LIBREAS.Library Ideas

Bibliographie als Utopie. Zu einer Position aus dem Jahr 1896.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 27. August 2012

Zu:

Frank Campbell: The Bibliography of the Future. (In: Peter R. Frank (1978): Von der systematischen Bibliographie zur Dokumentation. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. (Wege der Forschung; Bd. 144), S.124-142 / Original: Frank Campbell: The Theory of National and International Bibliography. London, Library bureau, 1896. Sec. II. No. 3, S. 243-259

Ben Kaden

I

Sowohl die Unkonferenz frei<tag> 2012 wie auch die LIBREAS Summer School in diesem Jahr ließen für uns in guter wissenschaftlicher Sitte mehr offene Fragen als schlüssige Antworten zurück. Das ist nur zu begrüßen, sind doch Fragen seit den Urzeiten exzellente Sensibilisierungselemente der systematischen Erkenntnisfindung.

Dass Fragen neu auftreten bedeutet jedoch nicht zugleich, dass sie auch wirklich neu sind. Meist reicht ein kurzer Blick in die Geschichte des Faches, um sich dessen zu vergewissern. Als Beispiel mögen heute Frank Campbells 1896er Überlegungen zur Bibliografie der Zukunft (wohlgemerkt: der Zukunft des Jahres 1896) dienen. (more…)

frei<tag> und Libreas Summer School 2012. Eindrücke

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Verein by libreas on 24. August 2012

Eine kurze Weiterleitung: Auf der Homepage des LIBREAS. Vereins findet sich ein Bericht über die frei<tag> und die LIBREAS Summer School 2012: hier.

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Konstruierte Medienvergangenheiten

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 23. August 2012

Rezension zu: Felzmann, Sebastian. Playing Yesterday: Mediennostalgie im Computerspiel (Game Studies). Boizenburg : Verlag Werner Hülsbusch, 2012. 22,50 € (D) / 23,13 € (A) / 27,90 CHF (CH).

Karsten Schuldt

James Newman argumentierte vor Kurzem, dass die Aufgabe beim Archivieren von Computerspielen nicht nur darin besteht, die Software zu bewahren, sondern den gesamten Zusammenhang des Spiels.1 Dazu gehörten die unterschiedlichen Versionen der Software nach jedem Patch, die umgebenden Medien, die Videos und Texte, die von den Spielerinnen und Spielern produziert werden und vieles mehr. Seine Begründung: Ein Spiel wird erst zum Spiel, wenn es gespielt wird. Und dieses Spielen findet im Medienkontext statt. Bei Newman resultieren aus diesem Argument Probleme für die Archivierung von Computerspielen, die er zu lösen versucht.2

Sebastian Felzmann hingegen interessiert sich für eine andere, aber sehr verwandte Frage, nämlich das Nachleben von Medienformen, deren Zeit eigentlich vergangen ist. Warum reproduzieren Menschen Erfahrungen mit alten Computerspielen? Die Antwort, die er in seinem Buch – beziehungsweise seiner überarbeiteten Masterarbeit – gibt, ist etwas unbefriedigend, gibt aber der Position von Newman weitere Argumente. (more…)

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (1): Eine Karte, viele Motive

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by libreas on 16. August 2012

Morgen, faktisch in fast genau 24 Stunden, öffnet die Unkonferenz frei<tag> 2012 endlich ihre Tore.  Man darf gespannt und in freudiger Erwartung sein, welche Themen in welcher Form dort verhandelt werden. Einen kleinen Vorgeschmack bieten bereits einige im Wiki niedergelegte Sessionvorschläge. Für die tags darauf stattfindende Summer School sind die Felder bestellt, vier – jeweils zwei parallel stattfindende – Workshops erwarten interessierte Teilnehmende. Bleibt die Mitgliederversammlung (Jahressitzung) des LIBREAS. Vereins in der zweiten Hälfte des Samstagnachmittags nicht zu vergessen. In dieser werden unter anderem auf die zwei Veranstaltungstage zurückgeblickt und Pläne für die Zukunft geschmiedet.

Update: Spät aber nicht zu spät gibt es für Anmeldung, Austausch und Nachlese nun auch passende Facebook- und Google+-Events.

