LIBREAS.Library Ideas

Gyeongbokgung: Palace of Shining Happiness

Posted in LIBREAS on tour by libreas on 30. August 2006

von Manuela

Hier soll nicht der Eindruck entstehen, dass wir uns, einmal in der fernöstlichen Welt befindend, ausschliesslich für die Einkaufsmentalitäten hiesiger Bewohner interessierten. Nur war diese (scheinbar) bevorzugte Beschäftigung der Seoulites eine dominierende Erfahrung für uns und wegen der Kürze der Zeit, die wir zwischen Kongress, Hostel, U-Bahnfahren hatten, die vordergründig prominenteste Beobachtung.

Im Rückblick sollen hier selbstverständlich noch andere Eindrücke wiedergegeben werden. Wir werden uns vermutlich noch für ein paar Wochen hier in diesem Blog tummeln, nicht zuletzt, um uns selbst immer mal wieder die einnehmende Atmosphäre der Megacity über die Fotos und Berichte in Erinnerung zu rufen.

Plastisch Palastisch. Und dazu gut besucht.

Heute will ich unseren Besuch im Palast Gyeongbokgung, der sich im nördlichen Stadtteil Jongno-gnu befindet, kurz beschreiben. Während der Joseon-Dynastie ist Ende des 14. Jahrhunderts dieser Palast zusammen mit den heute noch erhaltenen Stadttoren und Teilen der Stadtmauer als Regierungssitz für König Taejo entstanden.

Eine Lanze kreuzen, nicht brechen. Die Palastwache ist auch heute noch auf Posten.

Der Palast lag nach einer Bilderstürmerei während der Hideyoshi-Invasion etwa 300 Jahren in Trümmern. 1865 wurde er wieder aufgebaut und als königlicher Regierungssitz in Besitz genommen, jedoch hielt diese Situation nicht lange an. Der vorletzte König Chosons Kojong hatte nämlich in schwierigen Zeiten nicht ganz das beste Händchen, der schließlich angesichts dem vehementen Stil, mit dem japanische Interessen durchgesetzt wurden (Ermordung der Königin Min in ihrem Schlafzimmer im Palast) in die russische Botschaft flüchten und von dieser aus zu regieren versuchte. Statt seiner zog der japanische Provinzgouverneur ein und gestaltete die Anlage im Stile des zu dieser Zeit üblichen Ikonoklasmus um, so dass kaum noch etwas von der Pracht übrig blieb. Erst zur Mitte der 1990er Jahre begannen Restaurierungsarbeiten, die wohl immer noch andauern, wesehalb wir während des Besuches auch nicht alle Ecken des Palastgebiet erkunden konnten.

Topfschnittig. Pferd oder Esel? Jedenfalls säumt dieses hübsche Steintier den Treppenaufgang zum Palast und das zwischen Huhn und Ochs.

Rot-Blau-Thronsaal. Die Innenansicht des Palastes, in dem zuletzt König Kojong - nicht sehr erfolgreich - seine Untertanen regierte.

Auf dem Palastgebiet befinden sich mehrere Gebäude, u.a. drei Tore, die der Besucher durchschreiten muss, um zum Hauptpalast zu gelangen. Der Hauptpalast Geunjeongjeon fungierte als Krönungsort und zum Empfang von ausländischen Gästen. Tore und Hauptpalast strahlten in einem leuchtenden Farbenmeer (der Happiness) auf uns herunter, was zum gediegenen Mittagslicht eine sonderbare Stimmung dazukomponierte.

Horizontlinie. Zwischen den Palastgebäuden kann man in der Ferne die Berge des Nationalparks Bukhansan sehen. Glauben wir zumindest.

Weitere Gebäude, die von uns angeschaut wurden, waren: die Schlafstätte der Gemahlin des Königs, Gyotaejeon, das östlich vom Palast gelegene Gebäude Jaseondang, welches für den Kronprinzen am Tage Studierzimmer war und nachts als lauschiges Kämmerlein für die Beschäftigung mit Ehefrau und Konkubinen diente. Ausserdem gibt es einen Pavillon, Gyeonghoeru, der wie als ein kleines hölzernes Wunder auf einer Insel über einen kleinen See mit Seerosen auf die Besucher blickt.

