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It’s the frei<tag> 2012-Countdown (27): Unleserlichkeit / Illegibility. Pamela M. Lee über Meyer Schapiro

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 20. Juli 2012

von Ben Kaden

„Then I will be very happy: write furiously rapid notes  …” (Brief Meyer Schapiro an Lilian Schapiro, 21.Juli 1927. Zitiert nach Daniel Esterman (Hrsg.): Meyer Schapiro abroad: letters to Lillian and travel notebooks. Los Angeles: Getty Research Institute, 2009. S. 96)

Pamela M. Lee, Kunst- und Kulturwissenschaftlerin in Stanford, befasst sich in ihrem Aufsatz für die Documenta (100 Notizen – 100 Gedanken, No. 030. Ostfildern: Hatje Cantz, 2011) mit einem Thema, dass jedem nahe steht, der wild denkt und seine Notizen nach wie vor nicht nur als diszplinierten (=maschinenlesbaren) Code in Twitterfeeds und Smartphone-Apps einträgt, sondern auf Papier fixiert: Der Unleserlichkeit.

Und die Autorin setzt mit einem beneidenswerten Optimismus ein:

„[…] wenn wir auf Notizen stoßen, und vor allem, wenn diese unleserlich sind, ob nun von anderen oder von uns selbst verfasst, beginnen wir, ihre Funktion bei der Überlieferung, ihre offenkundige Rolle als Niederschrift zu hinterfragen.“ (S. 16)

Viel mehr bleibt uns mangels Zugang zum gefassten Inhalt ja auch nicht übrig. Informationstheoretisch handelt es sich bei unleserlichem Text dieser Art eigentlich nur um Rauschen. Dass die Auseinandersetzung mit diesem gesonderte intellektuelle Produktivität stimuliert, uns also eventuell gar berauscht, kann ich persönlich kaum nachvollziehen. Gerade bei meinen eigenen Notizen überfällt oft eher eine Katerstimmung und ich ärgere mich, von der Motorik anscheinend nur die groben Züge als genetische Mitgift erhalten zu haben.

Aber wenn wir im Essay weiterlesen und Pamela Lees eigentliche Perspektive zur „Semiotik der Unleserlichkeit“ erfassen, wird es ein wenig heller. Denn sie liest das Unleserliche in der Tat nicht auf den eigentlichen Inhalt, sondern als Verweis auf den dahinterstehenden Denkprozess, also auf eine Situierung vollzogener intellektueller Aktivität. Der Federstrich (oder die Ballpoint-Linie) stehen für die Verkörperung des Bemühens, einem Gedanken oder Eindruck Form zu geben. Und damit öffnet sich ein großer Analyseraum, der viel über die spezifische geistige Arbeit der jeweils analysierten Einzelakteure offenbaren kann. Oder ihre präferierten Schreibwerkzeuge. Oder über den Ort, an dem sie Notizen verfertigen (Eine Notiz, die auf einer Straßenbahnfahrt entsteht zeigt selbst in derselben Handschrift andere Züge und mitunter auch die Spur eines abrupten Bremsens.) Pamela Lee zieht für die Analyse sich selbst sowie den Kunsthistoriker (und zeitweiligen Redakteur von Semiotica) Meyer Schapiro heran:

„Die Untersuchung beginnt in meiner eigenen Bibliothek. Ich nehme ein Buch aus dem Regal […] [das] ich mir vor über zwanzig Jahren als Studentin gekauft habe. Beim Durchblättern stoße ich auf Passagen, die energisch unterstrichen und mit Sternchen markiert sind. Die wenigen leeren letzten Seiten des Buchs sind mit allen möglichen Notizen in unterschiedlichen Schriftarten gefüllt. […] Das Ganze sieht aus wie ein […] verfehltes Experiment in Konkreter Poesie.“ (S. 17/18)

Aus diesem Eindruck stellt sich ihr (zum ersten Mal) die Frage, aus der sich die Eingangsthese speist, nämlich welchen Zweck eigentlich Notizen haben (können), die sich der Leserlichkeit (zu unterscheiden von der Lesbarkeit) entziehen? Was also ihren Wert jenseits der inhaltlichen Aussage bestimmt?

