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It’s the frei<tag> 2012 Countdown (25): Grossstadt Kleinstadt ländlicher Raum

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 22. Juli 2012

Karsten Schuldt

Ich habe große Städte gesehen / und habe die großen Städte immer geliebt, / ihre Frauen, ihre Bars, ihre / Dämmerungen vor dem Gebrüll / der Maschinen und dem Sturm / auf die Bastille, // Berlin, Paris, New York, / eine Straßenecke in Schöneberg / erregt mich tiefer / als der Schnee / auf dem Mont Blanc / oder die Wälder / im Untertaunus, // […]

[Jörg Fauser / Berlin, Paris, New York. In: Trotzki, Goethe und das Glück : Gesammelte Gedichte und Songtexte (Werkausgabe in neun Bänden, 7). Zürich: Diogenes, 2009, S. 174f.]

Ich persönlich lebe seit einigen Monaten pendelnd zwischen der schweizerischen Alpenstadt Chur und der Metropole Berlin. Dieses Leben führt zu einigen Erkenntnissen, die man nicht hat, wenn man nur in der Metropole alleine lebt (oder nur in Deutschland). Unter anderem diese: Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft, aber auch die rein auf die Praxis bezogenen Texte und Diskussionen im deutschsprachigen Bibliothekswesen, lieben die Grossstadt. Wie Jörg Fauser, wie ich auch. Aber gut ist das nicht unbedingt. (Zudem ignoriert sie oft die Realitäten in der Schweiz, Österreich, Liechtenstein, Südtirol und der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien, obgleich man aufgrund der gemeinsamen Sprache eigentlich viel voneinander lernen könnte.)

Was ich damit meine: Schaut man sich die Themen an, die in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft verhandelt werden und sich direkt auf die Gesellschaft, aber auch Zielgruppen, Bibliothekspolitik, Strategieentwicklung beziehen, merkt man schnell, dass nicht nur von den Autorinnen und Autoren die meisten aus grossen Städten kommen; sondern auch das die besprochenen Probleme und Lösungen sich fast vollständig auf die grossen Städte beziehen. (Und damit das klar ist: Das ist im schweizerischen oder österreichischen Bibliothekswesen nicht anders. Was in Zürich, Genf oder Basel abgeht, ist viel prominenter, als das, was in den rätoromanischen Talschaften passiert. Wien, Linz, Salzburg – aber nicht Klagenfurt, was allerdings eine andere Geschichte ist – sind weit präsenter, als es innerhalb Österreichs nötig wäre.)

Sicherlich wird man darauf hinweisen, dass ja auch die grossen Bibliotheken, die wenigen Forschungseinrichtungen, sich in den grossen Städten versammeln, dass auch die Personen, welche Forschung betreiben, sich lieber in grossen Städten tummeln (vielleicht tatsächlich auch, weil man in Berlin, Zürich, Wien ohne Probleme nach zwölf noch im Kaffee sitzen und schreiben kann, was zum Beispiel in Chur überhaupt nicht geht). Doch ist das wirklich ein Grund, dass über das Leben und die Bibliotheken in kleineren Städten und dem ländlichen Raum kaum bis gar nicht nachgedacht wird? Als gäbe es dort keine Entwicklungen, keine Probleme und vor allem keine Möglichkeiten, etwas zu verändern. Sicherlich: Die Stadt ist bunter, sie ist spannender, die Konflikte sind vielfältiger, die möglichen Netzwerke sind vielfältiger – oft genug habe ich das Lied der schnellen Stadt versus dem langsamen Land selber gesungen (und werde das auch weiter tun). Aber: Nur weil die Strukturen im ländlichen Raum überschaubarer erscheinen, sind sie nicht minder komplexer.

