LIBREAS.Library Ideas

Kryptomnesie, schweig. Über das Phänomen des unbewussten Plagiats.

Veröffentlicht in LIBREAS.Feuilleton von Ben am 12. Juni 2013

Eine Reflektion zu Oliver Sacks (2013) Erinnerung, sprich. In: Sinn und Form. 3/2013, S. 341-350

von Ben Kaden / @bkaden

„The present work is a systematically correlated assemblage of personal collections…“ (Vladimir Nabokov (1947 / 1989) Speak, Memory: an autobiography revisited. New York: Vintage Books.)

Der Literaturzeitschrift Sinn und Form verdanke ich, den von mir im Februar übersehenen (oder vergessenen) Beitrag des Neurologen Oliver Sacks in der New York Review of Books doch noch gelesen zu haben. Denn sie druckt ihn in ihrer aktuellen Ausgabe in Übersetzung und noch schönerem Satz (dafür ohne Fußnoten) ab. Oliver Sacks schreibt prinzipiell über das Vergessen, über die Lücken in der Erinnerung sowie das zugleich plötzliche Auftauchen verschüttet geglaubter Bilder und allein schon um sich mit der lebhaften Erfahrung dieser Phänomene nicht allein zu fühlen, lohnt die Lektüre.

Ich weise auf den Artikel hier jedoch noch aus einem anderen Grund hin. Er stellt nämlich einen sehr sinnvollen Beitrag zur derzeit etwas abgeflauten Plagiatsdebatte dar, die unlängst dank einer Verkettung mit hohen politischen Akteuren nicht nur in der Bundesrepublik über die Dauer von vielleicht zwei Jahren sogar titelseitentauglich war.

Unbestritten stellt ein vorsätzliches Plagiat sowohl auf dem Markt der Kulturproduktion wie auch in der Wissenschaft einen gravierenden Verstoß gegen eine ganze Reihe impliziter und expliziter Regeln dar. Gerade im wissenschaftlichen Betrieb führt ein Plagiat gemeinhin ähnlich wie die Fälschung fast unabwendbar zum Ausstoß aus der Diskursgemeinschaft.

Streiten kann bzw. sollte man allerdings über das Phänomen der Kryptomnesie, also, so Oliver Sacks, des „unbewussten Plagiat[s]“, bei dem das Wissen darum fehlt, dass sich bestimmte konkrete Gedanken, Ideen oder eine Formulierung nur so anfühlen, als stammten sie von einem selbst. Eigentlich jedoch, so das Prinzip wie ich es verstehe, wurden sie bei einer Lektüre oder einem Gespräch vom Gehirn, das eben nicht karteihaft präzise verbuchend arbeitet, ohne ausdrückliche Urheberangabe in irgendeinen Frontallappen gewickelt und warten nun dort so lange, bis sie durch einen assoziativen Querschläger erweckt plötzlich dienstbeflissen im Denkraum stehen, als hätten sie gerade erst jetzt und endlich ihre Formation gefunden. Wer meint, ihm wäre dies noch nie passiert, sollte mal in den Büchern und Exzerptmappen seiner Jugend blättern und wenn er keine hat, einfach bewertende Aussagen zum Thema meiden.

Oliver Sacks jedenfalls kann gut mitreden, denn:

„Wenn ich meine alten Notizbücher durchschaue, stelle ich fest, daß viele der dort skizzierten Gedanken jahrelang vergessen blieben, um später wiederbelebt und neu bearbeitet werden.“

Worin auch die Wurzel der höchst kuriosen Erfindung des Eigenplagiats liegt.

Ich vermag nicht zu bewerten, wo die Grenze des systematisch überschaubaren Schaffens liegt, aber es erscheint aus eigener Erfahrung äußerst nachvollziehbar, dass man im Leben nach einer gewissen Menge an verfassten Texten nicht mehr ganz genau weiß, welche Formulierung man wo eventuell bereits gesetzt und welche Idee man wie schon einmal geäußert hat. Oliver Sachs verweist auf ähnliche Erfahrungen:

„Manchmal führt dieses Vergessen zum Autoplagiarismus und ich ertappe mich dabei, ganze Phrasen und Sätze aus meinen früheren Arbeiten als neu zu präsentieren.“

Meine eigene Schreibpraxis legt mir den Verdacht nah, dass die Schwelle eher niedrig ist. Mit gezielter Volltextsuche könnte man möglicherweise gegenhalten. Mit forcierter Progression im Denken auch. Während ersteres schlicht albern aufwendig erscheint, dürfte das Zweitgenannte aus dieser Motivation heraus auch wenig mehr als eine Schrulle abgeben.

Nun fällt es Viellesern, zumal wenn sie querdenken, mitunter zu, dieselben Phänomene auch mit Äußerungen anderer zu erleben. Und Kindern sowieso. Oliver Sacks schildert den interessanten Fall der taubblinden Schriftstellerin Helen Keller, die erst mit sechs Jahren zur Sprache fand und mit elf eine Geschichte mit dem Namen „The Frost King“ schrieb, die relativ exakt Magaret Canbys bereits zuvor erschienener Geschichte „The Frost Fairies“ entsprach.

Helen Keller sagte aus, dass ihr die Geschichte Magaret Canbys unbekannt sei – vermutlich hatte man sie ihr aber drei Jahre vorher in die Hand buchstabiert. Es kam dann, wie es gemeinhin bei solchen Fällen kommt:

„Die junge Helen wurde einer erbarmungslosen Inquisition ausgesetzt […].“

Wobei sich Magaret Canby menschlicherweise auf die Seite des Mädchens schlug.

Interessant ist dabei, dass anscheinend die Form der Rezeption Auswirkungen darauf hat, wie man sich an etwas Erfahrenes erinnert. Oliver Sacks schreibt:

„Keller selbst sagte, besonders häufig sei es zu solchen Aneignungen gekommen, wenn man ihr Bücher in die Hand buchstabierte, sie die Worte also passiv aufnahm. Manchmal könne sie in solchen Fällen die Quelle nicht identifizieren und sich auch nicht an sie erinnern, nicht einmal daran, ob die Anregung ihr selbst entsprungen oder von außen gekommen sei. Derartige Unklarheiten gab es selten, wenn sie aktiv, unter Verwendung der Blindenschrift las und die Finger übers Blatt bewegte.“

Wer sich bewusst mit Sprache und der sprachlichen Fassung von Ideen auseinandersetzt, weiß, wie schwer bis unmöglich es ist, etwas so zu sagen, wie es noch nie gesagt wurde (Formulierung) und noch viel schwerer, etwas zu in bekannter Form auszusprechen, das noch nie zuvor geäußert war (Idee). Unsere Existenz, besonders die Existenz in der Sprache, ist eine variable Entität, wobei es bei der Kommunikation naturgemäß gerade darauf ankommt, eine gemeinsame Sprache zu finden, um sich verständlich machen zu können. Eine Kernaufgabe schöpferischen Schaffens ist es fraglos, hier immer wieder kleine Verschiebungen zur Ausweitung des Denk- und Wahrnehmbaren zu versuchen. Eine Welt ohne Redundanz wäre nicht nur unmöglich, sondern auch sinnlos.

Was wir also bewerten, ist nicht die Schöpfung des gänzlich Neuen, sondern ein gelungenes Spiel mit der Variabilität. Die einfachste Option ist dabei die Verschiebung des Kontexts. Der berühmte, Karl Valentin zugeschriebene Satz „Es wurde schon alles gesagt – nur noch nicht von jedem.“ ist eine possierliche (und gelungene) Variation dieses. Jedes Individuum ist ein neuer Kontext. Verteidigt Margaret Canby Helen Kellers Variation des Frostkönigs mit den Worten:

„What a wonderfully active and retentive mind that gifted child must have!”

dann adressiert sie exakt die Tatsache, dass es mehr geben muss, als die Ankettung an die Schimäre einer Einzigartigkeit in der Fügung von Wort und Idee. Bei orthodoxen Urheberrechtlern dürfte solch eine Einstellung freilich zu poliertem Entsetzen führen. Und wie gelassen Margaret Canby geblieben wäre, wenn The Frost King nicht von Helen Keller sondern von George MacDonald geschrieben worden wäre, muss hier zum Glück nicht betrachtet werden. Aber der schrieb zur gleichen Zeit bekanntlich mit seinem Bibliotheksmärchen Lilith bereits in einem ganz anderen Universum.

Marc Augé / UdK / 11.06.2013

Ein Teil der Welt von Gestern. Die Publikation dieser kleinen Betrachtung zu Oliver Sacks verzögerte sich ausgerechnet, weil ein Vortrag mit dem Titel “Die Formen des Vergessens” anstand. Marc Augé präsentierte in der Universität der Künste Berlin eine sehr von Literatur  (Stefan Zweig, Michel Leiris, Julien Gracq,  Simone de Beauvoir, Walter Benjamin) geprägte Abhandlung in Anschluss an sein dieser Tage erscheinendes Buch gleichen Namens. Form und Thema lassen sich vielleicht als eine spürbar von Altersmelancholie durchzogene Reflektion über Örtlichkeit und Erinnerung, also der Verortung erfahrener Zeit, beschreiben. Wer sich bereits mit der autofiktionalen Konstruktion des Erinnerns, mit der narrativ strukturierten retrospektiven Identitätsproduktion und der Aufnahme- und -gabe von Tagebüchern und persönlichen Journalen befasste, fühlte sich auf sehr angenehme Weise vor allem an das erinnert, was den Kanon der zentraleuropäischen Auseinandersetzung mit der Frage der Biographie als Spiel im Innersten ganz allgemein zusammenhält. Intellektuell blieb es daher mehr ein Abendspaziergang mit Marc Augé am Ufer der Syrten als eine erinnerungstheoretische Erschütterung. Die in der Ankündigung als ” besonders virulent” bestimmte Frage nach “Vergessen und Erinnern in unserem digitalen Zeitalter” kam leider nur im Nachhaken der Moderation zur Sprache und dabei nicht unbedingt sehr konstruktiv, weil die dazu herangezogenen Prämissen nicht differenziert genug und im Gegenzug im Versuch zu suggestiv waren, um überhaupt einen konstruktiven Halt für diese sicher gut gemeinten Haken bieten zu können. Marc Augé bewältigte aber auch diese Verständnishürde im Diskurs in herzlicher Alterssouveränität und schaffte es fraglos, sich als eine sympathische Lichtgestalt (sh. Abbildung) in die Erinnerung seines Publikums einzuschreiben.

Als Erfahrung bleibt: Je allgemeiner und narrativer die vertextende Auseinandersetzung mit egal welchem Gegenstand der Kultur wird, desto schwieriger ist es, die Abgrenzungs- und Originalitätsverpflichtung sauber umzusetzen, die vermutlich das Hirschhornsalz unserer Innovationskultur darstellt und zugleich nach dem Motto „Wer hat’s erfunden!?“ auch des Verwertungsprinzips, auf dem unsere Gesellschaft nicht minder fußt.

Besonders die Innovationswissenschaften basieren auf dem Me-first-Prinzip mit allen Vorteilen und allen harten Bandagen und schließlich der Erniedrigung, die man empfindet, wenn man nach jahrelanger Forschung kurz vor dem Durchbruch steht, auf eine Konferenz fährt und dann dort die Ergebnisse verkündet hört, zu denen zu gelangen man in den kommenden ein oder zwei Monaten erhoffte.

Die vergessene Referenz kennen allerdings auch weichere Disziplinen und besonders die Übergänge von einer kulturellen Nische in eine andere, wie Oliver Sacks am eigenen Beispiel erläutert. In diesem Fall hatte der Irische Dramatiker Brial Friel ein Stück – Molly Sweeney – verfasst, indem eine früh erblindete und trotzdem ziemlich zufriedene Physiotherapeutin in späteren Jahren, gedrängt von Ehemann und Chirurg, dank eines Eingriffs plötzlich sehen kann und damit all das Glück verliert, was sie vorher empfand.

Shirl Jennings war 51 und seit 48 Jahren ohne Augenlicht, als ihn seine Freundin zu einer Rekonstruktion der Sehfähigkeit drängte. Er konnte zwar sehen, sein Gehirn kam damit aber überhaupt nicht zurecht. Oliver Sacks verarbeitete die Geschichte für den New Yorker in einem Aufsatz, den er, wahrscheinlich an der weit verbreiteten und auch mir bekannten Selektivamnesie leidend, bei der man die Regel vergisst, dass nicht immer eine Wortspielerei erzwungen werden muss, „To See and Not to See“ nannte.

Oliver Sacks entdeckte also plötzlich Teile seines Textes als Formulierungen für die Bühne und

„schrieb an Friel, und er antwortete, er habe meinen Text tatsächlich gelesen und sei davon sehr berührt gewesen, zumal er damals selbst gefürchtet hatte, sein Augenlicht zu verlieren. Über die Wiederherstellung der Sehkraft habe er auch noch viele andere Krankenberichte gelesen. Friel kam zu dem Schluß, er müsse versehentlich einige Phrasen meines Berichts verwendet haben. Dies sei jedoch gänzlich unbewußt geschehen […]“

Der Psychologe, in Kenntnis des kryptomimetisierenden Eigensinns des Gehirns, akzeptierte das bzw. fand es sogar spannend. In der Tat wäre der New Yorker die denkbare unglücklichste Vorlage für ein Plagiat mit Vorsatz. Vergleichbar wäre höchstens noch, den sprechenden Titel eines Memoiren-Bands von Vladimir Nabokov für einen Aufsatz heranzuziehen, in der Hoffnung, es würde niemand merken.

Erinnerung, Sprich folgt zweifellos Eugene Garfields Uncitedness III. (Garfield, Eugene (1973): Uncitedness III. The Importance of Not Being Cited. In :Current Contents, 8 /1973, S.5-6) In gewisser Weise könnte man diese Form des Nicht-Zitierens als eine Art Ehrenplagiat verstehen: Eine Arbeit, eine Formulierung, eine Formgebung ist dann derart in der Kultur verinnerlicht wie der Wortschatz der natürlichen Sprache und damit allgemeiner Grundstock (eine Art Merton’sche Gigantenschulter) für alle darauf folgende Kulturschöpfung.

Das anerkannte Ehrenplagiat setzt zweifellos eine außerordentliche allgemeine Bekanntheit voraus, die – der Natur des Wortes außerordentlich entsprechend – nur sehr wenige erringen. Insofern dürfte es nur auf einen Bruchteil der entsprechend Fälle bedienen. Es kann aber auch, und dann wird es knifflig, eine individuelle Angelegenheit sein.

An Samuel Taylor Coleridge und dessen – ungekennzeichneten – Schelling-Nachschriften und Jean-Paul-Identifikationen zeigt Oliver Sacks auf, dass neben einer hohen inneren Verstörtheit auch eine (so empfundene) extreme ideelle Harmonie als Anlass von Übernahmen wirken kann, bei denen sich der Übernehmende nicht bewusst ist, dass er (sich) gerade übernimmt.