Rein semiotisch gedacht betrachten wir damit die mögliche Deutbarkeit solcher Spuren als (genuin) indexikalische Zeichen. Sie referenzieren direkt auf akteurs- und kontextspezifische Eigenschaften, also eine besondere pragmatische Dimension: die Erzeugung von Spuren. Orientieren wir uns an Peirce berühmtem Beispiel des Fußabdrucks am Sandstrand bei Robinson Crusoe, dann zeigt sich natürlich auch eine verwischte Randbemerkung als „mixed sign“ mit verschiedenen Verweisebenen: Von der Tatsache der Lektüre an sich bis hin zum abstrakten Konzept der Annotation. Das alles aufzudröseln ist freilich keine Sache von wenigen Seiten und so sieht man Pamela Lee nach, dass sie es in ihrem Aufsatz unterlässt.

Lieber greift sie – mit einem kurzen Umweg über Sigmund Freud –nachvollziehbar zu Jacques Derrida und sieht in ihren Supplementen am Textrand eine Verstärkung (man könnte auch sagen: den Beweis) der Anwesenheit des Lesers. Die in der Regel immer als Code leserlichen Annotationen und Markierungen (Like-Button) der digitalen Kommunikationswelt enthalten naheliegend zahllose Anknüpfungspunkte für das Weiterdenken dieser Präsenztheorie. Dieses müssen wir ebenfalls selbst leisten, denn Pamela Lee steigt weiter ins Archiv Meyer Schapiros. Dabei formuliert sie die ebenfalls mehrschichtige Frage, was wir eigentlich erwarten, wenn wir uns mit den Nicht-Publikationen – also Notizen, Briefen, Entwürfen und Manuskripten – eines Wissenschaftlers befassen?

Sie unterscheidet zwei Ziele:
(1) Das Auffinden von Material zum Stützen einer Hypothese.
(2) Die „Hoffnung […], zu unserem Thema etwas vollkommen Neues und Merkwürdiges zu entdecken – etwas, das früheren Interpretationen den Boden entzieht und zu einem Wechsel kanonischer Paradigmen führt.“ (S. 19) Also im Prinzip ein Beleg zum gnadenlosen Wegschlagen der Stützpfeiler einer Hypothese.

Als dritte Option würde ich als Freund der Serendipity noch die Variante des Findens der Grundlage für die Ausfertigung einer Hypothese betonen. Und die vierte Variante führt Pamela Lee wieder selbst ins Feld, nämlich „über den Notizen einer historischen Figur zu grübeln und festzustellen, dass sie kaum brauchbare Informationen abwerfen“. (ebd.) Aber vielleicht stattdessen die Forschungsfrage umwerfen. In der Auseinandersetzung mit Archivmaterial langsam aber unvermeidlich in Richtung einer grundlegenden Falsifikation des eigenen Forschungsansatzes zu rutschen, ist womöglich eine der grausamsten Facetten wissenschaftlicher Alltagsarbeit.

Meyer Schapiros Nachlass zwang nun Pamela Lee ein wenig in die Knie, ist doch „die Unleserlichkeit ein wesentliches Merkmal seines Archivs“ (S. 20). Und: „Die Menge der Notizen, die sich im Lauf eines Lebens angesammelt haben, ist beängstigend, und ihre schwere Lesbarkeit ist einschüchternd.“ (S. 21) Dazu kreist über allem die immer wieder berühmte Kinderfrage Gottfried Benns: Wozu?

Pamela Lee differenziert sich diese in Fortführung der bereits anhand ihrer eigenen Notizen aufgekommenen Überlegungen und eröffnet damit ein wunderbares archivwissenschaftliches Forschungsfeld, das dabei helfen könnte, über die Kriterien des Bewahrens zu reflektieren:

(1) Worin liegt der praktische Zweck dieser „besonderen Sammlung von Notizen, deren überwältigende Mehrheit unentzifferbar ist“? (ebd.)
(2) „Welcher Art von Wissen vermitteln oder produzieren diese Notizen?“ (ebd.)
(3) „Wie sollen wir sie nutzen?“ (ebd.)
(4) „Wie hat Schapiro sie genutzt?“ (ebd.)

Doch auch die Antworten darauf bleiben eher Andeutungen von Antworten.

