LIBREAS.Library Ideas

Das Netz als Teil des Lebensgefühls im Grime

Veröffentlicht in LIBREAS.Feuilleton von Karsten Schuldt am 25. Januar 2012

Von Karsten Schuldt

Rezension zu: Wiley (2011) / 100% Publishing. – [Vinly, MP3]. – London : Big Dada, Ninja Tunes.

Die jeweils aktuellen Informationsmittel sind immer Teil des Lebensgefühls der Teile der Bevölkerung, welche populäre Musik nutzen. Diese Aussage ist wohlfeil, leitet sie doch beispielsweise die Forschung zu Subkulturen. Aber: Ist eine Popmusik nur thematisch breit genug und beschränkt sich nicht auf jeweils zwei, drei Themenbereiche – was allerdings viele Genres doch tun – und ist zudem noch nah genug an den eigenen Hörerinnen und Hörern, dann spiegelt sich diese Nutzung der Kommunikationsmittel in der Musik selber wieder und wird so, auch ohne größere Feldforschungen, unter anderen für den forschenden Blick sichtbar. Oder anders: Wenn die Kommunikationsmittel in dieser Musik auftauchen, kann man auf die tatsächliche Nutzung zurück schließen. Nicht ungebrochen, verbleibt doch auch vieles im Klischee; aber doch relevant.

Nun gibt es wohl aktuell keine Richtung der Popmusik (egal ob im Underground oder Mainstream), die selbstbezüglicher und beredeter ist, als der HipHop in seinen zahllosen Ausprägungen, Weiterentwicklungen und regionalen Dialekten. Der Einfachheit halber – die selbstverständlich im Umkehrschluss der gesamten Komplexität der Entwicklung des Genres nicht vollständig gerecht wird, aber für die folgende Argumentation greifbarer macht – soll hier Grime, insbesondere in seiner Ausrichtung in den UK, als eine solche Weiterentwicklung gezählt werden.

Dann nämlich sollte es für alle, die ein Interesse an Informationen und Informationsnutzung haben, von Interesse sein, dass mit Wiley einer der sprachmächtigsten und vor allem prägendsten Protagonisten des Grime im letzten Jahr ein Album mit dem Titel 100% Publishing, dass zudem mit dem Titel Information Age aufmacht, veröffentlicht hat. (weiterlesen…)

Über Paperbackups: Darf man Bücher wegwerfen und was hat Apple vor?

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton von Ben am 23. Januar 2012

von Ben Kaden

Container-Bücher und iDucation

Zwei erstaunliche Geschichten dominierten letzte Woche die Aufmerksamkeit (und zwar in dieser Reihenfolge): Zum einen vollzog sich in zwei Weblogs etwas, was man vielleicht als die Dale-Askey-Klaus-Graf-Kontroverse bezeichnen kann. Es geht dabei um die traditionelle Frage, inwieweit man Bücher in den Container werfen und also entsorgen darf. Dale Askey beschrieb in einem vielleicht etwas zugespitzt Why I no longer collect books betitelten Beitrag in seinem eher eine gegenteilige Einstellung evozierend „Bibliobrary“ genannten Weblog sehr ausholend, dass er beginnt, die für ihn völlig irrelevanten Teile seiner Privatbibliothek quasi als Entsorgungsvorlass auszusondern:

„Anything that remained after that went into a donation bin for the public library, until we realized that putting thrice-culled dregs into a donation bin was just pushing off the burden of disposal to others and wasting their time, so we started putting them in boxes (we didn’t want our own Nicholson Baker exposé moment), sealing them with epic amounts of duct tape, and chucking them in the dumpster.”

Klaus Graf reagierte in seiner etabliert konsequenten Art im netbib-Weblog mit einem nicht minder zugespitzt betitelten Beitrag Lasst tausend Bücher brennen.

In beiden Weblogs entsponnen sich rege Folgediskussionen, die sich nahtlos in eine übergreifende Debatte zum Ende des gedruckten Buches fügt, das, so liest man, durch einen Wandel in der Einstellung zum Medium dank E-Reader und flotten Konkurrenzmedien eingeleitet wird. Die zweite Story der Woche passt gut dazu: Der Technologie-Konzern Apple revolutioniert das Schulbuch und man darf gespannt sein, wie die nicht gerade als zimperlich bekannten Lobbyvertreter der Schulbuchverlage an dieser Stelle die Substanz zu retten versuchen. Dazu sind heute noch keine Aussagen möglich.

Zwei Buchkulturen

Aber für die Aspekte „Buchentsorgung“ und den Apple-Schritt liefert ein vielleicht nicht mehr jedem bewusster Aufsatz von Fritz J. Raddatz im Times Literary Supplement vom 25. September 1969 jeweils eine Art Antwort. (weiterlesen…)

Einspruch Eurer Zeiten. Arlette Farges archivarische Reverie gibt es endlich auch in deutscher Übersetzung.

Veröffentlicht in LIBREAS.Referate, LIBREAS.Feuilleton von Ben am 14. Januar 2012

Während in der LIBREAS-Redaktion die Vorbereitungen für die Ausgabe 20 laufen, gibt es vorab zur Überbrückung der Wartezeit schon einmal eine Rezension.

Rezension zu: Arlette Farge: Der Geschmack des Archivs. Göttingen: Wallstein, 2011. ISBN: 978-3-8353-0598-4, € 14,90 – Informationen zum Titel beim Verlag

von Ben Kaden

„Wie soll man also eine Sprache erfinden, die sich an jene Bewegung des Suchens annähert, die sich im Archiv anhand unendlich vieler Spuren von Herausforderungen, Rückschlägen und Erfolgen vollzieht?“ (S. 94)

Zweifellos: Das Archiv ist ein Bremsklotz im Fortstürmen und Drängen der Kultur durch die Zeit. Und auch des eigenen. Mehr noch als der Lesesaal einer Bibliothek ist die Vergessenheit des Archivs buchstäblich eine Zeitkapsel und wer selbst einmal Stunden in dieser verbrachte, weiß sicher um den seltsamen Zustand, wenn man nach einem intensiven Quellenstudientag mit der frisch in vielfältigen Vergangenheiten verschobenen Selbstwahrnehmung zurück in den Hauptstrom des Gegenwartsgeschehen tritt.

Das Archiv schnappt etwas aus dem Geschehen der jeweiligen vergangenen Gegenwarten auf und entführt zugleich den, der sich mit diesen Gegenwarten befasst. Das Archiv sichert das Geschehen dieser Zeiten nicht selbst. Aber es legt einen Hinweis auf das, was geschah, an und konserviert ihn, so gut es kann. Es erzeugt Spuren.