Rathenow, einer von diesen Grenzfällen. 25.000 Einwohnerinnen und Einwohner, “JWD bei die Nazis da hinten irgendwo”, wie man in Berlin vielleicht als Antwort auf die Frage kriegen würde, fragte man nach dem Weg nach Rathenow. Ein Stadt? Rein rechtlich selbstverständlich. Eine Stadt? Immerhin werden hier Ziegel hergestellt, die in der Landeshauptstadt prominent verbaut werden. Aber eine Stadt? Immerhin, historisch: Die Stadt hat sich aus dem umgebenden Landkreis herausgelöst, weil sie gross genug war. Doch gleichzeitig: Sie ist schnell durchlaufen. Ist man das Leben gewohnt in grossen Städten oder auf weiten Almen, ist diese Stadt eher ein Kleinraum, fühlt sich zu klein an. Wie sind den die sozialen Beziehungen hier? Kennen sich alle, wie auf den Dörfern, oder gehen sie sich aus dem Weg, wie in den Metropolen? Sieht man die Natur oder sieht man sie nicht? Alles stellbare Frage, die eines aber nicht verdecken können: Auch wer hier wohnt, hat ein Anrecht auf bibliothekarische Dienstleistungen. Vielleicht will er oder sie weg, zumindest in Gedanken. Dafür kann es der Bibliothek bedürfen. Oder aber die Person hat hier das individuelle Paradies gefunden. Auch dann ist eine Bibliothek sinnvoll, kann man doch nicht nur von Lebensgefühl leben. Und siehe da, im historischen Gebäude gibt es sie auch, die Stadtbibliothek Rathenow.

Es gibt Menschen, die sich dafür entscheiden, in kleinen Städten oder auf dem Dorf zu leben. Das ist ihr Recht. (Und zumindest in schweizerischen Dörfern kann man auch wirklich gut leben.) Elisabeth Bardill hat beispielsweise letztens ein Buch über 19 Frauen veröffentlichen, die sich grösstenteil ganz bewusst für ein solches Leben entschieden haben und das auch gut finden. (Elisabeth Bardill (2010) / Leben im Bergdorf. Frauen in Tenna. Tenna im Safiental: edition bardill) Ich gebe zu, dass mich deren Geschichten nicht überzeugt haben, auch diesen Weg zu gehen. Aber es war doch sichtbar, dass diese Frauen nicht auf dem Dorf bleiben, weil sie kein Interesse am Rest der Welt hätten oder sich nicht trauen würden, sich den Zumutungen der Moderne auszusetzen.

Gleichwohl gibt es auch Probleme, die im ländlichen Raum schwerwiegender sind, als in der Stadt. Reden wir gar nicht vom Schnee, der in Zürich nervig sein kann, in Chur vielleicht einmal den Zugfahrplan durcheinander bringt (aber sehr selten), in der Talschaften aber manchmal tagelanges Abgeschnitten-sein heisst. Reden wir von der Armut: Arm auf dem Land zu sein ist heute schwieriger und peinlicher, als in der Stadt. In Berlin arm zu sein, ist schwierig und nervig. Niemand will in diesem Zustand verharren. Wer es zu lange tun muss, verliert massiv an Lebensqualität. (In Zürich arm zu sein, ist noch schwieriger.) Aber es ist in gewissem Masse „normal“, es existieren viel mehr Nischen und Orte für Menschen in Armut. Auf dem Land fast nicht. Dies alleine sollte ein Ansporn sein, darüber nachzudenken, wie Bibliotheken nicht nur in der grossen Stadt, sondern auch in kleinen Ortschaften helfen können, die Gesellschaft gerechter zu machen.

Mit einigem Nachdenken werden sehr schnell hunderte von unbearbeiteten Fragen klar: Wie können Bibliothekssysteme im ländlichen Raum organisiert werden, um einen bestmöglichen Zugang zu Literatur zu schaffen? Wenn es keine richtigen Knotenpunkten des Öffentlichen Personennahverkehrs gibt, wie in der Grossstadt, wo sollen dann in kleinen Ortschaften Bibliotheken angesiedelt werden? Wenn es im ganzen Einzugsgebiet gerade mal 12 Jugendliche gibt – kann es dann eine Jugendarbeit der Bibliothek geben? Wenn die sozialen und persönlichen Netzwerke enger sind, als in der Grossstadt, was heisst das dann für die Bibliotheken? Und so weiter.

Dabei muss eines angemerkt werden: Nicht nur, dass es sehr wohl Kolleginnen und Kollegen in kleinen Städten und Ortschaften gibt (auch wenn die schwieriger zu erreichen sind, weil die zum Beispiel oft die Bibliothek schliessen müssten, um zum Bibliothekstag zu fahren), es gibt auch keinen Grund, warum man nicht in der grossen Stadt wohnen, aber in kleinen Ortschaften forschen kann. Vielleicht bedarf es der grossen Stadt, zumindest von Zeit zu Zeit, um den intellektuellen Austausch zu pflegen (Auch wenn man den anders organisieren kann. Bevor die Reformpädagogik ihren schlechten Ruf der letzten Jahre bekam – nicht zu Unrecht übrigens –, war es üblich, das darauf verwiesen wurde, dass sie in deutschsprachigen Ländern oft eher im kleinen Städten oder gar ganz abseits der Städte mehr gedieh, als in den Zentren. Gleichwohl war die Reformpädagogik auch eine intellektuelle Anstrengung.), aber das heisst nicht, dass man nicht auch darüber nachdenken und forschen sollte, wie Bibliotheken und andere Informationseinrichtungen anderswo funktionieren und funktionieren können.