In die selbstnarrative Weltwahrnehmung der betroffenen Individuen werden diese Übernahmen mehr oder weniger als eigene Schöpfungen stimmig eingepasst, weshalb ihnen der Nachweis selbiger vermutlich mehr noch als jede mögliche rechtliche oder sittliche Folge mit der schlagartigen Erkenntnis, dass sie ihrer Erinnerung nicht trauen können, einen gehörigen Schock versetzt.

Eventuell wirkt wenigstens ein Stück weit beruhigend, von der langen Traditionslinie derartiger Referenz-Lapsus zu wissen und dafür könnte man dann Oliver Sacks danken.

Für die Plagiatsjagdgesellschaften und vielleicht auch für die dementsprechend oft kräftig nachgeschärften Prüfungsordnungen an den Hochschulen wird die Angelegenheit, sofern sie die Möglichkeit Kryptomnesie bedingter Übernahmen überhaupt berücksichtigen wollen, schwieriger.

Ob Turnitin, Ephorus, WCopyFind und die anderen Kandidaten vom Marktplatz der Plagiatserkennungsoftware hier präzis differenzieren können, vermag ich nicht zu bewerten. Die Erfahrungen und Erkenntnisse von Oliver Sacks jedenfalls deuten darauf hin, dass es nicht nur um einen Zeichenabgleich gehen kann – der obendrein vergleichsweise leicht zu manipulieren ist – sondern im Zweifelsfall, nämlich dann, wenn es darum geht, dass den Betroffenen Türen zufallen, um einen mit – kein Kalauer zum Fall Helen Keller  – Fingerspitzengefühl zu ergründender Gesamtzusammenhang.

(Berlin, 10.06.2013)

Personen ohne festen Wohnsitz in der Bibliothek des Centre Pompidou

Veröffentlicht in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate von Karsten Schuldt am 10. Juni 2013

Karsten Schuldt

[Zu: Paugam, Serge ; Giorgetti, Camila (2013) / Des pauvres à la bibliothèque : Enquête au Centre Pompidou. – Le lien social. – Paris : Presses Universitaires de France, 2013]

 

In Frankreich, so scheint es, werden interessantere Bücher zum Bibliothekswesen publiziert als im DACh-Raum. Die Studie Des pauvres à la bibliothéque von Paugam und Giorgetti ist nur eines davon. Auf der einen Seite untersuchten die beiden Forschenden eine sehr spezielle Gruppe von Nutzerinnen und Nutzern einer sehr speziellen Bibliothek, nämlich Obdachlose in der Bibliothek des Centre Pompidou in Paris. Diese Bibliothek ist eingelassen in das radikal-demokratische Grundkonzept des Centre, welches wiederum innerhalb einer Metropole – also auch einem Anziehungspunkt für sehr unterschiedliche Personen; die anderswo kaum ein sozial akzeptables Leben führen könnten – verortet ist. Auf der anderen Seite legen die beiden Forschenden etwas, was im deutschsprachigen Raum praktisch vergebens gesucht würde, vor: eine (ethnologische) Untersuchung der Nutzung einen Bibliothek, die auf soziologische Theoriebildung zurückgreift und diese widerum informieren kann.

Dies ist noch nicht einmal beispiellos im französischen Bibliothekswesen. So legten im Jahr 2000 drei Forschende eine ebenso soziologische Untersuchung zur Nutzung der gleichen Bibliothek vor. [Evans, Christophe ; Camus, Agnès ; Cretin, Jean-Michel (2000) / Les habitués : Le microcosme d'une grande bibliothèque. [Paris] : Bibliothèque publique d’information – Centre Georges Pompidou, 2000] Zugleich ist die Diskussion um die tatsächliche soziale Rolle der Öffentlichen Bibliothek in Frankreich weiter fortgeschritten als in den deutschsprachigen Bibliothekswesen. [Dies gilt auch für das englisch-sprachige Bibliothekswesen, für das stellvertretend auf die erste Ausgabe 2013 der Library Review verwiesen werden soll, die sich vollständig mit dem Thema Public Libraries and the Homeless beschäftigt und in der sich auch eine englisch-sprachige Zusammenfassung des hier besprochenen Buches findet – leider alles hinter eine Paywall.] Grundsätzlich lohnt es sich, über den Rhein zu schauen.

Fragilité, Dépendance, Rupture

Paugam und Giorgetti legen eine Studie vor, deren Ergebnisse nur mit einiger Vorsicht – da es sich, wie gesagt, um eine sehr spezielle Bibliothek handelt – übertragen werden können, aber deren Design in anderen Bibliotheken sinnvoll angewendet werden könnte. Es werden in ihr soziologische Theoriebildung, Beaobachtung und Interviews verbunden. Aufgebaut ist die Studie auf ein in früheren Arbeiten von Paugam erarbeitet Struktur vom Leben in Obdachlosigkeit. Diese postuliert, dass es unterschiedliche Stufen der sozialen Desintegration beim Leben ohne festen Wohnsitz gäbe. Grob unterteilt in Fragilité ( Prekarität), Dépendance ( Abhängigkeit von gesellschaftlicher Unterstützung) und Rupture ( Bruch mit der gesellschaftlichen Integration) implizieren diese Stufen ein sehr unterschiedliches Verhalten und unterschiedliche Ziele, der Personen, die von ihnen betroffen sind. (Und dies selbstverständlich immer als Idealtypen, die in der Realität komplexer sind.)

Dabei darf Obdachlosigkeit in Wetseuropa nicht als das Leben auf der Strasse verstanden werden, sondern ist zumeist gekennzeichnet von Leben zwischen unterschiedlichen Unterkünften, die aber alle prekär sind (Heime, Unterkünfte, „Couchsurfing“ etc.).

Personen, welche der Stufe Fragilité zugeordnet werden, versuchen zumeist, direkt aus der Obdachlosigkeit auszusteigen. Diese Personen zeigen in der Untersuchung auch ein Verhalten, dass geprägt ist von Versuchen, in die französische Gesellschaft (wieder) einzusteigen. Gerade bei Flüchtlingen ist dies gezeichnet von Lernaktivitäten in der Bibliothek, insbesondere dem Französisch-Lernen. Die Bibliothek wird zudem aktiv genutzt, um Informationen über den Arbeitsmarkt oder über Unterstützungsleistungen einzuholen. Gleichzeitig wird von diesen Personen aktiv versucht, ihre ökonomische und gesellschaftliche Situation nicht offen darzustellen. Paugam und Giorgetti beschreiben einige Strategien, dies zu tun, beispielsweise das Besuchen der Bibliothek in Anzug und Kostüm. Gleichzeitig versuchen diese Personen in den Interviews, sich von den „echten Armen“ abzugrenzen und ihre eigene Situation als Übergang darzustellen. Dabei besuchen sie die Bibliothek auch wegen ihres Habitus als „intellektuelles Zentrum“. Das Arbeiten in der (grossen und bekannten) Bibliothek verleiht den Personen, so Paugam und Giorgetti, ein positive Identität. So stellt die Studie auch eine Höherorientierung der bevorzugtes Literatur durch diese Personen fest, die, wenn sie gefragt werden, betonen, eher Weltliteratur oder den französischen Literaturkanon zu bevorzugen als „einfache Belletristik“.

Personen, die auf der Stufe Dépendance verortet werden, nutzen die Bibliothek oft als Lebensraum und als Ort, von dem aus Unterstützungsleistungen organisiert, also recherchiert, werden können. Auch diese Nutzenden sind nicht per se auffällig, sondern versuchen, sich dem Alltag der Bibliothek (beziehungsweise des gesamten Centre Pompidou) anzupassen. Dabei kommt ihnen die Grösse des Centre zupass. Dennoch sind sie auffällig, da sie sich ständig in der Bibliothek, der auch als geschützter Raum wirkt, aufhalten. In der Studie werden Beispiele von Personen angeführt, die fast täglich acht Stunden in der Bibliothek verbringen. Hauptinteresse dieser Personen ist, neben der Recherche nach Unterstützungsleistungen zum Überleben und zum Ausstieg aus ihrer sozialen und ökonomischen Situation, die Strukutrierung ihres Alltags. Sich in der Bibliothek aufhalten und lesen gilt ihnen als sinnvolle Tagesgestaltung.

Nur Personen, die der Stufe der Rupture zugeordnet werden, stimmen überhaupt in Ansätzen mit den Vorurteilen über Obdachlose überein, aber auch das nicht wirklich. (Wie eigentlich auch zu erwarten war.) Zwar nutzen einige dieser Personen die Bibliothek auch als Aufenthaltsraum; aber nicht übermässig. Zudem stellen sie nicht die Mehrzahl der Personen sans domicile fixe. Die Bibliothek – und wieder eigentlich das gesamte Centre Pompidou – stellen für sie Aufenthaltsräume da, die zwar nicht vom Leben „auf der Strasse“ abgetrennt sind, aber doch im Gegensatz zu anderen Orten relativ sicher sind. Diese Personen versuchen immer wieder einmal, die Regeln auszutesten, sind aber auch schnell bereit, sich den Regeln, die sie getestet haben, unterzuordnen, um diesen Raum nicht zu verliehren. Ihr Interesse an der Bibliothek ist hauptsächlich der geschützte Raum.

Frage zur sozialen Beobachtungsgabe, vom Cover der Studie gestellt: In welcher sozialen Situation befindet sich die abgebildete Person?

Frage zur sozialen Beobachtungsgabe, vom Cover der Studie gestellt: In welcher sozialen Situation befindet sich die abgebildete Person?

Insgesamt zeigt die Studie, dass die Personen die Bibliothek sehr gezielt zur Gestaltung ihres eigenen Lebens nutzen und zwar immer wieder ausgehend von ihrer sozialen Situation und den Zielen, die sie sich realistisch zu setzen bereit sind. Sie alle sind der Bibliothek gegenüber positiv eingestellt. Gleichwohl die Bibliothek ganz explizit keine Sozialarbeit betreibt, erfüllt sie für diese Personen eine soziale Funktion und zwar durch die offene Angebotsstruktur.

Für die deutschsprachigen Bibliothekswesen (zumindest in der den Grossstädten und Metropolen) lässt sich lernen, dass die Interessen und Nutzungsweisen der Personen ohne festen Wohnsitz nicht mit so einfachen Modellen wie Zielgruppenanalysen oder einfachen Interviews zu erfassen sind. Die soziale Realität ist offensichtlich zu komplex. (Und gleichzeitig wirkt die Bibliothek als gesellschaftlich relevant positiv, ohne direkt daraufhin gestaltet zu sein.)

Forschungsdesign

Neben dem soziologischen Wissen, dass vor der Studie vorhanden war, nutzten die Forschenden ein grundsätzlich einfaches Forschungsdesign, welches allerdings eine relativ lange Forschungszeit und Offenheit für Beobachtungen und das sich Einlassen auf Situationen erforderte. Auf der einen Seite wurden Beobachtungen durchgeführt. Personen, die mehr oder minder auffällig waren und deren Verhalten in der Bibliothek wurden von einer Forschenden beobachtet und diese Beobachtungen in einem Forschungstagebuch eingetragen. Die Personen wurden so beschrieben, dass die Forschenden die Beobachtungen mehrere Tage zusammenfassen konnten; gleichzeitig waren die Personen anonymisiert.

Eine andere Forschende sprach im Verlaufe der Untersuchung Personen an, die beobachtet wurden und befragte sie, wenn diese zustimmten, in strukturiert-narrativen Interviews (also anhand eines Fragebogens durchgeführten Interviews, bei denen die Interviewten möglichst frei antworten konnten).

Die Auswahl der Personen, die beobachtet und interviewt wurden, bedurfte einer relativ grossen Beobachtungsgabe. Ansonsten wäre es zum Beispiel schwierig, Personen zu erkennen, die ihre soziale Situation gerade verstecken wollen. Sie bedurfte auch einiges an Fingerspitzengefühl bei den Interviews und den möglichst objektiven Beschreibungen der Beobachtungen, welches sich mit einer langjährigen Forschungspraxis erarbeitet werden musste.

Die Auswertung der Daten bedurfte ebenso einer grossen sozialen Offenheit. Die Einzelfälle durften nicht als reine (bedauernswerte) Einzelfälle betrachtet, aber auch nicht einfach subsumiert werden. Dabei half die soziologische Theoriebildung, auf die zurückgriffen wurde; welche die Forschenden bei der Zusammenstellung der Daten und Auswertung leitete, da sie nicht darauf angewiesen waren, einfach nur Daten zu berichten (etwas, was notwendig ist, wenn man ohne Theoriebildung einfach nur Umfragen macht), sondern in der Lage waren, Aussagen und Verhaltensweisen in ein Modell der gesellschaftlichen Nutzung von Bibliotheken als Ort und Infrastruktur zu integrieren, dieses Modell zu erweitern und aus diesem Modell Erklärungen für Verhaltensweisen abzuleiten.

Le Livre

Das Buch ist in einem eingängigen Französisch geschrieben. Zur Erläuterung der Ausführungen werden sowohl die Aufzeichnungen aus dem Beobachtungstagebuch als auch den Interviews angeführt. Weite Teile der Erklärungen bestimmter sozialer Ansichten werden überhaupt von Interviewaussagen getragen.

Paugam und Giorgetti sind beide sozialwissenschaftlich Forschende und halten sich deshalb auch erfrischend klar mit konkreten Handlungsanweisungen zurück. Während in deutschsprachigen Bibliothekswesen wohl sehr schnell der Ruf nach einer Praxisanleitung erhoben würde – im Sinne von: Was genau soll die Bibliothek tun? Wo sind die abzuarbeitenden Checklisten? etc. – beschränkt sich die Studie darauf, zu beschreiben und verständlich zu machen. Dies gibt den Kolleginnen und Kollegen in Paris die Aufgabe, die Erkenntnisse der Studie selber zu interpretieren; dabei aber sind sie dazu aufgefordert, diese nachzuvollziehen, was ein sinnvolles Zurücktreten von der Praxisfrage erzwingt beziehungsweise ermöglicht und vor Augen führt, dass die gesellschaftliche Situation so komplex ist, dass sie mit einfachen Werkzeugen nicht zu bearbeiten ist. Gleichzeitig legt die Studie damit die Möglichkeit an, über den – wie schon gesagt sehr speziellen – Einzelfall der Bibliothek im Centre Pompidou hinaus etwas über die tatsächliche Nutzung von Bibliotheken durch Personen in sozial und ökonomisch prekären Lagen zu lernen.

En Vague? Ein Beitrag zur Methodendiskussion in der Bibliothekswissenschaft.

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Referate von Ben am 27. Mai 2013

Ein Kommentar von Ben Kaden

Die Frage nach der wissenschaftlichen Methode in der Bibliothekswissenschaft ist in gewisser Weise die Urdebatte des Fachs und wer sich dafür interessiert, findet in der morgigen Ausgabe des Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquiums am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität möglicherweise die Gelegenheit, an der Fortsetzung selbiger teilzuhaben. Vier etablierte Protagonisten des Fachs – Simone Fühles-Ubach, Petra Hauke, Michael Seadle, Konrad Umlauf – präsentieren das Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Berlin: DeGruyter, Mai 2013, Verlagsseite zum Titel, Inhaltsverzeichnis als PDF). LIBREAS wird sich sicher dem Titel nach Möglichkeit ausführlicher widmen und widmen müssen. Allerdings liegt er uns noch nicht vor.

