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It’s the frei<tag> 2012 Countdown (29): Daten, Wissenschaft und Bibliotheken

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Referate by Ben on 18. Juli 2012

Ben Kaden

(Der LIBREAS-frei<tag>-Countdown tickt herunter und wofür könnte man ihn besser nutzen, als all die Texte, die man immer schon einmal lesen und annotieren wollte, nun endlich vom Schreibtisch herunterzuarbeiten. Wenn sich daraus zusätzlich Impulse, Anregungen und Themen ergeben, ist das umso besser. Insofern sind all diese Beiträge wie immer auch als Angebot zur Diskussion und als Ausgangspunkt für Widerspruch und Gegenrede zu verstehen. All dies kann gern selbst auch als Countdown-Text hier unterschlüpfen. Wir haben nämlich noch unbesetzte Termine, die ansonsten von den üblichen Verdächtigen nach und nach befüllt werden. Nachstehend notiere ich einige Gedanken in Anschluss an einen Aufsatz aus dem hochinteressanten ersten Jahrbuch der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft. Eine ausführliche Besprechung des Titels wird (hoffentlich) zeitnah folgen.)

Oft bekommt man, nicht zuletzt aus der Ecke der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, gesagt, dass so etwas wie die Hermeneutik und andere deutende und interpretierende Verfahren angeknockt sind und im Countdown so langsam heruntergezählt werden, bis sie schließlich im Rauschen der Mustererkennung in den Korpora und Grids verschwinden. Die Fixierung auf das Berechenbare, zumal mittlerweile in ästhetisch angenehmer Darstellbarkeit, bildet den scheinbar erfrischenden Gegenpol zur Relativität und Unabgeschlossenheit der Deutung durch den Menschen, wie sie in solchen Zeilen zutage tritt:

„Auch die beste Interpretation berge ganz natürlich einen Keim für weitergehende Deutungen, und an keinem Punkt des Prozesses läßt sich endgültig feststellen, was eigentlich gemeint ist […] Jeder Interpret meint vielleicht zwar, seinen Gegenstand oder sein Gegenüber endgültig verstanden zu haben. Mit nur ein wenig historischem Abstand zeigt sich aber dann schon wieder, daß eine jede solche Sicherheit verfrüht sein muß und immer neue Deutungen für sich ein Besser-Verstehen beanspruchen und gegenüber den Vorgängern einklagen.“ (Martin Gessmann in seinem Nachwort zu Jaques Derrida/Hans-Georg Gadamer (2004): Der ununterbrochene Dialog. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S.102)

Kurven und Raster dagegen, so könnte man mit einer Art informatischem Neopositivismus ergänzen, basieren auf knallhartem empirischen Material, sind daher unhintergehbar und lassen in der Darstellung keinen Zweifel zu. Dass dabei das Problem der Interpretation bleibt, wird bedauerlicherweise oft vernachlässigt, aber dort, wo die Abbildung zum farbenfrohen objektiven infographischem Ornament wird, ist das auch vielleicht gar nicht mehr nötig.

Den Bibliotheken kann es fast gleichgültig sein, denn als Dienstleister der Wissenschaft halten sie sich seit je mit eigener Interpretation zurück, auch wenn sie beispielsweise bei der Sacherschließung permanent die Grenzen dieser Zurückhaltung zu reflektieren haben. Dennoch bleibt unbestritten: Die Bibliothek dient der Wissenschaft.

Und Wissenschaft wird, so Gerhard Lauer in einem Aufsatz im ersten Jahrbuch der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft (Bibliothek aus Daten. In: Kodex 1-2011. Wiesbaden: Harrassowitz, 2011. S. 79-85), heute von Daten und Datenverarbeitung dominiert. Das führt nun, Luciano Floridis Konzept der Re-Ontologisierung im Hinterkopf, nach der in mehr oder weniger Regelkreisen wissenschaftliche Daten selbst zu Entitäten der Welt werden, die den Umgang mit eben dieser Welt verändern, dazu, dass die wissenschaftlichen Fragestellungen des 21. Jahrhunderts sehr auf diese Datenprozesse zugeschnitten sind.

Tony Hey aus der Forschungsabteilung von Microsoft spricht von einem vierten Paradigma – nach dem ersten der experimentellen Wissenschaft, dem zweiten der theoretischen Wissenschaft und dem dritten, der rechnenden Wissenschaft. Was nebenbei darauf hindeutet, dass datenintensiv operierende Industriezweige dazu neigen, bestimmte Ansätze in die Welt zu bringen. Und zwar solche, die für ihre Business-Pläne besonders gut passen. Ohne Zweifel ist E-Science heute das dominante Konzept, welches auch sukzessive in die Geisteswissenschaften hineinwuchert. Was erstaunlicherweise ein wenig fehlt, ist die Öffnung zum kritischen Hinterfragen überhaupt der Paradigmenkette, die als Erklärungsmodell von Erkenntnismethoden doch arg reduziert wirkt.

Gerhard Lauer stellt sich diese Fragen nicht, sondern erhebt in seinem Aufsatz Daten allgemein zum Schicksal der Wissenschaft, woraus sich für wissenschaftliche Bibliotheken als Dienstleister der Wissenschaft ergibt, dass sie Daten zum Wohle und im Interesse der Wissenschaft – also möglichst nachhaltig und offen verfügbar – sammeln, erschließen und verfügbar machen. Grids und Repositorien sind die Strukturen der Stunde.

Tatsächlich scheint bei Annahme der Datenhegemonie als wissenschaftlichem Leitbild die Entwicklung von Verarbeitungsverfahren unverzichtbar, die den Bibliotheken bei ihrer dann folgerichtig neuen Aufgabe des umfänglichen Dateneinhegens und Nutzbarhaltens zur Verfügung stehen.

Denn die Datenmenge wächst in einem Umfang dass uns langsam die Metaphern ausgehen. Gestapelte CD-Türme höher als der Mont Blanc sind schon aufgrund des Aussterbens der CD nicht mehr anschaulich. Zumal vorausgesetzt wird, dass der Leser irgendetwas Anschauliches mit dem Granitmassiv assoziieren kann. (Momentan dürften es Lawinenabgänge sein, die diejenigen unter sich begraben, welche versuchen, diesen Berg – übrigens auch mit der besten verfügbaren alpinen Ausrüstung – zu erklimmen. Was das für unseren Umgang mit Datenmengen bedeutet, mag sich jeder selbst ausdenken. Und zugleich einmal darüber reflektieren, wo die Grenzen derartiger Metaphern als Mittel der Informationsvisualisierung liegen…)

In jedem Fall dürften die Bandbreite sowohl geographischer wie astronomischer Metaphern bald ausgeschöpft sein. Denn sämtliche Sterne des Universums zusammen können rein additiv mit der Zahl der produzierten Bits des Jahres 2010 nicht mehr konkurrieren. Dennoch strahlt natürlich der Große Wagen etwas ganz anderes aus, als das große Wagnis, die zusammengesammelten Zetabits Datenmaterial in eine durch den Menschen lesbare Form zu bringen.

Sofortbild - Countdown

Wie viel Bit Information steckt in einem Sofortbild? Und sprechen wir besser von Datenmassiven oder Informationsfluten? Vielleicht kann und/oder sollte auch die Metaphorologie der digitalen Beschreibungsmodelle Teil des Programms des frei<tag> 2012 werden.

Auch Bibliotheken waren einmal Metaphern, allerdings nie für Daten und immer für Wissen. Nun stellt sich die Frage, wie sich die dereinst printzentrierten Bibliotheken im Rahmen der digitalen Datenproduktion verorten (lassen). Für Gerhard Lauer heißt die Antwort: die digitale Medienkonvergenz führt auch zu einem Zusammenwachsen von Bibliothek, Museum (traditionell Speicherort aller buchhaften Dokumente) und Rechenzentren (die Datenexperten per se). „Daten gehören zum Sammelauftrag der Bibliotheken“ (S. 81), so die These, die ihren Bezug zum Wissen allerdings aus der Tatsache zieht, dass die Verarbeitungsprozesse der Daten selbst auf einem Vorwissen und Urteilen (bzw. Vor-Urteilen) beruhen. Dieses Urproblem hält sich und präsentiert sich in neuer Form, wenn man der Annahme Gerhard Lauers zustimmt, dass es den Bibliotheken (in Kooperation mit Rechenzentren, Museen und den sicher noch sinnvoll hinzuzufügenden Archiven) perspektivisch vorwiegend um die Datenverarbeitung gehen sollte.

Es soll aber auch Stimmen geben, die davon ausgehen, dass eine andere Wissenschaft als die datenintensive möglich ist, sein wird und sogar sein muss. Die Aufgabe der Bibliothekswissenschaft wäre es nun, diese möglichen Positionen so zueinander in Beziehung zu setzen, dass sowohl den Anforderungen der Fächer eines vierten Paradigmas wie auch Normalwissenschaften mit ganz anderen Innovationsansprüchen durch die Bibliothek als Dienstleister Rechnung getragen wird. Und selbst wenn dem nicht so ist, wird die Hermeneutik der Datenanalyse, also die digitale Hermeneutik, sich vor ähnlichen Problemen sehen, wie eine Hermeneutik, die sich auf die alten Schriften bezieht. Hier und dort geht es um die Ausdeutung dessen, was wir als Fundament unserer Daseinswelt anerkennen. Und selbstverständlich entspringt die fruchtbare Entwicklung einer zeitgemäßen Wissenschaft nicht einer Affirmation des Verfahrens, sondern in der (de)konstruktiv-kritischen Auseinandersetzung.

Berlin, 17.07.2012

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2 Antworten

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  1. [...] nicht mehr allein manageriale Fähigkeiten voraussetzt. Dieser Umstand wird besonders vor dem hier erwähnten 4. Wissenschaftsparadigma interessant, wenn es darum geht fremde Wissenswelten in vorliegenden Daten zu erkunden, ganz gleich [...]

  2. [...] als zukünftig hegemoniale Größe für Geisteswissenschaft und Bibliotheken sieht (vgl. dazu auch http://libreas.wordpress.com/2012/07/18/daten_bibliothek/ ) ist das tatsächlich mehr für die Bibliotheken relevant, da Daten in diesem Zusammenhang dem [...]


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