LIBREAS.Library Ideas

Autorität und Schreibmaschine: Überlegungen zur Digitalkultur.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 1. April 2011

“I love the tactile feedback, the sound, the feel of the keys underneath your fingers”

In der Ausgabe des Times Literary Supplement vom 25. März 2011 bespricht der Medienwissenschaftler David Finkelstein unter der Überschrift „Textual liberation“ zwei aktuelle Bücher zur Veränderung des Schreibens unter digitalen Bedingungen. Das Thema ist nicht nur medientheoretisch, sondern auch bibliothekswissenschaftlich bedeutsam, betrifft doch der Übergang zum so genannten Read/Write-Web und die damit verbundene Wandlung der dominierenden Lese- und Schreibtechnologien und -praxen alles, was für Bibliotheken die Zeitstrahlsegmente Gegenwart und Zukunft markiert.

Nachfolgend spanne ich von diesem Rezensionstext ausgehend auf sanften 3000+ Wörtern einen regen Bogen ausgehend vom Zusammenhang zwischen dem digitalen Handeln und den dieses Handeln prägenden Institutionen hin zur Parallele von Schreibmaschine und digitalem Textwerk vor dem Hintergrund einer Studie aus dem Jahr 1932. An den Bibliotheken geht dieser Bogen ausnahmsweise etwas vorbei.

informed bewilderment

Die Essenz David Finkelsteins aus den beiden von ihm besprochenen Arbeiten – Dennis Baron: A Better Pencil. Oxford: 2009 und Marylin Deegan/Kathryn Sutherland: Transfered Illusions. Farnham, Burlington: Ashgate, 2009 – lautet:

„new technologies do not obliterate old ones, they add new layers of complexity to the way we receive and use information”

Ganz neu ist die Erkenntnis freilich nicht. Das Schichtungsmodell Komplexität erweist sich aber als sehr anschaulich. Es vernachlässigt indes, dass man den Zusammenhang von Technologie, Nutzung und damit prozessierten Informationen in Relation betrachten muss. Und wie ich unten aufzeige, führt gerade die Komplexitätsreduktion an der einen Stelle zu einer Komplexitätssteigerung an einer anderen. Die Bestimmung, Benennung, Beschreibung dieser Wechselbeziehung ist denn auch der Gegenstand einer medientheoretisch ausgerichteten Bibliothekswissenschaft.

Vor dem Hintergrund der faktischen Veränderungen wirkt es fast rührend, wenn sich zu Dennis Barons Titel im OPAC des Gemeinsamen Bibliotheksverbunds das zugewiesene Schlagwort „Schreibzeug“ findet. Aber es bringt das, worum es geht, doch präzise auf den Punkt bzw. Pixel.

Ansonsten scheinen die beiden Titel zwischen fröhlicher Affirmation (Baron) und der Furcht vor der Strukturlosigkeit, die sich in Manuel Castells legendärem Begriff des „informed bewilderment“ bündelt, (Deegan/Sutherland) zu pendeln. Nun stammt Manuel Castells Szenario der informationellen Perplexität als Kennzeichen des 21. Jahrhunderts noch aus dem zwanzigsten. Und so recht er zu haben scheint, so zweckmäßig wäre es mittlerweile, das autopoeitische Strukturpotential digitaler Medien dagegen zu reflektieren. Inwiefern die Autorinnen darauf eingehen, ist der Besprechung nicht zu entnehmen. Allerdings legt die referierte Position der Besorgnis angesichts des Zustands einer „current instability and lack of authority underscoring books in digital form“ die Vermutung nahe, dass hier eine sehr bekannte Argumentationslinie nachgezogen wird. Auf die Gefahr hin, dem konkreten Titel Unrecht zu tun, scheint mir diese Linienführung von einer simplen Extrapolation von Lese- und Schreibpraxen der vordigitalen Zeit des 20. Jahrhunderts in den digitalen Raum des 21sten und damit von einem etwas unterkomplexen Verständnis gegenwärtiger Internetkommunikation getragen zu sein. Das Genrebild der „vast sea of information where all material is given equal weight and value“ wirkt beinahe WWW-urzeitlich. Syntaktisch sind digitale Inhalte zwar in ihrem innersten Kern gleich. Aber gerade deshalb arbeiten unzählige Akteure an Werkzeugen wie dem Google-Ranking oder dem Like- bzw. +1-Button, um die Egalität zugunsten einer, wenn man so will, pragmatischen Relevanzgewichtung aufzuheben.