Verfügbar ist jedoch ein Blogbeitrag des Mitherausgebers Michael Seadle, den dieser zu Beginn des Monats in seinem Weblog Digital+Research=Blog publizierte. Vermutlich nicht ohne Schnittmenge zu seinem Beitrag im erwähnten Handbuch (Entwicklung eines Forschungsdesigns) formuliert er dort eine kleine Handreichung Finding a research question.

Wer seine Veranstaltungen am Institut kennt, weiß, dass für ihn als Bibliothekswissenschaftler völlig zu Recht die Methode und die Forschungsfrage im Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit stehen. Besonders gilt dies für Abschlussarbeiten und Promotionen.  Leider tut er dies offensichtlich nicht nur völlig zu Recht, sondern erachtet es auch als völlig zureichend für die wissenschaftliche Arbeit. Er unterscheidet sich damit jedoch in einem zentralen Aspekt wesentlich von dem, was ich für die Wissenschaft Bibliothekswissenschaft als entscheidend erachte.

Zu Beginn seines Blogpostings schreibt Michael Seadle:

“Many students start with a topic that they would like to research. This is natural, but in some ways secondary to the process of scholarly writing.”

Am Ende betont er:

“The topic matters only in so far as data are available and the research method can reasonably apply. Topics are temporary and can change with the seasons. Good research questions grow ultimately out of the intersection of scholarly methods and quality data. “

Beides verweist auf eine erhebliche Reduktion der Rolle von Wissenschaft, die sich einzig nach einer schematischen Durchführbarkeit richtet. Das Thema ist – bestenfalls – nachgeordnet, weitgehend austauschbar und ergibt sich in jedem Fall von selbst.

Steht einmal eine Methode (“In graduate school I settled on a set of ethnographic tools, which I have used and reused over the decades.”), dann kann man jeden verfügbaren Datensatz damit durchpflügen. Die Forschungsfrage ergibt sich von selbst und sollte möglichst geradlinig beantwortbar sein:

“The best research questions for a thesis are ones with a straightforward answer. I generally recommend a yes/no question, or one that has a quantitative answer, or one that is a choice among reasonable alternatives. These are not the only possible research questions, but questions involving complex issues about “why” or even “how” tend to be beyond the scope and experience of even the cleverest doctoral students. The virtue of  a yes/no type question is that the student can make a clear choice. A thesis with a vague answer is not a contribution to knowledge, while even a very narrowly stated and highly qualified yes/no answer can be a reasonable step forward.”

Man kann dies durchaus als praktikable Lebenshilfe für den herausgeforderten Promovenden verstehen. Es führt aber gerade in einen Zustand, der für mich exakt nicht der Sinn einer wissenschaftlichen Tätigkeit im 21. Jahrhundert sein kann. Nämlich in ein Funktionshandeln, in einen angepassten und schematischen Wissenschaftsvollzug, in dem ein selbstkritisches Hinterfragen genauso wenig verankert ist, wie eine auf übergeordnete Kontexte der gesellschaftlichen Wirkung von Wissenschaft gerichtete Reflexion.

Michael Seadle schreibt selbst und zutreffend:

“Having a method  means absorbing a way of thinking.”

und scheint kein Problem darin zu sehen, dass die absorbierende Anpassung an bestimmte Denkstile (also gerade nicht kritische Elaboration und Anerkennung) die Handlungsweise ist, die zu Ideologisierungen führt. Damit ist – siehe die Frage des “Topics” oben – nicht einmal an inhaltlichen oder wertspezifischen Aspekten orientierte, sondern eine reine Formalideologie gemeint. Nach meinem Verständnis ist die Aufgabe der Wissenschaft aber gerade der Versuch, jede Form von Ideologisierung, auch die der  Funktionalisierung, und den daraus entstehenden Folgen, zu unterlaufen.

Wissenschaftshandeln ist für mich entsprechend politisches und wertorientiertes Handelns in dem Sinne, dass es nicht nur auf die eigene interne Stimmigkeit und das Funktionieren in diesen geschlossenen der Institute und Fachcommunities begrenzt ist, sondern mit jeder Forschungsfrage auch die Richtungsfrage stellt: Wie wirkt das, was ich erarbeite, auf die Gesellschaft, als deren Teil ich handele und – auch das und nicht nur ökonomisch gesehen – in deren Dienst ich stehe und für die ich, in dem ich die von mir übernommene Rolle des wissenschaftlichen Tätigseins auch Verantwortung trage?

Während Bibliotheken als Institutionen ganz offensichtlich ihre gesellschaftliche Aufgabe ohne Berührungsängste thematisieren, liegt nach meiner Beobachtung die große Schwäche der Bibliotheks- und auch der Informationswissenschaft in Deutschland darin, dass sie zu weit von der sie umgebenden gesellschaftlichen Umwelt entkoppelt, agieren.

Dass man den Studierenden des Faches ihr wissenschaftliches Handeln auf die Ideallinie der Binärmuster verengt (yes/no) und zudem die epistemologisch unhaltbare These präsentiert, dass Vagheit, nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit und eher synonym mit Offenheit,  sowie dem Eingeständnis, dass Unschärfe zu komplexen Systemen und ihrer Betrachtung unvermeidlich gehört, keinerlei Belang für die Wissenskultur haben kann, erscheint mir jedenfalls nicht angemessen für eine zeitgemäße Bibliothekswissenschaft. Offen gesagt sogar eher als schädlich.

Allerdings vertraue ich auf die Weltgewandtheit und Intellektualität der Studierenden dieses Faches und darauf, dass sie der wissenschaftlich nicht untypischen Tendenz einer kritischen Opposition zu ihren Lehrern folgen. Das Entscheidende ist dabei sicherlich, wie der Ausbildungsapparat mit seiner systemgemäßen Asymmetrie der Machtverteilung bereit ist, von den Leitlinien – zum Beispiel den Michael Seadle’schen – abweichendes Denken anzuerkennen. Einer dynamischen und lebendigen Disziplin wäre jedenfalls anzuraten, die Außenposten ihres Denkens mindestens genauso zu fördern, wie den linientreuen Forschungsmainstream.

Mir teilte Michael Seadle übrigens einmal für eine Arbeit bei ihm mit, dass es für ihn auch die Derrida’sche Dekonstruktion als Methode akzeptabel wäre. So ganz habe ich mich dereinst trotz des Reizes (glücklicherweise) noch nicht darauf einlassen wollen. Auf eine bestimmte Art scheint mir aber die Dekonstruktion von Selbstverständlichkeiten genau das zu sein, was die Bibliothekswissenschaft als Methode vor dem Hintergrund der Verwandlung ihres Gegenstandes benötigt. Auch wenn am Ende erfahrungsgemäß kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch und ein Nicht-Fisch-nicht-Fleisch und in jedem Fall keine einfache, klar unterscheidbare, in Methodenzwänge formalisierbare Wahrheit stehen wird.

(27.05.2013, @bkaden)

Anmerkung: Namentlich gekennzeichnete Beiträge in diesem Weblog geben ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autoren wieder.

Kunst, Bibliothek und Medienwandel. Eine Sichtung aktueller Publikationen.

Veröffentlicht in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate von Ben am 19. Mai 2013

von Ben Kaden

I

Heike Gfrereis, Ellen Strittmatter (Hrsg.) Zettelkästen : Maschinen der Phantasie. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2013.

Es ist nicht unbedingt neu, dass sich Künstler_innen aus diversen Perspektiven dem Phänomen Bibliothek nähern. Aber aus der Sicht derer, für die die Bibliothek nicht nur Ort oder Gegenstand müßiger Lohnarbeit ist, sondern die aus welchem aberwitzigen Grund auch immer eine Kammer ihres Herzens für dieses Kulturobjekt freigeräumt haben, ist dieser zumeist dekonstruierende Blick in der Regel hochinteressant.

Diese Menschen fahren ihrer Leidenschaft gemäß extra nach Marbach, um sich die exzellente Zettelkastenschau anzusehen, die vielleicht weniger das Label Kunst offen trägt, aber genau die Funktion erfüllt, die gute Kunst eben auch erreicht: durch Zusammenführen, Verschieben und Darstellen (oder Weglassen) von Material oder (wenn es Literatur ist) Sprache, Zwischenräume zu öffnen, die sonst verschlossen blieben, durch die sinnliche Aufladung einen Eindruck, ein Gefühl hervorzurufen, hinter das man nie wieder zurückgelangt und das nach und nach zu einem differenzierterem und reicherem Weltbild zu gelangen hilft.

Nun sind die in der Ausstellung Zettelkästen. Maschinen der Fantasie gezeigten, geöffneten und  eben tatsächlich dekonstruktiv eröffneten Objekte, die Kästen Hans Blumenbergs, Friedrich Kittlers, Peter Rühmkorfs, Arno Schmidts, Walter Benjamins, selbstverständlich Niklas Luhmanns sowie einiger weiterer Vertreter der deutschen Geisteselite die Ausstellung, etwas entfernt vom klassischen bibliothekarischen Zettelkatalog. Das verbindende Element ist einzig die Formähnlichkeit.

Jedoch weisen die Exponate einen viel zeitgenössischeren Bezug zur Bibliothek auf. Denn sie nehmen in aller Konsequenz und Verästelung die Idee der semantischen Netze, auf die Digitale Bibliotheken hinarbeiten, und den Gedanken des Hypertextes, aus dem Digitale Bibliotheken geformt werden, mit mechanischen Mittel voraus. W.G. Sebalds Gesichter-Index ist eine Prä-Tumblr-Sammlung von Fundfotos. Walter Kempowskis “Weltkrieg II”-Kartei ist ein nahezu idealtypischer Material-Mash-Up.  Von Hermann Hesses Postkarten-Kartei ist es nicht weit zu einer FOAF-Struktur. Siegfried Kracauers Sammlung zu Jaques Offenbach und dem Paris seiner Zeit nimmt schließlich fast ein wenig das Geospacing vorweg.

Was aber deutlich wird, ist, wie diese schöpferischen Zettelkästen immer gerichtet zumindest begonnen werden – je nach Disziplinen erweitern sie sich bisweilen zum reinen Selbstzweck – immer das Ziel verfolgen, eine enorme Informationsmenge zu strukturieren und beherrschbar zu machen. Die Flexibilität des Mediums Zettelkasten ist auch heute noch beeindruckend oder vielleicht umso mehr, da man sieht, wie so vieles, was heute als Innovation offeriert wird, schon an anderer Stelle mit unglaublicher Konsequenz durchgespielt wurde. Zugleich wird sichtbar, wie Komplexität und Eigensinn des Mediums die Ordnungsversuche immer wieder durchbrechen, wie die Zettelkästen dazu neigen, die, die sie pflegten, zu binden und zu beherrschen. Mehr noch als die Bandbreite der Möglichkeiten des Einsatzes von Zettelleien ist diese Macht des Mediums und seiner Struktur über die Inhalte und die sie nutzenden Menschen das Eindrucksvolle, das man aus der Marbacher Schau als Erinnerung mitnimmt.

Wer sich mit semantischen Netzen über einen schematischen Durchprogrammierwunsch beschäftigt, erhält aus diesem Blickwinkel außerdem einen ganzen Stapel Karteikarten als Inspiration zum Überdenken der eigenen Selbstverständlichkeiten. Aus dieser Perspektive gelingt der Ausstellung das, was man von Kunst idealerweise erwarten kann.

Wer es verpasst, verpasst zwar etwas, aber es ist ja nichts verloren. Denn Friedrich Kittler, der sich von den angesprochenen Zettelkästlern vermutlich am klarsten und bewusstesten mit der Medialität und der Transformation von Medialität befasste, antwortete in einem Interview in seinem Todesjahr 2011 mit der WELT am Sonntag auf die Frage „Erwartet uns eine Edition der gesammelten Festplatten?“

„Ich habe versucht, zumindest die Dateien aufzuheben. Aber die meisten alten CDs sind jetzt kaputt. Meine Zettelkästen dagegen stehen noch hier im Nebenzimmer. Mit Schreibmaschine verfasst, ganz ordentlich geführt.“ (zitiert nach dem besprochenen Band ,S.50)

Wenn also die Dateien alle zu unbezahlbaren Problemfällen der digitalen Langzeitarchivierung geworden sind, wird Friedrich Kittlers Mondfarbensammlung noch problemlos in einem kühlen Archivkeller konsultierbar sein. Der Katalog zur Ausstellung ist dagegen leider, und das ist wirklich der einzige Knackpunkt, so unglücklich klebegebunden, dass er sich nach einer intensiven Lektüre leider buchstäblich selbst verzettelt. Hier hätte man buchgestalterisch wenigsten den Bogen zu einem Karteikartennormformat schlagen können, damit es dem Leser möglich wird, die Seiten dem Prinzip der Maschinen der Fantasie folgend in einem eigenen Kasten neu zu ordnen.

Besprochene Bücher / Mai 2013

Von links nach rechts: Die erste Ausgabe des Bulletins of the Serving Library (sh. IV), der Marbacher Ausstellungskatalog (I) und Sara MacKillops Ex-library Book (III). Die New York Times (II) bekommt man selbst in Berlin gedruckt nur noch als Print-on-Demand.

II

Susan Hodara: An Old Technology, Transformed. ‘Artists in the Archives,’ at Greenburgh Public Library in Elmsford. In: New York Times / nytimes.com. 18.05.2013, Volltext

Wäre der Aufwand nicht so hoch, böte sich als Ergänzung die Reise in die im Vergleich zu Marbach am Neckar noch unscheinbarere Stadt Elmsford, New York an. Denn in der dortigen öffentlichen Bibliothek zeigt man bis zum September eine Ausstellung Artists in the Archives: A Collection of Card Catalogs, die sich weniger aus Gründen des persönlichen Kreativmanagements und mehr zum Zweck der Kreativität selbst mit Katalogkästen und –karten auseinandersetzt. Da Berlin aber doch selbst für das Pfingstwochenende zu weit vom Staate New York entfernt liegt, kann an dieser Stelle nur auf den gestern in der New York Times erschienenen Artikel verwiesen werden. Als Symptom für die Praxis der künstlerischen Annäherung an Medialität und Eigenschaften der Bibliothek eignet er sich allemal, auch wenn er nur wenig zeigt von Carla Rae Johnsons Alternet-Installation, der Arbeit einer Künstlerin, die bereits vor zwei Jahrzehnten recht kurios die Beziehung von Bibliothek und Beton auslotete.

