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Hart aufgeschlagen. Die Sonderbriefmarke “100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek”.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 3. Oktober 2012

Für die Freunde gehobener Briefmarkengestaltungskunst ist der Jahresausklang  nach einem eher durchwachsenen Jahr 2012 durchaus versöhnlich. Peter und Regina Steiner legten zum 13.09. eine fantastische Marke der Serie „Für die Kinder“ vor. Anna Berkenbuschs Entwurf für die Thüringer Landschaftsmarken „Drei Gleichen“, die am 11.10. an die Schalter kommt, überzeugt in ihrem Minimalismus. Für die Briefmarke zum Jubiläum „100 Jahre Domowina“ entwarf die Buchillustratorin Kitty Kahane eine zauberhafte Vogelhochzeit. Die Ausgabe zum ersten amtlichen Postflug (Entwurf Annegret Ehmke) bekommt (bis auf den etwas faden Bogenrand) den Gegenstand unaufgeregt so zu fassen, wie es dem Anlass angemessen ist. Und gleiches gilt für die ebenfalls sehr schlicht gehaltene Ausgabe „50 Jahre Vatikanisches Konzil“. Selbst die denkbar simple Jahreszeitenmarke „Herbstferien in Deutschland“ nimmt man gern zur Hand, befeuchtet gut gelaunt die Gummierung und klebt sie fröhlich auf den Brief an einen wichtigen Menschen. Und schließlich entspricht  die von Annegret Ehmke gestaltete 85 Cent (=Büchersendung, ab 01.01.2013 leider nicht mehr)-Briefmarke „200 Jahre Deutsche Bibelgesellschaft“ erwartungsgemäß wenig revolutionär aber dafür präzise genau dem Beuteschema, das alle Bibliophilatelisten umtreibt.

Die Auswahl des Motivs für die langerwartete Ausgabe „100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek“ ist dagegen leider besonders aus bibliophilatelistischer Sicht eher eine wirklich und fahrlässig dahingeschenkte Gelegenheit. Unverbindlicher als mit einem aufgeschlagen Buch (in rotem Leineneinband) und einem unmotiviert eingelegtem gelben Lesebändchen hätte man dem Anlass kaum begegnen können.

100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek - Sondermarken mit Ersttagsstempel

Mit Vollstempel wird es abstrakt. Und vielleicht dadurch etwas ansehnlicher. Ansonsten ist die Briefmarkenausgabe zum Jubiläum bedauerlicherweise eine verschenkte Hunderprozentige. Schade. (Die 10 Euro-Gedenkmünze zum Ereignis ist dagegen vergleichsweise ein Stempelglanzpunkt.)

Sicher rühren bei solchen herausragenden Anlässen immer viele Köche im gestalterischen Brei herum, aber so sehr man sich auch müht: das verdächtig an ein Stockphoto erinnernde Ergebnis des Kommunikationsdesigners Wilfried Korfmacher ist in seiner stereotypen Schlichtheit eines, das man sich eher trotz als aufgrund des Designs ins Album steckt.

Mehr noch: Nicht einmal das Klischee wird konsequent ausgespielt. Selbst wenn man gewohnt ist, auch mit halbgaren Resultaten eher nachsichtig umzugeben: Angesichts der eminenten Bedeutung von Jubilar und Jubiläum und des Potentials im Topos „Nationalbibliothek“ handelt es sich um eine blanke Enttäuschung. Weder Rückschau noch Hinwendung zur Integration digitaler Entwicklungslinien kommen in irgendeiner Form zur Geltung. Die geschichtliche Dimension im Kontext der deutschen Teilung, die Bibliothek als zentrales Erkenntnisnarrativ gerade im 20. Jahrhundert, ihre Aufgabe als Speicher (bzw. kulturelles Gedächtnis) all dessen, was seit 100 Jahren in Deutschland (und im deutschsprachigen Raum) in allen dazwischen liegenden historischen Fassungen erschien oder wenigstens die Bibliothek selbst als vielschichtige Metapher hätten zahllose Ansatzpunkte ergeben.

Diese Umsetzung wirkt dagegen derart unmotiviert und lieblos wie der Beschreibungstext der Postphilatelie zur Ausgabe:

„Die Deutsche Nationalbibliothek bietet neben der Nutzung ihrer Sammlungen in Leipzig und Frankfurt am Main Dienstleistungen für Bibliotheken, Buchhandel, wissenschaftliche Einrichtungen und individuelle Benutzer an.“

Das ist nicht falsch, jedoch in etwa so angemessen, wie der Hinweis, dass man mit einem Lamborghini Aventador auch rückwärts einparken kann.

