können dafür auf eine umfassende Datenlage zurückgreifen. Sie müssen aber diese kennen, finden und weiterverarbeiten können.

Angesichts dieser empirischen Wende könnte das Testen theoretischer Modelle bald der Vergangenheit angehören. Jim Gray formulierte die These, dass wir in die Zeit des vierten Forschungsparadigmas eintreten würden. (Hey, Tansley & Tolle, 2009) Die Forschungsdatenbestände würden zu groß werden, um überhaupt noch anders als mit explorativer Statistik, also einer Art Datenhermeneutik, auswertbar zu sein. Ob dies für alle Wissenschaften zutrifft, ist offen.

Folgerichtig wird die Bedeutung von langfristig und offen verfügbaren Forschungsdaten für den Forschungsprozess immer stärker betont. Man entwirft Systeme, die die Reputation einer Forscherin, eines Forschers an die erstellten Daten binden sollen. Diese Diskussion überdeckt eine andere Wahrheit: Immer noch sitzen die Theologinnen und Theologen an ihren Schreibtischen und produzieren nicht viel mehr Daten als in den Jahrhunderten zuvor. Sie benutzen aber möglicherweise zunehmend digital vorliegende Quellen. So geht es vielen Disziplinen: Einige, wie die Physik oder die Klimaforschung, erzeugen permanent riesige Datenmengen. Bei anderen ist vielleicht nicht das Wachstum der eigens produzierten Datenmengen überwältigend. Wohl aber die Zahl der durch die Digitalisierung direkt abrufbaren Datenbestände. Um diese ordentlich zu nutzen, sind adäquate Erschließungs- und Vermittlungsverfahren sowie Werkzeuge notwendig.

Wie soll Forschungsdatenmanagement funktionieren? (more…)

Wie mitten im Regen. Ruth Buchanans Auseinandersetzung mit der Geschichte der Staatsbibliothek zu Berlin.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 11. Dezember 2012

zu:

Ruth Buchanan: The weather, a building. Berlin: Sternberg Press, 2012. (Seite zum Titel beim Verlag)

Als feuilletonistisches Großereignis gleich nach dem wankenden Suhrkamp-Verlag präsentiert sich heute der neue Lesesaal (bzw. die Schlüsselübergabe für selbigen) der Staatsbibliothek im Gebäude Unter den Linden. (z. B. als “Lichtkabine des Wissens” – so Andreas Kilb in der FAZ)

Für uns ist es die Gelegenheit, einmal auf ein Buch hinzuweisen, dass ein wenig unschlüssig auf dem Schreibtisch auf Besprechung wartet. Denn aus bibliothekswissenschaftlicher Sicht lässt sich The weather, a building der von den Wurzeln neuseeländischen und von der Gegenwart Berliner Künstlerin Ruth Buchanan nicht einordnen und die dazugehörige Ausstellung Put a curve, an arch right through it in der Krome Gallery in der Potsdamer Straße haben wir leider verpasst. Im Nachhinein ist das ziemlich bedauerlich, denn ganz offenarmig tritt einem die Publikation nicht entgegen, auch wenn man natürlich sofort eine Vorstellung entwickelt, wenn man liest:

„In order for the library to truly perform, it must exceed itself, move from fixed structure to wild terrain.“

Die direkte Begegnung mit dem dazugehörigen Objekt, dass „the spilling that interrupts the library both as a spatial construct and infrastructural code“ versinnbildlicht, hätte sicher die Wahrnehmung anders geprägt, als seine Abbildung im Buch. Dennoch kann man das Buch als Impuls auch ohne Kenntnis der Ausstellung lesen. Vorausgesetzt man lässt sich wirklich darauf ein.

Cover Ruth Buchanan "The weather, a building"

Schlechte Witterungs- und Ausstattungsbedingungen verhinderten ein schöneres Coverfoto von Ruth Buchanans Künstlerbuch. Wir bitten um Nachsicht.