La isla bonita. Ein kleiner Pavillon inmitten des weitläufigen Palastparks, leider nur vom gegenüberliegenden Seeufer zu betrachten. Und keine Hee-Jin weit und breit, die uns hinüberrudern könnte.

Fish'n'Kids. Zahlreiche Fische tummelten sich in diesem kleinen Gewässer. Die beiden koreanische Jungen schauen zu

Es schließt sich ein gartenähnlicher kleiner Park und Ausstellungsobjekte des Nationalen Volksmuseum an, wobei dessen Gebäude allein schon außerordentlich bestaunenswert ist.

Dach, Steine, Kinder. Zum Nationalen Volksmuseum gehört dieser prächtige Bau.

Wir ließen uns für den Rundgang etwa 2 Stunden Zeit, bestaunten die eigentümliche Bauweise und genossen die prächtigen Farbenspiele und vor allem die Ruhe, soweit man diese unter dem Besuchergetümmel und -gewimmel, das vor allem von den zahlreichen Schulklassen geprägt war, finden konnte. Sahen wir in Richtung Norden den sattgrünen Berg Gyeryongsan, so schauten wir bei einer 180°- Wendung auf die Wolkenkratzer der Stadt. Leider blieb uns nicht viel Zeit zum Verweilen, da die nächste Verabredung mit den anderen beiden Libreanern nahte und die üblichen Wege, die in Seoul zurückzulegen sind, ja doch nicht mal eben in 20 Minuten zu schaffen sind. Die Oase Gyeongbokgung im Wahnsinn Seouls merken wir uns aber in jedem Fall. Z.B. für das nächste Mal.

Blick zurück zum Hochhaus. Im Palast des leuchtenden Glücks bleibt die wuchernde Metropole im Rahmen.

Spitzendach. Hoch oben thronen immer diese Figuren, die sicherlich eine Bedeutung haben. Diese gilt es noch herauszufinden...vermutlich aebr erst beim nächsten Mal in Seoul

Masse und Mall – Das Einkaufserlebnis Seoul

Posted in LIBREAS on tour by Ben on 29. August 2006

Shopping in Seoul ist harte Arbeit. Während das tägliche Einkaufen im Hapjeong Mart um die Ecke aufgrund nicht immer klar für uns deutbarer Inhalte der fremdsprachig beschriften Verpackungen kleine Überraschungen bereithielt, ansonsten aber der heimischen Lebensmittelbeschaffung in Spar, Lidl oder Konsum sehr ähnlich ist, führt eine Shopping Tour durch Myong-Dong und Dongdaemun selbst erfahrene Kudamm-Gängerinnen schnell an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.

Generell sind in der Metropole des Kaufrauschs zwei Hauptformen des Einkaufsvergnügens zu unterscheiden: Der Markt und die Mall. Dazu kommen dann noch die großen Kaufhäuser wie Lotte, Hyundai und Shinsegae, die allesamt angefüllt sind mit den Köstlichkeiten und der Haute Couture aus Westeuropa und Nordamerika, für uns also bis auf die Feinschmecker-Etagen nicht sonderlich interessant waren.

Lacoste es was es wolle. In den Kaufhäusern à la Lotte sind langweiligerweise die internationalen Topmarken dominierend. Das einzige, was wir hier mitzunehmen wussten, war Schokolade der japanischen Marke Morinaga. Die Lindt-Täfelchen lagen gleich daneben.

Die Shopping Malls dagegen nahmen wir fast zwangsweise intensiver wahr, gab es doch mit der Coex-Mall ein Musterexemplar direkt unter dem Kongresszentrum. Dieses allein ist ausreichend, einen normalen Shopping-Fanatiker mindestens eine Woche lang zu beschäftigen.

Ring über sprudelnd Wasser. Bei Fishnflower gibt es herrlichen Modeschmuck und den gratis Blick ins Aquarium. Die Fische sind hier - anders als in unserer Straße - nicht zum Verzehr bestimmt.