Immerhin zwei Trends für die Kunst mit Bibliotheksbezug werden auch so deutlich: Re-Use, also die in diesem Fall rekontextualisierende Nachnutzung von an sich obsoleten Materialien und zweitens, wie im Fall des von der Fotografin JoAnne Wilcox angestoßenen Call to Everyoneeine partizipations-orientierte Kunstpraxis, wie sie auch bei der im vergangenen Jahr abgehaltenen Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst im Zentrum stand und dort so halb erfolgreich war. (Ich jedenfalls habe mit großer Freude zwei Bögen von Khaled Jarrars Briefmarken-Arbeit in die Welt verteilt. vgl. auch hier)

Von der Web-Anmutung her wirken die Arbeiten ästhetisch freilich sehr anders als die Auguststraßen-Galerie-Kultur. Andererseits ist es auch gar nicht schlecht, einmal nicht in dieser überpolierten Präsentationsästhetik zu schwimmen und die heute etwas eigenartig wirkenden Navigationsbuttons auf Barbara Pages Book Marks- und Buchkunstprojektpräsentation sollten nicht unbedingt von der Arbeit selbst ablenken.

III

Sara MacKillop: Ex-Library Book. Kopenhagen: Pork Salad Press, 2012, Informationsseite beim Verlag

Mehr von Berlin geprägt ist die Arbeit der britischen Künstlerin Sara MacKillop, allerdings eher kreuzbergisch und zwar deshalb weil ihr Ex-library Book in einer Anzeigenkunstaktion an der Normaluhr unweit der Amerika-Gedenkbibliothek (etwa dort, wo die Glitschiner Straße zum Halleschen Ufer wird) in den öffentlichen Raum leuchten durfte. Das Projekt Ex-library Book  beschäftigt sich mit dem Hauptproblem materialorientierter Bibliotheken, nämlich der Aussonderung, die, so der Beschreibungstext zum Clock-Tower-Projekt eine ganze kleine Industrie am Leben hält:

„Manilla book tickets (green or buff), cross ruled catalogue cards (punched), accession sheets (pack of 500), Sinclair display units (1200mm), and self­inking mini date stamps… an industry exists to support analogue archival processes with products that are new but lack newness, already tinged with obsolescence.”

Vielleicht wäre die Idee der Meta-Materialien um das ausgesonderte Buch herum noch origineller fokussierbar. Aber Sara MacKillop entschied sich anders und versammelt in ihrer Publikation zum Thema eine sehr gemischte Abbildung von Spuren, Illustrationen, Flecken und Stempeln, die zweifellos irgendwie mit ausgesonderten Titeln in Verbindung stehen. (LIBREAS selbst hatte einmal eine ähnliche Reihe, allerdings e-only: Ben Kaden: Aussonderungsvermerke. 16 fotografische Variationen über ein Thema. In: LIBREAS 10/11, 2007)  Auch der Zettelkatalogkasten findet in dieser Pin-Wand-artigen Kollektion seine Würdigung.

Die Publikation selbst ist leicht bibliothekssubversiv angehaucht. Jedenfalls deutet die Projekterläuterung auf eine solche Überdrehung:

„An affirmation of a negation: an advertisement for something which is described by what it is no longer; a deadpan statement not of intent but of conflicting ideologies. Exactly what it says it is and not some awful pun; the Ex­library Book is difficult to place.”

Diese an sich sehr originelle Volte wirkt leider in der Publikation nicht so ganz markerschütternd umgesetzt – schlicht weil sich die kleine Arbeit kaum in Bibliotheksbestände verirren wird. Die Kongelige Bibliotek in Kopenhagen immerhin fand für den Titel jedenfalls anstandslos und unkompliziert die passende Sachgruppe: konceptkunst. So läuft die Unterwanderung ins Leere und das Büchlein doch passend in die Ordnung des Lesesaals. Auch die auf die Rückseite des Buches aufgedruckte These wäre differenziert diskutierbar:

„An Ex-library book is the least desirable book in book collecting terms. The term is used for books that once belonged to a library. Ex-library books are generally unattractive, as they have usually been stamped, taped, glued or had a card pocket glued to them. The books have often been damaged by the patrons of the library themselves.”

Das mag pauschal zutreffen. Wo allerdings Läden wie The Monkey’s Paw (mehr dazu auch hier) nach dem Absonderlichen suchen, sind Bibliotheksbestände eine fantastische Quelle. Gerade traditionsreiche Universitätsbibliotheken sondern erfahrungsgemäß mitunter exakt die Titel aus, die in dieses Beuteschema fallen, die so abseitig sind, dass sie zu ihrer Erscheinungszeit kaum je einen privaten Käufer fanden (oder die kaum bewahrt wurden) und die auch in der Bibliothek wenig genutzt und häufig sehr mediengerecht gelagert wurden. Der klassische Buchsammler auf der Jagd nach tadellosen Erstausgaben ist dafür nicht die Zielgruppe. Aber während diese Gruppe ihren Zenit wie fast alle Sammelkulturen zu überschritten haben scheint, wächst die andere, also die derer, die Ungewöhnliche eventuell sogar aus eigenartigen und längst geschlossenen Bibliotheken suchen. Auf die freilich groß genug wird, dass es sich für den Antiquariatsbuchhandel lohnt, sie gezielt ansprechen, vermag auch ich nicht aus meiner Alltagsempirie zu beantworten.

IV

Bruce Sterling: The Life and Death of Media. In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 2-16
Rob Giampietro, David Reinfurt: Information on Libraries. In: In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 17-24
Angie Keefer: An Octopus in Plain View. In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 40-76

Eventuell entspricht die Größe dieser Gebrauchtbuchkundengruppe ja dem Leserkreis des Bulletins of The Serving Library, dessen erste Ausgabe zwar bereits 2011 erschien, es aber erst jetzt auf meinen Schreibtisch schaffte. Es ist eine äußerst merkwürdige Publikation, die freilich für alle, die sich dafür interessieren, wie Jaron Lanier („better know as the father of virtual reality“) über die Biologie bzw. Kraken Claude Shannons Informationstheorie in ihre Schranken weist und für Rechnerarchitektur etwas weitaus komplexeres im Sinn hat:

„Lanier […] thinks Shannon’s “information” should be renamed “potential information.” Against the protocol-based programming of contemporary computing, he offers the model of PHENOTROPIC computing. The goal of phenotropic computing  is to render systems in which every instance of information in a system relates to its context and which can effectively make inferences about other systems based on how they behave in a shared context. Communication transmissions in a phenotropic system MUST have a causal relationship to their environment. Instead of thinking of information as single bit traveling from A to B, Lanier conceives of an ever-changing SURFACE from which multiple points are sampled simultaneously and continuously.” (Keefer, S.74 f.)

Dieses systemische Verständnis ist für Bibliotheks- und Informationswissenschaft nicht ganz neu aber eher auch nicht ganz etabliert. Und während man in den Mühen der Ontologie-Einebnungen rund um irgendwelche semantische Netze die Probleme der traditionellen Sacherschließung und Thesaurus-Kunde potenziert, dürfte die Big-Data-Avantgarde mit der Erschließung konkreter Kommunikationshandlungen in Sozialen Netzwerken längst auf der Schussbahn eines pragmatischen Netzes unterwegs sein, die möglicherweise die Semantic-Web-Entwicklungen bereits in die Ecke der Obsoleszenz schiebt, bevor diese in wirklich ausgereiften Anwendungen massentauglich werden.

Darüber hinaus gibt einen schönen Aufsatz des Science Fiction-Autors Bruce Sterling, der von Jacqueline Goddards Erinnerungsthese, die Erfindung des Telefons hätte die Kultur von Montparnasse zerstört über Medientransformationen nachdenkt und – nicht unberechtigt und wunderbar staunend  schlussfolgernd – fragt:

„What’s our hurry anyway? When you look at it from another angle, there’s an unexpected delicious thrill in the thought that individual human beings can now survive whole generations of media. It’s like outliving the Soviet Union once every week! That was never possible before, but for us, that is media reality.” (Sterling, S. 15)

Und er fährt mit einer Verortung fort, die man sich durchaus für die Gelegenheiten merken kann, an denen man einen originellen Vergleich benötigt:

„It puts machines into a category where machines probably properly belong – colorful, buzzing, cuddly things with the lifespan of hamsters. This PowerBook has the lifespan of a hamster. Exactly how attached can I become to this machine? Just how much of an emotional investment can one make in my beloved $3,000 hamster?” (ebd.)

Wir alle kennen natürlich die – Hamster! – Bilder von MediaMarkt- und Apple-Store-Eröffnungen und die Psychologie ist sicher befähigt, schlichte und handliche Beschreibungen dieser Ereignisse formulieren. Kulturtheoretisch ist das diese gesellschaftliche Umpriorisierung von den medialen Inhalten hin zu den Anzeige- und Übertragungsmedien eine aufregende Angelegenheit, wobei kulturtheoretisch mittelbar ebenfalls bibliothekskulturtheoretisch heißen muss.

Rob Giampietro und David Reinfurt erörtern schließlich in einem FROM 0 to 1 überschriebenen Gespräch den Eigensinn der Information und die Frage, was diese wirklich will – und zwar im Anschluss an Steward Brands totzitierte Aussage „Information wants to be free.“ Bücher mögen hier wahlweise als Gefäße oder Gefängnisse angesehen werden. In jedem Fall binden sie als Informationsträger die Informationen in bestimmten medialen Beziehungsraum, der sich grundsätzlich von dem digitaler Medien unterscheidet:

„[…] [B]ooks want to remain as book-like as possible, while other information carriers – webpages, for example – try to take their place. We dislike calling Amazon’s Kindle a “book”. It’s really something that’s emulative of a book. You “turn” a digital “page” by pressing a button, which wipes the screen of pixels and replaces those pixels with new ones. Design is the set of decisions that add one metaphor on top of another to make the Kindle feel book-like. It’s an exercise in analogy. But Books don’t want the Kindle. Books, as a medium, want more books. Information, however, just wants to be transmitted, through whatever host allows it to spread as widely as possible.” (Giampietro, Reinfurt, S. 23)

Man kann die Digitalisierung also auch sehr evolutionär interpretieren und die Vorstellung, die Information strebe aus einem innneren Strukturzwang automatisch nach dem für sie weitreichensten und einfachsten Verbreitungsweg, ist nicht ohne Reiz, fordert aber zugleich eine Abgrenzung ein – nämlich die zwischen Information im Bit-Sinn und der Kultur, inklusive dem Wissen, der Informationsnutzung und der Mediengestaltung. Wahrscheinlich zwingt uns der Eigensinn von Information tatsächlich dazu, Medien in einer bestimmten Weise zu gestalten. Unsere eigenen Intentionen, Anspruch und auch sinnliche Dispositionen spielen jedoch mindestens eine gleichwirksame Rolle. Für die Information an sich mag das Buch (oder auch der Zettelkasten) eine längst überholte Bremse sein. Für den Menschen selbst könnte aber gerade diese die Information und ihren Fluss durch Materialität restringierende Form eine besondere, nicht emulierbare Bedeutung besitzen. Vielleicht auch nicht, aber nachdenken sollte man darüber schon.

Auf S.91 des Hefts wird eine bekanntere Übersicht von Régis Debray zitiert, die das Dreistadienmodell Logosphäre (Schreiben) – Graphosphäre (Drucken) – Videosphäre (Audio-Visualisieren) mit bestimmten Symbolrahmen und sozialen Bezugsgrößen in Beziehung stellt. Anhand dieser lässt sich sehr gut die mediale Verschiebung auf die ethische Grundfrage „Wie wollen wir leben?“ rückbinden. Beispielhaft sei hier nur die Entwicklungen des Bezugs für die Legitimation angegeben: Logosphäre: Das Gottgegebene (denn es ist heilig), die Graphosphäre: Das Ideale (denn es ist wahr), die Videosphäre: Das Effektive (denn es funktioniert).

Wenn wir also über die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichem und Medienwandel nachdenken wollen, was aus meiner Sicht der Kern der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Wissenschaft sein sollte, dann wird hier deutlich, dass es sich bei weitem nicht einzig um Fragen von Oberflächendesign und Übertragungstechnik handeln kann.

Und wenn uns als Aktive dieses Faches sowohl die Dekonstruktionen und die Metadiskurse aus der Kunst entsprechend sensibilisieren und gleichzeitig dadurch hinterfragen, dass sie die Thesen verhandeln, die eigentlich bzw. zugleich unser Stoff wären, dann ist das nicht nur eine Anregung. Sondern parallel – und viel entscheidender – die implizite Frage, ob die Strukturen unserer Wissenschaft, die diese großen, übergeordneten und entscheidenden Fragen nur äußerst selten befriedigend zu greifen bekommt, möglicherweise häufiger mehr eine Praxis der Selbsterhaltung als eine des progressiven Denkens pflegt.

Wenn Régis Debray mit seinem Schema Recht hat und wir ohnehin von der Kultur des Arguments hin zu einer Kultur der Verführung (auch als Form der Gesellschaftssteuerung) gleiten, dann stellte sich tatsächlich die Frage, ob für das Betrachtungsfeld unserer Disziplin nicht mehr mit gezielter Kunst- als mit Wissenschaftsförderung gewonnen wäre?

Die Frage ist selbstverständlich so überspitzt, dass sie sofort bricht, wenngleich die allgemeine Anerkennung und Würdigung von Kunst als Erkenntnispraxis ein fantastischer kultureller Schritt wäre und ich im Gegenzug eine Übernahme bestimmter intellektueller Aspekte der Kunstpraxis in die Wissenschaft genauso gut heißen würde. Dennoch sind die Annährungspfade der Auseinandersetzung aus gutem Grund unterschiedlich. Wir sollten gerade deshalb überlegen, wie man dies in einer übergeordneten Zusammenführung des an sich Getrennten fruchtbar und wirksam machen könnte.

(Berlin, 19.05.2013, @bkaden )

Das Internet, prä- und postideologisch. Ein Essay.

Veröffentlicht in LIBREAS.Feuilleton von Ben am 18. Mai 2013

 von Ben Kaden

I

„In this Internet-centric view, the Net stands outside of history. It has brought us to an epochal moment – the culmination of all human invention.” (Ellen Ullman (2013) The Net: Key tool or creed to live by? In: Internation Herald Tribune, May 18-19, 2013, S.20)

Die in der Samstagsausgabe der International Herald Tribune abgedruckte Rezension der Software-Expertin und Autorin Ellen Ulman zu Evgeny Morozovs Streitbuch To Save Everything, Click Here (Konrad Lischkas Rezension bei spiegel.de)  ist nicht nur überaus lesenswert, sondern erinnert mich auch daran, dass ich schon längerer Zeit plante, eine serendipitöse und asynchrone Lektüre anzuregen.

Mittlerweile scheint eine Position schon fast salon-, DB-Lounge-und wahrscheinlich Sankt Oberholz-fähig, an der sich Evgeny Morozov schon seit längerem erst gegen wachsenden Widerstand und jetzt mit wachsendem Rückenwind auf- und abarbeitet: Die Kritik dessen, was Jaron Larnier einmal „cybernetic totalism” nannte, für das die Süddeutsche Zeitung die Überschrift Diktatur der Perfektion (Ausgabe vom 02.April 2013, S.11) fand und was generell als eine Kritik an der Überhöhung des Einfluss digitaler Technologien in den Stand der Ideologie bezeichnet werden kann. Morozov attackiert Lawrence Lessig, Clay Shirky, Kevin Kelley und Gary Wolf, also Protagonisten, die mehr oder weniger in digitalen Netztechnologien die beste aller möglichen Welten (einen aktuellen „zenith of human achievement”) sehen.