Über die Spuren (oder auch Zeugnisse) kann der, der sucht dem Geschehenen (bzw. dem Bezeugten) nachspüren. Möglicherweise stimuliert das Archiv eine unbewusst angelegte sehr ursprüngliche (archaische?) Begabung des Fährtenlesens, die uns ständig auf der Suche nach einem Sinn in eine mehr oder weniger strukturierte semiotische Aufzeichnungsumwelt treibt. Die Archive repräsentieren eine solche Umwelt. In ihnen hoffen wir, über die Repräsentanten vergangener Gegenwarten Erkenntnisse für unsere gegenwärtigen Gegenwarten aufzufinden. (Museen erfüllen als in die Öffentlichkeit gestülpte Archive eine ähnliche Funktion.)

Die Nutzung eines Archivs ist also nicht zuletzt eine Distanzierungserfahrung und zwar nicht nur intellektuell, sondern spürbar gesamtsinnlich. Möglicherweise schwächt sich diese Sensation mit der Zeit ab. Bei Arlette Farge ist dies aber mutmaßlich nicht der Fall, denn ansonsten wäre das archivphilosophische Kleinod Le goût de l’archive (Paris: Le Seuil, 1989) sicher nicht entstanden. (weiterlesen…)

Das Fach am Dienstag: Impulse von NY.Times, BBK und JDoc

Veröffentlicht in LIBREAS.Referate von Ben am 10. Januar 2012

Ein Überblick zum 10.01.2012.

von Ben Kaden

„The general field of humanities education and scholarship will not take up the use of digital technology in any significant way until one can clearly demonstrate that these tools have important contributions to make to the exploration and explanation of aesthetic works” – Jerome McGann, 2002

„Get into the digital humanities and get a job. Not a bad slogan.“ – Stanley Fish, 2012

I Sterblichkeit, Digital Humanities, eResearch und Bibliotheken

So geht es zu am Dienstagabend: Während Stanley Fish im Opinionator-Blog der New York Times Jerome McGanns 2002 unterstrichene Kernerkenntnis zum Einsatz digitaler Technologien als Quintessenz einer Reflektion über Sterblichkeit, Textlichkeit und den Digital Humanities heranzieht, entwirft Norbert Lossau bei seiner Antrittsvorlesung im Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquium eine klare Richtung für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft(en) – eingangs in Richtung Singular, ausgangs im möglicherweise gewünschten Traditionsplural – und zeichnet den Bibliotheken einen Kampf um Akzeptanzsicherung in digitalen Forschungsumgebungen auf.

Auch wenn er den Ausdruck nicht gebraucht, wird schon anhand der Zahlen aus der Budgetierung unmissverständlich klar, dass digitale Forschungsumgebungen immer Big Science sein müssen. Und die wird nur, so die Annahme, über Umschichtungen im Finanzbedarf finanzierbar sein. Wollen die an Bedeutung verlierenden Universitätsbibliotheken – in den STEM-Fächern spielen sie kaum mehr in größerem Umfang auf, so die Botschaft – ihre Mittel nicht einfach fortgeschichtet bekommen, führt für sie kein Weg an der Anpassung an die Erfordernisse der eResearch vorbei, die bei Norbert Lossau nicht etwa elektronisch heißt, sondern inklusive aller benennbaren Open-Komponenten, enhanced sein wird. Ein schönes Wort, im dem sich viel containern lässt.

Die Perspektive des Göttinger Direktors und jüngsten Honorarprofessors am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft lautet nun und völlig nachvollziehbar, dass sich Bibliotheken stärker in Forschung und Lehre ihrer Universitäten einbringen müssen. Am Ende der Entwicklung steht, dass die idealerweise dreifach qualifizierten Bibliotheksmitarbeiter (Bibliothekskompetenz, fachwissenschaftliche Kompetenz, informatische Kompetenz) feste Akteure (embedded librarians) in den Forschungsprojekten sind. (vgl. dazu auch Kaden, 2011, S. 348f.)

Die im Auditorium anwesenden angehenden Fachkräfte haben vielleicht nicht unbedingt mit Freude vernommen, dass in der Praxis an den für diese Entwicklung neuralgischen Punkten in der Regel nicht-bibliothekarische Experten (mit bibliothekarischer Zusatzausbildung) zum Einsatz kommen. So ein richtig mitreißendes Plädoyer für die Zukunft der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Fachausbildung konnte man aus der Vorlesung entsprechend leider nicht herauslesen. Aber am Ende doch ein klares Bekenntnis. Die Vision für die Rolle der Universitätsbibliotheken im Forschungsumfeld nahm sich allerdings eher wie der Entwurf einer Überlebensstrategie aus, die vorwiegend darin besteht, sich in eine Entwicklung zu fügen, die auf Bibliotheken zur Not auch verzichten kann.

Es ist einsichtig, dass die traditionelle Universitätsbibliothek, wie wir sie noch als Institution analoger Zeiten kennen, in der erweiterten Forschung mit digitalen Mitteln nicht bestehen kann. Allerdings ist diese Entwicklung generell schon in der nachmonographischen Wissenschaft angelegt und die nicht-digitaltechnologischen Komponenten dieser Trends findet man bereits im Weinberg-Report. Viele der abstrakten technologischen Ideen dagegen bei Vordenken wie Paul Otlet.

Insofern erscheint enhanced Research sogar mehr als Mittel dokumentarischer Praxen als als Fortsetzung der Bibliotheksarbeit. Für die Bibliotheken mag dies ein wenig tragisch erscheinen, denn die Chance des Schrittes von der Organisation und Verwaltung hauptsächlich der Form hinein in die Kuration der Inhalte der von ihnen verwalteten und vermittelten Medieneinheiten, also im Prinzip schon die vordigitale Virtualisierung des Geschriebenen, gab es schon lange vor dem ersten WWW-Zugang. Vielleicht zeigt sich hier auch als Defizit, dass die Bibliotheks- und Dokumentationswissenschaft gegenüber ihren Zielinstitutionen wahrscheinlich nie wirklich schlagkräftig genug war, um solche Vorlagen erfolgreich zu vermitteln. Und leider zeigt sie sich auch heute noch (als Bibliotheks- und Informationswissenschaft) mehr als Ausbildungs- und Projektdisziplin denn als wirklich umfänglich Erkenntnis und Orientierungswissen produzierendes und kommunizierendes Fach.

II Obsoleszenz und Klassifikation

Dass sie bei den in Deutschland recht schmalen Ressourcen ein äußerst weitläufiges Feld bearbeiten muss und daher naturgemäß nicht an jeder Stelle die tiefsten Furchen ziehen kann, unterstreicht die thematische Bandbreite der heute veröffentlichten Preprints zur Ausgabe 02/2012 des Journal of Documentation. Alle Beiträge verbindet, dass sie auf die eine oder andere Art kritisch sind. Und wer sich für informationsethische Fragen interessiert, findet hier eine ansprechende Sammlung.

