LIBREAS.Library Ideas

LIBREAS Preprint 01/2010. Rainer Kuhlen über Wissenschaftsfreiheit

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS preprints by Ben on 30. März 2010

LIBREAS Preprint 01/2010

Verteidigen Deutscher Hochschulverband und Börsenverein wirklich Wissenschaftsfreiheit oder geht es nur um obsolete Privilegien?

von Rainer Kuhlen

Das „ob, wann und wie“ des Publizierens ist ein exklusives Recht nicht zuletzt wissenschaftlicher Autorinnen und Autoren. Das „wo“ des Publizierens sollte dagegen eher ein einfaches Recht sein, bei dem eine „Schuld“ gegenüber der sie finanzierenden Öffentlichkeit durch ergänzende freie Zugänglichmachung abgetragen werden sollte.

Der Deutsche Hochschulverband und der Börsenverein sehen das offensichtlich ganz anders – aber kaum mit länger haltbaren Gründen.

Fast schon triumphierend hat sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels (BV), zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher Verleger (AwV) auf die Seite des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) geschlagen. Dieser hatte in einer Pressemitteilung vom 23. März 2010 „vor einer Relativierung des Urheberrechts“ und vor einer Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit gewarnt: „Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern müsse es als Urhebern vorbehalten bleiben, zu bestimmen, ob, wann, wo und wie sie ihre Werke veröffentlichen.“

Die Positionierung des DHV richtet sich in erster Linie gegen den (unterstellten) Zwang oder Druck der Wissenschaftsorganisationen, nämlich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu veranlassen, „ihre Werke im Rahmen von Open Access-Publikationen kostenlos zur Verfügung stellten“. Ein solches Ansinnen könne auch nicht dadurch gerechtfertigt werden, dass jene eine mit „öffentlichen Mitteln geförderte Vergütung bzw. Besoldung“ erhalten. Der DHV warnt, dass das Urheberrecht „relativiert“ und „in einen vordergründigen ökonomischen Zusammenhang“ gestellt würde.

Der BV und die AwV setzen noch einiges drauf: „„Kein Autor“ so der Verleger Vittorio Klostermann … „sollte gedrängt werden, seine Werke der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung zu stellen … Solche Forderungen untergraben die Freiheit der Autoren, ihre Werke in der bestmöglichen Form zu publizieren.“ Der Börsenverein nutzt zudem gleich die Gelegenheit, um deutlich die in letzter Zeit immer häufiger gestellte Forderung nach einer “allgemeinen Wissenschaftsschranke” für das deutsche Urheberrecht zurückzuweisen: “Ein modernes wissenschaftliches Informationswesen“ vertrüge, so Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins, „ weder Zwang noch pauschale Schranken. Gerade die Wissenschaft braucht ein starkes Urheberrecht.“

Dem DHV kann man sicherlich unterstellen, dass ihn die Sorge um Verlust an Wissenschaftsfreiheit umtreibt. Zu gerne nehmen diese Sorge BV und AwV auf. Das ist das seit Jahren betriebene Spiel. Wohlwissend, dass Appelle an hohe (aber kontextlos abstrakte) Werte wie Wissenschaftsfreiheit oder geistiges Eigentum so gut wie sicher allgemeine öffentliche Zustimmung garantieren, bekräftigen auch die kommerziellen Verwerter diese Werte und sichern sich damit auch die Zustimmung zu ihrer Geschäftspolitik: das obige Zitat von Vittorio Klostermann endet entsprechend: „untergraben … zugleich die ökonomischen Grundlagen der Wissenschaftsverlage“. Und das obige Börsenvereinszitat führt zu der Folgerung: „Sie ließe keinen Raum mehr für privatwirtschaftliche Verlage.“

Klar, darum geht es, und dagegen ist ja auch nichts einzuwenden, dass Verlage kommerzielle Interessen vertreten. Muss oder darf das aber ideologisch in alter Überbautradition begründet werden? Wäre es nicht angemessener, dass Verlage mehr pragmatisch die Berechtigung dafür, dass sie aus dem mit öffentlichen Mitteln erzeugtem Wissen kommerziell handelbare Informationsprodukte machen, daraus ableiteten, dass sie aus den Ausgangsprodukten der Autoren wirklich neue Mehrwertprodukte machten? Darauf und auf elektronischen Umgebungen angemessene Geschäftsmodelle warten Produzenten und Nutzer von Wissen.

