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It’s the frei<tag> 2012 Countdown (5): Die Stadt als Text, die Straßenbahn als Bibliothek

Ben Kaden

Die Reihe Neue Dichtung aus Österreich des Wiener Bergland Verlags schenkte der Literaturwelt, vermutlich ohne dass die Lektoren es so ahnten, 1956 zwei Ouvertüren zu maßgeblichen Werkgeschichten der deutschen Literatur, eher im Stillen aufgeführt, was den antiquarischen Wert der Erstausgaben heute erheblich macht: Friederike Mayröcker debütierte in der Serie mit dem Bändchen Larifari. Ein konfuses Buch (Band 18) und von Ernst Jandl folgte als Band 21 der Reihe der Erstling Andere Augen.

In letzterem wird „menschliches Leben […] aus skeptischer Distanz reflektiert und vorzugsweise im Kleinen und Alltäglichen dingfest gemacht“, meinte Monika Schmitz-Emans in ihrem Artikel zu Ernst Jandl für Hartmut Steineckes Übersicht (Berlin: Erich Schmidt, 1994, S. 677). So richtig widersprechen kann man ihr nicht.

Auch ihre Einschätzung, die Themen „Hunger, Kälte, Armut, Krankheit, das Ich – und sein Schreiben“ klängen hier an (ebd.), lässt sich nur in zwei Aspekten relativieren. Einerseits klingen sie nämlich nicht an, sondern stehen in aller Klarheit da (so im Gedicht „Sich zu erinnern“ über die Traumata der Internierungslager „Jung und zurückgekehrt / in seine Heimat / auf ein Holzquadrat / für sieben Köpfe, / begann er bei Nacht / im Schlaf zwischen Hunger und Kälte / sich zu erinnern / an die Fruchtbarkeit der Ferne“.) Und andererseits unterschlägt sie ein Thema, das zeitlebens in Ernst Jandls Werk mitschwingen wird und sich auch in Andere Augen findet: Die Erotik u. a. des Alltags und im Alltag sowie ihre Brüchigkeit und Vergänglichkeit.

Besonders schön fast Ernst Jandl dieses Element in seinem ersten  Band in dem Gedicht „Züge der Zeit“ zusammen, das eine Grunderfahrung aufmerksamer junger Männer auch in den Trambahnen des 21. Jahrhunderts in scheinbar ewiger Aktualität abbildet. Da hier die Konstellation Buch, Lektüre und Bibliothek ihr ganzes Attraktionspotential ausspielt, ist es ein idealer Sonntagstext für den Endspurt vor Unkonferenz und Summer School:

Züge der Zeit

Wenn Männer in die Straßenbahn steigen,
schauen sie, wer darin ist.
Eine Straßenbahn ist ein halbes Kaffeehaus:
wenn einer Glück hat, kann er
bei einer angenehmen fremden  Frau
einige Zeit sitzen.

Auch ist die Straßenbahn ähnlich einer
Bibliothek, in der Leute sitzen und lesen;
hier allerdings in Büchern aus den
eigenen Taschen und in Zeitungen.
Die Straßenbahnschaffner sind keine
Bibliothekare.

Doch auch die der Lektüre Ergebenen
messen die Nachbarn.
So kann es geschehen, daß einer,
aufblickend vom Buch,
den Wuchs eines Mädchens umarmte
mit seinen Augen, sie aber wieder zurück
führte in das leichter erreichbare
Zwiegespräch mit dem willig geöffneten Buch.

Daß ihm darauf hinter den Augen ein Bild saß,
das ihm die Sätze des Buches dreimal verknotete,
bis er den Blick aus den Zeilen herauszog,
läßt sich begreifen.

Dann aber sah er am gleichen Platze wie vordem
eine Frau, die ihre Runzeln
schon mit Ergebeneheit trug und ihr farbloses Kleid
wie den härenen Kittel des, der sich aufgibt.
Und er erkannte die gleichen Züge wie vordem.
Und er ahnte die schlimmen Züge der Zeit.