Autorität

Akteure

Das WWW ist demnach genauso wenig eine autoritätslose Zone wie es ein rechtsfreier Raum ist. Es entpuppt sich bei genauerer Betrachtung nicht mehr oder weniger als die Ausdehnung realweltlicher Hierarchien und Ordnungen in eine Terra Digitalis. Mitunter erinnerten Pionierrhetorik und Goldrauschstimmung des Milleniums wirklich ein stückweit an die Westward expansion. Mittlerweile hängt man solcher Aufbruchseuphorie bestenfalls noch in netz-nostalgischen Träumereien hinterher. Ansonsten wurde das Web zu einem großen, nüchternen und ziemlich regulierten Marktplatz konsolidiert.

Die strukturgebenden Autoritäten dieser Zone sind zugleich die Marktplatzhirsche dieses Marktplatzes. Als inhaltlich-diskursive Leitgrößen beispielsweise in der Blogosphäre treten dagegen individuelle Blogger auf, die sich eine neue und mitunter ziemlich instabile Meinungsführerschaft erschreiben. Nicholas Rombes verfasste 2008 einen schönen Text über die Wiederkehr des Autors.[1] Mein eigenes Rezeptionsverhalten, das die Blogs und damit die Stimmen bestimmter Akteure denen anderer eindeutig vorzieht, bestätigt diese Entwicklung: Wir interessieren uns natürlich auch für die Aussage, mehr jedoch für die Aussage in Verbindung zu dem, der spricht. Während in der Zeitungswelt oftmals die Zeitung selbst die Autorität darstellte und nur wenige Eingeweihte gezielt zu den Artikeln bestimmter Journalisten blätterten, suchen wir im Blogoversum gezielt nach Autoren, die wir mögen und kümmern uns dabei wenig darum, wo ihr Blog gehostet wird.

Die Herausforderung digitaler Publikationsstrukturen trifft dann auch meiner Wahrnehmung nach weitaus weniger die Werkschöpfer, die sich schon immer gegen die Konkurrenz durchschlagen müssen und im Internet immerhin bei der Vorauswahl der Waffen zu baugleichen Pistolen greifen können. Wirklich in ihrer Rolle gefordert sind dagegen die Werkvermittler von den Bibliotheken bis zu den Verlagen. Hier betreten mitunter völlig unerwartete Autoritäten die Bild(schirm)fläche und die Debatte sowie der Rechtsstreit um das Google Book Settlement sind nur besonders prominente Beispiele für die Aushandlungskämpfe zwischen neuen und alten Größen.

Der Unterschied zwischen den beiden von David Finkelstein besprochenen Titeln liegt am Ende vor allem darin, dass Marylin Deegan und Kathryn Sutherland vom Medium Buch und der Vermittlung dieses Mediums ausgehen und sich Dennis Baron gar nicht groß um die Medienform kümmert, sondern über den Lese- und Schreibprozess selbst und die praktischen Auswirkungen der technischen Erweiterungen für Schreib- und Lesezeuge nachdenkt. Die Dimension der übergeordneten Akteure scheinen beide nicht allzu zentral zu beleuchten. Aber gerade die Frage nach den Autoritäten zwingt diesen Konnex förmlich in die Betrachtung. In der Folge skizziere ich einige Gesichtspunkte, die, wie ich meine, zeigen, wieso dem so ist.

Simplizität

Eine für Dennis Barons Arbeit als maßgeblich referierte These formuliert David Finkelstein wie folgt:

„[…] each innovation requires simplification of process before it can be assimilated into our cultural lives.“

Genau darüber lassen sich die neuen Struktur-Autoritäten bestimmen: Sie rekrutieren sich aus der Gruppe jener Akteure, die die Vereinfachungsprozesse kontrollieren. Während die Verlagsbranche den entscheidenden Schritt für eine einfache Herstellung und Distribution von E-Books überhaupt nicht zu leisten in der Lage war, entwarf Amazon den Kindle mitsamt Plattform und sicherte sich damit zweitweilig ein Quasimonopol. Dieses hielt sich eine Weile bis die Vertreter von Apple, die verstanden, dass sich digitales Lesen nur im Rahmen eines umfassenderen Medienverhaltens vollzieht und das passive E-Book ein verhallendes Echo der Druckkultur darstellt, mit dem iPad ein zeitgemäßeres Gerät auf den Markt brachten und sich mit diesem Benchmark als digitalmediale Autorität unserer Jahre festsetzten. Mit iTunes zeigte Apple bereits zuvor der Musikindustrie, was diese seit den späten 1990ern hätte unternehmen sollen.

Eine letzte bisher sichtbare Nische schloss vorläufig die neue Autorität Facebook, die konsequenter als Orkut und andere Vorläufer im Bereich der sozialen Netzwerke erkannte, dass eine Konvergenz von digitalem Medienverhalten und sozialem Handeln Phänomene wie persönliche Homepages zu den Wiegendrucken der Webkultur degradiert.

Die professionelle Simplifizierung der Websuche war das Erfolgsgeheimnis von Google. Die drastische Vereinfachung der Webkommunikation das des Web 2.0. Vorläufer wie Yahoo! oder Geocities (das später von Yahoo! geschluckt wurde), sind entweder marginalisiert oder vom Markt verschwunden. Neben der Simplizität spielten unzweifelhaft auch andere Rahmenfaktoren eine Rolle: 1996 war die Mehrheit der Bevölkerung in der westlichen Hemisphäre noch offline. Sowohl die Nutzungskompetenz wie auch die technischen und infrastrukturellen Hürden standen einer massiven Rezeption der frühen Angebote entgegen. Der ubiquitäre Webzugang sowie ein allgemeiner Erfahrungszuwachs bei der Nutzung entwickelten in Wechselbeziehung mit einer (buchstäblich oberflächlichen) Simplifizierung das Internet von einem Ausnahme- zum Standardprogramm für unser informationelles und zunehmend ebenso für unser kommunikatives Verhalten.

Es gelang bezeichnenderweise Amazon über die Verbindung von klassischem Versandhandel mit einer Datenbank  als vielleicht einzigem Akteur des frühen kommerziellen Internets nicht nur zu überleben, sondern sukzessive und immer wieder in neuer Form technische Dispositive herauszubilden: Ausgehend von etwas sehr Vertrautem (dem Versandhandel) und durch schrittweise Erweiterung und Komplexitätssteigerung der digitalen Begleitfunktionen wurde das Unternehmen zu einer Leitfigur der Digitalkultur.

Bei allem zum Teil wahnwitzigen Erfolg von Facebook im Social Web, Google im Informational Web und Apple an der Hardware-Schnittstelle zur Realwelt: Es ist erstaunlicherweise (oder eben nicht erstaunlicherweise) ein ehemaliger Buchhändler, der lange Zeit und wahrscheinlich bis heute eine zentrale Schaltstelle der Internetkultur kontrollierte und den Übergang der Lebenswelt in die Digitalität als Massenphänomen entscheidend prägte. Die Grundlage bildet das einfache Prinzip, den Kunden mittels Datenbanktechnologie eine gut erschlossene und so nirgends auffindbare Produktvielfalt zur Auswahl anzubieten und ihnen das gewünschte Produkt per One-Click so schnell wie möglich ins Haus zu liefern. Also eine Art Schlaraffenland (mit Kreditkartenabrechnung) auf den Monitor zu zaubern und beide Welten begreifbar zu kombinieren.

Das gemeinsame Element wenigstens dieser vier erfolgreichen kommerziellen Autoritäten im Web findet sich in der totalen Professionalität bzw. professionellen Totalität ihres konzeptionellen Ansatzes und Anspruchs gekoppelt mit äußerst geringen Anforderungen an den Endnutzer. Bzw.: Simplizität.

Kontrolle

Allen vier Größen der digitalen Medienwelt ist obendrein gemeinsam, dass sie nicht nur kommerziell agieren, sondern dabei auch eine Hegemonie besitzen, die selbst den nicht-kommerziellen und öffentlich geförderten Akteuren in großem Umfang weitgehend vorbestimmt, wie sie zu handeln haben. Selbst ein so ambitioniertes Angebot wie Europeana wird mit Google Books und dem Google-Art Project verglichen. Mehr noch: Erst die Digitalisierungs-Initiative von Google schuf indirekt die Voraussetzungen, das Unterfangen einer öffentlich finanzierten und kontrollierten digitalen Sammlung der europäischen Kultur so forciert anzugehen.

Dass die Position der Autoritäten im Bereich des Internets und der Digitalmedien und damit die digitale Hälfte der menschlichen Lebenswelt von wenigen kommerziellen Akteuren besetzt wird, findet meiner Wahrnehmung nach eher selten Eingang in den internetkritischen Diskurs. Eine Ursache liegt vermutlich darin, dass keiner dieser Akteure bislang nachhaltig über negative Schlagzeilen stolperte. Im Verhältnis zum in der Masse wahrgenommenen Nutzen und vor dem Hintergrund mangelnder praktikabler Alternativen, erweisen sich Skandale wie das Löschen von Kindle-E-Books durch den Anbieter eher als Lappalien. Während eine versenkte Bohrinsel im öffentlichen Diskurs eindeutig negativ besetzt werden kann und zu massivem Boykott bzw. einer Massen wirksamen Abwanderung zur Konkurrenz führt, sind datenschutzrechtliche Verstöße bei Facebook bestenfalls für Kurzzeiterregungen gut und vergleichsweise leicht wieder zu korrigieren. Kurz gesagt: Man wechselt vielleicht die Tankstelle, aber nicht das soziale Netzwerk.

Aus dieser digitalen Durchdringung des Sozialen folgt aber auch, dass nahezu jede digital vermittelte Kommunikation zugleich eine kommerzielle Handlung darstellt. Dadurch, dass die Nutzung der Dienste von Suchmaschinen und Sozialen Netzwerken für den Einzelnen gratis ist und die eigentliche Gegenleistung in der Bereitstellung von Aufmerksamkeit und mehr noch von Daten für ein Strukturwissen liegt, fehlt das Bewusstsein dafür jedoch häufig. Im Einzelfall empfindet man das, was man gibt, als im Vergleich zur Gegenleistung eher geringfügig. Es ist aber nicht infinitesimal, sondern eben doch messbar. Und es wird gemessen. So handelt man stetig unter dem, vielleicht wohlwollenden, Blick eines Marktakteurs respektive einer Autorität.

Subversion

Wie jede Struktur lässt sich auch diese unterlaufen. In gewissem Umfang repräsentieren die Bewegung der Freien Software, die Wikipedia, Creative Commons, die Ursprungsidee von Open Access in der Wissenschaft oder auch bestimmte Tendenzen in der Blogos- und Twittersphäre eine solche bewusste Subversion der kommerziellen Triebkräfte. (Vor einigen Jahren probierte man es auch mit Mischbestellungen bei Amazon um einer allzu präzisen Profildokumentation entgegen zu wirken.)

Ich will diesen Aspekt  an dieser Stelle nicht en détail ausführen, aber darauf hinweisen, dass die Abhängigkeit in der Gesamtschau doppelseitig ist. Allein das Bewusstsein, dass die Anbieter der Plattformen für nutzergenerierte Inhalte am Ende auch von den Nutzern und ihrem Nutzungsverhalten abhängig bleiben und die gerade die Nutzungsstrukturen des Web 2.0 dafür sorgen, dass entsprechende Fehltritte von einer leicht erregbaren Internetöffentlichkeit genau über diese Kanäle mit zum Teil enormem Druck offengelegt werden können, sorgt zumindest für einen teilweisen Ausgleich der Kräfteverhältnisse.