Aber genauso und vielleicht noch viel stärker sollte man die Post-Steve Jobs’, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg  und die Jungs von Google in den Mittelpunkt einer Reflexion über die Optimierungshohepriesterei rücken, welche die Next Big Things und die dazugehörigen Thingstätten zum Geschäftsmodell erhoben und damit die notwendigen Innovationsschritte finanzierbar machten.

Während man einen solchen Text ins Pad noch nicht aber fast diktiert, wirkt es fast kurios, wenn einem Alltagsdokumentationen der digitalen Trends aus der Frühzeit des Internets begegnen. Ich weiß nicht, weshalb sich mir ausgerechnet die Ausgabe des SPIEGELS Nr. 44/1994 vor dem Wurf in den Recycling-Container – natürlich für eine gute BinCam-Bilanz – noch einmal zum Druchblättern anempfahl (vermutlich am graubärtigen Alexander Solschenizyn auf dem Titelblatt), aber so entdeckte ich drei spannende Beiträge, die vor dem Hintergrund des aktuellen Diskurses nicht uninteressant sind. So liest man auf der Medienseite (S. 122) die Kurzmeldung

„Als erstes US-Nachrichtenmagazin hat Time grafische Informationsseiten im weltweiten Datennetz vorgestellt.“

Und das der Ausdruck World Wide Web noch nicht jedem geläufig war, wurde eine Beschreibung mitgeliefert. Das Angebot des Time Magazine startete als

„Teil des Informationssystems (…) in dem der Benutzer Texte und Bilder über das Telefonnetz auf den PC-Bildschirm holen kann.“

Die erste Webpräsenz des SPIEGELs, so die Ergänzung, wurde kurz zuvor im Oktober vorgestellt und entsprechend freuen wir uns 2014 auf das Jubiläum 20 Jahre Spiegel Online.

II

Der zweite faszinierende Artikel beschäftigt sich ebenfalls mit dem frühen elektronischen Publizieren und erinnert an den morgenluftigen Reiz der Modem-vermittelten Kommunikation. Denn wo es heute um Transparenz, Markt und Datenkontrolle geht, verfolgte die Netzaktivisten der noch jungen 1990er andere Ziele. Zum Beispiel die kreative Entfaltung. Der Artikel auf den Seiten 101 und 104 (dazwischen ist eine doppelseitige Werbehymne auf die Degussa als Umweltschutzpionier eingeschoben) beschäftigt sich mit elektronischen Zeitschriften. Damit meinte man damals keine wissenschaftlichen Publikationen sondern vor allem die Fortsetzung der Zine-Kultur mit digitaltechnischen Mitteln.

Sehr anrührend wirkt aus der heutigen Rückschau die noch ganz unfertig wirkende Beschreibungssprache für digital vermittelte Kommunikationsprozesse. SPIEGEL-typisch eröffnet der Artikel mit einem lebensnahen Beispiel:

„Viermal im Monat erhält Lars Hinrichs, 18, Post vom Roboter.“

Obwohl es den Ausdruck E-Mail bereits seit den 1980ern gab, findet er in diesem Text nur später und nebenbei eine Erwähnung – ganz im Gegensatz zum längst ausgestorbenen „Hotflash (sinngemäß Blitzmeldung)“, die dem Schüler aus Hamburg von Wired zugestellt wird und zwar durch einen „Infobot, der elektronische Informationsroboter, [der] den Leserservice“ übernimmt. Der SPIEGEL verweist zudem darauf, dass Wired „das erste kommerzielle Printmedium [ist], das sich das personalsparende Verfahren zunutze macht.“ Einer leichter früher Hauch der Optimierung, der sich aus der Perspektive des Jahres 2013 als Vorbote des Wirbelsturms einer Big Data-basierten Lebensweltanalyse herausstellt.

Auch von Verdrängung, und zwar des Mediums Print, ist bereits die Rede:

„Der PC am Datennetz beginnt bei Kleinstverlegern oder Bürgerinitiativen den Fotokopierer als Vervielfältigungsmaschine zu verdrängen. Vereinsbulletins, poetische Traktate oder ökologische Flugschriften werden im Schnelldurchgang am Bildschirm hergestellt. Ohne Drucksachen-Porto und oft nur zum Telefon-Ortstarif lassen sich auf diese Weise, theoretisch jedenfalls, Millionen Leser auf der ganzen Welt erreichen [...].“

Heute zeigt sich das Ganze fast invertiert: Während nahezu alle Publikumsverlage auf ein Geschäft mit E-Books wenigstens hoffen, erleben die Kleinauflagen in Print – beispielsweise Jason Dodges hervorragende Reihe Fivehundred places – mit streng limitierter Stückzahl eine intensive Zuwendung und haben anscheinend überhaupt nicht das Bedürfnis, sich in den unmäßigen Strom e-publizierter Botschaften zu stürzen. Wobei es ja seit je das Merkmal der Avantgarde war, das zu fliehen, was gerade als Mode angesagt ist. Insofern war es folgerichtig, dass Electronic Zines entstanden, die der Print-SPIEGEL als „bizarr“ und „hastig zusammengetippt“ charakterisieren durfte, bevor sein SPON-Portal genau mit diesen Tugenden zur dominanten Seite auf dem deutschen Online-Nachrichten-Markt aufgebaut wurde.

Urheberrechtsbrüche und unseriöse Inhalte wurden für die Zines als typisch herausgestellt:

„Hemmungslos kupfern die Zine-Schreiber aus anderen Medien ab, erfundene Zitate machen manche Mitteilung erst richtig rund. Im Datennetz gibt es keinen Presserat, Pop und Politik stehen neben Abzockerei, Pornographie und Poesie.“

Man hat also schon in zwei Sätzen die gesamte Bandbreite der Kulturdebatten der kommenden Jahrzehnte umrissen und das wunderbar herablassend aus der Kanzel des schwarzen Hochhausblocks in der Brandstwiete 19: „Oft ist der Leserkreis derart klein, daß der Herausgeber jeden seiner Abonnenten persönlich kennt.“

Aber selbstverständlich hatte man die Zukunft bereits im Blick und beschrieb mit den „E-Zines neuester Machart“ in gewisser Weise die Vorstufe des E-Books:

„Der Leser kann sie, mit der Computermaus und einer speziellen Software für den Internet-Informationsverbund World Wide Web [...], am Terminal durchblättern. [...] Von den ersten hektographierten Pop-Zines sind die hypermedialen Nachfolger bereits so weit entfernt wie der Popsender MTV von der Gartenlaube.

Beide Vergleichsmedien dürften den Digital Natives nicht mehr allzu bekannt sein, aber diejenigen, die 1994 SPIEGEL lasen, waren damit sehr gut im Bilde.

III

War dieser kleine Artikel, der mit dem späteren XING-Gründer als Musterbeispiel des Web-Vorreitens ansetzte, von einer nicht ganz versteckten Herablassung geprägt, die allerdings mehr dem Stil des Hamburger Magazins als dem Thema zuzuschreiben ist, äußert im Sportteil der Ausgabe der Schachgroßmeister Viktor Kortschnoi die Digitalkritik, mit der man auch heute in der Debatte punkten kann. Ums Internet geht es ihm nicht, wohl aber um die Computer, denn diese „Nehmen dem Schach [...] seinen Zauber.“ Der „Kampf Mann gegen Maschine“ (SPIEGEL) verweist exakt auf die Probleme, die auch Evgeny Morozov und andere verhandeln (und die obendrein natürlich auch im Zentrum aller Überlegungen zu Digitalen Bibliotheken stehen): Wie viel gestehen wir den Maschinen zu, wie viel menschliches Entscheiden wollen wir erhalten und vor allem: wie viel Maschine schalten wir zwischen uns Menschen als Übermittler und was darf oder sollte für der digitale Dokumentation und Analysierbarkeit vorenthalten bleiben?

Morozov, der 1994 seinen zehnten Geburtstag begehen durfte, würde vermutlich Kortschnois Zustimmung haben, wenn er – paraphrasiert von Ellen Ullman – betont:

„[...] decries the ideology of “transparency”, reminding us that no human relationship can survive without innuendo, mystery, even lying.“

Denn was ist das Schachspiel anderes, als eine hocheleborarierte und fein destillierte Form menschlicher Interaktion. Er ist da nahe an der Position des Schachgroßmeisters, der meint:

„Früher wurde ein Spiel als Gesamtheit gesehen und mit einer Strategie gekämpft, die sich durch die ganze Partie zog. Der Computer zerhackt das Spiel in einzelne Züge. Jeder überlegt, welcher Zug in welcher Stellung einen winzigen Vorteil bringt, ohne langfristig zu planen. Das ist Fast-food-Schach. Die Kunst stirbt langsam, aber sicher.“

Wobei die Beschreibung nicht nur auf die verbrauchsoptimierte Schachfelderwirtschaft zutrifft, sondern deutlich beobachtbar auf alle möglichen Facetten des spätkapitalistisch organisierten Lebensalltags bis hin zum Wissenschaftsbetrieb. Man spricht beispielsweise zwar gern, öffentlich und noch von Forschungsstrategien. Doch wer die Untiefen der Projektförderantragspraxis kennt, weiß auch vom mehr als offenen Geheimnis, wie es an vielen Stellen Zug um / gegen Zug zugeht und was es bedarf, um überhaupt mit von der Partie sein zu dürfen.

Man braucht darüber nicht lang zu klagen, sondern könnte beispielsweise einmal überlegen, wie sich – im Zuge einer Technikbewertung – die Transformation des gepflegten Wissenschaftsideals als wertfreie Suche nach Erkenntnis zu irgendetwas viel pragmatischerem unter dem Einfluss digitaler Informationstechnologien analysieren lässt. Das Fachgebiet dafür wäre das der Science, technology and society (STS) studies und hat in Deutschland so gut wie keine Lobby und offensichtlich noch nicht einmal eine deutsche Wikipedia-Seite.

Ein wenig verfällt Kortschnoi im 1994er Interview eine zu resignative Verfallsrhetorik, wenn er sagt:

„Der Gedanke, daß eine Diskette den Weltmeister bezwingt, ist unerträglich. Alle Leute können ins Kaufhaus rennen, sich das Rechenprogramm besorgen und zu Hause den Weltmeister schlagen. Niemand wird mehr Respekt für den schachspielenden Menschen aufbringen. Der Computer relativiert die menschliche Leistung auf eine perfide Weise.“

Und, so muss man ergänzen, mischt die Karten des sozialen Rangs neu. (Stichwort Respekt) Kortschnois Argument dient ganz offensichtlich der Verteidigung des in einem prä-computerisierten Kontext erworbenen Status und niemand mag es ihm – und mochte es ähnlich argumentierenden Bibliothekaren – verübeln, wenn sie so und, wie wir heute wissen ziemlich hilflos, um die Sicherung bestimmter Positionen in der Gesellschaft kämpften. Das, was man als “Revenge of the Nerds” bezeichnen kann, also die Machtübernahme derer, die sich nicht auf die Normen, Sozial- und Kommunikationsstandards der zu dieser Zeit etablierten Akteure verstanden, dafür aber in einer Welt der algorithmischen Kontrollmodelle erfolgreich herumaspergerten, ist ein entscheidender Aspekt des Kulturkampfes um die Digitalisierung. Und wiederholt das, was jeder Handwerker mit dem Beginn der industrialisierten Konsumgüterproduktion widerfuhr: Eine Relativierung dessen, was er als professionelle Daseinsstrategie entworfen hatte.

So ganz komplett wollte sich Kortschnoi übrigens nicht in die von ihm selbst herausgezogene Schublade sortieren lassen. Auf den Einwurf des Interviewers:

„Jetzt klingen Sie wie der Kulturpessimist Neil Postman, der den vermeintlichen Verlust der Lesekultur mit dem Untergang des Abendlandes gleichsetzt“

entgegnete der Schachexperte:

„Um Himmels willen, nein.”

Dennoch bleibt ganz generell die Frage offen, was wir eigentlich als langfristige Perspektive, also Strategie, erwählen können, wenn wir – aus guten Gründen – die Ideologie des Internet als „god to obey” (Ullman), ablehnen. Der Ausblick, mit dem Ellen Ullman ihre Buchbesprechung beschließt, erdet zwar die Debatte sehr vernünftig, wenn sie schreibt, dass ihre Peers, nämlich die Programmierer, Entwickler und Computerwissenschaftler

„would support his [Morozovs] belief that the Net really is embedded in history, is made up of cables and routers and servesm and is created by mortal human beings.”

Er hilft aber nicht bei der Frage weiter, mit welchem übergeordneten Zweck und in welcher Form wir uns als Menschen in dem Ausmaß, in dem wir es trotz allem tun, mittlerweile ganz unvermeidlich existentiell in diese technologischen Netze einweben lassen. So eine richtige Antwort fällt mir derzeit auch nicht ein. Aber dass weder Konsum, noch Bequemlichkeit noch das wenig hinterfragte gesellschaftliche Ideal einer permanenten Daseinsoptimierung befriedigende und ausreichende Leitbilder sind, scheint mir einsichtig.

Gerade deshalb bin ich in beide Richtungen skeptisch: Sowohl hinsichtlich einer digitalen Aufbruchs- und Emanzipationseuphorie, deren Ablehnung weniger in der Furcht, eine  bestimmte Position im sozialen Gefüge zu verlieren, fußt, sondern schlicht in der (historisch verifizierten) Einsicht, dass blinde Revolutionsakte immer mit Nebenschäden und teilweise bitteren Verlusten einhergehen, für die ich in diesem Fall schlichtweg nichts Sinnvolles finden kann.

Andererseits ist das reaktionäre Beharren auf der Beibehaltung alter Ordnungsstrukturen nicht nur ohnehin im Langzeitverlauf zwecklos, sondern sorgt ebenfalls für nicht zu rechtfertigende Zurücksetzungen, Beschädigungen und Verlusten. So bleibt am Ende des Tages vermutlich nicht viel mehr, als die Grundausrichtung auf ein ganz klassisches Verstehen-wollen, das nicht auf Wertung sondern auf Anerkennung zielt und etwas solange gelten lässt, solange es nicht die Möglichkeit, der Selbstgeltung des Anderen einschränkt.

Wir befänden uns dabei unvermeidlich im Bereich dessen, was der Psychologe Lawrence Kohlberg als postkonventionelle, autonome und prinzipienorientierte Ebene der moralischen Entwicklung beschrieb und von der er selbst zugeben musste, dass sie in der Realwelt eher sehr selten anzutreffen sein. (vermerkt in: Lawrence Kohlberg et al. (1983) Moral stages : a current formulation and a response to critics. Basel, New York: Karger)

Ein Verfahren, mit dem man dies wenigstens ein wenig anzustreben versuchen kann, liegt möglicherweise in der regelmäßigen Eigenkonfrontation mit den Spuren der Vergangenheit wie sie hier am Beispiel eines SPIEGEL-Hefts angedeutet wird. Denn über die historische Verortung lässt sich in der Regel ganz einfach eine Relativierung jeweils gegenwärtig als unumstößlich gehandelter Wahrheiten erkennen. Und daraus die Demut ableiten, die nicht nur den hohen Kohlberg-Stufen innewohnen muss, sondern die auch Ellen Ullman bei Morozov vermisst und die die zumeist weitaus höher gehandelten Werte Fakten- und Regelwissens und anwendbarer Handlungskompetenzen, an denen es uns heute eher nicht mangelt, unbedingt ergänzen sollte:

„Mr. Morozov’s formidable intellect makes this a noteworthy book. A dose of humility would have made it a better one.”