Mit diesem abschließenden Ausblick endet auch der diesjährige frei<tag>-Countdown. Eine Vielzahl von Themen wurden (an-)diskutiert, garniert von und mit Fotoaufnahmen, in denen die Komposition der eigens für die Veranstaltung produzierten Einladungskarte sinnstiftend war. Viele, viele  gemachte Bilder haben aus  den unterschiedlichsten Gründen bis dato nicht ihren wohlverdienten Countdown-Platz bekommen, ein Umstand der so nicht stehen gelassen werden kann. Aus diesem Grund sei als kleine visuelle Einstimmung auf die kommenden zwei Tage eine Bilderserie der “hidden frei<tag>-pictures” gezeigt; man kann es auch als einen Vorgeschmack auf die LIBREAS. Ausgabe #21 verstehen, deren Schwerpunkt “Bilder, Graphen, Visualisierungen”  ist. Deren Fertigstellung wird das erste Ziel der LIBREAS. Redaktion nach frei<tag> 2012 sein. In diesem Sinne –  viel Vergnügen mit dem Fotoreigen, bewusst unbetitelt und unkommentiert – für sich sprechend!

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It’s the frei<tag> 2012 Countdown (2): Vereinsmitglied werden

Posted in LIBREAS.Verein, Uncategorized by Karsten Schuldt on 15. August 2012

Im Anschluss an die Summer School findet am 18.08. in Berlin die erste Jahressitzung des LIBREAS. Verein statt. Der Ort ist der gleiche wie die Summer School, eingeladen sind alle Mitglieder.

Und das ist das Stichwort. Als wir vor einem Jahr bekanntgaben, dass wir den LIBREAS. Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation gegründet hätten, hatten wir ehrlich gesagt etwas unterschätzt, wie arbeitsreich das Vereinsgründen in Deutschland so sein kann. Deshalb ging dies alles nur sehr langsam voran. Untergegangen ist dabei vielleicht, dass der Verein nun schon seit einiger Zeit eine eigene Homepage besitzt (http://www.libreas-verein.eu/) und das es möglich ist, ihm als Mitglied beizutreten. Die Mitgliedsbeiträge betragen 12 Euro pro Jahr für Einzelpersonen, 24 Euro pro Jahr für institutionelle Mitglieder und 48 Euro pro Jahr für Fördermitglieder. Mit dieser Mitgliedschaft kann man nicht nur direkten Einfluss auf die Arbeit des Vereins nehmen, sondern unterstützt, wie im Vereinsnamen angegeben, die Kommunikation im Feld der (erst einmal deutschsprachigen) Bibliotheks- und Informationswissenschaft. [Selbstverständlich kann man das auch mit Spenden an den Verein tun, wir sind ein e.V.]

Now that we found love, what are we gonna do with these?

Es ist nicht unser Ziel, mit dem Verein Geld zu verdienen oder in Konkurrenz zu anderen Organisationen und Vereinigungen im bibliothekarischen und bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Feld zu treten. Vielmehr wollen wir einen Teil zum grossen Ganzen beitragen. Aber wir würden uns selbstverständlich über jedes Mitglied freuen, da dies auch bedeutet, gemeinsam grössere Sprünge, als „nur“ die LIBREAS und die Unkonferenz zu machen.

Vereinsmitglied kann man über die Homepage werden (http://www.libreas-verein.eu/mitgliedschaftsantrag/), aber man kann uns selbstverständlich auch direkt fragen, zum Beispiel am 17.08. in Potsdam und am 18.08. in Berlin.

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (3): Zeit- & Projektmanagement im Forschungsprozess (Workshop)

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by Karsten Schuldt on 14. August 2012

Forschen ist eine grossartig einsame Tätigkeit. An Schreibtischen in Büros, die erleuchtet sind, wenn der Rest der Welt schläft, sitzen und lesen; im Arbeitszimmer Texte vor sich hin tippen, während alle Mitbewohnerinnen und Mitbewohner die Wohnung verlassen haben; im Café die Pärchen ignorieren und Skizzen zeichnen; auf dem Bahnhof nachdenken, während der Zug eintrifft: Selbstbestimmt, zeitlos. Fertig sein, wenn man die Antworten auf die Fragen gefunden hat, wenn der Algorithmus läuft, das Buch fertig ist. Und niemand redet rein. Ein grossartiges Bild. Ehrlich gesagt auch eines, in das ich gerne selber verfalle.