Die Subversion zielt in diesem Zusammenhang nicht auf Umsturz, sondern auf eine Balance in dem Sinn, dass alle Beteiligten auf Dauer ganz gut mit der Situation leben können. Im Bereich der Angebote für nutzergenerierte Inhalte greift also möglicherweise tatsächlich eine gewisse Demokratisierung der Marktstrukturen. Leider zeigen sich viele Vertreter von Theorien einer zivilgesellschaftlichen Stärkung dank Web 2.0 an dieser Stelle häufig etwas blind und verorten die Antagonisten dieser Bewegungen nahezu ausschließlich im extradigitalen Bereich. Dies führt zu einer gewissen Schlagseite in den Diskussionen. Wenn Dennis Baron meint

„the digital world has equally opened out readership and authorship in positive ways unrealized in a print-focused era, radically redefining public and private space and promote the flow of information across national boundaries”

dann sollte er auch den Preis dafür benennen. Neben dem Verlust des Materiellen liegt dieser für die meisten Nutzer in der Bindung an die Dispositive weniger global operierender Wirtschaftsunternehmen. Der öffentliche Raum des WWW gehört nicht per Kataster aber per Patent-, Marken- und Softwarerecht denen, die ihn strukturieren. Diese kontrollieren dadurch die Vermittlungsform (also die Wege) dessen, was wir schreiben und lesen.

Er gehört aber auch zugleich denen, die schreiben und lesen. Die beiden Autoritäten des WWW sind also die, die den Rahmen zimmern und die, die das Bild darin malen und betrachten: Vermittler und Nutzer.

Notizen

"Lada (nachdenklich): Meine Freunde, schlimm ist nur, daß sich hier alle Gegenstände pausenlos verändern. (...) Das Tintenfaß ist bald ein Kugelschreiber, bald ein eingemauertes Herz...Wie schnell sich alles verändert und verschwindet (...)" (Jurij Malejew, Der lebende Tod, 1998) ||| Vermutlich war die Lebenswelt immer so beschaffen, aber manchmal scheint es, als würde erst mit der explizierten Verflüssigung und zugleich Dokumentation unserer Lebenswelt in den RSS-Feeds, Twitter-Timelines und Blogarchiven spürbar, wie unaufhaltsam dynamisch all das ist, woraus wir uns definieren und was uns prägt. Und doch bleibt auch der Aufschrieb im besten Fall nur Aufschub. Aus der Distanz zeigt sich jedoch, dass die Welt zwar mehr Prozess ist als Gegenstand, dabei jedoch irgendwie auch Schleife. Und daraus entwickelt man dann die Idee dieser paradoxen Gleichzeitigkeit von andauernder Neuheit und permanenter Wiederkehr, die uns wenigstens etwas Stabilität gibt. Oder, wie es der russische Schriftsteller Jurij Mamlejews in seiner Metamorphologie ausdrückt: "So wandern wir zusammen, wer weiß woher und wohin. Im Moment befinden wir uns hier."

Schreibmaschine

Typewritely

Worauf ich jedoch eigentlich in diesem kleinen Essay hinaus möchte, ist eine historische Randnotiz, die David Finkelstein aus Dennis Barons Buch extrahiert. Dabei handelt es sich einerseits um die kleine Spitze auf die hierzulande einstmals viel gefeierten Idea Stores:

„British readers may recall the fuss that surrounded early twenty-first-century initiatives to turn British libraries into fully networked learning hubs.“

die allerdings ohne den Hinweis auskommt, dass sich das öffentliche Bibliothekswesen auf der Insel zehn Jahre später über weite Strecken in einem selten desolaten Zustand befindet und man durchaus die Frage aufwerfen kann, wieweit der eiserne diskursive Besen einer mehr rossigen als rosigen Digitalkur den Bibliotheken wirklich gut tat.

Zum anderen holt er ein bemerkenswertes Programm aus dem Keller der Mediengeschichte: das der Schreibmaschine. Auch hier besteht ein Zusammenhang zwischen Technologie, Anwendung und Autoritäten.

Es ist nicht unbedingt so, dass die Schreibmaschine an sich eine Simplifizierung im Gebrauch bot. Vielmehr erwies sich die Tastatur zunächst einmal kontraintuitiv und man musste als Stiftschreiber verschiedene Handgriffe, die der Benutzung vorausgingen, erst erlernen. Jedoch kompensierte das neue Schreibwerkzeug diesen Aufwand durch herausgezögerte Ermüdung und vor allem ein klares, genormtes Schriftbild. Mit Erfindung des Durchschlagpapiers wurde sie sogar zu einem für ihre Zeit außerordentlichen Kopierwerkzeug. Wenn also Jessica Bruder in einem aktuellen Artikel zur Renaissance der Schreibmaschine (die ein bisschen an die Wiederauferstehung der Schallplatte erinnert) anmerkt[2]:

„Another virtue is simplicity. Typewriters are good at only one thing: putting words on paper.”

dann ist diese Aussage vor allem eine aus der Perspektive der Digitaltechnologie. Denn simpler als Stift und Papier ist die Schreibmaschine nun einmal nicht. Aber sie passt wie bestellt zum Kernthema meiner Betrachtung. Und wo wir heute eventuell eine unnötige Eingrenzung sehen, entdeckte man in den 1930er Jahren eine Art Befreiung des Schreibens.