Ruth Buchanan thematisiert in ihrer Arbeit das Verhältnis von Räumen und Narrativen und zwar in diesem Fall konkret anhand der Entwicklung des Riesenschiffes Staatsbibliothek zu Berlin seit August 1939. Drei Ereignisse (oder auch: Motive) bilden die Eckpunkte der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand:  a) die Evakuierung und damit Zerstreuung der Bestände aus dem Haus Unter den Linden während des zweiten Weltkriegs, b) das Provisorium zur Zusammenführung von Teilen der Bestände in einer Traglufthalle am Westberliner Kemperplatz (heute Standort der Philharmonie), die bei einem Herbststurm im November 1972 „zerriß wie ein Taschentuch“ (B.Z.) und 500.000 Bände auf einmal unter freien Himmel stellte, bevor sie dann im Reichstagsgebäude ein wetterfesteres Provisorium fanden. Und schließlich c) die Wassertropfeninstallation von Günther Uecker im Scharoun-Bau am Potsdamer Platz.

Die Berliner Staatsbibliothek ist insofern zeithistorisch herausragend interessant, da die Einrichtung selbst zu einem einmaligen Symbol historischer Verwerfungen wurde. Die Geschichte unterlief in ihrem Fall sehr drastisch das Grundanliegen der Bibliotheken, wie man es wenigstens im 20. Jahrhundert noch verstand: die nachweisende und damit stabilisierende Sammlung, Erschließung und Verfügbarhaltung von Druckwerken als Zeugnisse menschlichen Denkens und Schaffens. Durch das dokumentierende Bewahren an einem festen Ort sollte eine Kultur ein festes Rückgrat aus Text und Bild erhalten, also ihre dauerhafte und vorgeordnete Grundierung.

Die Geschichte freilich unterlief dieses Ziel erst durch den Bombenkrieg, dann durch die deutsche Teilung und schließlich auch durch so etwas Unerwartetes wie das Wetter und ließ die bewundernswert um dieses Ideal kämpfenden Bibliothekare mitunter mit buchstäblich im Regen zurück. Folgerichtig ist es das Motiv des Wassers, bekanntlich mehr noch als Feuer Hauptfeind aller Printbestände, das Element, welches die drei Eckpunkte in dieser Arbeit Ruth Buchanans verbindet. In den 1940ern und im November 1972 ging es darum, die Bestände ganz unmittelbar zu retten und im Anschluss zu reorganisieren. Den Angelpunkt des Buches bildet diesbezüglich sehr anschaulich der auf Deutsch und in englischer Übersetzung abgedruckte Text Ekkehart Verspers Von der Traglufthalle ins Reichstagsgebäude: Ein Bericht über die Wiederaufstellung von 500.000 Bänden aus den Mitteilungen der Staatsbibliothek Berlin (1973). Günther Ueckers Wasserwerk wurde dagegen schnell wieder der Hahn abgedreht und die Becken mit all ihrem allegorischen Impetus blieben trockene Form.

Der neue Lesesaal im Haus I Unter den Linden schließt diese Sammlungsstreuung und Zeit der Provisorien in gewisser Weise sehr spektakulär (hoffentlich) endgültig ab und verzichtet dabei auf ewigkeitsorientierte Wasserspiele zugunsten einer nicht mehr ganz tagesaktuellen Pressearbeit namens “Noch Fragen?” des Objektkünstlers Olaf Metzel, die offensichtlich in Popularität bei Mitarbeitern, Feuilleton und prospektivem Publikum auf einer Höhe mit Ueckers trockengelegter Tropfinstallation schwimmt.  Ob die Staatsbibliothek und ihre Bestände nun für die „Unendlichkeit der Zeit“, die Ueckers Skulptur greifbar machen wollte, ihre Fassung als wetterfeste “Camera Clara des Wissens” (Andreas Kilb) gefunden haben, bleibt angesichts der prinzipiellen Unberechenbarkeit der Weltläufe unentschieden. Die Webseite der Staatsbibliothek vermerkt zu der Arbeit im Lesesaal im Scharoun-Schiff jedenfalls: „Aufgrund des raschen Verkalkungsprozesses ließ sich jedoch Ueckers Planung nie vollständig umsetzen.“ Und Ruth Buchanans großes Thema ist ja, wie Ian White im Nachwort zu The weather, a building ausführt, ausgerechnet die Allegorie.

