LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (17): Identität? Maybe.

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, Uncategorized by Karsten Schuldt on 29. Juli 2012

Karsten Schuldt

Von Zeit zu Zeit taucht die Frage auf, wie sich Bibliotheken, Bibliothekarinnen und Bibliothekare selber sehen, wie sie von anderen gesehen werden – und eigentlich auch, wie sie sich selber sehen sollten und gerne gesehen werden würden. (Obgleich letzteres auch einigermassen oft vergessen zu werden scheint.) Warum eigentlich? Warum eigentlich scheint das Bibliothekswesen einen Drang zu haben, über das eigene Bild zu reden? Nicht Selbstreflexion zu betreiben, sondern über das Bild seiner selbst zu reden? Diese Debatten führen ja interessanterweise nicht dazu, Berufsbeschreibungen zu verändern oder gar Abläufe. Es wäre eine Aufgabe über diesen ja wiederkehrenden Beweggrund nachzudenken.

Hier allerdings soll nur kurz ein Teilaspekt beachtet werden. Getrieben scheinen solche Diskussionen nämlich von der Vorstellung, dass es eine Identität des Bibliothekswesens und des bibliothekarischen Personals gäbe, welche missrepräsentiert würde. Missrepräsentiert im bibiothekarischen Diskurs und missrepräsentiert im öffentlichen Bild. Oft tönt es, es gäbe das Bild der „Psssssst“-machenden Bibliothekarin mit Dutt im Lesesaal immer noch (obgleich selten der Nachweis darüber geführt wird); wohingegen die Bibliothek heute ein offener Ort sei, die Bibliothekarinnen und Bibliothekare gesellschaftlich sich mitentwickelt hätten, gar zum Teil an der Spitze der Gesellschaft stehen was die Nutzung von Informationen und Technik betrifft, zum Beispiel (auch hier wird der Nachweis oft nicht geführt). Postuliert wird nun, dass diese Differenz ein Problem wäre. Ein Problem, weil die Gesellschaft eine falsche Vorstellung von Bibliotheken hätte. Aber auch ein Problem, weil die Bibliothekarinnen und Bibliothekare sich nicht so zu präsentieren trauten, wie sie sind.

Zu bemerken ist, dass bei dieser Argumentation einige Annahmen getroffen werden, die so selbsterklärend nicht sind, wie sie vorausgesetzt werden. So scheint es die Vorstellung einer einigermassen konsistenten Identität Bibliothekarin / Bibliothekar zu geben. Sicher: Wir sind alle unterschiedlich, dass akzeptieren wir auch. Aber dennoch scheint die Vorstellung auf, dass es zumindest einen Grundbestand an Vorstellungen und Eigenschaften gäbe, die (fast) allem im Bibliothekswesen teilen würden. Weiters wird davon ausgegangen, dass es ein Problem wäre, wenn die Identität einer Einrichtung nicht mit dem Bild der Einrichtung in der Gesellschaft übereinstimmen würde. Angestrebt wird implizit offenbar eine grösstmögliche Schnittstelle, als würde das Funktionieren von Bibliotheken davon abhängen, dass sie als die gesehen werden, die sie sind (wobei die Frage interessant ist, ob Bibliotheken im Gegenzug andere Einrichtungen so sehen, wie „sie sind“). Nicht zuletzt wird angenommen, dass das Eigenbild eine Relevanz hat, aber nicht erklärt wird, welche. Muss man, um in der Bibliothek als Personal „funktionieren“ zu können, eine Identität haben, die mit der Aufgabe übereinstimmt? Wie sehr muss die Übereinstimmung sein, wie sehr darf sie abweichen? Muss sie, so ja der Trend auf dem heutigen Arbeitsmark, möglichst vollständig mit dem gesamten Selbstbild eines Bibliothekars, einer Bibliothekarin übereinstimmen oder dürfen sie neben ihrem Beruf eine weitere Identität haben, die sie nicht einbringen müssen in ihre Arbeit?