Michael Buckland, der die Leistungskennzahl von einer Publikation im Jahr bereits in der ersten Woche des Jahres 2012 erfüllte, übertrifft das Soll in der zweiten Woche mit einem Grundsatzpapier zur Obsolescence in Subject Description. Die Terminologie der Sacherschließung – in diesem Fall die Library of Congress Subject Headings – ist wie die gesamte natürliche Sprache Ergebnis sozialer und kultureller Konstruktionen und deshalb von ständigen (semiotischen) Verschiebungen betroffen. Bezeichnungen veralten (Horseless carriages, Eskimos, Idiocy), Verweise werden politisch untragbar (Sexual perversion see also Homosexuality), Ausdrücke erfahren Differenzierungen (rabbit) und Umdeutungen und bekommen ganz neue Varianten zur Seite gestellt. Andererseits ist die traditionelle Anforderung an die Sacherschließungssysteme Zeitstabilität. Daraus ergeben sich ein Widerspruch und eine willkommene Herausforderung für alle, die mit Freude Kreise quadrieren. Ein nicht-dynamisches, kontrolliertes Indexierungsvokabular, so zeigt der Text zur terminologischen Obsoleszenz, lässt sich mit einem anderen Wort aus der O-Familie beschreiben: Oxymoron:

„A static, effective subject indexing vocabulary is a contradiction in terms.”

Vivien Petras, die am IBI (auch) auf diesem Gebiet forscht, wird sich freuen, dass  ihr kalifornischer PhD-Betreuer sie mit Dank zitiert (und zwar mit der hier annotierten Arbeit).

III Das Archiv als Bezeugung – das Beispiel Kambodscha

Der Aufsatz von Michelle Caswell bietet in gewisser Weise gleich den (bitteren) Anwendungsfall für das genannte Problem. Die Autorin setzt sich u.a. in Bezug auf die auch von Michael Buckland empfohlene Arbeit von Geoffrey C. Bowker und Susan Leigh Star (1999) mit dem ethnifizierenden Konzept der Roten Khmer (als Grundlage der Khmerization) sowie der Rolle der Klassifikation des Documentation Center of Cambodia bei der Aufarbeitung und Strafverfolgung hinsichtlich der Einordnung der Geschehnisse unter dem Regime als Genozid auseinander.

Zudem zeigt der Artikel allgemein auf, welche Rolle die Digitalisierung von Akten und die Datenanalyse in derartigen Kontexten für die historische Aufklärung spielen kann und welche Bedeutung den Archivaren zukommt. In diesem Fall war es offensichtlich die Berücksichtigung der Kategorie der Ethnizität im Datenbestand, die vor dem Rote-Khmer-Tribunal überhaupt erst eine Sensibilität für die genozidalen Prägung der Herrschaft herstellte. Die Archive sind für die Autorin aktive Bausteine in der Aufarbeitung von Geschichte:

„[R]ather than being impartial storehouses of information, archives are contested sites that, through the creation and application of descriptive standards, conduct the messy ethical business of sorting the past.”

Daraus erwächst freilich für die Archivare eine beträchtliche informationsethische Verantwortung:

„[T]his paper enjoins us to think critically about the consequences of identity-based classification systems and to consider how such systems may be strategically deployed to advance political goals.”

IV Der bibliotherapeutische Diskurs

Auch der Beitrag von Liz Brewster, Barbara Sen und Andrew Cox von der University of Sheffield beschäftigt sich mit einer politischen Fragestellung. Sie untersuchen mithilfe der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) die Durchsetzung eines bibliotherapeutischen Projektes namens Book Prescription Wales (BPW). (sh. dazu auch hier)

Die Aufmerksamkeit liegt dabei nicht auf der Bibliotherapie selbst, sondern auf dem Verlauf des Legitimationsdiskurses zur Durchsetzung dieses Ansatzes. Die AutorInnen kommen zur Erkenntnis, dass, obschon die Wirkung bibliotherapeutische Verfahren erwiesen ist, die Evidenz basierte Argumentation in diesem Fall nicht ausschlaggebend war:

„The focal actor’s argument was that if the treatment need was to be met in a cost-effective manner, bibliotherapy delivered by GPs [General Practitioners] and libraries must be used and would benefit all actors in the network […]. The simplicity of Books on Prescription was a selling point of the scheme.“

und

„BPW is legitimised by drawing on key institutional agendas including cost-effectiveness and
reduced waiting times for treatment.”

V Social Discovery Tools

Louise Spiteri von der Dalhousie University führt uns mit ihrem Beitrag von der eher kommunikationswissenschaftlichen Diskursanalyse zurück zum bibliothekarischen Kerngeschäft. In ihrer Literaturauswertung beschäftigt sie sich mit Social Discovery Systems als Option, die Lücke zwischen Katalogisierern und Nutzern zu überbrücken, mit dem Ziel, die Katalogbenutzung für die zweitgenannte Gruppe angenehmer zu gestalten sowie in Rückkopplung den Katalogisierenden Erkenntnisse zum Informationsverhalten der Nutzer zu vermitteln. Das kann wiederum direkt auf die Systemgestaltung zurückwirken:

„User-contributed metadata in the form of tags, ratings, or reviews, provide cataloguers with the opportunity to observe directly how users interact with catalogue records and adapt them to meet their needs.”

Der Beitrag ergänzt den Obsoleszenz-Aufsatz Michael Bucklands in gewisser Weise um eine pragmatische Note: Nicht nur die Terminologie, sondern auch der Umgang mit dieser wird im Nachgang zum Web 2.0 dynamisiert die Klassifikation. Der hierarchische strukturierte Einkanal-Katalog wird zu Interaktionsfläche zwischen Informationsvermittler und Informationsnutzer. Dies wird auch, so das Fazit der Autorin, Veränderungen der Katalogisierungspraxis nach sich ziehen.

VI Informationsbedürfnisse von Obdachlosen

Weniger auf grundsätzliche Änderungen als auf ein Bewusstsein für die informationsethische Dimension öffentlicher Bibliotheken als, wenn man so will, gesellschaftlicher Teilhaberaum zielt die Untersuchung von Thomas Muggleton und Ian Ruthven vom informationswissenschaftlichen Fachbereich der University of Strathclyde. Sie untersuchten, wie sich Obdachlosigkeit auf informationelle Bedürfnisse auswirkt. Dafür interviewten sie Betroffene in Glasgow und konnten zweifelsfrei feststellen, dass für die Befragten die Benutzung öffentlicher Bibliotheken zur sozialen Teilhabe genauso wie zur Hebung des Selbstwertgefühls beiträgt. Zudem ermöglicht die konzentrierte Lektüre in der Bibliothek eine Form von Eskapismus und Zerstreuung, die, so die Autoren, in diesem Zusammenhang einen besonderen Stellenwert erhält:

„In the context of social isolation, unpleasant living conditions and traumatic life events, both past and present, the ability to switch off and distract oneself can be a vital corollary of serving more basic needs for food, clothing and shelter.”

Die informationellen Bedürfnisse obdachloser Menschen unterscheiden sich, so ein Ergebnis, nicht von denen derer mit festem Wohnsitz. Jedoch sind der Lebenszusammenhang und damit die Möglichkeiten, den Bedürfnissen zu entsprechen, grundverschieden.

