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It’s the frei<tag> 2012 Countdown (11): Megatrends, Megatrends

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, Uncategorized by Karsten Schuldt on 5. August 2012

Karsten Schuldt

Zwei Thesen vorneweg:

  1. Thesen eignen sich, wenn sie als solche angenommen werden, besser als Diskussionsstarter als irgendwelche anderen Anfänge.
  2. Das Bibliothekswesen verpasst regelmässig die Megatrends der gesellschaftlichen Veränderung, lernt daraus aber auch wenig, weil dieses Verpassen kaum historisiert diskutiert wird.

Megatrends sind die Veränderung, welche sich langfristig als grundlegende Änderungen durchsetzen. Abzugrenzen davon sind kurzfristige Trends. Es gibt nun als eine der wenigen gesicherten Erkenntnisse der Zukunftsforschung die Einsicht, dass der gesellschaftliche Diskurs prinzipiell der kurzfristigen (und damit wenig nachhaltigen) Trends massiv überschätzt, die Megatrends aber tendenziell übersieht. Es gibt Versuche, dieses Missverhältnis auszugleichen. (Ob die funktionieren ist eine andere Frage. Zu erinnern ist nur an die Bildungsdelphi Anfang Anfang / Mitte der 1990er, bei denen dem Internet quasi keine Bedeutung für die Entwicklung des deutschen Bildungswesens bis 2020 zugestanden wurde.) Man kann daraus auch lernen – wenn man es nicht eh schon macht – die ganzen Titelgeschichten über neue Trends – egal ob Technik oder die neuen Partygewohnheiten der Jugend – zu ignorieren oder zumindest nicht für so voll zu nehmen, wie sie dargestellt werden.

Aber: Die oben genannte These (2) geht weiter. Sie behauptet, dass das Bibliothekswesen sich, wenn überhaupt, nur sehr ausgewählt und spät mit Megatrends der Gesellschaft befasst. So haben wir gerade die Situation, dass seit einigen Jahren immer mehr Bibliotheken sich Gedanken um die „jungen Alten“ machen. Was an sich gut ist, aber wenig angesichts der tatsächlichen demographischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Vor allem ist „jetzt“ es sehr spät. (Sicher: Besser spät als nie.) Seit den 1970er Jahren war ersichtlich, dass es zu einem solchen Wandel kommen wird. Oder: Jetzt gibt es Überlegungen dazu, wie die mobile Internetnutzung via Smartphones und Tablets Bibliotheken verändern wird – was richtig ist. Aber auch spät. Wer aufgepasst hat, wusste 2000, dass das kommen wird. Das Bibliothekswesen hätte sich schon früher vorbereiten können, es hätte nicht nur Konzepte entwickeln, sondern schon längst Personal haben können, welches sich auf die kommenden Aufgaben eingestellt hätte.

„Hätte“ ist natürlich im Nachhinein immer schön zu sagen. Aber These 3:

  1. Das Bibliothekswesen kann sich auf Megatrends besser vorbereiten, wenn es aus verpassten Megatrends lernt und gleichzeitig sich über die gesellschaftlichen Veränderungen selbstständig und ergebnissoffen (also vor allem nicht an der Frage orientiert, wie die Bibliothek, wie sie jetzt ist, durch die Megatrends hindurch erhalten bleiben kann) informiert.

Mehr habe ich zu dem Thema nicht zu sagen, erstmal. Vielleicht noch: Es geht nicht nur dem Bibliothekswesen so, sondern auch weiteren Teilsystemen der Gesellschaft. Das zur Beruhigung.