(Berlin, 18.05.2013 /  @bkaden)

Jetzt neu im Internet: LIBREAS #22 Recht und Gesetz

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell von libreas am 15. Mai 2013

“When she was 22 the future looked bright / But she’s nearly 30 now and she’s out every night” – Lily Allen (22. CD-Single. London: Regal Recordings,  2009)

Wird Lily Allen Recht behalten? Beschreibt sie eine Gesetzmäßigkeit? Wie auch immer es sein wird – bis zur Nummer 30 hat die mittlerweile mittelalte Dame LIBREAS noch ein bisschen Luft und wenn sie dann nac h wie vor die Feschness besitzt, das gelegentliche Ausstreuen absurder Neologismen mit regelmäßigem Ausgehen (und Ausgeben) zu verbinden, dann wäre das gar nicht verkehrt.

Wir vermuten jedenfalls derzeit keineswegs, dass die Zukunft – übrigens das Thema eines sehr bald kommenden Call for Papers – betrüblicher flackert oder glänzender scheint als diese Gegenwart. Daher eignen wir uns bei aller Leidenschaft und Liebe auch nicht zum Popsong. Vielmehr setzen wir auf langsames Expandieren von Fach, Zeitschrift und Verein, wobei uns von Lily Allens Protagonistin derzeit vor allem unterscheidet, dass wir nicht nach einem mehr oder paternalistischen Fittich, der in unserem Fall ja nur ein solventer und gut aussehender Verlag sein könnte, suchen. Denn natürlich gilt: “… comes along / Picks her up and puts her over his shoulder / It seems so unlikely in this day and age”.

Und es ist nicht nur unwahrscheinlich. Sondern überhaupt keine reizvolle Vorstellung. Was wir uns wünschen, sind reife und elaboriert verspielte, gern auch experimentelle Beziehungen zu gern auch häufig wechselnden Partner_innen. Wie wünschen uns heute genauso wie bereits 2005 und vielleicht 2020 textgewordene Abenteuer mit humorvollen, sensiblen, tiefgründigen und aufgeschlossenen Autoren und Autorinnen. Oder einfach nur geradlinige Beiträge, die uns für unser Publikum (was uns selbst mit einschließt) relevant erscheinen.

Anbei nun der Verweis auf die aktuelle Nummer 22 unter www.libreas.eu /Inhaltsverzeichnis | Editorial.
Und für alle, die es heute noch in die Berliner Knesebeckstraße südlich der Stadtbahn verschlägt, noch ein Hinweis: Das Ananas-Sorbet ist vorzüglich.

(bk / 15.05.2013)

LIBREAS #22 - Recht und Gesetz

LIBREAS #22 – Recht und Gesetz. Unser Titelbild zeigt den Eingangsbereich einen berühmten deutschen Bibliothek inklusive umfänglicher Regelkunde für die Benutzung.

 

Beschlagwortet mit:

Das coole UND. Anmerkungen zur Umbenennung der DGI.

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte von Ben am 4. Mai 2013

von Ben Kaden

„Die Namensänderung der DGI hat für Furore gesorgt. Das kann ich verstehen, jedoch nur aus euphorisch positiven Gründen“

schreibt Clemens Weins heute im Weblog der nun Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen (DGI). Ich sehe das nur bedingt. Furore im Sinne einer Begeisterung ist es nicht. Und Furor im Sinne wütender Proteste lässt sich in der Fachöffentlichkeit auch nicht erkennen. Treffender wären vielleicht Worte wie Kopfschütteln oder Verwunderung. Irgendwo in diesem Umfeld wäre jedenfalls meine Reaktion zu verorten.

Als Bibliotheks- und Informationswissenschaftler scheint es mir jedenfalls für Euphorie kein Anlass zu bestehen, wenn man die Informationswissenschaft streicht, um sie durch die unscharfen Ausdrücke „Information“ und „Wissen“ zu ersetzen. Möglicherweise muss eine „agile“, also laut Duden „regsame und wendige“, DGI diesen Schritt gehen, um damit ihre Agilität bzw. Augenhöhe zur Zeit zu beweisen. Eventuell ist sie damit ihrer Zeit auch voraus, wenn mit ihr ein „Paradigmenwechsel […]  vom institutionellen Denken zum inhaltlichen Austausch“ angestrebt wird und man annimmt, dass strenge Wissenschaftlichkeit durch das Kriterium des pragmatischen Passens abgelöst wird. Das setzt voraus, dass sich die Grenzen von Wissenschaft und Praxis tatsächlich vermischen und man hat wenig Möglichkeiten, entsprechende Anzeichen zu ignorieren. In der Gesamtschau wäre dies das Ende der Wissenschaft, wie wir sie kennen und vielleicht ist es auch das Schicksal der Informationswissenschaft, frühzeitig diesen Schritt zu vollziehen.

Clemens Weins bringt mit dem Beispiel der „modernen IT-Unternehmen“ das Vorbild ins Spiel. Die großen Dominanten (Google, Facebook, Apple, Amazon) verwenden nicht nur etliche Elemente, die man aus der dokumentationswissenschaftlichen Grundausbildung kennt, sie integrieren sie auch überdisziplinär mit allem, was für Netzwerkanalyse und Rückkopplungsverfahren u.ä, an Methoden zweckmäßig erscheint. Wenn man so will, haben sie und nicht etwa die Informationswissenschaft (oder die Soziologie), die Gesellschaft zur Netzgesellschaft gemacht und informationswissenschaftlich wie informationssoziologisch durchdrungen.

Eine Nebenwirkung könnte bei dieser Entwicklung sein, dass sich dabei die wissenschaftliche Disziplin Informationswissenschaft einfach auflöst zugunsten wohlklingender und pragmatischer Lösungen und zu einem Evaluations-und Think-Tank für (tatsächliche und denkbare) Informationsdienstleistungen zusammenschnurrt. Selbstverständlich machen sich Unternehmen „intern Gedanken, was neue Technologien auslösen können und stellen sich sofort den praktischen Herausforderungen“, denn davon hängt ihre Geschäftsentwicklung ab. Diese ist im Gegenzug aber auch Erkenntnis leitend. Und hier liegt der Unterschied zur akademischen Informationswissenschaft, die sich um all die Aspekte kümmern kann (und sollte), die zwar aus Sicht von Verwertung und Produktentwicklung irrelevant sind, die aber für die Gesellschaft eventuell gerade deshalb eine große Bedeutung besitzen.

Ich habe folglich Probleme, mir Wissenschaft derart unternehmerisch eingefärbt zu denken. Und gerade, wenn man wie Clemens Weins Informationswissenschaft etwas hemdsärmlig als „Soziologie der Informatik“ definiert, was ich an sich begrüße, was allerdings vor nicht allzu langer Zeit nur sehr eingeschränkt nachweisbar dem Selbstverständnis der Disziplin entsprach (vgl. Kaden, Kindling, Pampel, 2012), sollte man sich vom Kriterium der „Faszination“ lösen.

Man muss nicht mit bzw. besser nach Pierre Bourdieu „Soziologie als Kampfsport“ (vgl. z.B. Hollerstein, 2012) ansehen. Doch man sollte anerkennen, dass es vor allem um Analyse und Kritik geht, also das gezielte und systematische Infragestellen von Scheingewissheiten idealerweise auf Grundlage empirischen Materials. Das steckt in gewisser Weise schon in dem Wunsch, „Informationen fließen zu lassen und immer verstehen wollen, wie sie fließen.“ Es ist auch vereinbar mit dem Bild der „Menschen, die verstehen wollen, wie sich Gesellschaft durch neue Informationstechnologien verändert und auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern sind.“ Nur wirkt der Ausdruck „Geschäftsfelder“ hier in der Rückbindung an die Wissenschaft genauso als Splitter im Text, wie die Reduzierung der Soziologie auf die Technologie- und Methodenanalyse. Wenn Clemens Weins den entsprechenden Absatz mit der Basta-Formulierung „Damit ist alles gesagt.“ einleitet, muss er sich auch darauf hinweisen lassen, dass in seiner Darstellung neben Technologien und Methoden der Grundgegenstand der Soziologie schlicht fehlt.

Es ist wahrscheinlich Teil des Zeitkolorits, Wissenschaft stark in Hinblick auf Innovation, Spin-Off-Projekte und mögliche wirtschaftliche Verwertungsszenarien zu betreiben und zu denken. Das beißt sich allerdings mit dem Konzept der Soziologie als Wissenschaft, wie ich sie verstehe. Mehr noch: wissenschaftliche Erkenntnisproduktion ist nach meinem Verständnis gerade nicht der Fluss sondern viel mehr die Staustufe der Information. Es geht in ihr nicht um die Optimierung und Stromlinienformgebung für reibungslose Übertragung, sondern darum, das, was geschieht, in einem größeren Rahmen zu verorten. Diesen Rahmen bildet die Größe Mensch. Es geht um den Menschen, sein Handeln, die dahinterstehenden Motivationen und wie er sich im Gefüge der Handlungsfolgen bewegt. In der Informationswissenschaft wäre das dann mindestens an den Phänomenen „Information“ und „Wissen“, gern auch noch mit „Redundanz“, „Rauschen“ und „Bedeutung“ zu konkretisieren und beispielsweise auf die in letzter Zeit mehr vom Feuilleton als von der Wissenschaft reflektierten Informationsethik orientierbar. (also vielleicht eben doch im Bourdieu’schen Kampfsportstil, vgl. Hollenstein, 2012, S.68: „Soziologie ist Kampfsport, fasst Bourdieu sein wissenschaftliches Selbstverständnis [...] zusammen: Selbstverteidigung der Schwachen gegen Ungerechtigkeit. Soziologie ist also für Bourdieu „per se kritisch“, sie offenbart „Geheimnisse“, der Soziologe ist ein „Störenfried“.“)

Erfahrungsgemäß wirkt bereits der Streit um die Begriffs- und Gegenstandseingrenzung deutlich bremsend (also störend). Dazu addiert sich, dass Wissenschaft, wie ich sie hier denke, vorwiegend retrospektiv arbeitet, da ihr Material erst entstehen bzw. beobachtbar werden muss, bevor sie es durchdringen kann. So ist sie selbst gerade kein Innovationsmotor. Im Ergebnis könnte sie jedoch im Wechselspiel mit der Praxis dieses Wissen über an die gestaltenden Akteure (z. B. die Praxis) weitergeben, die es beispielsweise in ihr Wissen wie einfließen lässt. Oder eben nicht.

Das gravierendste Problem der Umbenennung der DGI liegt für mich in der Reproduktion des Urproblems der Informationswissenschaft selbst: der Terminologie selbst. Es gibt keine übergreifend anerkannte Definition der Ausgangsbasis „Information“ und dem Verhältnis zum nicht minder vieldeutigen Begriff des „Wissens“. Dazu kommt seit einigen Jahren der nicht minder ambivalente Omnibus „Inhalte“, für die die DGI mittlerweile offensichtlich steht, ohne sich, so könnte man flapsig sagen, in Deutsche Gesellschaft für Inhalte benannt zu haben.

Ich schreibe dies als jemand, der die Gelegenheit hatte, bei zwei zentralen Antagonisten dieser Debatte in der deutschsprachigen Informationswissenschaft zu lernen und der dabei erkennen durfte, wie wichtig eine genaue Bestimmung des Bezugsrahmens für diese Ausdrücke ist. Diesen Rahmen finde ich in der Argumentation im Blog nicht zureichend dargestellt.

Information und Wissen sind dank ihrer Universalität äußerst divers verwendete, bisweilen einfach sehr missverständliche Konzepte. Die Einhegung auf das Feld der Informatik bzw. Informationstechnologie, also auf die bitweltlich verarbeitbare Information wäre womöglich eine gangbare Spezifizierung (wenn auch nicht die mir sympathischste). Aber das geht aus dem neuen Namen nicht vor. Den problematischeren Begriff des Wissens (laut Walther Umstätter „begründete Information“, laut Rainer Kuhlen eine Art Agens der Informationsprozess) blieben dann immer noch unbestimmt. Der Container „Inhalt“ sowieso.

Als Nicht-Mitglied der DGI kann ich ihre Umbenennung gelassen nehmen. Als Informationswissenschaftler bedauere ich dennoch die Streichung der „Informationwissenschaft“ im Namen der DGI, zumal mich der Ersatzname in keiner Hinsicht und trotz der verständlichen und engagierten Erläuterung durch Clemens Weins nicht als bessere Wahl überzeugt. Das Fach, um das es mir geht, vermag ich im neuen „und“ jedenfalls nicht mehr erkennen. Und auch was Willi Bredemeier als einen Grund zur Umbenennung anführte, überzeugt mich, offen gesagt, keinen Millimeter:

„Der neue Name klingt gut oder ist, wie ein Teilnehmer der Mitgliederversammlung sagte, “cool”.“ (Bredemeier, 2013)

 (25.04.2013  / @bkaden)

Verweise

Willi Bredemeier (2013) DGI – Neuer Name verabschiedet. In: Password / passwordonline.de, 28./29.04.2013, 
http://www.passwordonline.de/cms/news/28.-29.-april-2013.html

Oliver Hollenstein (2012) Soziologie als Kampfsport – Pierre Bourdieu. In: dersb. (2012) Das doppelt geteilte Land. Neue Einblicke in die Debatte über West- und Ostdeutschland. Wiesbaden: Springer VS. S.67-78

Ben Kaden, Maxi Kindling, Heinz Pampel (2012) Stand der Informationswissenschaft 2011. In: LIBREAS. Library Ideas. No.20  S. 83-96 urn:nbn:de:kobv:11-100199781.

Weins, Clemens (2013):  Die agile DGI – ein Club für Informationsphilosophen und -pragmatiker. In: 
http://blog.dgi-info.de
 / 04.05.2013

Anmerkung: Namentlich gekennzeichnete Beiträge in diesem Weblog geben ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autoren wieder.

Von wegen Pferdefleischeslust. Über Chrissie Bentleys “The Nympho Librarian and Other Stories”.

