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These: Die New Left ist Schuld am beklagenswerten Zustand der bibliothekarischen Literaturberatung

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 15. Oktober 2012

von Karsten Schuldt

Zu: Dilveko, Juris ; Magowan, Candice F.C. / Readers’ Advisory Service in North American Public Libraries, 1870-2005. Jefferson, North Carolina ; London : McFarland, 2007.

 

Readers’ Advisory Service in North American Public Libraries, 1870-2005 scheint auf den ersten Blick eine historische Studie über ein spezifisches Bibliotheksthema darzustellen. Realistisch betrachtet ist es aber eine in weiten Strecken unerfreuliche Ausbreitung eines einzigen ideologischen Arguments, nämlich dass die heutige Situation (beziehungsweise die Situation im Jahr 2007) der Literaturberatung in US-amerikanischen Public Libraries beklagenswert sei und die Schuld dafür bei der New Left der 1960er und 1970er Jahre zu verorteten ist. Oder mit anderen Worten: Das Buch ist ein politische Polemik aus der nordamerikanischen Rechten, welche sich allerdings nicht so sehr gegen die Linke, sondern gegen den vorgeblichen Werteverfall in Bibliotheken und Kultureinrichtungen richtet. (Zu vermerken ist, dass die beiden AutorInnen an der Universität Toronto und nicht in den USA angestellt sind beziehungsweise waren. Sie argumentieren aber, als wären sie vor allem Teil des US-amerikanischen Diskurses.)

Ärgerlich sind dabei vor allem drei Dinge:

  1. Dilevko und Magowan behaupten, eine historische Studie geschrieben zu haben. Das stimmt nur in Ansätzen. Eigentlich ziehen sie historisches Material heran, um ihre zeitgenössische Analyse zu untermauern, wobei nicht ganz klar wird, wie sie die Auswahl ihrer Quellen begründen. Praktisch wird aus der in den ersten Kapiteln dargelegten Grundthese heraus das historische Material interpretiert, nicht aus dem Material selber eine Geschichtsschreibung generiert. Sie haben keine historische Studie, sondern ein politisches Manifest geschrieben.
  2. Der Vorwurf von Dilevko und Magowan an die New Left, mehr oder minder Schuld an der heutigen Situation der Literaturberatung zu sein, stüzt sich einzig darauf, dass die New Left im US-amerikanischen Bibliothekswesen die Literatur von Minderheiten und populäre Literatur als Bestandteil des Bestandes etabliert hätte. Dieses Argument ist mehrfach falsch. Weder lässt sich die New Left darauf reduzieren, Minderheit empowered zu haben, noch lässt sich eine direkt Verbindung zwischen der heutigen Situation und der Politik der New Left ziehen. Im Grossen und Ganzen entpolitisieren Dilevko und Magowan die New Left, fragen noch nicht einmal, was die inhaltlichen Gründe für die politischen Positionen der damaligen Bewegungn waren, nur um sie in eine direkte Beziehung mit der heutigen Situation stellen zu können. Anders ausgedrückt: Dilevko und Magowan argumentieren so banal falsch und vereinfacht, wie die Tea Party Bewegung.
  3. Die Position von Dilevko und Magowan zur heutigen Situation der Literaturberatung ist ebenfalls viel zu kurz und einfach. Grob gesagt: Es gäbe keine individuelle Beratung und kein Ziel des „Herauflesens“ mehr, sondern nur noch die Befriedigung von Nutzerinnen- und Nutzerwünschen, obgleich diese Wünsche von der Bewusstseinsindustrie (ja, wenn die beiden AutorInnen schon platt argumentieren, kann man hier auch platte, parolenhafte Begrifflichkeiten anführen) gesteuert seien. Das sei schlimm und die Aufgabe der Bibliotheken sei es eigentlich, alle Leserinnen und Leser zu guten Büchern hinzuleiten. Das klingt nicht nur altbacken, sondern ist leider auch so altbacken gemeint. Dabei stellen Dilevko und Magowan am Beginn ihrer Arbeit gewichtige Fragen, aber in kurzer Zeit stecken sie in der Argumentation fest, dass früher alles besser war und die Hippies alles kaputt gemacht hätten.