Hey hey offene Gesellschaft, was geht? Was hier abgeht ist die offene Gesellschaft, die sich durchsetzt, auch gegen den Diskurs. Mitten in Zürich, auf dem Caliente!, nach eigenen Angaben das grösste Fest lateinamerikanischer Musik im deutschsprachigen Raum (für Umme, und die Caipirinhas für nur 10 Franken wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist), ein Auftritt einer Latinoband, bestehend nur aus Schweizern, auf einer Bühne (wie gesagt: mitten in Zürich, wenn auch im hippen Aussersihl, nicht irgendwo) wo gar nicht erst versucht wird, etwas anderes zu sprechen, als Spanisch. Warum auch, wenn alle auch damit klar kommen. Komisch, Schweizer, die auf spanisch Akons (Senegalese mit Lebensmittelpunkt USA, btw) “Don’t matter” (“Nobody wants to see us togehther”) covern und dann ihre Lations grüssen? Wo doch gefordert wird, dass wenn, dann in Zürich bitte Französisch als Fremdsprache neben dem Deutschen verwendet wird? Nope. Offene Gesellschaft in Aktion. Reagieren Bibliotheken darauf? Kriegen sie es überhaupt mit?
(Und das ist ja nur ein Beispiel, dass gerade so über den Weg lief. Auch kein perfektes, den halb zehn war dann Schluss, die Musik aus. Weil offen ja, aber so offen urban wie in, sagen wir mal, Berlin oder Hamburg, so offen ist die Schweiz dann auch wieder nicht.)

Zum Abschluss noch Thesen zu sich abzeichnenden Megatrends, auf das Bibliothekswesen sich vorbereiten könnte:

  1. Die Migration nach Deutschland wird massiv zurückgehen. Die Aufgabe wird dann vor allem darin bestehen, die jetzt hier lebenden Kulturen sich entwickeln und zusammen wachsen zu lassen.
  2. Trotz allem Zwang zum Sprechen der Nationalsprachen, der aufzubauen versucht wird, werden die deutschsprachigen Gesellschaften (endlich wieder) praktisch multilingual. Dies wird mit einer Zunahme des Bildungsniveaus einhergehen.
  3. Die zerbrechliche Gesellschaft, als die Nico Stehr die moderne Gesellschaft beschreibt, wird immer weiter zu einer flexiblen und offenen – ergo „zerbrechlichen“ – Gesellschaft werden, was ihre Stärke sein wird.
  4. Die gesamte Gesellschaft wird urbaner. Das bezieht sich nicht nur auf Berlin und Zürich, das bezieht sich auch auf den dörflichen und den suburbanen Raum. Urbaner heisst: Mehr Lebensentwürfe werden lebbar, der ÖPNV wird wichtiger, die Kultur wird mehr. Das heisst aber auch, gerade für die Menschen, die mit dem Urbanen nicht so viel anzufangen wissen: Sie werden immer mehr gefordert werden.
  5. Gleichzeitig werden territoriale Zonen, die sich jetzt schon abzeichnen, entstehen, die fast keine Anbindung mehr an die restliche Gesellschaft haben. Prädestiniert sind dafür der Osten Deutschlands und die immer menschenleerer werdenden Alpenregionen Österreichs und der Schweiz.
  6. Die Erkenntnis, dass zentralisierte Systeme und Steuerung von Systemen durch zahlenbasierte Planung und ständigen Vergleich disfunktionale Effekte haben, wird sich gesellschaftlich (wieder) verbreiten. Es wird versucht werden, dem abzuhelfen.
  7. Die Bedeutung des Fernsehens wird abnehmen.
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Eine Antwort

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  1. W. Umstaetter said, on 5. August 2012 at 10:17

    Die Definition: „Megatrends sind die Veränderung, welche sich langfristig als grundlegende Änderungen durchsetzen.“ liegt zwar nahe, entspricht aber nicht der Erkenntnis von J. Naisbitt in der Dokumentation, der unter dem Titel „Megatrends“ 1982 (deutsch 1985) den „Sachbuch-Bestseller Nr. 1“ schrieb, der allerdings in den USA weitaus bekannter wurde, als in Deutschland. Es war das Buch, dass von der Library of Congress am häufigsten gestaffelt gekauft wurde. Naisbitt hatte dokumentarisch beobachtet, dass Themen in den Massenmedien immer nur eine bestimmte Zeit virulent bleiben können, danach wollen die Leser nichts mehr davon hören. Von ihm stammt auch das bekannte: „Wir ertrinken in Information, aber hungern nach Wissen.“ (S. 41) Trotz bzw. wegen der in diesem Buch enthaltenen Fehler, ist es eins der wichtigsten Bücher in der Informationswissenschaft, neben „Little Science, Big Science“. Die obere Definition von „Megatrends“ entspricht eher einem sog. Paradigmenwechsel.