Das Konvolut im Archiv und seine Verfasstheit ließen sich sicher selbst als Dokument und Dokumentation sehen, die geradewegs andere Aspekte (die konkrete Arbeitsweise, die Entwicklung der Arbeitsweise) in den Mittelpunkt einer Analyse rücken. Pamela Lee betont denn auch den generellen historiografischen Wert der Sammlung. Das einzelne Element erscheint ihr jedoch als Träger von „Codes ohne Botschaft“. Also als buchstäblich sinnlos.

Möglicherweise aus dem Widerstreben, eine solche Einschätzung einfach stehen zu lassen, dehnt sie anschließend das Phänomen der Unleserlichkeit zum „faktischen Widerstand gegen ihre Unterordnung unter die Vernunft.“ (ebd.) Damit holt sie schon ziemlich weit und wird sich irgendwann auch selbst nicht mehr einholen.

Wenn sie nämlich schließlich die selbe Unleserlichkeit, dieses „Zeichen für die Irreduzibilität der Notizen, für das Scheitern des leichten Konsums“ als (implizit geäußertes) Ausleben des Widerstands gegen die Illusion einer Semiotik als Werkzeug zur „bruchlosen Interpretation“ und die „Überdeterminiertheit ikonografischer und textueller Lesarten“ anführt, dann wirkt das zwar sehr sympathisch und ich wünschte, ich könnte meine Notizbücher als Subversion (mutmaßlich auch gegen mein eigenes Denken) lesen.

Aber solch eine nachgeschobene Selbstrechtfertigung ist wenig glaubwürdig. Und in gleicher Form wirkt Pamela Lees Schlussfolgerung wenigstens in dem vorliegenden Essay eben auch als Notlösung, um aus dem Scheitern an der Handschrift noch irgendetwas Begreifbares heraus zu meißeln.

Das Lob der Widerspenstigkeit gegen die Vereinnahmung und das Postulieren eines „unbeabsichtigten Affront gegen den Druck, unter dem intellektuelle Arbeit heutzutage [sic!] stattfindet“ angesichts unleserlicher Mitschriften, die während der Second International Conference on Semiotics (12. bis 19.09.1967 in Kazimierz na Wisla) entstanden, erscheinen doch eine Drehung zu wohlwollend (bzw. psychologisierend). Denn möglicherweise hat sich Meyer Schapiro auch einfach nur ein bisschen während der Vorträge gelangweilt. Unglücklicherweise – für den Aufsatz – beginnen die Leser spätestens an dieser Stelle Funktion und Rolle dieses Aufsatzes zu hinterfragen.

Unleserlichkeit

Unleserlichkeit ist ein Anagramm von Urteilchen Silke (und vice versa) und wie diese Zeichenkette nur schwer hinsichtlich einer Bedeutung entzifferbar. Aber gerade Geistesarbeiter in den tiefen Stollen der Handschriftenarchive begeben sich, mit welcher Motivation auch immer, dennoch regelmäßig in diese ermüdende Sinnsuche in den Textspuren der Anderen. All diesen ist das nachfolgende Gedicht gewidmet, das zeigt, wie nahe Wissenschaft, Romantik und die Urgründe des Daseins einander stehen (können).

Nur zwei Dinge (Wissenschaftsremix)

Durch so viel Spuren gegraben,/durch Text und Bild.. Und nu`?/
Was uns noch bleibt, ist verzagen./Und die ewige Frage: wozu?/ Das ist eine Kinderfrage./ Dir wurde erst spät bewusst: / es gibt nur eines: ertrage /
– ob These, Gesetz, Forschungsfrage – / dein fachbestimmtes: Du musst. /
Ob Lee, Schapiro, ob Kaden, /wer etwas per Hand schreibt, verschmiert, /
es gibt nur zwei Dinge: die Lagen / und das drauf verzeichnete Hier.

Dass eine Form von Wissenschafts-Fadesse Meyer Schapiro nicht zwingend fremd gewesen sein muss, deutet immerhin auch eine Passage in dem bereits eingangs zitierten Brief an Lilian an:

„The minuteness of such work becomes ridiculous […] that I despair of its seriousness. […] I know that after 1000 monographs have exhausted a million details, their blurred image will make a fine picture for the people who are taken by those things, May they be taken by other things. The professional habit becomes so strong that vanity is reinforced each moment by simple success of its preoccupations. The humility of unpaid, unsung scholarship is a foolish tale: I am overwhelmed by the libraries of the world which surely contain 10,000,000 monographs – & the books, stores & quais […] What business man has the circulation of a poor thesis? the discussion, the review, the endless citation & recollection of his existence in footnotes & polemics?” (ebd.)