Besonders angetan hatten es dort dem LIBREAS-IFLA-Team jene Fachgeschäfte, die den Ikonen des fernöstlichen Kindseins – Dalki, Hello Kitty! und Dear Daniel, Thomas and friends, Pucca – huldigen und den unsinnigsten Merchandise-Kram feilbieten. An zweiter Stelle kamen Schreibwarenhändler, in denen es u.a. hunderte Variationen der in Deutschland so schwer zu bekommenden Visitenkartensammeltäschen gibt.

Hello Shopping! Ein ganzer Shop in Kitty-Rosa und Shinkansen-Blau mit einem Deutschland-Ebay-Sammler-Gesamtwert in Höhe von mehreren Millionen. Das war uns egal, wir wollten nur den Hello Kitty!-Lipgloss auf den Lippen und die Miniaufkleber maximal verkleben. Was uns gelungen ist.

Zwei U-Bahn-Stationen von der Coex-Mall entfernt gibt es die Lotte World, in der man sich wahlweise das Folk Museum ansehen, Eislaufen gehen oder sich den Spielzeugladenkollaps holen kann. Oder alles drei. Härteste Selbstdisziplin und Ermüdung haben schließlich dazu geführt, dass es bei einem Plüschwombat blieb. Auch die Fingernägel haben wir uns nicht machen lassen, obwohl man das hier wirklich an jede Mall-Ecke tun kann, ebenso verzichteten wir auf die Indoor-Ballonrundfahrt. In einer Einkaufswelt, die jeden Tag so trubelig ist, wie die Potsdamer Platz Arkaden an einem Adventssamstag, ist der ungeschulte Passagengänger recht schnell nah am Overkill und möchte dann irgendwann auch einmal Ruhe für die müden tragetaschenschleppenden Glieder. Mehr geht nun wirklich nicht.

Jedenfalls vermutet man dies bis zum Besuch der Märkte und Malls um Dongdaemun bzw. am Dongdaemun-Stadium, die wir trotz härtestem Engagement bestenfalls zu einem Achtel erschließen konnten. Besonders der Fashion-Sektor ist in einem Maße mit Marktständen, Fachgeschäften und Einkaufszentren ausgestattet, dass man deutschen Männern nur raten kann, niemals(!!) ihre Frauen dorthin zu führen. Allein eine der neun Etagen des Doota-Store, die passender Weise mit einer von armen männlicher Einkaufsbegleitern gefüllten Pausenlounge ausgestattet ist, band uns ca. für ewig (gefühlt). Zur Men’s Fashion sind wir nicht mehr vorgedrungen, obwohl die Geschäfte konsequent bis spät in die Nacht öffnen. Bei der nebengelegenen Hello aPM-Mall, die wir, erschöpft wie wir schon von Doota waren, wirklich nur noch von Außen sehen wollten, gab es zwei große wummernde und blitzende Bühnen zur Unterhaltung der Einkaufsgänger, die uns, wie wir uns hier bei lauter Tanzmusik Atem zu schöpfen versuchten, einen interessanten Einblick in das institutionalisierte Balzverhalten bühnenreifer Koreaner boten.

Boys who like Girls who like Boys who like... So richtig verstanden haben wir das Prinzip der Show nicht, aber niedlich war es schon sehr.

Offensichtlich galt es, mittels Tanzverhalten dem jeweiligen Herzblatt auf der Bühne zu demonstrieren, wie weit man mit ihm gehen würde. Der Moderator macht so etwas jedenfalls in diesem kleinen Filmchen (.mov; ca. 6,5 mb) vor, eine Kandidatin in diesem Clip entsprechend nach. (.mov; ca. 7 mb). Auf dem Heimweg ging es dann noch in ein Pizza-Geschäft mäßiger Qualität, an einen Pucca-Figur-Automaten und schließlich an ein paar mobilen Lederwarenhändlern vorbei, die gar neckische Geldbeutel im Angebot hatten, so dass auch sie mit uns Besuchern ihren Schnitt machten. Mit wem sie es sonst bei der Fülle des Angebots tun, bleibt uns wohl ewig ein Geheimnis. Dasselbe gilt für die Frage, woher die tausenden im Schnitt im Teenager-Alter befindlichen jungen koreanischen Nightshopper Zeit und Geld für dieses exzessive Vergnügen nehmen.

Mama mia! Eines von unendlich vielen Kleidungsgeschäften in Namdaemun, einem weiteren Shoppingbezirk Seouls.