Identität//Heimat{Neukölln, Berlin}. Beim Inder (desletztens noch ein Döner) sitzen, auf die Pizzeria mit dem unglaublichen Balkon obendrauf blicken, das urbane Leben anschauen.
Zwei allgemeine Merksätze hierzu, die vergessen werden, immer wieder einmal: (1) Identität setzt sich zusammen. Da ist kein Kern, der gleichbleibt, sondern ein Netzwerk aus Versatzstücken, teilweise gewählt, teilweise “da” , immer interpretiert. (2) Identität, insbesondere Heimatidentität, ist nicht an das ständige Da-sein gebunden. Und Identität ist nicht, niemals wirklich exklusiv, sondern steht neben mehreren Identitäten, auch in einer Person, gar einer Gruppe. Ach, Gruppenidentität… noch komplexer.

Diese Annahmen scheinen, werden sie differenziert, brüchiger zu werden. Auffällig ist zudem: Es gibt Theorien zur Identität, Selbstbild, Rückwirkung von Diskursen über sich selbst, kurzum: vor allem Subjektivität. Ein grosser Teil der Gender Studies, zum Beispiel, konstituiert sich um solche Fragenkomplexe. Und hier scheint die Verbindung nicht so natürlich zu sein. Wichtiger: Hier scheint auch das Problem, dass man anders gesehen wird, als man selber sein will (oder „ist“) anders. Es ist ein Problem, wenn es Probleme verursacht, aber es ist nicht zu verhindern per se. Die Aufgabe besteht eher darin, mit dieser Differenz – wenn es sie überhaupt gibt und nicht die angenommen subjektive Identität viel zu breit ist – auszuhalten. Produktiv, aber ohne unnötige Klage.

Worauf dies hinausgeht: Auf den einfachen Fakt, dass die immer wieder einmal auftauchenden Diskussionen um das Bild der Bibliothek und des bibliothekarischen Personals sehr verkürzt geführt werden (ohne das dies sein müsste), was eventuell dazu beiträgt, dass sie immer wiederkehren und dann ohne Ergebnis „untergehen“.

About these ads
Tagged with:

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. Pittman said, on 1. August 2012 at 10:22

    Zu bemerken ist, dass bei dieser Argumentation einige Annahmen getroffen werden, die so selbsterklärend nicht sind, wie sie vorausgesetzt werden. So scheint es die Vorstellung einer einigermassen konsistenten Identität Bibliothekarin / Bibliothekar zu geben. Sicher: Wir sind alle unterschiedlich, dass akzeptieren wir auch. Aber dennoch scheint die Vorstellung auf, dass es zumindest einen Grundbestand an Vorstellungen und Eigenschaften gäbe, die (fast) allem im Bibliothekswesen teilen würden. Weiters wird davon ausgegangen, dass es ein Problem wäre, wenn die Identität einer Einrichtung nicht mit dem Bild der Einrichtung in der Gesellschaft übereinstimmen würde. Angestrebt wird implizit offenbar eine grösstmögliche Schnittstelle, als würde das Funktionieren von Bibliotheken davon abhängen, dass sie als die gesehen werden, die sie sind (wobei die Frage interessant ist, ob Bibliotheken im Gegenzug andere Einrichtungen so sehen, wie „sie sind“). Nicht zuletzt wird angenommen, dass das Eigenbild eine Relevanz hat, aber nicht erklärt wird, welche. Muss man, um in der Bibliothek als Personal „funktionieren“ zu können, eine Identität haben, die mit der Aufgabe übereinstimmt? Wie sehr muss die Übereinstimmung sein, wie sehr darf sie abweichen? Muss sie, so ja der Trend auf dem heutigen Arbeitsmark, möglichst vollständig mit dem gesamten Selbstbild eines Bibliothekars, einer Bibliothekarin übereinstimmen oder dürfen sie neben ihrem Beruf eine weitere Identität haben, die sie nicht einbringen müssen in ihre Arbeit?


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 82 Followern an

%d Bloggern gefällt das: