LIBREAS.Library Ideas

EIS, newlis und LIBREAS. Ein Blick in die INETBIB und darüber hinaus.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 29. Juli 2014

von Ben Kaden (@bkaden)

Am vergangenen Donnerstag (24.07.2014) bestätigte Rainer Kuhlen in der Mailing-Liste INETBIB, dass das geplante Projekt einer neuen europäischen Open-Access-Zeitschrift bzw. Kommunikationsplattform für die Informationswissenschaft (European Journal of Information Science bzw. EIS-ICP bzw. Open-Access-Zeitschrift/Publikations-, Informations- und Kommunikationsplattform EIS – European Information Science (OA-PIKP-IW)) keine Förderung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu erwarten hat. Damit ist das Projekt vorerst gescheitert. Rainer Kuhlen verfügt als emeritierter Professor zwar über Expertise und Kontakt jedoch eben nicht über Infrastruktur und Mittel. Und ohne diese lässt sich ein Unterfangen dieses Zuschnitts nicht bewältigen. (vgl. Kuhlen 2014, Antragstext: Kuhlen, Womser-Hacker,2014)

Die Reaktionen in der Mailing-Liste auf die Mail Rainer Kuhlens verdeutlichen, wie die Frage eine Reorganisation der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Fachkommunikation (de facto fallen beide Facetten in Deutschland sehr häufig sogar noch mit der bibliothekarischen und informationspraktischen Fachkommunikation zusammen, wenngleich es sich beim Kuhlen’schen Vorhaben um ein dezidiert informationswissenschaftliches handelte) unter dem Ansprach des Open Access verhandelt wird. Da dies unmittelbar auch für LIBREAS interessant ist, sollen die bisher verfügbaren Positionen hier kurz dokumentiert, sortiert und kommentiert werden.

Rainer Kuhlen selbst mutmaßte in seiner Erstmeldung nur indirekt über die Gründe, die die DFG möglicherweise zur Ablehnung gebracht haben („nicht gut genug“, „zu ambitiös“, „ob die Informationswissenschaft in der DFG keine Lobby hat“, vgl. Kuhlen, 2014).  Thomas Krichel, der sich ein paar Vortragsfolien von Rainer Kuhlen angesehen hat, meinte in einer ersten Reaktion, dass die DFG-Entscheidung, wenn der Antrag den Folien ähnelte, wenig überraschend sei, spezifizierte die Aussage aber nicht weiter. (Krichel, 2014a) Nun ist das Spiel des Mutmaßens zwar sehr unterhaltsam, am Ende aber auch müßig, zumal die leider nicht zugänglichen Gutachten die Wahrheit bzw. eine unabweisbare offizielle Begründung für den abschlägigen Bescheid enthalten, die wir voraussichtlich nie erfahren werden, so dass auch niemand die Freude empfinden wird, beim Orakeln richtig gelegen zu haben.

Die drei Überlegungen Kuhlens klingen allerdings wahrscheinlicher als die Vermutung, die Eric Steinhauer ins Spiel bringt. Diese weist dafür über den Antrag hinaus in die oft betrübliche Realität der Redaktionspostfächer:

„Wäre es eine zu abwegige Vermutung, dass ein Grund dafür vielleicht auch in dem Umstand zu suchen sein könnte, dass es für ein neues Fachorgan einfach nicht genügend Autoren gibt?“  (Steinhauer, 2014a)

1. Publikationskultur (Eric Steinhauer)

Der von ihm angesprochene Punkt, nämlich wie man überhaupt im deutschen LIS-Feld genügend Beiträge für eine ganze Bandbreite von Publikationsformen (also auch die Neugründungen Neugründungen Informationspraxis  und o-bib sowie für Nanopublikationen, wie Eric Steinhauer ergänzt, das Sortiment der Social-Media-Welt), verfehlt zwar etwas den geplanten Zuschnitt von EIS, da dieses Journal als wissenschaftliche Fachplattform nicht unbedingt auf bibliothekspraktische Texte blicken sollte. Er greift mit der Frage „Wer schreibt?“ aber dennoch eine grundlegende Herausforderung auf, die sich jeder Fachzeitschrift für Bibliothekswesen bzw. Bibliotheks- und Informationswissenschaft stellt.

Für Eric Steinhauer beginnt das Problem freilich noch früher bzw. auf der anderen Seite des Publikationskreislaufs. Was publiziert wird, so sein Eindruck, wird oft so gut wie gar nicht rezipiert:

„eine Lektüre, geschweige denn eine produktive Rezeption publizierter Arbeiten [findet] kaum statt[…]“  (Steinhauer, 2014a)

Entsprechend nachvollziehbar ist sein Appell, den Blick weniger auf die Publikationsorgane als auf die Publikationskultur selbst zu richten. Daran, wie sich Informationspraxis und o-bib entwickeln, wird sich auch empirisch zeigen, ob in der deutschen Fachgemeinschaft genügend Platz für eine solche Vielzahl von Publikationsorganen ist. (Steinhauer 2014b)

Ursächlich für die mangelnde Rezeption bibliotheks- und informationswissenschaftlicher Publikation sind für ihn „selbstreferenzielles Projektdenken und zuviel quasi-politisches Gehabe“ und ein zu gering ausgeprägtes Bewusstsein für Interdisziplinarität beispielsweise mit den Kulturwissenschaften, die bibliothekswissenschaftlich relevante Sachverhalte äußerst rege aufgreifen.

2. Kein Peer Review,  dafür ein Referateblatt (Walther Umstätter)

Walther Umstätter sieht angesichts der Zahlen der Absolventen in den Ausbildungs- und Studiengängen durchaus noch Raum für eine weitere Publikationsplattform. (Umstätter, 2014a)

Er kritisiert jedoch, dass im Vorfeld keine bibliometrische Profilierung der geplanten Publikation stattfand. Er bezieht sich dabei auf eigene Vorarbeiten (Mayr, Umstätter, 2008), die zu dem Ergebnis führten:

„Gerade mit der immer stärkeren Abnahme an deutschsprachigen wissenschaftlichen Zeitschriften wächst die  Bedeutung derer, die noch existieren, insbesondere für den Nachwuchs.“ (Mayr, Umstätter, 2008)

Größere Probleme bereitet ihm jedoch der Ansatz des Open Access selbst. Die von Eric Steinhauer erwähnten Publikationen und besonders Social-Media-Kanäle erscheinen ihm stärker als Angebote für „bestimmte Interessengruppen und “Indies”“, wogegen die Diskussion der so genannten newlis-Debatte eine übergreifende, „zentrale“ Lösung anstrebte. Im Kern fehlen Zentralorgane, wie es naturwissenschaftliche Disziplinen mit den Übertiteln Nature oder Science besitzen, in den Geisteswissenschaften, zu denen Walther Umstätter offenbar auch die Bibliotheks- und Informationswissenschaft zählt. Der Grund dafür ist aus seiner Sicht, dass es hier keine auf harte Fakten bezogene Streitkultur gibt. Man bleibt beim Feststellen von Meinungen und deshalb, so Walther Umstätter, ist die Publikationskultur in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft nur schwach ausgeprägt:

„Es geht in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu wenig um die Fakten und Konsequenzen der Informationstheorie als Hard Science, und zu oft nur um das Geplauder um moderne Schlagworte.“ (Umstätter, 2014a)

Weiterhin erweitert Walther Umstätter im Anschluss an Eric Steinhauer die Debatte um den Aufruf, dass die in internationalen Zeitschriften erschienenen Publikationen in der deutschen Bibliotheks- und Informationswissenschaft intensiver als bisher – idealerweise mit den „besten Wissenschaftlern als Reviewern“ – „fundiert und kritisch“ einem Art Post-Peer-Review unterzogen werden. Sehr deutlich spricht er sich also für eine Art Referatezeitschrift der deutschen Bibliotheks- und Informationswissenschaft aus, dass über aktuelle Fachentwicklungen informiert und zugleich einen fehlenden Zugang zu diesen Titeln kompensiert.(Umstätter, 2014c)

Ein Post-Publication-Peer-Review ist für Walther Umstätter auch generell für neugegründete Zeitschriften das Mittel zur Qualitätssicherung. (Umstätter 2014b) Er argumentiert, dass beim Pre-Publication-Peer-Review  in der Wissenschaft in immerhin 4,5% der Fälle (vgl. Cawley, 2011) zum Review eingereichte Erkenntnisse durch die Reviewer selbst nachverwertet (bzw. gestohlen) wurden. Darüber hinaus könnte der Vorteil, frühzeitig und teilweise auch inspirierend den Forschungsstand der Fachkollegen zur Kenntnis nehmen zu können, auch generell eine zentrale Motivationsgröße für die Mitarbeit am zumeist nicht vergüteten Reviewing für Fachzeitschriften darstellen. Er wird in diesem Punkt durch Thomas Krichel unterstützt, der auf das Fachrepositorium E-LIS verweist. (Krichel, 2014b)

Schließlich betont Walther Umstätter in einer dritten Positionierung, dass er ursprünglich LIBREAS in der Rolle des aus dem newlis-Umfeld heraus forcierten neuen Open-Access-Organs sah. (Umstätter, 2014c, Umstätter, 2012) Er interpretiert dabei einen Text von Ben Kaden als diesbezüglich abschlägig. (Kaden, 2012, mehr dazu unten) LIBREAS hätte aus seiner Sicht als eine Art Referateorgan mit einer entsprechenden Unterstützung und einem Anschluss an die Idee von EIS durchaus das passende Produkt für den festgestellten Bedarf werden können:

„Natürlich hätten die Mitstreiter bei LIBREAS noch weit mehr ihre Arbeit aufteilen müssen, hätten Rechte und Pflichten abgeben müssen, um die anfallende Arbeit zu schaffen, hätten einiges an Arbeit auf die Softwareebene delegieren müssen, und gerade das müsste man der DFG klar machen, wo die eigentliche Projektidee liegt, die bei Kuhlens Antrag nicht deutlich genug wurde, weil er anderenfalls hätte angenommen werden müssen.“ (Umstätter, 2014c)

3. Kein Förderbedarf (Klaus Graf)

Für Klaus Graf besteht schlicht kein Bedarf für eine DFG-Förderung. Eine bezahlte Redaktion wäre ein netter Bonus, die Open-Access-Praxis zeigt aber, dass es einerseits infrastrukturelle Unterstützung durch Hochschulen (Open-Journal-Systems u.a. der Universitätsbibliothek Heidelberg gibt) und andererseits der hauptsächlich ehrenamtliche Ansatz „der beiden angekündigten deutschsprachigen OA-Journals […] moderner und zukunftsweisender“ ist. (Graf, 2014a)

Zur Frage des Reviewing positioniert sich Klaus Graf mit der Einstellung „publish first, filter later“. (Graf, 2014b) Ein „gründliches traditionelles Review” stellt dabei eine Art Erstfilter dar. Die weitere Qualitätsbewertung eines Beitrags erfolgt idealerweise als Post-Publication-Review und damit dürfte zu diesem Aspekt ein Konsens bestehen.

4. Das Problem des Nebenbei (Annette Kustos)

Anette Kustos rekurriert auf das von Eric Steinhauer eingebrachte Problem des „Wer schreibt?“  bzw. „Wer schreibt wissenschaftlich?“ und ergänzt die Debatte um die Position, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit einer „ständige[n] “Breitenperformance”“ oftmals kaum mehr an Text zu produzieren in der Lage sind, als solchen in der wenig geliebten Form der Praxisberichte. Für eine tiefe Quellenrecherche und wissenschaftliches Ausarbeiten der Beiträge bleibt im Arbeitsalltag kaum Gelegenheit.

Sie betont zudem den Aspekt, dass die Arbeit des Publizierens in den vorliegenden Open-Access-Strukturen ohne direkte Entlohnung und quasi nebenbei, finanziert durch anderweitige Erwerbsarbeit erfolgt. Open Access, so betont sie, kann eigentlich nur funktionieren, wenn die grundsätzlichen Betriebsressourcen der Publikationsplattformen finanziert sind. Deshalb ist sie auch Mitglied im LIBREAS-Verein und unterstützt diesen mit einem Jahresbeitrag. Das Fehlen eines solch abgesicherten „institutionelle[n] Unterbau[s] mit Grundmitteln für den Fachkontext Informationswissenschaft“ könnte, so die Vermutung, im Fall von EIS der Kern des Problems sein. Ihr Best-Practice-Beispiel aus dem bibliothekarischen Bereich ist die Zeitschrift GMS Medizin-Bibliothek-Information.

5. Kommentar (Ben Kaden)

Ob die INETBIB-Diskussion um die Nichtbewilligung einer DFG-Förderung für EIS-ICP die generelle Debatte um die Publikationsstrukturen in Bibliothekswesen, Bibliotheks- und Informationswissenschaft bzw. Informationswissenschaft, die unter der Überschrift newlis eine erfreuliche intensive Kommunikation und schließlich, nicht minder erfreulich, gleich zwei konkrete Publikationsprojekte nach sich zieht, wieder intensiver aufflammt, ist nach vier Tagen noch nicht absehbar. Dass eine Diskussion stattfindet spricht aber deutlich für eine Vitalität der Fachgemeinschaft, auch wenn die TeilnehmerInnen weitgehend bekannt und von vergleichsweise geringer Zahl sind. Aus den bisherigen Stimmen lassen sich folgende Kernpaspekte extrahieren:

  • Es gibt zu wenige (gute) Autoren bzw. Beiträge.
  • Es wird zu wenig bzw. zu wenig aufmerksam und kritisch gelesen.
  • Open-Access-Publikationen sind relativ kostengünstig einzurichten.
  • Open-Access-Publizieren erfolgt fast notwendig ehrenamtlich.
  • Das Peer-Review-Verfahren sollte durch ein Post-Publication-Review abgelöst werden.
  • Eine Referateblatt, dass Forschungsergebnisse besonders aus internationalen Publikationen an das Fachpublikum vermittelt, wäre wünschenswert.

Sehr zentral aus meiner Sicht jedoch noch ein anderer Aspekt, der noch nicht expliziert wurde, aber ursächlich für viele Reibungspunkte sein dürfte: die mangelnde Abgrenzung. Genaugenommen ist es nämlich nicht unbedingt zutreffend, wenn man das geplante EIS-ICP mit LIBREAS, Informationspraxis und o-bib oder anderen bibliothekarischen Fachzeitschriften in einen unmittelbaren Zusammenhang setzt. Sowohl der geographische Zuschnitt (Europäische Union) wie auch die fachliche Konzentration (Informationswissenschaft) zielten nachvollziehbar doch vielmehr auf eine konkrete Wissenschaftsgemeinschaft und weniger auf eine Fachgemeinschaft, die bis in die Bibliothekspraxis reicht, was sich besonders bei der Art der einreichbaren Beiträge und deren Reviewing gezeigt hätte. Die Zielgruppe unterscheidet sich demnach grundlegend von der der genannten anderen Open-Access-Zeitschriften.

Herausforderung und Konkurrenz für EIS-ICP wären daher vielmehr die in der Fachdisziplin fest etablierten Titel, also Zeitschriften wie JASIST, das Journal of Documentation und sicher auch die IWP sowie eine gut sortierte Handvoll internationale Open-Access-Publikationen wie First Monday oder InformationR, in denen auch deutsche informationswissenschaftliche Autoren relative stabile und vor allem etablierte Strukturen für ihren Fachdiskurs vorfinden, in denen sie ihre Forschung kommunizieren können. Allerdings heißt es im Antrag bei der Bedarfsanalyse: „Faktisch publizieren deutsche WissenschaftlerInnen, bis auf Ausnahmen, kaum in den international führenden Journalen des Fachgebiets […]“ (Kuhlen, Womser-Hacker, 2014, S. 32) Hier eröffnet sich noch ein ganz anderes Feld für eine Debatte zur gegenwärtigen Publikationskultur der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, dessen Bearbeitung erst einmal vertagt werden muss.

Dass sich eine Vielzahl von VertreterInnen der Fachcommunity laut Liste im Antrag (Kuhlen, Womser-Hacker, 2014) zur Mitarbeit im Editorial Board bereiterklärten mag einerseits den Netzwerkkompetenzen der Antragsteller geschuldet sein. Andererseits zeigt es dennoch mindestens, dass die informationswissenschaftliche Community einer weiteren Publikationsplattform nicht abgeneigt gegenüber steht.

Interessant wäre es natürlich, die Gutachten mit der Ablehnungsbegründung einzusehen. Die Vermutung, dass EIS tatsächlich sehr, vielleicht zu komplex und zugleich im Gegensatz zu anderen, niedrigschwelligeren Open-Access- und Nanopublikationsformen ziemlich traditionell top-down-strukturiert angelegt war, stellte sich bereits bei den Präsentationsvorträgen von Rainer Kuhlen u.a. im BBK des Berliner Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft ein und bestätigt sich auch in gewisser Weise bei der Lektüre des Antrags. Jedoch sind auch die Erwartungen und formalen Ansprüche der DFG zu berücksichtigen und zweifellos steht einem informationswissenschaftlichen Projekt ein hoher informationswissenschaftlicher Innovationsanspruch in einem solchen Antrag sehr gut zu Gesicht.

Es bleibt dabei: auch mit Informationspraxis, o-bib, LIBREAS, 027.7 und anderen Publikationen fehlt eine deutschsprachige Open-Access-Zeitschrift für die Disziplin der Informationswissenschaft. Keine der genannten Open-Access-Publikationen erfüllt die Standards, die eine Wissenschaftsgemeinschaft berechtigt an ein für sie tragfähiges Leit- und Kommunikationsmedium stellt.

Aus Sicht von LIBREAS kann ich mich der Position von Annette Kustos sehr gut anschließen: Es ist mit den vorhandenen Mitteln und auf der Basis der Beiträge die uns erreichen unmöglich, ein hartes wissenschaftliches Journal herauszugeben, wie es Walther Umstätter und Rainer Kuhlen mutmaßlich vorschwebt. Das bedeutet keineswegs, dass nicht auch auf diesem Weg wissenschaftliche und andere relevante Erkenntnisse in diesen Medien ihren Weg zum Leser finden. Bei konsequenter Anwendung wissenschaftlicher Standards wäre bei LIBREAS jedoch die Ablehnungsrate selbst des Editorial Reviews so hoch, dass wir bestenfalls alle zwei Jahre eine Ausgabe publizieren könnten. Wir haben uns dagegen entschieden und folgen lieber Klaus Grafs Devise „publish first, filter later“.

Ich habe LIBREAS unlängst in einer Diskussion als Themenseismograph bezeichnet und ich denke immer mehr, dass es das ist, was wir aktuell mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln leisten können: wir zeichnen bestimmte Aspekte und Erörterungen dazu auf, in der Hoffnung, dass sie rezipiert werden und etwas darauf folgt.

Die Einnahmen des LIBREAS-Vereins decken derzeit die technischen Grundkosten und ermöglichen uns darüber hinaus hin und wieder Veranstaltungen wie den SWiF zu unterstützen. All die Ambitionen, die zweifellos darüber hinaus bestehen, müssen derzeit zurückgestellt werden.

Wenn Walther Umstätter in seiner Mail vom 27.07. explizit auf LIBREAS eingeht, dann ist auch diese Prämissen zu berücksichtigen. Es ist keinesfalls so, dass LIBREAS sowohl newlis wie auch EIS ablehnend gegenüberstand. Ganz im Gegenteil. Mit und zu newlis gelang es in einen Dialog zu treten (u.a. auf dem frei<tag> 2012). Dass unsere Erfahrungen und Ideen für EIS offenbar wenig Relevanz besaßen, ist am Ende wahrscheinlich doch dem sehr anderen Zuschnitt geschuldet. Soweit ich beurteilen kann, stand LIBREAS als Anschlusspunkt für den Projektantrag von Rainer Kuhlen nie zur Debatte. Zum Dialog auch zu EIS waren wir dennoch jederzeit bereit und haben dies auch signalisiert. Die bereits oben zitierte Aussage Wather Umstätters

„Natürlich hätten die Mitstreiter bei LIBREAS noch weit mehr ihre Arbeit aufteilen müssen, hätten Rechte und Pflichten abgeben müssen, um die anfallende Arbeit zu schaffen, hätten einiges an Arbeit auf die Softwareebene delegieren müssen, und gerade das müsste man der DFG klar machen, wo die eigentliche Projektidee liegt, die bei Kuhlens Antrag nicht deutlich genug wurde, weil er anderenfalls hätte angenommen werden müssen.“ (Umstätter, 2014c)

wirkt daher möglicherweise etwas verzerrend. Was wir nicht wollten und was ich in meiner Antwort auf Walther Umstätter schrieb (vgl. Kaden, 2012), war zu unserer laufenden LIBREAS-Arbeit mit unseren schmalen Ressourcen große und mittlere Pläne Dritter zu bedienen.

Was die Software-Lösung angeht, sind wir mit der Github-Lösung und der Variante für Langzeitarchivierung über den e-doc-Server der Humboldt-Universität eigentlich ziemlich zufrieden. Für die anderen Spielereien benutzen wir, was an Social-Media-Komponenten üblich ist und vermissen relativ wenig. Wir verstehen uns also auch an dieser Stelle durchaus als anschlussfähig.

Auch als Organisationsform LIBREAS ist mit dem LIBREAS-Verein so offen, wie es eben geht. Wir freuen uns selbstverständlich weiterhin auch, über weitere – verlässliche und belastbare – Mitglieder der Redaktion, vor allem in den Bereichen Autorenbetreuung und Review-Management. Wir freuen uns auch über AutorInnen.

Die Idee des Referateblatts (oder Abstract-Journals), wie sie Walther Umstätter in seiner Nachricht in der INETBIB als Desiderat beschreibt, nahmen wir übrigens im LIBREAS-Weblog auf und führen sie im LIBREAS-Tumblr weiter:

„Die Seite LIBREAS.tumblr.com dient also dem Zweck, selektiv und in betont knapper Form Erkenntnisse aus dem aktuellen Publikationsgeschehen in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu sammeln, zu bündeln und sorgsam auszutaggen.“ (Kaden, 2013)

Dass wir darin nicht einmal in Richtung eines Anspruchs auf Vollständigkeit gehen und nicht ontologiebasiert erschließen, was vielleicht ein toller Anspruch und zugleich die Erwartung der Fachwelt wäre, liegt nun leider auch daran, dass unser Tag mit allem Möglichen gefüllt ist – Annette Kustos weiß, was wir meinen – und wir uns daher erlauben, nur dass zu lesen und zu referieren, was uns wirklich interessiert. Doch auch dieses Format steht prinzipiell jedem offen und über ben@libreas.eu sind Ideen und fast lieber noch konkrete Referate sehr willkommen.

(Berlin, 29.07.2014)

 

 

Quellen

Valentine Cawley (2011): An Analysis of the Ethics of Peer Review and Other Traditional Academic Publishing Practices. In: International Journal of Social Science and Humanity, Vol. 1, No. 3, September 2011. S. 205-213. DOI: 10.7763/IJSSH.2011.V1.36

Klaus Graf (2014a) Re: [InetBib] Kein EIS. In: INETBIB, 25.07.2014, http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg53582.html

Klaus Graf (2014b) Re: [InetBib] Kein EIS. In: INETBIB, 27.07.2014, http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg53588.html

Ben Kaden (2013) Aus der Redaktion: LIBREAS microbloggt nun auch bei Tumblr. Aber warum? In: LIBREAS.Weblog. 24.01.2013 http://libreas.wordpress.com/2013/01/24/aus-der-redaktion-libreas-microbloggt-nun-auch-bei-tumblr-aber-warum/

Ben Kaden (2012) LIBREAS als Schweigbügelhalter? Eine Position zur newLIS-Debatte. In: LIBREAS. Weblog. 04.07.2014. http://libreas.wordpress.com/2012/07/04/libreas-als-schweigbugelhalter-eine-position-zur-newlis-debatte/

Thomas Krichel (2014a): Re: [InetBib] Kein EIS. In: INETBIB, 25.07.2014 http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg53570.html

Thomas Krichel (2014b): Re: [InetBib] Kein EIS. In: INETBIB, 25.07.2014, http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg53584.html

Rainer Kuhlen (2014): Kein EIS. In: INETBIB, 24.07.2014, http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg53568.html

Rainer Kuhlen, Christa Womser-Hacker (2014) Antrag an die Deutsche Forschungsgemeinschaft aus dem Programm Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme, hier zu 12.11 Elektronische Publikationen Einrichtung einer Open-Access-Zeitschrift/Publikations-, Informations- und Kommunikationsplattform. Berlin, Hildesheim: 07.01.2014. Volltext: http://www.kuhlen.name/MATERIALIEN/Projekte/RK-antrag-EIS-unter-CC-BY3-0-27072014-PDF

Annette Kustos (2014) Re: [InetBib] Kein EIS. In: INETBIB, 28.07.2014 http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg53595.html

Philipp Mayr, Walther Umstätter (2008) Eine bibliometrische Zeitschriftenanalyse zu JoI, Scientometrics und NfD bzw. IWP. In: Information – Wissenschaft und Praxis. Jg. 59 Heft 6/7 (2008) S. 353-360. Volltext: http://www.ib.hu-berlin.de/~mayr/arbeiten/mayr-umsta_IWP08.pdf

Eric Steinhauer (2014a): Re: [InetBib] Kein EIS. In: INETBIB, 25.07.2014, http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg53576.html

Eric Steinhauer (2014b)): Re: [InetBib] Kein EIS. In: INETBIB, 25.07.2014, http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg53581.html

Walther Umstätter (2014a) Re: [InetBib] Kein EIS. In: INETBIB, 25.07.2014, http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg53580.html

Walther Umstätter (2014b) Re: [InetBib] Kein EIS. In: INETBIB, 25.07.2014, http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg53583.html

Walther Umstätter (2014c) Re: [InetBib] Kein EIS. In: INETBIB, 27.07.2014, http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg53587.html

Walther Umstätter (2012) Re: [InetBib] BIBLIOTHEKSDIENST erscheint bei De Gruyter: Stellungnahme der BID. In: INETBIB, 02.07.2012, http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg47944.html

 

 

 

LIBREAS #25: Frauen

Posted in LIBREAS aktuell by libreas on 28. Juli 2014

Gerne weisen wir darauf hin, dass die neues Ausgabe der LIBREAS #25 mit dem Schwerpunkt “Frauen” erschienen ist. Die Beiträge greifen in die Geschichte zurück, um bedeutende Frauen im Bezug auf Bibliotheken vorzustellen, diskutieren die Repräsentation von Geschlecht in Katalogen und Bibliotheken sowie das Berufsleben von Frauen in Bibliotheken.

cover_25_2

Die Redaktion der LIBREAS wünscht eine anregende Lektüre.

Der SWiF 2014. Ein Interview mit Evelyn Dröge und Violeta Trkulja.

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen by libreas on 22. Juli 2014

Im Herbst (am 14. und 15. November 2014) findet am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin der 5. Studenten-Workshop für informationswissenschaftliche Forschung SWiF 2014 statt. Aus naheliegenden Gründen unterstützt der LIBREAS-Verein die Veranstaltung sehr gern. Und das legt wiederum nah, sich mit den beiden Organisatorinnen am Institut, Evelyn Dröge und Violeta Trkulja, vorbereitend zu einem Gespräch zu treffen.

Evelyn Dröge und Violeta Trkulja / SWiF 2014 am IBI

Violeta Trkulja und Evelyn Dröge auf dem Balkon des Instituts in der Dorotheenstraße.

Der SWiF-Workshop ist per Namen einer für „informationswissenschaftliche Forschung“. Er findet dieses Jahr aber am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft statt. Ist es denn auch möglich, ein bibliothekswissenschaftliches Forschungsthema vorzuschlagen?

Selbstverständlich. Wir verstehen Bibliotheks- und Informationswissenschaft als ganz und gar interdisziplinär. Bibliothekswissenschaftliche sind genauso willkommen wie zum Beispiel sozialwissenschaftliche Konzepte, die sich an Fragestellungen aus unserem Feld anbinden lassen. Die Informationswissenschaft ist hier ausdrücklich als inklusives Konzept und damit gerade nicht als ausgrenzend zu verstehen. Die Bezeichnung Bibliotheks- und Informationswissenschaft wäre dazu sogar eher zu einengend.

Warum benötigt man eine Veranstaltung wie den SWiF?

Wir haben den Eindruck, dass den Studierenden ein Format dieser Art fehlt. Auf Fachkonferenzen gibt es häufiger Veranstaltungen für Doktoranden oder für Young Information Professionals, jedoch selten für Studierende aus dem LIS-Bereich. Zudem ist dieser Rahmen häufig eher auf eine Vermittlung der Nachwuchsforschung an ein Fachpublikum gerichtet.

Die Idee des SWIF ist dagegen der direkte Austausch zwischen den Studierenden. Wir möchten, dass Studierende von unterschiedlichen Hochschulen und mit unterschiedlichen informationswissenschaftlichen Forschungsinteressen untereinander ins Gespräch kommen, sich und ihre Arbeit und nicht zuletzt auch die Studiengänge der anderen Studierenden wechselseitig kennenlernen. Von jeder Hochschule ist zudem ein Dozent als Ansprechpartner dabei. So kann man zum Beispiel auch frühzeitig bei der Promotionsplanung ermitteln, welche Hochschule sich für das eigene Thema besonders eignet.

Im Prinzip kann man den SWiF als ein Pendant zu den etablierten Formaten für Promovierende verstehen, bei dem ein fachlicher und sozialer Austausch unter Peers gefördert wird.

Im Ankündigungstext liest man von einer „Auswahl geeigneter Vorträge“. Wie gestaltet sich denn dieses Auswahlverfahren?

Die Auswahl liegt in den Händen des Organisationsteams. Allzu große Sorgen sollte sich aber niemand machen, der einen substantiellen Beitrag einreicht. Erfahrungsgemäß können fast alle Vorschläge, die fachlich relevant sind, berücksichtigt werden. Uns geht es vor allem darum, eine große inhaltliche Breite abzubilden und Studierende möglichst vieler Hochschulen zu berücksichtigen. Außerdem sollte schon ein inhaltlicher Fortschritt über eine Forschungsidee hinaus vorgestellt werden können. Was aber keinesfalls bedeutet, dass die Arbeit schon fertig sein soll. Es können übrigens nicht nur Forschungen aus dem Umfeld Bachelor- oder Masterarbeiten vorgestellt werden. Auch Projekte sind willkommen. Sogar Hausarbeiten sind, sofern sie eine gewisse inhaltliche Originalität und methodische Qualität besitzen, für uns interessant.

Der SWiF richtet sich ja an den wissenschaftlichen Nachwuchs, der sich idealerweise in das disziplinäre Feld der Informationswissenschaft, nun ja, hineinforscht. Wie beurteilt ihr generell den Zustand des Faches in Deutschland?

Dass es so ausgeprägte Metadiskussionen zu Stand und Rolle des Faches gibt, liegt möglicherweise daran, dass in der Informationswissenschaft sehr unterschiedliche Bilder von dem existieren, was „Informationswissenschaft“ eigentlich ist. Die Informationswissenschaft ist grundsätzlich äußerst interdisziplinär. Das Bild was man vom Fach hat ist dabei oft vom Standort abhängig. Gerade deshalb scheint es sehr wichtig, dass sich der wissenschaftliche Nachwuchs über Veranstaltungen wie unsere dieser Interdisziplinarität und den damit verbundenen Chancen bewusst wird. Insgesamt beschäftigt sich die Informationswissenschaft schon sehr intensiv mit der Frage, was sie eigentlich ist.

Vielleicht sollte man es mehr aus den Möglichkeiten der Verknüpfbarkeit betrachten. Die Informationswissenschaft ist ein sehr breites Feld. Die Studierenden verfügen entsprechend am Ende ihres Studiums über eine sehr große Palette an Methoden und Kompetenzen, die sie in vielfältigen Zusammenhängen einbringen können. Andererseits greift das Fach häufig Themen auf, die man so auf den ersten Blick eventuell gar nicht als informationswissenschaftlich eingeschätzt hätte, die bei intensiverer Beschäftigung damit aber wieder sehr passend erscheinen. Gerade auf Konferenzen stellt sich dieser Effekt häufiger ein.

Die möglicherweise etwas negative Stimmung hinsichtlich der übergeordneten Relevanz der Informationswissenschaft in Deutschland mag auch damit zusammenhängen, dass es keine übergeordnete institutionelle Instanz gibt, die hierzu Impulse setzt. Die DGI übernahm lange diese Funktion, scheint momentan aber mehr auf praktische Fragen konzentriert. Für die informationswissenschaftlichen Institute und die informationswissenschaftliche Forschung in Deutschland fehlt derzeit eine Vereinigung, die sie gebündelt vertritt. Vorstellbar ist, dass sich das International Symposium for Information Science (ISI) des Hochschulverband Informationswissenschaft (HI) als eine solche Plattform weiter etabliert.

Was sind eigentlich eure derzeitigen Forschungsschwerpunkte hier am Berliner Institut?

Wir beschäftigen uns in erster Linie mit Linked Open Data und Fragen des Semantic Web. Wissensrepräsentation und Ontologieaufbau sind ja zentrale Themen der Informationswissenschaft. Aus dem DM2E-Projekt (Digitised Manuscripts to Europeana) ergeben sich zahlreiche Forschungsfragen in dieser Richtung, die unsere Forschungsagenda sicher noch lange prägen werden. Deshalb freuen wir uns, dass mit dem neuen Forschungsrahmenprogramm der EU HORIZON 2020 mittlerweile noch stärker auf Nachhaltigkeit bedachte Forschungsfördermöglichkeit bestehen.

Die demnächst erscheinende Ausgabe von LIBREAS widmet sich dem Thema „Frauen und Bibliotheken“. Wie ist es eigentlich um das Thema „Frauen und Informationswissenschaft“ bestellt?

Nach dem subjektiven Eindruck verhält es sich da gar nicht so anders. Auf der mittleren Ebene, also hier unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern, sind erstaunlich viele, wenn nicht sogar überwiegend Frauen zu finden, wogegen die Professuren eher männlich dominiert sind. Interessant ist dabei die Rolle des Faches als mögliche Transferdisziplin. War und ist die Informatik weitgehend männlich geprägt, dürfte das Geschlechterverhältnis in der Bibliothekswissenschaft eher umgedreht sein. Versteht man die Bibliotheks- und Informationswissenschaft bzw. die Informationswissenschaft als Mittlerinstanz zwischen Informatik und Fragen den aus diesem Umfeld entstehenden Fragen, so kann man sie durchaus als eine Schnittstelle ansehen, die beide Welten geschlechterübergreifend besser zusammenbringt. Aus der Informationswissenschaft können mehr informatikinteressierte Studierende kommen und da wir mehr Frauen als die Informatik haben, können sich so wahrscheinlich mehr Frauen für dieses Fach interessieren. Und tatsächlich gibt es mittlerweile erstaunlich viele LIS-Studentinnen mit einem ausgeprägten Interesse für Fragen und Verfahren der Informatik.

(Berlin, 21.07.2014 / Interview und Foto: Ben Kaden)

Ein Handbuch und sein Fach. Zu einer aktuellen Besprechung in der Zeitschrift BuB.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Referate by libreas on 19. Juni 2014

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden).

Das im vergangenen Herbst erschienene „Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ (herausgegeben von Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach und Michael Seadle) bereitet uns in der LIBREAS-Redaktion einen kleinen Kummer. Denn seitdem suchen wir jemanden, der den satten Band in Orange und Grün für LIBREAS bespricht. Warum es so schwierig ist, jemanden für diese Aufgabe zu gewinnen, ist ziemlich offensichtlich: Die größte Zahl derer, die es angemessen könnten, ist befangen oder beteiligt. So ist ein herausragender Nebeneffekt der Publikation, dass sie aufzeigt, wie klein die Community eigentlich ist. Und zugleich stehen natürlich auch Abhängigkeiten im Raum, denn in so einem übersichtlichen Gefüge von Akteuren möchte sich auch kein Nachwuchswissenschaftler mit einer eventuell sehr kritischen Besprechung ins Abseits schreiben.

Jan-Pieter Barbian, Kulturhistoriker und Direktor der Stadtbibliothek Duisburg, hat dieses Problem nicht. Weder im Fach der Bibliotheks- und Informationswissenschaft verankert noch mit der Notwendigkeit, eine Anschlussbeschäftigung zu finden, kann er den Band in der aktuellen Ausgabe der BuB (06/2014) ganz frei und offen rezensieren. Und wenigstens am Berliner Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft sorgt diese Rezension für das eine oder andere Flurgespräch, so dass es auch deshalb durchaus sinnvoll scheint, einen genaueren Blick darauf zu werden.

Seine Einschätzung nach einer, wie er betont, vollständigen Lektüre („was bei diesem Medium eigentlich weder intendiert noch zwingend erforderlich ist“) lautet in etwa: Wer darin sucht, findet schon etwas. Aber: „Wer viel Zeit für die Lektüre dieser seitenstarken Einführung in die große Welt der akademischen Theorien und Methodologien investiert hat, muss am Ende nach deren Wert für die wesentlich bescheidenere Praxis fragen.“ (S.488)

Die Einschätzung überrascht dahingehend ein wenig, steht doch im Handbuch gleich zum Beginn der Einleitung:

„Beim Stichwort Methoden denken Praktiker und Fachvertreter überwiegend an Methoden, die in der Praxis Probleme lösen oder bei der Aufgabenwahrnehmung zur Anwendung kommen […] Um solche Methoden geht es in diesem Handbuch nicht.“

Die Herausgeber betonen, im Gegensatz zur Lesart des Rezensenten in der BuB, gerade nicht die Anwendbarkeit der geschilderten Methoden in der Praxis. Dafür eine gesonderte Aufarbeitung anzubieten und den Wissenstransfer aus der Bibliothekswissenschaft in die Bibliothekspraxis zu fördern, wäre zweifellos eine noble Arbeit. Aber es ist keinesfalls die Aufgabe des Handbuchs, in dem die Herausgeber viel mehr herausstellen, dass die „Forschungsergebnisse mindestens teilweise letztlich auch wieder im Anwendungsfeld des Faches […] ausgewertet werden können.“ Hier wünschte man sich selbstverständlich eine klarere Formulierung wie: „Forschungsergebnisse des Faches wirken idealerweise auf die Ausgestaltung der Bibliotheks- und Informationspraxis zurück“ o.ä. Aber der Wunsch bleibt Wunsch und die Herausgeber werden schon wissen, warum sie drei an sich überflüssige Adverbien aneinanderreihen. Dennoch bleibt das Anliegen leicht fassbar.

Dagegen muss man vermuten, dass Jan-Pieter Barbian den besprochenen Titel aus irgendeinem Grund schlicht von der falschen Seite las. Denn das Handbuch ist erklärtermaßen der Versuch, einen Überblick über die Verfahren und Methodologiediskussionen zu geben, die für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Betonung auf „Wissenschaft“) relevant sind. Hier wie Barbian die Despektierlichkeit beizulegen: „[…] letztlich bleibt dies alles [die Methoden] etwas für akademische Fetischisten“, zeugt zunächst von einer völlig verkehrten Erwartung. Das ist ein wenig, als würde ein Bergsteiger sich beklagen, dass ihm ein glaziologisches Standardwerke am Steilhang so wenig hilft.

Darüber hinaus eröffnet die in der Formulierung „akademische Fetischisten“ eingeschnürte Herablassung zusätzlich die Interpretationsoption, dass dem Rezensenten daran liegt, der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Wissenschaftsdisziplin eins mitzugeben, was sich dadurch verstärkt, dass er direkt im Anschluss lobend auf die in diesem Zusammenhang eher mit nachgeordneter Relevanz auftretende Buchwissenschaft verweist.

Man mag bedauern, dass buchwissenschaftliche Aspekte aus der Forschungsagenda der gegenwärtigen Bibliothekswissenschaft, jedenfalls hier in Berlin, fast völlig verschwunden sind. Aber dann kann man es auch so formulieren. Oder eben anerkennen, dass im 21. Jahrhundert Buch- und Bibliothekswissenschaft oft getrennte Wege gehen, wie auch in vielen Bereichen Buch und Bibliothek. Man mag auch diese Entwicklung als Verlust empfinden. Außerdem bleibt es eine Debatte, die zu weit über den besprochenen Band hinausführt, als dass sie nebensätzlich auftauchen muss.

Dass Barbian den leider weitgehend deskriptiven und nicht wirklich methodologisch ausgeführten Beitrag von Elmar Mittler zur Historischen Buchforschung (darin als Tiefpunkt eine Abarbeitung der Gender Studies in ihrem Bezug zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft in vier Zeilen, drei Wörtern, vgl. S. 498) als besonders aufschlussreich heraushebt, ist tatsächlich besonders aufschlussreich – und zwar hinsichtlich des Blickwinkels, aus dem hier bewertet wird.

Die eigentlichen Probleme des Handbuchs blendet Barbian dagegen aus. Denn man darf durchaus sogar unabhängig vom eigentlichen Inhalt fragen, ob ein Handbuch, dem zudem zugeben wirklich etwas mehr innere Ordnung und Kontur nicht schlecht stehen würde, in dieser Form und zu diesem Preis für die Hauptzielgruppe, nämlich Studierende und Doktoranden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, überhaupt noch zeitgemäß ist. E-Book und Druckausgabe kosten jeweils 99,95 Euro und im Paket 149,95 Euro. Welcher Dozent möchte seinen Studierenden ernsthaft zuraten, sich dieses Buch für den Schreibtisch zu kaufen, zumal zu den meisten der beschriebenen Methoden recht gute Einführungen zu weitaus günstigeren Preisen oder sogar frei im Web verfügbar sind?

Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft

Die Wikipedia informiert: “A reference work is a book or serial to which one can refer for confirmed facts.” Damit hätte man bereits einen Ansatzhebel für die Einschätzung a) ob deGruyter den Titel in die richtige Reihe geschoben hat und b) ob das Handbuch bei dieser Zuordnung hält, was die Gattung verspricht.  Weitere Aspekte  dafür wären: “The information is intended to be found quickly when needed.”, “Reference works are usually referred to for particular pieces, rather than read from beginning to the end.” und “The writing style used in these works is informative; the authors avoid use of the first person and emphasize facts.” Wäre die Welt wikipedianisch, wäre eine Kritik auch anders und vielleicht einfacher möglich gewesen – dies sogar aus der bibliothekspraktischen Sicht, nämlich in Beantwortung der Frage ob sich die Anschaffung des Titels aus dieser Hinsicht lohnt. Die Nachfrage, auch das zählt ja, ist übrigens offenbar gegeben. Von den 10 Exemplaren im Berliner Grimm-Zentrum sind derzeit 8 entliehen und ein neuntes ist Teil des Präsenzbestandes.

Wer ein konkretes wissenschaftliches Projekt durchführen möchte, findet in der überwiegenden Zahl der Beiträge naturgemäß mehr einen Impuls als eine erschöpfende Abhandlung, wird also ohnehin nach weiterführenden Darstellungen suchen. Das eigentliche Desiderat, eine integrative und auch kritische Auseinandersetzung mit der Grundfrage, was eine typische bibliotheks- und informationswissenschaftliche Methodologie kennzeichnet, wird von dem vorliegenden Band dagegen nicht adressiert.

Man kann also Oliver Schoenbeck nicht wirklich widersprechen, wenn er in seiner Besprechung des Bandes für die Informationsmittel (IFB) notiert:

„Gerade angesichts der inhaltlich so verschiedenen Methoden hätte dem Band wohl auch eine stärkere Strukturierung gut getan.“

Aber auch bei ihm klingt ein Anspruch an, dass der Band unbedingt auch für die konkrete Praxis genutzt werden sollte:

„Hier hätte man sich ein weniger akademisches Methodenverständnis gewünscht.“

Dahinter steht möglicherweise in beiden Fällen das klassische Problem, dass die Bibliotheks- und Informationswissenschaft nach wie vor in der Bibliothekspraxis nicht als freie und unabhängige Wissenschaftsdisziplin anerkannt wird, sondern nur als eine Art Zulieferinstanz oder „Formen des Luxus“ (Barbian) Akzeptanz findet. Das darf die Praxis natürlich. Aber aus wissenschaftstheoretischer Sicht ist diese immer wieder aufglimmende Legitimationsforderung nicht haltbar. Eine Wissenschaftsgemeinschaft muss sich schon nach Art. 5 Abs. 3 GG nicht vor dem von ihr betrachteten Praxisfeld rechtfertigen. Kein Schriftsteller würde von der Literaturwissenschaft verlangen, dass ihre Erkenntnisse für seine Arbeit nützlich sind.

Zweifellos ist die ideale Welt eine, in der sich Bibliothekspraxis und Bibliothekswissenschaft permanent gegenseitig befruchten, denn die besondere Konstellation von Gegenstand und wissenschaftlichem Analyseapparat ermöglicht dies im Fall von Bibliothek und Bibliothekswissenschaft in spezifischer Weise. Genauso aber ist es der (universitären) Bibliothekswissenschaft als Wissenschaftsdisziplin gestattet, sich auch völlig unabhängig von den Mühen der Ebenen der Bibliothekspraxis bewegen. Sie ist kein Dienstleister für ein Bündel von Institutionen und eigentlich auch keine Ausbildungseinrichtung für Bibliothekare.

Die besondere Situation in Deutschland, in der auch das Berliner Institut seit langer Zeit feststeckt, macht dies in der Praxis weniger trennbar. De facto finden viele der Absolventen den Weg in die Bibliothekspraxis, was erfahrungsgemäß für alle Beteiligten nur gut ist. Es wäre gerade deshalb wünschenswert, wenn die Diskussion auf gegenseitigem Respekt und der Anerkennung der Eigenständigkeit der akademischen Disziplin Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die sich Binnendiskurse zu ihrer Methodologie genauso leisten darf wie suboptimale Methodenhandbücher, beruhte und nicht auf dem Anlegen falscher Maßstäbe.

Dass das Handbuch ein schwieriger Fall ist, dass es mittlerweile gegenwärtige Formen gäbe, zum Beispiel eine dynamische Variante, in der man stillschweigend den Ratschlag aus dem Kapitel zur Usability-Forschung „Beschriften der Videokassette, ggf. neue einlegen“ (S.255) in „Eindeutige Benennung der Datei und Speicher-Backup“ verändern könnte, wissen Herausgeber und Autoren vermutlich selbst sehr gut.

Der Hauptkritikpunkt, neben dem Publikationsmodell an sich, bleibt sicher der, den Oliver Schoenbeck herausstellt:

„[…] Eine deutlichere Herleitung der einzelnen Beiträge aus dem inhaltlichen Anspruch und den Fragestellungen der Disziplin ist nicht immer gegeben. Man scheint den einzelnen Autoren überlassen zu haben, diese Herleitung – eine Chance, die mal wahrgenommen und mal vertan wurde.“

also der fehlende Überbau, der die Methodenbeschreibungen überhaupt zu einer Methodologie systematisiert. Um das Beste aus der Sache zu machen, wäre denkbar, dass die Herausgeber und die Autoren die Beiträge vielleicht realisiert in einem Projektseminar am IBI in ein Wiki einpflegen und so als aktualisierbare, dialogisch gerichtete und dynamische Basis für jede Methodenfrage einer aktiven und reifen Bibliotheks- und Informationswissenschaftscommunity etablieren. Als 100-Euro-Handbuch ganz alter Schule scheint die Arbeit bei aller Mühe tatsächlich vor allem aus der Zeit gefallen.

(Berlin, 19.06.2014)

 

. Jan-Pieter Barbian (2014) Begrenzter Mehrwert. Ein Handbuch für Theoretiker, die Erkenntnisse über die Praxis gewinnen wollen. In: BuB, 66 (2014), 06, S. 487f.

. Oliver Schoenbeck (2014) Schoenbeck, Oliver Rezension zu: Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Bibliotheks-, Benutzerforschung, Informationsanalyse / hrsg. von Konrad Umlauf … Red.: Petra Hauke. – Berlin [u.a.] : De Gruyter Saur, 2013. – 560 S. : graph. Darst. ; 25 cm. – (Reference). – ISBN 978-3-11-025553-9. Informationsmittel IFB. ISSN 1619-3954. Verfügbar über: http://oops.uni-oldenburg.de/1755/

. Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach, Michael Seadle (Hrsg.) (2014) : Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Bibliotheks-, Benutzerforschung, Informationsanalyse. Berlin [u.a.] : De Gruyter Saur. Informationsseite zum Titel beim Verlag

Slow Politics und Bibliotheken. Notizen zu einem (hoffentlich) entstehenden Dialog.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 12. Juni 2014

von Ben Kaden (@bkaden)

I

Gestern hatte ich die nicht geringe Freude, am fortgeschrittenen Nachmittag mit den Kollegen von der Berliner Gazette und einigen weiteren Akteuren mehr oder weniger aus dem Bereich Open Knowledge/Digitale Avantgarde/Bibliothekswesen in der Bibliothek des Institute for Cultural Inquiry (ICI) zu einer Brainstorming-Sitzung zusammenzufinden. Das raumgebende Institut selbst trägt bereits, wenn auch in diesem Fall eher zufällig, im Namen, worum es geht: Die kritische Untersuchung der Kultur der Gegenwart, konkretisiert vor den Regalen und am Bezugspunkt Bibliothek.

Das offene Querdenken solcher Brainstorming-Sitzungen hat den Vorteil, eine Vielzahl von Themen und Perspektiven zusammenfließen zu lassen. Die Menge ist freilich zugleich, was herausfordert. Der nächste Schritt wird ein zielgerichtetes Eindeichen bis Kanalisieren der Vielfalt von Themen und Anregungen sein. Was man momentan bereits festhalten kann und sollte, ist überhaupt die Tatsache der möglichen Verknüpfung von “(slow) politics” und Bibliotheken, also die Frage, wie politisch Bibliotheken als Institutionen sein können, sein sollten und sein wollen.

Das Konzept der “Slow Politics” käme den prinzipiell auf Communities welcher Art auch immer bezogenen Bibliotheken entgegen. Jedenfalls sofern man es mit C. Christopher Smith als eine Politik versteht:

“that is concerned more with local than state and federal politics, and that prefers dialogue and co-operation to rigid partisanship.” (Smith, 2012)

Das Prinzip eines langfristigen Dialogs mit einem konkretisierten Wirkungs- und Gestaltungsraum, in dem es mehr um Zusammenarbeit (Edward Said spricht auch von “coalition-building”, Said, S. 363) als um Durchsetzung und Konfrontation geht, dürfte dem Konzept und Selbstbild der Bibliothek jedenfalls nicht allzu fern liegen. Dies gilt auch, wenn sich im Zuge des Digitalisierungsdiskurses bisweilen technische Innovation vergleichsweise sehr intensiv in genau den Vordergrund schieben, in den eigentlich gesellschaftliche Fragestellungen gehörten.

Entsprechend scheint gerade der Dialog (oder womöglich eine Art Koalition) mit der Netzavantgarde auch dahingehend sinnvoll, dass man besser versteht, wie trivial die Fragen der Technologie im Vergleich mit den Fragen der Technologiefolgen für Öffentlichkeit, gesellschaftliche Konsenskonstruktion und auch Wissenspraxen sind und wie wichtig dabei ist, die Differenz zwischen einer öffentlichen Rolle des Bibliothekswesens und der wachsenden Abhängigkeit von und Integration in Markt-, Marken- und Marketingstrukturen immer wieder herauszustellen. Bibliotheksdienstleistungen sind eben mehr als Produkte, die es gegen oder mit Konkurrenzangeboten zu vermitteln oder zu verkaufen gilt. Oder können jedenfalls mehr sein.

II

Auch wenn das Planspiel, was wäre, wenn ein Edward Snowden mit seinen Leaks, von denen der CARTA-Mitherausgeber Wolfgang Michal gerade in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung meint, dass sie gar nichts enthüllen, zu einer Bibliothek gegangen wäre, etwas ins Leere lief: Die Frage, inwieweit Bibliotheken sich überhaupt in der Gemengelage von Interessen in der Welt nach Snowden, der immerhin öffentlichkeitswirksam sichtbar machte, wie bestimmte Errungenschaften des Rechts von staatlichen Seiten offenbar nach Gusto ausgehebelt werden, positionieren können, wird derzeit weder im (deutschen) Bibliothekswesen noch in der (deutschen) Bibliothekswissenschaft sichtbar aufgegriffen.

Die Aufregung, die es im Zuge des Patriot Act einmal gab, hat es zur NSA-Affäre nicht gegeben, was vielleicht auch daran liegt, dass sich Bibliotheken nicht betroffen sehen. Ein anderer Fall zeigt aber, dass sie es durchaus sein könnten. Dabei geht es nicht um nationale Sicherheitsinteressen sondern um die eines Wirtschaftszweigs. Wie würde sich eine Bibliothek positionieren, an der sich der Fall Aaron Swartz wiederholt?

In einem äußerst lesenswerten Artikel in The Baffler beschreibt John Summers nicht nur wie sich Cambridge, Mass. der Innovationsindustrie an den Hals wirft, wo es nur kann (wer das Echo zur Eröffnung des Factory-Campus’ im hippen Herzen Berlins verfolgt (vgl. exemplarisch Zimmer-Amrhein), ahnt, dass in der deutschen Hauptstadt ganz ähnlich zugehen könnte), sondern auch, wie schwer (oder eben nicht) sich das MIT mit der Angelegenheit tat.

“Swartz’s alleged crime, which allegedly took place at MIT in 2010, was evading its network security for the purpose of downloading about 4.8 million journal articles from an academic database. Swartz, that is, had a distinctly Zuckerstanian flair for accessing unauthorized data sets. But unlike our hero Zuckerberg, he was not let off with an adminsitrative warning from confused but tolerant elders, and he did not start up a social networking company or see his hacking made into a celebrated movie.” (Summers, S. 44)

Wo der Student Mark Zuckerberg mit Facemash das Recht am eigenen Bild (und vielleicht der eigenen Würde) von Studierenden für den Jux eines “hot or not”-Spiels verletzte, eine kleine Rüge kassierte und am Ende, nun Milliardär geworden, von seiner eigenen Universität mit einigermaßen bestürzender Servilität als Idol gefeiert wird, wurde Aaron Swartz mit seinem “We need to fight for Guerilla Open Access.” von zwei MIT-Polizisten und einem Spezialermittler auf einem Parkplatz verhaftet und wegen Hausfriedensbruch und Diebstahl in Untersuchungshaft genommen, bevor er sich schließlich der maximalen Strafverfolgung mit einer aus europäischer Sicht grotesken Strafandrohung von 95 Jahren Gefängnis und drei Millionen Dollar Strafgeld ausgesetzt sah.

Wir haben spätestens seit Napster gelernt, dass eine Digitalkopie den Status eines Kapitalverbrechens bekommen kann. Aber dieser Fall, bei dem es nicht um Inhalte des popkulturellen Entertainments ging, sondern um Fachpublikationen, die ausschließlich an Bibliotheken verkauft werden und mutmaßlich selbst nach einer Deliberation auf einem Filesharing-Server brav weiter von Bibliotheken zu den entsprechenden Lizenzbedingungen erworben und vermittelt worden wären, zeigte in außerordentlicher drastischer Weise, wohin die Kämpfe um die Kontrolle über das so genannte geistige Eigentum führen können. Und wie sich diese verselbstständigen:

“Nachdem Swartz die Daten wieder an JSTOR ausgehändigt hatte, kündigten diese an, keine zivilrechtlichen Ansprüche gegen den Aktivisten zu stellen. Der Fall wurde von der Staatsanwaltschaft trotzdem weiter verfolgt.” (Geiger, 2013)

III

Nachdem sich Aaron Swartz am 11. Januar 2013 das Leben nahm, geschah folgendes:

“And though the U.S. Attorney’s Office went off to assail other bogus threats to the sanctity of scientific data in behalf of the business class, MIT was forced by public opinion to investigate what, if any, responsibility it had for [Swartz's] death.” (Summers, S. 45)

Das Ergebnis dieser MIT-internen Untersuchung war, dass das MIT keine Schuld trifft und dass es sich mit seinem Ansatz, als neutrale Instanz in Fall Swartz (also weder Opfer noch Fürsprecher) korrekt verhalten hat. Allerdings listete der Bericht, so Summers, zugleich auf, wie das MIT die Strafverfolgungsbehörden in diesem Fall unterstützte und Beweismittel schon vor der Anforderung durch die Ermittler bereitwillig übermittelte. Wie das MIT einen ihrer potentiellen nächsten Zuckerbergs derart auslieferte, erstaunte nicht nur Summers, der schreibt:

“Swartz family repeatedly requested that MIT say something on his behalf during the long prosecution. But MIT refused even to announce it had adopted neutrality.”

Er liefert im Anschluss einen Erklärungsversuch für das Kopfeinziehen des MIT und der schließt den Kreis zu der aggressiven Innovations(wirtschafts)politik, die in Cambridge stattfindet, die den eigentlichen Gegenstand seines Textes darstellt:

“[I]t may help to remember, that Swartz’s two-year prosecution took place at at time when hundreds of millions of dollars were filtering into Innovation Economy institutions. His alleged downloading of academic articles may have seemed innocuous to outsiders, but the lords of these networks knew better. In a climate of imperial expansion, his infraction was too trivial to let go.[...]

[N]obody had more to lose over those few years than MIT, which proceeded to overtake Harvard as the number-one-ranked university in the world. That MIT climbed to the tippity top of the influential “QS World University Ranking” from 2011 to 2014 is a testament to the strategic value of science and technology deployed in startup cities around the world, as well as the Institute’s ability to recruit major donors [....]

Taking a stand for Swartz would have dragged MIT down from its rising position in the Innovation Economy’s fable of a classless utopia. Advocating leniency for this particular rule-breaking entrepreneur would have mired the school in the murky world of conflicting interests. How much safer to do nothing.” (Summers, 46)

Neutralität bedeutet hier also: auf keinen Fall anecken und investitionsfeindlich wirken. Fraglos erkennt man John Summers Verbitterung, die in der anschließenden Passage noch deutlicher wird:

“What does the Innovation Economy require of MIT? To be a global pacesetter in entrepreneurship? Check. A local real-estate kingpin? Check. An institution that’s prepared to discuss what philanthropy is really for, how cultural power masquerades as “economic development,” or why Aaron Swartz was prosecuted? No, not really.” (ebd.)

Ob die geschilderten Tendenzen tatsächlich so zutreffen und das MIT sich vor allem als Interessenmultiplikator einer bestimmten Gruppe von Stakeholdern bzw. einer spezifischen Ideologie (Summers schreibt von einem “innovator’s dogma”) ausrichtet, lässt sich von außen schwer einschätzen. Unbestritten ist jedoch die traditionelle Nähe des Instituts zum Pentagon und zur CIA, zu dem sich nun die Tech- und Intellectual-Property-Industrie gesellt:

“science is now migrating, like every other field of marketable intellectual endeavor, to the donor class. And to this shakeout MIT’s leadership brings a noticably fine track record of adaption, one that guarantees large parts of Cambridge will be the intellectual property of the 1 percent [...]” (ebd.)

Was daraus folgt, so John Summers und so leider auch beobachtbare Trends an anderer Stelle, ist eine Eindimensionalität, die innovierende und Produkt gerichtete Wissenschaft zum Leitmuster der Universitäten und letztlich auch der Kultur, wie sie die Kulturindustrie vermittelt, erhebt. Was dort zählt, ist ein verkaufbares Ergebnis:

“In the system of rewards and incentives surrounding the Innovation Economy, talent in the fine arts has no place, and criticism is a special order of dubious. It’s not creativity unless it employs cutting-edge technology, recruits a big donor, or rewards investors.” (ebd. S. 48)

Heute ist so gut wie jedem einsichtig, wie die Digitalkultur ganz grundständig spätestens seit den frühen 2000er Jahren ein Investitions- und Umverteilungsmarktplatz wurde, bei dem die Kultur der Partizipation des einst von Tim O’Reilly verkündeten Web 2.0 am Ende nur eine Facette dieser Kulturindustrie bleibt, in der “Nutzer” als “Prosumer”, mit spärlicher Aufmerksamkeit und ab und an kleinen sozialen Aufstiegsversprechen entlohnt, in Selbstausbeutung permanent Inhalte und Metadatenströme für Marktanalytik und Produktentwicklung bereitstellen und wie nebenbei Berufsfelder wie den klassischen Journalismus vielleicht nicht auslöschen aber doch irgendwie deprofessionalisieren.

Ganz in der Nähe zu den Diskussionen der Think Tanks um die Berliner Gazette, kommt John Summers am Ende seines Textes bei Bertrand Russel und dessen Konzept eines “vagabond’s wage”, also einer Art bedingungslosem Grundeinkommen an und der Notwendigkeit “to insist on our collective right to the city.” (Summers, 49) Berlin und sein Tempelhofer Feld wären übrigens schöne Anschlusspunkte für diese Feststellung, die gesondert diskutiert werden können und sollten.

Für den Brückenschlag zur Frage, wie sich Bibliotheken vor dem Horizont der Totalkommerzialisierung von Erkenntnis- und Kulturproduktion verhalten sollen, wirkt nämlich zunächst eine andere Aussage interessanter, ein Ausstiegsszenario für den sehr ernüchternden, fast deprimierenden Aufsatz:

“Another countercultural bohemia could serve as the avant-garde of consumerism developing all the new forms of expression and pleasure to be simulated by the next generation of corporate technologists and monetized by the next generation of investors.” (ebd.)

Wir können dem Wirken des Marktes offenbar nicht entgehen und was Summers für Cambridge beschreibt, ist mehr noch die Entwicklungsgeschichte um den Mythos Berlin. Im nachfolgenden Satz wird dies noch ein wenig deutlicher:

“But at the very least, a campaign would highlight the entrepreneur’s utter dependence on unpaid labor and public goods and give us time to come up with alternative forms of social change that do not continue to deplete the diversity of the human environment.” (ebd.)

Ganz ungeachtet des Fatalismus, der auch in dieser Perspektive mitschwingt, scheint die Rolle einer engagierten Bibliothek in dieser Konstellation idealerweise die zu sein, die Erinnerung an und die Möglichkeit der Alternative offen zu halten und einen Raum für Diversität und Vielfalt zu bieten, für Kritik, das vermeintlich, weil wirtschaftlich nicht nutzbare, Nutzlose und auch das Nein. Denkbar ist zudem sogar, dass sich Bibliotheken im Zweifelsfall auf die Seiten der Aaron Swartzs schlagen, dass sie sich als Plattform und als Multiplikator für Widerstreit und womöglich sogar Widerstand und Subversion anbieten.

Ob die Institution Bibliothek derart wirken kann, sollte und möchte, ist völlig offen. Gerade deshalb wäre eine breitere Problematisierung der Frage ihrer Rolle als Ort für “(Slow) Politics” in einer reifenden digital-vermittelten Gesellschaft notwendig. Gerade deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass dieses Thema nach dem Komplizen-Workshop von Berliner Gazette (vgl. auch Haas, Rusch, 2014; Kaden, 2014) auf der Agenda bleibt. Noch begrüßenswerter wäre es freilich, wenn es die Konferenzräume und kleinen Bibliothekskreise Berlins verlassen würde. Nun ja, der Ausdruck slow politics enthält ja nicht zuletzt auch einen deutlichen Hinweis auf die zu erwartende Dauer solcher Prozesse.

(12.06.2014)

. Leonie Geiger (2013) Jenseits der Tastatur: Es knallt, wenn Digital Natives mit dem Rechtsstaat in Konflikt geraten. In: Berliner Gazette. 15.06.2013

. Corinna Haas, Beate Rusch (2014) Piraten und Kapitalisten denken eine globale digitale Bibliothek. Eindrücke von der „Complicity – Berliner Gazette Konferenz 2014. In: LIBREAS. Library Ideas, 24 (2014)

. Ben Kaden (2014) Eine kurze Nachlese zum KOMPLIZEN-Workshop der Berliner Gazette vom 06.04.2014. In: LIBREAS.Tumblr, 18.04.2014

. Wolfgang Michal (2014) Whistleblower Edward Snowden: Der hat doch gar nichts enthüllt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung / faz.net, 10.06.2014

. Edward E. Said (Gauri Viswanathan, Hrsg.) (2002) Power, Politics, and Culture. Interviews with Edward W. Said. New York: Vintage

. C. Christopher Smith (2012) The Urgent Need for Slow Politics. In: Relevant Magazine / relevantmagazine.com, 13.11.2012,

. John Summers (2014) The People’s Republic of Zuckerstan. In: The Baffler, No. 24, S. 20-49.

. Florian Zimmer-Amrhein (2014) Startup-Campus: Berlin will Silicon City werden. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung / faz.net, 12.06.2014

frei14 : Zum Bibliothekartag mit LIBREAS an den Strand

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Verein by libreas on 18. Mai 2014

Die LIBREAS-Redaktion kommt viel rum und gelegentlich auch mal zusammen; diesmal in Bremen!

Zum diesjährigen Bibliothekartag verbringen wir einen Abend am Strand und freuen uns auf entspannte Fachdiskurse, streberhafte Netzwerkbildung und launige Feierabendgespräche  mit unseren Leserinnen und Lesern, Autorinnen und Autoren sowie Vereinsmitgliedern unter dem Motto:

frei<strand>14

am Mittwoch, den 4. Juni, ab 18Uhr am Weserstrand am Cafe Sand.

Ob gechillt das eigene Bier leeren oder einen Snack vom Kiosk genießen, wir freuen uns, Euch zum ersten bibliothekarischen Feier-Rumhäng-Mob begrüßen zu dürfen!

Am einzigen Sandstrand Bremens kann man auch baden. Die Sielwallfähre legt vom Osterdeich ab und auch zu Fuß lässt sich der Strand einfach erreichen. Gören toben mit ihren Eltern in der nahegelegenen Kinderwildnis!

 

 

Von Molotowcocktails in (französischen) Bibliotheken und dem Leben in den Banlieues

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 15. Mai 2014

Von Karsten Schuldt

Zu: Merklen, Denis (2013) / Pourquoi brûle-t-on des bibliothèques ?. – [Papiers]. – Villeurbanne : Presses de l’enssib, 2013

D’un côtè, la bibliothèque est perçue comme « une chance pour le quartier », comme une forme dàccès à la culture, comme un investissement prestigieux, comme un espace ouvert à tous et apprécié de beaucoup, particulièrement investi par les familles, les enfants, les jeunes filles, les personnes âgées. Mais de l’autre côté, l’attaque de la bibliothèque vient signifier tout l’arbitraire de cette « intervention » de l’État, et d’un autre groupe social, dans « notre espace » du quartier. Les habitants [de quartiers] dèplorent alors les normes qui leur sont imposées par un autre groupe social et le contrôle que ce groupe exerce sur des ressources financières importantes. » (Merklen 2013, 313)

In französischen Vorstädten werden immer wieder, gerade bei grösseren Auseinandersetzungen zwischen der dortigen Bevölkerung und der Polizei, Öffentliche Bibliotheken angegriffen, verwüstet oder gar angezündet. Dies passiert nicht täglich, aber doch öfter, als es im deutschsprachigen Raum bekannt ist. Denis Merklen zählt in seinem hier zu besprechenden Buch zwischn 1996 und 2013 immerhin 70 solcher Vorfälle. Diese Zerstörungen von Bibliotheken werden zumeist mit Unverständnis und Ablehnung kommentiert, vor allem von der Politik und Presse. Aber diese Unverständnis klärt nicht darüber auf, wieso sie so oft vorkommen.

In seiner Studie Pourquoi brûle-t-on des bibliothèques ? (Warum die Bibliotheken abfackeln?) unternimmt Merklen auf mehr als 300 Seiten den Versuch, die Motivationen hinter diesen Angriffenzu beschreiben. Dabei ist der Autor kein Bibliothekar, sondern ein Soziologe, welcher das Buch auf einer Studie aufbaut, die er und seine Kolleginnen und Kollegen von 2006 bis 2011, mit Nachrecherchen in 2012, in Plain Commune – einer Agglomerationsstruktur, welche mehrere Gemeinden bei Paris umfasst und rund 300.000 Einwohnerinnen und Einwohnern in den Banlieues genannten Stadtteilen beherbergt – durchgeführt haben. In diesem Untersuchungsgebiet befinden sich 23 Öffentliche Bibliotheken, mehrere davon wurden in der Vergangenheit bei Auseinandersetzungen angegriffen. Die Methode dieser lang angelegten Studie lässt sich, mit sichtbaren Anlehnungen an Pierre Bourdieu, als „dichte Beschreibung“ begreifen. Merklen versucht, die Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu verstehen, sowohl aus der Sicht der Bibliothekarinnen und Bibliothekare als auch aus der Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner der Banlieues, gleichzeitig aus der Struktur der französischen Gesellschaft und der Diskurse in dieser Gesellschaft als auch aus kulturellen Ansprüchen. Regelmässig verweist er dabei auf Südamerika – in dem er mehrere Jahre lang geforscht hat – als Kontrastfolie, um die Entscheidungen, die in den untersuchten Bibliotheken getroffen werden, als Entscheidungen und eben nicht als unabänderliche Situationen zu verstehen. Zudem ist er relativ unbeteiligt – weder verteidigt er die Bibliotheken, noch verurteilt er sie. Mit volltuender soziologischer Offenheit beschreibt er als Aussenstehender Haltungen unterschiedlicher Seitengerade als Haltungen und Diskurse, ohne sich mit einer gemein zu machen. Das heisst auch, dass bestimmte Diskurse, die Bibliotheken sich untereinander beständig gegenseitig erzählen verständlich werden als Erzählungen, die eine Situation informieren – wobei aber gleichzeitig klar wird, wie sehr diese Erzählungen von anderer Seite nicht geteilt werden müssen.

Die Bibliothek als Elite

Das Bild, welches Merklen von der Situation in den Banlieues zeichnen, ist nicht vorteilhaft, schon gar nicht für die Bibliotheken. Dabei verweist er immer wieder darauf, dass (a) die Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ihre Arbeit als sinnvoll, kulturell bereichernd und Chancen schaffend verstehen – sich also als die Guten sehen, die Gutes bringen – und (b) gleichzeitig die Bibliotheken bemüht sind, sich zu modernen Einrichtungen zu entwickeln, inklusive neuer Medien, ein Zugehen auf die Jugend und die Kulturen in den Banlieues sowie des Akzeptierens der wandelnden Rolle der Öffentlichen Bibliotheken. Das allerdings heisst nicht, dass dies auch von der Bevölkerung der Banlieues so wahrgenommen wird.

Angriffe auf Bibliotheken sind Angriffe, die sich nicht unbedingt auf die Bibliothek als Einrichtung beziehen. Die Bibliothek wird bei Auseinandersetzungen oft als Teil des französischen Staates beziehungsweise des französischen Kulturanspruches verstanden: Polizei, Schule, Ämter, Bibliothek werden dann als Teil eines Ganzes begriffen, welche für die Situation in den Banlieues verantwortlich sind und gleichzeitig die Kulturen dieser Vorstädte angreift. Sicherlich: Die Bibliotheken sehen dies nicht so. Sie verstehen sich als freiwillig aufzusuchende Kultureinrichtungen, die vollständig freie Angebote machen. Teilweise – so Interviews mit dem Personal von Bibliotheken, die Merklen anführt – verstehen sie sich als explizit als „antiscolaire“ (anti-schulisch). Vor allem sehen sie keine Verbindung zur Polizei oder den Ämtern und deren struktureller Gewalt. Merklen beschreibt sehr nachvollziehbar, wie Bibliotheken sich selber als Orte zu konstituieren versuchen, welche gänzlich ausserhalb der sozialen Auseinandersetzungen stehen (und bei dieser Haltung von Politik und Kultur unterstützt werden).

Comme nous l’avons vu, les bibliothècaires répètent à l’envi qu’ils ne sont pas de enseignants. Apparemment, tout les distingues. Tandis que maîtres er professeurs font de la lecture une obligation et un programme, eux sont là pour la « lecture plaisir ». Pas d’utilitarisme ni d’instrumentalisation, pas de calcul, pas de contrainte. De plaisir. Voilà une fiction par laquelle ils cherchent à se maintenir dans un espace protégé. Car contrairement aux institutions scolaires, ils seraient « innocents » du point de vue des conflits soxiaux, des dynamiques d’exclusion er des formes de domination auxquelles participerainent celles-ci. Ils ne demandent donc qua être maintenus à l’écart des conflits. Et peu importe la caractère fallacieux de cette représentation. (Merklen 2013, 130f.)

Dieser Anspruch allerdings ist, wie Merklen zeigt, nicht zu halten. Die Bibliotheken werden sowohl von Seiten der Bevölkerung in den Banlieues als auch von der Politik als Einrichtungen gesehen, welche die Werte der französischen Republik qua Kultur repräsentieren, insbesondere im aktuellen Prozess des Stadtumbaus („renovation urbaine“), welcher in den untersuchten Gebieten forciert wird. Ein Teil der Bevölkerung und die Bibliotheken sowie die Politik begreift die Finanzierung und den Aufbau dieser Bibliotheken als Angebot an die Bewohnerinnen und Bewohner, Teil der französischen Gesellschaft zu werden. Aber ein anderer Teil der Bevölkerung begreift die Bibliotheken allerdings als Eindringlinge in „ihr Gebiet“, quasi als weicher Arm von Polizei und Ämtern. In Situationen, in denen die Werte der französischen Republik angezweifelt oder vielmehr – wie es in den Auseinandersetzungen in den Banlieues normal ist – als Scheinheiligkeit begriffen werden, hinter denen sich eine sozial ungerechte und rassistische Gesellschaft versteckt, die im Besten Fall alle Bewohnerinnen und Bewohner zur Mittelstandsbevölkerung erziehen will, wird genau diese Position abgelehnt. Merklen verweist in einem Kapitel, in dem er sich mit der literarischen Produktion „um die Bibliotheken drumherum“ (welche diese nicht wahrnehmen würden, sondern mit dem Anspruch, selber Kultur anzubieten praktisch zur Unkultur oder Nicht-Kultur negieren) wie dem französischen Rap oder dem Verlan (der französischen Jugendsprache, welche durch ständige Vokal- und Silbenumstellungen und einer grossen sprachlichen Flexibilität geprägt ist) beschäftigt, explizit auf den Rap „Lettre à la République“ von Kery James (Merklen 2013, S. 175ff.), welcher mit den Zeilen beginnt: „Á tous ces racistes à la tolérance hypocrite / Qui out bâti leur nation sur le sang“ („an all die scheinheilig Toleranz rufenden Rassisten / die ihre Nation auf Blut erbaut haben“).

Die Bibliotheken würden sich gerne als Einrichtungen ausserhalb dieser Auseinandersetzungen sehen, die nur positive Angebote machen; dabei sind sie Teil der Auseinandersetzungen, zumal Merklen mehrfach in Frage stellt, ob die „Kultur“ und die Angebote, welche Bibliotheken mit gutem Gewissen machen, tatsächlich wertfrei sind. Vielmehr zeigt er, dass eine als universell verstandene französische Kultur vertreten wird, bei der gleichzeitig das Versprechen gegeben wird, dass, wer sich ihr anpasst, auch einen Aufstieg in die französische Gesellschaft machen wird. Dies begreifen Bibliotheken – aber auch Schulen – als die Chance, die sie der Bevölkerung bieten. Auch dies ist eine Sichtweise, die in den Banlieues nicht unbedingt geteilt wird. Werden Konflikte zum Beispiel als rassistisch begriffen oder wird klar, dass eine hohen Universitätsabschluss auch nicht den versprochenen Aufstieg garantiert, sondern der Wohnort sich trotzdem negativ auf die Zugangschancen zum Arbeitsmarkt auswirkt, wird auch das Versprechen der französischen Kultur unglaubwürdig. Zumal, wie Merklen betont, diese Kultur sich zwar wandelt und zum Beispiel die politische Literatur und Musik der 1960er und 1970er integriert hat, aber eben nicht von den heutigen Jugendlichen beeinflusst werden kann.

Grundsätzlich zeichnet Merklen das Bild von zutiefst verunsicherten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, welche die Umgebung ihrer Bibliotheken nicht verstehen – sich aber von dieser Umgebung auch massiv unterscheiden, weil zum Beispiel fast niemand von ihnen je in Banlieues gewohnt hat oder weil sie alle feste Stellen haben, im Gegensatz zum Grossteil der Bevölkerung, die keine oder nur prekäre Stellen haben oder auch, weil sich für sie der Aufstieg durch Bildung oft bewahrheitet hat, während dies bei Bewohnerinnen und Bewohner der Banlieues nicht unbedingt der Fall ist – und auch nicht von der Umgebung angenommen werden. So haben die Bibliotheken in den Banlieues durchschnittlich viel geringere Nutzungszahlen (rund 10% der Bevölkerung als aktive Nutzerinnen und Nutzer versus rund 20% im nationalen Durchschnitt) und erreichen zu grossen Teilen Kinder bis 14 Jahren, aber nicht darüber hinaus.

Konflikt, nicht Gewalt

Angriffe auf Bibliotheken sind aber nicht nur Angriffe auf den französischen Staat, sondern auch auf Bibliotheken im Besonderen. „C’est le soit disant frimeur qui vous envoie ce message si gentiment“ („Es sind die Angeber, denen wir mit Freuden diese Nachricht bringen“) steht mit Schreibmaschine geschrieben auf einem Papier, dass um einen Stein gewickelt wurde, welcher gegen die Ausstellung einer der untersuchten Bibliotheken geschleudert wurde und der im Buch abgebildet ist. Die Distanz ist sichtbar: Die Bibliothek als Angeber, als Einrichtung, die sich etwas besseres dünkt und die nicht als Gleiche akzeptiert wird.