Vielleicht ist Pamela Lee also doch auf der richtigen Fährte und die Unleserlichkeit der privaten Notizen Meyer Schapiros diente als ein in die Zukunft gerichtetes Bollwerk um zu verhindern, dass irgendwann noch das kleinste Detail zum Forschungsgegenstand erhoben wird. Nun denn – der Aufsatz als Tatsache (nicht unbedingt sein Inhalt) zeigt:  Diese Schanze hielt ganz offensichtlich nicht stand.

Berlin, 17.07.2012

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6 Antworten

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  1. Walther Umstaetter said, on 21. Juli 2012 at 15:08

    Noch eine Nachbemerkung zu frei2012. Es gibt eine alte Gefahr in der Wissenschaft, die darin liegt, dass Probleme bei ihren Loesungsversuchen komplizierter gemacht werden als sie sind. Das fuehrte zu den vielfaeltigen Ueberlegungen im Zusammenhang mit Occam’s Razor. Insofern sollte man bei LIBREAS und bei den Ueberlegungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft diese Gefahr moeglichst vermeiden. Auch wenn es oft verfuehrerisch ist, Probleme in ihrer Kompexitaet highly sophisticated darzustellen, um ihre Wissenschaftlichkeit beonders hervorzuheben, Einsteins E=mc^2 ist weitaus beeindruckender (wenn man darueber genauer nachdenkt) als die Vielzahl von Abhandlungen ueber pseudowissenschaftliche Energien in unserer Natur.

    MfG

    Walther Umstaetter

    • Ben said, on 22. Juli 2012 at 09:35

      Besten Dank für die Ergänzung. Der Ziel dieses Beitrags – und sowieso der meisten Beiträge des freitag-Countdowns – liegt weniger in Wissenschaftlichkeit, als im Explorieren. Man kann den Aufsatz von Pamela M. Lee ohne Probleme als aussagearm und irrelevant in nahezu jeder Hinsicht abtun. Mich fordert er aber gerade deshalb heraus und daher versuchte ich, ihn irgendwie aufzuschlüsseln. Die Methode dahinter kann freilich nur eine freie Assoziation – womit ich Pamela Lees Verfahren wiederhole.

      Das Ergebnis und also der oben stehende Text ist dann tatsächlich mehr auf Seiten des Feuilletons als der Wissenschaft. Was aber nicht bedeutet, dass er für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft keine Anregungen zum Weiterdenken enthalten soll. Denn das beschriebene Phänomen eines Blicks in die eigendokumentierte Erkenntnispraxis von Wissenschaftlern scheint für die Auseinandersetzung mit der Entstehung von wissenschaftlichen Publikationen durchaus relevant.

      Und damit verbunden stellt sich die Frage nach dem Medienwandel: Unleserlichkeit in dieser Form gibt es in digitalen Notizkulturen nicht mehr. Und wird nicht nur digital sondern online notiert (z.B. in Lektüre- und Notiz-Blogs), dann verschwimmt die Grenze zwischen Publikation und den Vorarbeiten dazu.

      Das Reinkonzept von LIBREAS trägt dem übrigens Rechnung: Genau diese Vor- und Zwischenstufen sollen ihren Platz im LIBREAS-Weblog finden. Die aufgearbeiteten Publikationen, die den Anspruch eine größeren inhaltlicheren Reife, vielleicht auch einer höheren wissenschaftlicheren und formalen Solidität besitzen, sollen in die Zeitschrift. Dass diese Trennung in der Praxis nicht unbedingt eingehalten werden kann, liegt einerseits vielleicht in der Natur der Sache. Und andererseits vielleicht in der Natur des Publikationsverhaltens und -verständnis der hier Aktiven, die, durch Web 2.0 und Social Media geprägt, Wissenschaftskommunikation zunehmend als Konversation begreifen und praktizieren und damit eine definierende und auf formal abgeschlossenen Veröffentlichungen aufbauenden Form des Wissenschaftsdiskurses zwar als wichtig akzeptieren, ihre Bedeutung jedoch als zunehmend relativiert ansehen. Die darin eingeschlossene These erscheint mir zentral für die Frage, wie sich Wissenschaftskommunikation verändert. Und wie Bibliotheken darauf reagieren.