VII Multimodale Suche und Grundschüler

Anna Lundh und Mikael Alexandersson  setzen sich mit dem Bildersuchverhalten von Grundschülern auseinander und verorten ihre Forschungsfrage in einem Umfeld, das sich als „multimodaler Informationskompetenz“ (multimodal information literacy) bezeichnen lässt. In ihrer ethnographisch angelegten Studie zeigen sie, welcher Problemlösungsverfahren sich die Untersuchungsgruppe bei diesem Prozess bedient. Sie kritisieren zugleich ein textzentriertes Verständnis des Informationsverhaltens. Die spielerische Auseinandersetzung der Kinder mit der Medienform Bild offenbart das Potenzial von Bildern als vielschichtiges, multimodales „semiotic tool“. Ihre Arbeit verstehen sie zugleich als methodologischen Beitrag für die Untersuchung eines multimodal ausgerichteten informationellen Handelns:

„Our study shows that in order to understand and question multimodal aspects of information activities, methods that make multimodal analyses possible must be employed.”

VIII Das verworfene Wissen

Schließlich befassen sich Gary P. Radford, Marie Louise Radford und Jessica Lingel mit der, wenn man so will, Bibliothek der ausgesonderten Bücher bzw. „libraries-which-are-not-libraries“. In Anknüpfung an Michel Foucault hinterfragen sie die Rolle der Bibliothek als institutionalisierte Autorität der Wissensverwaltung, die darüber entscheidet, was des Bewahrens wert ist und was deakzessioniert und also aus dem Bestand entfernt wird.

Mit diesen Repräsentanten des ausgeschlossenen Wissens werden zwei alternative Bibliotheksräume konkret gefüllt: die Reanimation Library in Brooklyn sowie die Public Library of American Public Library Deaccession von Julia Weist and Mayaan Pearl. (vgl. zu Julia Weist auch diesen Beitrag im LIBREAS-Weblog) Der Aufsatz der AutorInnen erörtet nun die kulturphilosophische Dimension dieser alternativen Bibliotheksräume:

„The Reanimation Library and the Public Library of American Public Library Deaccession take advantage of this process both figuratively and literally. In doing so, they effectively construct a bridge between disuse (discarded) and use (discovered), conventional (trash), and alternative (treasure), theoretical (as discourse formation) and practice (as a site of artistic creation).”

Das faszinierende Element dieser Auseinandersetzung liegt darin, wie sich aus einer einzigen Gemeinsamkeit heraus begründete Klasse (ausgesondert) ein Bestand ergibt, der möglicherweise Aussagen über die Lücken im Diskurs zulässt. Vielleicht kann man auf diese Weise mittels negativer Abzeichnung irgendwann wirklich semiotische Verfahren entwickeln. In jedem Fall entsteht damit ein ganz besonders, halb arbiträres Verzeichnis der Inhalte, die buchstäblich keinen Bestand haben sollen:

„The libraries described here find and demonstrate connections among deaccessioned books that the conventional library is unable to foresee or capture in its catalogs.”

IX Die endlose Wiederbelebarkeit des Wissens

In dem sie für die Makulatur vorgesehenen physischen Exemplare in neuer Form und neuem Kontext bewahren, unterlaufen die alternativen Bibliotheken nebenbei sogar in der physischen Welt die von Stanley Fish betonte Vergänglichkeit der Diskurse:

„To be mortal is to be capable of dying (as opposed to going on and on and on), and therefore of having a beginning, middle and end, which is what sentences, narratives and arguments have: you start here and end there with the completed thought or story or conclusion (quod erat demonstrandum).”

Nun könnte man im Sinne einer enhanced Discourse Research die Daten der deakquirierten Bestände auf eine Karte der aussondernden Bibliotheken sowie einen Zeitstrahl mappen und damit ein sehr differenziertes Bild des ausschließenden Umgangs mit Diskurselementen (Themen, Inhalten, Autoren, etc.) in Zeit und Raum gewinnen. Dieses Wissen sichtbar zu machen, käme einer Reanimation gleich. Digitale Inhalte ließen sich also nach Bedarf wiederbeleben.

Denkt man an dieser Stelle weiter, tritt in der Tat die theologische Dimension digitaler Geisteswissenschaften und das von Stanley Fish angedeutete Transzendieren der Sterblichkeit im Digitalen deutlich hervor. Das Rückkanalkabel fungiert hier auch als Rückreiseticket für den digitalen Styx – wenn denn auf der anderen Seite jemand ruft. Der Tod – wenigstens des Inhalts, wenn schon nicht des Autors – wird auf einmal reversibel.

Allerdings brauchen wir dafür auch die Reanimateure. Womit wir zurück zu Norbert Lossau gelangen, der heute Abend deren, wenn man so will, qualifikatorisch notwendige Dreifaltigkeit beschrieb: Sie müssen, um im Bild zu bleiben, (a) die Toten gut kennen, (b) das Boot zu navigieren vermögen und (c) wissen, wohin welche Strömung führt.

X Quellen:

Liz Brewster, Barbara Sen, Andrew Cox, (2012) Legitimising bibliotherapy: evidence-based discourses in healthcare. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Michelle Caswell, (2012) Using Classification to Convict the Khmer Rouge. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Michael Buckland (2012) Obsolescence in Subject Description. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Stanley Fish (2012) The Digital Humanities and the Transcending of Mortality. In: Opinionator. New York Times, 09.01.2012

Ben Kaden (2011) Referenz, Netzwerk und Regelkreis. In: Information – Wissenschaft & Praxis. 62 (8), S. 343-350

Norbert Lossau (2012) eResearch und neue Forschungsinfrastrukturen: wie das Internet wissenschaftliche Bibliotheken verändert. Vortrag gehalten im BBK am 10.01.2012, Berlin. Abstract

Anna Lundh, Mikael Alexandersson, (2012) Collecting and Compiling: The Activity of Seeking Pictures in Primary School. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Thomas Muggleton, Ian Ruthven, (2012) Homelessness and access to the informational mainstream. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Gary Paul Radford, Marie Louise Radford, Jessica Lingel, (2012) Alternative Libraries as Discursive Formations: Reclaiming the Voice of the Deaccessioned Book. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Louise Spiteri, (2012) Social discovery tools: Extending the principle of user convenience. In: Journal of Documentation, 68 (2) (EarlyCite)

Per Ubicomp zum Rubikon? Dietmar Daths schießpulverne Zukunft des Internet aus dem Jahr 2002.

Veröffentlicht in LIBREAS.Feuilleton von Ben am 8. Januar 2012

Ein Kommentar von Ben Kaden

Eines der drängenden Probleme unserer digitalen Tage ist die Abschätzung von Zeitlichkeit. Eine Rückschau in Publikationszeitschriften, die auf den Beginn dieses Jahrtausends datieren und in denen sich Werbung für Mobilfunkgeräte findet, die aus heutiger Sicht ungeschlachten Kommunikationsriegeln mit wuchtigen Tasten unübertreffliche Eleganz zusprechen, zeigt, wie weit die Sprünge der designtechnologischen Evolution eigentlich reichen. Die urförmigen Koffertelefone der 1990er liegen da bereits jenseits jeglichen Horizonts.