Veröffentlicht in LIBREAS.Feuilleton von Ben am 26. April 2013

Eine Rezension zu Chrissie Bentley (2011) The Nympho Librarian and Other Stories. [ohne Ortsangabe]: CreateSpace. ISBN: 9781468106084

von Ben Kaden

“Get rid of the glasses, if I wanted to see a librarian I would be at library.” – ronsanchez am 26.01.2004 in einem Forum auf kinkondemand.com

„Wir ahnen ja, daß dort [in den Bibliotheken] auch das Amouröse, ja das Erotische seinen Platz haben muß und finden die Bestätigung bei [Philip] Larkin, der die Emporen für Verabredungen romantischer Art als besonders geeignet ansah und sich zu mehr als einer Mitarbeiterin hingezogen fühlte – über eine Kollegin, vertraute er einem Freund an, hätte er herfallen mögen wie ein Löwe über den täglichen Batzen Pferdefleisch…“ (Wagner, 2013)

Es ist ein selten saftiges Bild, das der Schriftsteller Jan Wagner in seiner „Rede zum neuen Jahr“, die mindestens so sehr eine Hymne auf die Bibliothek wie Philip Larkins Library Ode ist, zum Delektieren bereitstellt. Tatsächlich verlor der außergewöhnliche Bibliothekar und Dichter Larkin mehr als sein Herz in der Stadtbibliothek.

Aber zunächst eben dieses und zwar als nicht wenig einsamer, sexuell so unerfahrener wie verwirrter 21-Jähriger Bibliothekar in Wellington, Shropshire an die schmale, bebrillte in der wirren Vielfalt adoleszierender Blüte gefangenen 16-jährigen Schülerin Ruth Bowman. In sein Tagebuch schrieb er zu dieser Zeit „Re sexual intercourse: always disappointing and often repulsive, like asking someone else to blow your own nose for you”. (vgl. Morton, 1993) Zu seiner Verteidigung ist zu ergänzen, dass er erst wenig verkehrsteilnehmende Erfahrungen und schlicht eine Heidenangst vor Sexualität an sich gehabt haben soll. So gehandicapt reduziert man als junger Mann das intime Verschmelzen denn auch gern auf eine Variation des Schnäuzens. Unbestritten war für Larkin das Thema Sexus (inklusive seiner Darstellbarkeit) zeitlebens mindestens so wichtig wie die Bibliothek.

Ob er damit typisch für Bibliothekare steht, ist mutmaßlich noch empirisch unbeforschtes Terrain. Doch bekanntermaßen lässt das Klischee entsprechende Kurzschlussfolgerungen zu. Den kreuzbraven brillenbeschlagen Strickjackenwesen – man denke nur an Donna Reed als Bibliotheksmamsell in Frank Capras Ist das Leben nicht schön? (Capras Antwort: Nur wenn man einen Mann wie George Bailey findet, der einen vor dem Bibliotheksdienst rettet.) – traut man entweder keine Sexualität zu. Oder eine sehr eigentümliche.

Für die zweite Variante gibt es einen Fantasieraum in der Pornographie. Reziprok findet sich dagegen selten ein Platz für die Pornographie im Realraum der Bibliothek. (Es sei denn im Schreibtischfach des Bibliothekars Philip Larkin.)
Abgesehen von der Pionierarbeit der progressiven BDSM- und Fetisch-Fans aus dem Armory in San Francisco, die zum Beispiel Bobbi Starr einmal als Bibliothekarin für ein griffiges Filmchen der Reihe Whipped Ass inszenierten, die Dominatrice Madison Young einen säumigen Nutzer namens Kade (sic!) demütigen ließ und auf deren Seite Darstellerinnen mit

„Maggie has the cute next girl look, with booming tits and ass. To see her on the street you would think her a Doctor or Librarian, no one would expect that a lifestyle submissive hides under those glasses.”

vorgestellt werden, erweist sich das weite Feld der Bildpornographie hinsichtlich Referenzen auf Bibliothek und Bibliothekskultur als weitgehend unbefriedigend.

Seiten wie Naughty Bookworms bleiben im Schulbildungsbereich stecken, die am Schauplatz College orientierten Dare-Dorm-Angebote in den Internatszimmern. Entsprechende Filmproduktionen wie Naughty Blonde MILF Librarians (2009) oder Fuck the Librarians (2012) benutzen mehr noch als der Klassiker Midnight Librarians (2001) Bücher, Regal und Brille ausschließlich und dem Genre gemäß lieblos als Staffage für den üblichen schematischen Aktionismus. Wobei beim letztgenannten Film immerhin die Beschreibung ganz neckisch daher kommt:

„Ever wonder what librarians do after hours when they remove their glasses, lose the orthopedic shoes and let their hair hang down? Do you think librarians have sex?“

Die erfrischendste Produktion in diesem Bereich ist bisher Joanna Angels Librarians (2011), die nicht nur neben der Altmeisterin Kimberly Kane mit Asphyxia Noir, Skin Diamond, Kleio und Draven eine Reihe der neuen, professionell-auf- und abgeklärt auftretenden Darstellerinnenzunft (nicht ohne Hipster-Nimbus) als Bibliothekarinnen zum Einsatz bringt, sondern auch einen knuffigen Plot besitzt:

„It was your average day at the Clitty City Public Library. Joanna Angel was running the place as usual, and Asphyxia, Draven and Kleio were stocking the shelves and rolling the carts. But everything changed when James Deen came in…and tried to take out a book! He had more than two-hundred overdue library books! A complete disgrace to the community. He still wanted that book, though…in fact, he wanted to rob the library clean! But the girls had pledged their souls to the Dewey Decimal System and refused to give in…if he wanted those books, he was gonna have to […]”

und so weiter und so fort.

Doch auch hier stößt Originalität wieder dort an ihre Grenzen, wo man sie üblicherweise entdeckt: bei der expliziten Darstellung der Sexualität, die keinerlei Knistern entfaltet, sondern sich in Standardeinstellungen erschöpft. Das Dilemma von Pornographie dieser Art liegt in der Absenz jeglicher Sinnlichkeit. Die rein visuelle Inszenierung des sportlichen Standardrepertoires bis zum Money Shot führt anscheinend unvermeidlich zu erheblichen Redundanzen und entgleitet damit in eine klinisch reine Langeweile. Bis auf wenige Ausnahmen ist diese Form der letztlich fast immer Fließbandpornographie in ihrer Uniformität vergleichbar mit der Systemgastronomie: Man bekommt immer nach den gleichen Abläufen exakt das serviert, was man bereits kennt.

Chrissie Bentley: Nympho Librarian

Chrissie Bentleys Nympho Librarian Stories ist mit knapp 60 Seiten Umfang tatsächlich kopfkissentauglich. Aber für geübte Leser höchstens etwas für eine Nacht.

Ein wenig besser stellt es sich im Bereich der geschriebenen Pornographie dar, bleibt hier doch visuell-fantasievolle Füllung des geschilderten mit eigenen Bildern möglich und wenn man möchte, kann man sich gern die Bibliothekarin oder den Bibliothekar (bzw. Nutzer und Nutzerin) aus der eigenen Bibliothek in entsprechende Rollen hineinimaginieren. (Man sollte es aber nicht unbedingt kommunizieren.)

Es gibt, wenigstens in den USA, eine regelrechte und blogaffine Liebhabergemeinde solcher früher als Schund und Schmutz (oft so pragmatisch fragwürdig wie semantisch berechtigt) bezeichneten Textergüsse, die berühmte und einschlägige Olympia-Press-Titel wie Heather Browns The Librarians Naughty Habit, Rod Walemans The Young Librarian oder Jessica Ludwigs Sex for Charity (Titel, die man übrigens vergeblich im Worldcat sucht) ganz offen im (LibraryThing-)Regal zeigt und mit typisch postmoderner Ironie zur ihrer Leidenschaft erklärt. Das dank diverser Presseberichte (u.a. bei der Paris Review vgl. Steinberg, 2012) mutmaßlich populärste Werk ist Les Tuckers The Nympho Librarian, von dem mangels Verfügbarkeit in Buchhandel und Bibliothek die meisten jedoch nur das berühmte Cover (vgl. Pierce, 2012) kennen.

Nun gibt es unter demselben Titel eine kleine Kollektion (wahrscheinlich Fan-fiktionale) Stories, die als Print-on-Demand mit einem grauenhaft verhunzten Titelbild allgemein verfügbar ist. Die von der Bloggerin Chrissie Bentley herausgegebene Zusammenstellung erhält als Ouvertüre ein buchstäblich nuttiges Vorwort von Jenny Swallows, was ein typischer nom de porn sein dürfte – wobei allerdings Donna Reeds Figur bei Frank Capra ja auch in aller Unschuld Mary Hatch hieß.

Traurigerweise ist diese Einleitung nichts anderes als eine äußerst mäßige Fantasie über eine Fellatio, wie sie aus einem Grundkurs für obszönes Schreiben stammen könnte und vermutlich auch stammt und darin eine Art dürftiges Gegenstück zu Marco Vassis Die Rache des Sizilianers (Vassi, 1989). Die Geschichte The Nympho Librarian erscheint im Vergleich weitaus intensiver und auch wenn die Integration einer Gasmaske in ein bibliothekarisches Liebesabenteuer nicht jedem Identifikationspunkte schafft, so ist das Machtspiel im Vorstellungsgespräch in satter Konsequenz ausgeführt.

Für das Genre sind auch die anderen Texte akzeptabel. Die Freude ist jedoch fast immer dadurch getrübt, dass es sich nur Kürzestgeschichten handelt, die weder wirklich Handlung noch Spannung wirklich entfalten. Vielleicht könnte man eine entsprechende Story wie Silence in the Library auch auf dreieinhalb Seiten mitreißend und aufwühlend ausgestalten. Aber dazu wären literarische Fertigkeiten nötig, die in diesem Feld der Schriftstellerei äußerst rar gesät sind. George Batailles‘ Das Auge der Katze gelingt das. (Bataille, 1972) Die Jenny Swallows-Fraktion bleibt dagegen hilflos. Denn wenn Kopulationsgeschichten konventionell auserzählt werden, wird in dieser Kürze schlicht kein allzu hohes Plateau erreicht.

Dagegen muss man den (nicht genannten) AutorInnen der Geschichten immerhin das Bemühen zugestehen, die Bibliothek als Ort bis hin zur korrekten DDC-Systemstelle präsent zu halten und ein paar Klischees durchaus spielerisch zu verarbeiten. Bei der Bibliographie zweifelt man aber fast schon wieder an der Fachkenntnis der Herausgeberin. Zudem ist keine der Geschichten selbst eindeutig bibliographiert. Da zeigt sich die Anthologie „Porno“ (N.N., 2004) des Fischer Taschenbuchverlages weitaus professioneller (krankt aber daran, dass sich Stephen Solomita in Übersetzung höchstens so überzeugend liest, wie die Synchronisation eines Pornofilms authentisch wirkt).

Wem der Sinn nach billiger und billig produzierter (Printed by Amazon Distribution GmbH, Leipzig – also mutmaßlich direkt im Logistikzentrum) Darstellung von Sexualität steht, die ohne Umschweife auf den Punkt kommt, der wird mit The Nympho Librarian and other Stories leidlich gut bedient. Mit Erotik oder erotischer Literatur hat die Anthologie dagegen rein gar nichts zu tun. Statt des Larkin’schen Löwen überm Pferdefleisch findet man in dem Bändchen eher einen an sich doch zahmen Stubentiger vor einem Näpfchen Trockenfutter.

(Berlin, 25.04.2013  / @bkaden)

Literatur

Anmerkungen: Von Verweisen auf pornografischen Internetquellen sehen wir ab.

Georges Bataille (1972) Das Auge der Katze. In: ders.: Das obszöne Werk. Reinbek: Rowohlt, S.7-10

Andrew Morton (1993) Larkin in Love. In: The Independent, 21.03.1993

N.N. (2004) Porno: Frankfurt/Main: Fischer-Taschenbuchverlag

J. Kingston Pierce (2012) Curious Catalogue of Carnality. In: Killer Covers. 26.07.2012, 
http://killercoversoftheweek.blogspot.de/2012/07/curious-catalogue-of-carnality.html

Avi Steinberg (2012) Checking Out. In: The Paris Review Daily. 26.12.2012,
http://www.theparisreview.org/blog/2012/12/26/checking-out/

Marco Vassi (1989) Die Rache des Sizilianers. In: ders.: Erotische Komödien. München: Goldmann, S. 60-68

Jan Wagner (2013) Die Bibliotheken. Eine Rede zum neuen Jahr. In: Akzente. Zeitschrift für Literatur. Heft 2 / April 2013, S.147-159

Utopie und Praxis. Anmerkungen zur Digital Public Library of America.

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell von Ben am 23. April 2013

von Ben Kaden

Am Anfang steht in gewisser Weise ein Remix, was gut passt, sind doch die USA per se so etwas wie eine grundständige Remixkultur. In zwei nahezu mythischen Bausteinen des Selbstverständnisses der USA verankerte Robert Darnton die Idee der Digital Public Library of America (DPLA, www.dp.la). Erstens in dem Streben nach einer an den Ideen der Aufklärung ausgerichteten Utopie, also einer zukünftigen und besseren Welt, die zugleich mit diversen religiösen Strängen, Zwängen und Ethiken durchsetzt wurden. Und zweitens in einer pragmatischen Einstellung, die die Tat höher schätzt als den Diskurs, was sich vielleicht auch in einer Gegenüberstellung des administrativen Apparats von Europeana und DPLA ablesen lässt und ziemlich präzis die Differenz zwischen der alten und der neuen Welt sichtbar macht.

In gewisser Weise führt Darnton das Beste aus beiden Welten in dem Motto „Think big, begin small” zusammen. Und dies vor allem schnell. Von der Idee zur Plattform mit zwei Millionen Objekten in zweieinhalb Jahren ist fraglos ein bemerkenswertes Tempo. Dokumentiert sind diese Zwischenschritte in einigen Aufsätzen vor allem in der New York Review of Books, die sich mittlerweile in gewisser Weise als ein Making-Of lesen lassen und in der aktuellen Ausgabe noch einen vorläufigen Endpunkt finden. (vgl. z.B. Darnton, 2010, 2011a, 2011b, 2013 bzw. auch Kaden, 2011)

Wobei die nackte Taktung noch nichts über die Qualtität aussagt. Die Deutsche Digitale Bibliothek brauchte auch kaum drei Jahre von der Erstankündigung bis zur Freigabe des BETA-Portals. Andererseits begann die DPLA fast als eine Art Liebhaberprojekt, also durch private Initiative. Vergleiche zwischen US-, europäischen und deutschen Projekten dürften allerdings insgesamt notwendig unfair sein, denn zu unterschiedlich sind die Erstellungskontexte von urheberrechtsräumlichen bis hin zu förderpolitischen Aspekten. Dessen ungeachtet muss man Darnton und seinen Mitstreitern Respekt zollen, wenn sie ein kerneuropäisches Bildungsideal in eine rasant umgesetzte und weitgehend funktionierende Lösung gießen. Wobei die DPLA wir wie sie heute antreffen tatsächlich erst der kleine Anfang sein soll. Und die Begrenzung auf die USA müsste sich genau genommen von selbst auslösen, sind Land und Kultur nicht nur historisch ohne die vielfältigen Verbindungslinien zu europäischen, afrikanischen und asiatischen Kulturen nicht vorstellbar.