Gleichzeitig sehen die Bibliotheken ihre Umgebung nicht positiv. Vielmehr nehmen sie diese wahr als von Armut und Perspektivlosigkeit bestimmt, als überwältigend viel und konzentriert auf wenige Orte (auch, weil die Bibliothekarinnen und Bibliothekare fast alle in anderen Städten und Umgebungen wohnen und aufgewachsen sind, die keine so hohe Dichte aufweisen), als Ansammlung unterschiedlicher Ethnien (und nicht unbedingt französischer Individuen mit unterschiedlicher Herkunft) und von Gewalt geprägt. Das ist nicht unbedingt falsch, aber (a) haben die Bibliotheken, wie schon erwähnt, den Eindruck, von dieser Situation nur betroffen, aber nicht an ihr beteiligt zu sein (was ein Teil der Bevölkerung anders sieht) und (b) tendieren sie dazu, diese Situation nicht verändern zu wollen. Merklen kommt mehrfach auf einen Vorfall zurück, in dem ein junger Mann „Salaam alaikum“ grüssend eine Bibliothek betritt, was von dem anwesenden Bibliothekar als Provokation verstanden wird. Ob es eine solche ist, ist unklar, allerdings macht Merklen mit der mehrfachen Diskussion klar, dass die Bibliothek und die Beziehung zu ihrer Umgebung unterschiedlichen Deutungsrastern und Erfahrungen unterliegen: Ist es zum Beispiel eine rassistische oder kulturalistische Interpretation des Bibliothekars? Ist es wirklich eine Provokation? Ist es ein normaler Gruss? Ist es ein Angriff auf den säkularen französischen Staat? Ist es unbewusst oder ist es gewollt gesagt worden?

Grundsätzlich gelangt Merklen dazu, die Situation zwischen Bibliothek und Banlieue als Konflikt zu beschreiben. Der Augenmerk sollte sich nicht auf den Akt der Zerstörung legen, sondern dieser Akt sollte als Teil einer tiefergehenden Auseinandersetzung verstanden werden. Diese Auseinandersetzung ist komplex, es gibt keine einfach richtigen, guten oder auch nur konsistenten Positionen. So ist zum Beispiel auch unter der Bevölkerung in den Banlieues nicht klar, ob die Bibliothek eine Chance und ein Angebot ist oder ein Eindringling. Klar ist allerdings am Ende der Studie, dass die Bibliotheken sich nicht als neutrale Einrichtungen begreifen können. Sie vertreten eine Kultur – zumal mit der Betonung des Buches als Kulturgegenstand, die zumindest vor den aktuellen Umbauten in den untersuchten Bibliotheken vorherrschten – und diese Kultur ist weder so offen, wie sie von Ihren Vertreterinnen und Vertretern verstanden wird, noch ist sie so universell, wie dies von der französischen Politik verstanden wird.

Ein wichtiger Hinweis, den Merklen anbringt, ist allerdings, dass es bei diesem Konflikt nicht per se um die Bibliotheken allein geht. Auch andere Einrichtungen haben kaum Kontakt zur Bevölkerung in den Banlieues. So sind die untersuchten Gebiete politisch von der PCF, der Kommunistischen Partei Frankreichs, dominiert, bei der man erwarten würde, dass sie auf die Interessen der Personen in den Banlieues, die von Armut betroffen sind, genauso eingeht, wie sie darauf achten sollte, das die institutionellen Strukturen nicht rassistisch wirken. Aber auch dies ist nicht so einfach. Dass es immerhin 23 Bibliothek in diesem Gebiet gibt, ist auch der PCF zu verdanken, die solche Kultureinrichtungen als notwendig ansieht. Nur ist dies offenbar nicht unbedingt die Meinung der Bevölkerung. Allerdings geht auch nur eine sehr geringe Zahl dieser Bewohnerinnen und Bewohner, weit unter 50%, überhaupt wählen. Auch andere politische Bewegungen haben nur geringen Einfluss auf die Bevölkerung. Dies hat, so zumindest Merklen, auch damit zu tun, dass die Politik dieser Bewegungen – egal ob PCF oder organisierten Katholizismus – in Konflikten und Politikformen verfangen ist, die von dieser Bevölkerung so nicht gesehen oder akzeptiert werden. Praktisch alle Beziehungen zwischen offizieller Kultur und Banlieues sind konfliktgeladen, Bibliotheken sind da nur ein Teil des Konfliktes. Gewalt wird, wenn man Merklen in seiner Analyse folgt, in der einen oder anderen Form von allen Seiten angewandt, egal ob mit Steinen und Molotowcocktails, mit Polizeiaufgebot und Vorschriften oder strukturell. Das ist nicht mit besserem Bibliotheksmarketing oder anderen Strategien, die im Bibliothekswesen gerne besprochen werden, sondern nur mit einer Veränderung von Bibliothek, Gesellschaft und Banlieues zu erreichen, die auf einem Anerkennen der Situation – und nicht unbedingt einem reinen Skandalisieren von Gewaltausbrüchen allein – basieren muss.

Für mehr französisch in den deutschsprachigen Bibliotheken

Die Studie von Denis Merklen ist anders, als alles, was man in der deutsch- oder englischsprachigen Literatur zu Bibliotheken liesst. Sie ist eine Langzeitstudie, die mit soziologischem Instrumentarium „von aussen“ an die Bibliotheken herangeht und Dinge, die sich Bibliotheken immer wieder gegenseitig erzählen – Bibliotheken sind anders als Schulen, Bibliotheken sind offen, Bibliotheken sind soziale Znentren – einmal im gesellschaftlichen Zusammenhang als uneingelöste Ansprüche thematisiert. Das Buch ist unbedingt zu empfehlen. Es zeigt unter anderem, wie gefährlich es ist, sich beim Erkunden der Wirkung von Bibliotheken auf einfache Methoden wie Umfragen, Expertinnen- und Experteninterviews oder Social Audits zu verlassen; da diese fast immer nur ein Seite der Situation zeigen (ohne das diese als Konflikt begriffen werden kann).

Vor einigen Monaten besprach ich schon ein ebenso soziologisches Werk aus Frankreich zu Personen ohne festen Wohnsitz in der Bibliothek des Centre Pompidou in Paris sehr positiv (Paugam, Serge ; Giorgetti, Camila (2013) / Des pauvres à la bibliothèque : Enquête au Centre Pompidou. – Le lien social. – Paris : Presses Universitaires de France, 2013, Besprechung hier), des Weiteren empfehle ich immer wieder gerne „Du lecteur à l’usager“ (Roselli, Mariangela ; Perrenoud, Marc (2010) / Du lecteur à l’usager : ethnographie d’une bibliothèque universitaire. Socio-logiques. Toulouse : Presses universitaires du Mirail, 2010) über die Nutzerinnen und Nutzer in der Bibliotheksbibliothek Toulouse als eine der tiefgreifendsten Untersuchungen über die Nutzung von Bibliotheken. Auch der vor kurzem aus dem Französischen übersetzte Text Die Bibliothek, eine Frauenwelt (Roselli, Mariangela (2013) / Die Bibliothek, eine Frauenwelt. Analyse und Folgen der Segmentierung des jungen Publikums in den Bibliotheken. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 37 (2013) 3, 322-330) scheint mir herausragend im Sachen Erkenntnis über Bibliotheken und deren gesellschaftliche Wirkung zu sein. Grundweg wird für mich immer mehr sichtbar, dass die deutschsprachigen Bibliothekswesen mehr über die gesellschaftlichen Wirkungen von Bibliotheken lernen können, wenn sie diese Literatur sowie die darin enthaltenen Forschungsfragen, -methoden und -haltung wahrnehmen. Insoweit ist diese Besprechung auch ein Aufruf, mehr Französisch zu lesen.

LIBREAS Call for Papers #26 Bibliotheken __ abseits / ausserhalb der Bibliothek

Posted in LIBREAS Call for Papers by libreas on 12. Mai 2014

Kurzfassung

Es gibt unbestreitbar und gut beobachtbar einen Trend zu Bibliotheken und bibliotheksähnlichen Phänomenen, die wenig bis gar nichts mit der Institution Bibliothek zu tun haben. Subkulturen, Protestgemeinschaften aber auch einfach buchaffine Nachbarschaften, Tourismusbüros und sogar Kommunen etablieren niedrigschwellige, oft sehr stark auf spezifische Bestände orientierte Varianten der Literaturversorgung. Die Ausgabe 26 von LIBREAS möchte den Ursachen für diesen Trend nachgehen. Und der Frage, was daraus folgt, dass die etablierten Bibliotheken sich nicht nur auf der digitalen Seite, sondern auch in der analogen Welt mit Alternativen konfrontiert sehen?

Eine ausführliche Einführung in das Thema sowie eine Reihe von möglichen Fragen zur Bearbeitung entnehmen Sie bitte der Langfassung.

Der Einsendeschluss für Beiträge ist der 30.10.2014. Die Kontaktadresse lautet redaktion@libreas.eu.

Zines of the Zone / Berlin, 2014

Herzlich, einfach, temporär – ist das die eigentliche Bibliothek der Zukunft? Die fahrende Konzeptbibliothek der Zines of the Zone fand im April 2014 in der Urban Spree Gallery an der Warschauer Straße in Berlin jedenfalls punktgenau ihre Zielgruppe. Und sogar Skateboardfahren durfte man zwischen den Regalen. (Foto: Ben Kaden / 17.04.2014, weitere Fotos im LIBREAS-Tumblr)

(more…)

Neues von der Digitalkritik. Zu einem aktuellen Text Evgeny Morozovs.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 2. Mai 2014

Eine Notiz von Ben Kaden / @bkaden.

 Das BOOKFORUM ist eine dieser Zeitschriften, die regelmäßig auf einem hohen Niveau genau den Kulturjournalismus publizieren, den man sich vom Zeitungsfeuilleton wünschen würde. Allerdings muss dieses täglich liefern, während das BOOKFORUM zweimonatlich in die Verkaufsregale gelangt, dafür dann aber weniger kostet als eine Woche Tagespresse.

Beiträge wie die dahingeschnurrte Ode auf das E-Book des Informatikers John Hennessy, welche die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus einem unerfindlichen Grund in ihrer Reihe über die Auswirkungen der digitalen Revolution auf die Geisteswissenschaften (vgl. dazu auch LIBREAS.Weblog vom 12.03.2014) eingeordnet hat und daher auch in der Wissenschaftsbeilage am Mittwoch druckte, fänden da sicher keinen Platz. Was, bitteschön, haben diese beiden zweifellos fantastischen kalifornischen Life-Hacks mit der Digitalisierung der Geisteswissenschaften zu tun:

„Die große Schrift auf meinem E-Reader bietet den Vorteil, dass ich auf dem Crosstrainer lesen kann und am Ende den Eindruck habe, die halbe Stunde sei schneller vergangen und noch sinnvoller genutzt. Und beim gedimmten Schein eines Lesegeräts um zwei Uhr nachts wecke ich meine Frau nicht auf, was bei der offenbar altersbedingt zunehmenden Schlaflosigkeit ein enormer Vorteil ist.“

Dass die Sacherschließung der FAZ aus der ziemlichen trivialen Sonnenscheinlektüre extrahiert:

„Themen zu diesem Beitrag: George Washington | Nelson Mandela | Steve Jobs  | Studenten“

von denen drei Themen (Namen) auf Bücher, die John Hennessy gerade las, verweisen und nichts mit dem Artikel sonst zu tun haben und die Studenten nur als Zielgruppe auftauchen, vor denen der Informatikprofessor seine Leseerlebnisse gern präsentiert, ist eher ein Beispiel für die Grenzen digitaler Inhaltsverarbeitung. Allerdings ist eindeutig, dass die Themenzuschreibung gar nicht dokumentarischen Zwecken dient, also der Orientierung von Leser und Nutzer, sondern der Suchmaschinenoptimierung.

Dennoch: Weder einen Geistes- noch einen Dokumentationswissenschaftler (und nicht einmal einen SEO-Experten) versetzen solche halbhoch in den Diskurs durchgeschossenen Textphänomene anders als verärgert, jedenfalls wenn derartige Artikel mit dem Anspruch in die Welt gesetzt werden, etwas Reflektiertes über die Gegenwart darzustellen.

Selbstverständlich finden sich in den Ausgaben des BOOKFORUMs genauso zahllose Aspekte, mit denen man nicht blindlings mitgehen möchte, allerdings meistens doch auf handwerklich deutlich höherem Niveau und daher ganz anders anschlussfähig an den Diskurs, den man führen möchte und um den es ja eigentlich in derartigen Medien gehen soll.

In der aktuellen Ausgabe bespricht nun der mit seinen Thesen nicht immer ganz unumstrittene Evgeny Morozov das Buch The People’s Platform: Taking Back Power and Culture in the Digital Age der Kanadierin Astra Taylor, die vor einigen Jahren mit ihrem Dokumentarfilm Zizek! bekannt wurde und die uns im Vorwort noch einmal an eine zentrale Erkenntnis der Ernüchterung erinnert, welche sich spätestens vor einer Dekade und allerspätestens mit dem reifenden Web 2.0 durchsetzte :

“In some crucial respects the standard assumptions about the Internet’s inevitable effects have misled us. New technologies have undoubtebly removed barriers to entry, yet, [...] cultural democracy remains elusive. While it’s true that anyone with an Internet connection can speak online, that doesn’t mean our megaphones blast out our messages at the same volume. Online some speak louder than others. There are the followed and the followers. As should be obvious to anyone with an e-mail account, the Internet, though open to all, is hardly an egalitarian or noncommercial paradise, even if you bracket all the porn and shopping sites.” (Taylor, 2014)

In seiner Review zum Buch, die angesichts dessen, das ihm, wie die Textstelle andeutet, ein eher zahmes Stück Rotwild vor die kritische Flinte geführt wird, recht milde ausfällt (“why set the bar so low?“), vermerkt Morozov an einer Stelle einen Bezug zu Bibliotheken und der soll hier, wenn er beim close reading schon auffiel, dokumentiert werden.

Auf die, besonders aus europäischer Sicht, sehr berechtigte Frage, warum es keine (zu Google) alternative, nicht-kommerzielle und also auf das Geschäftsmodell Werbung setzende Suchmaschine gibt, die in nennenswerten Umfang genutzt wird, (denn selbstverständlich gibt es nach wie vor Alternativsuchmaschinen, wobei beispielsweise die durchaus etwas verbreitet zu nennende holländische www.ixquick.com ja auch Werbeanzeigen in die Ergebnislisten integriert, wo es nur geht) antwortet Astra Taylor offenbar: weil die Debatte um das Digitale von Menschen dominiert wird, die sowohl als Person wie auch in ihrer Vorstellungskraft beschränkt erscheinen.

Evgeny Morozov - Public Libraries

In Ermangelung einer besseren Abbildung hier das Zitat der paraphrasierten Textstelle direkt vom Blatt.

Evgeny Morozov, immerhin mittlerweile selbst ein Großkopfeter der Digitaldebatten, antwortet: Das mag schon sein. Die Ursache liegt aber noch auf einer elementareren Ebene. Die Menschen hungert und dürstet nicht gerade nach Alternativen, so wie es sie, meint Morozov, auch nicht nach öffentlicher Bildung und öffentlichen Bibliotheken hungert und dürstet.

Empirisch wird hier unhaltbar über einen sehr grob gezähnten Kamm geschoren, aber darauf nehmen Digitaldebatten, die rohwollige Argumente lieben und brauchen, bekanntlich eher selten Rücksicht. Der Kern der mehr Ergänzung als Gegenrede ist dennoch zu beachten und passt ein wenig zu dem, was ich vor zwei Wochen hier im LIBREAS-Weblog zum Thema Digital Managerialism zu behandeln versuchte.

Evgeny Morozov richtet seinen Schlaglichtkegel auf das Problem, dass öffentliche Kultureinrichtungen generell geschwächt werden (was oft mit der Begründung / Selbstberuhigung der Entscheidungsträger erfolgt, eine mystische Freeconomy des Internets böte vollumfänglich kostensparendere und zugleich attraktivere Alternativen) und dies bevorzugt unter der direkten Anbindung solcher Institutionen in einen Wettbewerbskontext, der sie kategorial eigentlich gar nicht erfassen sollte.

„Market knows best”, so das Mantra, auf das Morozov verweist und das, so lässt sich ergänzen, trotz allem Long-Tail-Geklapper, bestimmte Nischen dauerhaft vermauert, weil es am Markt trotz allem zumeist am besten über die Marge des schnellen Massendurchsatzes funktioniert. Was langsam in Produktion, Konsumption und Wirkung ist und dazu auch noch viel kostet, bleibt entweder etwas für eine Elite oder verschwindet, wie die Nicht-Flagship-Stores in der Alten Schönhauser Straße, in der offenbar die Lage gar nicht mit eigentlichen Umsätzen sondern nur noch aus dem Werbeetat finanzierbar wird.

Es ist mittlerweile offensichtlich, wie sich dieser neoliberale Schliff der Perspektive (Wachstum, Reichweite, Page-Impressions, Viralisierung) hervorragend mit den immateriellen und dennoch zählbaren digitalen Aktivitäten der Menschen integrieren lässt, zumal die hochdynamische Ressource Aufmerksamkeit sogar noch zuhauf unabschätzbare Emergenzen und damit Chancen (bzw. Business-Opportunities) verspricht.

(Die Modeläden in Berlin-Mitte funktionieren auch häufig mehr als Showroom für einen Online-Shop, über den dann das eigentliche Geschäft gemacht wird, weshalb man auch fast immer gebeten wird, die E-Mail-Adresse für ein „exklusives” Kundenprofil zu hinterlegen (10%-Rabatt, einmal im Jahr als Gegenleistung) – der Konnex wird gleich vor der Haustür sichtbar.)

Morozov ist weitgehend beizupflichten, wenn er betont, dass sich der neoliberale und der Digitalitätsdiskurs überschneiden und gegenseitig verstärken und dass diese Effekte auch auf nicht primär digitale Räume zurückwirken und damit zugleich auf öffentliche Bibliotheken, die sich zwar (wenigstens in Deutschland) dank Onleihe, einer versunkenen Bibliothek-2.0-Partizipations-Schimäre und dem Zeitgeistdiskurs eine Digitalkur verordnet haben, die aber keinesfalls totalisierend auf die Institution wirken muss. Entgegen der landläufigen Einschätzung sind die Menschen in Deutschland nämlich noch gar keine John Hennessys, die ihre Erfüllung darin finden, die tägliche halbe Stunde körperliche Selbstoptimierung auf dem Cross-Trainer dank E-Lektüre „noch sinnvoller” zu nutzen.

Für den Diskurs, sogar für den zu den so genannten Digital Humanities (bzw. digitalisierten Geisteswissenschaften), streut Evgeny Morozov gegen Ende seiner Review noch ein weiteres Körnchen Kritik ein:

„In fact, the presumed theoretical novelty of such terms [er bezieht sich hier konkret auf "digital sharecropping", das man im WWW als Digitale Naturalpacht übersetzt findet, vgl. auch Carr, 2012] – invariably appended by qualifiers like “digital” – isn’t genuine. It serves mainly to distract us from more lucid frameworks for understanding how power works today.”

Eine ideale öffentliche, also auf das Phänomen einer aufgeklärten Öffentlichkeit gerichtete (vgl. dazu auch Schulz, 2009, S. 52ff.), Bibliothek würde sich möglicherweise statt dem sanften Mythos der Digitalkultur mehr oder weniger treuherzig hinterherzuwuseln, genau auf diese Frage, nämlich der Möglichkeit eines Durchdringens gegenwärtiger Machtstrukturen und Machtbestrebungen, konzentrieren und ihren Nutzern die Materialien in der Form bereitstellen, die für diesen Blick vor, durch und hinter die Kulissen notwendig ist. Dazu zählen Besprechungen wie die Morozovs und an guten Tagen auch noch die, na ja, Qualitätspresse, also so etwas wie die FAZ. Dazu zählt auch, wie Morozov betont, ein Hinterfragen der Sprache selbst, in die wir den Diskurs einspannen:

“In reframing long-running political debates around impressive-sounding but mostly empty concepts like the “digital”, even those Internet pundits who lean to the left end up promoting extremely depoliticized, neoliberal agendas.”

Wie sehr die von Haus aus sprachsensiblen Geisteswissenschaften und vielleicht darin eingebettet eine entsprechend sprach- und diskurskritisch operierende Bibliothekswissenschaft  hier aktiv werden könnten, bevor sie sich, bisweilen leider förderpolitisch getrieben, oft mehr mit neuen Labeln als mit neuen Paradigmen digitalkulturell metamorphisieren, muss eigentlich nicht weiter erklärt werden.

Akzeptierte man das prinzipielle Verschränktsein des Digitalen, wie wir es heute kennen, mit dem Neoliberalen, dessen Handlungsmuster bereits länger massiv in die Universitäten dringen, und machte man es selbst stärker zum Gegenstand der Erkenntnisarbeit, ginge damit vielleicht sogar ein tieferes Verständnis auch dafür einher, wie die gegenwärtigen Machtstrukturen Wissenschaft korrumpieren. Ein wenig aufgeklärte Widerborstigkeit (nicht zu verwechseln mit unaufgeklärter pauschaler Ablehnung), im besten Fall hin zu eigenen und selbstbewussten Gestaltungsansprüchen könnte nicht zuletzt Prophylaxe für das sein, was die deutschen Tageszeitungen unter dem Druck der Zeitungskrise (und nicht des Journalismus) schon eine Weile bedroht: die Überoptimierung hin zur Irrelevanz. Für Bibliotheken auf dem Weg zu Digitalen Bibliotheken gilt übrigens und wenig überraschend nach wie vor ganz ähnliches.

Der abschließende Vorwurf Evgeny Morozovs an Astra Taylor lautet, dass sie nicht verstanden hat, dass es in der Digitaldebatte (“digital debate”) nichts zu gewinnen gibt, sondern dass man nur aus ihr aussteigen kann. Was Morozov von jedenfalls mir und vielleicht noch ein paar anderen Teilnehmern des Diskurses unterscheidet, ist, dass ich niemandem Unverständnis unterstellen würde, wohl aber ein diskursethisch fragwürdiges Verhalten, denn die Exit-Option ist in keiner Weise fruchtbar sofern die Rahmenbedingungen des Diskurs intakt sind. Wenn uns digitale Kommunikationsräume trotz aller Defizite etwas gegeben haben, dann genau diese Voice-Optionen. (Zur berühmten Hirschman’schen Dreiheit (Hirschman, 1970) fehlt also nur noch Loyalität, die aber in einem offenen Diskurs unpassend ist, da sie der Kritik im Weg steht.)

Und im Gegensatz zu dem offenbar trotz allem ebenfalls im Wettbewerbs- und Kampfparadigma gefangenen Morozov, der glaubt, dass es um das Gewinnen, Verlieren und das Rechthaben, also um Durchsetzung geht, weiß die Diskursgemeinschaft, in der wir uns als Geistes- und Bibliothekswissenschaftler bewegen sollten, dass das Interessante im Verstehen und Durchschauen der Prozesse zu suchen ist, also dem, was Morozov selbst bezüglich des Machtkomplexes oben anspricht. Die Entscheidungen, die beispielsweise notwendig sind, um eine Erweiterung und Modifikation geisteswissenschaftlicher Standardmethodologien oder bibliothekarische Dienstleistungen mit digitalen Technologien angemessen zu steuern und zu begleiten, sollten wir erst dann treffen, wenn wir beim Verstehen, Durchschauen und – auch das – Überdenken der jeweiligen Handlungsziele ein gewisses bzw. wissenderes Niveau erreicht haben. Am Ende könnte das sogar für die öffentlich finanzierte Wissenschaft und die Bibliotheken auch ökonomisch vorteilhafter sein. Wofür man nicht einmal einen Bezug zur Adolf von Harnacks Nationalökonomie des Geistes herstellen muss (vgl. Umstätter, 2009). Aber natürlich problemlos könnte.

Berlin, 02.05.2014

Quellen

Nicholas Carr (2012) The economics of digital sharecropping. In: roughtype.com, 04.05.2012

John Hennessy (2014) Vorzüge des E-Books: Mit Charles Dickens auf dem Crosstrainer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung / faz.net. 28.04.2014.

Albert O. Hirschman (1970) Exit, Voice, and Loyalty: Responses to Decline in Firms, Organizations, and States. Cambridge, MA: Harvard University Press

Ben Kaden (2013) Heute in der FAZ. Jürgen Kaube über Evgeny Morozov. In: LIBREAS.Tumblr, 09.12.2013

Ben Kaden (2014) Am Impuls der Zeit. Hans-Ulrich Gumbrecht ringt in der FAZ um ein Verständnis der digitalisierten Gegenwart. In: LIBREAS. Weblog, 12.03.2014

Ben Kaden (2014) Konzepte des Gegenwartsdiskurses. Heute: Digital Managerialism. In: LIBREAS. Weblog, 18.04.2014

Evgeny Morozov (2014) Chip Democratic. In: Bookforum. VOl. 21, Issue 1. S. 9

Manuela Schulz (2009) Soziale Bibliotheksarbeit : “Kompensationsinstrument” zwischen Anspruch und Wirklichkeit im öffentlichen Bibliothekswesen. Berlin: Simon Verlag für Bibliothekswissen.

Astra Taylor (2014) The People’s Platform: Taking Back Power and Culture in the Digital Age. New York: Metropolitan Books

Walther Umstätter (2009) Bibliothekswissenschaft im Wandel, von den geordneten Büchern zur Wissensorganisation. In: Bibliothek – Forschung und Praxis. Band 33, Heft 3. S. 327-332. DOI: 10.1515/bfup.2009.036,

Konzepte des Gegenwartsdiskurses. Heute: Digital Managerialism.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by libreas on 18. April 2014

von Ben Kaden / @bkaden

In seiner Besprechung von Simon Heads Buch Mindless: Why Smarter Machines Are Makung Dumber Humans. (New York: Basic Books, 2014) in der vorletzten Ausgabe der New York Review of Books referiert Robert Skidelsky, emeritierter Professor für Politische Ökonomie in Warwick, das Grundkonzept des “Digital Managerialism”, wie es Simon Head ausführt. (Robert Skidelsky: The Programmed Prospect Before Us. In: New York Review of Books.Vol. LXI, No. 6, S. 35-37)

Für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist dies insofern ein Ansatz, den man die Reflexion einbinden sollte, als dass die Digitalisierung von Bibliotheken und bibliothekarischen Prozessen genau in dieser Gemengelage operiert. Geht es zudem in komplexen digitalen Forschungsinfrastrukturen darum, der Komplexität entsprechende Strukturen eines Monitorings umzusetzen, wie ich es gerade in einer Arbeitspaket des TextGrid-Projektes tue, dann findet man sich erstaunlich schnell in der Nähe des „digitalen Managerialismus“, also einer Art Organisationsideologie mit dem Leitgedanken einer reibungsfreien Prozessorganisation auf der Basis digitaler Technologien. Spätestens dann sind Obacht geboten und die kritische Dekonstruktion auch der eigenen Handlungsprämissen angesagt.

Simon Head, der sich in seinem Buch insgesamt leider wenig mit der Ökonomisierung der Wissenschaft befasst, schreibt:

„When describing their day-to-day scholarly lives, my academic contacts used a stange and, in academic context, unfamiliar language. They spoke of “departmental line managers” who monitored their work. They speculated whether an academic conference they were going to attend would count as an “indicator of esteem”.“ (S. 73)

Jeder im akademischen Betrieb Tätige dürfte Beispiele von oft sehr hochbegabten Menschen kennen, deren Motivation, Wissenschaft besonders im Universitären zu betreiben, in dem Umfang abnimmt, in dem sie erkennen, dass das Hineindringen vermeintlich professioneller Management- und Messverfahren in die Wissenschaft die Möglichkeit inhaltlich freier wissenschaftlicher Arbeit außerordentlich einhegt und den Großteil der Aktivität von der Sache auf den Effekt umlenkt. Eine alternative Karriere, möglicherweise sogar bei einem dieser garstigen Wissenschaftsverlage, ändert zwar wenig am Leistungsdruck, verdreifacht aber schnell mal das Gehalt. Damit kann sich das Herz gelassener anderen Dingen zuwenden und den Zwang, sich als Wissenschaftler zugleich in Form einer intellektuellen Ich-AG permanent selbst vermarkten zu müssen, wäre man dann auch los. Die Zahl derer, die Wissenschaft als Beruf angehen liegt gefühlt mittlerweile deutlich unter der derjenigen, die Wissenschaft als Job ausüben. (zum Unterschied Beruf-Job siehe u.a. auch hier) Was auch daran liegt, dass es Menschen mit einem Hang zur Wissenschaft als Beruf meist nur eine der für den Job des Wissenschaftlers erforderlichen Kompetenzen besonders herausstechend mitbringen und daher in Einstellungs- und Berufungsverhandlungen nicht nur hervorragend abschneiden.

Robert Skidelsky nähert sich dem Thema und der Arbeit Simon Heads etwas allgemeiner. Er stellt unter anderem den Gedanken heraus, dass die Basis der Verwaltungs- und Kontrolltheorie des “Digital Manageralism” die Verwandlung des realen, menschlichen Individuums (hier: der Arbeiter) über seine digitaltechnologisch adressierbare und analysierbare elektronische Repräsentation ist.

Man muss gar nicht zu den digitalen Fließbändern von Amazon und Walmart und der Leistungsmessung in der Wissenschaft gehen. Es ist vielmehr offensichtlich, wie sehr alle digitalen sozialen Netzwerke, die dominanten Interaktionsmedien unserer gesellschaftlichen Gegenwart, diesem Ansatz wenigstens sehr ähnlich arbeiten (können), dass also prinzipiell die gesamte Abbildung von Kultur im Digitalen, wie wir sie derzeit kennen, strukturell mit ihren Verknüpfungs-, Interaktions- und Popularisierungsszenarien diese Form der externen Steuerbarkeit vorbereiten. Wir verlagern unsere Kommunikationen, wenn wir sie ins Digitale verlagern, fast unvermeidlich in Strukturen, die im Sinne von so genannten Computer Business Systemen (CBS) geschrieben (gescripted, gecodet) wurden. Wir ordnen folglich unser Leben auch außerhalb jeder Arbeit Elementen des Digitalen Manageralismus unter und in der Tat sind die gamifizierend anmutenden Erinnerungen und Leistungsschauen von Klout-Indices und Tumblr-Aktivitätsbotschaften deutliche Symptome, wie wir den Leistungs- und Profilierungsgedanken der Digitalökonomie zum festen Bestandteil unseres kommunikativen Privatlebens machen. Wir kommunizieren und konsumieren und kreieren genauso wie wir arbeiten. Ein Vorteil ist, dass wir damit den Aufwand des kognitiven Wechsels zwischen den jeweiligen Bezugssphären einsparen. Ein Nachteil ist, dass wir kaum Distanz zu diesen Prozessen finden können, weil alles was wir tun, bereits in diesen Strukturen stattfindet.

Die Folgen werden bekanntlich aus diversen Blickwinkeln, bisweilen sehr öffentlichkeitswirksam, diskutiert.