Technik altert, das ist ihre Natur, schnell und je technischer wir uns unsere Lebenswelt gestalten, desto mehr sind wir gezwungen, uns mit einem Bein in der Gegenwärtigkeit und  mit einem halben in der gegenwärtigen Zukunft aufzuhalten. Das andere halbe Bein lässt sich dann vielleicht noch für den biografischen Gang in die Identitätsentwicklung sowohl individuell wie auch gesellschaftlich irgendwo ins Vergangene stellen. Es fragt sich allerdings, ob wir uns dafür überhaupt noch begeistern, wenn die Archive einmal alle durchdigitalisiert sind. Die Auseinandersetzung mit Vergangenheit findet derzeit vielleicht nicht immer, aber doch in den Kontexten die uns hier berühren weitgehend, in Form der technischen Integration in die gegenwärtigen Möglichkeiten der Dematerialisierung statt.

Gestern eröffnete nun Constanze Kurz ihre Kolumne Aus dem Maschinenraum zum „Rubikon der Sprachgewalt“ bzw. Worterkennungsalgorithmen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (S. 34) mit der flockenden Formulierung: „Vor einer kleinen digitalen Ewigkeit, Ende 2002, …“ Wir feiern also heuer 10 Jahre T9 (Text on 9 Keys), ein Verfahren, welches so selbstverständlich ist, dass nicht nur die aktuellen Erstsemesterstudierenden damit permanent vorlesungsbegleitend operieren, ohne zumeist überhaupt die Bezeichnung zu kennen.

Vor fast genau 10 Jahren, in der ersten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung des Jahres 2002 eröffnete das Feuilleton des Blattes, in dem man an den kuriosen Preisangaben zu den besprochenen Büchern die Währungsumstellung ablesen kann, mit einem Zweispalter unter der Überschrift: „Nach dem Internet“. Geschrieben wurde er mutmaßlich noch im letzten D-Mark-Jahr vom Kulturvisionär Dietmar Dath. Ausgabe vom 02.01.2002, S. 39) (weiterlesen…)

User Generated Metadata als Werbeeffekt?

Veröffentlicht in LIBREAS.Referate, Sonstiges von Karsten Schuldt am 6. Januar 2012

Von Karsten Schuldt

[Zu: (Preprint) Hercher, Johannes; Ruhl, Marcel & Sack, Harald (2012) / Quo vadis nutzergenerierte Metadaten?. – In: Social Media and Web Science, 2. DGI Konferenz, 64. Jahrestagung der DGI, Düsseldorf, 22.-23. März 2012, Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis, Frankfurt, (2012, forthcoming). – http://www.hpi.uni-potsdam.de/fileadmin/hpi/FG_ITS/Semantic-Technologies/paper/Hercher2012.pdf]

Dies ist keine Rezension, sondern eher die Darstellung einer massiven Irritation.

Auf den Text von Hercher, Ruhl und Sack über ihre Umfrage zum Einsatz von Nutzerinnen- und Nutzergenerierten Metadaten wurde in den letzten Tagen relativ oft hingewiesen. Über diesen sollten wir vielleicht aber einmal reden und ihn nicht nur verbreiten. So grundsätzlich positiv, wie die Ergebnisse des Textes dargestellt werden, sind sie meines Erachtens nicht.

Hercher, Ruhl und Sack führten eine Online-Umfrage bei Bibliotheken, Archiven und Museen durch, bei der sie den Umgang dieser Einrichtungen mit user generated metadata erfragten. Der Text sollte über diese Umfrage berichten. 51 Einrichtungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nahmen an der Umfrage vollständig teil. Da es keine Ausgabe dazu gibt, wie viele Einrichtungen überhaupt von Nutzerinnen und Nutzern generierte Daten benutzen, ist nicht klar, wie repräsentativ diese Teilnahme war. Allerdings geben die Autoren selber an, dass die Umfrage 1.341-mal aufgerufen wurde. Dies bedeutet eine erstaunlich hohe Zahl (96,2%) von Abbrüchen, welche weit über Werten anderer Umfragen liegt und die von den Autoren nur mit relativ zweifelhaften Argumenten abgetan werden. Sicherlich kann, wie die Autoren argumentieren, ein Teil der Interessierten die Umfrage abgebrochen haben, weil die Software nicht funktionierte oder weil sie in ihrer Institution nicht in der Position waren, die Fragen zu beantworten. Aber das erklärt eine solche Abbruchrate nicht. Vielmehr hätten sich Hercher, Ruhl und Sack die Frage stellen müssen, was diese rabiate Selbstselektion der Teilnehmenden über das Thema der Umfrage oder die Umfrage selber aussagt. Eventuell wurde die Umfrage von Interessierten nicht als sinnvoll erachtet, eventuell gab es auch massive Probleme mit den konkreten Fragestellungen.1

So oder so muss man bei den gesammelten Daten davon ausgehen, dass diese das Ergebnis einer extremen Selbstselektion darstellen. Hier haben mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nur noch die Individuen oder Einrichtungen geantwortet, die selber ein äußerst starkes Interesse am Thema haben. Es sagt etwas über die Wertigkeit des Themas aus, wenn gerade einmal 51 Einrichtungen aus drei Staaten etwas zu ihm zu sagen haben. Es scheint – im Gegensatz zu den Aussagen der Autoren –, dass sich nur wenige Bibliotheken, Archive und Museen überhaupt für user generated metadata interessieren. Dem steht eine relative breite Thematisierung in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft gegenüber. Für diesen Diskurs könnte die Umfrage ein Realitätscheck sein, denn selbstverständlich ist es von Interesse, wenn die Einrichtungen, über die Diskurse geführt werden, diese Diskurse mehrheitlich ignorieren oder von ihnen nicht erreichen werden.

Stattdessen nutzen die Autoren ihre Daten, als wäre sie repräsentativ, was sie nicht sind. Weitere Kritik ist anzubringen. Die Autoren ignorieren die wichtige Frage, wie stark die von Ihnen gesammelten Antworten sozial erwünscht sind. Dies ist allerdings bei Ihren Daten keine unwichtige Frage, kann man diese doch grob wie folgt zusammenfassen: Alle sind irgendwie dafür, die von Nutzerinnen- und Nutzern generierten Daten zu benutzen, aber vor allem wird ihnen einen Bedeutung bei der Bindung von Nutzerinnen und Nutzern zugeschrieben. Sozial erwünscht ist letztere Antwort gewiss nicht, zumindest nicht, wenn man sie etwas weiter denkt und „Bindung“ als Werbung und Werbemassnahme übersetzt. Erwünscht hingegen sind Antworten, die Kommentaren, Hinweisen von Nutzerinnen und Nutzern und weiterem eine Bedeutung zumessen – wir leben nun mal in Zeiten, in welchen das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern erwünscht ist (das sind fraglos nicht die schlechtesten Zeiten und Ziele). Bedenkt man dies alles, wertet die Abgabe sozial erwünschter Antworten als nicht so wichtig, die Abgabe sozial unerwünschter Antworten hingegen als wichtiger, dann sind die Ergebnisse von Hercher, Ruhl und Sack noch erstaunlicher. Offenbar wird von den wenigen Einrichtungen, die sich für das Thema user generated metadata interessieren, in ihnen vor allem ein Werbeeffekt gesehen. Ist das statthaft? Was sagt das aus?