…An Schreibtischen in Büros, die erleuchtet sind, wenn der Rest der Welt schläft, sitzen und lesen; im Arbeitszimmer Texte vor sich hin tippen, während alle Mitbewohnerinnen und Mitbewohner die Wohnung verlassen haben; im Café die Pärchen ignorieren und Skizzen zeichnen …… 

Aber: Wer forscht, kann nur selten so forschen. Insbesondere, wenn es um Projekte geht, die irgendwer finanziert – die Bibliothek, eine Stiftung, die DFG, der SNF, die EU –, wenn es Auftraggeber gibt und die Deadlines drücken, geht dieses einsame Forschen, dass sich nur am Thema orientiert, nicht mehr. Und kaum ein Forschungsprojekt wird heute noch alleine durchgeführt. Mal sind es vier Leute, mal mehrere Dutzend Arbeitsgruppen; aber selten ist man wirklich so alleine für sich verantwortlich.

Das führt dazu, dass Forschung, auch in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, heute zu einem grossen Teil Managementaufgabe ist. Deadlines einhalten, sich koordinieren, Teilprojekte planen und einfordern. Oft ist das ein ärgerlicher Teil der Forschung, weil teilweise der Inhalt hinter das Managen zurücktritt. (Bekanntlich geht das so weit, dass bei grossen Projekten Leute angestellt werden, die mit der Forschung selber nichts zu tun haben, sondern nur mit der Organisation.)

Im Workshop IV der LIBREAS. Verein Summer School 2012 am 18. August wollen wir dieses Thema bearbeiten. Wie planen und managen wir Forschungsprozesse, sowohl einsame als auch solche in Partnerschaft? Und zwar am Besten so, dass sie uns möglichst viel Platz und Zeit für das eigentlich Interessante an der Forschung schaffen? Thema werden auch die ganzen Fallstricke sein: Wie mit den Krisen umgehen, wenn Mitarbeitende abspringen, Deadlines überzogen werden, Auftraggeber kurz vor Ende des Projektes feststellen, dass sie was ganz anderes haben wollen? Wie mit zu viel Zeit umgehen?

Wie gesagt: Das ist der eher unspannende Teil an jeder Forschung, aber leider ein notwendiger. Wir sind halt alle keine Gentlemen des frühen 20. Jahrhunderts, die das Geld und die Zeit haben, uns in kleinen französischen Städtchen in den Nachlass eines vergessenen Diplomaten zu vergraben.

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (4): Verteilt Arbeiten, zusammen Publizieren (Workshop)

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by libreas on 13. August 2012

Matti Stöhr

In den Naturwissenschaften ist es schon länger selbstverständlich, in den Geistes- und Sozialwissenschaften freilich ebensowenig neu aber es etabliert sich sukzessive erst durch die modernen, elektronischen Forschungs- und Publikationsmöglichkeiten: das kollaborative Arbeiten und Publizieren. Dass Werkzeuge zur gemeinschaftlichen Forschungsarbeit und Publikationstätigkeit bei (nahezu?) allen Wissenschaftsdisziplinen angekommen sind bzw. für wichtig und zukunftsfähig erachtet wird, zeigt neben den seit 2005 existierenden GRID-Projekten in Deutschland nicht zuletzt das sogenannte Handlungsfeld “Virtuelle Forschungsumgebungen” im Rahmen der Schwerpunktinitiative “Digitale Information” der Allianz deutscher Wissenschaftsorganisationen. Vor dem Hintergrund dieser Strategie wird einiges an Fördergeld für die Entwicklung und Etablierung von Angeboten investiert um eine auf Zusammenarbeit fußende Wissenschaftspraxis zu unterstützen respektive anzuschieben. Als Beispiel sei hier für die Geschichtswissenschaft das DFG-Projekt “Historisches Forschungsnetz” erwähnt.

Vor diesem wissenschaftspolitischem und infrastrukturellen Hintergründen werden die Teilnehmenden des am frühen Samstagnachmittag stattfindenden Summer School-Workshops “Verteilt arbeiten,  zusammen Publizieren” in die Welt etablierter, alternativer sowie zukünftiger Werkzeuge der kollaborativen Wissenschaftspraxis eintauchen. Es soll vornehmlich anwendungsorientiert um den (beispielhaften) Analyse und  Austausch von Erfahrungen in der Arbeit mit aber auch um die Reflektion von Erwartungen an einschlägige Tools gehen.