      In einem zugespitzten Szenario könnte die Entwicklung vielleicht dahin gehen, dass wir auf der einen Seite große, tiefenerschlossene Datenbestände haben, aus denen auf der anderen Seite zahllose kleine und in verschiedene Richtungen zielende temporäre Interpretationen erfolgen und permanent diskutiert werden. Publikationen fassen diese Deutungen und Argumentationen eventuell sogar in festen Zeitabständen als gesichertere Referenzpunkte zusammen, zielen aber selbst nicht mehr Innovation, sondern nur auf Kumulation und Dokumentation. (Beispielsweise in eine aktualisierten Form von Referatemedien, die nicht mehr Publikationen, sondern Argumente, Schlüsse und Diskussionen sammeln, ordnen und in dieser Ordnung verfügbar machen.)

      So wie es in bestimmten Geisteswissenschaften kanonisierte Texte gab und gibt, die über zeitstabil neu gelesen werden, so könnte ich mir vorstellen, dass es auch einen Kanon von Open Data-Datensätzen gibt, mit denen alle Disziplinen ähnlich verfahren. Messende und interpretative Disziplinen verschmelzen demnach. Und zwar nicht nur in der Form, dass sich Geisteswissenschaften zunehmend quantitativer Verfahren bedienen. Sondern auch, dass eine Form von Daten-Hermeneutik (möglicherweise mehr in Anschluss an die so genannte Objektive Hermeneutik) in die anderen Disziplinen dringt. (Implizit spielt nach meiner Erfahrung Interpretation seit je fast überall die entscheidende, nämlich Schlüsse grundierende Rolle. Nur erfolgt dieser methodische Schritt oft nicht zureichend reflektiert, d.h. im Bewusstsein, dass eine Schlussfolgerung immer ein interpretatives Moment enthält, das man auch methodologisch elaborieren kann.)

      • Walther Umstaetter said, on 24. Juli 2012 at 07:15

        Es ist sicher richtig, dass durch die erheblich erleichterte Verbreitung (Publikation) von Ansichten, Erfahrungen, Ueberlegungen, auch in den Social Media, “Wissenschaftskommunikation zunehmend als Konversation” begriffen wird. Trotzdem wird man sich aber insbesondere im wissenschaftlichen Bereich, bei zunehmender Informationskompetenz, hueten, zu viel Unsinn mit dem eigenen Namen zu verbinden. Da hat sich im Prinzip, gegenueber den alten Printmedien, nicht viel veraendert. Bekanntermassen wird bei Einstellungen zunehmend die Praesenz der Bewerber im Internet beruecksichtigt.

        Das hat viel Aehnlickeit mit den herkoemmlichen Diskussionen auf Tagungen, auf denen sich Wissenschaftler schon immer bewaehren mussten.

        Dabei duerfte es sogar recht hiflreich sein zu sehen, wie sich bestimmte Wissenschaftler/innen in der schriftlichen Diskussion (“Konveration”) verteidigen, wie sie argumentieren und wie weit sie auch wirklich neue Erkenntnisse vorzutragen haben.

        Walther Umstaetter

  2. Ben said, on 24. Juli 2012 at 21:46

    Trotzdem wird man sich aber insbesondere im wissenschaftlichen Bereich, bei zunehmender Informationskompetenz, hueten, zu viel Unsinn mit dem eigenen Namen zu verbinden. Da hat sich im Prinzip, gegenueber den alten Printmedien, nicht viel veraendert. Bekanntermassen wird bei Einstellungen zunehmend die Praesenz der Bewerber im Internet beruecksichtigt.

    Ich habe ein wenig den Eindruck, dass dies mehr oder weniger direkter Hinweis an mich persönlich ist. Ich bin in dieser Hinsicht jedoch ziemlich gelassen, da dahingehend ohnehin schon unrettbar im Web “profiliert”. Problematisch erscheint mir das aber nicht, denn ich schreibe nichts, was ich nicht auch vertreten könnte. (Ich korrigiere mich auch bereitwillig, wenn es eine mich überzeugende Gegenrede gibt.)