Schulschrift

Von 1929 bis 1932, also als die Schreibmaschine noch eine recht junges Technologie war, führten die Wissenschaftler Ben D. Wood und Frank Nugent Freeman im Auftrag des Typewriter Educational Research Bureaus eine Untersuchung mit dem netten Titel „An experimental study of the educational influences of the typewriter in the elementary school classroom“ durch. (publiziert 1932 New York bei Macmillan) Sie setzten mit der Thematisierung der Verbindung von Schreibtechnologie und Schreibpraxis eine Traditionslinie fort, die in den 1880er Jahren an der Cook County Normal School unter dem dortigen Direktor Francis Waylan Parker begann. Dieser wollte – ein frühes Beispiel für eine aktive Vermittlung Informations- bzw. Informationstechnologiekompetenz – seine Schüler nicht nur Texte lesen, sondern auch in einer schuleigenen Presse setzen und drucken lassen.[3] Ziel dieses „publishing-in-the-classroom“ war eine Sensibilisierung der Schüler für das Medium Buch. Ben Wood und Frank Freeman wollten dagegen nicht vorrangig feststellen, ob die Schüler sensibler für Druckmedien werden, sondern wie sich generell das neue Schreibzeug auf ihr Schreibverhalten auswirkt. Sie operierten damit durchaus im Zeitgeist wenigstens eines Teils der pädagogischen Theorie. James Robert Kalmbach schreibt denn auch in seiner Rückschau auf diese Epoche:

„The typewriter also appealed to the democratic impulses of many progressive educators.”[4]

Insofern lassen sich die Erwartungen, die an die Technologie der Schreibmaschine gestellt wurden, durchaus in Beziehung zu digitalen Schreibzeugen sehen, denen gleichfalls häufig ein gewisses Demokratisierungspotential zugeschrieben wird.

Die direkte Wirkung auf das Schreibverhalten war zweigeteilt 1.) verstärkte Aktivität und 2.) verstärkte Sensibilität:

„Researchers found that when students used typewriters in composition, they wrote more, wrote longer pieces, reduced the number of mechanical errors, and significantly improved their attitude toward writing.”[5]

Es ist nicht unbedingt ein Geheimnis, dass man Resultate handwerklichen oder künstlerischen Schaffens zumeist dann besser einschätzen kann, wenn man sich selbst einmal mit der Erprobung derselben Tätigkeit versucht hat. Das betrifft den Gartenbau genauso wie tachistische Malerei.

In jedem Fall lässt sich aus dem Zitat ableiten, dass die Schreibmaschine wenn nicht eine werkzeugliche Simplifizierung so doch eine Effektivierung des Schreibens mit sich brachte: Man konnte dank der Technologie zweifellos ausdauernder längere und umfänglichere Texte anfertigen; und dies vielleicht sogar bewusster. Die Forschungsfrage vieler Studien zielte allerdings zunächst häufig auf die möglichen schädlichen Folgen des mechanischen Schreibens für das Ausdrucksvermögen der Grundschüler. Oft stand am Ende überraschend wie in einem Aufsatz zu den „Differences Between Typed and Handwritten Composition“ aus dem Jahr 1934 nicht nur eine festgestellte „neatness and mechanical accuracy of margins, word spacing, and paragraphing“, sondern sogar einen „trend toward better quality in content.“ In der Anwendung erwies sich die neue Schreibtechnologie der alten durchaus überlegen.