Insgesamt bleibt als Shopping-Fazit, dass man sehr robust und resistent gegen massiven Lärm und massives Blinken sein sollte. Wissen, was man sucht, muss man nicht unbedingt, denn das Gesuchte findet man eigentlich nie. Dafür tausend andere schönen Sachen, die – so glaubt man – das Leben schöner machen. Und wie wir unsere wenigen Souvenirs zurück in good old Germany auspacken, scheint das sogar zu stimmen.

Luftschiff Ahoi! Unser Tag- und Nachtasyl in Schermetjevo II

Posted in LIBREAS on tour by Ben on 28. August 2006

So weit fort von Europa ist Korea eigentlich gar nicht. Jedenfalls wenn man in der Business-Class einen Direktflug erwischt. Mal ausspannen, die Zeitung lesen, einen Film sehen, etwas Leckeres essen, ein Stündchen schlafen und schon ist man dort und genauso wieder zurück. Man zieht die Buntfalten in der Hose noch einmal gerade, schnappt sich den Rollkoffer und steht dann erstmal zwei Stunden im Stau auf der Zubringerstraße. So jedenfalls stellen wir uns den idealen Ablauf einer solchen Reise vor.

Damit man aber auch in modernen Zeiten, und jetzt kommen wir zu unserem Flug, das Gefühl hat, dass Fernreisen beschwerlich, anstrengend und erschöpfend sind, gibt es Aeroflot und den Transitbereich des Flughafens Schermetjevo II, der vorwiegend aus einer leeren steinernen Balustrade mit Blick in die Abflugschalter, etwas sündteurer Flughafengastronomie, einem geheimen First-Classbereich und einer extrem öden Shoppingzone besteht, die in zig Duty-Free-Shops ein durchgängig identisches Angebot bereithält. Die Zahl der Sitzplätze ist streng limitiert. Entsprechend nutzt man den steinernen Wandelgang aktiv als Ruhezone und Liegefläche. Da wir auf dem Hinflug hier schon neun Stunden verödeten, wussten wir für die fünf Sonntagabendstunden vorzusorgen und nahmen aus dem Seoul-Moskau-Flug die dort bereitgestellten blau-orangenen Aeroflot-Decken mit. Die wirklichen Warteprofis von Schermetjevo haben dagegen Iso-Matten oder Luftmatrazen dabei und manche auch ein Kissen. So kann man hier auf den ersten Blick die Transiterstreisenden von den erfahrenen Transitgästen auseinanderhalten.

Allein im weiten Flur. Was aussieht, wie ein Mensch ohne Obdach, ist ein Fluggast von Aeroflot, der auf dem Hausflughafen der Fluglinie seinen Anschluss abwartet. Wie man sieht, ein Erstbesucher des Transitbereiches.

Hat man sein Plätzchen gefunden, kann man getrost einschlafen, denn entgegen allen Vorurteils, wirkt es hier nicht gefährlich. Auch kann man im Gegensatz zu früher und auch im Gegensatz zu modernen Flughäfen, hier ungestört herumfotografieren, was die Linse hergibt. Nur gibt sie eben nicht viel her und nach fünfzehn lustigen Posierfotos sind auch erst zehn Minuten herum. Da ist es schon vermeintlich angenehmer, sich mit jemandem zu unterhalten, z.B. mit dem armen belgischen Journalisten, der ein halbes Jahr in Korea unterwegs war und nun ohne einen Cent in der Tasche ratlos Anschluss sucht, da er gerade keinen Anschluss nach Brüssel hat, d.h. sein Flug entweder verspätet oder gar nicht mehr abhebt. Falls man also nach 9 Stunden Flug in der Mittelreihe der Touristenklasse noch in der Stimmung ist, eine derart traurige Geschichte anzuhören, kann man a) jemanden eine Freude machen und b) wieder eine halbe Stunde herumbekommen.

Eine weiter Möglichkeit ist, sich im Duty Free Shop zum Glück auch mit Euros ein Kaltgetränk holen und die längste Schlange zu wählen. Auch hiermit sind 10 Minuten zu schaffen. Und zwischendurch gilt es, immer wieder, auf steinernem Grund zu schlafen.

Spaß am Sonntag.Von solchen Erinnerungsbildern haben wir etwa vierzig.