Kritik des heutigen Zustandes

Seine Stärken entwickelt das Buch ganz am Anfang, wenn die heutige Situation der Literaturberatung in Public Libraries beschrieben wird. Den eigentlich geht es Dilevko und Magowan um diese Situation.

In den Bibliotheken wäre kaum noch ein Wissen über Literatur vorhanden, vielmehr hätten diese sich den Willen den Leserinnen und Leser auf einfache Literatur unterworfen (und wenn möglich jede Literaturberatung outgesourced). Aber: Dieser Willen der Leserinnen und Leser sei gesteuert. Diese wüssten gar nicht, dass die Genre-Literatur, nach der sie verlangen würden, Produkte von Marketingüberlegungen sei. Überhaupt hätten die grossen Verlage schon lange das Interesse verloren an Literatur, die zum Denken anregt, Widerspruch erzeugt, überhaupt ein Risiko darstellt. Vielmehr würde jedes einzelne Buch als gewinnbringendes Produkt behandelt. Es hätte sich ein System von „Stars“ im Literaturbereich etabliert – abgestützt durch Verkaufszahlen, Marketing, Literaturpreise, Lesekampagnen –, dass mit Literatur wenig und mit Verkaufszahlen viel zu tun hätte. Insbesondere sei die Meinung verbreitet, dass Lesen an sich gut sei, egal was gelesen wird. Literatur würde nur noch als Unterhaltung verstanden.

Die heutige Literaturproduktion hätte die Auswahl effektiv eingeschränkt, sich gleichzeitig den Gestus eines etwas gehobenen Produktsegment zugelegt. Dilevko und Magowan vergleichen dies mit Fast Food: Der Literaturmarkt sei Fastfood wie bei Starbucks. Es ist nicht so schlimm, wie bei McDonalds, die Auswahl ist etwas gehoben. Wer zu Starbucks geht kann auf die, die zu McDonalds (oder ähnliche Ketten) gehen, hinterschauen. Aber trotzdem ist es Fastfood: Vorausgewählt, Massenprodukt ohne Individualität. „Middle-brow cultural products“, nicht nicht so schlimm wie anderes, aber trotzdem vorgekaut.

Diese kraftvolle Polemik wirft gewichtige Fragen auf. Sollen Bibliotheken sich überhaupt in dieses System begeben? Werden sie nicht, wenn sie zum Beispiel den Diskurs von Lesen als Amüsement folgen, zu Teilen des Verkaufssystems, anstatt Literatur zu fördern? Wenn Bibliotheken an Kampagnen wie „Eine Stadt liesst ein Buch“ teilnehmen, verraten sie dann nicht die Aufgabe, Literatur anzubieten, die irritiert, Menschen zum Mitdenken anregt und Widerspruch auslöst? Verhalten Sie sich dann nicht wie Starbucks, während sie doch pädagogisch wirken sollen? Wenn Bibliotheken sich rein nach dem Willen der Leserinnen und Leser richten, verraten sie dann nicht die potentielle kritische Funktion einen Einrichtung, die aus einer Position ausserhalb des eigentlich Literaturmarktes handeln sollte? Kann der Wille der Leserinnen und Leser wirklich der einzige Massstab sein? Darf die Literaturberatung sich auf Literaturlisten stützen, die gerade nicht auf die einzelnen Leserinnen und Leser abgestimmt sind? Und radikaler: Muss die Bibliothek nicht die Aufgabe wahrnehmen, die Leserinnen und Leser dazu zu bringen, sich „emporzulesen“ anstatt bei der immer gleichen Literatur zu bleiben? Ist es nicht gerade die Aufgabe der Bibliotheken, den individuellen Aufstieg zu fördern?

