LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (18): Bibliothek und Tagpfauenauge bei Vladimir Nabokov.

Ben Kaden

Vorbemerkung: Es ist unvermeidlich Sommer und wer dieser Tage ins Berliner Institut geht, findet es zwar aufgeschlossen, aber doch verlassen vor. Was in gewisser Weise auch vernünftig ist, denn auf hoher Rotation ganzjährig durchzuarbeiten, erweist sich selten als nachhaltig gesundheitsfördernd. Zuviel Sommerfrische dann offenbar auch wieder nicht und wir wissen nicht ganz genau, wie es geschehen konnte, dass uns der Countdown-Beitrag Nummer 18 einfach verloren ging. Damit wir dem nicht weiter nachgehen (und uns womöglich ebenso verlieren) müssen, deklarieren wir einfach den heutigen Beitrag zur Nummer 18. Und erinnern uns damit wieder zurück an das schöne Wochenende und die dazu gehörende Stimmung, die schwerwiegenden Überlegungen zu Bibliotheks- und Informationswissenschaft wenig und einem lockerem Querlesen auf der Wiese im Park viel Raum lassen sollte. Umso mehr, als es ja ein Wochenende in den Sommerferien war. Und damit sollte zugleich für diesen Countdown auch unsere Rubrik Die Bibliothek in der Literatur angemessen bedient sein.

Tage wie dieser späte Julisamstag sind typischerweise durch Besuche von Freunden und/oder Verwandten gekennzeichnet. In Berlin jedenfalls sieht man derzeit an den touristischen Sammelstellen (Museumsinsel, Hackescher Markt, Rosenthaler Platz, Bernauer Straße) häufiger, wie jüngere Semester der hiesigen Hochschulen improvisierte Stadtführungen für die, die ihnen hoffentlich am Herzen liegen, veranstalten.

Ob sich dabei auch derart an biografischen Rückblenden reiche Dialoge entwickeln wie zwischen Fjodor Godunow-Tscherdynzew, Hauptfigur in Vladimir Nabokovs letztem in Russisch verfassten Romans “Die Gabe”  (entstanden 1935-1937, enthält eine wunderbare Beschreibung der Pfalzburger Straße) und seiner in Paris lebenden Mutter Jelisaweta Pawlowna, die ihn in Berlin besucht und damit die Erinnerungstür zu Kindheit und verlorenem Vater weit aufstößt, lässt sich freilich nicht beantworten. Nicht ganz unwahrscheinlich ist jedoch, dass sich etwas wie die folgende Szenerie auf den Abreisebahnsteigen abspielt, wenn beispielsweise Studenten der Bibliothekswissenschaft ihre Mütter verabschieden:

„ «Ich mache dir einen Vorschlag», sagte seine Mutter fröhlich, als sie sich trennten. «Ich habe etwa siebzig Mark übrig, mit denen ich nicht viel anfangen kann, und du mußt besser essen. Ich kann nicht mitansehen, wie mager du bist. Hier nimm sie. » – «Avec joie», erwiderte er und sah im Geist sofort eine Jahreskarte für die Staatsbibliothek, Milchschokolade und ein käufliches deutsches Mädchen, das er in manchen schwächeren Momenten sich zu beschaffen gedachte.” (Vladimir Nabokov: Die Gabe. Reinbeck: Rowohlt, 1993. S. 157)

Das ist natürlich nicht so einfach dahin geschrieben. Wenn sich auch die eventuell nicht jedem schickliche Fantasie eines käuflichen Mädchens nicht erfüllt, so taucht doch ganz nahe liegend (fünf Zeilen) eine Tafel Schokolade und in einiger Entfernung (zwei Kapitel) das Ergebnis ausufernder Lesesaal- und Heimarbeit in Form einer Biografie des Revolutionärs und Schriftstellers Nikolai Tschernyschewski auf. (Spannend ist zudem die Reihenfolge der Bedürfnisse.)

Die Inspiration zum Buch erhielt Fjodor beim Durchblättern einer Ausgabe eines Schachmagazins namens 8×8, das er in einer russischen Buchhandlung am Wittenbergplatz erstand und in dem er, wie zufällig, einen Beitrag mit dem Titel “Tschernyschewski und Schach” abgedruckt fand. (vgl. S. 277 bzw. S. 316) Die Lektüre desselben

„bereitete Fjodor ein solches Vergnügen, ihn verblüffte und erheiterte der Umstand so sehr, daß ein Autor von einem derartigen geistigen und stilistischen Format das literarische Schicksal Rußlands beeinflußt haben sollte, daß er sich gleich am nächsten Morgen die gesammelten Werke Tschernyschewskijs aus der Staatsbibliothek auslieh.” (S. 316)

Dem Ausleihvorgang selbst widmet Nabokov eine Beschreibung, die auch Jahrzehnte nach der Entstehung des Romans ohne Probleme als gültig durchgegangen wäre:

„Vor der Staatsbibliothek spazierten neben einem steinernen Bassin Tauben zwischen Gänseblümchen auf dem Rasen. Die Bücher für die Ausleihe kamen in einem kleinen Wagen auf geneigten Schienen in der Tiefe einer anscheinend kleinen Räumlichkeit an, wo sie auf die Verteilung warteten und wo nur ein paar Bücher auf den Regalen herumzuliegen schienen, obgleich sich in Wirklichkeit Tausende angesammelt hatten.
Fjodor schloß seine Portion in die Arme und ging im Kampf mit dem sich verschiebenden Gewicht zur Bushaltestelle.” (S. 324)