Zudem gibt es natürlich das Informationsbedürfnis, welches schon frühzeitig nach der Information zum richtigen Gate giert. Entsprechend verbringt man jeweils fünf Minuten pro Stunde mit dem Wandern zur einzigen zentralen und für Kurzssichtige kaum lesbaren Anzeigetafel, die dem Betrachter die exotischsten Zielorte von Eriwan bis Ulan-Bator, von Dehli bis – ja richtig – Seoul anzeigt. Und zusätzlich kann man natürlich auch noch die Sicherheitschecks observieren, die hier ein konsequentes Durchleuchten der Schuhe einschließt, wobei diese Tatsache tiefstes olfaktorisches Mitleid mit den armen und sicher durch die vielen Schuhkontrollen benebelten Sicherheitsbeamten hervorruft.

Die Körperchecks dagegen fallen ganz entspannt aus, ich wurde z.B. trotz piependem Gerät ohne Würdigung eines Blickes einfach durchgewunken. Manuela war dagegen so leichtfertig, ihre Aeroflot-Decke unter dem Arm durch die Schleuse transportieren zu wollen und glücklicherweise versteht sie ausreichend wenig Russisch, so dass die Schimpftiraden der strengen Beamtin in Stöckelschuhen, die die Beute sofort beschlagnahmte, nahezu spurlos an ihr abperlten. Lessons learned Teil 2: Die aus dem ersten Teilflug entwendete Decke entweder an andere Wartende weitergeben oder im Handgepäck verstauen. In der Boing gen Berlin hätten wir die Decke nämlich ganz gut brauchen können, bewegte sich das Flugzeug nämlich zunächst gar nicht gen Berlin, sondern ersteinmal überhaupt nicht. Aus irgendeinem Grund, den der Reisende aber nicht erfährt, herrschte plötzlich Startverbot, was der Reisende eigentlich auch nicht erfährt. Was er nach einer halben Stunde Unklarheit erfährt, ist, dass sich der Start um etwa zehn bis fünfzehn Minuten verzögert. Da man sich, müde wie man ist, ohnehin in einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen befindet, kann es passieren, dass man sich in dieser Situation im Regionalverkehr der Deutschen Bahn AG wähnt, allerdings sind die Auskünfte hier auf Russisch, was jedoch bei der so rauschenden wie leisen Wiedergabe in den Lautsprechersystemen des Flugzeugs eigentlich keinen nennenswerten Unterschied hinsichtlich des Verstehens macht. Richtig verdächtig wird es dann, wenn statt der Turbinen die Musik angefahren wird. Wenn schließlich der Getränkewagen rollt, was an sich sehr freundlich ist, hier aber doch eine noch längere Standphase ankündigt, dann kann man schonmal beginnen, sich häuslich einzurichten. Oder, wie in unserem Fall, sehr schnell trinken, denn wie ein Blitz aus heiterem Nachthimmel ging es dann wider allen Erwartens doch noch los und eine Kolonne von Passagierjets machte sich auf den Weg zur Startbahn. Und schließlich waren wir, so erschöpft, dass uns eigentlich alles egal war, tatsächlich auf dem Weg nach Westen, unter uns die straßenbeleuchtungserzeugten Sterne des menschlichen Sesshaftseins, über uns die sich über Kernfusion erzeugenen Sterne des Universums und in uns der selbsterzeugte Stern der Hoffnung einer guten Heimkehr, der uns dann auch wirklich und wahrhaftig in die behagliche Atmosphäre des Flughafen Schönefeld geleitete. Nun sind wir wieder da und werden in den nächsten Tagen die Gigabyte-Bestände Fotos auswerten und hier das eine oder andere nachliefern.

Bodenständig und das für Stunden. Die Aeroflot-Stammflotte am Sonntagabend in Moskau.

Nun wird erst einmal das Jetlag gepflegt und ich gehe nach Haus und schlafe mich aus.

Body and Seoul – aus ganzer Kehle und (sehr) hart an der Grenze

Posted in LIBREAS on tour by Ben on 21. August 2006

Heute haben sich im Grab umgedreht: Frank Sinatra, John Lennon, Elvis Presley. Cindy Lauper, Blondie und Fools Garden standen kurz davor.