Diese Fragen sind zuerst erfrischend, denn ehrlich gesagt sind die Fragen nicht ganz unberechtigt. Die Haltung, dass Lesen per se, ohne Ansicht des Inhalts, gut wäre (und die durch Kampagnen wir „Eine Stadt liesst ein Buch“ befördert wird) ist irritierend unterkomplex. Die Vorstellung, dass die Nutzerinnen und Nutzer mit ihren Interessen in den Mittelpunkt der bibliothekarischen Arbeit gestellt werden müssen, ohne das nach der Herkunft und Berechtigung dieser Interessen und eventuell anderen Aufgaben der Bibliothek gefragt wird, ist auch relativ unterkomplex und sollte öfter zur Überprüfung vorgelegt werden.

Aber: Spätestens ab dem zweiten Kapitel dreht sich diese Befragung der Realität um in eine viel zu einfach Anklage: Die New Left hätte die Tradition der unabhängigen literarisch orientierten Bildungseinrichtung Public Library zerstört.

Puh. Die angekündigte Ausstellung links ist interessanter, aber auch so schaut Woody Allen nicht anders als der Autor dieser Rezension auf das Buch. (Ein wenig einfacher Vergleich, aber es ist ja auch noch früh am Montag Morgen, wenn das hier geschrieben wird.)

Erzählung von der Schuld der New Left

If the act of becoming advocates of popular culture had been in the 1900s a way for public libraries to assert their indepence of and distaste for the social and political values then prevalent in North America, by the late 1990s and early 2000s popular culture hab been co-opted by the same economic and structural forces that public libraries and others hab been rebelled against in the 1960s. [Dilevko / Magowan, 2007, p. 20]

In den 1960er und 1970er Jahre, so die Erzählung, die Dilevko und Magowan anschliessend entfalten, sei die New Left – ein Begriff, der im Buch nicht erklärt wird, obgleich aus dem Kontext geschlossen werden kann, dass praktisch alle kulturellen, politischen und gesellschaftlichen linken Bewegungen ausserhalb der ArbeiterInnenbewegung, hier als eine zusammenhängende Bewegung verstanden werden – in die Bibliotheken gedrungen und hätte unter dem Vorwand, Minoritäten eine Stimme zu geben, dafür gesorgt, dass die populäre Literatur einen viel zu grossen Platz eingenommen hätte.

Auffällig ist an der Darstellung bei Dilevko und Magowan, dass dieser vorgeblich durchgreifende Prozess weder erklärt noch politisch verortet wird. Die New Left war einfach da, war dann auch auf einmal in den Bibliotheken und setzte einfach ihre Vorstellung durch.