"It’s time to change the way we do research"

“It’s time to change the way we do research.”: (Kommerzielle) Webplattformen wie Mendeley oder ResearchGate, welche mit dem Angebot verschiedenartigster Funktionen Wissenschaftskommunikation inkl. das Publizieren von Forschungsergebnissen ermöglichen, werden unter AkademikerIinnen immer beliebter. Als Bibliotheks- und InformationswissenschaftlerIn sollte man diese kennen und einschätzen können, wenn nicht gar selbst aktiv nutzen…

Immer wieder interessant dabei ist es sich dabei zu vergegenwärtigen, wie wenig es prinzipiell an technisch-funktionalen Voraussetzungen doch braucht um am Wissenschaftsgeschehen teilzuhaben – ein internetfähigen Computer!  Über die “Details” – z.B.  über den tatsächlichen Zugang zu Forschungserkentnissen als Basis bzw Quelle eigener Untersuchungen (Stichwort: Lizenzen) oder über die Nutzungsfreundlichkeit von Publikationswerkzeugen – lässt sich freilich streiten; sehr gerne im hiermit angekündigten Workshop der LIBREAS. Summer School!

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (5): Die Stadt als Text, die Straßenbahn als Bibliothek

Ben Kaden

Die Reihe Neue Dichtung aus Österreich des Wiener Bergland Verlags schenkte der Literaturwelt, vermutlich ohne dass die Lektoren es so ahnten, 1956 zwei Ouvertüren zu maßgeblichen Werkgeschichten der deutschen Literatur, eher im Stillen aufgeführt, was den antiquarischen Wert der Erstausgaben heute erheblich macht: Friederike Mayröcker debütierte in der Serie mit dem Bändchen Larifari. Ein konfuses Buch (Band 18) und von Ernst Jandl folgte als Band 21 der Reihe der Erstling Andere Augen.

In letzterem wird „menschliches Leben […] aus skeptischer Distanz reflektiert und vorzugsweise im Kleinen und Alltäglichen dingfest gemacht“, meinte Monika Schmitz-Emans in ihrem Artikel zu Ernst Jandl für Hartmut Steineckes Übersicht (Berlin: Erich Schmidt, 1994, S. 677). So richtig widersprechen kann man ihr nicht.

Auch ihre Einschätzung, die Themen „Hunger, Kälte, Armut, Krankheit, das Ich – und sein Schreiben“ klängen hier an (ebd.), lässt sich nur in zwei Aspekten relativieren. Einerseits klingen sie nämlich nicht an, sondern stehen in aller Klarheit da (so im Gedicht „Sich zu erinnern“ über die Traumata der Internierungslager „Jung und zurückgekehrt / in seine Heimat / auf ein Holzquadrat / für sieben Köpfe, / begann er bei Nacht / im Schlaf zwischen Hunger und Kälte / sich zu erinnern / an die Fruchtbarkeit der Ferne“.) Und andererseits unterschlägt sie ein Thema, das zeitlebens in Ernst Jandls Werk mitschwingen wird und sich auch in Andere Augen findet: Die Erotik u. a. des Alltags und im Alltag sowie ihre Brüchigkeit und Vergänglichkeit.

Besonders schön fast Ernst Jandl dieses Element in seinem ersten  Band in dem Gedicht „Züge der Zeit“ zusammen, das eine Grunderfahrung aufmerksamer junger Männer auch in den Trambahnen des 21. Jahrhunderts in scheinbar ewiger Aktualität abbildet. Da hier die Konstellation Buch, Lektüre und Bibliothek ihr ganzes Attraktionspotential ausspielt, ist es ein idealer Sonntagstext für den Endspurt vor Unkonferenz und Summer School:

Züge der Zeit

Wenn Männer in die Straßenbahn steigen,
schauen sie, wer darin ist.
Eine Straßenbahn ist ein halbes Kaffeehaus:
wenn einer Glück hat, kann er
bei einer angenehmen fremden  Frau
einige Zeit sitzen.

Auch ist die Straßenbahn ähnlich einer
Bibliothek, in der Leute sitzen und lesen;
hier allerdings in Büchern aus den
eigenen Taschen und in Zeitungen.
Die Straßenbahnschaffner sind keine
Bibliothekare.