Lieber halten wir uns an den feierlichen Ausblick, das Andreas Kilb zum neuen Lesesaal im FAZ-Feuilleton formuliert:

„Berlin hat jetzt zwei Hochaltäre des Lesens, Max Dudlers Grimm-Zentrum an der Stadtbahntrasse und den Würfel von HG Merz. Der eine setzt ganz auf die Suggestion des Buchkastens, in dem man sich als Glied einer weltumspannenden Gemeinde geborgen fühlen kann. Der andere stemmt den Kasten himmelan, auf dass die Erleuchtung durch die Schrift niemals ende. Als Leser wird man hier wie dort glücklich.“

Wenn dann, so die Hoffnung, im Lesesaal etwas tropft, sind es hoffentlich nur die Tränen des Lektüreglücks.

(bk, 11.12.2012)

Daten und Wolken. Über die Verortung von Rechenzentren.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 8. Dezember 2012

Anmerkungen zu:

Susan Alpsancar: Cloud. In: Marquardt, Nadine; Schreiber, Verena (Hg.) (2012): Ortsregister. Ein Glossar zu Räumen der Gegenwart. 1. Aufl. Bielefeld: Transcript. S. 64-69

Sonja Palfner, Gabriele Gramelsberger: Rechenzentrum. In: Marquardt, Nadine; Schreiber, Verena (Hg.) (2012): Ortsregister. Ein Glossar zu Räumen der Gegenwart. 1. Aufl. Bielefeld: Transcript. S. 231-236

von Ben Kaden

Dass das Wort Bibliothek mit einem Ort assoziiert wird, ist unstrittig – trotz aller Versuche, sie digital aufzulösen nicht zuletzt dank diverser Neubauten aber vermutlich auch generell. Für Rechenzentren gilt das nur begrenzt. Als konkreter Ort ist die Bezeichnung näher an bestimmten Aufbruchsbildern der Wissenschaft irgendwo zwischen den 1950er und den 1980er Jahren als an gegenwärtiger Wahrnehmung und angesichts der eminenten Bedeutung dieser Einrichtung scheint die Rechenzentrumsforschung z.B. als Teil der Techniksoziologie eher wenig präsent.

Je mehr die Rechner Alltagswerkzeuge wurden, desto unspektakulärer wurde das Rechenzentrum als Ort, zumal die aufgestellte Hardware in der direkten Betrachtung wenig Fläche für emotionale Bezüge bietet. Dann doch lieber die Cloud, die, wie Susan Alpsancar schreibt, „mit dem Ungreifbaren gleichzusetzen“ ist, aber metaphorisch gerade deshalb einen ganz anderen Kosmos entfaltet. Das Cloud-Computing, auf das wir über die Displays der gewichtsoptimierten Endgeräte zugreifen, hob das Rechnen scheinbar aus dem wuchtigen Rechenboxen in eine schwerkraftlose Wolkenwelt. Von einem „neue[n] Hype unter Computervisionären“ zu sprechen ist im Jahr 2012 schon fast überholt. Dennoch lohnt der Beitrag Susan Alpsancars im Sammelband „Ortsregister“ als grundlegende Annäherung, denn dass „[b]eim Cloud-Computing […] kommerzielle Anbieter die IT-Kapazitäten [bündeln und monopolisieren]“ ist ein zweifellos beachtenswerter Nebeneffekt. Und dies sollte allen, die ihr expliziertes Leben in die Cloud schieben, bewusst sein.

Strukturell hat die Cloud mit dem aus der datenintensiven Forschung stammenden Grid-Computing das Prinzip der verteilten Verarbeitung von Prozessen gemeinsam. Zudem lagert man auch die eigenen Datenbestände weitgehend aus, so dass das Tablet oder das Smartphone mehr oder weniger zu Varianten transportabler Terminals werden. Susan Alpsancar sieht diese Praxis als doppelt nicht-örtlich: Wir legen die Daten in einem für uns räumlich unbestimmbaren „Irgendwo“ ab, um sie von einem ebenfalls unbestimmten „Überall“ abrufen zu können. Und mehr noch: Je stärker wir Soziale Netzwerke wie Facebook nutzen, um unsere Identität abzubilden, desto intensiver verlagern wir auch unsere sozialen Beziehungen in diese Strukturen. Diese entwickeln sich demnach mehr oder weniger zu einem Hybridphänomen aus virtueller Identitätskartei und digital auflösbarem Kommunikationsort werden. Ganz risikolos ist die soziale Schwerelosigkeit und die unserer Daten nicht. Die Anker (oder auch Fußketten) sind in der Abhängigkeit von den konkreten Anbietern zu finden, die im Zweifel, so ist jedenfalls zu befürchten, ihr Geschäftsmodell über die Bedürfnisse der einzelnen stellen. Es sei denn, rechtliche Rahmenbedingungen setzen hier deutliche Grenzen.