Und auch die parallel erschienene Sammelmappe „Bibliotheken“ wirkt eher wie hastig nebenbei konzipiert. Die Anschaffung als Basis für eine bibliophilatelistische Sammlung lohnt dennoch dann, wenn man die Ausgaben nicht einzeln beim Briefmarkenhändler zusammensuchen will. Wobei man auf diesem Weg wieder deutlich unter dem Preis der Mappe bleiben dürfte.

Immerhin die traumhafte Ausgabe „500 Jahre Weltkarte von Martin Waldseemüller“ liegt der Kollektion genauso bei wie  die berühmte Marke „Universitätsbibliothek Saarbrücken“ aus dem Mai 1953. Letztere zeigt übrigens, dass mitunter auch eine simple, gut gestochene Gebäudeansicht als Würdigung einer Bibliothek überzeugen kann.

Nun hat die Deutsche Nationalbibliothek das Problem mehrerer Standorte. Die beiden Ersttagsstempel bilden das ab und zeigen, was in Richtung einer Architekturabbildung auch für die Marke denkbar gewesen wäre. Vermutlich sind aber die Hürden für eine Doppelausgabe, wie es bei den Jugendmarken 2011 (Astronomie) hervorragend umgesetzt wurde, ein wenig zu hoch für ein schlichtes Nationalbibliotheksjubiläum. Und überdurchschnittlich mitreißend, das muss man auch zugeben, war eigentlich kaum eine bibliophilatelistische Emission in der eutschen Ausgabegeschichte.

Gerade deshalb hätte man zum aktuellen Ereignis mal etwas wagen können und vielleicht auch müssen. Stattdessen unterbot man sich noch ein bisschen weiter und repräsentiert den Kulturspeicher der Nation durch einen aufgeblätterten Oeckl mit Lesezeichen. Man mag nur hoffen, dass das nicht richtungweisend für das nationale Bibliothekswesen ist.

Zu befürchten bleibt aber genau das, jedenfalls wenn man Andreas Platthaus’ Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von den Feierlichkeiten liest:

„Wäre nicht Alexander Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels noch als Gratulant aufgetreten, hätte der Abend eine Unverbindlichkeit gehabt, wie sie im Buche [sic!] steht. So aber wurde zumindest noch ein vehementes Plädoyer fürs Urheberrecht gehalten […]”

Gerade diese Institution hätte für ihr Jubiläum doch etwas mehr an Schöpfungshöhe verdient.

Ben Kaden / 03.10.2012

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3 Antworten

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  1. Bibliothekswelt said, on 4. Oktober 2012 at 09:46

    Warum steht denn da Bonn und Berlin drüber und nicht Leipzig und Frankfurt/Main?

    • Ben said, on 4. Oktober 2012 at 11:59

      Weil die Nationalbibliothek eigentlich Sache der Hauptstädte sein sollte…

      Scherz beiseite: Der Hauptsitz der Deutschen Post AG ist nach wie vor in Bonn. Berlin ist aber natürlich unumgänglicher Bezugspunkt der Bundesrepublik. Aus diesem Grund gibt es die motivspezifischen Ersttagsstempel (Sonderstempel, die das Erscheinen der jeweiligen Ausgabe zusätzlich würdigen und den Ausgabetag dokumentieren) jeweils in beiden Städten. Das gilt für jede Briefmarke. Der Vorteil für die Deutsche Post: Auf Vollständigkeit orientierte Sammler holen sich mindestens zwei Exemplare. Nachteil für den Postkunden: In der Schlange vor dem Stempelplatz am Ausgabeschalter wartet man am Ausgabetag doppelt so lange.

  2. Ben said, on 19. März 2013 at 15:09

    Wie neulich bereits auf Twitter vermerkt, konnte die Sonderbriefmarke auch nicht die Herzen der philatelistisch Sensiblen gewinnen, die sich an der Umfrage des Fachblatts Briefmarkenspiegel zur schönsten deutschen Briefmarke 2012 beteiligten. Gewonnen hat der für Alltagsfrankierungen in einem völlig untauglichen Format herausgegebene Block “500 Jahre Sixtinische Madonna”. Danach kam eine Weile nichts, dann folgen fast alle anderen Neuausgaben des Jahres, bevor die Würdigung der Nationalbibliothek sich den vorletzten Platz mit ein paar anderen Verschmähten teilt. Leider, wie ich finde und oben bereits ausführlich begründete, mit Recht.


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