Der Grund: die IB-IFLA-Reisegruppe schlug heute einen alternativen Heimweg ein und stolperte zufällig in ein kleines Kellerlokal namens „Chantal“, dass sich als bodenständige Karaokebar entpuppte. Ach, wäre uns die Manu nur nicht so neugierig die Treppe hinunter gestiegen und auf einmal in der Tür verschwunden! Dann wären wir auch nicht – wie im Märchen Einer nach dem Anderen – die Treppe hinunter zum Nachsehen gegangen. Einmal den Türrahmen durchschritten, zumal als Ausländer, kommt man ohne Demonstration der Sangeskraft nicht mehr aus der Höhle der Mikrophone hinaus. Da niemand der Anwesenden deutsch und fast niemand englisch sprach, half auch ein „No thank you. I have a terrible voice and I do not want to mess up your evening“ nicht mehr. Das Kind war im Brunnen und das Mikrophon gezückt.


Where the streets have no name, aber Flair.

Auch nachts in Mangwong-Dong gehört es koreatypisch zum guten Ton, nicht zu sehr aufzufallen. Den beiden abgebildeten Menschen aus der Nachbarschaft gelingt dies ganz gut.

Flink war man platziert und statt einer Getränkekarte hielt man einen etwa fünf Zentimeter dicken Ordner in den Händen, in dem die in der Karaokemaschine verfügbaren Titel aufgelistet sind. Die schnell überlegte Taktik zur Flucht war, ein Lied derart schlecht zu gröhlen – was gemeinhin bedeutet, dass wir uns wirklich ins Zeug legen und unser Bestes geben – dass wir sofort des Lokales verwiesen werden. Diese Rechnung ging allerdings nicht so ganz auf, denn in Karaoke-Bars singt man natürlich nicht, um den Wohklang der menschlichen Stimme zu genießen, sondern um sich zu amüsieren. Die Devise lautet dabei: Je schlechter der Gesang, desto größer die Freude. Die anwesenden Einheimischen waren durchgehend hocherfreut.


Do you really want to sing here? Do you really want to hurt my ears?

Solche Fragen stellt man sich hier erst gar nicht. Erlaubt ist, was gefällt und hier gefällt am meisten, wenn man alle stimmlichen Hemmungen ablegt. Das ist der LIBREAS-Singegruppe dann ja auch gut gelungen…

Natürlich gingen auch die Stammgäste, so oft es schicklich war, on stage, wobei die Profis sich zusätzlich mit Schellen selbst begleiten. Ansonsten wird mitgeklatscht wie früher beim Blauen Bock. Da man hier zum Schunkeln auch aus Leibeskräften einen falschen Ton nach dem anderen in ein Mikrophon krächzen kann, ist der Spaß selbstverständlich ungleich höher als früher im oder vor dem Fernsehgerät.

Swing out sister!

Das blaue Licht bestrahlt gekonnt den ebenso gekonnten Hueftschwung in Tanzbereich des “Chantal”

Zuletzt heute mittag beim Verirren in der Sogong Underground Arcade und einem Abstecher ins Lotte Department Store, das ein bisschen wie das Berliner Lafayette erscheint, nur unendlich größer und schicker (wirklich), fragten wir uns, ob die Seoulites neben der Arbeit auch etwas anderes tun als Shoppen, Einkaufen und Geld ausgeben. Nun sind wir endlich auf das Geheimnis ihres ausgeglichenen Wesens gestoßen: Man singt sich denn millionenfachen Großstadtstress einfach bis in die frühen Morgenstunden aus der Seele. Das macht Spaß und tut nicht weh. Und auf dem Heimweg gibt es dann in der Garküche am Eck noch einen auf der Straße frittierten Fisch oder andere für uns nicht benennbare Tierpartikel.. Da die Nachttemperaturen momentan etwa bei 26 Grad liegen, schläft man ohnehin nicht so gut und so lässt man das Schlafen einfach und pendelt zwischen Arbeitsplatz, Shopping Mall und Karaoke-Kaschemme.

The Four Tops. Eines der Bilder, mit denen man sich als Fremder morgens um zwei den Heimweg erkauft.