Wissen produzieren, dieses auch in allen medialen Formen darstellen, dessen Qualität bewerten, die Produkte in globale Netze einspeisen, sichtbar, suchbar und nutzbar machen, können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selber beziehungsweise können dafür auf die Hilfe der Bibliotheken oder von Fachgesellschaften zurückgreifen. Ob sie es auf allen Stufen dieses Prozesses selber machen sollen, ist eine andere Frage. Hier ist weiter viel Spielraum für die bisherigen Publikationsprofessionellen.

Müsste in einem starken Urheberrecht nicht ein fairerer und zeitgemäßerer Interessenausgleich zwischen den Beteiligten – den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ihren Institutionen, den Nutzern, der Öffentlichkeit und den Verwertern – angestrebt werden, als bislang? Wobei sich dieser Ausgleich zum einen an den Rechten orientieren müsste, die die Beteiligten an den Prozessen der Wissens- und Informationserzeugung plausibel reklamieren, und zum andern (als Begründung nicht zuletzt der Rechte) an den Leistungen, die die Angesprochenen auf den verschiedenen Stufen von der Wissensproduktion beziehungsweise zu dessen Nutzung erbracht werden.

Müsste nicht im 21. Jahrhundert Schluss damit sein, das Urheberrecht durch ideologisch überhöhte Annahmen und Forderungen herzuleiten, die aus der Mottenkiste des Naturrechts und der romantischen Genietradition des 19. Jahrhunderts stammen? Selbstverständlich ist auch die Wissenschaft längst in ökonomische Prozesse und Ansprüche eingebunden, sowohl mit Blick auf ihre Finanzierung als auch auf ihre Nutzung. Warum gibt es wenige Juristen, wie jetzt Nikolaus Peifer (Universität zu Köln) auf der internationalen Commons-Tagung am 18.03.2010 in Hannover, die rechtliche Wege aufzeigen, wie wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren über eine zwingende Vertragsrechtsbestimmung veranlasst werden können, eine Zweitveröffentlichung auf wahlweise einer universitären oder privaten Open Access-Plattform vorzusehen?

Noch weniger gibt es Politiker, wie den Justizsenator der Freien und Hansestadt Hamburg Till Steffen, der ein bemerkenswertes Positionspapier mit dem programmatischen Titel „Nutzerorientierte Ausrichtung des Urheberrechts“ vorgelegt hat, die also bereit sind, das bisherige Urheberrecht wirklich und sachbezogen auf den Prüfstand zu stellen.

Deutschland tut sich im internationalen Vergleich mit der Verabschiedung eines Verständnisses von Wissensproduktion besonders schwer, das an individuelle Kreativität und individuell verantwortete Freiheit gebunden ist. Schon in den Geisteswissenschaften tragen diese Annahmen kaum noch. In den international kollaborativ arbeitenden und auf erhebliche Ressourcen angewiesenen experimentellen und konstruierenden Wissenschaften ist diese Sicht auf Wissenschaft schlicht unhaltbar.

Die Freiheit der Wissenschaft und das Interesse der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben wenig mit der exklusiven individuellen Verfügung über das produzierte Wissen zu tun. Angerechnet werden muss in erster Linie die Leistung beim Prozess der Erkenntnisproduktion. Niemand will an den auch urheberrechtlich gesicherten Persönlichkeitsrechten der Autoren und an der Anerkennung der Leistung von Forschergruppen tasten. Aber die Anrechnung geschieht in Bildung und Wissenschaft nicht direkt oder nur unwesentlich über die monetäre Vergütung, und sie sollte nicht über eine exklusive Beanspruchung der Verwertungsrechte (und erst recht nicht über ein Recht zur exklusiven Übertragung dieser Rechte an Dritte) vollzogen werden.