Vielleicht ist das eine negative Wertung der Ergebnisse, aber sie erscheint nicht weiter hergeholt, als die von den Autoren vorgelegte. Diese weisen selber darauf hin, dass die antwortenden Einrichtungen – trotz aller Selbstselektion – eher enttäuscht von den Daten, die von den Nutzerinnen und Nutzern geliefert wurden, seien. Hier wäre ein Ansatz für weitere Forschungen, nämlich darüber nachzudenken, was genau die Bibliotheken, Archive und Museen eigentlich erwarten und welche Daten Nutzerinnen und Nutzer eigentlich erstellen sollten. Auch hier hätten die Daten der Umfrage eher dazu genutzt werden können, darüber nachzudenken, wie weit der Diskurs über die Daten und ihre Nutzungsmöglichkeiten von der tatsächlichen Nutzung in den Einrichtungen entfernt ist und warum.

Im letzten Teil ihrer Arbeit versuchen die Autoren dann aufgrund einer Literaturrecherche Barrieren bei der Verwendung von user generated metadata zu identifizieren. Das allerdings ist inhaltlich eher ein zweiter Artikel und es ist nicht so richtig klar, warum die Autoren diesen Teil mit den Daten zusammen publizierten. Aber auch so ist der Abschnitt erstaunlich: Die Autoren gehen explizit davon aus, „dass sich Nutzer unaufgefordert beteiligen, sofern die Barrieren dazu nicht zu hoch sind.“ (Hercher, Ruhl & Sack, 2011, S. 11) Dies wird zwar konsequent durchgeführt, aber es ist doch ein absonderliches Menschenbild: Die Nutzerinnen und Nutzer würden quasi darauf warten, sich an der Arbeit von Bibliotheken, Archiven und Museen zu beteiligen, nur würden sie zur Zeit davon abgehalten werden. Diese Vorstellung widerspricht nicht nur den Forschungen zum menschlichen Verhalten in so unterschiedlichen Feldern wie der Politik- und Sozialwissenschaft – insbesondere der Engagementforschung –, der Psychologie oder auch der Werbeindustrie; sondern selbstverständlich auch allen Alltagserfahrungen. Menschen engagieren sich, wenn sie sich engagieren wollen und dazu angehalten werden. Sicherlich gibt es Barrieren, die sie dann auch noch davon abhalten können, dass zu tun. Wenn, dann wäre es sinnvoll gewesen, nach einer Förderung des Engagements zu fragen. Die Möglichkeit zum Engagement – beziehungsweise der Lieferung von Daten – zu schaffen ist zwar eine Voraussetzung, aber das alleine wird keine neuen Daten hervorbringen.

Der Text ließt sich, als hätten die Autoren unter dem Druck gestanden, ihre Daten publizieren zu müssen, egal was die Ergebnisse sind. Dieses Problem ist bekannt und ein Ergebnis von bestimmten Strukturen der Forschungsförderung, von Deadlines und der bekannten Arbeitsüberlastung. Insoweit sollte das den Autoren nicht vorgeworfen werden. Dennoch wirkt es sich bei diesem Text eher negativ aus. Die von ihnen durchgeführte Umfrage hat Daten hervorgebracht, die weiter tiefer und anders hätten diskutiert werden müssten, als sie es tun. Dazu hätten sie ihre – ehedem nicht hergeleitete – These aufgeben und andere Fragen stellen müssen. Aber vielleicht kann dies im Nachhinein geschehen.

Diese Fragen wären meines Erachtens:

  • Gibt es (aktuell) überhaupt ein tatsächliches Interesse in Bibliotheken, Archiven und Museen zur Nutzung von Daten und Metadaten, die von Nutzerinnen und Nutzern erstellt wurden? Immerhin gibt es einen gewissen Diskurs über diese Möglichkeit. Oder gibt es nur eine sehr kleine Anzahl von Einrichtungen, die sich dafür interessieren? Wenn ja, warum?
  • Welche Vorstellungen und Wünsche haben die Einrichtungen, die sich auf diese Daten einlassen, überhaupt, wenn sie von den gelieferten Daten eher enttäuscht sind?
  • Haben die Einrichtungen überhaupt einen Workflow, um mit user generated metadata umzugehen? In der Umfrage wurde abgefragt, ob sie die Daten wichtig finden, aber nicht, ob sie sich auf diese überhaupt einlassen.
  • Haben die Einrichtungen überhaupt Vorstellungen davon, wie sie die Daten außer zu Werbezwecken einsetzen wollen? „Benötigen“ sie überhaupt Daten?
  • Was sagt der Riss zwischen den Diskurs über die Möglichkeiten dieser Daten und das eher geringe tatsächliche Interesse aus?

Ich weiß, eigentlich sollten Texte positiver besprochen werden. Aber dieser ließ mich eher erstaunt zurück und ich wollte dieses Erstaunen teilen. Vielleicht bin ich aber auch nur wieder der mit den zu großen Ansprüchen.

1Zu hinterfragen ist zumindest die Methodik, die Beantwortung der Fragen durch Individuen zuzulassen, aber diese für eine Einrichtung sprechen zu lassen.

Das Jahr 2012 bei LIBREAS und in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Zu einem guten Start und einem Abgrenzungsproblem.

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Referate von Ben am 6. Januar 2012

(mit Anmerkungen zu: Erjia Yan, Ying Ding, Staša Milojević, Cassidy R. Sugimoto (2012) Topics in dynamic research communities: An exploratory study for the field of information retrieval. In: Journal of Informetrics. Volume 6, Issue 1, January 2012, S. 140-153   DOI: 10.1016/j.joi.2011.10.001)

von Ben Kaden

Die erste Arbeitswoche des Jahres 2o12 lässt sich für LIBREAS durchaus als erfolgreich bezeichnen, denn soviele Zugriffe gab es selten und ebenso rar waren hier bisher fachliche Diskussionen wie diese. Die schlagwortartige Sichtung internationaler Zeitschriftenliteratur zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft, ursprünglich als Tischbereinigung angesetzt, erfreut sich einer durchaus regen Aufmerksamkeit bis ins Ausland, was für uns als LIBREAS-Redaktion ein unfehlbares Zeichen ist, dass der Bedarf für Synopsen der Aktivitäten des eigenen Fachs besteht. Nun bleiben nicht nur bei der Weihnachtserhebung zahlreiche Fragen offen, die allesamt Stoff für mittlere Abschlussarbeiten hergeben könnten.