„Girls just wanna have fuuun“ wurde zum geschlechter- und nationenübergreifenden Hymne und den Fun hatten hier nicht nur die Girls. Das Ganze ist für nüchterne Geister natürlich nur schwer zu ertragen, es sei denn, sie beherrschen die Kunst der völlige Selbstaufgabe. Für Himbeergeister z.B. muss das hier dagegen das Paradies sein. Auf den Tisch – und auf’s Haus – kam allerdings nur Prime Premium Malt Beer und ein Obstteller. Und als wir uns dann endlich gegen alle Widerstände und nach ein paar dutzend Erinnerungsfotos (für die Stammgäste des Lokals wohlgemerkt) den Heimweg freikämpften, geschah etwas ganz Sonderbares: Man drängte uns Geld geradezu auf, 20000 Won, was einen Gegenwert von 28 250ml Dosen Mountain Dew bei SevenEleven hat. Mit dem Koffein kann man dann getrost die nächsten zwei Wochen durchsingen. Durchdrehen geht hier schon ohne. Dies aber mit ziemlich guter Laune. Morgen geht es sicher nahtlos weiter bis zum KaraokeKO. Ich kann es schon vernehmen “Last christmas, I gave you my…”

[Ben]

Tagged with: , ,

Petras/Translating Dialects in Search…

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 3. August 2006

Petras, V.: Translating Dialects in Search: Mapping between Specialized Languages of Discourse and Documentary Languages. Dissertation at Graduate Division of the University of California, Berkeley (2006) http://www.sims.berkeley.edu/~vivienp/diss/

Der Referent darf und will nicht verschweigen, dass die Autorin einst studentische Hilfskraft bei ihm war und schon in dieser Zeit mit M. Bank eine durchaus bemerkenswerte Korrektur[1] der bekannten Arbeit von Giles und Lawrence (in Science, April 1998) publiziert hat.

INSPEC hat eigentlich keinen Thesaurus sondern eher eine Klassifikation.[2] Die „Deskriptoren“ sind in ihrer Begrifflichkeit zu breit für einen typischen Thesaurus, so dass im Durchschnitt auch nur 7 „Deskriptoren” vergeben werden (S.130 bzw. 230).[3] Bei 450.000 Records/J ist das nicht viel. Daran erkennt man, dass die Indexierungsbreite und die Indexierungsspezifität in der Weise miteinander korrespondieren, dass mit wachsender begrifflicher Breite der Deskriptoren bzw. der Klassen die Indexierungsbreite zwangsläufig abnehmen muss.[4]

Je größer die Zahl der Dokumente ist, um so höher muss auch die Indexierungsbreite sein. Darin liegt ja der eigentliche Grund für das Entstehen der Dokumentation im letzten Jahrhundert. Wenn beispielsweise 427.340 Records durch 8.447 verschiedene INSPEC Deskriptoren erschlossen werden (S.129), erbringt jeder dieser Deskriptoren durchschnittlich 50 Treffer. Bei 7 Deskriptoren/Record sind es Ø 350 Hits.

Interessant sind auch die VENN-Diagramme (S. 137, 138, 142, 143, 186), da man auf sie einen einfachen wahrscheinlichkeitstheoretischen Test anwenden kann,[5] der z.B. deutlich zeigt, dass in der Physikdatenbank INSPEC, Worte wie Computers und Physics in der natürlichen Sprache der Dokumente deutlich seltener als bei einer Zufallsverteilung gemeinsam vorkommen,

Physics = 0,33 + 0,04 + 0,20 + 0,13 = 0,70 Computers = 0,13 + 0,04 + 0,20 + 0,13 = 0,50 Physics ∩ Computers = 0,04 + 0,20 = 0,24 0,70 x 0,50 / 0,24 = 1,46 während die Indexer diese scheinbare Zufälligkeit wieder herstellen. Physics = 0,09 + 0,02 + 0,62 + 0,15 = 0,88 Computers = 0,01 + 0,02 + 0,62 + 0,08 = 0,73 Physics ∩ Computers = 0,02 + 0,62 = 0,64 0,88 x 0,73 / 0,64 = 1,00