(Text folgt dem Band 1 von Klaus Siblewski (Hrsg.) ernst jandl poetische werke in 10 bänden. München: Luchterhand, 1997. S. 68)

„Die Stadt als literarische Gattung läßt sich mit dem Roman vergleichen.“, notierte Michel Butor in seiner Betrachtung über die „Stadt als Text“ (Graz: Literaturverlag Droschl, 1992, S. 16) Dieter Mersch schränkte diese Zuordnung ein Stück weit ein: „Von der Stadt als einem stabilen Text sprechen, bedeutet, wie Italo Calvino es in seinem Roman [sic!] Die unsichtbaren Städte formuliert hat, sie mit der Rede zu verwechseln, die sie beschreibt.“ (Dieter Mersch: Erotik der Stadt. In: Helmut Bott (Hrsg.) Stadt und Kommunikation im digitalen Zeitalter. Frankfurt/Main: Campus, 2000. S. 189-209, S.191) Wenn Stadt als Roman dann vielleicht also eher als ein Nouveau Roman, als ständig herum moirierendes Ensemble Sarraute’scher Tropismen?

Trambahn und Roman

Die Trambahn ein Roman? Oder eine Bibliothek? Oder ein Gedicht? In jedem Fall ist sie ein Medium, d.h. ein Übermittler. Und da das, was sie übermittelt, sinnliche sowie beständig auf Sinn orientierte Wesen sind (=Menschen) nimmt dieses Meta-Medium unzählige Submedien, Texte und Lesarten in sich auf, schafft Ereignisse, Begegnungen, Sehnsüchte und Bedeutungen. Sogar auf Leerfahrten. Allerdings ist nicht bekannt, ob den Straßenbahnlenkern und -schaffnern diese mediale Rolle auch bewusst ist. Denn: „Die Straßenbahnschaffner sind keine Bibliothekare.“

Ernst Jandl zeigt in “Züge der Zeit”, dass es vielleicht sogar naheliegender ist, die Stadt als Ansammlung potentiell poetischer Begegnungen zu interpretieren. Dass sie also eher mit Bildern aufwartet, die man mit etwas Aufwand eventuell zu romanhaften Handlungslinien nach-arrangieren und ausdeuten kann, deren Klammer aber immer eine interpretative und individuelle bleiben muss. Jedenfalls wenn man mitten darin steckt und sich in der Trambahn mit der einen Hand am klebrigen Haltegriff festhält und mit der anderen versucht, eine Zeitung so zu halten, dass man wenigstens den Leitartikel halbwegs erfasst. Die Gedanken freilich sind nicht unbedingt auf diesen allein fixiert, sondern folgen in dieser an Ablenkungen reichen Umgebung jedem Stoß des Wagens und manchmal auch leicht verschämt ein paar unverschämt schlanken Waden, die unweit in der Ballung der Fahrgäste zum Stehen kommen.

Wer jedenfalls aufmerksamen Auges die Fahrt der M1 in Berlin absolviert, fährt mit einiger Wahrscheinlichkeit in einer Art Jandl’schen Straßenbahnzug der Zeit: vom bunten Text des quasi-zeitlosen touristischen Ballungspunkts am Hackeschen Markt mit seinen immer neuen desorientierten internationalen Wochenendtouristen hinauf über den furchtbar jugendlichen Rosenthaler Platz durch die Kastanienallee in den Prenzlauer Berg mit seinen überabgeklärten (Post-)Hipstern und (Post-)Hipsterinnen, alle mit fast identisch abweisend anziehender Mimik und ähnlichem gertenschlanken Wuchs, dabei den Beckett oder Danielewski aus der Tote Bag blitzend, aber am Ende doch im Messaging des Smartphones die Distanz zur Restwelt haltend, bis hinein ins runzligere Weißensee, wo die sitzen bleiben, die das Leben nicht mehr studieren, abschreiben, mitteilen und erobern, sondern die selbst sichtbar Schreibfläche ihrer Jahre wurden und nun demütig oder mit einem abstoßend vorwurfsvoll bitteren Zug der vergehenden Zeit um die Mundwinkel in die Einsamkeit der kleinen Stuben der verpassten Chancen ihres Lebens heimkehren. (Selbstverständlich konfrontiert die Realität dieses Musterbild aus Stereotypen herzlich gern mit Ausnahmen, aber wie es oben steht, ist die Stadt als Text immer eine unbedingt subjektive Lektüre, die genau das herauszulesen versucht, was dem Leser jeweils in den Tag passt.)