  1. Dilevko und Magowan reduzieren die New Left auf genau eine Forderung – populäre Literatur in die Bibliotheken –, die sie zwar im Laufe des Buches noch inhaltlich etwas ausbauen, aber gerade nicht auf die wichtige Frage zurückführen, woher denn diese angeblich eine Forderung gekommen ist. Nicht die Kritik, die in den 1960ers auch an den Bibliotheken und deren Bestands- und Nutzungspolitiken betrieben wurde, nicht die politischen Bewegungen, aus denen sich diese Kritik speisste, werden thematisiert. Vielmehr wird die Bibliothek und die Konzentration auf „gute Literatur“ als gut, die Forderungen der New Left als dagegen gerichtet dargestellt. Es lohnt sich auch gar nicht, die ganzen Kritikpunkte der damaligen Zeit auszugraben und mit ihnen zu argumentieren. Dilevko und Magowan sind daran uninteressiert. Sie haben ihr Idealbild einer Bibliothek. Absurd wird das an den Stellen, wo Dilevko und Magowan ausgerechnet Condoleezza Rice als Gegenbeispiel anführen. Rice hätte sich mithilfe der Public Library empor gelesen und sei nur deshalb so erfolgreich geworden, wie sie es als Aussenministerin war. Dieses Argument zeigt, wie weit Dilevko und Magowan ihr Denken von der gesellschaftlichen Realität entfernt haben. Mag die Public Library eine Rolle im Leben von Rice gespielt haben, es waren immer noch ihr Elternhaus, dass sie eine klassische Bildung geniessen liess, sowie gerade die Bewegungen, die Dilevko und Magowan als New Left beschreiben und deren politische Erfolg im Bezug auf die Bekämpfung von Rassismus und Sexismus, welche die Karriere von Rice ermöglichten, von denen Rice profitierte. Selbstverständlich: Ohne die Arbeit von Rice selber wäre die Karriere auch nicht zustande gekommen, aber Dilevko und Magowan ignorieren, wie notwendig und richtig ein Grossteil der Kritik der New Left an der US-amerikanischen Gesellschaft war, nur um ihr Argument aufrecht erhalten zu können, gerade die New Left sei schuld an der heutigen Situation der Bibliotheken. (Und hierin sind sie der Tea Party nicht unähnlich, die gesellschaftliche Erfolge der politischen Linken ignoriert und behauptet, dass zum Beispiel Rice Aussenministerin einer republikanischen Regierung werden konnte sei halt der natürlich Lauf der Dinge gewesen, nicht auch das Ergebniss von politischen Kämpfen.)
  2. Dilevko und Magowan schreiben der New Left eine erstaunliche Wirksamkeit zu. Ohne jede Herleitung sei sie praktisch im ganzen US-amerikanischen Bibliothekswesen aufgetaucht und hätte dieses binnen Kurzem grundlegend geändert. Ob es andere Gründe für die Veränderungen in Bibliotheken gegeben haben könnte, ob es nicht gerade langwierige Auseinandersetzungen (die ja noch lange nicht vollständig ausgetragen sind) waren, Ideale der New Left in Bibliotheken zu verankern, fragen Dilevko und Magowan nicht. In ihrem Geschichtsbild tauchen einfach immer wieder Bewegungen oder Einzelpersonen auf, die einfach (immer wieder) alles Gute im Bibliothekswesen zerstören, dass danach wieder aufgebaut werden muss. Ein solches Geschichtsbild lässt sich schwerlich ernstnehmen.
  3. Dilevko und Magowan zeigen nicht im Geringsten, wie die Einforderung von Literatur, welche die gesellschaftlichen Minderheiten – und dazu zählten auch Subkulturen – repräsentierte, in den Bestand der Bibliotheken der 1960er und 1970er zur heutigen Situation geführt haben soll. Es gibt im ganzen Buch keine Herleitung, sondern nur die Behauptung, dass die New Left in den 1960er Jahren populäre Literatur in die Public Libraries eingeführt hätte und das sich daraus die heutige Situation ergeben hätte. Dabei müsste auch Dilevko und Magowan auffallen, dass die Forderungen der New Left – selbst so verkürzt, wie sie in ihrem Buch präsentiert werden – sich nicht mit der heutigen Situation decken. Vielmehr könnte man eine besser nachvollziehbare Herleitung aus dem politischen Paradigmen der US-amerikanischen Rechten in den 1980er und 1990er Jahren (Stichwort: New Public Management) und der heutigen Situation (Beispiel: Die Überbetonung der Interessen der Nutzerinnen und Nutzer) ziehen, als gerade aus der doch in grossen Teilen der USA recht einflusslos gebliebenen New Left. Aber gerade hier zeigt sich, dass Dilevko und Magowan eine politische Agenda haben und nicht etwa eine Forschungsfrage. Sie behaupten einen Zusammenhang, den sie der politischen Linken als Verursacher zuschreiben können, anstatt die tatsächlichen Einflüsse – die ja viel komplexer sind – zu untersuchen.
  4. Dilevko und Magowan können die heutige Situation nur als schlecht begreifen. Wie gesagt ist ihre Polemik erfrischend, aber halt auch eine Polemik. Die Frage, ob es nicht auch positive Aspekte oder zumindest verständliche Aspekte an der heutigen Situation geben könnte, wird bei ihnen gar nicht erst gestellt. Vielmehr unterstellen sie den heutigen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren umstandslos, fasziniert von populärer Kultur (die sie an einer frühen Stelle ihres Buches als Abhängigkeit von Genreliteratur, insbesondere „Chick Flicks“, beschreiben), Ausleihzahlen und automatisierten Literaturlisten zu sein. Oder wieder anders: Sie beschreiben die Kolleginnen und Kollegen als dumm. Dies ist ein weiterer Punkt, der so sehr an die Tea Party erinnert: Die Gegnerinnen und Gegner werden dämonisiert, als denk- und arbeitsfaul hingestellt, während ihnen Einzelpersonen als Gegenbeispiele gegenübergestellt werden, denen genau die gegenteiligen Eigenschaften zugeschrieben werden. Auch das macht das Buch eher unannehmbar.