Auch wenn Puristen und Dogmatiker des Urheberrechts und des geistigen Eigentums das vermutlich ganz anders sehen– das Wissen selber mag Eigentum der Wissensproduzenten selber sein (das wird ihnen auch angerechnet) – an den aus dem Wissen entstandenen und zur Publikation vorgesehenen und dann publizierten Werken haben aber auch andere Akteure Rechte. Es sollte weniger um Freiheit und Eigentum als um Rechte gehen.

Ich komme gerade aus einem Urheberrechtsworkshop aus Budapest, auf dem Prof. Gábor Makara von der Ungarischen Akademie der Wissenschaft und vormals Präsident der mit der deutschen DFG vergleichbaren ungarischen öffentlichen Fördergesellschaft sehr deutlich zwischen den Rechten und den Leistungen der Autoren, der sie tragenden Institutionen und der sie fördernden Institutionen und natürlich auch der Verlage unterschied. Quantifizierungen auf diesem Gebiet sind immer problematisch, aber Makara machte gut plausibel, dass Rechte und Leistungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und der beiden Institutionen circa 90% ausmachten und nur etwa 10 % die der Verlage.

Unabhängig von den Zahlen ist der Schluss interessant und wichtig, den Ungarn daraus gezogen hat, nämlich dass es nicht angehe, wenn Autoren per Vertrag Rechte an Verlage exklusiv übertragen, die gar nicht umfassend ihre Rechte sind. Makara regte sogar eine gerichtliche Überprüfung der Rechtmäßigkeit solcher exklusiver Übertragungsverträge an.

Natürlich sollen Forscherinnen und Forscher und Forschergruppen in aller Freiheit darüber entscheiden, was sie forschen (natürlich im Rahmen ihrer Bestellung bzw. ihrer Förderanträge), wann und wie sie etwas veröffentlichen wollen. Auch unbenommen sei es, dass sie ihre Werke kommerziell verwerten lassen dürfen, aber – und das ist der entscheidende Unterschied – nur, wenn garantiert ist, dass die Rechte der Institutionen und der Öffentlichkeit auch gewahrt bleiben. Das ist der alte Locke´sche Gedanke des Eigentums, das als privates mit den Ausschlussmöglichkeiten reklamiert werden kann, wenn in unverminderter Qualität genug für alle übrig bleibt.

In Ungarn, wie auch in vielen anderen Staaten und wie übrigens in einem Pilotversuch, der aber immerhin 25% des Fördervolumens umfasst, auch in der EU, wurde entsprechend genau das festgelegt, was jetzt DHV und BV beklagen:. Öffentlich finanzierte Autoren werden verpflichtet, ihre Arbeiten auch wenn sie sie kommerziell veröffentlichen, parallel oder mit geringer Verzögerung (Embargo genannt) nach dem Open-Access-Modell in Repositorien ihrer Wahl für den freien Zugriff bereitzustellen.

Wie geht der DHV damit um, wenn bei zunehmend global organisierter Forschung mit der Beteiligung international verteilter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viele in ihren Ländern ihre Publikationen als Zweitveröffentlichung frei zugänglich machen müssen, während für die deutschen Co-Autoren das „Paradies“ der freien Entscheidung auch gegen die Zweitpublikation nach dem Open-Access-Modell bestehen bleiben soll? Sollen sich deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lieber aus der internationalen kollaborativen Wissensproduktion zurückziehen, weil deutsche Prinzipien verletzt würden?

Aber eine nationale Abschottung deutscher Wissenschaft ist unmöglich und von niemandem gewollt. Ohnehin wäre diese Forderung ein Anachronismus, denn Open Access in einem Land ist Open Access überall. Oder soll der Zugriff auf internationale Repositorien über Netzsperren gefiltert werden, weil deutsche Verwerter eine Gefährdung ihrer Interessen sehen? Die Wissenschaftsrealität der digital vernetzten Communities erfordert ein progressives Neudenken besonders des Wissenschaftsurheberrechts, dass die Publikation und Distribution im Rahmen der möglichen Wege neu gestaltet – nicht Wege durch Anachronismen und Verknappungsformen versperrt.