    Die These: „Das Bibliothekswesen verpasst regelmässig die Megatrends der gesellschaftlichen Veränderung.“ würde ich aus eigener Erfahrung so nicht unterschreiben. Innerhalb des Bibliothekswesens gab und gibt es zukunftsorientierte, geradezu visionäre Kräfte, aber durchaus auch stark rückgewandte Kräfte. Etliche dieser Visionäre waren nicht nur den Bibliotheksspezialisten sondern auch großen Teilen der Gesellschaft weit voraus. Ich erinnere nur an A. von Harnack oder auch an die Onlinerevolution, die in etlichen Bibliotheken Platz griff, weit bevor vom Internet die Rede war. Die UB Ulm hatte 1976 die erste Online IVS, nach deren Erfolg mit 1200 Recherchen pro Jahr, zogen etliche andere UBs rasch nach. An dieser Stelle ist es auch wichtig daran zu erinnern, dass neben den unzähligen, unsinnigen und irreführenden Delphistudien der Informationswissenschaftler F. W. Lancaster schon 1978 eine durchaus vorausschauende publiziert hatte.

    Zur These 3 sei hier nur auf das Lehrbuch des Bibliotheksmanagements (S. 1) verwiesen:
    „Interessanterweise bemühen sich sehr viele Bibliothekarinnen und Bibliothekare, ihre Visionen von einer modernen Bibliothek zu realisieren, nur wenigen gelingt es aber auch wirklich, zukunftsweisende Wege zu gehen. Die meisten Bibliotheken sind letztendlich doch zum ersten Typ zu rechnen, denn der Modernisierung des Bibliothekswesens stehen zahlreiche Hindernisse im Weg.
    1. erfordert sie einschlägige Erkenntnisse über die modernsten Technologien, ihre Zuverlässigkeit und Brauchbarkeit. Tragfähige Konzepte müssen gegenüber den zahllosen PR-Aktionen im Bibliotheksbereich als solche erkannt werden.
    2. müssen Macht- und Potenzialverschiebungen in der Verwaltung, der Personalstruktur und den Finanzierungsschwerpunkten berücksichtigt, ausgeglichen und die damit verbundenen Probleme ausgeräumt werden.
    3. müssen die Benutzer der Bibliothek über die neuen Dienstleistungen aufgeklärt und an sie herangeführt werden.
    erfordert es erhebliche Überzeugungskraft bei den Geldgebern, die Finanzen in neue Kanäle umzuleiten. Dies waren in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich die Bereiche Automatisierung, Digitalisierung und Datenfernzugriff.“

    Es mag sein, dass die von K. Schuldt angesprochenen Thesen richtig sind, sie müssen aber im einzelnen nicht nur verteidigt werden können, sie müssen sich in der Zukunft auch bestätigen, und da gibt es noch etliches, was wir nicht wissen. Genau das deutlich zu machen, sollte der Rückblick auf die Zeit „Zwischen Informationsflut und Wissensorganisation“ zeigen. Es gibt Entwicklungen, wie die Verdopplungsrate der Literatur, die sich unglaublich brachial ihren Weg bahnen, auch dann, wenn für dieses Wachstum beispielsweise nicht mehr ausreichend Papier vorhanden ist. Daneben gibt es unzählige scheinbare Trends, die nichts anderes als Pendelbewegungen der Geschichte sind. Es sei hier nur kurz daran erinnert: „Während im Informations- und Dokumentationsprogramm der Bundesregierung von 1974 auch in Westdeutschland noch der Standpunkt vertreten wurde, dass es Aufgabe des Staates sei, die Gesellschaft möglichst kostenfrei mit ausreichender Information zu versorgen, hat sich seitdem ein eindeutiger Trend in die Gegenrichtung bemerkbar gemacht. Dieser zielt darauf ab, den jeweiligen Nutzer für die bereitgestellten Informationen bezahlen zu lassen.“ (Bibliotheksmanagement S. 23) Nun sind wir gespannt, wann der Staat seine Verantwortung zur Informationsversorgung im Public Sector wieder neu entdeckt.

    Walther Umstätter


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