Die werden bisweilen wieder ganz klassisch vom geographischen Standort des jeweiligen Servers bestimmt. Der zweite Fall, an dem uns die nach wie vor gegebene Tatsächlichkeit des konkreten Speicherortes bewusst wird, ist der Ausfall. Susan Alpsancar bemerkt, „dass die Frage nach dem »wo« der Daten nur dann relevant wird, wenn die gewöhnliche Nutzung unterbrochen wird. Wenn etwa eine technische Störung vorliegt oder Sie Ihre Daten in andere Aufenthaltswahrscheinlichkeitsräume bringen wollen.“

Doch selbst wenn sich dann die Grenzen der Cloud bzw. des Cloud-Computing herauskonturieren, weiß der Facebook-Nutzer vor seinem ratlosen Endgerät immer noch nicht, in welchem Teil der Erde sich seine Daten eventuell nach wie vor, aber für ihn unerreichbar gespeichert befinden.

Cover: Ortsregister.

Dass das Rechenzentrum als abstrakter und meist nicht wahrgenommener, in gewisser Weise nebulöser Ort erscheint, ist heute verständlich. Aber auch relativ neu. Denn als die Datenverarbeitung noch etwas war, was nahezu automatisch mit dem Schlagwort Big Science verknüpft war, wusste jeder der in diesen Kontext aktiv Eingeweihten, welches Gewicht auch hinsichtlich des Ressourcenaufwands in den entsprechenden Rechenzentren steckte. Man kann nun entgegnen, dass die Eingeweihten bzw. mit dem Betrieb solcher Einrichtung berufsmäßig betrauten das auch heute selbstverständlich sehr genau wissen. Und es den Nicht-Eingeweihten traditionell ziemlich gleich war, wo das nächste Rechenzentrum ist. Die Verschiebung liegt nun darin, dass heute auch die meisten Nicht-Eingeweihten zutiefst von Rechenzentren abhängig sind, dies jedoch nur bedingt realisieren, wenn sie die Vorzüge der Cloud genießen, zu denen unbedingt auch gehört, dass man nichts über sie wissen muss und sie trotzdem benutzen kann.

Die Trennung der Geräte zur Datenspeicherung und -verarbeitung und zur Nutzung andererseits ist ein vergleichsweise junges Phänomen, das sich erst mit dem Internet als Medium der rückkoppelnden Datenübertragung wirklich massentauglich entfalten konnte. Dadurch aber, dass die nach wie vor vorhandene und notwendige rechnende Großmaschinerie in der Wahrnehmung hinter den graphischen Nutzeroberflächen verschwindet, fehlt uns auch ein Gefühl für diese:

„Möglicherweise greift hier auch eine Profanisierung des Rechenzentrums als Dienstleistungseinrichtung und eine damit einhergehende Unsichtbarmachung von Arbeit in der Traditionslinie des »stummen Dienens«, ein Übersehen dieses Ortes.“

Jedenfalls nutzerseitig ist diese Einschätzung von Sonja Palfner und Gabriele Gramelsberger vollauf nachvollziehbar. So wie wir in der Regel nicht genau wissen, wie andere elementare Alltagsinfrastrukturen (Strom, Warmwasser) zu den jeweiligen Schnittstellen laufen und wie die transportierten Inhalte verarbeitet, aufbereitet und transportiert werden (Wasserwerk, Leitungssystem), so merken wie auch hier erst, dass es sie gibt, wenn sie nicht mehr funktionieren, also zum Beispiel der Gehsteig aufgegraben ist, um ein gebrochenes Rohr freizulegen. Oder, wenn wir plötzlich, warum auch immer, von der Nutzung ausgeschlossen werden und so irritiert wie folgenlos am Wasserhahn drehen.