These: Literaturberatung ist pädagogische Führung

Dilevko und Magowan haben eine Ideal, welches hier schon mehrfach angeklungen ist. Public Libraries haben für sie die Aufgabe, den einzelnen Leserinnen und Lesern das Hinauflesen innerhalb eines Kanons von Literatur nicht nur zu ermöglichen, sondern sie auch dazu anzuleiten. Diese Literatur würde es den Individuen ermöglichen, gesellschaftlich erfolgreich zu werden, soziale Schranken zu überwinden und aufzusteigen. Dies sei im 19. Jahrhundert die Grundidee von Public Libraries gewesen, dies sei auch heute noch die Grundaufgabe. Ganz explizit wird der Bibliothek also einen pädagogische Aufgabe zugeschrieben und diese Aufgabe im Rahmen des Pursuit of Happiness verortet.

Die beiden AutorInnen sind fasziniert vom Bild der Bibliothekarin, welche die einzelnen Leserinnen und Leser sowie deren bisherige Lesekarriere kennt und ihnen deshalb direkt Medien empfehlen kann, welche immer mehr in Richtung „grosser Literatur“ gehen. Dieses Grundbild lassen sich Dilevko und Magowan nicht im Geringsten kritisieren. Unerfreulich banal, wie ihre Wahrnehmung der bibliothekarischen Geschichte, ist auch ihre Verständnis dieser Literaturberatung. Sie lassen den Gedanken, dass die Bibliotheken sich aus guten Gründen von dieser Form der bibliothekarischen Arbeit abgewandt haben könnten, nicht einmal ansatzweise zu.

Dabei, und das hätte die Aufgabe des besprochenen Buches sein können, wenn es die historische Studie wäre, als das es daherkommt, gab es wohl immer sinnvolle Kritik an diesem einfachen Bild des gesellschaftlichen Herauflesens. Keine Gesellschaft funktioniert so simpel, als dass das Lesen immer besserer Literatur allein zu gesellschaftlichem Aufstieg führen würde. Das ist eine absonderlich vereinfachte Vorstellung, die nur mit einem erstaunlichen platten Liberalismusverständnis erklärt werden kann (eben jenem, den auch die Tea Party zum Teil vertritt). Die Frage, was eigentlich die gute Literatur oder gar der Kanon sei, den Dilevko und Magowan anstreben, wird gar nicht gestellt. Dabei ist er in dem immer wieder aufgerufenen Bild impliziert. Den beiden AutorInnen geht es nicht darum, die Frage, was gute Literatur ist, individuell zu klären, sondern es gibt für sie einfach grosse Literatur (die antiken Autoren werden zum Beispiel immer wieder genannt). Sie argumentieren einfach, als hätte es niemals Kritik an diesen Vorstellungen von Kanonbildung, der Vorauswahl, der Sinnhaftigkeit dieses Kanons gegeben. Auch ist es für sie nicht zu diskutieren, dass die Bibliothekarinnen und Bibliothekare die Lesekarrieren der Leserinnen und Leser kennen und in gewisser Weise ausnutzen sollten. So etwas wie Datenschutz, das Ernstnehmen der Leserinnen und Leser als selbstbestimmte Individuen oder auch der Kritik, dass die Bibliothekarinnen und Bibliothekare diesem Anspruch gar nicht gerecht werden könnten, ignorieren Dilevko und Magowan ganz.