Doch auch die der Lektüre Ergebenen
messen die Nachbarn.
So kann es geschehen, daß einer,
aufblickend vom Buch,
den Wuchs eines Mädchens umarmte
mit seinen Augen, sie aber wieder zurück
führte in das leichter erreichbare
Zwiegespräch mit dem willig geöffneten Buch.

Daß ihm darauf hinter den Augen ein Bild saß,
das ihm die Sätze des Buches dreimal verknotete,
bis er den Blick aus den Zeilen herauszog,
läßt sich begreifen.

Dann aber sah er am gleichen Platze wie vordem
eine Frau, die ihre Runzeln
schon mit Ergebeneheit trug und ihr farbloses Kleid
wie den härenen Kittel des, der sich aufgibt.
Und er erkannte die gleichen Züge wie vordem.
Und er ahnte die schlimmen Züge der Zeit.

(Text folgt dem Band 1 von Klaus Siblewski (Hrsg.) ernst jandl poetische werke in 10 bänden. München: Luchterhand, 1997. S. 68)

„Die Stadt als literarische Gattung läßt sich mit dem Roman vergleichen.“, notierte Michel Butor in seiner Betrachtung über die „Stadt als Text“ (Graz: Literaturverlag Droschl, 1992, S. 16) Dieter Mersch schränkte diese Zuordnung ein Stück weit ein: „Von der Stadt als einem stabilen Text sprechen, bedeutet, wie Italo Calvino es in seinem Roman [sic!] Die unsichtbaren Städte formuliert hat, sie mit der Rede zu verwechseln, die sie beschreibt.“ (Dieter Mersch: Erotik der Stadt. In: Helmut Bott (Hrsg.) Stadt und Kommunikation im digitalen Zeitalter. Frankfurt/Main: Campus, 2000. S. 189-209, S.191) Wenn Stadt als Roman dann vielleicht also eher als ein Nouveau Roman, als ständig herum moirierendes Ensemble Sarraute’scher Tropismen?

Trambahn und Roman

Die Trambahn ein Roman? Oder eine Bibliothek? Oder ein Gedicht? In jedem Fall ist sie ein Medium, d.h. ein Übermittler. Und da das, was sie übermittelt, sinnliche sowie beständig auf Sinn orientierte Wesen sind (=Menschen) nimmt dieses Meta-Medium unzählige Submedien, Texte und Lesarten in sich auf, schafft Ereignisse, Begegnungen, Sehnsüchte und Bedeutungen. Sogar auf Leerfahrten. Allerdings ist nicht bekannt, ob den Straßenbahnlenkern und -schaffnern diese mediale Rolle auch bewusst ist. Denn: „Die Straßenbahnschaffner sind keine Bibliothekare.“

Ernst Jandl zeigt in “Züge der Zeit”, dass es vielleicht sogar naheliegender ist, die Stadt als Ansammlung potentiell poetischer Begegnungen zu interpretieren. Dass sie also eher mit Bildern aufwartet, die man mit etwas Aufwand eventuell zu romanhaften Handlungslinien nach-arrangieren und ausdeuten kann, deren Klammer aber immer eine interpretative und individuelle bleiben muss. Jedenfalls wenn man mitten darin steckt und sich in der Trambahn mit der einen Hand am klebrigen Haltegriff festhält und mit der anderen versucht, eine Zeitung so zu halten, dass man wenigstens den Leitartikel halbwegs erfasst. Die Gedanken freilich sind nicht unbedingt auf diesen allein fixiert, sondern folgen in dieser an Ablenkungen reichen Umgebung jedem Stoß des Wagens und manchmal auch leicht verschämt ein paar unverschämt schlanken Waden, die unweit in der Ballung der Fahrgäste zum Stehen kommen.