Klaus Graf bemerkte zum Beispiel „es wäre schon interessant zu wissen, welcher Anteil einer an Wichtigkeit orientierten Auswahl aus diesem Literatursegment OA ist“ und hat damit weitgehend recht. Einzig der Punkt der Orientierung auf die Wichtigkeit ist im Einwurf überstrapaziert, denn dieses Kriterium kann ich mir nicht als Leitlinie anmaßen. Es steckt tatsächlich mehr Zufälligkeit und persönliche Vorliebe hinter der Auswahl.

Zweifellos ist aber richtig, dass man eine Themenclusterung mit dem Anspruch, über ein silvesterabendliches Stimmungsbild zur Informationswissenschaft hinauszureichen, auf Kriterien der Wichtigkeit aufsetzen sollte. Die sind freilich noch zu definieren. Aussagen zur Zitationshäufigkeit der Zeitschriftenaufsätze eines Jahres sind beispielsweise derart zeitnah kaum möglich, da sich die zitierenden Publikationstexte mitunter selbst noch im Pre-Publishing befinden. Oder – hier liegt der Anschluss zum Open Access-Thema – man sichtet Volltexte auf Pre-Print-Servern antizipierend. Dort spielt aber wiederum das konkrete Publikationsverhalten hinein: Nicht jeder Aufsatz in unserer Disziplin wird in dieser Form vorveröffentlicht. (weiterlesen…)

Noch wenige Stunden mit TwapperKeeper!

Veröffentlicht in LIBREAS.Scheitern, LIBREAS.Visualisierung von libreas am 4. Januar 2012

Ungeachtet der Frage nach dem Wert von Twitter für die Bemessung wissenschaftlicher Kommunikationen (vgl.  Die Buzzermeter. Warum die Tweetmetrics den Menschen stärker in den Blick nehmen sollten) wird am 6. Januar mit TwapperKeeper ein Online-Archiv vom Netz genommen, das der Debatte eine wichtige, non-propritäre Quelle für zukünftige Twitter-Studien hätte bieten können.

Wie kann ich meine Archive sichern?

Wir haben hier bereits früh einen Weg dargelegt, wie sich Archive leicht anhand eines Hash-Tags aus TwapperKeeper heraus sichern lassen, was in viele Verbesserungen und Alternativen mündete:

Dank dieser weitaus offeneren und elaborierteren Arbeiten ist es in den nächsten Stunden noch möglich, persönlich, organisatorisch oder für die Begleitforschung bedeutsame Archive  zu sichern.

Was uns fehlen wird?

Am Beispiel der Twitter-Kommunikation während der Bibliothekartage der Jahre 2010 (#bibtag10) und 2011 (#bibtag11) wird deutlich, welches Potential TwapperKeeper etwa für längerfristige Untersuchungen der (bibliothekarischen) Konferenzkommunikation über Twitter hätte spielen können. Die folgende Skizze soll einen Einstieg in die Fragestellung bieten, wer wen im Rahmen der Bibliothekartage 2010 und 2011 erwähnt bzw. referenziert und wer sich überhaupt an der Kommunikation beteiligt hat.

Kommunikationsnetzwerk während #bibtag10 und #bibtag11 zwischen "Konferenzteilnehmern".

Zum Zoomen als pdf

Alternativen zu TwapperKeeper?!

(weiterlesen…)

Abnahmefreie Industrieforschung. Jürgen Kaube über Mark Bauerleins Geisteswissenschaftsberechnung.

Veröffentlicht in LIBREAS.Referate von Ben am 3. Januar 2012

Ein Kommentar von Ben Kaden

Wenn man schon einmal offen für ein Thema ist, dann holt es einen auch beständig ein. Diese Grundeinsicht des Alltags bewahrheitet sich derzeit im Anschluss an eine etwas nebenbei dahingeschriebene Kennzahl zu Lese- und Publikationsaktivität von Wissenschaftlern, die Walther Umstätter freundlicherweise gestern in einem Kommentar korrigierte:

„B. Kaden hat gut daran getan, die „klassische Kennzahl“ mit dem Einschub „hoffentlich richtig“ zu versehen, denn worauf er sich bezieht ist: „Wissenschaftler überfliegen jährlich größenordnungsmäßig Zehntausend Publikationen, sie lesen davon etwa hundert, und falsifizieren beziehungsweise verbessern eine, über die sie selbst veröffentlichen.“ (Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum, S. 286).“

Nun liegt die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Mittwoch auf dem Schreibtisch und in dieser findet sich im Wissenschaftsteil eine Zusammenstellung Jürgen Kaubes zu Mark Bauerleins Erhebung (bzw. ausführlicher als PDF) zum Rezeptions- und Publikationsverhalten in der Literaturwissenschaft. (Kaube 2012) Die Grunderkenntnis: In der Literaturwissenschaft wird viel zu viel geschrieben und viel zu wenig gelesen. Was auch volkswirtschaftlich zum Problem wird. Denn Mark Bauerlein ermittelte: (weiterlesen…)

Cybersemiotik in Aktion: Michael Buckland verortet die Informationswissenschaft konsequent im Sozialen.

Veröffentlicht in LIBREAS.Referate von Ben am 2. Januar 2012

(zu: Michael Buckland (2012) What Kind of Science Can Information Science Be? In: Journal of the American Society for Information Science and Technology, Volume 63, Issue 1. S. 1-7.  DOI: 10.1002/asi.21656.)

Ben Kaden

Auch bei der jüngsten Diskussion über die Stärkung bibliotheks- und informationswissenschaftlicher Forschung, die ich mit Hans-Christoph Hobohm in dessen Weblog LIS in Potsdam im Anschluss an einige Aussagen eines Beitrags von Andreas Degwitz im Tagesspiegel führe, balancieren wir wieder am Rand der klassischen Leerstelle der eigentlichen Essenz unserer Disziplin. Andreas Degwitz umreisst das Forschungsprogramm in folgender Weise:

„Wir brauchen eine umfassende Diskussion. Wir brauchen Forschung zu den noch immer offenen Fragen, ob und, wenn ja, in welcher Weise das Internet Wissen schafft. Der Ansatz einer Antwort mag vielleicht in der Vermutung liegen, dass das Internet zu vernetzter Erkenntnis führt, die am Stamm unserer Ökosysteme reift.“

Als Bibliotheksdirektor des Berliner Grimm-Zentrums weiß Andreas Degwitz natürlich um das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft einen Straßenzug weiter und wenn man möchte, kann man seinen Artikel als Plädoyer für das Fach lesen. Hans-Christoph Hobohm tut dies auch – weniger vielleicht mit Berlin als mit Potsdam im Hinterkopf – sieht die Disziplin aber ziemlich gefährdet. Ich realisiere manche Schwierigkeiten ebenfalls, denke jedoch, dass es weniger die Großförderung ist, an der es uns mangelt, sondern wenigstens zum Teil auch einfach die generell nach wie vor eher geringe Sichtbarkeit der Bibliotheks- und Informationswissenschaft (angesichts ihrer eigentlichen Möglichkeiten bei der Analyse digitaler Kommunikationsräume). Sobald mein jüngster Kommentar in der LIS-in-Potsdam freigeschaltet ist, wird man dort die Aussage lesen:

„Zudem kann man auch ohne große Forschungsförderung immerhin die Methode der Review, also der kritischen Beobachtung des Geschehens pflegen. “

Wobei ich mit Review mehr als die Sichtung von Literatur meine. Review bezieht sich für mich auf die Sichtung aller Diskurse und vielleicht auch darüber hinaus aller Kommunikationen, mit denen wir Kultur strukturieren. Ich würde dennoch zunächst den Schwerpunkt auf die Diskurse als Formen geregelten Kommunikationsvollzugs legen, da man sich sonst schnell in einer Unendlichkeit von Kulturprozessen verliert.