Dabei ist solche und andere Kritik wohl immer wieder vorgetragen worden, innerhalb des gesamten Untersuchungszeitraums 1870-2005. Dilevko und Magowan müssten diese Kritik kennen, da sie ja über diese schreiben. Selbstverständlich könnten sie diese als falsch ansehen, aber alles was die beiden AutorInnen leisten, ist solche Kritik, wenn sie überhaupt erwähnt wird, in ein einfaches Denkmuster einzureihen, bei dem es genau zwei Extreme gibt: Entweder die Position, welche Literaturberatung nach dem Bild von Dilevko und Magowan unterstützt oder aber die Position dagegen, die zwar mit unterschiedlichen Argumenten daherkommt, aber eigentlich nur die Bibliothek zerstören will.

Das ist wieder so einfach gedacht, dass sich ein Argumentieren nicht einmal lohnt. Die AutorInnen haben eine tautologische Geschichte entworfen, bei der einfach alles in die beiden Extreme eingeordnet wird. Gesellschaftliche Entwicklung und Erfahrung wird genauso ignoriert wie die Medienentwicklung. Es ist ein einfaches Bild und wieder liegt die Tea Party mit ihren tautologischen Argumentationen als Vergleichsobjekt nahe.

Selbstverständlich liesse sich fragen, ob Bibliotheken nicht bestimmte Literatur vermitteln sollten, ob sie nicht zumindest teilweise von der Idee, Lesen sei Unterhaltung, fortkommen und schwierige Bücher anpreisen sollten. Es ist gar nicht zu bestreiten, dass es einer oder einem erschrecken kann, wie sehr Medien auch in Bibliotheken mit solchen Attributen wie „spannend“ oder „interessant“ beschrieben werden und gerade nicht „ergreifend“, „anregend“, „schwierig und herausfordernd“. Das praktische keine Lyrik mehr gelesen wird, kann sehr wohl als Teil der falschen Einrichtung der Welt verstanden werden. Aber das ist nicht unbedingt Schuld eines zerfallenden Kanons (Der, um hier Position zu beziehen, auch zu Recht zerfallen ist. Pop, Pulp und Postmoderne haben Recht, diesem Grundbild eines feststehenden Kanons zu widersprechen.) oder gar böser Kräfte, welche die gute Bibliothek zerstören. Es ist Teil eines komplexen Zusammenhangs, den man, wenn man will, untersuchen und kritisieren könnte. Aber das tun Dilevko unnd Magowan nicht. Sie haben einfach ein sehr einfaches Bild, dass sie beständig wiederholen.

Den Abschluss des Buches bietet dann auch die Beschreibung zweier Untersuchungen von Literaturempfehlungslisten, die in US-amerikanischen und offenbar auch kanadischen Bibliotheken genutzt werden, um Nutzerinnen und Nutzer zu beraten. Studierende aus Toronto untersuchten, ob die Empfehlungen, die sie mit ihren Anfragen erhalten, tatsächlich treffend sind. Das berichtete Ergebnis war, dass dem nicht Fall war. So richtig falsch waren die Empfehlungen nicht, aber sie befriedigten auch nicht wirklich und zeigten offenbar auch keinen Weg zum Herauflesen. Dilevko und Magowan triumphieren und finden, dass also die Bibliotheken alles falsch machen und deshalb zurückkehren müssen zur individuellen Literaturberatung. Das ist so falsch argumentiert, wie es durchsichtig ist. Selbstverständlich sind die Studierenden in Toronto eine besondere Nutzerinnen- und Nutzergruppe, die sich ja gerade für Bibliotheken und Literatur interessieren, also nicht repräsentativ. Auch ist überhaupt nicht geklärt, ob das Interesse, welches Dilevko und Magowan unterstellen, nämlich sich heraufzulesen, wirklich vorhanden ist oder von Bibliotheken unterstützt werden sollte. Hinzu kommt, dass nicht klar ist, ob die Nutzerinnen und Nutzer nicht, wenn sie genau dieses Interesse bei ihren Anfragen an die Bibliotheken formulieren würden, gerade eine gesonderte Beratung erhalten würden. Und zuletzt, da die beiden AutorInnen ja jede historische Kritik ignorieren, ist nicht einmal geklärt, ob einen individuelle Literaturberatung wirklich bessere Ergebnisse zeitigen würde. Dilevko und Magowan verzichten einfach darauf, dies zu klären. Es ist für sie einfach der Goldstandard, der nicht hergeleitet werden müsste.