Wer jedenfalls aufmerksamen Auges die Fahrt der M1 in Berlin absolviert, fährt mit einiger Wahrscheinlichkeit in einer Art Jandl’schen Straßenbahnzug der Zeit: vom bunten Text des quasi-zeitlosen touristischen Ballungspunkts am Hackeschen Markt mit seinen immer neuen desorientierten internationalen Wochenendtouristen hinauf über den furchtbar jugendlichen Rosenthaler Platz durch die Kastanienallee in den Prenzlauer Berg mit seinen überabgeklärten (Post-)Hipstern und (Post-)Hipsterinnen, alle mit fast identisch abweisend anziehender Mimik und ähnlichem gertenschlanken Wuchs, dabei den Beckett oder Danielewski aus der Tote Bag blitzend, aber am Ende doch im Messaging des Smartphones die Distanz zur Restwelt haltend, bis hinein ins runzligere Weißensee, wo die sitzen bleiben, die das Leben nicht mehr studieren, abschreiben, mitteilen und erobern, sondern die selbst sichtbar Schreibfläche ihrer Jahre wurden und nun demütig oder mit einem abstoßend vorwurfsvoll bitteren Zug der vergehenden Zeit um die Mundwinkel in die Einsamkeit der kleinen Stuben der verpassten Chancen ihres Lebens heimkehren. (Selbstverständlich konfrontiert die Realität dieses Musterbild aus Stereotypen herzlich gern mit Ausnahmen, aber wie es oben steht, ist die Stadt als Text immer eine unbedingt subjektive Lektüre, die genau das herauszulesen versucht, was dem Leser jeweils in den Tag passt.)

Ein Kaffeehaus ist die Tram in Berlin freilich nicht. Eher ein ewiger Spätkauf und nicht selten wird mehr Flaschenbier auf den Schößen gehalten, als Bücher, Zeitschriften oder iPads. Dennoch gehören auch hier nach wie vor Druckwerke aller Art zur Profanität urbanen Unterwegsseins. Das regelmäßige passive Queren längst vertrauter Straßenzügen gesäumt von zeitstabilen Fixpunkten (Haltestellen, Häuserzeilen, Kreuzungsanlagen) motiviert geradezu zum Auffüllen der Museminuten mit Beschreibungen anderen Welten. Selbst wenn man dazu neigt, die Stadt so zu durchqueren wie die Figur des schüchternen Erwin in Nabokovs „A Nursery Tale“, das dem Impuls von Ernst Jandls Gedicht gar nicht so fern zu liegen scheint („Twice daily, from the tram he took tot he office and back, Erwin looked out of the window and collected his harem.“ – dank einer buchstäblich teuflischen Frau Monde schließt sich sogar der Kreis des Scheiterns, Vergehens und auch Vergeblichen nicht vollends unähnlich, aber mit doch deutlich größerer Fallhöhe), bietet sich ein Druckwerk als im Zweifel schützende Aufmerksamkeitsmaske an. Selbst wenn die Sätze „dreimal verknotet“ und der Inhalt unbegriffen bleiben. So sitzt man dann seine Tage und Wege in den Waggons herunter und liest und liest, wenn es sich ergibt, dabei keine Zeile, sondern vor allem die Züge der Zeit. In dieser Art von ubiquitärer Bibliothek sticht das sich plötzlich offenbarende Bild jedenfalls immer noch mit Leichtigkeit jeden erklärenden Satz.

Berlin, 12.08.2012

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (6): Ist das Thema Digitalisierung mittlerweile ein ‘Alter Hut’ oder immer noch eine ‘Herausforderung’?

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by libreas on 11. August 2012

Ulf Preuß

Mit Bezug auf Beitrag (10): Denkraum von Manuela Schulz greife ich das Thema ‚kulturelles Erbe‘ und dessen Nutzbarmachung via Digitalisierung auf. Immerhin wird mittels digitaler/virtueller Informationssammlungen ein Betrag zum Konzept des Denkraums geleistet, wobei dieser auf eine ortunabhängige, quasi freie, Ebene gesetzt wird.
Bibliotheken nehmen in Punkto Digitalisierung, mit Bezug auf ihre Bestandsdaten und repräsentative Einzelmedien, seit Jahrzehnten eine Vorreiterrolle unter den Informationswissenschaftlichen Institutionen ein. Hat sich deshalb das Thema Digitalisierung zur puren Alltäglichkeit entwickelt? Sind alle damit verbundenen Herausforderungen angenommen worden und mit nachhaltigen Lösungsansätzen hinterlegt? Hier seien nur einige Aspekte  erwähnt, wie Finanzierung der Digitalisierungsvorhaben, Qualitätssicherung auf technischer und vor allem personeller Ebene, Entwicklung und Implementierung einer nutzerfreundlichen und gleichzeitig ökonomischen Infrastruktur etc.