Die verpflichtende Forderung nach einer offenen Zweitpublikation ist bisher nicht die Politik der Allianz der Wissenschaftsorganisationen, einschließlich der DFG. Insofern stellt sich die Situation in Deutschland für die Verwerter vergleichsweise moderat dar. Angestrebt wird nicht die Verpflichtung zur Open-Access-Publikation, sondern das Ermöglichen einer Zweitverwertung durch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selber, zum Beispiel, wie auch schon vom Bundesrat im Rahmen des Zweiten Korbs vorgeschlagen, durch eine entsprechende Änderung des § 38 des deutschen Urheberrechtsgesetzes.

Anders als HDV und BV (und früher schon der Heidelberger Appell) unterstellen – aus dem Vorschlag der Allianz zur Neuregelung des Urheberrechts im Rahmen des anstehenden Dritten Korbs ist klar ersichtlich, dass die Allianz auf ein unabdingbares Zweitveröffentlichungsrecht setzt, das, noch einmal, aber keineswegs eine Zwangsmaßnahme sein soll: „Dieses Zweitveröffentlichungsrecht, das für den Wissenschaftler keine Pflicht bedeutet, ist notwendig, um ihn in seiner Verhandlungsposition gegenüber großen wissenschaftlichen Verlagen zu stärken. Indem der Wissenschaftler selbst über den Grad der Sichtbarkeit seiner Forschungsergebnisse entscheiden kann, ist seiner Wissenschaftsfreiheit deutlich mehr gedient, als durch das Vorschieben von Riegeln. Er übt dabei in besonderer Weise das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit aus.“

Die Allianz setzten also nicht auf „required“, sondern auf „requested“, wie die Alternative in der angelsächsischen Diskussion benannt wird (dort übrigens zunehmend in Richtung „required“). Natürlich können auch Institutionen wie die DFG den goldenen Open-Access-Weg fördern, also die Einrichtung von speziellen originären Open-Access-Publikationsformen.

Grundsätzlich zielt die hier von DHV und BV beklagte Politik jedoch auf den grünen Weg ab, dass heißt auf die parallele freie Zugänglichmachung auf der Grundlage einer freien Entscheidung der Autoren.

DHV und BV beklagen, dass schon die Empfehlung der Wissenschaftsorganisationen, auch „grün“ zu publizieren einen unangemessenen Druck auf Wissenschaftler ausüben werde. Unklar ist, wie das die Wissenschaftler selbst sehen. Zunehmend mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen diesem „Druck“ offenbar bereitwillig nach – erhöht sich doch dadurch ihre Sichtbarkeit und lässt sich somit leichter erreichen, was in der analogen Zeit recht umständlich über den Versand von Sonder- und Vorabdrucken erreicht wurde, nämlich die zeitnahe Information der Fachcommunity über die eigenen Erkenntnisse.

Erforderlich ist eine offene Diskussion über Vor- und Nachteile alternativer, kommerzieller und offener Publikationsformen. Das Verkünden des vermeintlichen Verschwindens der Wissenschaftsfreiheit durch Open Access trägt nicht unbedingt zur Aufklärung bei. Längst dürfte den meisten Verlagen (und Content Providern) klar sein, dass sich auf Dauer nur Geschäftsmodelle des wissenschaftlichen Publizierens halten werden, wenn sie mit dem Open-Access-Paradigma verträglich sind.

Auch wenn sich das Problem der Open-Access-Publikation in mittlerer Perspektive zugunsten dieser wohl selber erledigen wird, jetzt besteht Handlungsbedarf, auch rechtliche Klarheit zu schaffen und dabei Mut zu zeigen, sich auch mit der herrschenden juristischen Meinung und sei es die des Bundesverfassungsgerichts „anzulegen“.

Auch für Initiativen wie das Aktionsbündnis Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft, dessen Sprecher ich auch bin, ist es das eine, sich auf den Boden der herrschenden juristischen und politischen Meinung zu stellen und das jetzt Machbare einzufordern – wie jetzt das Autoren-Zweitveröffentlichungsrecht. Und es ist das andere, das zu artikulieren, was für sinnvoll und notwendig gehalten wird, und sich daran zu machen, auf die öffentliche Meinung so einzuwirken, dass das bislang für unmöglich Gehaltene auch politisch und rechtlich konsensual möglich wird. Anders geht es nicht im demokratischen System und anders vollzieht sich keine Entwicklung.