Entsprechend ist das Rechenzentrum für die Autorinnen durchaus ein Ort, „der Bestehendes herausfordert“ und zwar einfach deshalb, weil wir schlichtweg abhängig von ihnen wurden und sie daher als Verwaltungsknoten unserer Kommunikationen auch Werkzeuge der Macht sind. Um dies zu verstehen, schlagen die Autorinnen eine „Archäologie des Rechenzentrums“ vor und wer hier Foucault als Stichwortgeber liest, liest richtig. Leider fordert der Charakter des Sammelbandes als Glossar eine Kürze ein, die zwar die Etappen der Entwicklung abbildbar macht, aber offensichtlich eine Tiefenanalyse über die Sensibilisierung qua Deskription für diese unvermeidliche Bindung hinaus ausschließt.

Die Nachzeichnung des Verlaufs der Beziehung zwischen Rechenzentrum und Wissenschaft ist dennoch interessant. Zunächst (1950er Jahre) entstanden in bestimmten disziplinären Kontexten für konkrete Anwendungen so genannte Rechenstellen. Diese hatten im Prinzip den Status eines Labors, waren also fest in die Wissenschaft eingebunden. Sukzessive wurden sie jedoch zu eigenständigen Größen, die generell EDV-Dienstleistungen für die sie betreibenden Einrichtungen zu erfüllen hatten. Diese Spezialisierung führte zu einer Entkopplung von der Wissenschaftspraxis:

„Labore, Werkstätten und Forschungsbibliotheken sind Räume des Forschens, die von Wissenschaftlern und ihren Gegenständen bewohnt werden. Rechenzentren sollten dies nicht sein.“

Während die Erkenntnisproduktion an anderen Orten stattfand, blieb den Rechenzentren die Organisation der entsprechenden Infrastruktur, was bis zur Beschaffung von EDV für die einzelnen Hochschulinstitute reichte und entsprechend einiges Konfliktpotential barg. Mit Grid und Cloud jedoch wandert wenigstens die datenintensive Wissenschaftspraxis wiederum in die Rechenzentren (ab). Deren Kapazitäten dienen nicht mehr nur der Organisation eines E-Mail- oder Publikationsservers. Vielmehr stellen sie nun die direkte Basis für die Bearbeitung bestimmter Forschungsfragen. Sie übernehmen in gewisser Weise die Rolle, die man sonst wissenschaftlichen Bibliotheken zuschreibt und werden der Ort, an dem sich weite Teile der Erkenntnisproduktion vollziehen und abbilden.

Je stärker die „epistemische Praxis“ der „berechnenden Vorhersage“ zur Zentralgröße der Wissenschaft expandiert, desto größer wird die Rolle der Rechentechnik. Mittlerweile, so führen die Autorinnen aus, werden teilweise Berechnungen dem Laborexperiment vorgeschaltet. Dieses beginnt erst dann, wenn ein entsprechendes Design digital erstellt und als funktionierend ausgerechnet wurde. Es geht also nicht nur um den Einsatz von Rechentechnik für statistische bzw. quantitative Analysen. Die Technologie prägt zusätzlich in bestimmten Bereichen unmittelbar Forschungsdesign und somit auch die epistemologische Praxis. Der Vorteil ist eine zielgenauere Forschung. Der Nachteil ist womöglich eine Verengung der Sichtfelds der Wissenschaft nach den Maßstäben dieser technischen Dispositive.

Man muss heute nicht mehr betonen, dass digitale Basiskompetenzen – in disziplinär unterschiedlicher Konkretisierung – zur Wissenschaft gehören. Für aktuell im Studium befindliche Generationen ist das erfahrungsgemäß selbstverständlich. Was jedoch in diesen Lehrplan integriert gehört, ist die Praxis der kritischen Reflexion über die Reichweite und Grenzen der Technologie. Also, raummetaphorisch gesprochen, die Befähigung, das Rechenzentrum und seine Leistungen in der Wissenschaftslandschaft zweckgemäß zu verorten.

(Berlin, 06.12.2012)

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