Auch, wessen Herz am höchsten schlägt, wenn leichter Nieselregen um sechs auf einen fällt, während draussen vor dem Club die Sonne aufgeht und die S-Bahn laut anfährt, während er oder sie selber durch die grosse Strasse nach dem ersten offenen Kiosk torkeln, kann nicht ernsthaft denen, die lieber zwischen den Bergen oder auf dem flachen Land wohnen das Recht absprechen, von Bibliotheken profitieren zu sollen. Das ist jetzt vielleicht mehr Moral als Inhalt. Aber mehr habe ich zu dem Thema auch noch nicht zu sagen. Ich lebe das Leben zwischen Kleinstadt und Metropole noch nicht lange genug, um wirklich darüber nachgedacht zu haben.

2 Antworten

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  1. Susanne Brandt said, on 22. Juli 2012 at 07:42

    Das Thema “Bibliotheken im ländlichen Raum” stand 2010 im Mittelpunkt des von der Robert-Bosch-Stiftung und der Stefan Batory Stiftung geförderten Projekts „Small Libraries in Rural Areas – Local Activity Centres“ mit Teilnehmenden aus ländlichen Regionen in Belarus, Polen und Deutschland. Eine ausführliche Berichterstattung zu dem Projekt gibt es hier.

    http://www.acs-cbi.de/projekte/15-internationale-begegnungen/244-bibliotheken-mit-neuer-rolle.

    Viele der im Beitrag von Karsten Schuldt angerissenen Fragen sind bei dem trinationalen Projekt zur Sprache gekommen – vieles davon konnte dort nicht vertieft werden, blieb ungelöst, ließe sich weiterdenken und entwickeln…
    Inspiration und Anstöße bieten solche Begegnungen – neben einigen ganz konkreten Umsetzungsmöglichkeiten für die Praxis – allemal. Mir hat das Projekt in besonderer Weise deutlich gemacht, dass ein bewusstes berufliches Engagement auf diesem Gebiet mit wissenschaftlichem wie praktischem Austausch und Anspruch vor allem Visionen, Enthusiasmus, Offenheit, Lust zum Querdenken und Netzwerkeln braucht. Also bitte gern weiter solche Fragen stellen und drüber nachdenken, lieber Karsten Schuldt!

  2. Walther Umstaetter said, on 22. Juli 2012 at 15:49

    Ich entsinne mich gut an die Zeit, als man Menschen in laendlichen Gegenden nicht ganz unbegruendet als hinterwaeldlerisch betrachtete. Sie hatten oft keine klaren Vorstellungen vom Rest der Welt, weil sie nur ihr eigenes Umfeld kannten. Nur langsam gewannen sie Anschluss an die Welt, als sie durch Eisenbahn, Telefon, Autostrassen, Rundfunk, Tourismus und insbesondere das Fernsehen mit vernetzt wurden. Was man allerdings noch immer deutlich sehen kann, ist der mangelhafte Breitbandzugang zum Internet, so dass der Zugang zum Wissen der Welt noch immer nicht in alle entlegenen Doerfer kommt. Auch wenn es durchaus absehbar ist, wie weit dieser Mangel in naechster Zeit beseitgt werden kann, so wird das wachsende Problem dort sein, dass man auch die notwendige Informationskompetenz zur rechten Zeit dorthin bringt. Insofern ist die Mahnung Manfred Spitzers „Die Welt verstehen – Informationskompetenz als Herausforderung und Chance“ durchaus begruendet, auch wenn es fraglich ist, ob seine Vorstellung von Informationskompetenz mit der der Informationsspezialisten uebereinstimmt. Vor nicht all zu langer Zeit, waere man nicht auf die Idee gekommen, dass so grosse Massen des Weltwissens allgemein verfuegbar sind, so dass der unbedarfte Umgang damit zum eigentlichen Problem wird – in Stadt und Land.

    MfG

    Walther Umstaetter


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