Publikation

Ob sich solche Erkenntnisse allgemein auf digital vermittelte Kommunikationen übertragen lässt, in deren Umfeld nicht selten der Niedergang der Schreibkultur beklagt wird, sei dahingestellt. Genauso wie der Trend zu qualitativ höheren Inhalten dank Schreibmaschine. Vielleicht machte das schnelle Schreiben über die Schreibmaschinentastatur schlicht mehr Freude, zumal die Niederschrift durchgängig und sofort wie gedruckt lesbar war. Inwieweit auf längere Sicht eine Gewöhnung und damit eine Abschwächung dieser Wirkung eintritt, konnte nicht ermittelt werden, denn der Einsatz von Schreibmaschinen in Grundschulen blieb zunächst ein Kurzzeitereignis.

Im normalen und vor allem beruflichen Schreiballtag hielt das Werkzeug allerdings bald endgültig Einzug und wurde nicht von jedem jeden Tag mit neuer Begeisterung benutzt, sondern bald vor allem: gewöhnlich. Die leichtgängigen Computertastaturen und die spielerischen Möglichkeiten der Textverarbeitungsprogramme wiederholten später diesen technikeuphorischen Initialeffekt mit allen damit verbundenen Befreiungshoffnungen. Spätestens in den 1990ern war das Desktop Publishing dann ebenfalls: gewöhnlich. Eine interessante medientheoretische Forschungsfrage wäre also, wann und wie sich bei neuen Technologien der Übergang von der Novität zum Standard vollzieht.

Der technologische Hauptvorteil des Digitalen ist neben der verlustfreien beliebigen Reproduzierbarkeit vor allem die einfache Distribution. Ging es bei der Schreibmaschine um das schnelle und saubere Verfassen von Texten, rückt im Web 2.0 die schnelle Verbreitung der Texte/Inhalte in den Vordergrund. Zum Tastaturschreiben gibt es aktuell ohnehin – abgesehen vielleicht von der Spracheingabe, was mit der Rückkehr der Oralität in die Schrift noch eine ganz andere Truhe öffnet – keine Alternative.

Die Neuigkeit der Online-Kommunikation griff also ein auch in der Schreibmaschinenkultur gebliebenes Desiderat auf: Die getippten Texte schienen zwar wie gedruckt, waren jedoch nicht publiziert. Das Schreiben im Web bezog seine Stärke folgerichtig aus diesem Lückenschluss. Man müsste demnach das „they wrote more” durch ein „they issue more“ ergänzen. Jedenfalls könnte eine Wiederholung der Wood/Freeman-Studie unter dem Titel „An experimental study of the educational influences of Web 2.0-technology in the elementary school classroom“ von einer solchen These ausgehen, ohne sich allzu weit aus dem Fenster zu lehnen. Die tägliche Kommunikationserfahrung zeigt: Auf Plattformen wie Facebook betrifft dieses „they issue more“ mitunter buchstäblich jedes geschriebene Wort. (Abgesehen von Texten wie diesem muss es allerdings im Unterschied zur Typewriter-Studie meist auch heißen: „They write shorter pieces.“)

Textual liberation

Konkret zielte die wegweisende Studie von Wood und Freeman darauf, die Technologie in großem Umfang generell auf ihre Anwendbarkeit in Grundschulen durchzutesten. Dennis Baron oder David Finkelstein (oder beide) führen mit ihrer Beschreibung des Experimentes als Versuch der Schreibmaschinenindustrie, die Schreibmaschinentechnologie als Unterrichtsmittel zu etablieren, ein wenig in die Irre. Es mag sein, dass der Hintergedanke mit einem solchen Vorhaben spielte. Die Literatur lässt jedoch kaum Rückschlüsse auf eine konzertierte Aktion „Schulen ans Farbband“ zu. Die 2100 Schreibmaschinen wurden zunächst nur zu Studienzwecken in die Klassenzimmer gestellt. Das Ergebnis war, grob zusammengefasst und wenig überraschend, tatsächlich eine größere Aktivierung der Schüler:

„Teachers reported, that pupils came to school early and stayed late; students participated more in school activities that involved writing. They felt that students who used typewriters in the classroom did more writing, more reading, and more research.”[6]