Im Prinzip geht es bei der Arbeit um den Einsatz von „search term recommenders“ und das Verhältnis der Recall Ratio zur Precision. Dabei zeigt sich, dass die alte Erkenntnis von F. Lancaster (vor ~40 Jahren an MEDLARS gewonnen) bis heute noch sehr stabil ist, bei der sich das Verhältnis zwischen Precision und Recall als etwa linear erweist. Im Bereich von 20% – 60% Recall Ratio beträgt die Steigung meist etwas weniger als -1. Mit zunehmendem Recall fällt somit die Precision direkt proportional. Dieser Umstand ist insofern besonders bemerkenswert, weil er in erster Näherung besagt, dass professionelle Rechercheure seit Jahrzehnten das Optimum anstreben, bei dem etwa 50% Recall auch 50% Precision gegenüberstehen. Auch bei Volltextrecherchen hat sich daran kaum etwas geändert, obwohl die Recall Ratio dort nicht selten auf siebzig oder achtzig Prozent erhöht werden kann. Dabei fällt aber die Precision oft auf störend kleine Werte ab, wenn man nicht sehr lang und intensive recherchiert. Nach Jahrzehnten Erfahrung (von den Cranfield Studies vor vierzig Jahren bis heute) lässt sich erkennen, dass das Verhältnis von Recall und Precision weniger ein Zeichen für die Güte einer Datenbank ist, als vielmehr ein Optimum das Rechercheure grundsätzlich anstreben. Sie wissen, dass sie sich dann etwa im Optimum befinden, wenn jedes zweite Dokument das sie in der Recherche herausfiltern relevant ist, und wenn sie feststellen, dass sie etwa jedes zweite Dokument das auf dem recherchierten Gebiet relevant ist, gefunden haben. Dieses Optimum ließ sich bei MEDLARS erfahrungsgemäß annähernd erreichen, unterliegt aber selbstverständlich erheblichen Streuungen. Wiederholte Vergleiche haben gezeigt, dass die Recall Ratio einer Datenbank um 40% pendelt.

Durch einen guten Thesaurus verbessert sich dieser Wert bemerkenswerter Weise nicht. Er verringern lediglich die Schwankungen. Dies wird durch das oben erwähnte Ergebnis neu belegt. In den Grafiken der vorliegenden Arbeit liegen die Recall-Werte bei einer Precision von rund 50% meist erheblich unter 40%. Bei INSPEC (S.157) beispielsweise sogar weit unter 10%, da erhöhte Recall Ratios nur bei entsprechend hoher Indexierungsbreite (im Extremfall beim Volltext) erreichbar sind. Die Ergebnisse zeigen daher auch, dass es die Aufgabe eines search term recommenders sein muss, stärker auf die Precision als auf die Recall Ratio zu achten, da Endnutzer ein System eher als positiv bewerten, das ihnen von 100 Treffern 50 Relevante erbringt, als solche, die von 100 Treffern nur einen relevanten bzw. alle hundert relevante herausfiltern.

Im letzten Fall hätte man zwar als Endnutzer das Gefühl sehr viel relevante Information bekommen zu haben, wüsste aber nicht, wie viel weitere Treffer möglich gewesen wären, da das Umfeld (mit ähnlichen aber nichtrelevanten Treffern) zum Vergleich fehlt. Der Einsatz eines leistungsfähigen search term recommenders zeigt sehr schön, dass auch er mit wachsender Leistungsfähigkeit das Verhältnis zwischen Precision und Recall gegen -1 führt, wobei der Schnittpunkt mit der y-Achse (Precision) möglichst hoch sein sollte. Eine geringere Steigung würde zwar bei leichtem Precision-Verlust zu rascherem Anstieg der Recall Ratio führen, aber dies auf niedrigem Niveau (S.237).

(W. Umstätter)

[1] Petras, V. und Bank, M.: Vergleich der Suchmaschinen AltaVista und HotBot bezüglich Treffermengen und Aktualität. nfd 98 (6) (1998) [2] http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/pub35.html [3] 50% der Dokumente haben nur 2-6 Deskriptoren [4] http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/pub65.html [5] Umstätter, W. und Rehm, M.: Einführung in die Literaturdokumentation und Informationsvermittlung. Saur. Verl. München S.8-10 (1981) http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/infopub/textbook/definitions/d43.html

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 79 Followern an