Geschichte gilt nur, wenn sie mein Argument unterstützt (auch wenn sie es gar nicht tut)

So unerfreulich wie das ganze Buch ist auch der Umgang der AutorInnen mit historischen Quellen. Sicherlich muss bei solchen Darstellungen immer eine Auswahl getroffen werden, nicht so sehr der verwendeten Quellen (hier kann man eher erwarten, dass alle errreichbaren auch genutzt werden), aber derjenigen, die ausführlicher präsentiert werden. Was aber Dilevko und Magowan tun, ist im Grossen und Ganzen das anzuführen, was ihre Argumentation unterstützt. Einzelne Kolleginnen und Kollegen, die dereinst ähnliche Positionen wie Dilevko unnd Magowan eingenommen haben, auch einzelne Bibliotheken, werden ausführlich angeführt, aber es findet keine Einordnung in damalige Entwicklung statt. Man weiss am Ende nicht einmal, ob die angeführten Positionen und deren Umsetzungen in Bibliotheken Sonderfälle, Teil einer grösseren Dikussion oder diskussionsbestimmend waren. Auch gibt es so gut wie keinen Hinweise darauf, wieso bestimmte Positionen bezogen wurden. Das ganze Buch ist einfach ein politisches Manifest, welches auch die Bibliotheksgeschichte nur als Zitatenschatz für die vertretende Position verwendet.

Interessant ist, dass sogar die dargestellte Geschichte bei aller Vorauswahl die Argumentation von Dilevko und Magowan nicht so richtig unterstützt. Grob zusammengefasst gab es der Darstellung folgend eine Gründungsphase von Public Libraries, welche Dilevko und Magowan als Ideal ansehen: Pädagogische Aufgaben hätten die Arbeit geprägt, die grundliberale (aber eben auch gesellschaftsferne) Vorstellung, die Welt wäre alleine dadurch besser, wenn nur alle die Klassiker lesen würden, sei bestimmend gewesen. Danach ging es bergab, weil die Bibliotheken immer mehr als mechanisch zu verstehende Buchverwaltungseinrichtungen verstanden wurden. Anschliessend kam der erste Weltkrieg, welcher durch die Einbindung von Bibliotheken in die Kriegsvorbereitung und -durchführung dazu geführt hätte, dass das angestrebte Ideal in den Campbibliotheken wieder aufgelebt und anschliessend in der Bibliothekswelt wieder verbreitet worden sei. Der Bildungszuwachs der Soldaten – den es ja tatsächlich gab – wird von Dilevko und Magowan einfach den Bibliotheken alleine zugeschlagen. In den Camps hätten die Bibliotheken wieder zu der Aufgabe gefunden, den Menschen genau die Literatur zu geben, welche diese zum Aufstieg durch Literatur bräuchten. Anschliessend aber sei dieser Ansatz wieder verfallen, bis der zweite Weltkrieg kam (beide AutorInnen betonen, dass die Kriege sehr wohl Katastrophen waren, aber für die Bibliotheken positives gebracht hätten). Hier seien die Bibliotheken wieder gefordert gewesen und hätten sich wieder dem Ideal genähert. Diesmal sei der Einfluss des Krieges länger gewesen, aber durch die New Left sei das dann alles zerstört worden und spätestens nach den 1980ern sei das Ideal praktisch tot. Jetzt sei es Zeit, es wieder zu beleben.