Der Börsenverein bietet auch jetzt, wie schon so oft, Gespräche mit den beteiligten Akteursgruppen an. Oft genug wurden die dann aber abgeblasen, wenn bislang übliche Privilegien, wie die exklusive Übertragung der Rechte der Autoren an die Verwerter, in Frage gestellt werden oder wenn Bibliotheken auf ihrem Auftrag bestehen, ihrer Klientel das publizierte Wissen umfassend zugänglich zu machen. Aber reden wird man trotzdem müssen, um im Vorfeld des Dritten Korbs auch für das Bundesjustizministerium, das ja die Vorlagen für Regierung und Bundestag erstellen muss, die Perspektiven des Möglichen transparent zu machen.

Der Deutsche Hochschulverband ist gewiss die mächtige Interessenvertretung der Wissenschaft. Es ist davon ausgehen, dass vermutlich die Mehrzahl der etablierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (sagen wir der Altersgruppe über 45 Jahre) die bisherigen Publikationsstrukturen durchaus unterstützt – sind doch die aufgebauten Hierarchien (Herausgeberschaften, Boards von eingeführten und dominanten Zeitschriften mit hohem Impact-Faktor, Gutachter etc.) durchaus positions- um nicht zu sagen macht-/einflusserhaltend. Der Hochschulverband versteht sich aber sicher nicht nur als Lobbyverband der Etablierten, zumal auch er eigentlich davon ausgehen müsste, dass das Open-Access-Paradigma, das ja die kommerzielle Verwertung nicht ausschließt, im genuinen Interesse der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler liegt. Die dies unterstützenden Argumente sind alle ausgetauscht.

Mir scheint hier eine umfassende Debatte um ein zeitgemäßes Konzept von Wissenschaftsfreiheit oder geistigem Eigentum (in der Wissenschaft) dringend erforderlich. Ist Wissenschaftsfreiheit nicht auch das Recht auf freien Zugang zu den wissenschaftlichen Publikationen, ohne den kein neues Wissen produziert werden kann? Muss nicht der persönliche, in Art. 14, Abs. 1 GG garantierte Anspruch auf Schutz des (auch geistigen) Eigentums stärker als bislang durch die Sozialbindung von Eigentum (gefordert durch Abs. 2 Art. 14 GG) relativiert werden?

Der Aussage, dass Wissen ein Gemeingut (ein Commons) ist, das frei verfügbar sein muss und nicht „eingezäunt“ werden darf, wird jeder zustimmen können. Allein nutzt dieses Recht nichts, wenn der Zugang zum Wissen tatsächlich mit vielen Zäunen umgeben ist. Der Markt allein kann den freien Zugang und die freie Nutzung, wie sie bis in die jüngste Vergangenheit durch die Bibliotheken garantiert war, offensichtlich nicht mehr garantieren – zu hoch ist der kommerzielle Erwartungsdruck auf den Informationsmärkten geworden.

Sollte sich nicht auch der DHV von dem romantischen Konzept des unabhängig und allein verantwortlich forschenden Autors verabschieden? Wird die Gesellschaft auf Dauer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in öffentlichen Umgebungen so weitgehende Privilegien zugestehen wollen, wenn die von der Öffentlichkeit zu erbringenden Kosten für die Wissenschaftsproduktion und die akademische Lehre immer höher werden?

Mir ist keine Gruppierung bekannt, die das ob, wann und wie des Publizierens in Frage stellen würde. Dass aber Formen für das „wo“ gefunden werden müssen, die einerseits die kommerzielle Verwertung des mit öffentlichen Mitteln unterstützt produzierte Wissen rechtfertigen und andererseits der Öffentlichkeit die freie Nutzung des von ihr bezahlten Wissens garantieren, scheint mir unabdingbar zu sein, auch wenn es bis dahin noch eine sehr langer Weg mit manchen Zwischenstopps sein wird.