Michael Buckland liefert nun in der aktuellen Ausgabe (Januar 2012) von JASIST im ersten Beitrag des Jahrgangs einige Argumente, an die sich sowohl Andreas Degwitz’ wie auch meine Vorstellungen recht gut anschließen lassen. In What Kind of Science Can Information Science Be? erläutert er nicht, was wir uns als Informationswissenschaft wünschen oder was uns die Informationswissenschaft derzeit ist, sondern, welche Möglichkeiten sie seiner Meinung nach hat, wenn man ihre Kernbestandteile konsequent betrachtet.

Dabei zeigt sich für Michael Buckland (im Anschluss an die Cybersemiotik Søren Briers), dass informationstechnische und informationstheoretische Ansätze für die Disziplin unzureichend bzw. unzutreffend sind, wenn es darum geht, den Menschen und sein konkretes informationelles Handeln bzw. Informationsverhalten in den Blick zu nehmen:

„This approach is based on Wiener’s Cybernetics, Shannon-Weaver information theory, logic, set theory, and computation. It is inadequate because it fails to accommodate the cultural realities of knowing and communicating, the phenomenological complexity of perception and understanding, or the interaction of the social and the personal. The result is a general confusion among many alternative meanings of the word “information” and an approach to  information behavior that is inhospitable to both communication and learning.“

Folgerichtig arbeitet Michael Buckland eine prinzipiell kulturwissenschaftlich zu nennende Perspektive heraus. Die „knowledge free-zones“ von Informatik, den physikalischen Aspekten der Information (Entropie, etc.) sowie der Informationstechnologie trennt er davon ab. Denn es kann in einer auf konkrete lebensweltliche Phänomene bezogenen Informationswissenschaft nicht – wie beispielsweise in der analytischen Philosophie – um Wissen im Sinne von Wahrheit gehen. Sondern in Bezug auf die alltägliche informationalle Praxis des Menschen nur um Wissen als funktionierendes Provisorium bzw. kulturelles Phänomen:

„Enabling people to become better informed (learning, becoming more knowledgeable) is, or should be, the central concern of information studies and information services are, in practice, more directly concerned with knowing about than with knowing how or knowing that.“

Weder Fakten noch logisch präzise Kausallinien sind demnach er Gegenstand des Faches, sondern die Best-Practice und vielleicht noch alternative Praxen. Die Second-Hand-Knowledge, die uns handlungsfähig macht, besteht aus dem Wissen, was in Dokumenten gebunden, also codiert vorliegt. Und hinter so gut wie jedem Dokument steht eine Intention, ein Interesse von Autoren bzw. Herausgebern und mitunter auch Vermittlern. Die Notwendigkeit der Auswahl aus dem beständigen Strom von Dokument gewordenen Kommunikationsvorschlägen (=Botschaften) lässt uns ohnehin mit weitgehend im mutmaßlichen, ausschnitthaften und fragmentierten Perspektiven zurück. (Michael Buckland spricht von einer „document-pervaded society“.) Eingehegte Bereiche der Wissenschaftskommunikation haben es dabei noch vergleichsweise leicht. (sh. dazu auch hier) Öffnet man den Bezugsrahmen hin zu einer allgemeinen Öffentlichkeit – die Digitalisierung und nicht zuletzt die Open-Access-Ansätze forcieren diese Entwicklung – verschärft sich das Problem.

Michael Buckland folgt seinem kulturpragmatischen Ansatz sehr konsequent und weist auch das vermeintlich stabile Fundament der Bibliometrie in schwankende Schranken:

„Both bibliometrics and information retrieval bring methods developed in and for formal (logical, well-defined)  environments and use them on objects and in environments that are not formal, logical, or well-defined. This yields useful results but also necessarily compromised, incongruous processes.“

Nützlich? Ja. Aber mit beschränkter Geltung. Somit entfernt Michael Buckland die Informationswissenschaft von Tendenzen, sie den formalen bzw. Naturwissenschaften zuzuschlagen. Der Autor erkennt natürlich, dass er Teilen der etablierten Informationswissenschaft damit widerspricht, argumentiert aber, dass das Problem die Methodologie bestimmen sollte und nicht umgekehrt.

Man könnte dem allerdings entgegenhalten, dass bestimmte Probleme erst durch bestimmte Verfahren überhaupt erkennbar und bestimmbar werden. Das Problem existiert für eine Wissenschaft deshalb in einer bestimmten Form, weil Erkenntnisverfahren und Terminologie es in dieser Form beschreibbar machen. Diesen dispositivtheoretischen Schritt vermisst man ein wenig im Aufsatz, obschon er implizit in den Relationen zwischen den Phänomenen, die Michael Buckland zum Abschluss des Textes aufzählt, selbstverständlich enthalten ist. Nicht ganz unproblematisch ist an seiner Argumentation allerdings der Begründungsbezug immerhin der Informationswissenschaft auf das Phänomen des Wissens. Natürlich: Information ist – übrigens in Kombination mit Rauschen und Redundanz – die Vermittlungsform von Wissen. Aber im Prinzip steht seine Konzeption einer angewandten Wissenssoziologie bzw. -anthropologie deutlich näher, als dem, was tatsächlich im 20. Jahrhundert unter der Bezeichnung Informationswissenschaft herausgearbeitet wurde. Diese Tradition wird man nicht einfach zur Informatik und vielleicht in Bereiche der Physik auslagern können, um im Anschluss das Gefäß „Informationswissenschaft“ anders zu befüllen. Insofern kann man sich angesichts der bei Michael Buckland entworfenen Ausrichtung des Fachs fragen, ob die Bezeichnung überhaupt noch angemessen ist oder ob er nicht eine neuartige Disziplin, die sich aus der Informationswissenschaft entwickeln kann, beschreibt. Oder ob wenigstens angesichts der Konzentration auf mit Dokumenten vermittelte Kommunikationen nicht (Bibliotheks- und) Kommunikationswissenschaft oder gar Wissenswissenschaft stimmiger wären. Aus meiner Sicht, die viele im Aufsatz enthaltene Elemente mit nicht geringem Wohlwollen betrachtet, bewegen wir uns auf dieser Entwicklungslinie des Faches ohnehin geradewegs auf einen Bereich zu, der bereits eine andere, sehr treffende Bezeichnung besitzt: die Kultursemiotik.

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