Übrigens erfuhr ein Buch aus Tschernyschewskis Besitz jedoch unglücklicherweise nicht Eigentum, so Die Gabe (S. 365f.),  nicht nur eine äußerst tolpatschig-grobe Behandlung („Er zerschlug Geschirr, bekleckste und verdarb alles. Seine Liebe zum Materiellen wurde nicht erwidert.” – S. 366) durch Tschernyschweski, sondern wurde auch deutscher Bibliotheksbestand: „[D]ieses Buch  mit den durchlöcherten Gedichten befindet sich jetzt in der Leipziger Universitätsbibliothek, wie es dorthin gelangt ist, war leider nicht in Erfahrung zu bringen” (ebd.). Wie Fjodor überhaupt auf dieses Exemplar stoßen konnte, leider auch nicht. Denn er arbeitete, wie angedeutet, eigentlich in Berlin:

„Wissenschaftliche Bücher (stets mit dem Stempel der Berliner Bibliothek auf der neunundneunzigsten Seite) wie die vertrauten Bände des Reisen eines Naturforschers in unvertrautem schwarz-grünen Einband lagen Seite an Seite mit den alten russischen Zeitschriften, in denen er den Widerschein Puschkins suchte.” (S. 161)

Und schließlich findet sich noch ein allen, die einmal studierten, höchst vertrauter Zustand beschrieben: Beim Abschied aus der Pfalzburger Straße, die im Buch allerdings Tannenbergstraße heißt, blickt Fjodor vor dem Umzug in sein nächstes (im Buch zweites und letztes) Quartier noch einmal in sein altes Zimmer:

„Genau zwei Jahre habe ich hier gewohnt, habe hier über viele Dinge nachgedacht, der Schatten meiner Karawane zog über diese Tapeten, Lilien wuchsen aus der Zigarettenasche auf dem Teppich – doch jetzt ist die Reise zu Ende. Die Ströme von Büchern sind in den Ozean der Bibliothek zurückgekehrt. Ich weiß nicht, ob ich jemals die Entwürfe und Auszüge lesen werde, die ich in meinen Koffer unter die Wäsche gestopft habe, aber ich weiß, daß ich hier nie wieder hineinschauen werde.” (S. 236)

Weitere nennenswerte Bibliotheksbezüge überreicht uns Nabokov in Die Gabe leider nicht. Dafür aber zahllose zusätzliche zitierwürdige Stellen zu allen möglichen Themen von der Straßenbahn bis zum Briefmarkenautomaten (S. 534), bei denen der Leser gern aufjauchzt, weil er seine eigene Lebenswirklichkeit so präzis ausformuliert wieder findet. (Und es gibt auch genügend Stellen, bei denen dies glücklicherweise nicht der Fall ist. Dann aber ist das Werk des Meisters der minuziösen Beschreibung ein außerordentlicher Zeitspeicher für die Stimmung im russischen Berlin der sich verfinsternden 1930er Jahre.)

Tagpfauenauge und Summer School

Flyer trifft Falter. Selbstredend ist auch Nabokovs Die Gabe gespickt mit Schmetterlingen (besonders das zweite Kapitel). Das Tagpfauenauge (Inachis io), eine mehr oder minder stabil herumflatternde Größe in Nabokovs Werk, ist einmal und sehr wichtig dabei (S. 177/178):  Fjodors Vater fing 1871 ein solches vom “Balken einer halbverrotteten Brücke” in der russischen Sommerfrische. Im Vorwort zu seiner Autobiografie Erinnerung, sprich (Reinbeck: Rowohlt, 1999) erwähnt Nabokov die Erinnerung an einen seltenen Falter, den er im Jahr 1907 an einer Stelle sichtete, an der „ein Vierteljahrhundert zuvor [s]ein Vater in seinem Netz ein Tagpfauenauge gefangen hatte, das in unseren nördlichen Wäldern eigentlich kaum vorkommt.” Später im Buch (S. 95) wird der Tagfalter, der „besorgt atmend seine vier kirschroten Flügel mit einem pfauenhaften Augenfleck auf jedem auf und nieder bewegte”, allerdings am 17.08.1883 vom deutschen Hauslehrer (Herr Rogge) von Nabokov senior eingenetzt. (S. 95) Und in Ada (Reinbeck: Rowohlt, 2010) findet sich folgende auf Herbst gestimmte Stelle: „Die letzten Schmetterlinge von 1905, träge Pfauenaugen und Admirale, ein Kleiner Perlmuttfalter und ein Wandergelbling machten das Beste aus den bescheidenen Blüten.” (S. 734) In deutschen Sommergärten ist das Sechsauge dagegen kein Ereignis, aber ein zumeist so oft wie gern besehener Gast. Jedenfalls, wenn er die Flügeloberseite zeigt (zugeklappt ähnelt er mit gutem Zweck einem Brocken Rinde). Ob sich auch ein Exemplar zur LIBREAS Summer School am 18.08. einfindet, werden wir erst dann wissen. Informiert haben wir allerdings schon einmal.

 28./31.07.2012

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