Darnton ist weltgewandt genug, um dies zu sehen, denn wie kaum einer seiner Landsleute kennt sich der Historiker aus eigener Anschauung auch mit den Bedingungen der europäischen Wissenschaft und aus eigener Forschung mit den Prinzipien der Aufklärung und also dem Frankreich des 18. Jahrhunderts aus. Außerdem hat es sicher einen Grund, dass die Interoperabilität mit Europeana von Beginn an ein Ziel der Entwicklung ist. So existiert auch bereits eine App mit der sich DPLA und Europeana zugleich durchsuchen lassen (
http://www.digibis.com/dpla-europeana
). Das Signal der Koexistenz statt Konkurrenz dürfte damit schon gesetzt sein.Es ist mehr als bemerkenswert, wie Darnton es (nicht zuletzt mit unermüdlicher Lobby-Arbeit) nach seiner Emeritierung unternimmt, die von ihm beforschte Idee der Aufklärung in eine konkrete Anwendung zu gießen. Ein Enzyklopädist muss und kann er nicht mehr werden. In dieser Weise waren ihm Jimmy Wales und Larry Singer mit der Wikipedia ein Jahrzehnt voraus.

Die DPLA verkörpert (falls das Wort „verkörpert” auf immaterialle Kontexte anwendbar ist) jedoch etwas viel Offeneres und daher möglicherweise viel Größeres. Auch sie verwirklicht eine in Analogkulturen gewachsene Idee mit der Hilfe neuer Technologien in einem virtuellen Raum. Steht die Wikipedia für die offene, aber streng an Faktualitäten rückgebundene Dokumentation des Bekannten, so steht hinter der DPLA das Drängen hin zu einer ungehinderten Zirkulation der Ideen. Nicht die Datenbank, sondern der öffentliche diskursive Fluss ist die Zieladresse dieses Konzeptes, wobei Darnton sich beim Begriff der Öffentlichkeit eher unentschieden zwischen Michel Foucault und Jürgen Habermas hielt und sich am Ende eher zu Gabriel Tarde hingezogen fühlte. (vgl. Darnton (2002), S.11f.)

Medientheoretisch zeigt sich Darnton erwartungsgemäß auf der Höhe der Zeit, denn dem von ihm gesteckten Ziel der Diffusion von Ideen kam die Drucktechnologie zwar sehr entgegen, zugleich besaß sie jedoch ihre Schwachstellen bezüglich der Reichweite, die erst mit den elektronischen Massenmedien gemindert und – so die Hoffnung – mit dem Internet weitgehend ausgeglichen werden können:

„We have the technological and economic ressources to make all the collections of all our libraries accessible to all our fellow citizens – and to everyone everywhere with access to the World Wide Web. That is the misson of the DPLA.” (S. 4)

Dass die winzige Bedingung „access to the World Wide Web” der zentralen Hürde der Streuung von Printprodukten („low rate of literacy”, „high degree of poverty”) nicht unbedingt entbehrt, weiß Robert Darnton vermutlich auch, reflektiert dies aber im vorliegenden Text nicht weiter. Ein blinder Fleck? Ein trüber vielleicht. Der Digital Divide mag in den USA bei einer Internetversorgung von nahe 80 % der Bevölkerung (Warf, 2013) überschaubar sein, aber ist dennoch nach wie vor gegeben. (ebd.)

Und auch die Idee, dass die derzeitigen Ideen- und Wissenskulturen nicht zwangsläufig in Bibliotheksbeständen repräsentiert werden – die Born-Digital-Materialien spielen in diesen bisher bestenfalls eine Nebenrolle. Den einigermaßen profanen Grund dafür benannte Robert Darnton in einer Replik auf eine entsprechende Anmerkung durch Joseph Raben: „I emphasized written texts, because we face a problem of feasibility.” (vgl. Raben, Darnton 2010)

Er schließt jedoch an derselben Stelle diese Materialien als unbedingt relevant in die Planungen für die DPLA ein. Wenn man schließlich in die aktuellen Materialien hineinbrowst, findet man entgegen der Vermutung überraschend (und bei zweiten Gedanken auch aus offensichtlichen Gründen) viel Archivgut und eine Menge sehr heterogenen Materials, das direkt von archive.org eingebunden wird.

Eine Ursache der forcierten Bibliotheksbestandlastigkeit dürfte neben der grundsätzlichen Anbindung an das Bibliothekswesen der USA aber auch darin zu suchen sein, dass die DPLA eine Art direkte Reaktion auf das Google Books Project war. Der Traum einer kompletten Bestandsdigitalisierung existierte schon bevor es Google gab, aber erst die Alpha-Suchmaschine koppelte die entsprechenden Ressourcen mit dieser Vision und dies mit einer Überbetonung der uramerikanischen Handlungsprämisse. „Am Anfang war die Tat”, die das Projekt schließlich mit einigem Bohei an die gläserne Wand des Copyright Law donnern ließ. Darnton betont, dass es sich bei der DPLA nicht um eine Ersatzveranstaltung zum Google Books Project handelt, dass sie freilich durchaus durch dieses inspiriert wurde. (vgl. dazu auch Darnton, 2011a) Und dass Google als Partner nach wie vor gern gesehen wird.

Rein strukturell ist die DPLA eine verteilte Rechnerarchitektur mit einem zentralen Portal und tatsächlich erinnert einiges in der Beschreibung an die Europeana. Die Plattform greift zunächst auf vorhandene Digitalisate Anderer zurück, wobei dieser Bestand buchstäblich beständig erweitert werden soll, bis man von einer National Digital Library sprechen kann. Nicht nur deshalb ist es sicher auch für die DDB hochinteressant zu sehen, wie sich dieser Anspruch realisiert, wie die Koordination der zahlreichen „Content” und “Service Hubs” in der föderalen Struktur der USA funktioniert (“forty states have digital libraries”) und welche Stolperdrähte sich erkennen lassen.

Die Leitplanken der Entwicklung der DPLA sind derzeit pekuniärer und urheberrechtlicher Natur: Die Sammlung “will grow organically as far as the budget and copyright laws permit.”  Dass sich die Unternehmung als nachhaltig erweist, hängt besonders am Parameter „Geld”. Ein Großteil der Akutarbeit im DPLA-Umfeld wird daher unvermeidlich auf die Akquise von Mitteln zielen. Die üppige Präsenz von Stiftungen in den USA als Adressaten ist der Hauptansatzpunkt, der bereits allein deshalb aussichtsreich ist, weil bereits die Entwicklung der DPLA bis heute bereits zu großen Teilen über diese Kanäle finanziert wurde. Darnton hofft zudem auf die prinzipiell naheliegende Einbindung der Library of Congress in das Projekt, was ein maßgebliches Signal an mögliche Geldgeber sein dürfte.

Am Problemfeld Copyright wird dies vermutlich wenig ändern. Darnton führt aus, wie die derzeitigen rechtlichen Regelungen die Verfügbarmachung von Beständen auf Publikationszeiträume beschränken, welche vor der Prämisse eines Flusses von Ideen vorrangig für eine neohistorisierende Rückbesinnung geeignet sein könnten (die Grenze liegt in der Regel im Jahr 1923), den intellektuellen Esprit selbst der Blüte der goldenen Zwanziger allerdings heute noch nicht digital sichtbar werden lassen. (zum Aspekt des Urheberrechts sh. u.a. auch Dotzauer, 2013) Und auch sonst gilt, was Jeff John Roberts zum Start des Portals notierte:

„While the DPLA is a beautiful and important endeavor, it also feels woefully incomplete.” (Roberts, 2013)

Was nicht kritisch sondern rein feststellend gemeint sein dürfte. Zweifellos kann die DPLA zum jetzigen Zeitpunkt nur die Demonstration dessen sein, was sie einmal darstellen könnte, wenn die Rahmenbedingungen es zulassen.

Setzt man mit den Zielen etwas greifbarer an, dann finden sich bereits jetzt Einsatzfelder, die mutmaßlich vor allem im kuratorischen Bereich liegen werden. Das durch Neugier getriebene Stöbern und Entdecken aus Freude ist sicher eine Weile ersprießlich, bleibt aber dauerhaft nur reizvoll, wenn es sich relevant an eine entsprechende Arbeit mit dem Material anbinden lässt. Vermutlich wird dieser Aspekt bei der DPLA nur eine nachgeordnete Rolle spielen können.

Aus wissenschaftlicher Sicht, also vor der Prämisse einer erschöpfenden Materialsichtung, ist die Nutzung der DPLA-Bestände aufgrund der objektiv existierenden Lücken nur sehr eingeschränkt sinnvoll und die Fahrt zur Bibliothek oder ins Archiv wird auch zukünftig unerlässlicher Teil der Forschung bleiben.

Eine aufbereitete Vermittlung, Komposition und Kontextualisierung auf Grundlage der vorhandenen Bestände scheint dagegen etwas zu sein, was sich nahezu aufdrängt. Dass sowohl bei der DPLA wie auch der Europeana die Kulturvermittlung noch wichtiger als die Informationsbereitstellung ist, zeigt sich in gewisser Weise bereits in der Grundanlage.

Darnton betont weiterhin die Rolle der Einbindung der Bestände in die Lehre an den Colleges und auch wenn die Zahl der Studierenden, die sich länger mit digitalisierten Manuskripten von Emily Dickinson befassen, auf bestimmte Fachbereiche limitiert und daher übersichtlich bleibt, so deutet sich an diesem von ihm eingeführten Beispiel an, was die Sammlung zu leisten vermag:

„Teachers will be able to make selections form it and adjust them to the needs of their classes.” (S. 6)

Die DPLA kann so zur virtuellen Lernumgebung für die Geisteswissenschaften avancieren, braucht aber idealerweise entsprechende Werkzeuge zur digitalen Kuratierung. Dem Zeitgeist entsprechend bietet man dafür externen Entwicklern die Möglichkeit, APIs zu nutzen bzw. eigene Apps zu programmieren und in der App Library (der Terminus Library wird hier interessanterweise so verwendet, wie man es aus der Software-Entwicklung kennt und verzeichnet keine Bestände, sondern sozusagen Digital Library Applications) der Plattform zur Verfügung zu stellen. (vgl. zu den möglichen Erweiterungen u. a. Geuss, 2013)

Das Digital Humanities Zentrum der Havard University (metaLAB) bietet mit Library Observatory (
http://www.libraryobservatory.org/
 bzw. 
http://www.jessyurko.com/libob/
) bereits ein Visualisierungswerkzeug für die DPLA an. Klar ist, dass man sich damit aktuell noch in der „begin small”-Phase befindet und das Angebot weit davon entfernt ist, wirklich als massentaugliches Produkt Teil der alltäglichen Informations- und/oder Kulturarbeit zu werden.

Darntons umfängliche Vorstellungen von der DPLA sollte man daher keinesfalls als Produktbeschreibungen, sondern differenziert als Perspektivlinie verstehen. Diese jedoch enthält deutlich eine ganze Reihe von Aspekten, die generell für die digitale Bibliotheksdienstleistungen bedeutsam sind. Digital Curation und das Hineinholen von Raum- und Objektkulturen in diese Umgebungen (wie es beispielsweise auch Projekte wie epidat angehen: 
http://steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat
) dürften zentrale Bauteile dieser mehr digitalen Kulturräume als digitale Bibliotheken sein.

Textmedien sind in diesem Kontext nur eine von diversen Bezugsgrößen für Bibliotheken. Zukünftig dürften alle Artefakte, die digitalisierbar sind und zu denen Metadaten erfasst und relationiert werden können, legitime Bestände digitaler Bibliotheken sein. Die damit verbundenen Herausforderungen sind zweifelsohne immens. Und sowohl die Europeana, die DDB und die DPLA in ihrer aktuellen Ausprägung zeigen, dass wir von diesem Eisberg der digitalen Erschließung von Kultur bestenfalls die Spitze sehen. Und auch die vermutlich erst aus erheblicher Entfernung.

(Berlin, 22.04.2013  / @bkaden)

Literatur:

Robert Darnton (2002) Poesie und Polizei. Öffentliche Meinung und Kommunikationsnetzwerke im Paris des 18. Jahrhunderts. Frankfurt/Main: Suhrkamp

Robert Darnton (2010) The Library: Three Jeremiads. In: New York Review of Books. Volume 57, Nummer 20. 
http://www.nybooks.com/articles/archives/2010/dec/23/library-three-jeremiads/?pagination=false

Robert Darnton (2011a) Google’s Loss: The Public’s Gain. In: New York Review of Books. Volume 58, Nummer 7. 
http://www.nybooks.com/articles/archives/2011/apr/28/googles-loss-publics-gain/?pagination=false

Robert Darnton (2011b) Jefferson’s Taper: A National Digital Library. In: New York Review of Books. Volume 58, Nummer 18. 
http://www.nybooks.com/articles/archives/2011/nov/24/jeffersons-taper-national-digital-library/?pagination=false

Robert Darnton (2013) The National Digital Public Library is Launched! In: New York Review of Books. Volume 60, Nummer 7, S.4-6. 
http://www.nybooks.com/articles/archives/2013/apr/25/national-digital-public-library-launched/

Georg Dotzauer (2013) Virtuelle Bibliotheken: Aller Welts Wissen. In: Tagesspiegel / tagesspiegel.de, 13.04.2013 
http://www.tagesspiegel.de/kultur/digital-public-library-of-america-eroeffnet-virtuelle-bibliotheken-aller-welts-wissen/8059852.html

Megan Geuss (2013) The Digital Public Library of America: adding gravitas to your Internet search. In: ars technica. 21.04.2013, 
http://arstechnica.com/business/2013/04/the-digital-public-library-of-america-adding-gravitas-to-your-internet-search/

Ben Kaden (2011) Die Materialsammlung. Über Robert Darntons Zwischenbericht zur DPLA in der NY Review of Books. In: LIBREAS.Weblog, 05.12.2011. 
http://libreas.wordpress.com/2011/12/05/051211/

Joseph Raben, Robert Darnton (2010): Digital Democratic Vista. In: New York Review of Books, 25.11.2010 / 
http://www.nybooks.com/articles/archives/2010/dec/23/digital-democratic-vistas/

Jeff John Roberts (2013) America’s Digital Library launches — without a peep from Google. In: PaidContent.org. 19.04.2013 
http://paidcontent.org/2013/04/19/americas-digital-library-launches-without-a-peep-from-google/

Barney Warf (2013) Contemporary Digital Divides in the United States. In:

Tijdschrift voor economische en sociale geografie. Volume 104, Ausgabe 1, S. 1–17, February 2013. DOI: 10.1111/j.1467-9663.2012.00720.x

LIBREAS: Neue Herausgeber und Verlag

Veröffentlicht in LIBREAS aktuell von libreas am 17. April 2013

Auch die Redaktion war nicht informiert:  LIBREAS wird bereits seit 2009 von R. Reuss und V. Rieble herausgegeben und erscheint im Verlag Vittorio Klostermann!

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Bereits im Web of Science indexiert: LIBREAS erscheint seit 2009 im Klostermann-Verlag.

“Sie lesen LIBREAS mit Leidenschaft und wir werden Ihnen auch in Zukunft ein hochqualitatives Journal bieten” heißt es in einer ersten Stellungnahme der verbliebenen Redaktionsmitglieder.

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