Dennoch konnte sich die Schreibmaschine erstaunlicherweise nicht als Unterrichtsmittel durchsetzen. David Finkelstein sieht mit Dennis Baron als Auslöser ökonomische Gründe („Great Depression“) und die Inkompetenz der Lehrer. James Kalmbach erkennt dagegen als Ursache des Scheiterns der schreibmaschinellen Grundschule eher die Sturheit der Lehrer bzw. eine Kluft zwischen wissenschaftlich-technischen Ansätzen und humanistischen Ansätzen in der Pädagogik, also eine Spaltung zwischen einer handlungs- und kreativitätsgerichteten und einer redundanzorientierten bzw. werkzentrierten Lehrperspektive. Der Haupteffekt der Schreibmaschine im Klassenraum lag in der signifikanten Steigerung der Freude am eigenen Schreiben bzw. der „Self-Expression“. In den Curricula der 1930er Jahre spielte diese eine nachgeordnete Rolle. Warum? „Self-expression could not then and cannot now be easily be quantified.“[7]

Der entscheidende Aspekt, der zum Verschwinden des Schreibzeugs „Typewriter“ aus den Klassenräumen führte, war entsprechend laut James Kalmbach programmatischer Art: Die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten der Schüler rangierten in der Bedeutung weit hinter der kanonischen Lektüre und den diese Beschäftigung bewertenden Prüfungen. Der positive Effekt widersprach den Vorstellungen der den Einsatz kontrollierenden Autoritäten. Die Schreibmaschine war als schulisches Schreibzeug so wenig gewollt wie der eigene Ausdruckswillen der Schüler.

Kompetenz

Im Beispiel der Schreibmaschine findet die Simplifizierungsthese in gewisser Weise ihre Inversion: Die Vereinfachung der Schreibtechnologie führt zu komplizierteren Resultaten, die mit den einförmigen Bewertungsschemata nicht erfasst werden können.

Das Phänomen der „informed bewilderment“, des großen informationellen Durcheinanders und der Reizüberflutung ist nachgerade Folge der Vereinfachung. Die beiden Pole sind demgemäß a) komplexe/sperrige Technologie und wenige, aufwendig erzeugte Inhalte oder b) niedrigschwellig gebrauchbare Werkzeuge und unübersehbar komplexer Output. Eine Wahl haben wir freilich nur noch bestenfalls im Umfangsbereich eines schöpferischen Privatissimums oder als Nischengeschehen für Connaisseurs. Alltagskommunikation und damit auch die Normalschrift vollziehen sich fast ausschließlich nach dem Muster b) mit entsprechend weitreichenden Folgen.

Im Jahr 1939 schrieb eine Mary D. Webb in der Zeitschrift The Clearing House (Vol. 13, Heft 5) unter der Überschrift „Typewriting for every pupil“:

„Every citizen should be an intelligent consumer, have a sound elementary business training, and be able to typewrite accurately.” (Hervorhebung von mir)

So wie Maschineschreiben in den 1940er Jahren als unverzichtbare Grundkompetenz zur Teilhabe am amerikanischen Kapitalismus galt, so gilt heute ähnliches für die Fähigkeit, digitale Medien aktiv und passiv zu nutzen. Obendrein schließt die Digital Literacy mit ein, dass man weiß, wann man auf Digitaltechnologie verzichtet. So ist die Aussage eines Vertreters der Generation der Digital Natives aus dem Artikel in der New York Times durchaus die eines Kenners:

“If I’m on a computer, there’s no way I can concentrate on just writing, said Jon Roth, 23, a journalist who is writing a book on typewriters. “I’ll be checking my e-mail, my Twitter.” When he uses a typewriter, Mr. Roth said: “I can sit down and I know I’m writing. It sounds like I’m writing.”

Was Jon Roth nicht sagt, was aber meines Erachtens einen ganz eigenen Vorteil der analogen Schreibtechnologie darstellt, ist, dass er der einzige ist, der in diesem Moment weiß, dass er schreibt – vielleicht von eventuellen räumlichen Nachbarn abgesehen. Dass sich dieses Schreiben also einer Dokumentation durch die übergeordneten digitalen Autoritäten entzieht und nur eine wirklich am Werk ist: der Autor.

Berlin, 31.03.2011


[3] Vgl. dazu ausführlich: Kalmbach, James Robert (1997): The computer and the page: publishing, technology, and the classroom. Norwood, N.J. : Ablex Pub. Corp. S. 104ff.

[4] Ebd. S. 105

[5] Ebd. S. 106

[6] Ebd. S. 108

[7] Ebd. S. 113

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