Folgt man dieser Argumentation ist eines auffällig: Das von Dilevko und Magowan gelobte Ideal scheint schon weit vor der New Left immer wieder verloren gegangen zu sein. Erst eine Intervention von aussen (zweimal vom Militär) hätte es wieder hervorgebracht, aber offenbar gibt es immer wieder Kräfte, die der Umsetzung des Ideals entgegenstehen. Sicherlich: Historisch sind das unterschiedliche Kräfte (es wird zum Beispiel auf Dewey verwiesen). Aber in der Argumentation von Dilevko und Magowan, bei denen die New Left ja auch direkt für den heutigen Zustand der Literaturberatung schuldig zu machen ist, müsste man – wenn es den wirklich einfach nur eine Auseinandersetzung von zwei Positionen wäre – die Traditionslinie weiter ziehen, bis zur ersten Kritik am Emporlesen. Oder aber man müsste fragen, ob es nicht doch andere Gründe dafür gibt, dass das Ideal von Dilevko und Magowan sich immer wieder nicht durchsetzt – vielleicht sogar, weil es falsch ist. Doch, wie schon dargelegt, im Rahmen dieses Buches ist eine solche Argumentation nicht angelegt.

Individuelle Literaturberatung

Dem im Buch vertrenden Ideal entsprechen hier eine individuelle Literaturberatung: Wer quasi live sehen will, wie die Banalität und Unterkomplexität der politischen Debatten, wie sie in den USA (und offenbar auch Kanada) wirkt, wenn sie auf Bibliotheksgeschichte übertragen wird, sollte sich dieses etwas obskure Werk besorgen. Es zeigt sehr schön, wie man aus einer tautologischen Argumentation und dem Ignorieren von gesellschaftlichen Entwicklungen unerfreuliche Manifeste verfertigen kann, für die Geschichte nur noch Zitatenschatz ist. Während des Lesens kann man sich nicht dem Gedanken entziehen, dass beim Schreiben dieses Werkes irgendwann das Nachdenken und Reflektieren eingestellt wurde. Das tut vor allem weh, da Dilevko und Magowan immer wieder betonen, wie wichtig es für die Entwicklung von Individuen wäre, sich Texten auszusetzen, die fordern und zur intellektuellen Auseinandersetzung anhalten. Aber offenbar gilt das nur für die anderen. Die Tea Party als ideologischer Hintergrund ist einfach ständig präsent, auch wenn der Begriff erst nach dem Erscheinen des Buches geprägt wurde.

Ansonsten sollte man das Buch ignorieren. Es trägt gerade zum Wissen über die Entwicklung zur Literaturberatung in Public Libraries praktisch nichts bei.

Mich persönlich hate es ehrlich gesagt wütender gemacht, je länger ich in ihm gelesen habe. Nicht, weil es eine politische Meinung vertritt, die ich nicht im Geringsten tragen kann, sondern weil es diese Meinung tautologisch abschliesst, gerade nicht zur Diskussion stellt, sondern viel schlimmer noch, als historische Studie maskiert. Am Anfang des Buches schien es sich noch methodische Schwächen zu handeln, aber je länger je mehr drängte sich mir der Eindruck auf, dass es einfach verlogen ist. Diese Verwendung der Geschichte ist moralisch korrupt. So einfach ist es leider am Ende. Deswegen kann man auch gar nicht über das Thema argumentieren.

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Eine Antwort

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  1. felicitasisler said, on 15. Oktober 2012 at 14:00

    “Sich hinauflesen”? Ein neues Verb ist aufgegangen an meinem Wortschatzhimmel…Ich dachte eigentlich bis jetzt, es heisse “sich hinaufarbeiten” – nicht nur bei den Linken.


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