Großformatscanner im Einsatz an der FH Potsdam

Licht am Ende des Digitalisierungstunnels oder doch der sprichwörtliche ‘entgegenkommende Zug’ voller neuer Problemstellungen? Mit einer Digitalisierung werden keine informationswissenschaftliche Probleme gelöst, sondern eine Vielzahl von Herausforderungen geschaffen. Das fängt mit der Frage ‘Was soll Digitalisiert werden?’ an und hört noch lange nicht mit einer Klärung der langfristigen Nutzbarkeit der erzeugten Digitalisate auf.

Als ein probates Mittel der Finanzierung gilt die Public-Privat-Partnership, welche in großen Bibliotheken gern in Verbindung mit Google eingegangen werden. Hierzu hatte der Kulturstaatsminister mit Blick auf das Projekt ‘Deutsche Digitale Bibliothek’ folgende Anmerkung:
“Mit der Deutschen Digitalen Bibliothek bleibt die digitale Verfügungsgewalt für die dort zugänglichen Kulturgüter in öffentlicher Verantwortung. Da Kulturgüter Teil der kulturellen Identität von Nationen und damit genuin öffentliche Güter sind, sei dies besonders wichtig, hatte Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Mai 2009 anlässlich der Debatte über die Google-Aktivitäten („google books“) im EU-Ministerrat erklärt.”[1]
Schön das es Sicht der Politik die Verfügungshoheit über die Kulturgüter unseres Landes, auch in der digitalen Welt, in öffentlicher Hand bleiben soll. Wie immer gilt auch hier: ‘leichter gesagt als getan’. Folgt man den Aussagen aus dem Kompetenznetzwerk DDB, so konzentriert sich deren Finanzierungsmodel auf den Aufbau und Betrieb der eigenen Infrastruktur. Der Bereich Digitalisierung, also die Generierung des Inhaltes der DDB, liegt allein bei den Institutionen welche sich an ihr beteiligen wollen. Hierbei wird einerseits auf die Möglichkeit der Finanzierung unter Beteiligung privater Geldgeber – ACHTUNG GOOGLE – und anderseits auf die Verantwortung der Träger, der meist klammen Kultureinrichtungen, verwiesen – ACHTUNG GENERELLES HAUSHALTSDEFIZIT -.[2] Es kommt bei allen Herangehensweisen auf eine sachliche Abwägung und letztendlich auf rechtlich tragbare und faire Vereinbarungen an.
Wenn man davon ausgeht, dass digitale Informationssammlungen per se ein Thema für das Informationsmanagement sind, so gilt es auch zu klären welchen Beitrag wir für andere spartenfremde Kultureinrichtungen beim Thema Digitalisierung erbringen könnten.
[1] Beauftragter für Kultur und Medien: Beta-Version im Herbst 2012 online. URL http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Bundesregierung/BeauftragterfuerK
ulturundMedien/medien/dtDigitaleBibliothek/_node.html (letzter Aufruf: 08.08.2012)
[2] Parzinger, Hermann ; Schleh, Bernd: »Der große Traum von der Demokratisierung des Wissens«. In: Forum Bibliothek und Information 64 (2012), Nr. 03, S. 208–212

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (7): Der letzte Freitag…

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by libreas on 10. August 2012

Matti Stöhr / Christoph Szepanski

… vor der nahezu auf die Stunde genau in einer Woche im Schaufenster der FH Postdam stattfindenden Unkonferenz hat begonnen. Die letzten organisatorischen Aspekte werden geklärt, (Moderations-) Verantwortlichkeiten und Vorbereitungen getroffen – dann und wann auch in entspannter Atmosphäre bei vergeistigten Getränken.

Stillleben im Aufsturz

Stillleben der gestrigen frei<tag> 2012-Arbeitssitzung im Aufsturz, einer Lokalität bei der man sich angesichts der immensen Sortenauswahl oft lange nicht entscheiden kann, welchen Gerstensaft, man als nächstes verköstigen möchte.

Getränke ist das passende Stichwort: Wir wollen natürlich nicht, dass das leibliche Wohl in Brandenburgs wohl schönster Stadt und tags darauf in Berlin zu kurz kommt. Selbstverständlich ist es nicht zwingend, die Teilnahme an einem oder beiden Tagen auf dieser Seite im frei<tag>-Wiki zu bekunden. Wir möchten es euch jedoch nicht nur zu unserem, sondern vor allem zu eurem Vorteil ans Herz legen, um einen adäquaten, dem Hunger und Durst einer ungefähr kalkulierbaren Teilnehmendenschar begegnenden, Einkauf zu realisieren. Merci!

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