Der Hochschulverband verwendet die politische Forderung des „bildungs- und wissenschaftsfreundlichen Urheberrechts“. Soll dies aber wirklich auf hergebrachten Privilegien beruhen, die letztlich eher den Verwertern als den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selber nutzen? Ein starkes Urheberrecht ist nicht ein das Einzäunen schützendes Recht, sondern eines, das der Wirtschaft Innovationen erleichtert, der Wissenschaft freies Forschen ermöglicht und jedermann in der Gesellschaft Entwicklungsperspektiven eröffnet.

(Parallelpublikation zum Posting im Netethics-Blog)

Projektbericht: Automatische Aggregation wissenschaftlicher Volltexte für die Anreicherung von OA-Repositorien

Posted in LIBREAS.Projektberichte by libreas on 25. März 2010

von  Najko Jahn & Mathias Lösch

Wie lassen sich im Web befindliche Publikationen wissenschaftlicher Angehöriger einer Universität mit möglichst einfachen Mitteln finden?  Was verraten sie über wissenschaftliche Kommunikation allgemein? Und wie lassen sie sich im Besonderen für bibliothekarische Dienste wie Institutionelle Repositorien nachnutzen?

Diese Frage stellten wir uns vor dem Hintergrund zweier von der DFG geförderten Projekte an der Universitätsbibliothek Bielefeld, „Persönliche Publikationslisten als hochschulweiter Dienst (PubLister)“ und „Automatische Anreicherung von OAI-Metadaten mit Hilfe computerlinguistischer Verfahren und Entwicklung von Services für die inhaltsorientierte Vernetzung von Repositorien“. Insgesamt konnten wir aus 750 im Web veröffentlichten persönlichen Publikationslisten der Universität Bielefeld über die Suchmaschine Bing 3380 Volltext-Links  aggregieren, die für bibliothekarische Dienste eine wertvolle Datenbasis bilden können.

(more…)

Call for Papers: Ausgabe #17

Posted in LIBREAS Call for Papers by libreas on 24. März 2010

CfP #17 Helden und Heldinnen

Fritz Milkau jubilierte im vergangenen Jahr, Martin Schrettinger und Friedrich Ebert folgen im kommenden. Waren sie Wegbereiter für eine Bibliothekswissenschaft? Sind es heute Larry Page und Sergej Brin, die die Maßstäbe für unser Fach setzen? Und wieso sind das alles eigentlich Männer? Was ist mit den diskursmächtigen Frauen in der Bibliothekswissenschaft?

Wir wollen in Persönlichkeitsprofilen die Biografien, Theorien und Ansätze? derer betrachten, die für die Bibliothekswissenschaft prägend waren, es gegenwärtig sind und/oder zukünftig sein werden.

Den Hintergrund der Themenwahl bildet nicht reiner Personenkult – auch wenn so mancher Vertreter der Bibliothekswissenschaft durchaus eine tiefere Würdigung verdient hätte – sondern die Annäherung an die permanente Frage nach der Position der Bibliothekswissenschaft in der Gesellschaft und in der Wissenschaftslandschaft.

Die Anschlussmöglichkeiten und Rückkopplungen mit anderen Disziplinen sollen genauso reflektiert werden, wie die Agenda des Faches. Neben den zentralen Kernthesen können ebenso methodische Notwendigkeiten für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft im Vordergrund stehen: War das Bezugsobjekt traditionell ein physischer Datenträger, der als die Inhalte repräsentierende Instanz behandelt wurde, erfordert das digitale Auftreten dieser Inhalte eine fundamental andere Perspektive und entsprechende Methoden. Aber auch die Institution Bibliothek als fester Raum steht aktuell zur Debatte, transformieren sich doch gerade Öffentliche Bibliotheken in einigen Staaten hin zu Community Centres mit starkem Outreach-Angebot, bei denen der reale Raum Bibliothek als Zentrum und Anlaufpunkt, aber nicht als Grenze der Arbeit angesehen wird.