Ein Kaffeehaus ist die Tram in Berlin freilich nicht. Eher ein ewiger Spätkauf und nicht selten wird mehr Flaschenbier auf den Schößen gehalten, als Bücher, Zeitschriften oder iPads. Dennoch gehören auch hier nach wie vor Druckwerke aller Art zur Profanität urbanen Unterwegsseins. Das regelmäßige passive Queren längst vertrauter Straßenzügen gesäumt von zeitstabilen Fixpunkten (Haltestellen, Häuserzeilen, Kreuzungsanlagen) motiviert geradezu zum Auffüllen der Museminuten mit Beschreibungen anderen Welten. Selbst wenn man dazu neigt, die Stadt so zu durchqueren wie die Figur des schüchternen Erwin in Nabokovs „A Nursery Tale“, das dem Impuls von Ernst Jandls Gedicht gar nicht so fern zu liegen scheint („Twice daily, from the tram he took tot he office and back, Erwin looked out of the window and collected his harem.“ – dank einer buchstäblich teuflischen Frau Monde schließt sich sogar der Kreis des Scheiterns, Vergehens und auch Vergeblichen nicht vollends unähnlich, aber mit doch deutlich größerer Fallhöhe), bietet sich ein Druckwerk als im Zweifel schützende Aufmerksamkeitsmaske an. Selbst wenn die Sätze „dreimal verknotet“ und der Inhalt unbegriffen bleiben. So sitzt man dann seine Tage und Wege in den Waggons herunter und liest und liest, wenn es sich ergibt, dabei keine Zeile, sondern vor allem die Züge der Zeit. In dieser Art von ubiquitärer Bibliothek sticht das sich plötzlich offenbarende Bild jedenfalls immer noch mit Leichtigkeit jeden erklärenden Satz.

Berlin, 12.08.2012

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Eine Antwort

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  1. W. Umstaetter said, on 16. August 2012 at 14:11

    Apropos „Medium, d.h. ein Übermittler“ genau genommen meinen wir, wenn wir in der Informationswissenschaft von Medien sprechen, Informationsmedien, im Gegensatz zu all den anderen Medien, wie Wasser, Gas, transzendentale Subjekte etc. Diese Informationsmedien bestehen grundsätzlich aus zwei Teilen. 1. der Information, 2. dem Informationsträger. „Verfahren, bei denen Informationen von einem Informationsträger auf einen neuen übertragen werden. Diese Methode bezeichnen wir als Konversion.“ (Lehrbuch des Bibliotheksmanagements S. 106) Im Gegensatz zur Migration, bei der wir „die periodische Übertragung digital gespeicherterer Inhalte von einer Hardware/Software-Konfiguration auf eine andere“ verstehen (S. 110). Insofern sind Informationsmedien zeitlich befristete Einheiten von Information und Informationsträger.

    Die Bibliothek, „in der Leute sitzen und lesen“ ist in Schulen, zahllosen Wartezimmern etc. ein sich oft wiederholendes Bild. Leider ist es aber eines, dass der Entwicklung der Digitalen Bibliothek in den letzten Jahrzehnten eher geschadet als geholfen hat. Kernstück der Digitalen Bibliothek ist die Informationskompetenz, in der wir nicht mehr nur das Lesen, was wir mehr oder minder zufällig gerade dabei, oder vor Augen haben, sondern das, was wie gerade jetzt an geistiger Nahrung brauchen. Die „Bibliothek“ als Ort zum Zeit totschlagen wurde in der Literatur berechtigterweise schon oft kritisiert. Man denke nur an die bekannte Lesewut.

    Walther Umstätter


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