Skidelsky schreibt:

„The tendency of CBS, Head argues, is to discourage intuition and judgement in a large population, except for a tiny class of highly paid engineers and managers, who are needed to activate and control the automated systems.“ (Skidelsky, S. 35)

Und was in ihnen möglich ist und geschieht, möchte man ergänzen und staunt wie Dequalifizierungsargumente (#DigitaleDemenz) mit Überwachungsansprüchen (#NSA, #GCHG, #SnowdenFiles) und Tendenzen zur Monopolisierung der Informationsmärkte (#MathiasDöpfnerGoogle) auch an dieser Stelle wie von selbst ein verbindendes Schleifchen finden.

Betrachtet man die drei interdependenten Basisbausteine des CBS:

  1. Computer-Netzwerke (Verknüpfung aller Arbeitsplätze / workstations, Adressierbarkeit der Ziele des Monitorings=Arbeits- bzw. Kommunikationsprozesse, ausführende und zu lenkende Individuen)
  2. Data-Warehouses (Aufzeichnung der Arbeits- und Kommunikationsprozesse mit Ergebnissen, möglichen und tatsächlichen Relationen, etc.)
  3. Expertensysteme (die für das Monitoring und die Steuerung notwendige kognitive Ausgaben übernehmen, also das Geflecht des Geschehens gezielt zu analysieren helfen)

so erweisen sich jede Digitale Bibliothek, jede Big-Data-orientierte Wissenschaft und jede virtuelle Forschungsumgebung und damit auch ein Großteil der Gegenstände der gegenwärtigen Bibliotheks- und Informationswissenschaft als in dieses Raster einpassbar.

Andererseits ist der übergeordnete Kontrollanspruch auch nicht ganz so neu:

„The aim of all control systems is to control human behavior including the way we think. Priests and political leaders have long used religion and ideology for this purpose, since it economizes on the use of force and terror.” (ebd.)

So weit so schlecht. Erstaunlich ist allein, dass Robert Skidelsky die Vergangenheitsform wählt. Denn wie grundlegend dieses Muster in der menschlichen Kultur nahezu jeder Färbung verankert ist, offenbart auch eine nur oberflächliche Auseinandersetzung mit medialen Repräsentationen bzw. einfach die bewusste Anschauung der Abendnachrichten. Und bei der Gelegenheit erkennt man in der Regel auch als- und allensbacher-bald:

„[…] it is only in the last hundred years or so that the attempt to control behavior by controlling the mind has achieved scientific status, largely through the explosion of calculating power that computers have made possible.” (ebd.)

Die Gegenwart kombiniert, so Head, zwei Kernanliegen menschlichen Machtstrebens: die totale Überwachung (Benthams Panoptikum) und eine Arbeitsorganisation nach Taylor. Beides nimmt den betroffenen Individuen Einfluss: Sie haben keine Möglichkeit zum Verbergen und sind zugleich nicht in der Lage zum einem Handeln über ihren winzigen Aufgabenbereich hinaus.

Skidelsky erkennt durchaus den dystopischen Gehalt dieser Entwicklung und versucht sich am üblichen Trost:

„human beings are notoriously recalcitrant to attempts to hammer them into the required shape.“ (ebd.)

Die digitale Zähmung des Widerspenstigen wird schon nicht gelingen, so seine Hoffnung. Die Weltgeschichte mag ihm in der Langzeitbetrachtung Recht geben. Auf der kurzfristigen Ebene, und auf der tut es gemeinhin tatsächlich weh und dort sind auch die Reibungsverluste am spürbarsten, hat selbige aber auch genug Gegenbeispiele im Arsenal. Der Hammer heißt dann Ideologie und ist meist als solcher im ersten Moment gar nicht spürbar. Verführbarkeit ist, wer mag da widersprechen?, eine anthropologische Grundeigenschaft.

Im Arbeitsalltag der betrachteten Beispielen (Walmart, Amazon, Foxconn), die erstaunlicherweise allesamt Leitsterne einer westlichen Konsumkultur sind, werden die Arbeiter, wie man hört, nur bedingt verführt, denn zumeist haben sie kaum Alternativen. Oder andersherum betrachtet: der Schmerzpunkt der Zumutung wird von einem professionellen Management natürlich genauso fein austariert, wie das Plansoll:

„if workers can finish their quota the target will be increased day by day until the capacity of the workers is maximised.“ (ebd.)

Gäbe es in diesem Zweig der Ökonomie so etwas wie ein historisches Bewusstsein, läge eine Auseinandersetzung mit den durchaus reichlich vorliegenden Erfahrungen mit anderen Ausführungen der Planwirtschaft nah. Die konsequente Optimierung ist dabei ein stabiler Topos, der mit den Reizwörtern schneller, besser, bequemer in beinah allen Zusammenhang verfängt. Und besonders offenbar in Entscheidungszusammenhängen. Der Artikel Skidelskys zeigt selbst da, wo er relativieren will, wie hilflos wir eigentlich sind. Der Ökonom erwähnt das Beispiel der Lächeloptimierung bei Cathay Pacific:

„For example, it can be calculated how much smiling flight attendants need to do to make passengers feel they are being sufficiently pampered.“ (ebd.)

Vermutlich kam Entfremdung durch Lohnarbeit nie herziger daher, wobei die „customer relations“-Industrie interessanterweise dafür zuständig ist, auf der Seite des Dienstnehmers (also Konsumenten) das menschliche Element in gleichem Maße heraus zu optimieren.

Diese Ökonomie braucht eine Symmetrie der Massen und wie oben bereits angedeutet, sind die Unterschied zwischen Konsum und Produktion – übrigens auch dank der geschickten Web-2.0-Ökonomie – kaum mehr erkennbar. Wo Flickr-Nutzer begeistert ihre Arbeiten kostenfrei Stockfotobörsen zur Verfügung stellen und damit entlohnt werden, dass sie als gut genug erscheinen, um von diesen verwertet zu werden, sind Berufszweige wie der des Fotografen natürlich nicht mehr notwendig. Das Hauptproblem bei so genannten nutzergenerierten Inhalten liegt auf der Ebene der Qualität. Erschwingliche digitale Spiegelreflexausrüstungen einerseits und die Anpassung ästhetischer Normen andererseits haben dies im Bereich des Fotografierens weitgehend kompensiert. Beim Schreiben / Bloggen hängt man noch ein wenig hinterher, wobei Angebote wie die Huffington Post intensiv daran arbeiten, mehr und mehr Laienjournalismus auf ein verkaufbares Niveau zu heben. Dass die ehemaligen qualitätsjournalistischen Bastionen dem durch redaktionelle Kürzungen und Kosteneinsparungen entgegenkommen kann man ebenfalls (noch) problemlos am Kiosk nachprüfen. Und wer nun so gar nichts zu schöpfen vermag, das wissen wir mittlerweile auch, zahlt eben mit seinen Konsum- und Netzwerkdaten.

Skidelsky bringt als Beleg für die Widerstandsfähigkeit des Menschen gegen eine digitalökonomische Vereinnahmung ein fasziniert schlichtes Beispiel. Er berichtet, dass die Flugbegleiterinnen bei Cathay Pacific auf steigenden Leistungsdruck mit einem angedrohten Lächelstreik reagierten und ergänzt als weiteren Lichtblick:

„Attempts to create a happy demeanor by encouraging workers to think of pleasant past experiences led to daydreaming that hindered efficiency.“ (ebd.)

Es gibt also „Incentives“ die versagen und ein Klassenkampf mit Lippenstift passt auch in eine Gegenwart, in der eine politische Botschaft, die in barbusiger Form und vor allem für YouTube vorgetragen wird, größere Chancen hat, Aufmerksamkeit zu finden, als eine systematische, ausdauernde und nicht minder risikoreiche Arbeit im Hintergrund.

Am Ende fertigt Skidelsky Simon Head relativ barsch ab, allerdings nicht ohne seiner Kritik zuvor in dem Feld, dass ihn selbst betrifft, zuzustimmen: dem der Anwendung von Computerized Business Systemen (CBS) auf die akademischen Strukturen. Das wird völlig zurecht kritisiert.

Insgesamt bleibt wenig Helles für die Zukunft der Arbeitswelt, denn

„Algorithmic programming is bound to be much less successful in situations involving person-to-person transactions, but the number of these required for the efficient conduct of contemporary business – the production and consumption of goods and services by and for the masses that constitute the modern economy – may be shrinking.” (ebd.)

Die alten Ängste wiederholen sich: Was automatisiert werden kann, wird automatisiert und der Mensch wird überflüssig bzw. freigesetzt. Durch die digitaltechnischen Optionen sind davon nun auch alle intellektuellen Brotarbeiten inklusive des Bibliothekswesens betroffen. Es bleiben einzig ein paar Schlüsselpositionen zu besetzen, die, auf welcher Basis auch immer, Entscheidungen fällen, Impulse setzen und irgendetwas Kreatives in das System hineinwürfeln, wobei letzteres gemeinhin weitgehend von hingebungsvollen Nutzern übernommen werden kann, die sich eine Entlohnung in sozialem Kapital erhoffen und damit dann auch zufrieden sind. Wie allerdings in diesem Kontext das bisher nur am äußersten Rand des Diskurses grundsätzlich hinterfragte Lohnarbeitssystem aufrechterhalten werden kann, auf dem letztlich die Konsumökonomie auch im Tauschsystem Geld gegen Zugang (und vielleicht auch Zuwendung / Dienstleistung) aufsetzt, erklärt der Ökonom Skidelsky nicht einmal im Ansatz, wenn er für die kommenden Zeiten, sich an John Maynard Keynes erinnernd, folgende Formel vorhersagt:

„Less (human) work, less consumption, more leisure […]“ (ebd.)

Das werden spannende Zeiten für die Politik und die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens könnte sehr bald weit weniger spinnert wirken als es derzeit noch im Mainstreamdiskurs vermittelt wird.

Da die Menschheit Ähnliches in der Vergangenheit, vielleicht nicht ganz so durchdringend, bei jedem Automatisierungsschritt er- und zu großen Teilen auch überlebt hat, ist die Situation weder ganz neu noch ganz hoffnungslos. Für Bibliotheken, immerhin so etwas wie Zentralen kreativen und intellektuellen Handelns, sind zusätzliche und zu füllende Entfaltungsfreiräume für einen Großteil der Menschen keine schlechte Nachricht, sofern sie sich an dieser Stelle offensiv einbringen können. Das Aufkommen der Idee von Makerspaces, also dezidierten Aktivräumen in Bibliotheken, schließt genau an dieser Stelle an.

Als übergeordnete Lösungsidee für das Dilemma, dass uns ausgerechnet die Technologien, die uns ganz vielfältige neue Handlungsräume besonders kommunikativer ermöglichen, gleichzeitig vor eine viel elementare Sinnfrage stellen und zugleich in doch neuartiger Weise überwach- und steuerbar machen, bisweilen sogar schlichtweg überflüssig, taugt das freilich noch nicht. Eine überzeugende Lösung dafür, was eine Gesellschaft bzw. Volkswirtschaft mit der freiwerdenden, überqualifizierten und nicht gegenfinanzierbaren Arbeitskraft anfängt, scheint generell nirgends erkennbar. Die Stromlinienformgebung letztlich auch des Konsums auf, wenn man so will, Symbolverbrauch, also gestreamte Unterhaltung und digitalvermittelte Zwischenmenschlichkeit hat sicher noch das Potential, die derzeitigen ökonomischen Leitmuster noch ein paar Dekaden irgendwie zu tragen.

Aber bereits jetzt wirkt für viele Vertreter beispielsweise meiner Berufsgruppe (=akademische Projektbeschäftigte) der jährliche Rentenbescheid mit der stabilen Ankündigung desolater Lebensbedingungen irgendwann ab Mitte der 2040er Jahen als anachronistischer Gruß aus einer anderen Zeit und man mag sich gar nicht vorstellen, wie freie Journalisten und all diejenigen aus der de facto einkommenslosen Digital Bohème, die immer noch ganz gut und komplizenhaft in den Kreativhubs dieser Welt ersparnislos durch ihre Träume und Lebensjahre hasten, diese Jahrzehnte erleben werden.

Ein fantastischer Effekt der digitaltechnologisierten Lebenswelt ist freilich, wie sich die absehbare ökonomische Dysfunktionalität dieses Ansatzes für eine Vielzahl von Menschen im Augenblick so gut anfühlt, dass so gut wie jeder bereitwillig mitspielt. Wobei es auch kaum Alternativen gibt. Die ironisierte, Ich- und radikal gegenwartsbezogene Variante ist oft die einzige Option, sich unter dem allumfassenden Primat des Digitalen Managerialismus so einzurichten, dass es so wirkt, als spielte man nicht ganz bereitwillig mit.

„It can be hard to find young people willing to work more than three days a week. And yet it can also be hard for someone who is working three days a week, and who is earning the low wages that are typical of Berlin, to salt away enough money to leave—to afford, say, the first month’s rent in London or New York. So it favors those who have some money to spare or who don’t care.“

beschrieb Nick Paumgarten im März in der Style-Issue des New Yorker in einer aus Berliner Sicht fast knuffigen Reportage die Einkommensgegenwart der (vermeintlichen) Lebensstilavantgarde in der deutschen Hauptstadt. (Nick Paumgarten: Berlin Nights. The thrall of techno. In: New Yorker, Mr. 24, 2014, S. 64-73)

Man lebt in seinem Selbstverwirklichungskäfig vom Ersparten einer anderen Zeit oder eben vom Zufälligen und hofft, dass sich eines Tages alles richtig fügt. Man muss nur Geduld haben und ein paar Mal zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort den richtigen Kontakt herstellen. (Attraktive Stellen im Bibliothekswesen rotieren, wie jeder weiß, auch ganz gern genau nach diesem Muster.)

Der Reiz der Neuigkeit, beispielsweise gegenwärtig auch in den so genannten Digital Humanities spürbar, liegt also möglicherweise vor allem in einem Versprechen auf eine Zukunft, die sich so fantastisch entwickelt, dass die Probleme, die aus der Gegenwart als unlösbar in ihre zu stehen scheinen, einfach verschwinden werden. Die Versprechen der Digitaltechnologie und einer digitalen Gesellschaft sind noch immer weitgehend utopisch grundiert. Auf der ideologischen Ebene erinnert es an vieles, was man aus dem Sozialismus als Wegbereiter zum Kommunismus kannte. Dass das gesellschaftliche Gegenmodell, die von einer kapitalistischen Marktwirtschaft grundierte Demokratie sich nun aus dieser Richtung dekonstruiert, ist weltgeschichtlich natürlich äußerst spannend zu beobachten. Wie zaghaft man allerdings darangeht, dem Optimierungsmonitoring harmonischere Ergänzungsmodelle entgegen zu entwickeln, lässt sich vielleicht auch als Symptom werten, dass der Mensch sich mit der Proliferation seiner Handlungsmöglichkeiten und damit verbundenen neuen Deutungsverpflichtungen, die es mit nicht gerade ähnlich exponentiell wachsenden intellektuellen Kompetenzen zu verarbeiten gilt, gerade selbst sehr überfordert.

Dass an dieser Stelle eine progressive Bibliotheks- und Informationswissenschaft, traditionell gewohnt auf heterogene Deutungsmuster eine neutrale und die Komplexität absenkende Zugangsschablone aufzusetzen, ein wenig mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen könnte (bzw: sollte, müsste), ist so offensichtlich, dass man es eigentlich gar nicht mehr hinschreiben mag. Dafür, dass sich entsprechende Ausprägungen in der Disziplin leider nur ausnahmsweise feststellen lassen, gilt bedauerlicherweise das Gleiche.

(Berlin, 17.04.2014)

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 75 Followern an