Die Annäherung vermittels dessen, was diejenigen tun, die als Leitfiguren der Fachdiskurse agieren, ihre Perspektiven und Motivationen sollen Rückschlüsse auf das Fach selbst zulassen. Wir wählen also ganz bewusst die Methode einer Fokussierung von Einzelakteuren, um mehr über das Charisma, die Schlagkraft und die Möglichkeiten eines Fachgebietes zu erfahren, welches uns sehr am Herzen liegt.

Für die nächste Ausgabe von LIBREAS, im 5. Jubiläumsjahr, suchen wir daher Beiträge, die sich mit Wegbereitern, Denkerinnen, Denkern und Persönlichkeiten beschäftigen, die für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft essentiell sind, gern auch Personen, die es auf dem zweiten oder dritten Blick sind.

Redaktionsschluss ist der 18. Juli 2010.  Sie erreichen die Redaktion unter redaktion@libreas.eu.

—————-
CfP 17 : Heroes
Fritz Milkau celebrated his jubilee last year, Martin Schrettinger and Friedrich Ebert will follow him next year. Have they been pioneers for library science? Are Larry Page and Sergej Brin it in present, who set the benchmark for our subject? And why are they all men? What about the preeminent women within library science?
We’d like to show the biographies, theories and concepts of personalities who are responsible for establishments in library science – in the past, present and future.
The personality cult should not only be shown, whether somebody had deserved such an appreciation, but also the approach to the permanent question for the position of library science in culture and the research field. We are also interested in the reflection of other research areas like the agenda of the discipline. Beside core assumptions there can be methodical necessities for library and information science.
An approach with the help of perspectives and motivations of influential leaders in discourses could give an inference to the subject area itself. We thus consciously choose the method of a focus on single figure to get to know the charisma, power of impact and the possibilities of a research area, which is close to our hearts.

For the next LIBREAS edition, its fifth anniversary, we are looking for articles which deal with pioneers, thinkers and personalities who are essential in library and information science – these can be persons at the second or third sight, too.
Deadline is July 18, 2010. Get in contact with the editors at redaktion@libreas.eu

LIBREAS No. 16: Die Zielgruppe Kind

Posted in LIBREAS aktuell by libreas on 17. März 2010

LIBREAS Nr. 16 ist da:  Diesmal haben wir den Schwerpunkt auf  „Die Zielgruppe Kind” gelegt, wozu u.a. auch ein Photoessay aus Berlin “Was kommt nach den Kinderbibliotheken?” gehört.

Man kann es sich einfach machen mit den Kindern und den Bibliotheken. Kinder gehen in Bibliotheken. Auch und gerade in Deutschland ist es so. Ebenso wird niemand bestreiten, dass man immer mehr Engagement zeigen kann, insbesondere da man mit nahezu jeder Aktivität für Kinder die Öffentlichkeit positiv erreicht. Daran kann man noch besser anschließen, wenn man auf die im öffentlichen Diskurs erstmal durchgehend positiv besetzte „Bildung” referiert. Und in der Steigerung: Frühkindliche Bildung. Wenigstens im Diskurs scheint alles klar.  (weiter siehe Editorial)

Neben zahlreichen Rezensionen zum Diskussionsfeld Zielgruppe Kind in Bibliotheken gibt es einen Bericht vom W3C-Tag und einen Essay über E-Books.

Baldmöglichst werden die Texte auch als pdf auf dem edoc-Server der HU zu finden sein.

Wir freuen uns auf Kommentare und Kritik. Gerne hier im Blog, bei Twitter, persönlich oder an redaktion@libreas.eu

Tagged with: ,

Podcast#14 – Einblick ins Europeana-Labor

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Audio by libreas on 7. März 2010

Im Podcast #14 geben uns Marlies Olensky, Maria Gäde und Juliane Stiller, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft für das EuropeanaConnect-Projekt, Einblick in die Entwicklung der Europeana.

Wir sprachen dabei über das Projekt und die Europeana selber, aber auch über die Schwierigkeiten beim Aufbau von semantischen und multilingualen Suchen.

http://libreas.eu/podcasts/podcast_14/index.html

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 77 Followern an