    Generell schreibe ich sehr gern über alles, was mich interessiert und dies nicht zuletzt aus dem Grund, weil ich zunächst einmal davon ausgehe, dass sich ein großer Teil der interessanten Entwicklungen unserer Gesellschaft – um die es letztlich in der Bibliothekswissenschaft gehen muss – an Stellen vollzieht, an denen man sie auf den ersten Blick gar nicht vermutet. Es handelt sich sozusagen um ein radikalisiertes Scattering, dass auch z.B. Literatur als Erkenntnisgefäß (und zwar nicht nur mit literaturwissenschaftlicher Tönung) berücksichtigt.

    Abgesehen davon ist jemand, der mich nicht einstellen sollte, weil ich mein Staunen über Pamela Lees Unleserlichkeit ins Netz geschrieben habe, fraglos auch niemand, mit dem ich im Arbeitsalltag gut harmonieren würde. Daher hilft diese Konsequenz beiden Seiten gut weiter. Ich denke zudem, dass EntscheiderInnen mit der zu ihrer Position gehörenden Weitsicht und Kompetenz hier genügend zu differenzieren wissen.

    Man darf auch nicht vergessen, dass ich mich mit meinen Beiträgen im LIBREAS-Weblog zumeist zielstrebig in Richtung einer Textgattung bewege, die man als Kulturkritik bezeichnen kann. Den Wissenschaftsbegriff muss man an dieser Stelle m.E. nicht zwingend bemühen, geht doch eine dekonstruierende Assoziation wie die obenstehende wissenschaftlich gesehen höchstens noch als Weiterführung dessen durch, was man im Anschluss an Richard Rorty als Post-Philosophie bezeichnet und das sich – hoffentlich gut erkennbar – in der Grauzone zu Feuilleton und Literatur bewegt. Das heißt nicht, dass ich auf einen Erkenntnisanspruch völlig verzichte. Getreu meiner unverkennbaren Neigung zu textualistischen Annäherungen an Erkenntnisobjekte nehme ich bisweilen gern mal einen in unserem Fach weniger beschrittenen Weg und wähle andere Darstellungsformen. Wenn wir also in diesem Kontext noch von Bibliothekswissenschaft sprechen wollen, was ich ja tatsächlich mitunter tue, dann vielleicht von Bibliothekswissenschaft “as a kind of writing (PDF).”

    Ich bin mir völlig bewusst, dass man mit einer praktischen Sveltezza (im Lyotard’schen Sinne, vgl. dazu u.a. Wolfgang Welsch (1987): Heterogenität, Widerstreit, Vernunft. Zu Jean-François Lyotards philosophischer Konzeption der Postmoderne. In: Philosophische Rundschau. 3 (34) S. 161-186) in unserer Disziplin nicht nur auf Gegenliebe und Begeisterung stößt. Da aber LIBREAS ausdrücklich auch als Spielwiese für diverse Formen der Kommunikation gedacht ist, sollte dies in einer fairen Kommunikationskultur wenigstens sachlich als das akzeptiert werden, was es ist. Und keine unsachlichen Folgen für Einstellungsverfahren gleich welcher Art zeitigen.

    • Walther Umstaetter said, on 25. Juli 2012 at 06:13

      Nein, das war in keiner Weise persoenlich gemeint. Denn ich bin durchaus davon ueberzeugt, dass es stimmt, wenn Sie schreiben “denn ich schreibe nichts, was ich nicht auch vertreten könnte.” Ich bezog das durchaus aufden gesamten “wissenschaftlichen Bereich”, und darauf, dass LIBREAS sinnvollerweise eine Plattform fuer moeglichst viele informationswissenschaftliche Stimmen sein sollte, da das veraltete Peer Reviewing und damit die Limitierung von Publikationen durch quasi Papiermangel inzwischen obsolet geworden ist. Es ist aber natuerlich durchaus richtig, dass Sie da mit einbezogen sind, und dass auch Sie sich mit Ihren Publikationen proflilieren. Insofern sind Sie fuer meine These ein gutesBeispiel.

      Walther Umstaetter

  3. [...] quantitativer und metrischer Verfahren mit interpretativen, wie ich es jüngst in einem Kommentarthread, skizzierte:  „In einem zugespitzten Szenario könnte die Entwicklung vielleicht dahin gehen, [...]


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